| Wallfahrt: | Die Kathedrale von Catania ist seit dem Mittelalter Ziel der Verehrung der Reliquien der heiligen Agatha. Der Kult umfasst zugleich eine ganze städtische Wallfahrtslandschaft mit den überlieferten Orten ihres Martyriums, den großen Reliquienprozessionen und einem der bedeutendsten Heiligenfeste Siziliens. |
| Status: | Lebendiger, überregional bedeutender Wallfahrts- und Reliquienort. Höhepunkte sind das Fest vom 3. bis 5. Februar sowie das Gedächtnis der Rückkehr der Reliquien am 17. August. Die Verehrung verbindet Kathedrale, Agathakapelle, historische Kultstätten in der Stadt, Prozessionswege und zahlreiche Formen des Votivwesens. |
| Kultzentrum: | Die in der Agathakapelle der Kathedrale verwahrten Reliquien der heiligen Agatha, besonders die Schädelreliquie im vergoldeten Silberbüstenreliquiar von Giovanni di Bartolo sowie die übrigen Reliquien im silbernen Scrigno; dazu der verehrte Agathenschleier als Schutzreliquie gegen Feuer und die Gefahren des Ätna. |
| Ort: | Catania. |
| Region: | Metropolitanstadt Catania, Sizilien. |
| Land: | Italien. |
| • | Basilica Cattedrale di Sant'Agata Vergine e Martire, Piazza del Duomo, 95124 Catania (CT), Italien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Kirchliche Zugehörigkeit: Erzdiözese Catania. Die Kathedrale ist Bischofskirche und zugleich das zentrale Reliquienheiligtum der Stadtpatronin. |
| • | Die Kathedrale liegt im historischen Zentrum an der Piazza del Duomo. Die Reliquien der heiligen Agatha werden in einem gesicherten Sacellum der Agathakapelle, volkstümlich "cammaredda" genannt, verwahrt und vor allem zu den Agathenfesten öffentlich verehrt. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Basilica Cattedrale di Sant'Agata bildet das religiöse Zentrum Catanias und ist zugleich der wichtigste Kultort der Stadtpatronin. Ihre Bedeutung für die Wallfahrt lässt sich jedoch nicht auf den Bau selbst beschränken. Die Agathenverehrung umfasst die Kathedrale mit der Reliquienkapelle, weitere Kirchen an den überlieferten Lebens- und Leidensorten der Heiligen, die großen Prozessionswege durch die Stadt sowie eine ungewöhnlich dichte Fülle an Votiv-, Kleidungs-, Kerzen-, Speise- und Festbräuchen.
Schon im Mittelalter kamen Pilger nach Catania, um die Reliquien der Märtyrerin zu verehren. Die Kathedrale ist daher nicht nur Bischofskirche und monumentales Bauwerk der Stadt, sondern ein historischer Reliquienwallfahrtsort. Bis heute wird dieser Charakter besonders sichtbar, wenn die normalerweise verborgenen Reliquien zu den Agathenfesten aus der "cammaredda" hervorgeholt und in der Kathedrale sowie auf den Straßen Catanias öffentlich verehrt werden.
Agatha gehört zu den frühesten und am weitesten verbreiteten Märtyrerheiligen des Christentums. Ihr Kult ist bereits im 5. Jahrhundert belegt; ihr Name erscheint früh in liturgischen Zusammenhängen von Rom, Mailand und Ravenna. Die erhaltenen lateinischen und griechischen Fassungen ihrer Passio gehen auf eine Überlieferung des 5. oder 6. Jahrhunderts zurück. Damit ist die Verehrung der Heiligen sehr alt, während sich die einzelnen Episoden ihres Lebens und Martyriums historisch nicht mehr sicher von der hagiographischen Ausgestaltung trennen lassen.
Nach der Tradition war Agatha eine junge Christin aus Catania, die sich Christus geweiht hatte. Während einer Christenverfolgung, gewöhnlich mit der Zeit Kaiser Decius und dem Jahr 251 verbunden, soll sie die Nachstellungen des Statthalters Quinzianus zurückgewiesen haben. Daraufhin wurde sie gefangen gesetzt und schwer gefoltert. Besonders prägend wurde die Erzählung, ihr seien die Brüste abgeschnitten worden. Dieses Martyriumsmotiv bestimmte die spätere Ikonographie und führte dazu, dass Agatha besonders von Frauen bei Brustkrankheiten, in Stillproblemen und bei Sorgen um die Muttermilch angerufen wurde.
Die historische Grundlage des Kultes ist daher nicht die vollständige Beweisbarkeit jedes Details der Passio, sondern die außerordentlich frühe Verehrung einer Märtyrerin Agatha, deren Gedächtnis sich bereits in der Spätantike weit über Sizilien hinaus verbreitete. In Catania wurde diese Heilige zur zentralen Identifikationsfigur der Stadt.
Agatha blieb keineswegs eine lokale sizilianische Heilige. Ihre Verehrung verbreitete sich im gesamten lateinischen Westen und ebenso im östlichen Christentum. In der Kunst erscheint sie häufig mit einer Schale oder einem Teller, auf dem die abgetrennten Brüste dargestellt sind, mit der Märtyrerpalme oder mit Werkzeugen ihres Leidens. In Mitteleuropa gewann zusätzlich ihre Verbindung mit Feuer und Vulkanismus besondere Bedeutung.
Gerade im süddeutschen und österreichischen Raum wurde Agatha als Schutzheilige gegen Feuer, Blitz, Brand und andere elementare Gefahren verehrt. Agathenzettel, Agathenbrot und Agathenkerzen gehören zur mitteleuropäischen Volksfrömmigkeit. Der Kult in Catania ist damit ein Ursprungszentrum einer Heiligenverehrung, deren Spuren auch in zahlreichen Kirchen, Kapellen und Hausbräuchen nördlich der Alpen begegnen.
Eine der wichtigsten Reliquien des catanesischen Kultes ist der sogenannte "Velo di Sant'Agata", der Schleier der Heiligen. Nach der Überlieferung bedrohte bereits kurz nach ihrem Martyrium ein Lavastrom die Stadt beziehungsweise ihre Umgebung. Die Bevölkerung habe daraufhin den Schleier aus dem Grab der Heiligen genommen und der Lava entgegengetragen; der Strom sei darauf zum Stillstand gekommen.
Diese Erzählung begründete eine über Jahrhunderte wirksame religiöse Praxis. Bei drohenden Eruptionen des Ätna wurde der Schleier aus der Kathedrale herausgetragen und der Gefahr entgegengestellt. Auch spätere Eruptionen wurden in der lokalen Überlieferung mit der Fürsprache Agathas verbunden. Noch im 19. Jahrhundert zog der spätere selige Kardinal Giuseppe Benedetto Dusmet mit dem Schleier einer bedrohlichen Lavazunge entgegen.
Volkskundlich ist der Vorgang besonders aussagekräftig. Eine Reliquie bleibt nicht in ihrem Schrein eingeschlossen, sondern wird als wirksames Schutzobjekt an die Grenze der Bedrohung gebracht. Die Stadt setzt der Naturgewalt einen sakralen Gegenstand entgegen. Der Agathenschleier ist damit nicht nur Erinnerungsstück der Märtyrerin, sondern ein bewegliches Schutzzeichen Catanias gegen Feuer und Vulkan.
Nach der normannischen Eroberung Siziliens wurde das Bistum Catania neu geordnet. Graf Roger I. ließ gegen Ende des 11. Jahrhunderts eine neue Kathedrale errichten; 1094 wurde sie für den Gottesdienst eröffnet. Der ursprüngliche Bau war eine massive, wehrhafte "ecclesia munita", die sowohl sakrale als auch herrschaftliche Funktionen besaß.
Teile dieses normannischen Baues sind trotz späterer Katastrophen erhalten geblieben, besonders im Bereich der Apsiden. Unter beziehungsweise unmittelbar bei der Kathedrale liegen zudem Reste der römischen Achilleischen Thermen. Schon der Bauplatz zeigt daher die für Catania typische Schichtung von antiker Stadt, normannischer Neuordnung und späterer barocker Wiedererrichtung.
Um 1040, während der byzantinischen Unternehmungen des Feldherrn Georgios Maniakes auf Sizilien, wurden die Reliquien Agathas nach Konstantinopel gebracht. Für Catania bedeutete der Verlust der körperlichen Überreste seiner Patronin einen tiefen Einschnitt. Der spätere Kult stellte deshalb nicht nur das Martyrium, sondern auch die Rückkehr der Reliquien in den Mittelpunkt der städtischen Erinnerung.
Im Jahr 1126 gelangten die Reliquien wieder nach Catania. Die mittelalterliche Translationsüberlieferung verbindet ihre Rückführung mit zwei Männern, die in den Quellen als Gilberto beziehungsweise Gisliberto und Goselino erscheinen. Agatha soll ihnen im Traum aufgetragen haben, ihre Reliquien aus Konstantinopel fortzubringen und in ihre Heimat zurückzuführen.
Besonders wertvoll ist, dass die Erzählung der Translation bereits dem damaligen Cataneser Bischof Maurizio zugeschrieben wird und damit zeitlich nahe beim Ereignis liegt. Nach dieser Darstellung kamen die Reliquien am 17. August 1126 nach Catania zurück. Der Bischof zog ihnen mit einer Prozession entgegen; die Erinnerung an diesen Tag bildet bis heute das zweite große Agathenfest.
Die volkstümliche Überlieferung erzählt, die Bürger seien in der Nacht vom Glockengeläut geweckt worden und den heimkehrenden Reliquien so überstürzt entgegengelaufen, dass manche noch in weißen Nachtgewändern und barfuß erschienen. Diese anschauliche Geschichte wurde später mit der weißen Kleidung der Agathenverehrer verbunden. Historisch lässt sich die Entstehung des heutigen "sacco" jedoch differenzierter verfolgen; seine Form steht auch in einer längeren Tradition von Buß- und Prozessionskleidung.
Das schwere Erdbeben vom 4. Februar 1169 traf Catania ausgerechnet während der liturgischen Feier der Stadtpatronin. Teile der Kathedrale stürzten ein; der Bischof, zahlreiche Geistliche und viele Gläubige kamen ums Leben. Die Katastrophe wurde dadurch unmittelbar in die Agathenerinnerung der Stadt eingeschrieben.
Der Kult der Heiligen wurde durch solche Erfahrungen nicht geschwächt. Im Gegenteil: In einer Stadt, die immer wieder von Erdbeben, Lava, Bränden und anderen Naturgefahren bedroht war, gewann die Vorstellung von Agatha als Schutzpatronin zusätzliche Kraft.
Das verheerende Erdbeben vom 11. Januar 1693 zerstörte große Teile Catanias und traf auch die Kathedrale schwer. Vom mittelalterlichen Bau blieben vor allem die normannischen Apsiden und einzelne weitere Bauteile erhalten. Beim Wiederaufbau entstand die heutige Verbindung von mittelalterlicher Substanz und barocker Repräsentation.
Girolamo Palazzotto war wesentlich am neuen Baukörper beteiligt, während Giovanni Battista Vaccarini die monumentale Fassade gestaltete. Die Kathedrale wurde damit zu einem Hauptwerk des barocken Catania. Für den Wallfahrtscharakter blieb jedoch entscheidend, dass die alten Reliquien und die Agathakapelle weiterhin das religiöse Zentrum des Baues bildeten.
Die Reliquien der Stadtpatronin werden in der Cappella di Sant'Agata in einem besonders gesicherten kleinen Sacellum verwahrt, das in Catania volkstümlich "cammaredda" genannt wird. Die Reliquien sind im normalen Jahreslauf nicht ständig sichtbar. Erst zu den Festtagen oder zu außergewöhnlichen Anlässen wird der Raum geöffnet und der Reliquienschatz hervorgeholt.
Diese zeitweilige Verborgenheit steigert die rituelle Bedeutung der Öffnung. Das Heilige ist nicht beliebig verfügbar. Sein Sichtbarwerden gehört selbst zum Fest. Wenn die Büste und der Schrein aus dem Sacellum kommen, beginnt für die Gläubigen nicht bloß eine Prozession, sondern die unmittelbare Begegnung mit der verehrten Patronin in Gestalt ihrer Reliquien.
Das berühmteste Kultobjekt der Kathedrale ist das Reliquienbüstenbild der heiligen Agatha. Der sienesische Goldschmied Giovanni di Bartolo schuf das Werk zwischen 1373 und 1376. Die kostbare Büste besteht aus vergoldetem Silber und Email und enthält die Schädelreliquie der Heiligen.
Die Büste ist nicht nur ein Hauptwerk mittelalterlicher Goldschmiedekunst, sondern zugleich ein außergewöhnliches Zeugnis lebendigen Votivwesens. Seit dem 14. Jahrhundert wurde sie mit zahlreichen Schmuckstücken, Edelsteinen, Kreuzen, Ketten, Ringen und weiteren kostbaren Stiftungen beschenkt. Ein großer Teil dieser Gaben wurde unmittelbar am Reliquienbild angebracht.
Dadurch entstand über Jahrhunderte ein materielles Archiv der Verehrung. Die Büste zeigt nicht nur Agatha; sie trägt an ihrem Körper die Dank-, Bitte- und Repräsentationsgaben vieler Generationen. Kunstwerk und Votivsammlung lassen sich kaum mehr voneinander trennen.
Die übrigen als Reliquien Agathas verehrten Körperteile werden in eigenen, teilweise anthropomorph geformten Reliquiaren aufbewahrt. Dazu gehören Behältnisse für Arme beziehungsweise Hände, Beine, Füße und eine Brust sowie das Reliquiar des Schleiers. Diese Einzelreliquiare werden wiederum in einem großen silbernen Schrein, dem "Scrigno", verwahrt.
Der Scrigno entstand zwischen dem späten 15. und der Mitte des 16. Jahrhunderts unter Beteiligung mehrerer Gold- und Silberschmiede. Bei den großen Festprozessionen werden Büstenreliquiar und Scrigno gemeinsam auf dem Fercolo durch die Stadt geführt. Für die Gläubigen zieht damit nicht bloß eine Statue durch Catania, sondern die körperliche Gegenwart der Patronin in Gestalt ihrer Reliquien.
Wie andere große sizilianische Stadtpatrone besitzt auch Agatha einen vertrauten, beinahe familiären Namen. Die Catanesen nennen sie liebevoll "Santuzza", die kleine Heilige. Das Diminutiv drückt keine Geringschätzung aus, sondern Nähe und Zugehörigkeit.
In dieser Vorstellung vereinigen sich zwei scheinbar gegensätzliche Bilder: Agatha ist das junge Mädchen, das in der Passio grausam verfolgt wird, und zugleich die mächtige Beschützerin der Stadt, die Lava, Feuer und andere Gefahren abwehren kann. Sie ist Tochter Catanias und gleichzeitig dessen übernatürliche Schutzherrin.
Die Kathedrale bildet das Zentrum, aber der Kult ist über Catania verteilt. Kirchen wie Sant'Agata la Vetere, Sant'Agata al Carcere und Sant'Agata alla Fornace erinnern an überlieferte Stationen des Lebens und Martyriums. Andere Orte beziehen sich auf Gefangenschaft, Folter, Tod oder die spätere Geschichte der Reliquien.
Die großen Prozessionen verbinden diese Punkte miteinander. Dadurch entsteht eine rituelle Stadtkarte: Die Heilige zieht zu jenen Orten, an denen ihre Geschichte erinnert wird. Für die Wallfahrtsforschung ist Catania deshalb besonders interessant, weil sich der Pilgerraum nicht auf einen Altar beschränkt. Die gesamte Stadt wird zeitweise zum Heiligtum.
Das große Fest der heiligen Agatha wird vom 3. bis 5. Februar gefeiert. Es verbindet kirchliche Liturgie, Reliquienverehrung, Prozession, Votivgaben, historische Korporationen, Musik, Feuerwerk, Speisen, Markt und eine Vielzahl eigener Bräuche. Die religiöse Feier und die städtische Festkultur sind dabei über Jahrhunderte miteinander verwachsen.
Am 3. Februar steht besonders das Wachsopfer im Mittelpunkt. Am 4. Februar werden nach der frühen Messe die Reliquien auf den Fercolo gebracht und zu einer langen Prozession durch die Stadt geführt. Am 5. Februar folgt nach dem Pontifikalamt eine weitere große Prozession durch das Zentrum. In der Nacht kehren die Reliquien schließlich in die Kathedrale zurück.
Zu den eindrucksvollsten Votivbräuchen Catanias gehört die Gabe von Wachs. Eine noch heute überlieferte Regel besagt, dass ein gestifteter Wachsstock so hoch oder so schwer sein könne wie jene Person, für die um Schutz gebeten wird.
Dieses Prinzip gehört zu den klassischen Formen des Stellvertreteropfers. Der menschliche Körper wird durch ein entsprechendes Maß des wertvollen Opfermaterials symbolisch vertreten. Die Bitte oder der Dank erhält dadurch ein sichtbares körperliches Äquivalent. Das Wachsopfer verbindet persönliche Frömmigkeit mit dem großen öffentlichen Fest.
Untrennbar mit dem Agathenfest verbunden sind die monumentalen "candelore" oder "cerei di Sant'Agata". Es handelt sich um große, reich geschnitzte und vergoldete hölzerne Prozessionsaufbauten, die ursprünglich als gewaltige Kerzenträger dienten. Sie sind mit Engeln, Heiligen, Szenen aus dem Martyrium, Blumen und Fahnen geschmückt und werden von mehreren Männern auf den Schultern getragen.
Heute ziehen elf Candelore mit. Historisch waren es zeitweise deutlich mehr; 1514 werden bereits 22, im 17. Jahrhundert sogar 28 genannt. Fast jede Candelora ist mit einer Berufs- oder Handwerkergruppe verbunden. Gärtner und Blumenhändler, Fischverkäufer, Obsthändler, Fleischer, Pastaerzeuger, Lebensmittelhändler, Wirte und Bäcker erscheinen auf diese Weise nicht nur als Zuschauer, sondern als organisierte soziale Gruppen im Kult.
Die Candelore besitzen eigene Bewegungsweisen, Spitznamen und musikalische Begleitung. Manche schwingen schwer und würdevoll, andere werden mit einem beinahe tänzerischen Schritt getragen. Die städtische Gesellschaft stellt sich damit in beweglichen, von Handwerkern geschaffenen Monumenten vor ihrer Patronin dar.
Die männlichen Agathenverehrer tragen beim Fest den charakteristischen weißen "sacco": eine lange weiße Tunika, einen Strickgürtel, weiße Handschuhe und ein weißes Tuch, dazu eine schwarze Samtkappe. Das Gewand wird heute ausdrücklich als Votiv- und Bußkleidung verstanden.
Eine populäre Erklärung führt die weiße Kleidung auf die Nacht vom 17. August 1126 zurück, als die Bürger in ihrer Nachtkleidung den heimkehrenden Reliquien entgegengelaufen seien. Die historische Entwicklung ist jedoch komplexer. Quellen zum älteren Fest kennen Prozessionsteilnehmer, die als "ignudi" bezeichnet wurden. Sie gingen barfuß und waren nur leicht bekleidet. Erst seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts setzte sich zunehmend jene weiße Tunika durch, aus der der heutige Sacco hervorging.
Das Barfußgehen blieb lange Teil des Bußcharakters und verschwand erst im Lauf des 19. Jahrhunderts weitgehend. Damit zeigt das heutige Gewand noch Spuren älterer körperbetonter Frömmigkeitsformen, bei denen Entblößung, Fußwallfahrt, körperliche Anstrengung und öffentliche Buße eng miteinander verbunden waren.
Für die Prozession werden Büstenreliquiar und Scrigno auf dem großen silbernen Fercolo, im lokalen Sprachgebrauch auch "vara" genannt, befestigt. Das schwere Prozessionsgerät wird von zahlreichen weiß gekleideten Devoti an langen Seilen durch die Straßen gezogen.
Der immer wieder gerufene Satz "Cittadini, viva Sant'Agata!" gehört zum akustischen Kern des Festes. Die Formel wird in Catania auch im Sinn von "Sant'Agata è viva" verstanden: Die Heilige ist lebendig und befindet sich mitten unter ihren Bürgern. Gerade die Reliquienprozession macht diese Vorstellung körperlich sichtbar.
Selbst der Blumenschmuck des Fercolo trägt eine symbolische Sprache. Am 4. Februar dominieren rote Nelken als Zeichen des Martyriums. Am 5. Februar werden sie durch weiße Nelken ersetzt, die für Jungfräulichkeit und Reinheit stehen.
Der Prozessionswagen erzählt damit durch Farben dieselbe Heiligenbiographie, die in Predigt, Gebet und Bildkunst erinnert wird: Agatha als Märtyrerin und geweihte Jungfrau.
Der historische und heutige Prozessionsweg berührt wichtige Orte der Agathenüberlieferung und der Stadtgeschichte. Die Reliquien ziehen durch Quartiere, vorbei an Kirchen und Erinnerungsorten, die mit Gefangenschaft, Martyrium und späterer Verehrung verbunden sind. Auch Bereiche, die an Naturkatastrophen und Wiederaufbau erinnern, werden in den Festweg einbezogen.
Die Prozession ist daher nicht nur ein Kreislauf durch Straßen. Sie ist eine rituelle Erzählung der Stadt. Catania zeigt sich seiner Patronin, während die Patronin zugleich jene Orte besucht, an denen ihre Geschichte und ihre Schutzwirkung erinnert werden.
Zu den emotional besonders aufgeladenen Momenten gehört der steile Abschnitt der Via di San Giuliano. Das Hinaufziehen des schweren Fercolo auf der starken Steigung verlangt große koordinierte Kraft von den Devoti und wurde immer wieder zu einem Prüfstein der Prozession.
In der Volksdeutung konnte das Gelingen dieses schwierigen Abschnitts sogar als Zeichen für das kommende Jahr verstanden werden. Der technische Erfolg eines Prozessionsmanövers erhält dadurch eine zusätzliche religiöse Bedeutung: Der Ablauf des Rituals wird zum möglichen Omen für Stadt und Bevölkerung.
Zu den erstaunlichsten historischen Bräuchen gehörten die sogenannten "'ntuppateddi". Während der Festtage gingen Frauen verschiedener gesellschaftlicher Schichten allein durch die Stadt, Kopf und Gesicht so stark verhüllt, dass nur ein Auge sichtbar blieb. Dadurch waren sie in der Menge praktisch nicht zu erkennen.
Diese Anonymität ermöglichte Verhaltensweisen, die Frauen im gewöhnlichen Alltag kaum offenstanden. Sie konnten Männer ansprechen und von ihnen Geschenke verlangen, sich selbständig durch die Festmenge bewegen und vorübergehend soziale Kontrollen umgehen. Das Patronatsfest schuf damit einen zeitlich begrenzten Freiraum, in dem übliche gesellschaftliche Regeln teilweise außer Kraft gesetzt waren.
Kirchliche Autoritäten versuchten seit dem späten 16. Jahrhundert wiederholt, den Brauch einzuschränken. Dennoch hielt er sich bis ins 19. Jahrhundert. Für die Volkskunde ist diese Tradition besonders wertvoll, weil sie zeigt, dass ein religiöses Großfest nicht nur Andacht, sondern auch eine zeitweilige Neuordnung gesellschaftlicher Rollen ermöglichen konnte.
Zum Agathenfest gehörten seit Jahrhunderten Märkte und Jahrmärkte. Händler, Handwerker, Pilger, Stadtbewohner und Besucher trafen sich im Umfeld der religiösen Feier. Der Markt war nicht bloß eine profane Begleiterscheinung. Wie bei vielen großen Wallfahrten bildeten Handel, Essen, Begegnung und Unterhaltung einen festen Teil des Festgeschehens.
Die Candelore der Berufsgruppen machen besonders anschaulich, dass Wirtschaft und Kult in Catania historisch eng miteinander verflochten waren. Die Berufe der Stadt stellten sich mit ihren eigenen Votivmonumenten vor Agatha dar, während der Festmarkt zugleich die wirtschaftliche Seite der großen Pilgeransammlung sichtbar machte.
Die Heilige prägt sogar die Süßspeisen Catanias. Die berühmten "Minne di Sant'Agata" beziehungsweise "Minni di Sant'Aita" sind kleine, kuppelförmige Cassate. Ihre Form erinnert ausdrücklich an jene Brüste, die Agatha nach der Passio während ihres Martyriums abgeschnitten wurden.
Ein grausames Leidensmotiv wird damit in eine Fest- und Speisetradition übertragen. Das Martyrium bleibt erinnerbar, verliert aber im alltäglichen Umgang einen Teil seiner Schrecken und wird in eine vertraute, sogar genussvolle Form der lokalen Identität übersetzt. Gerade solche Transformationen sind für die Volkskunde besonders aufschlussreich.
Eine zweite charakteristische Süßigkeit sind die grünen "Olivette di Sant'Agata", meist aus süßer Mandelmasse beziehungsweise einer marzipanähnlichen Masse hergestellt. Sie beziehen sich auf eine Legende aus der Agathenüberlieferung: Während ihrer Flucht soll auf wunderbare Weise ein Olivenbaum erschienen sein, der der jungen Christin Schutz und Nahrung gewährte.
Auch hier wird eine hagiographische Episode in eine wiederkehrende essbare Erinnerung verwandelt. Die Geschichte der Heiligen wird nicht nur erzählt und dargestellt, sondern beim Fest buchstäblich verzehrt.
Neben dem Februar-Fest besitzt der 17. August große Bedeutung. An diesem Tag erinnert Catania an die Rückkehr der Reliquien aus Konstantinopel im Jahr 1126. Das Sommerfest ist kleiner als die Februarfeiern, gehört aber seit Jahrhunderten fest zum Agathenkult.
Historisch entwickelte sich auch im August ein aufwendiges Fest mit Reliquienverehrung, Prozession, Musik, Wettläufen und zeitweise eigenen Festwagen. Die Rückkehr der Reliquien wurde damit zu einem zweiten Gründungsereignis des städtischen Kultes: Nicht das Martyrium, sondern die Wiedergewinnung der verlorenen Heiligen stand im Mittelpunkt.
Das Jahr 2026 markierte den 900. Jahrestag der Rückkehr der Reliquien nach Catania. Die Erzdiözese beging dieses Jubiläum mit einem eigenen Agathen-Jubiläumsjahr. Dazu gehörten unter anderem eine "Peregrinatio" des Agathenschleiers durch Pfarren und Einrichtungen der Stadt sowie besondere liturgische Feiern.
Im Juli 2026 wurden das Büstenreliquiar und der Schleier nach Restaurierungsarbeiten durch Fachkräfte der Vatikanischen Museen vorgestellt. Die Schädelreliquie und das Reliquienbüstenbild wurden anschließend außergewöhnlich zur öffentlichen Verehrung ausgestellt. Das Jubiläum zeigte damit sehr deutlich, dass die Reliquien nicht nur historische Kunstwerke sind, sondern weiterhin Mittelpunkt lebendiger Frömmigkeit und Ziel von Pilgern.
Kaum ein anderer Wallfahrtsort zeigt so deutlich die soziale Spannweite von Votivgaben. Am einen Ende stehen Wachsopfer, deren Größe oder Gewicht auf den Körper eines Schutzsuchenden bezogen sein kann. Am anderen Ende befinden sich kostbare Gold- und Schmuckstiftungen an der Reliquienbüste.
Beide Formen erfüllen denselben religiösen Grundgedanken: Eine Bitte oder ein Dank wird materialisiert und der Heiligen übergeben. Unterschiede des Materials spiegeln dabei soziale Möglichkeiten und historische Formen wider. Das Wachs kann verbraucht werden, der Schmuck bleibt über Generationen sichtbar. Zusammen bilden beide ein außergewöhnlich reiches Archiv der Agathenverehrung.
Die Agathenverehrung ist stärker mit einer ganzen Stadt verbunden als viele klassische Wallfahrten zu abgelegenen Kapellen oder Bergheiligtümern. Gerade deshalb darf der Wallfahrtscharakter nicht unterschätzt werden. Menschen kamen bereits im Mittelalter zur Verehrung der Reliquien nach Catania; bis heute bilden Kathedrale, Reliquien und Festprozessionen ein überregionales Ziel der Frömmigkeit.
Die besondere Form besteht darin, dass der Pilger nicht nur zu einer Kirche kommt. Er tritt in eine Stadt ein, deren Straßen, Kirchen, Speisen, Handwerkertraditionen und öffentliche Rituale von der Patronin geprägt sind. Die Wallfahrt zur heiligen Agatha ist daher zugleich Reliquienwallfahrt und Begegnung mit einer ganzen Kultlandschaft.
Catania gehört zu den außergewöhnlich dicht dokumentierten Beispielen lebendiger europäischer Heiligenfrömmigkeit. Reliquienverehrung, Votivschmuck, Wachsopfer, Prozessionskleidung, barfüßige Bußtraditionen, Berufsgruppen, monumentale Candelore, Märkte, Festessen und historische Freiräume für verkleidete Frauen bilden kein loses Nebeneinander. Sie sind verschiedene Ausdrucksformen derselben Beziehung zwischen Stadt und Heiliger.
Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit des Kultes, sich immer wieder neuen historischen Situationen anzupassen. Naturkatastrophen stärkten den Schutzpatronatsgedanken, die barocke Stadt veränderte die Prozessionswege, alte Bußformen wurden in den heutigen Sacco überführt, Berufsgruppen schufen ihre eigenen Candelore, und moderne Restaurierung sowie Jubiläumsfeiern bewahren die mittelalterlichen Reliquiare als lebendige Kultobjekte.
Agatha ist in Catania daher zugleich Märtyrerin der Spätantike, mittelalterliche Reliquienheilige, barocke Stadtpatronin, Schutzheilige gegen Feuer und Vulkan, Trägerin eines reichen Votivwesens und Mittelpunkt einer bis heute lebendigen Wallfahrt. Gerade diese Vielschichtigkeit macht die Kathedrale und die Agathenverehrung zu einem der bedeutendsten Wallfahrtskomplexe Siziliens.
- Acta Sanctorum Februarii. Band I. Antwerpen 1658, Sp. 637-643. Überlieferung zur Translation der Reliquien der heiligen Agatha.
- Gaetano, Ottavio: Vitae sanctorum Siculorum. Band I. Palermo 1657, S. 53-60. Frühe gedruckte Überlieferung zur Rückführung der Agatha-Reliquien.
- Pirri, Rocco: Sicilia sacra. Band I. Palermo 1733, S. 525-528. Kirchliche Geschichtsquellen zu Catania und zur Translation.
- Ferrara, Francesco: Storia di Catania sino alla fine del secolo XVIII. Catania 1829. Ältere Gesamtdarstellung der Stadtgeschichte.
- Scalia, Giuseppe: "La traslazione del corpo di s. Agata e il suo valore storico". In: Archivio storico per la Sicilia orientale, XXIII-XXIV, 1927-1928, S. 38-128.
- Tramontana, Salvatore: "S. Agata e la religiosità della Catania normanna". In: Gaetano Zito (Hrsg.): Chiesa e società in Sicilia. L'età normanna. Turin 1995.
- Istituto della Enciclopedia Italiana - Treccani: Artikel "Agata". Zur frühen Verehrung, Passio, Ikonographie und überregionalen Verbreitung des Agathenkultes.
- Istituto della Enciclopedia Italiana - Treccani: Dizionario Biografico degli Italiani, Artikel "Maurizio". Zur Rückkehr der Agatha-Reliquien 1126 und zur mittelalterlichen Translationsüberlieferung.
- Istituto della Enciclopedia Italiana - Treccani: Enciclopedia dell'Arte Medievale, Abschnitt zu sizilianischer Skulptur und Schatzkunst. Zum Büstenreliquiar des Giovanni di Bartolo und zum Votivschmuck.
- Basilica Cattedrale S. Agata V.M. di Catania: Dokumentationen "Le reliquie", "La festa" und "Le candelore". Zur Agathakapelle, zum Reliquienschatz, zur historischen Entwicklung des Festes, zu Sacco, Ignudi, 'Ntuppateddi und Candelore.
- Arcidiocesi di Catania: Historische Dokumentation zur Kathedrale und zur Geschichte der Erzdiözese; Angaben zur normannischen Kathedrale, zu den Erdbeben von 1169 und 1693 sowie zum Wiederaufbau.
- Comune di Catania, Turismo: Dokumentationsreihe zur Festa di Sant'Agata, insbesondere Abschnitte zu Prozession, Reliquien, Schleier, Candelore, Agatha-Orten und Volksbräuchen.
- Arcidiocesi di Catania: Giubileo Agatino 2026 - IX Centenario della Traslazione delle Reliquie di Sant'Agata, 1126-2026. Programme und kirchliche Dokumentationen zum Jubiläumsjahr, zur Peregrinatio des Schleiers und zur außerordentlichen Verehrung der Reliquien.
- Arcidiocesi di Catania: Dokumentation zur Restaurierung des Büstenreliquiars und des Agathenschleiers durch Fachkräfte der Vatikanischen Museen, 2026.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher