Sacro Monte di Varallo
Varallo Sesia, Sacro Monte und Wallfahrtsheiligtum Santa Maria Assunta

Schnellüberblick
Wallfahrt:Seit dem späten 15. Jahrhundert bestehende Heilig-Land-, Christus- und Passionswallfahrt; ursprünglich als europäische Ersatz- und Vergegenwärtigungslandschaft der heiligen Orte Jerusalems konzipiert, später zu einem chronologisch geordneten Bild- und Meditationsweg durch Leben, Passion und Auferstehung Christi erweitert.
Status:Lebendiger historischer Wallfahrtsort, ältester Sacro Monte des norditalienischen Typus, Basilica minor und seit 2003 Bestandteil der seriellen UNESCO-Welterbestätte „Sacri Monti of Piedmont and Lombardy“.
Kultzentrum:Gesamte „Nuova Gerusalemme“ mit ihren lebensgroßen szenischen Kapellen und dem nachgebildeten Heiligen Grab; liturgisches Zentrum ist die Basilica di Santa Maria Assunta mit der verehrten Madonna Dormiente.
Ort:Varallo Sesia.
Region:Piemont.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Adresse: Basilica di Santa Maria Assunta, Località Sacro Monte 3, 13019 Varallo (VC), Italien.
•Der Sacro Monte liegt auf einem felsigen, bewaldeten Höhenrücken unmittelbar oberhalb von Varallo im Valsesia. Der Komplex umfasst eine weitläufige Folge von Kapellen, Toren, Plätzen, Arkaden, Gärten, Waldwegen und die Basilica di Santa Maria Assunta.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
• Ansicht in Street View (Luftbild)
•Die Basilika ist in der Regel von 9:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Der Sacro Monte und die äußeren Wege können grundsätzlich selbständig besucht werden; einzelne Kapellen, insbesondere empfindliche Innenräume, sind nur im Rahmen geregelter Besichtigungen zugänglich.
•Die historischen Wege enthalten Stufen, Kopfsteinpflaster, Kies, Steigungen und bauliche Barrieren. Zwischen dem Eingangsbereich und der Basilika besteht ein erleichterter Zugang, dennoch ist nicht die gesamte Anlage barrierefrei.
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten des Sacro Monte über Varallo, historische Aufstiegswege, Tore und Plätze der „Nuova Gerusalemme“, das Heilige Grab, die Bethlehem-Kapellen, die Kreuzigung Gaudenzio Ferraris, lebensgroße Terrakotta- und Holzfiguren, Fresken und illusionistische Hintergrundmalerei, historische Gitter und Verglasungen, die Porta Aurea, die Kapelle San Carlo, das Grab der Madonna, die Basilica di Santa Maria Assunta mit Scurolo und Madonna Dormiente, Prozessionen und heutige Pilgergruppen sowie Ansichten, die das Verhältnis von Kapellen, Wald, Garten und Landschaft erkennen lassen.

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Ausführliche Beschreibung

Der Ursprung des Sacro-Monte-Gedankens

Der Sacro Monte di Varallo ist der älteste und für die Entwicklung der norditalienischen Sacri Monti grundlegende Wallfahrtskomplex. Seine Entstehung fällt in eine Zeit, in der die Reise nach Jerusalem für europäische Pilger weiterhin höchstes religiöses Prestige besaß, zugleich aber mit erheblichen Kosten, politischen Unsicherheiten und Gefahren verbunden war. Der franziskanische Ordensmann Bernardino Caimi, der selbst im Umfeld der Franziskanerkustodie des Heiligen Landes tätig gewesen war, entwickelte gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Idee, auf dem Felsplateau über Varallo eine „Neue Jerusalem“ zu schaffen. Dort sollten Menschen die wichtigsten heiligen Orte Palästinas in nachgebildeter Form aufsuchen können, wenn ihnen eine tatsächliche Reise ins Heilige Land nicht möglich war. Damit begann Varallo nicht als gewöhnlicher Kreuzweg. Caimi dachte zunächst topographisch: Bethlehem, das Heilige Grab und andere Orte sollten nicht nur erzählt, sondern möglichst als räumliche Entsprechungen ihrer Vorbilder vergegenwärtigt werden. Der Pilger sollte Wege gehen, Schwellen überschreiten, in kleine Räume eintreten und eine europäische Landschaft so benutzen, als bewege er sich durch die heiligen Stätten Palästinas. Erst in späteren Phasen verlagerte sich der Schwerpunkt stärker von der geographischen Nachbildung zur chronologischen Erzählung des Lebens Christi.

Bernardino Caimi und seine Heilig-Land-Erfahrung

Bernardino Caimi gehörte zu den observanten Franziskanern. Für 1478 ist seine Tätigkeit als Kommissar im Heiligen Land belegt; ältere Literatur bezeichnet ihn teilweise auch als Kustos beziehungsweise als unmittelbar mit der Betreuung des Heiligen Grabes verbunden. Sicher ist, dass seine eigene Erfahrung Jerusalems eine wesentliche Voraussetzung für das Projekt von Varallo bildete. Die spätere Überlieferung neigte dazu, seine Biographie hagiographisch zu verdichten, weshalb einzelne Amtsbezeichnungen und genaue Aufenthaltsdaten nicht unkritisch übernommen werden sollten. Der Kern seiner Idee ist jedoch historisch deutlich: Nicht ein abstraktes Andachtsprogramm, sondern die konkrete Erinnerung an die Orte Palästinas sollte in den Alpen wiederholt werden. Der Sacro Monte ist deshalb aus der mittelalterlichen Heilig-Land-Wallfahrt hervorgegangen und nicht ursprünglich aus der katholischen Reform des 16. Jahrhunderts. Diese setzte später andere Akzente, übernahm aber einen bereits bestehenden Wallfahrtsort.

1486: rechtliche Grundlage der „Nuova Gerusalemme“

Am 21. Dezember 1486 erteilte Papst Innozenz VIII. die kirchenrechtliche Erlaubnis, Grundstücksschenkungen Varalleser Bürger für das Franziskanerkloster Santa Maria delle Grazie und für den darüberliegenden sakralen Komplex anzunehmen. Dieses Datum gehört zu den wichtigen institutionellen Fixpunkten der Entstehungsgeschichte. Es zeigt, dass die „Neue Jerusalem“ nicht aus einer bloßen Legende hervorging, sondern früh in konkrete Grundstücks-, Kloster- und Baufragen eingebunden war. Die Bürger von Varallo waren damit von Beginn an Teil des Projektes. Der heilige Berg wurde zwar von einem Franziskaner angeregt, konnte aber nur durch lokale Stiftungen, Grundbesitz und wirtschaftliche Unterstützung Wirklichkeit werden. Bereits der Ursprung verbindet Ordensinitiative, städtische Gemeinschaft und Wallfahrt.

Das Heilige Grab von 1491

Besonders wichtig ist die Kapelle des Santo Sepolcro. Eine Inschrift aus dem Jahr 1491 bringt den ursprünglichen Gedanken Varallos ungewöhnlich deutlich zum Ausdruck: Bernardino Caimi habe diese Orte geschaffen, damit derjenige hier Jerusalem sehen könne, der nicht dorthin pilgern könne. Das nachgebildete Heilige Grab war daher kein dekoratives Zitat, sondern ein funktionaler Ersatzort der Fernwallfahrt. Die Kapelle gehört zu den frühesten erhaltenen Teilen der Anlage. In ihr liegt eine Darstellung des toten Christus im Sarkophag. Der Besucher begegnete damit einer konkreten räumlichen Nachbildung des Grabes Christi. Die religiöse Logik bestand weniger in künstlerischer Originalität als in der Übertragung heiliger Topographie: Nähe zum Nachbild sollte einen geistlichen Zugang zum fernen Original ermöglichen.

Die „Neue Jerusalem“ als Ersatzwallfahrt

Der Begriff Ersatzwallfahrt darf nicht so verstanden werden, als sei Varallo lediglich die billige Kopie einer eigentlich wertvolleren Reise. Frühneuzeitliche Frömmigkeit dachte komplexer. Ein nachgebildeter heiliger Ort konnte durch Gebet, Liturgie, franziskanische Anleitung und die Erinnerung an das Original eine eigene religiöse Wirksamkeit entfalten. Die Wallfahrt nach Varallo war daher nicht bloß Simulation, sondern eine eigenständige Form der imitatio und sequela Christi: Der Gläubige ging den Weg Christi nach und sollte sich dabei innerlich mit dem Heilsgeschehen verbinden. Pier Giorgio Longo hat besonders auf diese religionsgeschichtliche Dimension hingewiesen. Die frühe Bedeutung Varallos liegt nicht nur darin, Jerusalem abzubilden, sondern darin, den Weg Christi zu einer körperlichen und geistlichen Übung zu machen. Diese Verbindung von räumlicher Nachbildung und persönlicher Meditation prägt den Sacro Monte bis in seine späteren Umbauten.

1514: der älteste gedruckte Pilgerführer

Eine außergewöhnliche Quelle ist der 1514 in Mailand gedruckte Text Questi sono li misteri che sono sopra el Monte de Varalle. Dieser kleine Druck gehört zu den frühesten erhaltenen Führern des Sacro Monte. Von ihm ist nur ein einziges bekanntes Exemplar überliefert, das Fernando Colón, der Sohn Christoph Kolumbus', 1531 erwarb und das heute in Sevilla aufbewahrt wird. Der Text führt den Leser von Santa Maria delle Grazie auf den Berg und von einem Mysterium zum nächsten. Er ist in Versform abgefasst und verbindet Wegweisung, Erinnerung und Andacht. Der Pilgerführer ist dadurch selbst Teil der Wallfahrt: Er ordnet die Reihenfolge, erklärt die Szenen und hilft, die religiöse Bedeutung des Gehens einzuprägen.

Der Pilgerführer verändert unser Bild des frühen Sacro Monte

Die Führung von 1514 zeigt, dass die Anlage zu diesem Zeitpunkt bereits weit entwickelt war und dass sich die ursprüngliche Topographie Caimis früh mit einer stärker chronologischen Ordnung des Evangeliums verband. Der Besucher sollte also nicht mehr ausschließlich eine geographische Karte Palästinas ablaufen, sondern zunehmend eine Geschichte durchschreiten. Für die Wallfahrtsforschung ist noch wichtiger, dass der Text konkrete Bewegungen nennt. Aufsteigen, Absteigen, Stufen zählen, sich einem Ort nähern und bestimmte Räume betreten sind Bestandteile der Andacht. Damit wird sichtbar, dass der Sacro Monte nicht primär für einen stillstehenden Kunstbetrachter entworfen war, sondern für einen gehenden Körper.

Berühren, hineingehen, körperlich mitvollziehen

Neuere Forschungen von Margaret F. Bell und Allie Terry-Fritsch haben die frühe Benutzung Varallos erheblich differenziert. Heute betrachtet man viele Szenen hinter Gittern oder Verglasungen, doch in der frühen Phase war die Grenze zwischen Pilger und Darstellung wesentlich durchlässiger. Besucher konnten sich einzelnen heiligen Nachbildungen körperlich nähern, in Räume eintreten und bestimmte Objekte berühren. Beim nachgebildeten Heiligen Grab spielte die körperliche Nähe eine zentrale Rolle. Das bedeutet, dass der frühe Sacro Monte weniger wie ein Museum mit dreidimensionalen Bildern funktionierte als wie eine begehbare und teilweise taktil erfahrbare Heilig-Land-Landschaft. Der Pilger sah nicht nur Jerusalem: Er sollte es mit dem eigenen Körper nachvollziehen. Gehen, Steigen, Eintreten und Berühren bildeten eine zusammenhängende religiöse Praxis.

Somaesthetische Wallfahrt: der Körper als Medium

Allie Terry-Fritsch beschreibt diese Form der Andacht als eine körperlich trainierte Wahrnehmung. Die lebensgroßen Figuren, die genaue Wegführung, reale Kleidungselemente, Haare, Bärte und unterschiedliche Materialien sollten den Besucher nicht nur informieren, sondern seine Sinne und seinen Körper in die Meditation einbeziehen. Franziskaner konnten Gruppen führen, Szenen erklären und den räumlichen Ablauf geistlich deuten. Die Wallfahrt wurde damit zu einer Art geistlicher Choreographie. Der Mensch ging, hielt an, schaute, kniete, berührte, wechselte die Blickrichtung und setzte den Weg fort. Religiöse Erkenntnis wurde nicht ausschließlich über Worte vermittelt, sondern durch den gesamten Körper.

Gaudenzio Ferrari und die Revolution des Bildraumes

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erhielt Varallo durch Gaudenzio Ferrari eine künstlerische Gestalt, die für die späteren Sacri Monti grundlegend wurde. Gaudenzio war nicht nur Maler, sondern arbeitete auch plastisch und beteiligte sich an der räumlichen Organisation der Szenen. Sein entscheidender Beitrag liegt in der Verbindung von lebensgroßer Skulptur und illusionistischer Malerei. Plastische Figuren aus Holz und Terrakotta stehen im realen Kapellenraum; an den Wänden setzen gemalte Menschen, Gebäude und Landschaften diese Welt fort. Die gemalten Figuren sind häufig im gleichen Maßstab wie die plastischen gestaltet. Dadurch verliert die Wand ihre Funktion als klare Grenze. Der Betrachter kann den Übergang zwischen dreidimensionaler Vorderbühne und gemaltem Hintergrund visuell beinahe übersehen.

Menschen aus der eigenen Lebenswelt

Gaudenzios Figuren sind nicht ausschließlich idealisierte biblische Gestalten. Frauen mit Kindern, Soldaten, alte Männer, Bauern, Diener, Hunde und Beobachter unterschiedlichster gesellschaftlicher Herkunft bevölkern die Szenen. Körperliche Besonderheiten werden nicht konsequent geglättet; die Forschung hat sogar auf Darstellungen von Kropf aufmerksam gemacht, einer Erkrankung, die im alpinen Raum historisch verbreitet war. Damit wurde die Heilsgeschichte in eine vertraute soziale Wirklichkeit übersetzt. Ein Besucher des 16. Jahrhunderts konnte in den Zuschauergruppen Menschen erkennen, deren Kleidung, Gesichter und Gesten an seine eigene Umwelt erinnerten. Christus erschien nicht in einer archäologisch rekonstruierten antiken Welt, sondern inmitten einer menschlichen Vielfalt, die zeitgenössisch wirkte.

Die Bethlehem-Kapellen

Die frühen Bethlehem-Szenen gehören zu den Bereichen, in denen Caimis topographische Idee besonders deutlich bleibt. Die Kapellen orientierten sich an Vorstellungen vom Geburtsort Christi und sollten die Distanz zum Heiligen Land verkürzen. Bei der Anbetung der Magier wird die Wallfahrt zusätzlich innerhalb der Darstellung gespiegelt: Auch die drei Weisen haben einen langen Weg zurückgelegt und erreichen einen heiligen Ort. Dadurch begegnet der Pilger anderen Reisenden innerhalb der Heilsgeschichte. Die eigene Ankunft auf dem Berg erhält ein biblisches Gegenbild. Solche inhaltlichen Spiegelungen verstärken die Identifikation zwischen Besucher und Szene.

Die Kreuzigung Gaudenzio Ferraris

Die Cappella della Crocifissione, heute Nummer 38, gehört zu den zentralen Werken des Sacro Monte. Gaudenzio Ferrari schuf hier im frühen 16. Jahrhundert eine groß angelegte Verbindung von Skulptur und Fresko. Christus und die Schächer bilden den plastischen Mittelpunkt; darunter und ringsum entsteht eine dichte Menschenmenge aus Soldaten, Angehörigen, Zuschauern und Tieren. Besonders wirkungsvoll ist das Verhältnis von realen und gemalten Personen. Die plastischen Gruppen setzen sich an den Wänden in Fresken fort, sodass die Szene weit über die tatsächlichen Raumgrenzen hinauszuwachsen scheint. Der Betrachter steht vor einem Ereignis, das nicht wie ein isoliertes Andachtsbild, sondern wie eine umfassende gegenwärtige Menschenversammlung wirkt.

Vom tastbaren zum kontrollierten Bildraum

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts veränderte sich das Verhältnis zwischen Besucher und Szene. Verglasungen, Gitter und andere Schranken trennten den Pilger zunehmend von den Figurengruppen. Dieser Prozess wurde früher oft ausschließlich als disziplinierende Maßnahme der katholischen Reform erklärt: Die Menschen sollten Bilder ansehen, aber nicht durch Berührung in unangemessener Weise behandeln. Neuere Forschung zeigt jedoch, dass die Veränderung komplexer war. Die Schranke entzog die Figuren zwar der direkten Hand des Besuchers, erhöhte aber zugleich ihre visuelle Besonderheit. Was hinter Glas oder Gitter lag, konnte kostbarer, unnahbarer und beinahe reliquienartig erscheinen. Die Distanz schwächte daher nicht notwendig die religiöse Wirkung, sondern veränderte ihre Form.

Sehen durch Gitter

Die heutigen Kapellen machen diese Veränderung noch unmittelbar erfahrbar. Der Besucher steht vor einer Grenze und muss durch Öffnungen, Gitter oder Fenster in eine andere Welt hineinschauen. Der Blick wird dadurch gesteuert. Bestimmte Figuren erscheinen zuerst; andere werden teilweise verdeckt; in manchen Szenen erzeugen die Öffnungen fast den Effekt einer Theaterloge oder eines optischen Rahmens. Der Pilger ist nun weniger körperlicher Mitspieler als Zeuge. Er darf die Heilsgeschichte sehen, aber nicht mehr beliebig betreten. Dieses kontrollierte Sehen gehört zu den wichtigsten Veränderungen des Sacro Monte zwischen früher Franziskanerwallfahrt und nachtridentinischer Bildpädagogik.

Galeazzo Alessi und das „Libro dei Misteri“

Zwischen 1565 und etwa 1572 entwickelte der aus Perugia stammende Architekt Galeazzo Alessi einen umfassenden Neuordnungsplan für Varallo. Das Projekt ist im sogenannten Libro dei Misteri überliefert, einem außergewöhnlichen Manuskript aus Texten und Zeichnungen. Auftraggeber beziehungsweise wichtiger Förderer war der Mailänder Giacomo d'Adda. Alessi betrachtete den Sacro Monte nicht einfach als Ansammlung bestehender Kapellen. Er entwarf ein umfassendes spät­renaissancezeitliches Gesamtkunstwerk, in dem Architektur, Stadtplanung, Gartenkunst, Wasser, Vegetation und Heilsgeschichte miteinander verbunden werden sollten. Nur ein Teil dieses Programmes wurde ausgeführt, doch das Manuskript zeigt, wie ambitioniert das Konzept zeitweise war.

Stadt, Garten und Unterwelt

Alessis Planung gliederte den Berg in verschiedene räumliche Zonen. Ein geordneter Gartenbereich sollte mit einer stärker städtischen Zone und bewaldeten Bereichen verbunden werden. Monumentale Plätze, Portiken, Fassaden und Brunnen sollten die Bewegung des Besuchers organisieren. Selbst Bereiche für Limbus, Fegefeuer und Hölle waren vorgesehen. Damit wurde aus Caimis nachgebildetem Jerusalem zeitweise die Vision eines vollständigen heilsgeschichtlichen Universums. Nicht nur einzelne biblische Orte, sondern die gesamte Menschheits- und Erlösungsgeschichte sollte räumlich sichtbar werden. Die 2025 erschienene Untersuchung Lorenzo Fecchios zum Libro dei Misteri unterstreicht besonders diese Verbindung von religiöser Planung, Architekturtheorie und spät­renaissancezeitlicher Garten- und Stadtgestaltung.

Nicht alles wurde verwirklicht

Gerade die Differenz zwischen Plan und gebautem Bestand ist aufschlussreich. Viele spektakuläre Ideen Alessis blieben auf dem Papier oder wurden später in veränderter Form umgesetzt. Der Sacro Monte ist deshalb kein vollständig ausgeführtes Autorenwerk. Er entstand über Generationen durch Überformung, Weiterbau, Korrektur und teilweise Aufgabe älterer Konzepte. Diese lange Entstehungsgeschichte schützt vor einer zu einfachen Interpretation. Varallo besitzt keinen einzigen „Originalplan“, der alle heute sichtbaren Räume erklärt. Der Berg ist ein historisches Palimpsest aus Caimis Heilig-Land-Topographie, Gaudenzios Bildräumen, Alessis Idealplanung, Bascapès Reformprogramm und barocken Ergänzungen.

Carlo Borromeo als Pilger

Carlo Borromeo besuchte den Sacro Monte mehrfach. Besonders sein Aufenthalt von 1584 wurde in der späteren Erinnerung wichtig. Borromeo betete lange am Heiligen Grab und betrachtete Varallo als einen bedeutenden Ort katholischer Frömmigkeit. Seine persönliche Wertschätzung trug dazu bei, den Sacro Monte im kirchlichen Reformmilieu aufzuwerten. Hervorzuheben ist, dass der Pilger Carlo Borromeo später selbst in die Sakrallandschaft aufgenommen wurde. Die heutige Cappella di San Carlo rekonstruiert den Raum, in dem er 1584 gewohnt haben soll. Eine betende Figur des Heiligen und das überlieferte Bett machen aus der Erinnerung an einen historischen Besucher eine eigene Andachtsstation.

Der Pilger wird selbst zum Gegenstand des Kultes

Diese San-Carlo-Kapelle besitzt eine besondere religionsgeschichtliche Bedeutung. Normalerweise besucht der Pilger eine Szene aus Bibel oder Heiligenleben. Hier wird dagegen an einen früheren Pilger erinnert. Borromeos Beten am Heiligen Grab wird selbst zum nachahmenswerten Modell. Der Sacro Monte reflektiert dadurch seine eigene Benutzungsgeschichte. Er zeigt nicht nur, was Christus tat, sondern auch, wie ein späterer Heiliger diesen Ort benutzte. Wallfahrt wird damit über Generationen weitergegeben und bildlich institutionalisiert.

Carlo Bascapè und die nachtridentinische Neuordnung

Seit 1593 nahm Carlo Bascapè als Bischof von Novara erheblichen Einfluss auf Varallo. Er stand in enger geistiger Verbindung zu Carlo Borromeo und vertrat ein nachtridentinisches Verständnis religiöser Bilder, das Anschaulichkeit mit theologischer Kontrolle verband. Unter Bascapè wurde die ältere Heilig-Land-Topographie zunehmend in eine chronologisch geordnete Darstellung des Lebens Christi überführt. Der Wandel lässt sich knapp so beschreiben: Caimis Frage lautete vor allem, wie man die heiligen Orte Jerusalems in Europa räumlich wiederholen könne; unter Bascapè trat stärker die Frage in den Vordergrund, wie der Besucher die gesamte Heilsgeschichte in einer verständlichen Reihenfolge sehen und meditieren könne. Varallo wurde damit zu einem großen religiösen Lehr- und Erfahrungsraum.

Warum Varallo nicht einfach „Gegenreformation“ ist

Die häufige Einordnung der Sacri Monti als Erfindung der Gegenreformation ist für Varallo historisch ungenau. Der Berg war bereits Jahrzehnte vor dem Konzil von Trient vorhanden und besaß eine ausgeprägte Pilgerpraxis. Die katholische Reform hat ihn nicht geschaffen, sondern übernommen und umgestaltet. Gerade diese Kontinuität ist religionsgeschichtlich wichtig. Spätmittelalterliche Heilig-Land-Frömmigkeit, Renaissancekunst und nachtridentinische Bildpädagogik stehen in Varallo nicht nebeneinander, sondern greifen ineinander. Der Sacro Monte ist daher ein Übergangsraum zwischen mehreren Epochen europäischer Religionsgeschichte.

Giovanni d'Enrico und die große barocke Figurenwelt

Nach Gaudenzio Ferrari wurde der Sacro Monte durch weitere bedeutende Künstler erweitert. Besonders Giovanni d'Enrico prägte zahlreiche lebensgroße Terrakottagruppen. Seine Figuren sind oft stark individualisiert und zu komplexen Menschenmengen zusammengestellt. Mimik, Körperhaltung und Blickrichtung machen sichtbar, wie einzelne Personen auf das biblische Geschehen reagieren. Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit teilweise vom zentralen Ereignis auf das Verhalten der Zuschauer. Man sieht Neugierige, Gegner, Trauernde, Soldaten und zufällige Beobachter. Der Besucher vor dem Gitter kann sich mit diesen unterschiedlichen Reaktionen vergleichen und gewissermaßen die Frage gestellt bekommen, welche Haltung er selbst einnimmt.

Tanzio da Varallo, Morazzone und weitere Künstler

Zu den weiteren wichtigen Künstlern gehören Tanzio da Varallo, Morazzone, die Fiammenghini, Tabacchetti, Pier Francesco Gianoli und Dionigi Bussola. Über mehrere Generationen wurden Kapellen neu ausgestattet, ergänzt oder umgestaltet. Dadurch besitzt der Sacro Monte keinen einheitlichen Stil. Gerade diese Vielfalt ist historisch aussagekräftig. Frührenaissance, Manierismus und Barock begegnen sich innerhalb desselben Wallfahrtsweges. Ein Besucher durchschreitet deshalb nicht nur das Leben Christi, sondern unbewusst auch mehrere Jahrhunderte norditalienischer Kunstgeschichte.

Die Heilung des Gelähmten und die gelenkte Perspektive

Ein besonders gutes Beispiel für die bewusste Besucherführung ist die Szene der Heilung des Gelähmten. Der Kranke wird nach dem Evangelium durch das geöffnete Dach zu Christus hinabgelassen. Im Kapellenraum wird diese Handlung räumlich so inszeniert, dass der Besucher beim Blick durch die vorgesehene Öffnung unterschiedliche Ebenen des Geschehens wahrnimmt. Solche Kapellen zeigen, dass die Gitteröffnung selbst Teil der Komposition ist. Nicht jede beliebige Position liefert dieselbe Sicht. Der Betrachter soll gewissermaßen den „richtigen“ Platz finden und dadurch in eine inszenierte Perspektive eintreten.

Die Porta Aurea und das gebaute Jerusalem

Der obere Teil des Sacro Monte erhielt im Verlauf der Neuzeit den Charakter einer kleinen befestigten Stadt. Mauern, Tore, Arkaden, Straßen und Plätze verbinden einzelne Kapellen zu einer urbanen Kulisse. Die Porta Aurea, 1723 nach einem Entwurf Giovanni Battista Morondis errichtet, markiert einen symbolischen Übergang in den Jerusalembereich. Der Pilger überschreitet damit nicht nur einen Wegpunkt, sondern eine inszenierte Stadtgrenze. Die religiöse Erzählung benutzt Architektur, um den Wechsel von einem Abschnitt zum nächsten körperlich spürbar zu machen.

Plätze als Räume der Pilgergemeinschaft

Die großen Plätze des Sacro Monte erfüllen eine andere Funktion als die engen Kapellenräume. Hier können Gruppen zusammentreffen, Prozessionen sich ordnen und Pilger nach einer Folge intensiver Bildszenen verweilen. Sakrale Erfahrung entsteht deshalb im Wechsel von Enge und Weite, Bildraum und Freiraum, Bewegung und Aufenthalt. Solche Plätze erinnern daran, dass Wallfahrt eine kollektive Praxis ist. Der Einzelne betrachtet zwar eine Szene persönlich, befindet sich aber zugleich in einer Menge von Menschen, die denselben Weg gehen. Der Sacro Monte organisiert beides: individuelle Meditation und gemeinschaftliche Bewegung.

Die Kapellenzählung

Die Literatur nennt unterschiedliche Zahlen für die Kapellen des Sacro Monte. Ältere Darstellungen sprechen häufig von 43 oder 44 Kapellen, während die heutige offizielle Besucherführung die Stationen bis zur Cappella 45 zählt und anschließend die Basilica dell'Assunta als eigenständiges Ziel führt. Die Unterschiede entstehen aus der wechselnden Behandlung kleinerer Andachtsräume und historisch aus dem Rundweg herausgefallener Kapellen. Die heute geführte Nummerierung umfasst unter anderem die Cappella 44 di San Carlo und die Cappella 45, das Grab der Madonna. Für eine historische Darstellung ist es deshalb sinnvoller, von ungefähr 45 nummerierten Kapellen beziehungsweise Andachtsstationen zu sprechen und die wechselnde Zählweise ausdrücklich zu erwähnen, statt eine scheinbar unveränderliche Zahl zu behaupten.

Die Cappella 45 und das Grab der Madonna

Die heutige Cappella 45, das Grab der Madonna, gehört bereits in das späte 15. Jahrhundert. Sie reproduziert einen marianischen Heilig-Land-Ort und war ursprünglich mit einem Freskenzyklus der lombardischen Werkstatt der Scotto ausgestattet. Teile dieser Malereien befinden sich heute in der Pinakothek von Varallo. Durch Veränderungen des Zugangs im 20. Jahrhundert verlor die Kapelle ihre frühere Stellung im Rundweg. Dieser Fall zeigt besonders deutlich, wie moderne Infrastruktur historische Pilgerbewegungen verändern kann: Eine Kapelle bleibt materiell bestehen, wird aber durch neue Wege aus der früheren rituellen Sequenz herausgelöst.

Die Basilica di Santa Maria Assunta

Den liturgischen Mittelpunkt des heutigen Sacro Monte bildet die Basilica di Santa Maria Assunta. Eine ältere Kirche des späten 15. Jahrhunderts reichte für die wachsenden Pilgerzahlen bald nicht mehr aus. 1614 begann unter dem Einfluss Carlo Bascapès ein größerer Neubau. Finanziert wurde er unter anderem durch den pavianischen Adeligen Agostino Beccaria sowie durch Pilgerspenden. Die Arbeiten zogen sich über lange Zeit hin. Bartolomeo Ravelli und Giovanni d'Enrico waren an der frühen Planung beteiligt; spätere Generationen vollendeten Chor, Langhaus und Ausstattung. Die heutige monumentale Fassade entstand erst 1891 bis 1896 nach Entwurf Giovanni Cerutis. Auch die Basilika ist daher ein gewachsener Bau und kein Werk aus einem einzigen Guss.

Die Madonna Dormiente

Im Scurolo der Basilika wird die hölzerne Madonna Dormiente verehrt, eine Darstellung der entschlafenen Gottesmutter, die der Tradition und kunsthistorischen Zuschreibung mit Gaudenzio Ferrari verbunden wird. Die Statue war bereits vor Vollendung der heutigen Basilika Gegenstand der Verehrung und wurde im 17. Jahrhundert feierlich in den neuen Kirchenbereich übertragen. Ältere Kultüberlieferung verbindet die Madonna bereits mit einem Wunder des Jahres 1498. Diese Angabe gehört in die historische Darstellung als Teil der Heiligtumstradition, nicht als unabhängig verifizierter Tatsachenbericht. Entscheidend ist, dass die Marienverehrung neben dem Christus- und Passionszyklus eine eigene liturgische Achse des Sacro Monte bildet.

Die Kuppel der Basilika

Die barocke Ausstattung der Basilika führt die Marienthematik in monumentaler Form weiter. In der Kuppel verbinden sich plastische Figuren und Malerei zu einer Darstellung der Aufnahme Mariens in den Himmel. Dionigi Bussola wirkte an der plastischen Ausstattung; die Brüder Montalti gehörten zu den beteiligten Malern. Auch hier setzt sich das Grundprinzip des Sacro Monte fort: Skulptur und Malerei werden nicht streng getrennt, sondern arbeiten gemeinsam an einem räumlichen Bild. Die Basilika überträgt die in den Kapellen entwickelte Kunstform in einen großen liturgischen Innenraum.

Prominente Pilger und die unsichtbare Mehrheit

Die Quellen nennen zahlreiche hochrangige Besucher. Angela Merici, Francesco II. Sforza, Cristina von Dänemark, Carlo Borromeo und Mitglieder des Hauses Savoyen gehören zu den bekannten Namen. Solche Besuche lassen sich dokumentieren, weil Herrscher, Bischöfe und Ordensgründer in Chroniken und Rechnungen eher Spuren hinterlassen als gewöhnliche Reisende. Dennoch darf diese prominente Überlieferung nicht den Blick auf die eigentliche soziale Basis der Wallfahrt verstellen. Der gesamte Zweck der „Neuen Jerusalem“ richtete sich gerade an Menschen, die keine Pilgerreise nach Palästina unternehmen konnten. Wege, Kapellen und Führer setzen große Mengen gewöhnlicher Besucher voraus. Die namenlosen Pilger bilden daher die wichtigste, wenn auch archivalisch weniger sichtbare Bevölkerungsgruppe des Sacro Monte.

Die Führerliteratur von 1566

Mit Francesco Sesallis Breve descrittione del Sacro Monte di Varallo di Valsesia von 1566 beginnt eine neue Phase der gedruckten Besucherlenkung. Der Text verbindet Verse über die Mysterien mit einer kurzen Geschichte des Heiligtums und einer Gesamtansicht. Mehrere Auflagen passten den Inhalt an die fortlaufenden Veränderungen des Berges an. Ein Führer war damit kein statisches Buch. Er musste mit dem Sacro Monte mitwachsen. Wenn eine Kapelle neu entstand, ein Weg verändert oder eine Szene umgebaut wurde, änderte sich auch die gedruckte Ordnung des Besuches.

1611: vom Wegführer zum Meditationsbuch

Giovanni Giacomo Ferraris Brevi Considerationi sopra i Misteri del Sacro Monte di Varallo von 1611 ist die erste vollständig in Prosa abgefasste Führung. Sie tritt stärker als geistliches Meditationsbuch auf. Kunsthistorische Informationen stehen weniger im Mittelpunkt; der Leser soll die Mysterien betrachten, innerlich deuten und daraus religiöse Folgerungen ziehen. Gleichzeitig erscheinen Holzschnitte der einzelnen Stationen. Damit kann der Pilger die Bilder des Berges auch außerhalb des eigentlichen Ortes erinnern. Die Wallfahrt setzt sich im Buch fort.

1616: Meister und Schüler im Dialog

Tommaso Nanni da Sogliano veröffentlichte 1616 einen Dialogo Sopra i Misterij del Sacro Monte di Varallo. Die dialogische Form zwischen Lehrer und Schüler macht aus der Führung beinahe eine Katechese. Der Text erklärt nicht nur, was zu sehen ist, sondern auch, wie der Inhalt verstanden werden soll. Diese Entwicklung passt zur nachtridentinischen Neuordnung des Berges. Architektur und Figuren lenken den Blick; das Buch lenkt die Interpretation. Pilgerweg und gedruckte Anleitung bilden damit ein gemeinsames System religiöser Pädagogik.

Varallo im Netz der voralpinen Heiligtümer

Der Sacro Monte stand nie isoliert. Prozessionen, Pilgergruppen und religiöse Kontakte verbanden ihn mit anderen Heiligtümern des norditalienischen Voralpenraumes. Dorino Tuniz und andere Forscher haben auf diese Einbindung in ein größeres System von Wallfahrtsorten hingewiesen. Varallo war Modell für andere Sacri Monti, aber zugleich selbst Teil eines regionalen Netzes von Marien-, Passions- und Heiligenkulten. Die spätere Entstehung von Orta, Crea, Oropa, Varese und weiteren Anlagen zeigt, wie stark die Grundidee Varallos weiterwirkte. Künstler, Ordensleute, Bischöfe und Stifter übertrugen technische und religiöse Erfahrungen von einem Berg zum anderen.

Samuel Butler und die Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert änderte sich die Wahrnehmung des Sacro Monte. Für viele gebildete Reisende wurden die lebensgroßen Figuren zu einer Kuriosität, die nicht in das klassische Ideal italienischer Hochkunst passte. Der englische Schriftsteller Samuel Butler widersprach dieser herablassenden Sicht. Nach seinem ersten Besuch 1871 beschäftigte er sich intensiv mit Varallo und veröffentlichte 1888 Ex Voto: An Account of the Sacro Monte or New Jerusalem at Varallo-Sesia. Butlers Buch ist heute eine wertvolle Quelle der Rezeptionsgeschichte. Es beschreibt nicht nur Kunstwerke, sondern auch Wege, Eindrücke und die Atmosphäre des Ortes. Zugleich kämpft es gegen die damals verbreitete Vorstellung, die szenischen Kapellen seien bloß naive oder groteske Volkskunst.

Giovanni Testori und das „Gran Teatro Montano“

Im 20. Jahrhundert prägte Giovanni Testori die moderne Wahrnehmung Gaudenzio Ferraris und Varallos besonders stark. Sein Ausdruck vom Gran Teatro Montano, dem großen Bergtheater, wurde zu einer fast sprichwörtlichen Bezeichnung der Anlage. Der Begriff ist treffend, wenn man ihn nicht als bloße Unterhaltung versteht. Die Kapellen sind tatsächlich inszenierte Räume mit Figuren, Blickachsen und dramatischen Momenten. Doch der historische Zweck war religiöse Vergegenwärtigung. Varallo war Theater im Dienst der Wallfahrt.

Neue Forschung: Wahrnehmung statt bloßer Zuschreibung

Die jüngere Forschung verschiebt den Schwerpunkt zunehmend von der Frage, welcher Künstler welche Figur geschaffen habe, zur Frage, wie die Szenen benutzt und erlebt wurden. Arbeiten von Christine Göttler, Margaret F. Bell, Allie Terry-Fritsch, Damiano Pomi und anderen untersuchen Sinne, Körper, Berührung, Blickführung und geistliche Visualisierung. Dadurch wird Varallo religionsgeschichtlich neu lesbar. Die Kapellen sind nicht mehr nur Behälter für Kunstwerke, sondern Instrumente einer religiösen Praxis. Der Betrachter ist nicht bloß Publikum, sondern handelnder Teil eines genau organisierten Wahrnehmungsprozesses.

Alltagsgegenstände als volkskundliche Quellen

Spezialstudien zu Kleidung, Gestik, Musikinstrumenten, Speisen, Tischen und körperlichen Besonderheiten zeigen, wie ergiebig die Figurengruppen für die Alltagsgeschichte sind. Die Künstler übertrugen das Evangelium in eine materielle Welt, die ihrer eigenen Gegenwart entnommen war. Waffen, Gefäße, Möbel und Gewänder können deshalb neben ihrer religiösen Funktion auch als historische Bildquellen gelesen werden. Vorsicht ist dennoch notwendig: Eine biblische Szene ist keine fotografische Dokumentation des Alltags. Künstler überzeichneten, typisierten und kombinierten. Trotzdem bewahren die Kapellen zahlreiche Vorstellungen darüber, wie Menschen des 16. und 17. Jahrhunderts Körper, Kleidung, soziale Rollen und fremde beziehungsweise vertraute Personen visualisierten.

Restaurierung verändert den Blick

Über Jahrhunderte wurden Fresken, Terrakotten, Haare, Stoffe und architektonische Oberflächen restauriert oder ersetzt. Feuchtigkeit, Frost, Licht und frühere Eingriffe gefährdeten die empfindlichen Werke. Manche heute sichtbare Fassung ist daher Ergebnis mehrerer Restaurierungsphasen. Auch dies gehört zur Geschichte des Wallfahrtsortes. Ein „Originalzustand“ des gesamten Sacro Monte hat nie gleichzeitig existiert. Während eine Kapelle neu entstand, wurde eine andere bereits verändert. Wissenschaftlich angemessen ist deshalb, den Berg als fortlaufend gewachsene und gepflegte Kultlandschaft zu verstehen.

Landschaft, Wald und Garten

Der Sacro Monte ist zugleich Natur- und Kulturlandschaft. Waldwege, offene Plätze, Gartenbereiche und Aussichtspunkte wechseln einander ab. Diese Umgebung ist keineswegs vollständig naturbelassen. Besonders seit Alessi wurde Vegetation gezielt in die Inszenierung einbezogen. Die Landschaft schafft Pausen zwischen den Szenen. Nach einem dichten Kapellenraum tritt der Pilger wieder ins Freie, hört Wind und Wald, sieht das Tal und bewegt sich weiter. Der Wechsel zwischen Bild und Natur ist Teil der Wahrnehmung und unterscheidet den Sacro Monte grundsätzlich von einer Folge von Altären innerhalb eines einzigen Kirchenraumes.

UNESCO-Welterbe seit 2003

Seit 2003 gehört Varallo zur seriellen UNESCO-Welterbestätte Sacri Monti of Piedmont and Lombardy. UNESCO hebt besonders die Verbindung von Architektur und sakraler Kunst mit der natürlichen Landschaft zu spirituellen und didaktischen Zwecken hervor. Varallo besitzt innerhalb der Gruppe eine besondere Stellung, weil hier das Phänomen am Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert seinen Ausgang nahm. Der eingetragene Bereich von Varallo umfasst 5,4 Hektar; hinzu kommt eine Pufferzone von 26,1 Hektar. Die UNESCO-Eintragung betrifft nicht nur einzelne Kapellen, sondern die Gesamtlandschaft des Sacro Monte.

Der Sacro Monte als lebendiger Wallfahrtsort

Trotz seiner Bedeutung als Kunstdenkmal und UNESCO-Welterbe ist Varallo weiterhin ein religiöser Ort. In der Basilica di Santa Maria Assunta werden regelmäßig Gottesdienste gefeiert; Gruppen besuchen den Berg als Pilgerziel, und die Kapellen werden weiterhin in geistlichen Führungen und Andachten erschlossen. Damit existieren unterschiedliche Besucherformen nebeneinander. Ein Kunsthistoriker betrachtet Gaudenzio Ferrari, ein Wanderer die Landschaft, ein Tourist das UNESCO-Denkmal und ein Pilger die Stationen des Lebens Christi. Diese Motive schließen sich nicht gegenseitig aus und können sich bei derselben Person überlagern.

Zur historischen Einordnung

Der Sacro Monte di Varallo ist ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie sich eine Wallfahrtsform über mehrere Jahrhunderte verändert, ohne ihren Kern vollständig zu verlieren. Bernardino Caimi wollte Jerusalem in Europa räumlich vergegenwärtigen; frühe Pilger gingen, stiegen, betraten und berührten nachgebildete heilige Orte. Gaudenzio Ferrari verwandelte diese Landschaft in einen immersiven Bildraum aus Skulptur und Fresko. Alessi entwarf daraus ein spät­renaissancezeitliches heilsgeschichtliches Universum. Carlo Borromeo und Carlo Bascapè machten den Berg zu einem wichtigen Ort nachtridentinischer Frömmigkeit und gelenkter Bildbetrachtung. Barocke Künstler führten die Szenen weiter; gedruckte Führer regelten zunehmend den Blick und die Meditation. Gerade deshalb lässt sich Varallo nicht auf „44 Kapellen“ oder eine Liste großer Künstler reduzieren. Der eigentliche Gegenstand ist die Beziehung zwischen Mensch, Weg und Bild. Der Sacro Monte zeigt, wie religiöse Geschichte in Landschaft übersetzt wird und wie ein Pilger mit seinem Körper zum Leser dieser Landschaft wird.

Quellen und Literatur

Questi sono li misteri che sono sopra el Monte de Varalle. Milano, Gottardo da Ponte 1514. Moderne Edition: Stefania Stefani Perrone, 1987.

Sesalli, Francesco: Breve descrittione del Sacro Monte di Varallo di Valsesia. 1566 und spätere Auflagen.

Alessi, Galeazzo: Libro dei Misteri, 1565–1569. Kritische Edition hg. von Stefania Stefani Perrone. Bologna 1974.

Ferrari, Giovanni Giacomo: Brevi Considerationi sopra i Misteri del Sacro Monte di Varallo. 1611.

Nanni da Sogliano, Tommaso: Dialogo Sopra i Misterij del Sacro Monte di Varallo. 1616.

Butler, Samuel: Ex Voto. An Account of the Sacro Monte or New Jerusalem at Varallo-Sesia. London 1888.

Testori, Giovanni: Il gran teatro montano. Saggi su Gaudenzio Ferrari. Milano 1965.

Stefani Perrone, Stefania: Studien und Editionen zur frühen Geschichte, zum Pilgerführer von 1514 und zum Libro dei Misteri.

Longo, Pier Giorgio: „Hi loco visitando“. Studien zu Themen und Formen der Wallfahrt in der Führung von 1514; Tra Imitatio e Sequela Christi; Domine ivimus. Progetti e sviluppi del Sacro Monte di Varallo dal 1491 al 1566.

Leatherbarrow, David: „The Image and Its Setting: A Study of the Sacro Monte at Varallo“. 1987.

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De Filippis, Elena: Gaudenzio Ferrari. La crocifissione del Sacro Monte di Varallo. 2006.

De Filippis, Elena: Guida del Sacro Monte di Varallo. 2009.

Göttler, Christine: Studien zur Sinnesgeschichte, Bildwahrnehmung und zu Galeazzo Alessis Planungen für Limbus, Fegefeuer und Hölle am Sacro Monte di Varallo.

Bell, Margaret F.: Image as Relic: Bodily Vision and the Reconstitution of Viewer/Image Relationships at the Sacro Monte di Varallo. 2014.

Terry-Fritsch, Allie: „Performing the Renaissance Body and Mind: Somaesthetic Style and Devotional Practice at the Sacro Monte di Varallo“. 2014–2015.

Terry-Fritsch, Allie: „Dramatic Action and the Participatory Spectator at the Sacro Monte di Varallo: Frozen Theatre or Immersive Installation?“, in: Performing the Sacred. 2023.

Pomi, Damiano: „Itinerari dello sguardo e dello spirito: esperienze di visualizzazione interiore e percorsi spirituali di meditazione al Sacro Monte di Varallo“, in: I Sacri Monti: itinerari ascetici cristiani. 2015.

Tuniz, Dorino: „La fortuna del Sacro Monte di Varallo nel sistema dei santuari prealpini“, in: I Sacri Monti: itinerari ascetici cristiani. 2015.

Siew, Tsafra: „Translations of the Jerusalem Pilgrimage Route at the Holy Mountains of Varallo and San Vivaldo“, in: Between Jerusalem and Europe. 2015.

Garavaglia, Gianpaolo: Mons in quo beneplacitum est Deo habitare in eo. Bibliografia del Sacro Monte di Varallo. 2017.

Di Palma, Luca: Di parole e immagini. Il Sacro Monte di Varallo attraverso le sue guide. Ente di Gestione dei Sacri Monti 2023.

Fecchio, Lorenzo: Il „Libro dei Misteri“ di Galeazzo Alessi. La nuova Gerusalemme e il Sacro Monte di Varallo (1565–1572). Officina Libraria 2025.

Ente di gestione dei Sacri Monti; Centro di Documentazione dei Sacri Monti, Calvari e Complessi devozionali europei: historische, kunsthistorische und bibliographische Dokumentationen zum Sacro Monte di Varallo.

Basilica di Santa Maria Assunta del Sacro Monte di Varallo: historische Dokumentationen zu Bernardino Caimi, Heiligem Grab, Basilica, Madonna Dormiente, San Carlo und Wallfahrtsgeschichte.

Ministero della Cultura, Catalogo generale dei Beni Culturali: Santa Maria Assunta del Sacro Monte di Varallo; architektonische und historische Bestandsdokumentation.

UNESCO World Heritage Centre: Sacri Monti of Piedmont and Lombardy. Welterbeeintrag 2003 und Nominierungsunterlagen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher