| Wallfahrt: | Die Verehrung der Maria Santissima della Visitazione verbindet den Duomo von Enna mit einem mehrwöchigen städtischen Wallfahrts- und Prozessionszyklus. Höhepunkt ist die Prozession am 2. Juli, bei der die reich mit Votivgold geschmückte Madonna auf der "Nave d'Oro" vom Duomo nach Montesalvo getragen wird. |
| Status: | Lebendiger, bedeutender städtischer Marienwallfahrtsort mit historischer Fernwallfahrt, regelmäßigen Fußwallfahrten, Barfußgelübden, ausgeprägtem Votivwesen und einer bis heute identitätsstiftenden Patronatsverehrung. |
| Kultzentrum: | Die hölzerne Madonna mit dem Jesuskind, die seit 1412 in Enna verehrt wird. Zum Fest wird sie mit der kostbaren Krone von 1653 und mit roten Stoffbahnen, den "fasciuna", bekleidet, auf denen zahlreiche Goldvotive befestigt sind. |
| Ort: | Enna. |
| Region: | Freies Gemeindekonsortium Enna, Sizilien. |
| Land: | Italien. |
| • | Chiesa Madre Maria Santissima della Visitazione, Piazza Duomo, 94100 Enna (EN), Italien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Piazza Armerina. Die Kirche ist Chiesa Madre, Collegiata und Pfarrkirche; sie wird traditionell als "Duomo" bezeichnet, obwohl Enna kein Bischofssitz ist. |
| • | Der große Festzyklus beginnt bereits im Juni. Die Hauptprozession findet am 2. Juli statt und führt vom Duomo zur Kirche von Montesalvo; nach einer mehrtägigen Aufenthaltszeit wird die Madonna in feierlicher Prozession zum Duomo zurückgebracht. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Verehrung der Maria Santissima della Visitazione gehört zu den stärksten religiösen Traditionen Ennas. Ihr Mittelpunkt ist die Chiesa Madre im historischen Zentrum, die gewöhnlich als Duomo bezeichnet wird. Der Begriff darf hier nicht im strengen kirchenrechtlichen Sinn einer Kathedrale verstanden werden, denn Enna ist kein Bischofssitz. Die große Kirche ist vielmehr die Hauptkirche der Stadt, Collegiata und Pfarrkirche im Bistum Piazza Armerina.
Der Wallfahrtscharakter erschöpft sich nicht im Besuch eines einzelnen Altars. Besonders während des Festzyklus wird ein großer Teil der Stadt zum religiösen Raum. Gläubige ziehen zum Duomo, begleiten die Madonna barfuß durch Enna, folgen der "Nave d'Oro" nach Montesalvo, besuchen die Patronin während ihres dortigen Aufenthaltes und begleiten sie schließlich wieder in ihre Hauptkirche zurück. Historische Nachrichten belegen darüber hinaus einen weit über die Stadt hinausreichenden Zustrom von Pilgern.
Die Kirche wurde 1307 von Königin Eleonora d'Aragona, der Gemahlin Friedrichs II. von Aragon beziehungsweise Friedrichs III. von Sizilien, gegründet. Nach der kirchlichen Denkmaldokumentation stand an dieser Stelle nach älterer Überlieferung bereits eine kleine christliche Kirche; diese wiederum soll auf den Resten eines antiken Proserpina-Heiligtums errichtet worden sein. Die Gründung des heutigen Baues ist historisch greifbar, während die behauptete direkte Vorgeschichte bis in die Antike quellenkritisch vorsichtiger zu behandeln ist.
Ein schwerer Brand zerstörte die Kirche 1446 weitgehend und verschonte vor allem den Bereich der Apsiden. Papst Eugen IV. gewährte 1447 ein besonderes Jubiläum zur Unterstützung des Wiederaufbaues. Die Arbeiten begannen 1451, und 1491 konnte die Kirche wieder für den Gottesdienst geöffnet werden. In den folgenden Jahrhunderten wurde sie vielfach erweitert und ausgestattet. Renaissanceformen, barocke Umbauten und ältere Bauteile verbinden sich daher zu einem vielschichtigen Kirchenraum.
Im Mittelpunkt der Verehrung steht eine hölzerne Madonna mit dem Jesuskind, die seit 1412 mit Enna verbunden ist. Ihre Ikonographie ist für den Titel "Maria Santissima della Visitazione" zunächst überraschend, denn die biblische Heimsuchung Mariens bei Elisabeth findet vor der Geburt Jesu statt. Die lokale Überlieferung erklärt diesen Widerspruch damit, dass Abgesandte aus Enna ursprünglich eine Madonna ohne Kind gesucht hätten, von der Schönheit der gefundenen Figur jedoch so beeindruckt gewesen seien, dass sie gerade dieses Bild erwarben und unter dem Titel der Visitazione verehrten.
Der Kulttitel wurde damit wichtiger als eine streng passende bildliche Darstellung des Evangelienereignisses. Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Statue nicht nur zum zentralen Gnaden- und Prozessionsbild, sondern zur personifizierten Patronin der Stadt. Ihre Festkleidung, Krone und Votivgaben gehören heute ebenso zum Kult wie die Holzfigur selbst.
Die traditionelle Erzählung berichtet, dass Vertreter Ennas am Dreikönigstag 1412 nach Venedig aufbrachen, um ein geeignetes Marienbild zu erwerben. Die Statue sei anschließend auf dem Seeweg nach Sizilien gebracht worden. Während der Reise habe ein Sturm das Schiff bedroht oder zum Untergang gebracht, während die Kiste mit dem Marienbild gerettet worden sei und bei Messina an Land gelangte.
Neuere lokalhistorische Forschungen konnten wesentliche Teile der Verbindung mit Messina offenbar stärker dokumentarisch fassen als lange angenommen. Demnach befand sich die Statue im Jahr 1412 tatsächlich in Messina und lässt sich mit dortigen Aufenthaltsorten verbinden. Die dramatische Schiffbruchserzählung und manche Einzelheit der Reise bleiben dennoch Teile einer über Jahrhunderte gewachsenen Kultüberlieferung und sollten nicht mit derselben Sicherheit behandelt werden wie archivalisch belegte Vorgänge.
Als traditioneller Ankunftstag der Madonna in Enna gilt der 29. Juni 1412. Mit diesem Ereignis verbindet sich eine für den späteren Festbrauch besonders wichtige Legende. Geistliche und Angehörige der städtischen Oberschicht hätten versucht, die schwere Statue vom Ankunftsort in die Stadt hinaufzutragen, seien dazu jedoch nicht imstande gewesen.
Daraufhin seien Bauern von den Feldern herbeigerufen worden, die sich gerade in der Zeit der Getreideernte befanden. Sie seien barfuß und nur mit leichter weißer Arbeitskleidung bekleidet gewesen. Ihnen sei es gelungen, die Madonna zu heben und bis zum Duomo zu tragen. Diese Erzählung erklärt im religiösen Gedächtnis der Stadt, weshalb gerade die barfüßigen "Ignudi" das besondere Recht besitzen, die Patronin auf ihrer "Nave d'Oro" zu tragen.
Ob sich die Szene von 1412 historisch in dieser Form ereignet hat, lässt sich nicht beweisen. Als Ursprungslegende eines erblichen Trägerrechtes ist sie jedoch von großer volkskundlicher Bedeutung. Sie begründet eine rituelle Ordnung, in der nicht gesellschaftlicher Rang, sondern körperliche Arbeit, Demut und eine besondere Beziehung zur Madonna als Legitimation erscheinen.
Die Träger der "Nave d'Oro" werden bis heute "Ignudi" oder "Nudi" genannt, wörtlich also "Nackte". Die heutige Kleidung wirkt auf den ersten Blick keineswegs nackt: Zur festlichen Tracht gehören ein weißes langes Gewand mit Spitzenbesatz, helle beziehungsweise himmelblaue Teile und das charakteristische marianische Abzeichen. Die Prozession wird barfuß zurückgelegt.
Die eigene Geschichte der Bruderschaft erklärt den alten Namen damit, dass die Träger früher tatsächlich nur sehr knapp bekleidet gewesen seien und lediglich einen Lendenschurz getragen hätten. Damit bewahrt die Bezeichnung "Ignudi" die Erinnerung an eine ältere Form körperbetonter Buß- und Prozessionsfrömmigkeit, obwohl sich das äußere Erscheinungsbild längst verändert hat.
Die heutige Confraternita di Maria Santissima della Visitazione wurde am 20. April 1874 durch den Pfarrer und Prior Carmelo Savoca gegründet. Sie gab der wesentlich älteren "Congregazione dei Nudi", welche die Träger der "Nave d'Oro" vereinigte, eine feste kirchenrechtliche Form. Papst Pius IX. verband die Bruderschaft 1875 mit der römischen Pia Unione del Sacro ed Immacolato Cuore di Maria Vergine Santissima bei San Lorenzo in Lucina.
Die Trägerplätze werden traditionell innerhalb von Familien vererbt oder ausdrücklich weitergegeben. Die Bruderschaft nennt 128 "Ignudi": 100 eigentliche Träger, 24 sogenannte "Anellieri" sowie einen Bannerträger, einen "Navettiere" und zwei Weihrauchträger. Jeder "Ignudo" besitzt ein silbernes Medaillon, auf dessen Rückseite die Nummer seines Platzes eingetragen ist.
Damit besitzt jeder Träger nicht bloß eine praktische Position unter dem Prozessionsgerät. Er übernimmt einen konkret bezeichneten, über Generationen weitergegebenen Platz in der religiösen Ordnung der Stadt. Die Prozession macht auf diese Weise familiäre Erinnerung und soziale Kontinuität sichtbar.
Der Festzyklus setzt deutlich vor dem 2. Juli ein. Bereits ab Anfang Juni ziehen Gläubige am frühen Morgen zum Duomo. Diese Wege werden ausdrücklich als "pellegrinaggio", als Wallfahrt, verstanden. Manche Teilnehmer legen sie barfuß zurück; Rosenkranz, Mariengebet und Messe bilden den religiösen Mittelpunkt.
Damit unterscheidet sich die Verehrung in Enna klar von einem bloßen städtischen Fest mit einer einzigen Prozession. Die Patronin wird bereits Wochen zuvor gezielt aufgesucht. Der wiederholte morgendliche Weg zur Hauptkirche besitzt den Charakter einer lokalen Fußwallfahrt, deren körperliche Anstrengung und frühe Tageszeit Teil der Andacht sind.
Der 29. Juni, der traditionelle Jahrestag der Ankunft des Marienbildes, bildet den nächsten wichtigen Abschnitt. Während des Jahres steht die Statue in ihrer reich mit farbigem Marmor ausgestatteten Kapelle und bleibt hinter einer Darstellung der Visitazione verborgen beziehungsweise geschützt. Zum Fest wird dieser Zustand aufgehoben.
Die Madonna wird hervorgeholt und den wartenden "Ignudi" gezeigt, die ihre Patronin mit großer Begeisterung begrüßen. Anschließend wird die Figur zum Hochaltar gebracht. Das Enthüllen des Kultbildes ist dadurch selbst ein Ritual: Die Madonna verlässt ihren gewöhnlich abgeschlossenen Raum und tritt für die Festzeit in die Öffentlichkeit der Stadt.
Das Fest der Heimsuchung Mariens wurde im älteren römischen Kalender am 2. Juli gefeiert. Nach der Liturgiereform des 20. Jahrhunderts wurde der allgemeine Gedenktag auf den 31. Mai verlegt. Enna hält dennoch an seinem seit Jahrhunderten mit dem Patronatskult verbundenen Termin am 2. Juli fest.
Das Datum ist daher längst mehr als ein liturgischer Kalendertag. Es gehört zur historischen Identität der Stadt, zur Erinnerung an die Patronin und zu einem ganzen System von Ritualen, Prozessionswegen und sozialen Verpflichtungen, die sich nicht ohne Weiteres auf einen anderen Termin übertragen ließen.
Am Morgen des 2. Juli wird Enna traditionell durch 101 Kanonenschüsse beziehungsweise Böllerschüsse geweckt. Der Festtag beginnt damit nicht nur durch Glocken und Gebet, sondern durch ein weithin hörbares Zeichen, das die gesamte Stadt in den Ausnahmezustand der Patronatsfeier versetzt.
Auch während der Prozession spielen Schüsse eine wichtige Rolle. Die sogenannten "sarbiate" werden in verschiedenen Straßen und Plätzen abgefeuert, wenn die Madonna vorbeizieht. Der Aufenthaltsort der Patronin wird dadurch akustisch markiert. Wer sie noch nicht sehen kann, hört bereits, wo sich die Prozession befindet. Die Stadt wird auf diese Weise nicht nur durch den Weg des Kultbildes, sondern auch durch Klang und Erschütterung sakralisiert.
Nach den Vormittagsgottesdiensten wird die Kirche für die Vorbereitung der Prozession geschlossen. Nun beginnt eine der eindrucksvollsten Handlungen des Festes. Über die Madonna werden rote Stoffbahnen gelegt, die sogenannten "fasciuna". Auf ihnen sind zahlreiche Schmuckstücke und Goldgaben befestigt, die Gläubige im Lauf der Zeit als Dank für erhaltene Hilfe oder in Erfüllung eines Gelübdes gestiftet haben.
Ringe, Ketten, Broschen, Anhänger und andere Goldobjekte verwandeln das Marienbild. Die ursprüngliche Holzskulptur tritt weitgehend hinter den Votivgaben zurück. Maria erscheint gewissermaßen mit den sichtbaren Erinnerungen unzähliger persönlicher Geschichten bekleidet.
Volkskundlich ist dies besonders bemerkenswert. Ein Votivbild oder eine Votivtafel hängt gewöhnlich neben dem Kultbild. In Enna werden die Ex-votos dagegen unmittelbar zum Gewand der Patronin. Die Geschichte der verehrten Madonna und die Geschichten ihrer Gläubigen verschmelzen für die Dauer des Festes zu einem einzigen beweglichen Kultobjekt.
Zu den bedeutendsten Ausstattungsstücken gehört die kostbare Goldkrone, die der Madonna während der Prozession aufgesetzt wird. Das Werk ist auf 1653 datiert und mit den Goldschmieden Giuseppe und Leonardo Montalbano sowie Michele Cartillone verbunden. Eine beim Restaurieren sichtbar gewordene Inschrift nennt Leonardo Montalbano.
Die Krone besteht aus Gold, opaken und transluziden Emails, Diamanten, Rubinen und vergoldetem Kupfer. Auf emaillierten Medaillons erscheinen Szenen aus dem Leben Mariens und Jesu, darunter Verkündigung, Visitazione, Geburt Christi und Anbetung der Könige. Sie ist damit zugleich kostbares barockes Goldschmiedewerk und theologischer Bildträger.
Bemerkenswert ist vor allem, dass dieses Kunstwerk nicht museal stillgelegt wurde. Trotz seines Alters und seiner konservatorischen Empfindlichkeit wird es weiterhin entsprechend seiner ursprünglichen kultischen Bestimmung verwendet und der Madonna zur großen Prozession tatsächlich aufgesetzt.
Die Madonna wird auf einem großen vergoldeten Prozessionsgerät getragen, der sogenannten "Nave d'Oro". Die Vara entstand gegen Ende des 16. Jahrhunderts und wird mit dem Bildschnitzer Scipione di Guido verbunden. Ihr Aufbau mit Engeln und baldachinartiger Architektur bildet einen beweglichen Thron für die Patronin.
Der Name "Nave d'Oro", das Goldene Schiff, bezeichnet zunächst die prächtige vergoldete Erscheinung. Gleichzeitig lässt sich das Bild des Schiffes oder der Arche im marianischen Sinn verstehen: Maria trägt Christus und bringt ihn in der biblischen Visitazione zu Elisabeth. In Enna vollzieht sich diese Bewegung jedes Jahr in monumentaler Form neu.
Am Nachmittag des 2. Juli verlässt die "Nave d'Oro" den Duomo. Vor der Patronin ziehen unter anderem die Statuen von San Giuseppe und San Michele Arcangelo. Auch diese Figuren werden von barfüßigen Trägern durch die Stadt getragen.
Die Prozession führt durch das historische Enna bis zur Kirche von Montesalvo. Dort kommen der Madonna die Figuren der heiligen Elisabeth und des Zacharias entgegen. Damit wird das Evangelium von der Heimsuchung nicht nur in einer Kirche dargestellt. Die Stadt selbst wird zur Bühne der biblischen Begegnung.
Maria reist tatsächlich zu Elisabeth. Die Strecke zwischen Duomo und Montesalvo erhält dadurch einen erzählerischen Sinn. Der Prozessionsweg ist kein beliebig gewählter Rundgang, sondern eine jährlich wiederholte räumliche Inszenierung der Visitazione.
Der Weg nach Montesalvo enthält enge und schwierige Abschnitte. Besonders in der kurvigen Via Mercato muss die große "Nave d'Oro" zwischen den Häusern hindurchgeführt und teilweise stark abgesenkt werden. Die Träger müssen ihre Bewegungen genau aufeinander abstimmen, während die schwere Konstruktion dicht über ihnen schwankt.
Auch der letzte Abschnitt hinauf nach Montesalvo besitzt besonderen Charakter. Er wird traditionell mit hohem Tempo beziehungsweise laufend bewältigt. Die körperliche Leistung der "Ignudi" ist damit selbst Teil des religiösen Schauspiels. Die Prozession wird nicht nur betrachtet; ihre Schwierigkeit und das Gelingen des Weges werden gemeinsam erfahren.
Das Barfußgehen ist nicht allein auf die offiziellen Träger beschränkt. Auch Frauen und andere Gläubige legen den Prozessionsweg barfuß zurück, entweder als Bußübung, als persönliche Bitte oder in Erfüllung eines Gelübdes nach erhaltener Hilfe.
Die körperliche Entbehrung macht die Teilnahme zur Votivhandlung. Der Weg wird nicht bequem zurückgelegt, sondern bewusst mit einer körperlich spürbaren Form der Hingabe verbunden. Gerade dieses Element bestätigt den klassischen Wallfahrtscharakter der Feier.
Wenn die Madonna durch die Straßen zieht, wird sie nicht nur von den Menschen auf der Straße begrüßt. Auch Fenster und Balkone werden Teil des Festes. Überlieferte Beschreibungen nennen Rosenblätter sowie kleine farbige Zettel mit Marienrufen, die auf die Prozession herabgeworfen werden.
Dadurch wird die Grenze zwischen privatem Haus und öffentlicher Straße für einige Stunden aufgehoben. Die Bewohner beteiligen sich von ihren Wohnungen aus am Kult. Der Prozessionsweg besteht nicht nur aus Pflaster und Plätzen, sondern aus einer ganzen bewohnten Stadtlandschaft, die sich zur Patronin hin öffnet.
Nach der Begegnung mit Elisabeth zieht die Madonna in die Kirche von Montesalvo ein. Dort bleibt sie für ungefähr zwei Wochen. Mit diesem Aufenthalt ändert sich die Bewegungsrichtung des Kultes: Am 2. Juli wird die Madonna von den Menschen durch die Stadt getragen, anschließend ziehen die Menschen zur Madonna nach Montesalvo.
Die Kirche wird während dieser Tage intensiv besucht. Gottesdienste und Andachten begleiten den Aufenthalt. Montesalvo wird dadurch vorübergehend zu einem zweiten Zentrum des Patronatskultes und zum Ziel einer innerstädtischen Wallfahrt.
Während des Aufenthaltes in Montesalvo finden die sogenannten "Lumine" statt. Dabei kommen unterschiedliche Berufs- und Bevölkerungsgruppen zu eigenen Gottesdiensten und Andachten zur Madonna. Historisch erscheinen unter anderem Bergarbeiter, Hirten, Händler, Landwirte, Handwerker und andere Berufsstände; in neuerer Zeit werden die Gruppen entsprechend der veränderten Sozialstruktur Ennas angepasst.
Diese Tradition ist sozialgeschichtlich außerordentlich aufschlussreich. Die Stadt tritt nicht nur als ungeteilte Menge vor ihre Patronin. Einzelne Teile der Gesellschaft präsentieren sich nacheinander. Veränderungen der wirtschaftlichen Struktur lassen sich daher sogar am Festprogramm ablesen: Berufsgruppen gewinnen oder verlieren an Bedeutung, werden zusammengelegt oder durch neue Gruppen ergänzt.
Die "Lumine" sind damit eine Art rituelle Bestandsaufnahme der Stadtgesellschaft. Wer in Enna arbeitet und lebt, soll auch innerhalb des Patronatskultes einen sichtbaren Platz erhalten.
Nach dem Aufenthalt in Montesalvo wird die Patronin in einer weiteren großen Prozession zum Duomo zurückgebracht. Dieser Rückzug wird als "Madonna a Muntata" bezeichnet. Wieder tragen die "Ignudi" die "Nave d'Oro" barfuß durch die Stadt.
Mit der Rückkehr ist der Kultzyklus noch nicht völlig abgeschlossen. Die Madonna bleibt zunächst weiterhin öffentlich sichtbar, bevor sie schließlich wieder in ihre Kapelle zurückkehrt und der gewöhnliche Zustand des Jahres hergestellt wird.
Der gesamte Festzyklus besitzt damit eine klare Dramaturgie: Enthüllung, feierlicher Auszug, Begegnung mit Elisabeth, Aufenthalt in Montesalvo, Wallfahrten der Stadtgesellschaft, Rückkehr und erneutes Verbergen. Die Patronin erscheint, bewegt sich durch ihre Stadt und zieht sich danach wieder in ihren geschützten Kultort zurück.
Wie bei zahlreichen Wallfahrten gehört auch in Enna gemeinsames Essen zur religiösen Festkultur. Nach der Prozession erhalten die "Ignudi" traditionell einen "mastazzolo", einen festen Honigkuchen beziehungsweise Honigkeks, und ein Glas Wein.
Eine ältere Überlieferung verbindet diese Bewirtung sogar humorvoll mit einer Veränderung der Prozessionskleidung. Demnach soll ein Prior den früher nur sehr leicht bekleideten "Nudi" eine erhebliche Menge Wein und große "mastazzola" zugesichert haben, wenn sie die Madonna künftig in einer angemesseneren Bekleidung tragen würden. Ob sich jedes Detail dieser Anekdote historisch überprüfen lässt, ist weniger wichtig als ihre volkskundliche Aussage: Selbst die Veränderung einer religiösen Kleiderordnung wird in der Erinnerung der Stadt mit Essen, Wein und Verhandlung verbunden.
Ältere Beschreibungen zeigen, dass der 2. Juli nicht nur ein Fest der Einwohner Ennas war. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wird von Menschen berichtet, die aus verschiedenen Teilen Siziliens zu Fuß oder zu Pferd zum Fest kamen. Gleichzeitig entwickelte sich ein großer Markt.
Damit besaß die Patronatsfeier eine klassische Funktion großer Wallfahrten: Sie verband religiöse Verehrung mit Handel, Begegnung und sozialem Austausch. Der Festmarkt war keine zufällige profane Beigabe, sondern eine Folge der zeitweiligen Zusammenkunft zahlreicher Menschen an einem religiösen Zentrum.
Enna war in der Antike eines der bedeutendsten Zentren des Demeter- beziehungsweise Ceres-Kultes auf Sizilien. Die Nähe zwischen der marianischen Patronatsfeier, der sommerlichen Getreideernte und der Legende von den barfüßigen Feldarbeitern hat daher wiederholt zu der Deutung geführt, in der Marienverehrung könnten ältere Fruchtbarkeits- und Getreidetraditionen weitergewirkt haben.
Solche Vergleiche sind kulturgeschichtlich reizvoll, müssen jedoch quellenkritisch vorsichtig behandelt werden. Eine direkte und ungebrochene Linie vom antiken Cereskult zu den heutigen "Ignudi" oder zur Prozession der Madonna della Visitazione lässt sich nicht nachweisen. Zwischen beiden Kultwelten liegen viele Jahrhunderte religiöser und gesellschaftlicher Veränderungen.
Festhalten lässt sich daher vor allem eine auffällige räumliche und symbolische Schichtung: In einer Stadt, die bereits in der Antike für eine mächtige weibliche Gottheit und für Getreidefruchtbarkeit berühmt war, entwickelte sich im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ein außerordentlich starker Marienkult. Ob dabei konkrete ältere Riten übernommen wurden, bleibt offen.
Das Votivwesen von Enna besitzt mehrere Ebenen. Am sichtbarsten sind die Schmuckgaben auf den "fasciuna", die während der Prozession unmittelbar den Körper der Madonna bedecken. Daneben steht das Barfußgehen als körperliches Gelübde. Der Dank für eine erhaltene Hilfe kann also sowohl in einem dauerhaften materiellen Geschenk als auch in einer persönlichen körperlichen Leistung ausgedrückt werden.
Beide Formen machen individuelle Frömmigkeit im öffentlichen Fest sichtbar. Die Goldvotive werden Teil des Kultbildes; das Barfußgehen wird Teil der Prozession. Private Erfahrungen von Krankheit, Sorge, Hilfe und Dank werden dadurch in die gemeinsame religiöse Erinnerung der Stadt aufgenommen.
Enna zeigt besonders deutlich, dass ein Wallfahrtsort nicht abgelegen sein muss. Hier gibt es keinen einsamen Bergweg zu einem kleinen Gnadenbild außerhalb der Siedlung. Der Wallfahrtsraum liegt mitten in der Stadt und verändert sich während des Festzyklus ständig.
Zunächst ist der Duomo das Ziel. Danach bewegt sich die Patronin selbst durch Enna. Montesalvo wird zum vorübergehenden Wallfahrtszentrum, Berufsgruppen kommen nacheinander zu ihrer Madonna, und schließlich führt der Weg wieder zum Ausgangspunkt zurück. Stadt und Wallfahrt lassen sich für einige Wochen kaum voneinander trennen.
Gerade deshalb ist Maria Santissima della Visitazione weit mehr als eine liturgische Patronin. Die ererbten Plätze der "Ignudi", die Prozessionsstrecke, die akustischen "sarbiate", die Goldgaben, die Speisetraditionen und die "Lumine" verbinden Generationen von Einwohnern mit denselben Orten und Handlungen. Der Kult schafft eine religiöse Biographie der Stadt.
Die Wallfahrt von Enna gehört zu den volkskundlich reichsten Marienkulten Siziliens. Besonders bemerkenswert ist das Zusammenspiel von Kultbild, Votivgaben, ererbten Trägerrechten, Barfußgehen und einer Prozession, welche die biblische Visitazione durch die Topographie der Stadt nachstellt.
Die "Ignudi" bewahren die Erinnerung an ältere Formen körperlicher Buße; die "fasciuna" machen jahrhundertelange Dankbarkeit materiell sichtbar; die "Nave d'Oro" verwandelt das Gnadenbild in ein monumentales bewegliches Heiligtum. Die Begegnung mit Elisabeth vor Montesalvo gibt dem Prozessionsweg eine erzählerische Bedeutung, während die "Lumine" die gesellschaftliche Gliederung der Stadt in die Frömmigkeit einbeziehen.
Enna besitzt damit einen Wallfahrtskomplex, dessen Heiligtum nicht auf eine Kirche begrenzt werden kann. Während der Festzeit wird die Stadt selbst zum sakralen Raum. Die Wege der Madonna und ihrer Gläubigen verbinden Duomo, Straßen, Häuser, Montesalvo, Berufsgruppen, Familien und persönliche Gelübde zu einer bis heute lebendigen Kultlandschaft.
- Chiese delle Diocesi Italiane, Ufficio Nazionale per i Beni Culturali Ecclesiastici e l'Edilizia di Culto: Chiesa di Maria Santissima della Visitazione <Enna>. Kirchliche Denkmaldokumentation zur Baugeschichte des Duomo, insbesondere Gründung 1307, Brand 1446 und Wiederaufbau bis 1491.
- Comune di Enna: Il Duomo. Dokumentation zur Geschichte und Ausstattung der Chiesa Madre Maria Santissima della Visitazione sowie zum Patronatsfest.
- Comune di Enna, Enna Città Aperta: Madonna della Visitazione. Dokumentation zu den 101 Festschüssen, zur "Nave d'Oro", zu den "Ignudi" und zum Prozessionsablauf.
- Confraternita di Maria SS. della Visitazione, Enna: Storia della Confraternita. Zur Gründung der Bruderschaft 1874, zur älteren "Congregazione dei Nudi", zur heutigen Gliederung der "Ignudi", zur Weitergabe der Trägerplätze und zur Festkleidung.
- Opificio delle Pietre Dure, Firenze: Corona della statua della Madonna della Visitazione, 1653, Chiesa di Maria Santissima della Visitazione, Enna. Restaurierungs- und kunsthistorische Dokumentation; Autoren Giuseppe und Leonardo Montalbano sowie Michele Cartillone.
- Di Natale, Maria Concetta: Beiträge zur sizilianischen Goldschmiedekunst und zur Krone der Madonna della Visitazione. In Verbindung mit der Dokumentation des Opificio delle Pietre Dure und dem Archivmaterial des Archivio di Stato di Enna sowie des Archivio Storico del Duomo di Enna.
- Ori, argenti e gemme. Restauri dell'Opificio delle Pietre Dure. Ausstellungskatalog, Firenze 2007, insbesondere die kunsthistorische Dokumentation zur Krone der Madonna della Visitazione, S. 50-51.
- Grimaldi Petroso, Vincenzo: ältere historische Nachrichten zur Patronatsfeier von Castrogiovanni beziehungsweise Enna und zum überregionalen Besuch des Festes im 18. Jahrhundert.
- Giovanni dei Cappuccini: Storia di Castrogiovanni. Lokale Überlieferungen zum Kult der Madonna della Visitazione, zu den "Nudi" und zu älteren Festbräuchen.
- Regione Siciliana, Dokumentation des immateriellen Kulturerbes: Materialien zur Processione della Madonna della Visitazione. Zu Wallfahrt, Barfußgelübden, "fasciuna", Prozessionsweg, Montesalvo und Festbräuchen.
- Comune di Enna: Ordnungs- und Veranstaltungsdokumentationen zur Patronatsfeier. Sie belegen die fortdauernde Prozession am 2. Juli, die Rückkehr der "Nave d'Oro" zum Duomo sowie die traditionellen "sarbiate".
- Neuere lokalhistorische Forschungen von Mario Russo, Marco Grassi und Alessandro Fumia zur Herkunft und Reise der Marienstatue von 1412 und zu ihrem dokumentierten Aufenthalt in Messina.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher