| Wallfahrt: | Seit der Frühen Neuzeit sicher belegte, bis heute lebendige Marienwallfahrt mit älteren mittelalterlichen Kulttraditionen; Hauptfest am 8. September zur Geburt Mariens, dazu Wallfahrten im Mai und Anfang Juni sowie ein siebenjähriger Jubiläumszyklus mit Öffnung der Porta Santa. |
| Status: | Lebendiger Marienwallfahrtsort und Basilika; überregionaler Kultort der Gallura mit der verehrten Madonna "Regina di Gallura". |
| Kultzentrum: | Hölzerne Madonna mit Kind aus dem 18. Jahrhundert, als "Regina di Gallura" verehrt; das Gnadenbild ist mit einer Auffindungslegende verbunden und wurde 1954 feierlich gekrönt. |
| Ort: | Luogosanto, Gallura. |
| Region: | Sardinien. |
| Land: | Italien. |
| • | Die Basilika steht im Zentrum von Luogosanto in der inneren Gallura. Zum größeren sakralen Landschaftsraum gehören zahlreiche Landkirchen sowie insbesondere die Einsiedelei San Trano mit der Überlieferung um die heiligen Eremiten Trano und Nicola. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Kirchliche Zugehörigkeit: Diözese Tempio-Ampurias. Das Heiligtum ist regelmäßig für Gebet und Gottesdienst zugänglich; während Novene, Festa Manna und Jubiläumsjahr gelten erweiterte liturgische Programme. |
| • | Die Porta Santa wird im traditionellen siebenjährigen Rhythmus für zwölf Monate geöffnet. Außerhalb dieser Zeit bleibt sie geschlossen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.
Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen der Basilika, die Granitfassade und die drei Schiffe, das Gnadenbild Nostra Signora di Luogosanto mit Krone und Festkleidung, die Porta Santa mit den Bronzereliefs von Luca Luchetti, historische Votivgaben und der Museumsbestand im ehemaligen Franziskanerkonvent, die Festa Manna di Gaddura am 8. September, Novene, Fèsta di li bandéri und Caracólu di li Bandéri, Fußpilger und nächtliche Wallfahrer, die Einsiedelei San Trano mit Felsenhöhle und Altar sowie weitere Zeugnisse der Wallfahrtskultur in der Landschaft von Luogosanto.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Luogosanto trägt seinen Namen nicht zufällig. Der Ort liegt im Inneren der Gallura in einer von Granitkuppen, Korkeichen, Weideland und verstreuten bäuerlichen Siedlungen geprägten Landschaft und entwickelte sich über Jahrhunderte zu einem religiösen Mittelpunkt der Region. Im Gemeindegebiet bestehen zahlreiche Kirchen und ländliche Heiligtümer; die Basilica di Nostra Signora di Luogosanto bildet innerhalb dieses dichten sakralen Netzes den wichtigsten Marienwallfahrtsort. Die Kirche ist der Geburt Mariens, Maria Bambina, geweiht und bewahrt das als "Regina di Gallura" verehrte Gnadenbild.
Die religiöse Bedeutung Luogosantos erschließt sich deshalb nicht allein aus der Basilika. Die Gründungsüberlieferung verknüpft sie mit den Einsiedlern Trano und Nicola, mit deren Grabstätten, mit der Einsiedelei San Trano und einer weiteren, San Nicola geweihten Kirche. Spätere Landkirchen, Prozessionswege, Fahnen, Novenen und Wallfahrten schufen einen Landschaftsraum, in dem sakrale Orte nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern durch Erzählung und Ritual miteinander verbunden sind.
Die bekannte Gründungserzählung berichtet von zwei franziskanischen Brüdern, die sich im Heiligen Land aufgehalten hätten. Maria sei ihnen erschienen und habe sie nach Sardinien geschickt. Im Gebiet des damaligen Capo di Sopra sollten sie die Gräber der heiligen Einsiedler Nicola und Trano suchen und drei Kirchen errichten: eine zu Ehren Mariens, eine für Nicola und eine für Trano. Die Brüder hätten die Reliquien gefunden und anschließend die drei Heiligtümer gegründet. Spätere Fassungen verbinden diese Ereignisse mit den Jahren 1217, 1218 oder 1227 und mit Papst Honorius III.
Für die historische Einordnung ist entscheidend, dass die ausführliche Erzählung nicht in einer erhaltenen Urkunde des 13. Jahrhunderts vorliegt. Die älteste heute greifbare umfassende Fassung findet sich in einer Ablassurkunde des Bischofs Ludovico González von Ampurias und Civita aus dem Jahr 1519. González erklärte darin, seine Kenntnisse aus einem "condaghe", einer alten Urkunde und der über Generationen weitergegebenen öffentlichen Überlieferung seiner Diözese gewonnen zu haben. Der ursprüngliche mittelalterliche Condaghe ist nicht in jener Form erhalten, auf die sich der Bischof beruft; die Überlieferung erreicht uns durch die frühneuzeitliche Bearbeitung und spätere Abschriften.
Der historische Quellenwert der Urkunde ist dennoch erheblich. Sie beweist, dass zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine ausgeprägte Gründungsüberlieferung um Maria, die beiden Eremiten und die drei Kirchen bestand und dass der Bischof diese Tradition gezielt zur Förderung des Wallfahrtsortes verwendete. Zugleich enthält die Erzählung chronologische und historische Unstimmigkeiten. In einzelnen Traditionsstufen wird etwa ein Papst genannt, dessen Regierungszeit nicht mit der Lebenszeit des heiligen Franziskus beziehungsweise mit der Entstehung des Franziskanerordens vereinbar ist. Spätere Autoren korrigierten solche Widersprüche und entwickelten daraus scheinbar präzise Jahreszahlen.
Der sardische Historiker Giovanni Francesco Fara kannte die Tradition des González-Dokuments und schrieb ihr große Autorität zu. In seiner Darstellung erscheint schließlich das Jahr 1227 für die Auffindung der Reliquien der heiligen Nicola und Trano und die Errichtung der drei Kirchen. Spätere Autoren übernahmen diese Angabe oder ersetzten sie durch benachbarte Jahreszahlen wie 1217 oder 1218. Auf diese Weise entstand allmählich eine scheinbar geschlossene mittelalterliche Chronologie.
Für die historische Darstellung ist daher zwischen drei Ebenen zu unterscheiden. Erstens besitzt die Basilika einen mittelalterlichen baulichen Kern und die Gegend eine alte sakrale Tradition. Zweitens ist eine Verbindung der frühen Kirche mit franziskanischem Einfluss durchaus möglich und in der späteren Überlieferung fest verankert. Drittens lassen sich die konkreten Ereignisse "Gründung 1218", "Reliquienfund 1227" oder eine genaue Reise zweier Franziskaner aus Jerusalem nicht als zeitgenössisch dokumentierte Fakten behandeln. Sie gehören zur seit 1519 schriftlich greifbaren Gründungsüberlieferung.
Diese quellenkritische Einschränkung schmälert die kulturgeschichtliche Bedeutung der Legende nicht. Im Gegenteil: Sie zeigt, wie ein Heiligtum seine Vergangenheit ordnet und in eine religiöse Erzählung übersetzt. Maria, Franziskaner, Eremiten, Reliquien, päpstliche Privilegien und die Landschaft der Gallura werden in einer gemeinsamen Ursprungsgeschichte miteinander verbunden.
In zahlreichen heutigen Darstellungen findet sich die Angabe, Papst Honorius III. habe die Kirche bereits 1227 zur "Basilica minor" erhoben. Diese Formulierung ist historisch problematisch. Der Ausdruck "Basilica minor" bezeichnet in seiner heutigen kirchenrechtlichen Bedeutung eine wesentlich jüngere päpstliche Ehrenkategorie. Eine angebliche formale Verleihung dieses modernen Titels im Jahr 1227 kann daher nicht ohne weitere Erklärung als mittelalterliche Tatsache wiedergegeben werden.
Die 1519 von González niedergeschriebene Überlieferung spricht vielmehr von einer päpstlichen Bestätigung, von der Entsendung eines Kardinals, von der Weihe der Kirchen und von umfangreichen Ablassprivilegien. Gerade diese Privilegien dürften in der späteren Geschichtsschreibung zunehmend als besondere basilicale Auszeichnung verstanden worden sein. Hinzu kamen spätere kirchliche Rechte und die starke Wallfahrtsbedeutung des Ortes.
Die heutige Kirche führt den Titel einer Basilika, und dieser Titel gehört fest zur Identität des Heiligtums. Historisch sauberer ist es jedoch, die traditionelle Zurückführung auf Honorius III. und 1227 als Teil der überlieferten Privilegiengeschichte zu behandeln, nicht als zweifelsfrei dokumentierte Basilica-minor-Erhebung im heutigen Sinn.
Die Basilica di Nostra Signora di Luogosanto ist aus sorgfältig bearbeiteten Granitquadern errichtet und bewahrt trotz späterer Umbauten eine romanisch wirkende Grundgestalt. Der mittelalterliche Bau war dreischiffig angelegt. Im 18. Jahrhundert wurde die Kirche weitgehend erneuert, wobei ältere Strukturen in den Neubau einbezogen wurden. Die dreischiffige Anlage blieb erhalten und prägt den Innenraum bis heute.
1912 wurde das Gebäude nochmals vergrößert. Ein ursprünglich vorgelagerter Portikus wurde in den Kirchenraum einbezogen, wodurch sich die nutzbare Fläche erweiterte. Die Maßnahmen stehen im Zusammenhang mit der Funktion als Wallfahrtskirche: Ein Heiligtum, das große Gruppen von Pilgern aufnehmen soll, muss seine Architektur immer wieder den Bedürfnissen des Kultes anpassen.
Im Inneren verbinden sich ältere Bausubstanz, barocke und neuere Ausstattung. Wandmalereien des 20. Jahrhunderts, Altäre, Heiligenfiguren und liturgische Geräte bilden den Rahmen für das eigentliche Kultzentrum, die Madonna von Luogosanto. Der Bau ist damit kein unverändert konserviertes mittelalterliches Denkmal, sondern das Ergebnis vieler Jahrhunderte fortgesetzter Nutzung.
Das heute verehrte Gnadenbild ist eine hölzerne Madonna mit Kind aus dem 18. Jahrhundert. Maria erscheint als Königin und Mutter; die Statue wird zu Festzeiten besonders geschmückt und bildet den Mittelpunkt der Marienverehrung. Seit ihrer feierlichen Krönung im Jahr 1954 wird sie in besonderer Weise als "Regina di Gallura", Königin der Gallura, verehrt.
Der Titel macht deutlich, dass das Heiligtum nicht lediglich lokale Bedeutung für die Einwohner Luogosantos besitzt. Die Madonna wird als Schutz- und Identifikationsfigur einer ganzen historischen Landschaft verstanden. Gerade in der Gallura mit ihren lange verstreut lebenden Bewohnern der Stazzi besaß ein gemeinsamer Wallfahrtsort eine wichtige soziale Funktion. Er brachte Menschen zusammen, die im Alltag räumlich weit voneinander entfernt lebten.
Wie viele bedeutende Gnadenbilder besitzt auch die Madonna von Luogosanto eine eigene Auffindungslegende. Nach einer verbreiteten Überlieferung wurde eine Kiste mit der Marienstatue an der Küste im Gebiet von Arzachena beziehungsweise Cannigione angeschwemmt. Niemand habe die Kiste bewegen oder öffnen können. Erst ein unschuldiges Kind habe Zugang zum Bild erhalten. Schließlich sei die Madonna auf ein Zugtier geladen worden, das selbständig den Weg in das Landesinnere eingeschlagen und dort Halt gemacht habe, wo die Statue künftig verehrt werden wollte.
Die Erzählung vereinigt mehrere weit verbreitete Wallfahrtsmotive. Ein heiliges Bild kommt auf wunderbare Weise über das Meer, entzieht sich menschlicher Verfügung und bestimmt durch ein Tier seinen eigenen Kultort. Vergleichbare Geschichten finden sich an zahlreichen mediterranen Marienheiligtümern. Sie erklären nicht die kunsthistorische Herkunft der Statue, sondern ihren religiösen Standort: Der Ort wird als von der Madonna selbst gewählt verstanden.
Da das heute verehrte Holzbild in das 18. Jahrhundert datiert wird, kann die Legende nicht ohne weiteres als biographische Herkunftsgeschichte genau dieser Statue behandelt werden. Sie gehört vielmehr zur umfassenderen Kultüberlieferung des Heiligtums und kann ältere Vorstellungen auf ein späteres Bild übertragen haben.
Zu den ungewöhnlichsten Privilegien von Luogosanto gehört die Porta Santa. Sie befindet sich an der Basilika und wird im traditionellen Rhythmus von sieben Jahren geöffnet; anschließend bleibt sie zwölf Monate für die Pilger zugänglich. Außerhalb des Jubiläums bleibt sie geschlossen. Damit besitzt Luogosanto eine Form periodischer Wallfahrt, die nicht allein an einen jährlich wiederkehrenden Festtag, sondern an einen mehrjährigen Zyklus gebunden ist.
Die verlässlicheren regionalen Dokumentationen verbinden das Privileg der Heiligen Pforte mit dem 18. Jahrhundert und damit mit jener Epoche, in der die Basilika umfassend erneuert wurde. Die verbreitete Rückführung auch dieses Privilegs unmittelbar auf Honorius III. ist dagegen Teil der späteren mittelalterlichen Privilegienüberlieferung. Die Porta Santa sollte daher nicht einfach als seit 1227 unverändert bestehendes Recht beschrieben werden.
Ursprünglich war die Öffnung nicht durch eine dauerhaft benutzbare Tür gestaltet; die Öffnung wurde außerhalb des Jubiläums zugemauert. Seit den 1970er-Jahren besitzt sie bronzene Türflügel des Bildhauers Luca Luchetti. Die Reliefs greifen die Gründungsgeschichte Luogosantos auf und machen die Überlieferung von Maria, den Franziskanern und den heiligen Eremiten bildlich sichtbar. Damit verbindet sich die materielle Gestaltung der Pforte unmittelbar mit jener Legende, die seit dem González-Dokument von 1519 die Identität des Heiligtums prägt.
Das Durchschreiten der geöffneten Porta Santa ist nicht als touristisches Betreten einer besonderen Tür zu verstehen. Es steht im Zusammenhang mit Buße, Gebet, Versöhnung und der Vorstellung des Ablasses. Gerade dieser Zusammenhang verweist auf die lange Geschichte des Heiligtums als Ort, an dem bereits die González-Urkunde von 1519 umfangreiche Ablassprivilegien bekannt machte.
Die Öffnung im Siebenjahresrhythmus steigert die Wallfahrtsbewegung. Pilger, Bruderschaften und Gruppen aus verschiedenen Gemeinden der Gallura kommen nach Luogosanto, um die Pforte zu durchschreiten. Der seltene Rhythmus erzeugt ein anderes Zeitbewusstsein als ein jährliches Fest: Wer eine Öffnung erlebt, weiß, dass bis zum nächsten Zyklus mehrere Jahre vergehen werden. Familien können dieselbe Handlung in unterschiedlichen Lebensphasen wiederholen; Generationen verbinden persönliche Erinnerungen mit den Öffnungsjahren.
Der jährliche Höhepunkt des Marienkultes ist die Geburt Mariens am 8. September, die in Luogosanto als Festa Manna di Gaddura, als "großes Fest der Gallura", begangen wird. Der Festtag steht nicht isoliert, sondern wird durch eine neuntägige Novene vorbereitet. Gebet, Rosenkranz, Messfeiern, Fahnenrituale, Prozessionen und die Ankunft von Gläubigen aus verschiedenen Teilen der Region verdichten sich über mehrere Tage.
Die heute verwendete Zählung der Festa Manna führt die Tradition bis in die überlieferte mittelalterliche Gründungszeit zurück. Eine solche Festnummer ist als kultisches Jubiläumszählen zu verstehen und nicht als Nachweis dafür, dass für jedes einzelne Jahr seit dem 13. Jahrhundert eine dokumentierte Feier nachgewiesen werden könnte. Historisch sicher ist dagegen, dass Luogosanto spätestens um 1600 als bedeutender Pilgerort der Gallura und darüber hinaus beschrieben wird.
Die Festa Manna verbindet kirchliche Liturgie mit sozialem Wiedersehen. Für die verstreut in Stazzi lebende Bevölkerung der Gallura bedeutete die Reise nach Luogosanto über lange Zeit auch, Verwandte und Bekannte zu treffen, Nachrichten auszutauschen und für mehrere Tage im Ort zu bleiben. Die Wallfahrt war damit zugleich religiöse Verpflichtung und periodische Verdichtung einer ansonsten weit auseinanderliegenden ländlichen Gesellschaft.
In der galluresischen Erinnerung ist dafür die Wendung "andemo a spunì a Locusantu" überliefert. Sie bezeichnete das Aufbrechen nach Luogosanto und das mehrtägige Bleiben bei Verwandten während der Festzeit, mitunter über die gesamte Novene hinweg. Das Verb verweist damit nicht bloß auf einen kurzen Kirchenbesuch, sondern auf eine temporäre Verlagerung des Alltags in den Wallfahrtsort.
Diese Praxis ist für das Verständnis ländlicher Wallfahrt wichtig. Menschen aus verstreuten Siedlungen konnten nicht jederzeit in das religiöse Zentrum gelangen. Das große Fest bot deshalb Gelegenheit, länger zu bleiben, am gesamten liturgischen Programm teilzunehmen und zugleich soziale Beziehungen zu erneuern. Wallfahrt, Gastfreundschaft und verwandtschaftliche Netzwerke bildeten eine Einheit.
Zu den auffälligen Bestandteilen der Novenenzeit gehören die religiösen Fahnen. Beim Caracólu di li Bandéri werden die Fahnen der Kirchen und Gemeinschaften durch Luogosanto und das umliegende Land geführt. In der heutigen Form geschieht dies teilweise mit Fahrzeugen; nach traditioneller Ordnung werden zunächst mehrere Umrundungen der Basilika vollzogen, anschließend führt die Route durch unterschiedliche Ortsteile und ländliche Bereiche.
Am Ende der Novene steht die Fèsta di li Bandéri, bei der Fahnen und Bruderschaften aus Luogosanto und anderen Teilen der Gallura zusammenkommen. Die Banner sind mehr als dekorative Festzeichen. Sie vertreten konkrete Kirchen, ländliche Heiligtümer und religiöse Gemeinschaften. Wenn sie sich an der Basilika sammeln, wird die weit verzweigte sakrale Landschaft der Gallura symbolisch in Luogosanto zusammengeführt.
Die lebendige Wallfahrt beschränkt sich nicht auf den September. Ende Mai kommen Pilger in besonderer Weise mit Kranken und in der Bitte um Heilung nach Luogosanto. Anfang Juni führt außerdem eine nächtliche Fußwallfahrt aus Calangianus zur Basilika. Die Strecke umfasst ungefähr zwanzig Kilometer und wird in der Nacht gemeinsam zurückgelegt, bevor die Pilger am Heiligtum an der Eucharistiefeier teilnehmen.
Diese heutigen Fußwallfahrten sind für die Einordnung besonders wichtig. Sie zeigen, dass Luogosanto nicht lediglich Ort einer traditionsreichen Festa ist. Der körperlich anstrengende Weg, die Nacht, gemeinsames Gebet und die Ankunft am Morgen entsprechen weiterhin grundlegenden Formen europäischer Wallfahrt. Die Teilnehmer setzen eine religiöse Praxis fort, bei der nicht nur das Ziel, sondern auch die Mühe des Weges Bedeutung besitzt.
Der ehemalige Franziskanerkonvent neben beziehungsweise im Umfeld der Basilika dient heute als Museum und Dokumentationszentrum. Dort werden unter anderem Ex voto aufbewahrt, die der Madonna im Laufe der Jahrhunderte gestiftet wurden. Sie bilden die materielle Gegenseite zu den schriftlichen Privilegien- und Gründungsgeschichten: Während Urkunden die institutionelle Geschichte dokumentieren, erzählen Votivgaben von persönlichen Bitten und Danksagungen.
Ex voto können Krankheit, Unfall, Reisegefahr, familiäre Not oder andere Krisen bezeichnen. Gerade in einer ländlichen Region besitzen sie hohen volkskundlichen Wert, weil sie Alltagserfahrungen sichtbar machen, die in amtlichen Quellen meist kaum vorkommen. Zugleich zeigen sie, dass die Bezeichnung "Regina di Gallura" nicht lediglich ein kirchlicher Ehrentitel ist, sondern aus einer langen persönlichen Beziehung vieler Menschen zum Gnadenbild hervorgeht.
Die Gründungserzählung stellt die Basilika nicht allein. Maria weist den Franziskanern vielmehr den Weg zu den heiligen Eremiten Trano und Nicola und ordnet drei Kirchen an. Besonders eindrücklich ist die Einsiedelei San Trano außerhalb des Ortes. Der kleine Bau umschließt eine natürliche Granithöhle, die als Aufenthalts- und Grabstätte der beiden Eremiten verehrt wird. Der Felsen selbst bildet Teile des liturgischen Raumes; der Altar ist unmittelbar aus beziehungsweise an einem Granitblock gestaltet.
Die Einsiedelei wird Anfang Juni mit Prozession und Fest begangen und bleibt selbst ein Pilgerziel. Dadurch entsteht zwischen dem Marienheiligtum im Ort und der Eremitenstätte im Gelände eine religiöse Beziehung. Die Landschaft wird durch Gräber, Höhlen, Kirchen und Wege gegliedert. Der Ortsname "Luogosanto" erhält in dieser Perspektive seine besondere Plausibilität: Nicht nur ein einzelner Altar, sondern ein ganzer Raum wird als heilig erzählt und erfahren.
San Nicola gehört ebenfalls zur Gründungstradition, auch wenn die entsprechende Kultstätte im heutigen Wallfahrtsbewusstsein weniger hervortritt als San Trano. Für die historische Deutung bleibt wichtig, dass die González-Erzählung ausdrücklich drei miteinander verbundene Kirchen kennt. Die Marienwallfahrt wurde also bereits in der frühneuzeitlichen Traditionsbildung als Teil eines größeren Märtyrer- und Eremitenkultes verstanden.
Luogosanto war sowohl religiös als auch sozialgeschichtlich von den Veränderungen der Gallura betroffen. Nach Phasen erheblicher Entvölkerung gewann das Gebiet in der Frühen Neuzeit und besonders mit der Ausbreitung der Stazzi wieder an Bevölkerung. Diese verstreuten bäuerlichen und pastoralen Siedlungen prägten die Landschaft über Jahrhunderte.
Ein zentraler Wallfahrtsort erhielt unter solchen Bedingungen zusätzliche Bedeutung. Menschen, die nicht in dicht geschlossenen Dörfern, sondern weit verteilt lebten, benötigten periodische Orte gemeinsamer religiöser Praxis. Luogosanto bot mit Novene, Festa Manna, Landkirchen und Pilgerwegen einen solchen Mittelpunkt. Der Wallfahrtsort war deshalb zugleich ein sozialer Knotenpunkt der ländlichen Gallura.
Am 8. September 1954 wurde die Madonna von Luogosanto feierlich zur "Regina di Gallura" gekrönt. Die Krönung stellte keine Neugründung des Kultes dar, sondern bestätigte öffentlich eine bereits lange bestehende regionale Verehrung. Der Titel fasste in liturgischer und symbolischer Form zusammen, was die Wallfahrtspraxis seit Jahrhunderten ausdrückte: Die Madonna wurde sowohl von einer einzelnen Pfarre als auch von Gläubigen aus einem größeren galluresischen Raum als gemeinsame Schutzfigur angerufen.
Die Erinnerung an die Krönung ist bis heute Bestandteil der Festa Manna. Das Gnadenbild wird damit zugleich als Kunstwerk des 18. Jahrhunderts, als Objekt jahrhundertealter Legendenbildung und als moderne gekrönte Patronatsfigur wahrgenommen. Diese verschiedenen Zeitschichten überlagern einander, ohne sich auf eine einzige historische Ursprungserzählung reduzieren zu lassen.
Nostra Signora di Luogosanto ist ein gutes Beispiel dafür, wie vorsichtig Wallfahrtsgeschichte mit präzisen mittelalterlichen Daten umgehen muss. Die heutige religiöse Tradition reicht ihre Ursprünge bis in die Zeit des heiligen Franziskus zurück und verbindet die Stiftung mit Maria, zwei Franziskanern, den heiligen Eremiten Nicola und Trano, Papst Honorius III. und weitreichenden Privilegien. Die detaillierte schriftliche Fassung dieser Erzählung ist jedoch erst durch die Ablassurkunde des Bischofs Ludovico González von 1519 greifbar.
Der historische Wert der Quelle liegt gerade darin, dass sie beide Ebenen sichtbar macht. Einerseits verweist sie auf ältere, heute verlorene Überlieferungen und auf einen bereits bestehenden sakralen Bestand. Andererseits zeigt sie, wie der Bischof im frühen 16. Jahrhundert einen Wallfahrtsort neu profilierte, Ablässe bekannt machte und eine Gründungsgeschichte in verständlicher Form verbreitete. Der Erfolg war nachhaltig: Um 1600 erscheint Luogosanto bereits als Ziel von Pilgern aus der Gallura und darüber hinaus.
Die quellenkritische Unterscheidung zwischen mittelalterlichem Bestand und späterer Traditionsbildung steht deshalb nicht gegen die Wallfahrt, sondern erklärt ihre historische Entwicklung. Luogosanto wurde nicht weniger bedeutend, weil einzelne exakte Jahreszahlen unsicher sind. Im Gegenteil: Die Geschichte zeigt, wie aus älteren Kultorten, frühneuzeitlicher Förderung, lokalen Legenden, Votivpraxis, Festen und periodischen Pilgerwegen über Jahrhunderte ein regionales Marienzentrum entstand.
Fois, Graziano; Maxia, Mauro: Il Condaghe di Luogosanto. Olbia: Taphros Editrice 2009.
Soddu, Alessandro: La lettera d'indulgenza del vescovo González (1519) e il cosiddetto condaghe di Luogosanto. Kritische Besprechung und historische Einordnung des von Graziano Fois und Mauro Maxia edierten Textes.
González, Ludovico: Ablassbrief für das Heiligtum von Luogosanto, Sassari 1519; lateinischer Text mit längerer sardisch-logudoresischer Traditionsüberlieferung, ediert und untersucht bei Fois und Maxia.
Fara, Giovanni Francesco: De rebus Sardois sowie Chorographia Sardiniae; frühneuzeitliche Überlieferung zur Geschichte Luogosantos und zur Datierung der Gründungstradition.
Angius, Vittorio: Gallura und Luogosanto. In: Goffredo Casalis (Hg.): Dizionario geografico storico-statistico-commerciale degli Stati di S. M. il Re di Sardegna, 19. Jahrhundert.
Regione Autonoma della Sardegna, Sardegna Virtual Archaeology: Dokumentation zur Basilica di Nostra Signora di Luogosanto, zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Baugeschichte sowie zur Gründungsüberlieferung.
Regione Autonoma della Sardegna, Dokumentationen zum Eremo di San Trano, zur Kulttradition der heiligen Nicola und Trano und zur sakralen Landschaft von Luogosanto.
Diözese Tempio-Ampurias und lokale kirchliche Dokumentationen zur Porta Santa, zur Festa Manna di Gaddura, zur Novene und zu den Wallfahrten nach Luogosanto.
Dokumentationen des Museum Natività Beata Vergine Maria im ehemaligen Franziskanerkonvent zu den Ex voto und zur mittelalterlichen sowie neuzeitlichen Religionsgeschichte der Gallura.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher