Custonaci - Santuario Maria Santissima di Custonaci

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Wallfahrt:Custonaci ist ein historisch bedeutender Marienwallfahrtsort im westlichen Sizilien. Der Kult ist bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts greifbar und verbindet eine ältere regionale Marienverehrung mit dem heute verehrten Tafelbild der stillenden Madonna, einer Ankunftslegende über das Meer, Wunderwasser, Votivwesen und jahrhundertelangen Wallfahrten zwischen Custonaci und Erice.
Status:Lebendiger regional und überregional bedeutender Wallfahrtsort. Das Hauptfest wird am letzten Mittwoch im August gefeiert und durch mehrtägige Pilger-, Gebets- und Festveranstaltungen vorbereitet. Die legendäre Ankunft des Marienbildes bei Cornino wird bis heute rituell nachgestellt.
Kultzentrum:Ein auf Holz gemaltes Gnadenbild der thronenden, stillenden Maria mit dem Jesuskind, eine "Virgo lactans" oder "Madonna del Latte". Die Tafel wird heute meist in das frühe 16. Jahrhundert, wahrscheinlich um 1521, datiert. Die Verehrung des Marientypus und der Wallfahrtsort selbst sind jedoch älter als das heute vorhandene Bild.
Ort:Custonaci.
Region:Freies Gemeindekonsortium Trapani, Sizilien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
Santuario Maria Santissima di Custonaci, Piazza Santuario 1, 91015 Custonaci (TP), Italien. Das Heiligtum liegt auf einer Anhöhe im Ortszentrum und ist durch seine breite Freitreppe und den ornamental gepflasterten Vorplatz weithin erkennbar.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
Ansicht in Street View
Kirchliche Zugehörigkeit: Diözese Trapani. Das Heiligtum ist seit 1909 Pfarrkirche und wurde 2000 zur Chiesa Madre von Custonaci erhoben. 2009 erhielt Custonaci den kirchlichen Ehrentitel "Civitas Mariae".
Hauptfest: letzter Mittwoch im August. Die Festzeit umfasst Wallfahrten, die Erinnerung an die Ankunft des Gnadenbildes über das Meer, die "Rievocazione dello Sbarco", Fackelzüge und die feierliche Prozession der Madonna.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

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Ausführliche Beschreibung

Ein Marienheiligtum zwischen Meer, Bergland und Erice

Custonaci liegt im westlichen Sizilien zwischen dem Golf von Bonagia, dem Monte Cofano und dem Bergland von Erice. Das Santuario Maria Santissima di Custonaci erhebt sich auf einer Anhöhe im heutigen Ortszentrum und beherrscht mit seiner breiten Treppe und dem ornamental gepflasterten Vorplatz das Ortsbild. Die heutige Kirche ist das Ergebnis zahlreicher Umbauten, doch die Verehrung der Madonna reicht deutlich weiter zurück als ihre neuzeitliche Architektur.

Der Wallfahrtsort ist eng mit dem historischen Territorium von Monte San Giuliano, dem heutigen Erice, verbunden. Über Jahrhunderte war die Madonna nicht nur Schutzfrau des kleinen Ortes Custonaci, sondern Patronin eines größeren Gebietes, des sogenannten Agro Ericino. Ihre Verehrung verband Küstenbewohner, Bauern, Steinmetze und Handwerker ebenso wie die Bewohner des hochgelegenen Erice. Diese gemeinsame Zuständigkeit wurde allerdings keineswegs immer als harmonisch empfunden: Gerade um die Frage, wer das Gnadenbild besitzen und tragen durfte, entwickelten sich wiederholt Konflikte.

Der Kult ist älter als die heutige Kirche

Die größere Wallfahrtskirche entstand im Wesentlichen in der frühen Neuzeit. Der heutige Bau geht auf Erweiterungen und Neubauten des 16. Jahrhunderts zurück und wurde in den folgenden Jahrhunderten immer wieder verändert. Überlieferte Bauphasen reichen von Arbeiten im 16. Jahrhundert über größere Umbauten des 18. Jahrhunderts bis zur tiefgreifenden Neugestaltung zwischen 1870 und 1900. In dieser letzten Phase erhielt das Heiligtum unter anderem seine monumentale Freitreppe, die historisierende Fassadengestaltung und einen großen Teil der heutigen Raumwirkung.

Die Marienverehrung ist jedoch wesentlich älter. Ein archivalischer Beleg vom 25. April 1422 nennt bereits eine Stiftung zugunsten der "Opera Maria SS. di Custonaci". Damit bestand zu Beginn des 15. Jahrhunderts bereits eine organisierte Kultstätte mit eigener Verwaltung beziehungsweise Vermögensbindung. Für die Geschichte des Wallfahrtsortes ist dies entscheidend, weil dadurch deutlich wird, dass die spätere Ankunftslegende nicht als einziger Ursprung des Kultes verstanden werden kann.

Das Gnadenbild: eine "Madonna del Latte"

Im Mittelpunkt des Heiligtums steht ein auf Holz gemaltes Marienbild. Maria sitzt als Königin auf einem Thron und hält das nackte Jesuskind an der Brust. Der Bildtyp gehört zur weit verbreiteten "Virgo lactans", der stillenden Gottesmutter, die in Sizilien und im gesamten Mittelmeerraum eine lange Verehrungsgeschichte besitzt. Zwei Engel erscheinen über Maria und heben die königliche Würde der Gottesmutter hervor; weitere Bildfelder verweisen auf die Heilsgeschichte und die Familie Mariens.

Gerade der Typus der stillenden Madonna ist für die Volksfrömmigkeit besonders anschaulich. Maria erscheint nicht als ferne Himmelskönigin, sondern als Mutter, die das Kind unmittelbar ernährt. Mutterschaft, Fürsorge, Nahrung und Schutz werden dadurch in einem einzigen Bild zusammengeführt. In einer agrarisch geprägten Landschaft ließ sich diese Vorstellung leicht mit Bitten um Fruchtbarkeit, Ernte, Gesundheit und ausreichende Nahrung verbinden.

Die Datierung des Gnadenbildes

Die ältere Literatur datierte die Tafel häufig in das 15. Jahrhundert und verband sie mitunter mit der Schule Antonello da Messinas oder mit Antonello Crescenzio. Die Restaurierung des Bildes im Jahr 2002 und die anschließende kunsthistorische Diskussion haben diese scheinbar einfache Zuschreibung jedoch kompliziert. Unter späteren Übermalungen wurde eine Datumsinschrift sichtbar, die unterschiedlich als 1471 oder als 1521 gelesen worden ist.

Die Kunsthistorikerin Lina Novara hat ausführlich für die Lesung 1521 argumentiert. Gleichzeitig ist Vorsicht bei der Zuschreibung an einen bestimmten Meister angebracht. Nach heutigem Forschungsstand lässt sich der Autor des Gnadenbildes nicht sicher benennen. Eine zweite, 1541 datierte Marientafel im Heiligtum wird wesentlich überzeugender mit Antonello Crescenzio beziehungsweise seinem Umfeld verbunden und wurde in älteren Darstellungen wiederholt mit dem eigentlichen Gnadenbild verwechselt.

Für die Wallfahrtsgeschichte ergibt sich daraus eine besonders interessante Situation: Der Kult ist spätestens 1422 nachweisbar, während das heute verehrte Bild wahrscheinlich erst rund ein Jahrhundert später entstand. Das Gnadenbild trat somit in eine bereits bestehende Marienverehrung ein und wurde allmählich zu deren zentralem sichtbaren Ausdruck.

Eine ältere "Virgo lactans"

Dass der Kulttyp tatsächlich älter sein dürfte als die heutige Tafel, wird durch ein weiteres Bild im Heiligtum unterstützt. Ein kleineres hölzernes Altarbild einer stillenden Madonna wird kunsthistorisch an das Ende des 15. beziehungsweise an den Beginn des 16. Jahrhunderts gesetzt. Es bestätigt, dass die Verehrung der nährenden Gottesmutter in diesem Gebiet bereits vor der Entstehung des heutigen Hauptbildes verbreitet war.

Damit besitzt Custonaci eine ähnliche kulturgeschichtliche Tiefe wie mehrere andere sizilianische Wallfahrtsorte: Das heute bekannteste Kultobjekt ist nicht zwingend der Anfang der Geschichte. Vielmehr überlagern sich ältere Marienverehrung, späteres Gnadenbild und nachträglich ausgeschmückte Legenden.

Sieben Ähren auf dem Mantel

Zu den bemerkenswertesten Einzelheiten des Gnadenbildes gehören Ornamente, die bei der Restaurierung wieder deutlicher sichtbar wurden. Auf dem Mantel Mariens erscheinen goldene Gefäße beziehungsweise Motive mit jeweils sieben Weizenähren. Auch beim Jesuskind finden sich Ähren; zusätzlich trägt das Kind einen Anhänger aus roter Koralle.

Die Ähren lassen sich auf mehreren Ebenen lesen. In christlicher Deutung verweisen sie auf Brot und Eucharistie. Zugleich besitzen sie eine unmittelbar agrarische Bedeutung: volle Ähren stehen für Nahrung, Fruchtbarkeit und gelingende Ernte. Die Zahl Sieben konnte darüber hinaus religiös-symbolisch gedeutet werden. Für die bäuerliche Bevölkerung des westlichen Sizilien verband sich damit ein Bild der Gottesmutter als Ernährerin und Beschützerin des täglichen Lebens.

In der volkskundlichen Literatur ist aus Sizilien ein verwandter Brauch bekannt, bei dem sieben Ähren aus verschiedenen Feldern zusammengebunden und im Haus aufbewahrt wurden. Solche Bündel sollten Ernte, Wohlstand und Gesundheit sichern. Eine direkte Entstehung des Bildmotivs aus diesem Brauch lässt sich nicht beweisen; die symbolische Nähe ist jedoch auffällig und zeigt, wie verständlich die Ährenornamentik für eine ländliche Bevölkerung gewesen sein musste.

Koralle als Schutzzeichen

Auch der rote Korallenanhänger des Jesuskindes verdient Beachtung. Koralle war im westlichen Sizilien nicht nur ein kostbarer Werkstoff, sondern seit Jahrhunderten mit apotropäischen Vorstellungen verbunden. Sie galt als Schutz gegen Krankheit, bösen Blick und andere Gefahren. Gleichzeitig konnte ihre rote Farbe christlich mit Blut und Passion verbunden werden.

Am Gnadenbild verbinden sich damit mehrere Schutzvorstellungen: Maria nährt und bewahrt das Kind, die Ähren verweisen auf Nahrung und Ernte, die Koralle auf körperlichen Schutz und Passion. Das Bild erhielt dadurch eine vielschichtige Bedeutung, die weit über eine rein kunsthistorische Darstellung der stillenden Gottesmutter hinausging.

Die "Madonna della pioggia"

Die agrarische Funktion des Kultes ist auch historisch greifbar. Bereits im frühen 16. Jahrhundert wurde in Trapani eine Darstellung der Madonna di Custonaci als "Madonna della pioggia" verehrt. Bei Trockenheit bat man sie um Regen; zugleich sollte sie vor Blitz und Unwetter schützen. Das betreffende Bild ging 1817 bei einer Explosion und einem Brand verloren, doch die Überlieferung zeigt, dass der Kult früh mit elementaren Sorgen einer landwirtschaftlichen Bevölkerung verbunden war.

Custonaci war daher keineswegs nur ein Seefahrerheiligtum. Die spätere Schiffbruchlegende rückte das Meer stark in den Vordergrund, doch die ältere Verehrung umfasst ebenso Wetter, Wasser, Ernte und Nahrung.

Die Ankunftslegende über das Meer

Die heute bekannteste Gründungslegende erzählt von einem Schiff, das aus Alexandria in Ägypten gekommen und nach Marseille unterwegs gewesen sein soll. Je nach Fassung wird es als französisch oder venezianisch bezeichnet. In der Nähe der Egadischen Inseln geriet das Schiff in einen schweren Sturm. In seiner Ladung befand sich ein Marienbild.

Die Seeleute suchten Schutz bei der Madonna und gelobten, ihr Bild jenem Land zu schenken, das sie lebend erreichen würden. Der Sturm legte sich, und das Schiff fand Schutz in der Bucht von Cornino, traditionell bei Cala Buguto am Fuß des Monte Cofano. Die Besatzung erkannte darin die Hilfe Mariens und wollte ihr Versprechen erfüllen.

Die Legende verbindet damit zwei für Küstenwallfahrten klassische Motive: die wundersame Rettung aus Seenot und die dauerhafte Niederlassung eines heiligen Bildes am Ort der Rettung. Maria erscheint zugleich als Schutzfrau der Seeleute und als jene, die ihren künftigen Aufenthaltsort selbst bestimmt.

Vom Meer landeinwärts

Nach der Überlieferung wollten die Seeleute zunächst unmittelbar an der Küste eine Kapelle errichten. Die Bewohner der Gegend hätten sie jedoch darauf hingewiesen, dass eine solche Lage wegen Piratenüberfällen gefährlich sei. Das Bild sollte deshalb in eine bereits vorhandene Kapelle weiter im Landesinneren gebracht werden.

Auch diese Erzählung passt sehr gut zur historischen Landschaft Westsiziliens. Küstenüberfälle und die Unsicherheit der Uferzonen gehörten über Jahrhunderte zur Lebenswirklichkeit. Selbst wenn die konkrete Legende nicht als Tatsachenbericht gelesen werden kann, spiegelt sie eine reale Erfahrung der Bevölkerung.

Ochsenwagen und "Pozzo della Madonna"

Für den Transport wurde das Marienbild auf einen von Ochsen gezogenen Wagen geladen. Auf dem Weg zur Anhöhe von Custonaci blieben die Tiere nach der Legende erschöpft und durstig stehen. An dieser Stelle soll plötzlich Wasser aus dem Boden hervorgebrochen sein. Die Tiere tranken und konnten anschließend den Weg fortsetzen.

Der damit verbundene Brunnen wird bis heute als "Pozzo della Madonna" verehrt. Das Wunderwasser ergänzt die maritime Gründungslegende um ein weiteres Element: Die Madonna rettet nicht nur auf dem Meer, sondern schafft auch an Land lebensnotwendiges Wasser.

Der Brunnen ist kein vergessenes Detail einer alten Erzählung. Er wird weiterhin in die Festzeit einbezogen. Gemeinsame Wege zum Pozzo, Segnungen und Andachten halten die Legendentopographie lebendig. Damit besteht der Wallfahrtsraum aus mehreren miteinander verbundenen Punkten: Küste, Ankunftsort, Brunnen und Santuario.

Heilungen bei der Ankunft

Mit der Ankunft des Bildes verbindet die Überlieferung unmittelbar Heilungswunder. Ein gehbehinderter Mann habe helfen wollen, die Madonna zu tragen. Sobald er die Last auf seine Schulter nahm, sei er geheilt worden. Ein von Geburt an gehörloser und stummer junger Mann aus Salemi soll das Geschehen beobachtet haben. Als die Menge "Viva Maria" rief, habe auch er plötzlich gesprochen und in den Jubel eingestimmt.

Solche Erzählungen gehören zu den klassischen Mirakelmotiven von Wallfahrtsorten. Bemerkenswert ist hier, dass der bis heute gebräuchliche Jubelruf "Viva Maria Santissima di Custonaci" dadurch selbst einen Platz in der Gründungserzählung erhält. Ein liturgischer und festlicher Ruf wird rückwirkend in das erste Wunder eingeschrieben.

Was ist an der Legende historisch?

Die schöne Ankunftsgeschichte lässt sich nicht wörtlich mit der Entstehung des heutigen Gnadenbildes verbinden. Der Marienkult ist spätestens 1422 dokumentiert, während die heute verehrte Tafel wahrscheinlich erst um 1521 geschaffen wurde. Damit kann genau dieses Bild kaum bereits um 1400 oder zu einem noch früheren Zeitpunkt aus Alexandria nach Custonaci gelangt sein.

Auch stilistisch gibt es keinen zwingenden Grund, eine Herkunft aus Ägypten anzunehmen. Wahrscheinlicher ist, dass die Legende verschiedene historische Erfahrungen zusammengeführt hat: einen älteren Marienkult, die Lage nahe einer gefährlichen Küste, Seefahrt und Piratenangst, die Verehrung eines später entstandenen Gnadenbildes und den im Wallfahrtswesen verbreiteten Erzähltyp der wundersamen Bildankunft.

Quellenkritik mindert den Wert dieser Geschichte nicht. Im Gegenteil: Sie macht sichtbar, wie eine Wallfahrtsgemeinschaft ihre Landschaft und ihre Vergangenheit in einer erzählerischen Form ordnet. Meer, Sturm, Rettung, Wunderwasser und Heilung erklären gemeinsam, weshalb gerade dieser Ort unter dem besonderen Schutz Mariens steht.

Das Heiligtum wächst mit der Wallfahrt

Mit der zunehmenden Verehrung musste auch die ältere Kapelle erweitert werden. Größere Arbeiten sind bereits für das 16. Jahrhundert belegt. Weitere Bauphasen folgten zwischen 1727 und 1772. Besonders tiefgreifend war die Umgestaltung zwischen 1870 und 1900 unter Monsignore Giuseppe Rizzo.

Die Kirche besitzt heute einen kreuzförmigen Grundriss mit drei Schiffen. Spitzbogige Arkaden und historisierende Formen vermitteln einen neugotischen Eindruck, während andere Teile deutlich barock beziehungsweise frühneuzeitlich geprägt sind. Außen bestimmen die breite Freitreppe, die helle Steinarchitektur und der große Vorplatz die Wirkung.

Auch der Vorplatz gehört zur Inszenierung des Heiligtums. Sein aus kleinen Steinen gebildetes ornamentales Pflaster verbindet die Kirche mit jener Stein- und Marmorkultur, die für Custonaci und seine Umgebung bis heute wirtschaftlich und landschaftlich prägend ist.

Custonaci und Erice

Über Jahrhunderte gehörte Custonaci zum großen Territorium von Monte San Giuliano, dem heutigen Erice. Der Marienkult erhielt dadurch früh eine politische und territoriale Dimension. Papst Gregor XIII. bestätigte 1574 Rechte der Stadt Monte San Giuliano am Heiligtum. Am 6. Dezember 1630 erklärte die Stadt die Madonna di Custonaci zu ihrer Hauptpatronin.

Die Madonna war damit nicht bloß die Schutzfrau eines kleinen ländlichen Heiligtums. Sie wurde zur Patronin eines gesamten Gebietes und verband mehrere Siedlungen, Berufsgruppen und Landschaftsräume. Mit der späteren Aufteilung des alten Territoriums in selbständige Gemeinden blieb der Kult als gemeinsame religiöse Erinnerung an das frühere Agro Ericino bestehen.

Die "Trasporti" nach Erice

Eine der bemerkenswertesten Formen der Verehrung waren die jahrhundertelangen "Trasporti" des Gnadenbildes von Custonaci hinauf nach Erice. Die Madonna wurde insbesondere in außergewöhnlichen Notzeiten geholt: bei Trockenheit, Erdbeben, Seuchen, Heuschreckenplagen oder anderen Bedrohungen. Lokale Forschungen zählen zwischen 1577 und 1936 insgesamt 71 solcher Übertragungen.

Der Weg war rituell genau gegliedert. Die Bewohner von Custonaci trugen das Bild zunächst bis zu einem festgelegten Übergabepunkt, dem Arco del Cavaliere. Dort übernahmen Träger aus Erice die Madonna und brachten sie weiter auf den Berg. Die Strecke machte damit politische Zugehörigkeit und religiöse Zuständigkeit sichtbar.

Das Tragerecht war keineswegs nur eine praktische Aufgabe. Wer das Gnadenbild auf den Schultern trug, zeigte symbolisch eine besondere Beziehung zur Patronin. Gerade deshalb konnte die Übergabe des Bildes zu einer hochsensiblen Frage gemeinschaftlicher Ehre werden.

Streit um die Madonna

Zwischen den Bewohnern von Custonaci und Erice kam es wiederholt zu Konflikten um Dauer und Bedingungen der Aufenthalte des Gnadenbildes auf dem Monte San Giuliano. Die Custonacesi wollten ihre Madonna zurück; die Ericini beriefen sich auf ältere Rechte und Patronatsansprüche. Bei einzelnen Übertragungen mussten die weltlichen Behörden einschreiten, um den Transport zu sichern.

Volkskundlich ist dieser Streit ausgesprochen aufschlussreich. Ein Gnadenbild ist für seine Verehrer nicht bloß ein bewegliches Kunstwerk. Es verkörpert Schutz, Gnade, Ansehen und Zugehörigkeit. Wer das Bild besitzt, verfügt symbolisch über die besondere Nähe der Patronin. Konflikte um eine Madonna folgen daher innerhalb einer Kultgemeinschaft einer durchaus nachvollziehbaren Logik.

Die Geschichte der Trasporti zeigt damit ungewöhnlich deutlich, dass Wallfahrt auch mit Besitz, territorialer Identität und politischen Beziehungen verbunden sein kann.

1936 endet der Transport des Originals

Die häufigen Übertragungen blieben für die alte Holztafel nicht ohne Folgen. 1936 wurde der Zustand des Gnadenbildes als so gefährdet beurteilt, dass weitere Transporte des Originals nicht mehr verantwortbar erschienen. Seitdem verbleibt die Tafel grundsätzlich im Santuario.

Im zum Heiligtum gehörenden Museo Arte e Fede wird noch eine vergoldete Transportkiste aus dem Jahr 1831 aufbewahrt. Sie dokumentiert anschaulich, dass das Gnadenbild über Jahrhunderte ein mobiles Kultobjekt war. Das Behältnis ist damit nicht nur kunsthandwerklicher Gegenstand, sondern ein unmittelbares Zeugnis historischer Wallfahrtsbewegung.

Die Krönung von 1752

Ein Höhepunkt der Kultgeschichte war die feierliche Krönung des Gnadenbildes. Das Kapitel der Petersbasilika in Rom bewilligte 1752 die Krönung Mariens und des Jesuskindes mit goldenen Kronen. Der Ritus fand am 28. August 1752 statt.

Bemerkenswerterweise wurde die Krönung nicht im Heiligtum von Custonaci, sondern im Duomo von Erice vollzogen. Gerade dies zeigt nochmals die starke territoriale Bindung des Kultes an Monte San Giuliano. Die Madonna von Custonaci war zugleich Patronin des größeren ericinischen Gebietes.

Die Krönung stärkte den Augusttermin als Hauptzeit der Verehrung. Der letzte Mittwoch im August wurde schließlich zum zentralen Festtag, der bis heute den Höhepunkt des Wallfahrtsjahres bildet.

Die "Cavalcata"

Zu den älteren Festformen gehörte eine seit dem 18. Jahrhundert belegte "Cavalcata". Teilnehmer zogen auf Pferden beziehungsweise Maultieren in festlicher Kleidung, teilweise mit kostbarem Schmuck geschmückt. Der Brauch verband religiöse Repräsentation mit gesellschaftlicher Selbstdarstellung und gehörte zu jener aufwendigen Festkultur, die sich um große sizilianische Patronatsfeste entwickelte.

Giuseppe Pitrè behandelte die Festa della Madonna di Custonaci in seinen "Feste patronali in Sicilia" von 1900. Seine volkskundliche Perspektive ist besonders wertvoll, weil sie nicht nur Liturgie und offizielle Geschichte, sondern auch Kleidung, Prozessionsformen, Publikum und weltliche Festanteile berücksichtigt.

Maria und die Erinnerung an Venus Erycina

Die Nähe zum berühmten antiken Heiligtum der Venus Erycina auf dem Monte Erice hat immer wieder zu der Vermutung geführt, die Madonna di Custonaci sei gewissermaßen die christliche Nachfolgerin einer viel älteren regionalen Schutzgöttin. Solche Deutungen erscheinen angesichts der starken marianischen Bindung des Agro Ericino zunächst verlockend.

Eine direkte ungebrochene Kultkontinuität von der antiken Venusverehrung zur spätmittelalterlichen Madonna lässt sich jedoch nicht belegen. Zwischen beiden Kulten liegen viele Jahrhunderte mit tiefgreifenden religiösen und gesellschaftlichen Veränderungen. Quellenkritisch lässt sich daher lediglich festhalten, dass die räumliche Nachbarschaft und die vergleichbare territoriale Schutzfunktion zu späteren Kontinuitätsdeutungen angeregt haben.

Die heutige Festzeit

Das große Fest wird weiterhin am letzten Mittwoch im August gefeiert. Die unmittelbare Festzeit beginnt bereits mehrere Tage zuvor mit Gottesdiensten, Wallfahrten und Andachten. Damit bleibt der Kult weit mehr als eine einmalige Prozession. Der Weg zur Madonna, die Vorbereitung in den Pfarren und die gemeinsamen Gebetszeiten sind selbst Bestandteile der Wallfahrt.

Auch die Orte der Gründungslegende werden weiterhin einbezogen. Der Pozzo della Madonna, die Küste bei Cornino und der Weg hinauf zum Heiligtum bilden eine religiöse Landschaft, in der die alte Erzählung Schritt für Schritt wieder aufgerufen wird.

Die "Rievocazione dello Sbarco"

Besonders eindrucksvoll ist die jährliche Nachstellung der Ankunft des Marienbildes über das Meer. Bei der "Rievocazione dello Sbarco" wird eine Kopie der Madonna auf einem Boot zur Bucht von Cornino gebracht. Dort empfängt sie eine große Menschenmenge mit Gebeten, Marienrufen und festlicher Beleuchtung.

Anschließend führt ein Fackelzug von der Küste in Richtung Custonaci. Besonders eng ist diese Tradition mit dem "Ceto dei Muratori", der Gemeinschaft der Maurer, verbunden. Damit wird nicht nur eine Legende nachgespielt, sondern zugleich eine lokale Berufsgruppe dauerhaft in den Festkult eingebunden.

Die rituelle Logik ist dieselbe, die an mehreren sizilianischen Küstenheiligtümern begegnet: Die Madonna kam einst über das Meer, also lässt die Festgemeinschaft sie jedes Jahr wieder über das Meer kommen. Vergangenheit wird dadurch nicht bloß erzählt, sondern körperlich und landschaftlich wiederholt.

Die Schlüssel der Stadt und das Votivlicht

Die weltliche Gemeinde beteiligt sich ausdrücklich am Patronatskult. Zu den heutigen Festhandlungen gehören die symbolische Übergabe der Stadtschlüssel an Maria und die Entzündung eines Votivlichtes. In solchen Gesten wird die Madonna als eigentliche Schutzfrau der Gemeinschaft anerkannt.

Der politische Charakter des Patronats wird dadurch sichtbar. Die Gemeinde erklärt öffentlich, dass sie sich unter den Schutz Mariens stellt. Ähnliche Rituale sind aus vielen europäischen Patronats- und Wallfahrtsorten bekannt, erhalten in Custonaci aber durch die jahrhundertelangen Territorialstreitigkeiten um das Gnadenbild eine zusätzliche historische Tiefe.

Hausaltäre

Während der Festzeit beschränkt sich die Verehrung nicht auf das Santuario. In privaten Häusern werden kleine Altäre für die Madonna di Custonaci eingerichtet. Bilder, Blumen, Kerzen und persönliche Devotionalien holen die Patronin gewissermaßen in den familiären Raum.

Der Wallfahrtsort dehnt sich dadurch in die Häuser aus. Nicht jeder Kontakt zur Madonna verlangt den unmittelbaren Besuch der Kirche; das Bild kann innerhalb des privaten Lebensraumes gegenwärtig gemacht werden. Gerade solche Hausaltäre zeigen, wie eng offizieller Kirchenkult und private Volksfrömmigkeit miteinander verbunden sind.

Das "Sigillo di Maria"

Ein besonders anschaulicher heutiger Devotionalbrauch ist das sogenannte "Sigillo di Maria". Dabei handelt es sich um ein "M", das aus Bronze oder aus dem für Custonaci charakteristischen Stein beziehungsweise Marmor gefertigt wird und am Eingang eines Hauses angebracht werden kann.

Das Zeichen erklärt das Haus symbolisch als Maria anvertraut. Gleichzeitig verbindet es den Kult unmittelbar mit der lokalen Materialkultur. Custonaci ist weithin für Stein- und Marmorabbau bekannt; ein Stück dieses regionalen Materials wird zum sichtbaren marianischen Schutzzeichen am Wohnhaus.

Volkskundlich ist dies eine besonders schöne Verbindung von Ort, Handwerk und Religion. Das Zeichen könnte überall aus beliebigem Material hergestellt werden, erhält aber gerade durch den Custonaci-Stein eine unverwechselbare örtliche Identität.

Ex-votos und das Museo Arte e Fede

Zum Heiligtum gehört ein Museum, das Kunstwerke, liturgische Geräte und Zeugnisse der Kultgeschichte bewahrt. Dazu zählen Ex-votos und Gegenstände aus der Wallfahrt ebenso wie die historische Transportkiste und weitere Marienbilder.

Die museale Aufbewahrung verändert die ursprüngliche Funktion dieser Dinge, löscht sie aber nicht aus. Ein Ex-voto bleibt Zeugnis einer Bitte oder eines Dankes; eine Transportkiste erzählt weiterhin von jenen Wegen, auf denen das Gnadenbild zwischen Custonaci und Erice bewegt wurde. Das Museum wird damit zu einem Archiv der materiellen Wallfahrtskultur.

Die Madonna als gemeinsame Schutzfrau des Agro Ericino

Nach der späteren politischen Aufteilung des alten Gebietes von Monte San Giuliano in mehrere selbständige Gemeinden blieb die Madonna di Custonaci eine gemeinsame religiöse Bezugsgestalt. Ihr Kult erinnert damit bis heute an eine historische Landschaft, deren frühere politische Einheit längst verschwunden ist.

Gerade deshalb besitzt die Wallfahrt eine Bedeutung, die über den einzelnen Ort hinausgeht. Menschen aus verschiedenen Gemeinden können sich auf dieselbe Patronin beziehen, obwohl ihre heutigen Verwaltungsgrenzen andere sind. Religiöse Zugehörigkeit konserviert hier ältere räumliche Zusammenhänge.

Auswanderung und Verbreitung des Kultes

Wie viele sizilianische Patronatskulte wurde auch die Verehrung der Madonna di Custonaci von Auswanderern in andere Länder mitgenommen. Der Kult gelangte in andere Teile Italiens, nach Nordafrika und in überseeische Gemeinden. Bilder und Festtraditionen ermöglichten es, die Verbindung zur Herkunftsregion auch in der Ferne aufrechtzuerhalten.

Eine solche Verbreitung ist typisch für Wallfahrtsbilder. Das Original bleibt am historischen Ort, doch seine Kopien und die Erinnerung an das Fest können neue Kultgemeinschaften bilden. Damit wirkt Custonaci weit über die Grenzen des eigenen Heiligtums hinaus.

Wallfahrt zwischen Küste und Berg

Die religiöse Topographie von Custonaci ist besonders geschlossen. Das Meer steht für Rettung und Ankunft; Cala Buguto beziehungsweise Cornino für das Erreichen des Landes; der Pozzo della Madonna für das Wunderwasser; der Weg hinauf für den Transport des Bildes; das Santuario für den dauerhaften Aufenthaltsort; Erice für die historische territoriale Patronatsgemeinschaft.

Der Wallfahrtsort besteht deshalb nicht nur aus einem Kirchengebäude. Eine ganze Landschaft wird religiös gelesen. Wer der Gründungslegende folgt, kann ihren Weg im Gelände nachvollziehen. Gerade die heutige Festinszenierung erhält diese Verbindung zwischen Erzählung und Landschaft lebendig.

Volkskundliche Bedeutung

Custonaci gehört zu den besonders ergiebigen Marienwallfahrtsorten Westsiziliens. Hier überlagern sich ein spätestens seit 1422 belegter Marienkult, eine wahrscheinlich um 1521 entstandene "Virgo lactans", ältere agrarische Schutzvorstellungen, maritime Rettungslegenden, Wunderwasser, Heilungsberichte, territoriale Patronatsrechte und eine bis heute lebendige Festwallfahrt.

Besonders bemerkenswert ist die Spannung zwischen der historischen Entwicklung und der späteren Gründungslegende. Die Wallfahrt bestand bereits, bevor das heutige Gnadenbild geschaffen wurde. Trotzdem erzählt die Gemeinschaft die Geschichte so, als sei gerade diese Tafel auf wundersame Weise über das Meer gekommen. Dadurch werden ältere Kultstätte und späteres Bild zu einer einzigen Erinnerung verbunden.

Ebenso aufschlussreich sind die jahrhundertelangen Konflikte mit Erice. Sie zeigen in ungewöhnlicher Deutlichkeit, dass ein Gnadenbild für seine Verehrer Schutz, territoriale Identität und politisches Patronat verkörpern kann. Das Bild ist nicht bloß Gegenstand der Andacht, sondern ein symbolischer Besitz der Gemeinschaft.

Mit den sieben Ähren auf dem Mantel, dem Korallenanhänger des Jesuskindes, der "Madonna della pioggia", dem Pozzo della Madonna, den früheren "Trasporti", dem "Sigillo di Maria" an Häusern und der heutigen nächtlichen Fackelprozession von der Küste besitzt Custonaci eine außergewöhnlich dichte materielle und rituelle Überlieferung. Als Abschluss einer Reihe sizilianischer Wallfahrtsorte zeigt das Heiligtum besonders schön, wie Meer, Landwirtschaft, Stadtgeschichte, Handwerk und Marienfrömmigkeit zu einer gemeinsamen Kultlandschaft werden können.

Literatur und Quellen

- Giurlanda, Salvatore: Maria SS. di Custonaci - Il culto di ieri e di oggi. Trapani 1996. Zur Geschichte des Heiligtums, Wallfahrt, Festkult und Patronatsverehrung.

- Scuderi, Vincenzo: Arte e architettura nel Santuario di Maria SS. di Custonaci. Custonaci 1997. Zur Bau- und Ausstattungsgeschichte des Heiligtums.

- Novara, Lina: Intorno alla tavola raffigurante la Virgo lactans di Custonaci. Kunsthistorische Untersuchung zu Gnadenbild, Datierung, Restaurierung, Ährenmotiven und verwandten Marientafeln.

- Pitrè, Giuseppe: Feste patronali in Sicilia. Torino-Palermo 1900. Zur Festa della Madonna di Custonaci und zu älteren Formen der Festkultur.

- PAMI - Pontificia Academia Mariana Internationalis: Censimento dei Santuari Mariani. Santuario Maria SS.ma di Custonaci. Dokumentation zu Kultbild, Geschichte und Wallfahrt.

- Ministero della Cultura, Catalogo generale dei Beni Culturali: Dokumentation zum Santuario Maria Santissima di Custonaci, zur Baugeschichte, zum Gnadenbild und zu den historischen Patronatsrechten.

- Soprintendenza per i Beni Culturali e Ambientali di Trapani: Dokumentation zum Gnadenbild, zu Restaurierungen und zur historischen Ausstattung des Heiligtums.

- Comune di Custonaci: historische Dokumentation zum Santuario, zum Patronatsrecht, zu den "Trasporti" nach Erice und zu den Festeggiamenti in onore di Maria Santissima di Custonaci.

- Pro Loco Custonaci: Dokumentation zur Geschichte der "Trasporti" des Gnadenbildes zwischen Custonaci und Erice.

- Parrocchia Santuario Maria Santissima di Custonaci: Liturgische und historische Dokumentation zum Heiligtum, zum Fest und zur heutigen Wallfahrt.

- Museo Arte e Fede, Custonaci: Bestände zur Kultgeschichte, Ex-votos, historischen Transportkiste und Marienikonographie.

- Italia.it: Dokumentation zum religiösen Weg von Custonaci nach Erice und zu den mit der Ankunftslegende verbundenen Kultorten.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher