Santuario di Nostra Signora di Gonare
Orani / Sarule, Wallfahrtsheiligtum Nostra Signora di Gonare

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historisch weit zurückreichende und bis heute lebendige Marienwallfahrt auf den Monte Gonare; Hauptfest am 8. September mit Novene, gosos und Kreuzweg, weitere Wallfahrt am 25. März mit dem Votivbrot su pane 'e vintichimbe sowie Feier der Marienkrönung am letzten Maisonntag.
Status:Lebendiger überregionaler Wallfahrtsort der Diözese Nuoro; gemeinsamer Kultort der Pfarrgemeinden Sant'Andrea Apostolo in Orani und San Michele Arcangelo in Sarule.
Kultzentrum:Madonna mit dem Jesuskind; mit dem Marienbild verbunden sind die mittelalterliche Gründungsüberlieferung, die Gipfelwallfahrt, die Novene und eine ausgeprägte sakrale Topographie des letzten Aufstiegs.
Ort:Monte Gonare, auf dem Grenzkamm zwischen Orani und Sarule, Provinz Nuoro.
Region:Sardinien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Das Heiligtum liegt knapp unter dem 1083 Meter hohen Gipfel des Monte Gonare. Die Zufahrt führt von Orani beziehungsweise Sarule bis in den Bereich von Sa Corte; der letzte Abschnitt zur Kirche wird zu Fuß auf einem steilen, teilweise in den Fels gearbeiteten Pilgerweg zurückgelegt.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
• Ansicht in Street View (Luftbild)
•Kirchliche Zugehörigkeit: Diözese Nuoro; der Kultort ist historisch zwischen den Pfarren Sant'Andrea Apostolo in Orani und San Michele Arcangelo in Sarule geteilt.
•Die Zugänglichkeit der Bergkirche ist außerhalb der Fest- und Gottesdienstzeiten nicht mit jener einer städtischen Kirche vergleichbar; aktuelle Mess- und Öffnungszeiten sollen vor dem Aufstieg bei den Pfarren von Orani oder Sarule geprüft werden.
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten des Monte Gonare und des Heiligtums, der felsige letzte Pilgerweg, die Kirche von außen und innen, Chor und Gewölbe, die Madonna mit Kind, die Glocke von 1587, die cumbessias beim Heiligtum und bei Sa Corte, die als su brazzolu und s'imbaradorgiu bezeichneten Felsstellen, die Handspur der Madonna, das Votivbrot su pane 'e vintichimbe, die Novene, gosos, Kreuzweg, Fußwallfahrer sowie die Feierlichkeiten am 8. September.

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Ausführliche Beschreibung

Ein gemeinsamer Wallfahrtsberg von Orani und Sarule

Das Santuario di Nostra Signora di Gonare, sardisch auch Nostra Segnora de Gonari, liegt in einer für die Kultgeschichte ungewöhnlichen Grenzsituation auf dem Monte Gonare zwischen Orani und Sarule in der Barbagia. Der aus mehreren markanten Gipfeln aufgebaute Bergstock erreicht am Gonare 1083 Meter, während Gonareddu 1045 Meter und Punta Lotzori 976 Meter hoch sind. Die Kirche steht knapp unter dem höchsten Punkt und ist dadurch nicht nur landschaftlich weithin sichtbar, sondern bildet auch den Endpunkt eines körperlich anspruchsvollen Aufstiegs, dessen letzter Abschnitt auf einem teilweise aus dem Fels herausgearbeiteten Weg zur Gipfelkirche führt. Die Lage ist dabei nicht bloß eine topographische Besonderheit: Eine Seite des Heiligtums wird traditionell der Pfarre Sant'Andrea Apostolo in Orani, die andere der Pfarre San Michele Arcangelo in Sarule zugerechnet; entsprechend geteilt beziehungsweise gemeinsam verwaltet wurden und werden auch Teile der Pilgerunterkünfte. Die beiden Gemeinden besitzen damit keinen bloß benachbarten, sondern einen im wörtlichen Sinn gemeinsamen Kultort.

Die Wallfahrt nach Gonare gehört zu jenen sardischen Bergwallfahrten, bei denen der religiöse Ort nicht erst an der Kirchentür beginnt. Der Weg, die Höhe, die Rastplätze, die cumbessias, die überlieferten Felszeichen und die wiederkehrende Bewegung zahlreicher Pilger auf den Berg bilden gemeinsam eine sakrale Landschaft. Gerade diese Verbindung von naturräumlicher Besonderheit, Erinnerung, Legende und ritualisiertem Aufstieg erklärt, weshalb Gonare über Orani und Sarule hinaus für weite Teile Zentralsardiniens Bedeutung gewann. Die Wallfahrt ist bis heute lebendig; besonders zur Novene Ende August und Anfang September steigen zahlreiche Gläubige zum Heiligtum auf, und das Fest am 8. September verbindet Liturgie, gemeinschaftliche Anwesenheit auf dem Berg und Formen der Festkultur, die sich über Generationen ausgebildet haben.

Gonario II., die Reise ins Heilige Land und die Gründungsüberlieferung

Die Entstehungslegende des Heiligtums knüpft an eine historisch fassbare Persönlichkeit des sardischen Mittelalters an: Gonario II. von Torres, einen der Herrscher des sogenannten Judikats von Torres. Historisch belegt ist, dass Gonario 1147 eine Reise beziehungsweise Wallfahrt nach Jerusalem unternahm; diese Reise fiel in die Zeit des Zweiten Kreuzzuges, doch weisen neuere historische Untersuchungen darauf hin, dass Gonarios eigener Aufenthalt im Heiligen Land in erster Linie als religiöse Pilgerfahrt und nicht einfach als militärische Kreuzzugsteilnahme beschrieben werden sollte. Auf der Rückreise kam er mit dem zisterziensischen Reformmilieu um Bernhard von Clairvaux in Verbindung und förderte in der Folge die Ansiedlung der Zisterzienser in seinem Herrschaftsgebiet. Diese historisch belegten Beziehungen zu Jerusalem und zum Zisterzienserorden bilden den realen Hintergrund, vor dem sich die spätere Gründungslegende von Gonare entwickelte.

Nach der Überlieferung geriet Gonario auf der Rückfahrt über das Meer in einen schweren Sturm und gelobte Maria, im Fall seiner Rettung auf dem ersten Stück seiner Heimat, das er wieder erblicken werde, eine Kirche zu errichten. Darauf sei der Gipfel des Monte Gonare sichtbar geworden oder, in einer verbreiteten Variante, von einem besonderen Licht erhellt worden. Andere Fassungen erzählen von einer Frau mit einem Kind, die Gonario den Berg gewiesen habe und anschließend verschwunden sei, worauf er sie als Erscheinung der Madonna verstand. Der Berg und das Heiligtum werden in dieser Erzählung durch das Gelübde des Herrschers miteinander verbunden, und schon der Name Gonare wird volksetymologisch auf Gonario bezogen.

Zwischen dieser Kultlegende und der Baugeschichte ist jedoch deutlich zu unterscheiden. Gonarios Pilgerfahrt nach Jerusalem im Jahr 1147 ist historisch belegt; dass er auf dem Monte Gonare nach einem Sturm tatsächlich eine Kirche stiftete, ist dagegen eine spätere religiöse Überlieferung, für die kein zeitgenössischer Gründungsakt bekannt ist. Auch die heute sichtbare Kirche gehört in ihrer wesentlichen Gestalt nicht in das 12. Jahrhundert. Gleichwohl ist eine ältere Kultstätte am Berg keineswegs ausgeschlossen. Die schriftlichen Belege setzen jedenfalls im 14. Jahrhundert ein, während die heutige Baugestalt vor allem aus der großen Erneuerungs- und Erweiterungsphase des frühen 17. Jahrhunderts hervorging.

Vom mittelalterlichen Kultplatz zur Kirche des 17. Jahrhunderts

Für die erste urkundliche Erwähnung ist eine quellenkritische Vorsicht notwendig, weil die moderne Literatur unterschiedliche Jahreszahlen nennt. Die Rationes Decimarum Italiae. Sardinia, die Pietro Sella 1945 edierte, werden übereinstimmend als früher schriftlicher Beleg für einen Rektor beziehungsweise eine kirchliche Einrichtung von Gonare herangezogen. Neuere Darstellungen datieren den betreffenden Eintrag jedoch teils auf 1341, teils auf 1391. Da beide Zahlen in aktuellen wissenschaftsnahen beziehungsweise institutionellen Darstellungen vorkommen, sollte ohne unmittelbare Neuauswertung der Edition nicht eine scheinbar gesicherte Einzelzahl wiederholt werden. Sicher ist, dass Gonare im 14. Jahrhundert als kirchlicher Ort fassbar wird. Im 16. Jahrhundert erscheint das Heiligtum erneut bei Giovanni Francesco Fara in dessen Beschreibung Sardiniens; eine erhaltene Glocke trägt die Jahreszahl 1587 und belegt die Nutzung des Kultortes unmittelbar vor dem großen frühneuzeitlichen Ausbau.

Besonders wichtig ist die Pastoralvisitation des Algherer Bischofs Nicolò Cannavera im Jahr 1608. Sie zeigt, dass am Heiligtum damals bereits umfangreiche Bau- und Erneuerungsarbeiten im Gang waren. Die Arbeiten wurden in den folgenden Jahren fortgeführt und um 1618/1619 abgeschlossen; das staatliche italienische Denkmalinventar führt den Komplex in seinem wesentlichen Bestand entsprechend seit 1618. Die Kirche erhielt damit jene Größe und Gestalt, die sie deutlich von vielen kleineren sardischen Landkirchen unterscheidet. Das einschiffige Innere bewahrt spätgotische beziehungsweise katalanisch-gotische Formelemente, insbesondere Spitzbögen, Rippen und das Gewölbe des erhöhten Presbyteriums. Trachyt wurde für konstruktive und dekorative Bauteile verwendet; auch Rosenfenster beziehungsweise rosettenartige Elemente aus Trachyt gehören zum charakteristischen Erscheinungsbild. In der Literatur wurden einzelne Motive wegen Gonarios historischer Beziehungen zu den Zisterziensern mit zisterziensischer Symbolik in Verbindung gebracht; eine solche Deutung ist jedoch von der gesicherten Bauchronologie des frühen 17. Jahrhunderts zu unterscheiden und darf nicht als unmittelbarer Nachweis einer mittelalterlichen zisterziensischen Bauhütte verstanden werden.

Das Marienbild selbst ist ebenfalls nur mit Vorsicht zu datieren. Im Heiligtum wird eine Madonna mit dem Jesuskind verehrt; eine spätere Darstellung bezeichnet das Simulakrum als um 1618 entstanden, während Berichte über die Visitation von 1608 bereits ein verehrtes Marienbild beziehungsweise eine Statue im Heiligtum voraussetzen. Ohne eine eigene kunsthistorische Objektuntersuchung ist daher offen, ob die Angaben dasselbe heute vorhandene Objekt betreffen oder ob unterschiedliche Zustände beziehungsweise Ausstattungsphasen miteinander vermischt wurden. Für die Wallfahrtsgeschichte ist entscheidend, dass die Madonna von Gonare spätestens im frühen 17. Jahrhundert als konkretes Kultzentrum der Bergkirche fassbar ist.

Cumbessias, Novene und die zeitweilige Pilgergemeinschaft auf dem Berg

Volkskundlich besonders bedeutend sind die cumbessias, jene kleinen, vielfach mit Vorhallen versehenen Pilgerunterkünfte, die für zahlreiche ländliche Heiligtümer Sardiniens charakteristisch sind. Ein älterer Kern liegt unmittelbar bei der Kirche, weitere Unterkünfte befinden sich tiefer am Berg im Bereich von Sa Corte. Sie dienten und dienen nicht bloß dazu, eine Nacht in der Nähe des Heiligtums zu verbringen. Während einer Novene entsteht durch die längere Anwesenheit von Familien, Pilgern und kirchlichen Gruppen eine zeitweilige religiöse Gemeinschaft, in der Gebet, gemeinsames Essen, Verwandtschaftskontakte, Gespräche, Handel und Festgeschehen miteinander verbunden sind. Die cumbessias machen damit sichtbar, dass Wallfahrt in Sardinien nicht ausschließlich als kurzer Weg zu einem Gnadenbild verstanden werden kann, sondern zeitweise eine eigene soziale Ordnung um das Heiligtum hervorbringt.

Eine im Universitätsprojekt LUDiCa dokumentierte Erinnerung an die Festzeit der 1950er- und 1960er-Jahre beschreibt diesen Zusammenhang sehr anschaulich. Kinder und Jugendliche gingen früh am Morgen zu Fuß über den alten Saumweg hinauf; nach der Ankunft gab es Kaffee und Gebäck, tagsüber folgten Gottesdienst, Mahlzeiten unter den Bäumen, Verkaufsstände, Gesang und Tanz, während der religiöse Tageslauf durch Novene und Rosenkranz bestimmt blieb. Der abendliche Rosenkranz konnte dabei jeweils vor einer anderen cumbessia gebetet werden. Gerade diese Verbindung von Frömmigkeit, zeitweiliger Nachbarschaft und Festlichkeit ist für das sardische Novenariowesen kennzeichnend und zeigt, weshalb die Pilgerunterkünfte selbst zum Bestandteil des Wallfahrtsortes geworden sind.

Auch die wirtschaftliche Seite des Kultes ist historisch belegt. Ein Dokument aus den 1870er-Jahren beschreibt das Vermögen der Madonna von Gonare auf Seiten Oranis und nennt unter anderem Vieh sowie eine Reihe von Verkaufsständen beziehungsweise botteghe, für deren Nutzung während des Festes Abgaben entrichtet wurden. Der Ertrag diente dem Unterhalt der Kirche und ihrer Ausstattung. Solche Quellen machen deutlich, dass ein großer Wallfahrtsort zugleich eine wirtschaftlich organisierte Institution war: Opfer, Stiftungen, Viehbesitz, Marktstände und die Versorgung der Pilger bildeten ein Geflecht, das weit über den eigentlichen Gottesdienst hinausreichte.

Su pane 'e vintichimbe, gosos und der Festkalender

Der Jahreslauf von Gonare besitzt mehrere feste religiöse Termine. Am 25. März, dem Fest der Verkündigung des Herrn, wird traditionell su pane 'e vintichimbe, das "Brot des Fünfundzwanzigsten", bereitet und an Gläubige und Pilger verteilt. Bereits die Quelle aus den 1870er-Jahren berichtet von diesem Votivbrot und davon, dass am Vortag im Dorf eine Sammlung zur Finanzierung der Gabe durchgeführt wurde, wobei ein Marienbild beziehungsweise Simulakrum mitgeführt wurde; die Bruderschaften und Pilger erhielten am Heiligtum Brot und Wein. Der Brauch gehört damit zu den seltenen Fällen, in denen eine bis in die Gegenwart fortgeführte Speisegabe nicht nur als Erinnerung erzählt, sondern auch in einer älteren Verwaltungsquelle greifbar wird. Das Brot ist dabei zugleich Votivgabe, Pilgerspeise und Zeichen der gemeinschaftlichen Teilnahme am Marienfest.

Am letzten Sonntag im Mai wird der Krönung der Madonna gedacht. Das Hauptfest ist jedoch die festa grande am 8. September, dem Fest Mariä Geburt. Ihm geht eine mehrtägige Novene voraus, zu der Gottesdienste, Beichtgelegenheiten, Rosenkranz, Kreuzweg und die sardischen religiösen Lobgesänge, die gosos, gehören. Die traditionelle Organisation spiegelt die gemeinsame Zugehörigkeit von Gonare zu Orani und Sarule: Eine mindestens in das 18. Jahrhundert zurückreichende Vereinbarung sieht die abwechselnde Verantwortung beider Orte vor, in der überlieferten Ordnung Orani in geraden und Sarule in ungeraden Jahren. Neuere kirchliche Zusammenarbeit hat diese alte Teilung nicht aufgehoben, aber die gemeinsame Verantwortung beider Pfarrgemeinden stärker hervortreten lassen.

Der Festtermin am 8. September zieht Pilger aus einem größeren Gebiet an und bewahrt bis heute den Charakter einer Bergwallfahrt, bei der der Aufstieg selbst Teil der religiösen Erfahrung ist. Viele Pilger gehen auf alten Wegen zu Fuß, während die cumbessias und Sa Corte während der Festtage erneut zu einem belebten religiösen Zentrum werden. Das gemeinsame Singen der gosos, die liturgischen Feiern und der Aufenthalt am Berg verbinden individuelle Frömmigkeit mit einer weithin sichtbaren gemeinschaftlichen Aneignung des Heiligtums.

Die sakrale Topographie des letzten Aufstiegs

Eine besondere Bedeutung besitzt der letzte, steile Wegabschnitt von Sa Corte hinauf zur Kirche. Entlang des in den Fels eingetieften Pilgerweges werden einzelne natürliche oder bearbeitete Felsformen mit Episoden aus der lokalen Marienüberlieferung verbunden. Dazu gehört su brazzolu, die "Wiege", an der das Jesuskind abgelegt worden sein soll, ferner s'imbaradorgiu, ein wie ein Sitz gedeuteter Stein, auf dem die Madonna geruht habe, sowie eine kleine Vertiefung, die als Abdruck ihrer Hand interpretiert wird. Solche Stellen sind für die Wallfahrtsforschung deshalb wichtig, weil sie zeigen, wie eine Kultlegende die Landschaft strukturiert: Der Fels wird nicht lediglich als geologischer Untergrund wahrgenommen, sondern erhält durch Benennung und Erzählung eine religiöse Biographie.

Der Pilger begegnet der Madonna damit nicht erst vor dem Altar. Schon auf dem Weg werden Stationen erzählt und gezeigt, an denen ihre Anwesenheit gedacht wird. Der Aufstieg wird zu einer Folge erinnerter Berührungen, und natürliche Formen werden zu sichtbaren Zeichen der Legende. Gerade im Zusammenhang mit einem Bergheiligtum, dessen Gründungsüberlieferung selbst vom Erblicken des Gipfels aus dem Meer handelt, entsteht auf diese Weise eine besonders dichte Verbindung zwischen Landschaft und Kult. Die Wallfahrt erschließt den Berg nicht nur praktisch, sondern erzählerisch.

Konflikt um das Gnadenbild, Weihe von 1912 und Krönung von 1972

Am 27. Mai 1912 wurde die Kirche durch Ernesto Maria Piovella, damals Bischof von Alghero, feierlich konsekriert. Die Zugehörigkeit des Heiligtums hatte sich im Lauf der Geschichte mehrfach mit den Diözesangrenzen verändert; heute gehören Orani und Sarule zur Diözese Nuoro. Eine für die jüngere Kultgeschichte besonders aufschlussreiche Episode ereignete sich 1958 im Zusammenhang mit einer Peregrinatio des Marienbildes durch Orte der Diözese. Nach späteren kirchlichen und lokalen Darstellungen war vorgesehen, die Madonna am Ende dieser Reise in Nuoro feierlich zu krönen. In Orani und Sarule stieß der Plan, die Krönung außerhalb des Bergheiligtums vorzunehmen, auf entschiedenen Widerstand.

Die Überlieferung berichtet, dass Bewohner beider Gemeinden die Statue in Sarule an sich nahmen, zu Fuß nach Gonare zurückbrachten und dort so befestigten, dass eine neuerliche Verbringung verhindert wurde. Einzelheiten dieser Erzählung sind vor allem durch spätere Berichte und lokale Erinnerung überliefert und sollten daher nicht in jedem Detail wie ein amtliches Protokoll behandelt werden. Der Kern des Konfliktes wird jedoch auch in neueren Dokumentationen der sardischen Pilgerwege bestätigt: Orani und Sarule bestanden darauf, dass das Gnadenbild und seine feierliche Krönung an den angestammten Wallfahrtsort gebunden bleiben sollten. Der Vorgang ist ein bemerkenswertes Beispiel für die Ortsgebundenheit eines Kultbildes. Das Bild wird von der Kultgemeinschaft nicht als beliebig transportierbares Kunst- oder Andachtsobjekt verstanden, sondern als Bestandteil eines konkreten heiligen Ortes, dessen Bedeutung aus Berg, Kirche, Pilgerweg und gemeinschaftlicher Erinnerung hervorgeht.

Die feierliche Krönung fand schließlich am 28. Mai 1972 auf dem Monte Gonare statt. Anwesend waren die sardischen Bischöfe sowie Kardinal Sebastiano Baggio; die Überlieferung und mehrere spätere Darstellungen sprechen von rund 50.000 Teilnehmern. Unabhängig von der exakten Zählung zeigt diese außergewöhnlich große Beteiligung die überörtliche Bedeutung des Heiligtums. Die Krönung wurde ihrerseits zu einem neuen Erinnerungsdatum und begründet die Feier am letzten Maisonntag.

Zur historischen und volkskundlichen Einordnung

Nostra Signora di Gonare verbindet mehrere für die sardische Wallfahrtskultur charakteristische Erscheinungen in besonders konzentrierter Form. Der Ort besitzt eine mittelalterlich gerahmte Gründungslegende, die an den historisch belegten Jerusalem-Pilger Gonario II. anknüpft, zugleich aber von der sicher fassbaren Baugeschichte getrennt werden muss. Die Kirche bewahrt eine frühneuzeitliche Gestalt, deren große Ausbauphase durch die Visitation von 1608 und den Abschluss der Arbeiten um 1618/1619 vergleichsweise gut dokumentiert ist. Die cumbessias belegen eine Wallfahrtsform, bei der Pilger zeitweise am Kultort wohnen und eine eigene Festgemeinschaft bilden; mit su pane 'e vintichimbe ist eine traditionelle Votiv- und Speisegabe erhalten, deren historische Organisation bis in das 19. Jahrhundert dokumentiert werden kann.

Hinzu kommt die sakrale Erschließung des Berges selbst. Felsformen, Raststellen und der steile Aufstieg werden durch Erzählungen mit der Madonna verbunden, sodass sich der Kult nicht auf ein einzelnes Bild oder einen Altar beschränkt. Der Berg wird zum Bestandteil des Heiligtums. Schließlich zeigt der Konflikt um das Gnadenbild in der Mitte des 20. Jahrhunderts, wie stark Kultgemeinschaften einen heiligen Gegenstand an seinen Ort binden können. Orani und Sarule teilen nicht nur die Verwaltung eines Heiligtums; sie teilen eine religiöse Landschaft, deren Bedeutung durch wiederholtes Hinaufgehen, zeitweiliges Wohnen, Singen, Essen, Beten und Erzählen immer neu hergestellt wird.

Gerade deshalb ist Gonare nicht lediglich als abgelegene Marienkirche auf einem hohen sardischen Berg zu verstehen. Der Wallfahrtsort dokumentiert über mehrere Jahrhunderte, wie historische Erinnerung, Legende, Architektur, Landschaft, materielle Kultur und gemeinschaftliche Rituale ineinandergreifen. Die Wallfahrt besitzt damit sowohl religionsgeschichtliche als auch volkskundliche Bedeutung und gehört zu den wichtigen Beispielen einer bis in die Gegenwart fortlebenden sardischen Berg- und Marienwallfahrt.

Quellen und Literatur

Sella, Pietro (Hg.): Rationes Decimarum Italiae nei secoli XIII e XIV. Sardinia. Studi e Testi 113. Città del Vaticano 1945.

Coroneo, Roberto: Architettura romanica dalla metà del Mille al primo '300. Nuoro 1993.

Zirottu, Giacomino: Nostra Signora di Gonare. Nuoro: Edizioni Solinas 1996.

Soddu, Alessandro: Un re santo? Gonnario de Lacon giudice di Torres. Appunti per una biografia. In: Attilio Mastino (Hg.), Sindia. Un territorio, una storia, 2018, S. 128-168.

Ministero della Cultura, Catalogo generale dei Beni Culturali / ArCo: Santuario e Cumbessias di Nostra Signora di Gonare, Katalognummer 2000048211.

Università degli Studi di Cagliari, LUDiCa - Laboratorio di Umanistica Digitale: Il santuario di Nostra Signora di Gonare, Projekt "Orani. Spazi del Sacro", 2022.

Archivio Storico Diocesano di Nuoro: Inventar, Bestand Orani, Registro Santuario di Nostra Signora di Gonari, 1955-1977, mit Hinweisen auf die alternierende Verwaltung durch Orani und Sarule.

Diocesi di Nuoro: Dokumentationen zu den Festen und Novenen der Madonna di Gonare sowie zum Brauch su pane 'e vintichimbe.

Regione Autonoma della Sardegna / SardegnaTurismo: Dokumentationen zu Nostra Signora di Gonare und Monte Gonare, insbesondere zu Baugeschichte, Wallfahrt, cumbessias und sakraler Topographie des Aufstiegs.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher