| Wallfahrt: | Seit mindestens dem 18. Jahrhundert sicher belegte, bis heute lebendige Marienwallfahrt; historisch besonders in den Monaten Mai und September, heute mit Novene und den Hauptfeiern am 7. und 8. September sowie einer ausgeprägten Gelübde-, Ex-voto- und Fußwallfahrt. |
| Status: | Lebendiger überregionaler Wallfahrtsort und Basilica minor; Nostra Signora del Rimedio ist Patronin der Erzdiözese Oristano gemeinsam mit dem heiligen Archelaos. |
| Kultzentrum: | Frühneuzeitliche, farbig gefasste Holzstatue der Madonna mit dem Jesuskind, um 1600-1624 datiert; das Gnadenbild wurde am 7. September 1952 feierlich gekrönt. |
| Ort: | Località Rimedio bei Donigala Fenughedu, nördlich von Oristano. |
| Region: | Sardinien. |
| Land: | Italien. |
| • | Das Heiligtum liegt am nördlichen Rand des Stadtgebietes von Oristano im Bereich von Donigala Fenughedu, nahe der historischen Siedlungsstelle des untergegangenen Dorfes Nuracraba und an der traditionellen Ausfallroute in Richtung Cabras und Sinis. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Kirchliche Zugehörigkeit: Erzdiözese Oristano. Die Basilika wird als eigenständiges Marienheiligtum mit einem Rektor betreut. |
| • | Die Basilika ist regelmäßig für Gebet und Gottesdienst zugänglich; Öffnungs-, Beicht- und Messzeiten können sich im Jahreslauf sowie während Novene und Festtagen ändern. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders gesucht sind Außenaufnahmen der Basilika und des Campanile, Ansichten des Innenraums und des Hochaltars, das Gnadenbild Nostra Signora del Rimedio mit seinen Kronen, Details der restaurierten Farbfassung und Vergoldung, die P.G.R.-Votivplatten, erhaltene gemalte und plastische Ex voto, silberne Herzen der Kriegsheimkehrer, historische Fotografien und Votivgaben, die Novene, Gosos, Fußpilger auf dem Weg von Oristano zur Basilika, Prozessionen, die Festtage am 7. und 8. September sowie die traditionellen Verkaufs- und Speisestände im Umfeld des Heiligtums.
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Die Basilica di Nostra Signora del Rimedio liegt heute in einem weitgehend urbanisierten Übergangsraum nördlich von Oristano, doch die Entstehung des Heiligtums ist mit einer Siedlungslandschaft verbunden, die in dieser Form nicht mehr existiert. An dieser Stelle lag das mittelalterliche Dorf Nuracraba, dessen Pfarrkirche der Madonna del Rimedio geweiht war. Das Dorf wurde im Verlauf des 17. und frühen 18. Jahrhunderts durch Überschwemmungen, Seuchen und fortschreitende Entvölkerung aufgegeben; nach 1727 verschwindet Nuracraba aus der Geschichte als bewohnte Ortschaft. Die Kirche blieb jedoch bestehen. Gerade dieser Gegensatz ist für die Kultgeschichte entscheidend: Während die weltliche Siedlung erlosch, überdauerte der sakrale Mittelpunkt und gewann nun eine neue, überörtliche Funktion. Aus der Pfarrkirche eines untergegangenen Dorfes entwickelte sich ein Wallfahrtsheiligtum, dessen Einzugsgebiet schließlich weit über Oristano hinausreichte.
Der früheste bislang sicher greifbare schriftliche Nachweis für die konkrete Kirche stammt aus dem 17. Jahrhundert. Am 28. März 1665 stiftete Giovanni Pietro Dessì aus Nuracraba eine Einkunft zugunsten der Pfarrkirche, die in dem Dokument ausdrücklich unter der Anrufung Nostra Signora del Rimedio genannt wird. Mit der Stiftung sollte dauerhaft Öl für die Lampe vor dem Allerheiligsten beschafft werden. Die Urkunde ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie nicht lediglich einen allgemeinen Marientitel belegt, sondern die Kirche von Nuracraba eindeutig als bestehende Pfarrkirche unter dem Rimedio-Patrozinium fassbar macht. Für eine wesentlich ältere lokale Wallfahrt zu genau diesem Ort fehlen dagegen ebenso sichere Belege. Der Kulttitel selbst ist älter; seine Geschichte darf jedoch nicht mit der Entstehung des konkreten Heiligtums gleichgesetzt werden.
Die Anrufung Mariens als Madonna oder Nostra Signora del Rimedio gehört zu einer im westlichen Mittelmeerraum weit verbreiteten marianischen Tradition. Kirchliche Überlieferungen führen den Titel auf das Umfeld des Trinitarierordens zurück, der um 1198 durch Johannes von Matha gegründet wurde und sich besonders dem Loskauf christlicher Gefangener widmete. Maria wurde im Orden als Hilfe und "Rimedio", als Beistand und Heilmittel in Not, verehrt. Diese Verbindung erklärt die weite Verbreitung des Titels in Gebieten, die über Jahrhunderte von Gefangenschaft, Sklavenhandel, Seeraub und der Unsicherheit des Mittelmeerraumes geprägt waren.
Für Sardinien ist der Rimedio-Titel ebenfalls früh bezeugt. In Oristano selbst wird in einer gotischen Kapelle der Kathedrale eine ältere polychrome Madonna mit Kind verehrt, die als Madonna del Rimedio bezeichnet und in das 14. Jahrhundert datiert wird. Dieses steinerne Bild ist nicht mit dem späteren Gnadenbild des Wallfahrtsheiligtums bei Nuracraba identisch, zeigt aber, dass der Titel in der Stadt lange vor der neuzeitlichen Ausprägung der heutigen Wallfahrt bekannt war. Auch sardische Quellen der Frühen Neuzeit kennen die Anrufung der Vergine Maria de su Remediu. Daraus lässt sich eine ältere regionale Verehrung ableiten; eine direkte Gründung des Heiligtums von Nuracraba durch Trinitarier oder eine mittelalterliche Kontinuität der Wallfahrt ist damit jedoch nicht nachgewiesen.
Nachdem Nuracraba als Siedlung verschwunden war, wurde die ehemalige Pfarrkirche nicht aufgegeben. Vielmehr scheint gerade das Weiterbestehen der Kirche in einer nun siedlungsarmen Umgebung ihre Funktion als eigenständiger Gnaden- und Wallfahrtsort verstärkt zu haben. Spätestens im 18. Jahrhundert kamen Pilger zum Rimedio; gegen Ende des Jahrhunderts begannen größere Erhaltungs- und Erweiterungsmaßnahmen. Die Entwicklung des Baues lässt erkennen, dass das Gebäude zunehmend an eine größere Zahl von Gottesdienstbesuchern und Wallfahrern angepasst wurde.
1806 wurde ein neuer Hochaltar aus verschiedenfarbigem Marmor errichtet, der einer sardo-lombardischen Werkstatt zugeschrieben wird. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts folgten weitere bauliche Maßnahmen. Unter Erzbischof Paolo Maria Serci wurde die institutionelle Stellung des Ortes besonders gefestigt: Am 30. April 1892 erließ er genaue Bestimmungen über Verwaltung, Betreuung und Kult des Rimedio; 1893 wurden Hochaltar und Sakristei feierlich eingeweiht und das Gnadenbild in einer neu gestalteten Nische beziehungsweise auf seinem erneuerten Thron aufgestellt. Damit erhielt die über Jahrhunderte gewachsene Wallfahrt eine stärker geregelte kirchliche Organisation.
Die äußere Gestalt des heutigen Heiligtums ist wesentlich jünger. Die gegenwärtige Fassade entstand 1924 und wurde im Zusammenhang mit dem in Oristano abgehaltenen Plenarkonzil Sardiniens feierlich eröffnet. Der Chorbereich wurde in den 1930er-Jahren vergrößert; das Verschieben des Hochaltares machte 1935 eine erneute Konsekration notwendig. Der heutige Campanile geht auf einen Neubau von 1948/49 zurück, nachdem ein 1903 errichteter Vorgänger wieder abgetragen worden war. Zahlreiche Eingriffe des 20. und frühen 21. Jahrhunderts veränderten Dach, Innenraum, Fußböden und liturgische Ausstattung, doch die Grundfunktion des Gebäudes blieb dieselbe: Es ist nicht bloß Kirche einer örtlichen Gemeinde, sondern ein Heiligtum, dessen Raum für eine große Zahl von Pilgern geschaffen und immer wieder angepasst wurde.
Im Zentrum des Kultes steht eine farbig gefasste Holzstatue der Madonna mit dem Jesuskind. Der staatliche italienische Kulturgüterkatalog datiert das etwa 110 Zentimeter hohe Werk in die Zeit von 1600 bis 1624 und ordnet es einer italienischen, in älteren Zuschreibungen sardo-kampanischen Werkstatt zu. Maria steht aufrecht und trägt das Kind auf dem rechten Arm; das Jesuskind sitzt auf einer Weltkugel und erhebt die Hand zum Segen. Die Darstellung verbindet damit das vertraute Bild der Muttergottes mit einer christologischen Herrschaftssymbolik, in der Christus als Herr der Welt erscheint.
Eine Restaurierung des Gnadenbildes machte sichtbar, wie sehr seine Oberfläche im Laufe der Jahrhunderte verändert worden war. Wiederholte Übermalungen hatten ältere Fassungen überdeckt, zugleich aber tieferliegende Schichten teilweise geschützt. Nach der Entfernung späterer Überzüge kamen unter anderem Goldauflagen mit floralen und rankenartigen Ornamenten wieder zum Vorschein. Die handwerkliche Qualität des Schnitzwerkes zeigt sich besonders an fein bearbeiteten Partien wie dem Haar des Kindes. Solche Befunde sind für die Kultgeschichte von erheblichem Wert, weil ein Wallfahrtsbild nicht als unveränderliches Kunstobjekt existiert: Es wird gekleidet, überfasst, gereinigt, restauriert, gekrönt und durch die fortgesetzte Verehrung immer wieder in neue historische Zustände überführt.
Zur heutigen Erscheinung der Statue gehören die Kronen, die an die feierliche Krönung von 1952 erinnern. Das Gnadenbild ist damit zugleich frühneuzeitliche Skulptur und Träger einer über mehrere Jahrhunderte gewachsenen Kultbiographie. Seine Bedeutung erschließt sich nicht allein aus Stil und Datierung, sondern aus der fortgesetzten Beziehung zwischen Bild, Gelübde, Prozession, persönlicher Bitte und öffentlicher Verehrung.
Für die volkskundliche Einordnung des Rimedio ist das Votivwesen von zentraler Bedeutung. Über Generationen brachten Gläubige dem Heiligtum Gegenstände als Dank für erbetene oder als erhalten verstandene Hilfe. Dazu gehörten gemalte Votivbilder, Fotografien, silberne Herzen, Schmuck, Nachbildungen von Körperteilen und andere Objekte. Teile der Innenwände wurden mit Marmorplatten beziehungsweise Kacheln versehen, die die Buchstaben P.G.R. tragen: Per Grazia Ricevuta, "für empfangene Gnade". Die Wiederholung dieser drei Buchstaben verwandelt den Kirchenraum selbst in eine sichtbare Chronik zahlloser individueller Gelübde.
Gerade bei einem Heiligtum wie dem Rimedio sind Ex voto weit mehr als illustrative Andachtsgegenstände. Sie dokumentieren in materieller Form, mit welchen Sorgen Menschen den Kultort aufsuchten: Krankheit, Unfälle, gefährliche Reisen, Krieg, familiäre Not und andere Lebenskrisen. Ein gemaltes Bild kann den Augenblick eines Unglücks festhalten; eine anatomische Votivgabe bezeichnet den Körperteil, dessen Heilung erbeten wurde; ein silbernes Herz verdichtet Dank und Erinnerung in einem standardisierten, aber persönlich gemeinten Zeichen. Fotografien führen diese Praxis in die moderne Bildkultur über. Die Votivsammlung bildet damit ein Archiv religiöser Erfahrung, in dem große historische Ereignisse und individuelle Lebensgeschichten nebeneinanderstehen.
Die Überlieferung ist allerdings lückenhaft. Neuere Forschungen weisen ausdrücklich darauf hin, dass im Laufe der Zeit Tausende ältere Ex voto verlorengegangen sind und kein historisches Gesamtinventar angelegt wurde. Umbauten, Neuordnungen des Innenraumes, Beschädigung oder Entsorgung haben den Bestand stark verändert. Was heute erhalten ist, kann deshalb nicht als vollständiges Bild der früheren Votivkultur betrachtet werden. Gerade die erhaltenen Stücke gewinnen dadurch zusätzlichen dokumentarischen Wert. Die Restaurierung ausgewählter älterer Ex voto zeigt zugleich ein gewachsenes Bewusstsein dafür, dass diese Gegenstände nicht nur fromme Erinnerungsstücke, sondern kulturhistorische Quellen sind.
Wie konkret die individuelle Votivpraxis im 19. Jahrhundert war, zeigt ein Eintrag des Kanonikers Salvator Angelo De Castro. Nachdem seine schwer erkrankte Nichte Giuseppina genesen war, notierte er am 14. Oktober 1864 in seinen privaten Aufzeichnungen, dass er selbst ein gerahmtes Sonett zum Rimedio gebracht habe, um sein Gelübde gegenüber der Madonna zu erfüllen. Ein literarischer Text wurde hier zum Ex voto: Nicht nur Silber, Wachs oder Bildtafeln konnten Dank ausdrücken, sondern auch ein eigens geschaffenes Gedicht, das gerahmt und am Kultort niedergelegt wurde.
Noch wichtiger für die Reichweite der Wallfahrt ist ein Bericht des Priesters Silvio Basilio Fadda Piras aus dem Jahr 1874. Er beschreibt das Rimedio bereits als weithin bekanntes Heiligtum, zu dem Sarden besonders in den Monaten Mai und September kamen, um religiöse Versprechen zu erfüllen. Als dauerhafte Zeichen der erhaltenen Gnaden, so berichtet er, hingen zahlreiche Votivgaben geordnet an den Innenwänden. Diese Beschreibung belegt, dass der Wallfahrtsort im 19. Jahrhundert keineswegs nur lokale Bedeutung für Oristano hatte. Pilgerreise, Gelübde und Ex voto waren damals bereits so charakteristisch, dass sie einem zeitgenössischen Beobachter als wesentliche Kennzeichen des Heiligtums erschienen.
Eine besondere Gruppe innerhalb der Votivüberlieferung bilden die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Am 11. Mai 1919 führte Erzbischof Ernesto Maria Piovella eine große Wallfahrt von Heimkehrern zum Rimedio. Aus verschiedenen Gemeinden wurden silberne Herzen gestiftet, mit denen für die Rückkehr aus dem Krieg gedankt wurde. Solche Gaben verbinden individuelle Frömmigkeit mit einer kollektiven Erfahrung von Mobilisierung, Front, Verwundung, Gefangenschaft und Heimkehr.
Volkskundlich ist daran besonders aufschlussreich, dass die Dankhandlung nicht beim privaten Gebet stehenblieb. Die Heimkehrer erschienen als erkennbare Gruppe am Heiligtum; Gemeinden stifteten gemeinsam Votivzeichen, und die Erinnerung an das Überleben wurde in den öffentlichen Kult integriert. Das Heiligtum wurde dadurch zum Speicher einer Erfahrung, die nahezu jede Familie betroffen hatte. Die silbernen Herzen stehen zugleich für eine lange europäische Votivtradition und für ein sehr konkretes Ereignis des frühen 20. Jahrhunderts.
Der Weg zum Heiligtum ist bis heute ein wesentlicher Teil der Rimedio-Wallfahrt. Von Oristano aus ziehen beziehungsweise gehen Gläubige zu Fuß in Richtung Donigala und zur Basilika. Lokale Erinnerungen berichten, dass noch im 20. Jahrhundert manche Pilger den Weg barfuß zurücklegten, entweder aus älteren Alltagsgewohnheiten heraus oder ausdrücklich als Gelübde. Solche Aussagen lassen sich nicht für jede Zeit und jede Pilgergruppe verallgemeinern, doch sie passen zu einer gut belegten religiösen Praxis, bei der körperliche Mühe als Teil der versprochenen Wallfahrt verstanden wird.
Die Bewegung aus der Stadt hinaus besitzt eine eigene Dramaturgie. Das Heiligtum liegt nahe genug, um zu Fuß erreichbar zu sein, aber weit genug vom historischen Zentrum entfernt, dass der Gang dorthin als bewusst vollzogener Weg erfahren werden kann. Die Brücke über den Tirso, die Ausfallstraßen und der zunehmende Zustrom anderer Pilger markieren Etappen auf dem Weg. Während des Septemberfestes wird diese individuelle Bewegung zu einem sichtbaren Massenphänomen: Die Straße gehört zeitweise nicht nur dem Alltagsverkehr, sondern den Menschen, die zu Messe, Beichte, Novene oder zur Erfüllung eines Gelübdes unterwegs sind.
Zur religiösen Klangwelt des Heiligtums gehören die sardischen gosos, strophische geistliche Lobgesänge, die bei zahlreichen sardischen Heiligen- und Marienkulten einen festen Platz besitzen. Für Nostra Signora del Rimedio ist die Textüberlieferung ungewöhnlich gut untersucht. Handschriftliche Fassungen, Drucke und liturgisch-volksfromme Gebrauchsformen lassen erkennen, dass der Text im Laufe der Zeit erweitert und verändert wurde. Antioco Melis veröffentlichte die Gosos in seiner 1920 erschienenen Darstellung des Heiligtums; spätere Forschungen verglichen diese Fassung mit älteren und jüngeren Varianten.
Inhaltlich wird Maria als himmlische Schatzmeisterin, Trösterin, Fürsprecherin und Spenderin des "Rimedio" für menschliche Not angerufen. Der Begriff rimedio ist dabei weit mehr als eine medizinische Metapher. Er bezeichnet Hilfe gegen Krankheit und Bedrängnis, wird aber zugleich auf Sünde, Angst und die Gefährdung des ganzen Lebens ausgeweitet. In der Abfolge der Strophen lässt sich der reale Pilgerweg zum Heiligtum mit einem geistlichen Lebensweg verbinden: Menschen suchen das Rimedio auf und bitten dort um jenes "Heilmittel", das sie in ihrer jeweiligen Not benötigen.
Die Gosos machen deutlich, dass sich Wallfahrt nicht allein in Bewegung und Bildverehrung ausdrückt. Auch Sprache und Gesang formen den Kultort. Wiederkehrende Melodien und Verse werden von Generation zu Generation weitergegeben, teilweise verändert und an neue religiöse Akzente angepasst. Die Gemeinschaft singt dabei nicht über eine abstrakte Madonna, sondern über "ihre" Nostra Signora del Rimedio, deren Heiligtum, Fest und Bild mit den Worten unmittelbar verbunden sind.
Der 7. September 1952 bildet einen der wichtigsten Einschnitte in der jüngeren Geschichte des Heiligtums. Auf der Piazza Roma in Oristano wurde das Gnadenbild im Auftrag Papst Pius' XII. durch Kardinal Federico Tedeschini feierlich gekrönt. Zeitgenössische Fotografien und spätere Erinnerungsberichte dokumentieren eine außerordentlich große Beteiligung. Die Krönung war nicht lediglich eine liturgische Auszeichnung des Bildes; sie bestätigte öffentlich die Bedeutung der Madonna del Rimedio für Stadt und Erzdiözese und wurde selbst zu einem jährlich erinnerten Kultdatum.
Zwei Jahre später erklärte Pius XII. Nostra Signora del Rimedio gemeinsam mit dem heiligen Märtyrer Archelaos zur himmlischen Patronin der Erzdiözese Oristano. In der Folge erhielt auch das Heiligtum eine weitere kirchenrechtliche Aufwertung. Mit dem Apostolischen Schreiben Templa Dei vom 26. April 1957 erhob Pius XII. die Kirche zur Basilica minor. Der Wortlaut des päpstlichen Dokuments ist für die Wallfahrtsgeschichte besonders aufschlussreich: Er begründet die Auszeichnung ausdrücklich mit der starken Verehrung und dem großen Zustrom von Gläubigen, die aus fast ganz Sardinien und auch vom italienischen Festland als Pilger zum Rimedio kamen, besonders in den Monaten Mai, September und Oktober.
Damit liegt für die Mitte des 20. Jahrhunderts ein außergewöhnlich klarer kirchenamtlicher Nachweis des Wallfahrtsstatus vor. Die Basilica minor war nicht bloß Ehrentitel für ein kunsthistorisch bedeutendes Gebäude, sondern die Anerkennung eines tatsächlich stark frequentierten Pilgerheiligtums. Zugleich wurde eine Entwicklung abgeschlossen, die mehrere Jahrhunderte zuvor mit der kleinen Pfarrkirche von Nuracraba begonnen hatte.
Der jährliche Höhepunkt liegt Anfang September. Der 7. September wird als Hochfest Nostra Signora del Rimedio und als Erinnerung an die Krönung begangen; der 8. September, das Fest Mariä Geburt, ist zugleich die große volkstümliche Festfeier des Rimedio. Der 9. September ist in der neueren Festordnung besonders Maria als Salus Infirmorum, dem Heil der Kranken, gewidmet. Der Hauptfeier geht eine Novene voraus, die Rosenkranz, Predigt, Beichte, Gottesdienst und traditionelle Gebetsformen verbindet. In jüngerer Zeit wird darüber hinaus eine zweite Novene nach den Hauptfesttagen gepflegt.
Das Ausmaß des Pilgerandranges zeigt sich an den Festtagen bereits in der Zahl der Gottesdienste. Am 8. September beginnen die Messen traditionell sehr früh am Morgen und folgen über viele Stunden in kurzen Abständen. Dies ist weniger Ausdruck eines liturgischen Überangebotes als eine praktische Antwort auf die große Zahl der Gläubigen. Der Besuch ist dabei nicht auf einen einzigen Festgottesdienst konzentriert; vielmehr entsteht über den ganzen Tag ein fortwährender Wechsel von Ankommenden und Aufbrechenden, Gebet, Beichte, Kerzenopfer, Begegnung und Aufenthalt im Umfeld der Basilika.
Prozessionen verbinden das Heiligtum zugleich mit der Stadt. Zu besonderen Jubiläen und Festprogrammen wird das Gnadenbild aus der Basilika nach Oristano beziehungsweise von dort wieder zum Rimedio getragen. Dabei werden historisch bedeutende Orte wie die Piazza Roma, der Schauplatz der Krönung von 1952, erneut in die Kultlandschaft einbezogen. Die Statue verlässt in solchen Momenten ihren gewohnten Altarraum, doch die Prozession dient gerade dazu, ihre Beziehung zwischen Stadt, Erzdiözese und Heiligtum sichtbar zu machen.
Wie bei vielen großen Wallfahrten endet die religiöse Praxis nicht an der Kirchentür. Zum Septemberfest gehören seit langem Verkaufsstände, Essensplätze und Händler. In jüngerer Zeit werden die Stellplätze von der Stadt Oristano offiziell vergeben; die Zahl der Bewerbungen und die notwendigen Verkehrsregelungen zeigen, dass die Wallfahrt auch heute erhebliche Auswirkungen auf den öffentlichen Raum hat. Neben religiösen Gegenständen, Kerzen und Bildern gehören Lebensmittel und gemeinsames Essen zu den auffälligsten Elementen des Festes.
Besonders stark mit dem Rimedio verbunden sind die großen Grillstände, an denen Meeräschen aus dem Gebiet von Cabras, Aale, Tintenfische und anderes Fischgericht, daneben Schweinefleisch und weitere Speisen angeboten werden. Mostaccioli, Torrone, Käse und Vernaccia erscheinen in älteren und neueren Beschreibungen ebenfalls als Bestandteile dieser Festökonomie. Der Rauch der Grillstellen, der Geruch von Fisch und Fleisch, das Stimmengewirr der Händler und die religiösen Gesänge aus der Basilika bilden eine sinnlich dichte Festlandschaft.
Eine solche Verbindung von Wallfahrt und Markt ist historisch keineswegs widersprüchlich. Große religiöse Feste waren seit Jahrhunderten auch Termine des Austausches, der Begegnung und des Handels. Menschen, die von weiter her anreisten, mussten essen, übernachten, Waren erwerben oder mitbringen; zugleich bot die große Menschenmenge Gelegenheit für Händler und Produzenten. Beim Rimedio ist diese doppelte Struktur bis heute sichtbar. Die religiöse Feier bleibt der Anlass, doch um sie herum entsteht für einige Tage ein sozialer Raum, in dem Familie, Bekannte, Pilger und Besucher zusammenkommen.
Nostra Signora del Rimedio gehört zu jenen Wallfahrtsorten, deren Bedeutung weniger aus einer einzigen spektakulären Gründungslegende als aus einer langen Folge dokumentierter religiöser Praktiken hervorgeht. Die Pfarrkirche von Nuracraba ist 1665 sicher belegt; nach dem Untergang des Dorfes blieb sie bestehen und entwickelte sich zum überörtlichen Heiligtum. Im 19. Jahrhundert sind Pilger aus verschiedenen Teilen Sardiniens, Votivgaben und die Erfüllung von Gelübden ausdrücklich dokumentiert. Die materielle Kultur der Ex voto, das frühneuzeitliche Gnadenbild, die Fußwallfahrt und die Gosos geben dieser Geschichte eine ungewöhnliche Dichte.
Gerade die Votivüberlieferung zeigt, dass der Kult nicht nur in kirchlichen Verordnungen oder großen Festen bestand. Menschen brachten ihre persönliche Lebensgeschichte in die Basilika: als silbernes Herz, Fotografie, gemaltes Unglück, nachgebildeten Körperteil, Gedicht oder kleine Marmortafel mit den drei Buchstaben P.G.R. Aus der Summe solcher Einzelhandlungen entstand eine kollektive Erinnerung, die den Kirchenraum über Generationen prägte. Dass ein erheblicher Teil dieser Zeugnisse verloren ist, gehört ebenfalls zur Geschichte des Ortes und mahnt zu einem sorgfältigen Umgang mit den noch vorhandenen Stücken.
Die große Krönung von 1952, die Erhebung der Madonna zur Patronin der Erzdiözese und der Basilika-Titel von 1957 stellten daher nicht den Beginn des Kultes dar, sondern kirchliche Bestätigungen einer bereits lange bestehenden Wallfahrt. Bis heute erfüllt das Rimedio dieselbe grundlegende Funktion: Es ist ein Ort, an dem Menschen aus Oristano und aus einem weiteren sardischen Einzugsgebiet Bitte, Gelübde, Dank und gemeinschaftliche Festteilnahme miteinander verbinden. Gerade diese Kontinuität macht das Heiligtum zu einem bedeutenden Zeugnis sardischer Marien- und Wallfahrtskultur.
Casu, Maurizio; Cau, Raffaele; Serra, Maria Grazia; Motzo, Maria Antonietta; Mele, Giampaolo; Obino, Francesco; Fodde, Anna Rita; Sanna, Antonello: Nostra Signora del Rimedio di Oristano. Storia, fede e devozione. Oristano: Camelia Edizioni 2022.
Melis, Antioco: Il Santuario del Rimedio presso Oristano (Sardegna). 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Milano: Tipografia e Libreria Pontificia ed Arcivescovile Romolo Ghirlanda 1920.
Fadda Piras, Silvio Basilio: Beschreibung des Santuario di Nostra Signora del Rimedio und der Votivwallfahrt, 1874; wiedergegeben und ausgewertet in der neueren Forschung zum Heiligtum.
Archiv- und Memorialüberlieferung Salvator Angelo De Castros, Eintrag vom 14. Oktober 1864 zur Erfüllung eines Gelübdes am Rimedio; ausgewertet in Nostra Signora del Rimedio di Oristano. Storia, fede e devozione, 2022.
Pinna: Gosos de Nostra Sennora de su Remédiu: testo, storia, teologia. Textkritische Untersuchung der handschriftlichen und gedruckten Überlieferung der Rimedio-Gosos.
Ministero della Cultura, Catalogo generale dei Beni Culturali: Madonna del Rimedio. Madonna con Bambino, Holzstatue, 1600-1624, Katalognummer 2000134348.
Ministero della Cultura, Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio: Dokumentation und Genehmigung zur Restaurierung der Skulptur Madonna del Rimedio, 2022, sowie Restaurierungsdokumentationen zu ausgewählten Ex voto.
Arcidiocesi di Oristano: historische Dokumentationen zur Basilica di Nostra Signora del Rimedio, zur Krönung des Gnadenbildes am 7. September 1952, zur Novene, zu den Gosos und zur Wallfahrtstradition.
Pius XII.: Apostolisches Schreiben Templa Dei, 26. April 1957, zur Erhebung der Kirche Nostra Signora del Rimedio zur Basilica minor; Acta Apostolicae Sedis 50 (1958), S. 147-148.
Comune di Oristano: Dokumentationen zur Festa di Nostra Signora del Rimedio, zu Prozessionen, Pilgerverkehr und den traditionellen Markt- und Verkaufsflächen während der Septemberfeiern.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher