Basilica Cattedrale Metropolitana di San Ciriaco
Ancona, Dom San Ciriaco auf dem Guasco-Hügel

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historischer Reliquien-, Patronats- und Marienwallfahrtsort der Hafenstadt Ancona. Kultische Schwerpunkte sind die Verehrung des Stadtpatrons San Ciriaco mit seinem in der Krypta bewahrten Leib, die frühchristlich begründete Stephansverehrung sowie die Madonna Regina di tutti i Santi, die "Madonna del Duomo". Zum Fest der Madonna ziehen bis heute Pilgergruppen aus verschiedenen Pfarreien zu Fuß auf den Colle Guasco; der 4. Mai verbindet die Verehrung San Ciriacos mit dem städtischen Patronatsfest und der Fiera di San Ciriaco.
Status:Basilica Cattedrale Metropolitana der Erzdiözese Ancona-Osimo und Kathedrale des Metropoliten von Ancona-Osimo; zugleich zentraler Reliquien- und Patronatsort der Stadt Ancona.
Kultzentrum:Der in der Cripta dei Santi Patroni verehrte Leib San Ciriacos, die Reliquien von San Liberio und San Marcellino, die Kreuzreliquie, die sogenannte Stephansreliquie sowie das kleine Gnadenbild der Madonna Regina di tutti i Santi in der vanvitellianischen Kapelle. Zum Kultkomplex gehören außerdem das Telo di San Ciriaco und weitere Objekte im benachbarten Museo Diocesano.
Ort:Ancona, Colle Guasco.
Region:Marken.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Adresse: Basilica Cattedrale Metropolitana di San Ciriaco, Piazzale del Duomo 9, 60121 Ancona (AN), Italien.
•GPS: 43.62533, 13.51023.
•Die Kathedrale liegt auf dem Colle Guasco oberhalb des alten Hafens von Ancona. Der Aufstieg aus der Altstadt ist teilweise steil; die Lage gehört wesentlich zur historischen und religiösen Wahrnehmung des Domes als weithin sichtbarem Zeichen über Stadt und Meer.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Wichtige Kulttermine sind der 4. Mai, das Fest San Ciriacos und städtische Patronatsfest, sowie der 26. Juni, das Fest der Madonna Regina di tutti i Santi. Die Kathedrale ist tagsüber grundsätzlich zugänglich; bei Gottesdiensten und kirchlichen Feiern können Besichtigungsmöglichkeiten eingeschränkt sein.
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten des Domes auf dem Colle Guasco und vom Hafen aus, der Aufstieg zum Piazzale del Duomo, Fassade und Protiro mit den Löwen, die Kuppel, Innenraum und Plutei, die Cripta dei Santi Patroni mit San Ciriaco, San Liberio und San Marcellino, die Kapelle der Madonna Regina di tutti i Santi mit dem vanvitellianischen Tempietto, die Cripta delle Lacrime und die Stephansreliquie, das Museo Diocesano mit dem Telo di San Ciriaco, Prozessionen und Reliquiensegen am 4. Mai, Pilgergruppen zum Fest der Madonna am 26. Juni, die Fiera di San Ciriaco sowie historische und heutige Formen der Verehrung auf dem Guasco-Hügel.

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Ausführliche Beschreibung

Der Colle Guasco: sakraler Ort über Hafen und Meer

Die Basilica Cattedrale Metropolitana di San Ciriaco steht auf dem Colle Guasco, einem Hügel unmittelbar über dem alten Hafen von Ancona, und nimmt damit eine topographische Stellung ein, die für die Wahrnehmung der Stadt seit Jahrhunderten von besonderer Bedeutung ist. Vom Meer aus erscheint der helle Baukörper über dem Hafen, während sich vom Domplatz der Blick über die Adriaküste und das Hafenbecken öffnet. Die Kathedrale ist deshalb sowohl kirchliches Zentrum als auch ein städtisches Orientierungszeichen, dessen Lage in einer Hafenstadt ständig Beziehungen zwischen Land und Meer, Abfahrt und Ankunft, Gefahr und Schutz erzeugte. Diese maritime Dimension durchzieht auffällig viele spätere Kultgeschichten des Domes: San Ciriacos Leib soll der Überlieferung nach über das Meer nach Ancona gelangt sein, eine besondere Binsenüberlieferung erinnert an seine Anlandung, und auch das Gnadenbild der Madonna del Duomo kam nach der Tradition als Dankgabe eines Seefahrers nach einem überstandenen Sturm in die Kathedrale.

Unter dem christlichen Bau liegen Reste eines monumentalen antiken Tempels. Die ältere archäologische Forschung, besonders Lidiano Bacchielli, deutete die Fundamente als Teil eines griechischen Tempels des späten 4. Jahrhunderts v. Chr. und brachte ihn mit dem von antiken Autoren erwähnten Aphrodite- beziehungsweise Venus-Kult von Ancona in Verbindung. Mario Luni hat in der großen Dommonographie von 2003 dagegen eine wesentlich spätere Datierung in das 2. Jahrhundert v. Chr. vorgeschlagen und auf römisch-republikanische Bauformen, lateinische Steinmetzzeichen und ein korinthisches Kapitell verwiesen. Die Diskussion ist damit nicht abgeschlossen; möglicherweise überlagern sich verschiedene antike Bauphasen. Sicher ist jedoch, dass der Guasco schon in der Antike ein hervorgehobener Kultplatz war. Wissenschaftlich problematisch wäre es, daraus eine ununterbrochene religiöse Linie von Aphrodite oder Venus über die christliche Kathedrale bis zur Marienverehrung zu konstruieren. Aussagekräftiger ist die Beobachtung, dass derselbe exponierte Ort in einer Seestadt wiederholt religiöse, politische und identitätsstiftende Bedeutungen erhielt.

Von der frühchristlichen Basilika San Lorenzo zur Kathedrale

Auf dem antiken Areal entstand in der Spätantike oder im frühen Mittelalter eine dreischiffige christliche Basilika, die dem hl. Laurentius geweiht war. Reste von Mauern und Mosaikböden dokumentieren diese frühe Bauphase. Um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend gewann San Lorenzo als bischöfliches Zentrum zunehmend an Bedeutung; im Zusammenhang mit der Übertragung der wichtigsten Stadtpatrone wurde die Kirche zum Mittelpunkt einer neuen sakralen Topographie. Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert entwickelte sich aus dem ursprünglich längsgerichteten Bau die heute charakteristische Anlage in Form eines griechischen Kreuzes, wobei sich romanische, byzantinisch beeinflusste und später gotische Elemente überlagern. Wiederverwendete antike Säulen und Kapitelle, die Zentralisierung des Grundrisses und die monumentale Kuppel verleihen dem Innenraum eine Wirkung, die sich deutlich von vielen zeitgleichen mittelitalienischen Kathedralen unterscheidet und zugleich die intensiven Kontakte Anconas über die Adria und in den östlichen Mittelmeerraum spiegelt.

Der monumentale Protiro an der dem Hafen zugewandten Hauptfassade gehört zu den bedeutenden mittelalterlichen Bauteilen. Seine Säulen ruhen auf mächtigen Löwen aus rotem Veroneser Marmor; Tier-, Pflanzen- und Symbolmotive verbinden Architektur mit einem komplexen Bildprogramm. Eine traditionelle Zuschreibung an Giorgio da Como um 1228 wird noch häufig genannt, ist in der neueren Forschung jedoch nicht in allen Einzelheiten gesichert. Ähnlich verhält es sich mit der dodekagonalen Kuppel. Die ältere Literatur schrieb sie mitunter Margaritone d'Arezzo zu; die neuere Architekturgeschichte behandelt diese Zuschreibung zurückhaltender. Sicher ist ihre Entstehung im hochmittelalterlichen Ausbau des Domes, ebenso die besondere Konstruktion mit nach innen verlegten Strebewirkungen und der ausgeprägt zentralisierenden Wirkung über der Vierung.

San Ciriaco: zwischen Kreuzfindungslegende, Hagiographie und Stadtpatronat

San Ciriaco, der heutige Namenspatron der Kathedrale und Schutzheilige Anconas, gehört zu denjenigen Heiligen, deren spätere Verehrung historisch außerordentlich gut greifbar ist, während die biographische Überlieferung selbst zahlreiche Schwierigkeiten aufweist. Die mittelalterliche Legende identifiziert ihn mit einem jüdischen Mann namens Judas, der der Kaiserin Helena beim Auffinden des Kreuzes Christi in Jerusalem geholfen habe, sich anschließend taufen ließ, den Namen Kyriakos beziehungsweise Ciriaco annahm, Bischof wurde und unter Kaiser Julian im Jahr 363 den Märtyrertod erlitt. Diese Erzählung ist Bestandteil einer vielschichtigen spätantiken und mittelalterlichen Inventio-Crucis-Literatur; mehrere Fassungen der Kreuzfindung wurden im Verlauf der Überlieferung miteinander verbunden. Sie darf deshalb nicht wie eine moderne historische Biographie gelesen werden.

Auch die häufig wiederholte Aussage, Ciriaco sei Bischof von Ancona gewesen, lässt sich historisch nicht sicher belegen. Schon die Einordnung in die Jerusalemer Bischofsfolge bereitet chronologische Schwierigkeiten. Die Forschung von Réginald Grégoire und die 2020 publizierten Akten des internationalen Ciriaco-Kongresses haben deutlich gemacht, wie stark verschiedene hagiographische Stränge, lokale Interessen und spätere Deutungen miteinander verschmolzen. Gerade deshalb ist es für die Wallfahrtsgeschichte sinnvoll, nicht nach einer vermeintlich lückenlosen Vita zu suchen, sondern zu untersuchen, wann und auf welche Weise der verehrte Körper, die Bildprogramme, liturgische Feste und städtische Zeichen den Heiligen in Ancona verankerten.

Das Jahr 418 und die Frage nach der Translation

Nach der traditionellen anconetanischen Überlieferung soll Galla Placidia im Jahr 418 den Leib San Ciriacos aus dem Heiligen Land nach Ancona gebracht beziehungsweise der Stadt überlassen haben. Diese Datierung ist in der lokalen Erinnerung außerordentlich wichtig, kann jedoch nicht als gesicherter historischer Vorgang behandelt werden. Die neuere Forschung diskutiert alternative Chronologien. Giorgio Mangani hat beispielsweise einen möglichen Zusammenhang mit der Zeit der Kaiserin Eudocia und damit eine Translation erst zwischen etwa 440 und 460 erwogen. Auch diese Hypothese ist keine gesicherte Lösung, zeigt aber, dass die scheinbar exakte Jahreszahl 418 Teil einer wesentlich komplizierteren Traditionsgeschichte ist.

Besonders aufschlussreich ist die Spannung zwischen schriftlicher und materieller Überlieferung. Vor dem späten Mittelalter sind die expliziten schriftlichen Zeugnisse zum anconetanischen Ciriaco-Kult auffällig dünn, während materielle Objekte auf eine deutlich ältere und fest etablierte Verehrung hinweisen. Dazu gehören die mittelalterlichen Plutei, liturgische Erinnerungsstücke und vor allem das sogenannte Telo di San Ciriaco. Der historische Wert dieser Objekte liegt nicht darin, die Translation von 418 zu beweisen, sondern darin, den Umgang mit dem verehrten Körper und die Ausbildung eines lokalen Reliquienkultes in späteren Jahrhunderten konkret fassbar zu machen.

Das Telo di San Ciriaco: ein materielles Zeugnis des mittelalterlichen Kultes

Bei der Öffnung des Reliquienschreins im Jahr 1755 wurde ein großes Seidentuch festgestellt, das mit dem Körper des Heiligen in Verbindung stand und heute im Museo Diocesano bewahrt wird. Das etwa 236 Zentimeter lange und 85 Zentimeter breite Tuch besteht aus gemustertem Samit; seine Ornamentik mit Greifen, Palmetten und kreisförmigen Rahmungen verweist auf byzantinische beziehungsweise östlich-mediterrane Seidenproduktion des 10. oder 11. Jahrhunderts. Gerade dieses textile Objekt ist für die Kultgeschichte von außerordentlicher Bedeutung, weil es zeigt, dass der verehrte Körper spätestens um die Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert bewusst neu gebettet, umhüllt oder übertragen wurde.

Das Tuch erlaubt damit eine Differenzierung, die für den gesamten Artikel wichtig ist: Die konkrete spätantike Identität des Toten bleibt offen, aber der hochmittelalterliche Umgang mit dem Körper ist materiell greifbar. In dieser Zeit scheint sich der Reliquienkult auf dem Guasco bereits so stark etabliert zu haben, dass kostbares importiertes Seidengewebe für die Inszenierung und Bewahrung des Heiligenkörpers eingesetzt wurde. Das Textil ist daher nicht bloß ein kunsthistorisches Objekt, sondern Teil einer mittelalterlichen Reliquienpraxis, in der kostbarer Stoff die besondere Würde und Schutzbedürftigkeit des heiligen Körpers sichtbar machte.

Plutei, Bilder und Münzen: wie der Heilige zum Symbol der Stadt wurde

Ein besonders wichtiges datiertes Zeugnis des mittelalterlichen Ciriaco-Kultes sind die marmornen Plutei von 1189, die einem Magister Leonardus zugeschrieben werden. Auf einem dieser Reliefs erscheint Ciriaco bereits in bischöflicher Gestalt. Das bedeutet, dass die lokale Bildtradition den Heiligen lange vor den frühneuzeitlichen gelehrten Kontroversen fest in einer bestimmten ikonographischen Form verankert hatte. Solche Darstellungen sind nicht bloß Illustration einer Legende; sie wirken ihrerseits daran mit, ein bestimmtes Bild des Heiligen zu erzeugen und über Generationen zu stabilisieren.

Noch deutlicher wird diese kommunale Aneignung auf den Münzen der mittelalterlichen Stadtrepublik Ancona. Groschen zeigen Ciriaco in bischöflichem Ornat und machen ihn damit zu einem Zeichen, das weit über kirchliche Räume hinaus zirkuliert. Die Münze verbindet Heiligenbild, wirtschaftlichen Austausch und politische Souveränität. Wer mit anconetanischem Geld bezahlte, trug gewissermaßen den Stadtpatron durch Handelsnetze und Hafenräume. Ciriaco war damit sowohl Objekt persönlicher Andacht als auch Teil der öffentlichen Selbstdarstellung der Stadt.

Die Cripta dei Santi Patroni: Reliquien als Zentrum der Wallfahrt

Das eigentliche Reliquienzentrum der Kathedrale ist die Cripta dei Santi Patroni. Hier werden die Körper beziehungsweise Reliquien San Ciriacos, San Liberios und San Marcellinos verehrt; weitere Heilige und Selige gehören zum umfangreichen Reliquienbestand des Domes. Die Krypta ist damit sowohl ein Bestattungsraum als auch ein konzentrierter Erinnerungsort, an dem mehrere lokale Kulttraditionen zusammengeführt wurden. Die Gestaltung des Ciriaco-Altars und die neuzeitlichen Reliquiare machen sichtbar, wie stark sich die Präsentation heiliger Körper im Laufe der Jahrhunderte veränderte: aus dem mittelalterlichen Sarkophag und kostbaren Textilien entwickelte sich eine zunehmend repräsentative und für Pilger organisierte Schaustellung.

Am 4. Mai, dem Fest San Ciriacos, wird diese Verbindung zwischen Reliquie und Stadt besonders deutlich. Der Festgottesdienst bringt kirchliche, zivile und militärische Repräsentanten in der Kathedrale zusammen. Der Bürgermeister beziehungsweise die Stadt bringt dem Patron eine Blumengabe dar; anschließend wird auf dem Vorplatz mit einem Reliquiar gesegnet, das eine Reliquie San Ciriacos und ein als Partikel des Kreuzes Christi verehrtes Fragment enthält. Die Kreuzreliquie verbindet den lokalen Patron unmittelbar mit jener Kreuzfindungsüberlieferung, die seine hagiographische Biographie prägt. Liturgie, städtische Repräsentation und Legende greifen damit in einer einzigen Handlung ineinander.

Die naturwissenschaftliche Untersuchung 2023 bis 2025

Eine besondere Bedeutung besitzt die jüngste naturwissenschaftliche Untersuchung des in der Krypta verehrten Körpers. Zwischen 2023 und 2025 wurden radiologische, anthropologische, radiokarbonanalytische und isotopenchemische Verfahren eingesetzt. Untersucht wurde ein teilweise natürlich mumifizierter männlicher Körper eines etwa 50- bis 60-jährigen Menschen mit einer geschätzten Körpergröße von ungefähr 165 bis 170 Zentimetern. Hinweise auf eine bewusste künstliche Einbalsamierung wurden nicht festgestellt.

Die Radiokarbondatierung ergab einen zeitlichen Bereich zwischen 261 und 522 n. Chr.; innerhalb dieses breiten Intervalls liegt eine besonders hohe statistische Wahrscheinlichkeit zwischen etwa 340 und 434. Der Befund ist damit mit der spätantiken Epoche vereinbar, in der die hagiographische Tradition Ciriaco ansiedelt. Aus dieser Übereinstimmung folgt jedoch kein Identitätsnachweis. Eine Radiokarbondatierung kann das Alter eines Körpers eingrenzen, nicht den Namen einer historischen Person bestimmen. Dasselbe gilt für die Strontiumisotope aus dem Zahnschmelz: Die Werte sind sowohl mit Teilen der Marken als auch mit Regionen des östlichen Mittelmeerraums einschließlich Palästinas vereinbar. Sie lassen eine Herkunft aus verschiedenen Landschaften zu, können aber weder einen konkreten Geburtsort noch eine kulturelle, religiöse oder ethnische Identität beweisen.

Besonders aufschlussreich ist die Neubewertung einer älteren These. Bei Untersuchungen von 1979 war ein erhöhter Bleigehalt als möglicher Hinweis auf die hagiographische Martyriumserzählung gedeutet worden, nach der Ciriaco mit flüssigem Blei gequält worden sei. Die modernen Analysen fanden keine entsprechend außergewöhnliche Bleikonzentration und stützen einen Tod durch Aufnahme geschmolzenen Bleis nicht. Festgestellt wurden dagegen verschiedene verheilte Verletzungen, darunter Frakturen an Rippen und Oberschenkel, sowie weitere Traumaspuren. Daraus lässt sich keine konkrete Todesursache ableiten. Gerade dieses Ergebnis zeigt den wissenschaftlichen Wert einer methodisch zurückhaltenden Reliquienforschung: Naturwissenschaft kann einzelne Aussagen prüfen, Wahrscheinlichkeiten eingrenzen und ältere Hypothesen verwerfen, ohne deshalb die Identität des verehrten Toten abschließend zu bestimmen.

San Marcellino und das heilige Buch

Neben den Körperreliquien besitzt der Dom eine weitere bemerkenswerte Form materieller Heiligenverehrung. Mit San Marcellino wird ein teilweise brandgeschädigtes mittelalterliches Evangelienbuch verbunden, das in der Überlieferung nicht nur als angeblich persönliches Buch des Heiligen galt, sondern selbst eine sakrale und wundertätige Bedeutung erhielt. Die neuere Handschriftenforschung, insbesondere Paola Degni, hat gezeigt, wie sich bei diesem Objekt Text, Zuschreibung, materieller Gebrauch und Heiligenverehrung gegenseitig verstärkten.

Volkskundlich ist dieser Befund wichtig, weil er die Vorstellung von Reliquie erweitert. Nicht nur Knochen oder Körperteile konnten als Träger heiliger Nähe gelten. Auch ein Buch, das durch eine behauptete biographische Beziehung an einen Heiligen gebunden wurde, konnte selbst Schutz- und Wundererwartungen aufnehmen. Im Dom von Ancona begegnen sich damit mehrere Formen materieller Religiosität: der heilige Körper, das textile Umhüllungsobjekt, die Kreuzreliquie, das Buch und später das Marienbild.

Santo Stefano: ein noch älterer Kult in Ancona

Die christliche Kultgeschichte Anconas beginnt nicht erst mit Ciriaco. Bereits Augustinus berichtet im frühen 5. Jahrhundert von einem Stephanskult in Ancona und von dort erzählten Heilungswundern. Die spätere lokale Überlieferung verband diesen Kult mit einem Stein, der bei der Steinigung des hl. Stephanus mit dessen Körper in Berührung gekommen und durch einen Seefahrer nach Ancona gelangt sei. Heute wird eine entsprechende Steinreliquie in einem spätmittelalterlichen Reliquiar in der Cripta delle Lacrime bewahrt.

Der frühe Stephanskult ist auch deshalb von Bedeutung, weil er in die spätere Ciriaco-Erzählung eingebaut wurde. Nach einer Traditionsfassung habe Ancona Stephansreliquien erbeten und stattdessen den Leib Ciriacos erhalten. Auf diese Weise wurden verschiedene Heiligenkulte erzählerisch miteinander verbunden. Die Kathedrale ist deshalb nicht das Ergebnis einer einzigen, linear verlaufenden Verehrungsgeschichte, sondern ein Ort, an dem mehrere Kultzentren nacheinander und nebeneinander zusammengezogen wurden: Stephanus, Laurentius, Ciriaco, Marcellino, Liberio und weitere Heilige erhielten jeweils eigene Funktionen innerhalb eines immer dichter werdenden sakralen Gedächtnisses.

Die Madonna Regina di tutti i Santi: ein Seefahrer-Ex-voto

Ein zweites großes Wallfahrtszentrum innerhalb der Kathedrale ist die Madonna Regina di tutti i Santi, im lokalen Sprachgebrauch meist "Madonna del Duomo" genannt. Das nur etwa 37 mal 45 Zentimeter große Bild zeigt Maria mit leicht geneigtem Kopf und halbgeschlossenen Augen. Nach der im kanonischen Untersuchungsverfahren später festgehaltenen mündlichen Überlieferung soll es 1615 einem venezianischen Seefahrer namens Bartolo oder Bortolo gehört haben. Während eines schweren Sturms sei sein Sohn ins Meer gerissen worden; der Vater habe vor dem Bild um Hilfe gebetet, der Sohn sei gerettet worden, und nach der Ankunft in Ancona habe der Seefahrer das Bild aus Dankbarkeit der Kathedrale überlassen.

Unabhängig davon, wie sich die Einzelheiten dieser Geschichte historisch prüfen lassen, ist ihre Funktion klar: Das Bild wird durch eine maritime Rettungserzählung zum Votivobjekt. Seine besondere Bedeutung entsteht nicht aus Größe oder kostbarem Material, sondern aus der Erinnerung an eine als erhalten verstandene Hilfe. Für eine Hafenstadt wie Ancona war diese Geschichte besonders anschlussfähig. Die alltägliche Erfahrung von Seefahrt, Sturm, Verlustgefahr und glücklicher Heimkehr erhielt in einem kleinen Marienbild eine religiöse Form.

Vanvitellis Tempietto: Gnadenbild, Reliquien und liturgische Inszenierung

Als die Verehrung der Madonna zunahm, erhielt das Bild im 18. Jahrhundert einen neuen architektonischen Rahmen. Luigi Vanvitelli entwarf 1738/39 die Kapelle beziehungsweise das elliptische Tempietto, in dem die Regina di tutti i Santi bis heute verehrt wird. Die neuere Vanvitelli-Forschung hat gezeigt, dass dieses kleine Architekturwerk mehr war als ein dekorativer Altaraufsatz. Es verband mehrere Funktionen: Aufnahme des Marienbildes, liturgische Rahmung des Altars und präsentative Zone für Reliquien. Die Architektur organisiert damit unterschiedliche Formen sakraler Gegenwart in einem konzentrierten Raum.

Gerade diese Verbindung ist für die Geschichte der Wallfahrt aufschlussreich. Der Besucher steht nicht einfach vor einem einzelnen Gemälde, sondern vor einer inszenierten Verbindung aus Marienbild, Reliquien und Altargeschehen. Das barocke Tempietto verwandelt das relativ kleine Bild in den optischen Mittelpunkt einer aufwendigen Architektur. Es ist ein Beispiel dafür, wie Kultintensität nicht nur Bilder und Rituale, sondern auch neue räumliche Lösungen hervorbringt.

1796: die "bewegten Augen" in einer politischen Krisenzeit

Am 25. Juni 1796 berichteten Betende in der Kathedrale, die Augen der Madonna hätten sich geöffnet beziehungsweise bewegt. Die Wahrnehmungen wurden in den folgenden Monaten wiederholt gemeldet; kirchliche Akten sprechen von großen Menschenmengen, Zeugenbefragungen, notariellen Protokollen und Untersuchungen des Bildes. Die Diözesanüberlieferung nennt insgesamt etwa 60.000 Besucher beziehungsweise Beobachter. Das Ereignis fiel in eine Phase großer politischer Unsicherheit: Napoleons Italienfeldzug bedrohte den Kirchenstaat, französische Truppen rückten vor, kirchliches Eigentum wurde beschlagnahmt, und in breiten Bevölkerungsschichten verband sich militärische Gefahr mit religiöser und gesellschaftlicher Verunsicherung.

Die moderne Forschung, besonders Massimo Cattaneos Studie Gli occhi di Maria sulla rivoluzione, betrachtet das anconetanische Ereignis deshalb nicht isoliert. 1796 und 1797 wurden an zahlreichen Orten des Kirchenstaates ähnliche Beobachtungen an Marienbildern berichtet. Nachrichten verbreiteten sich von Ort zu Ort, Erwartungen und Deutungsmuster konnten einander beeinflussen, und religiöse Zeichen wurden zu einer Sprache, in der politische Angst, Hoffnung und Widerstand verarbeitet wurden. Renzo De Felice hatte schon zuvor auf den Zusammenhang zwischen revolutionärer Krise und den Wundermeldungen hingewiesen. Der historische Wert der Quellen liegt daher nicht allein in der Frage, ob sich an einem Gemälde physisch etwas veränderte, sondern in der außerordentlichen sozialen Wirkung einer solchen Wahrnehmung.

Bemerkenswert ist die zeitliche Nähe der schriftlichen Quellen. Bereits 1796 erschien eine Raccolta di varie lettere, die die in den Marken und andernorts gemeldeten Zeichen zusammenstellte; 1797 publizierte Giovanni Marchetti eine umfangreiche Schrift über die an vielen heiligen Bildern berichteten Ereignisse. Diese Drucke zeigen, wie rasch aus lokaler Wahrnehmung eine überregionale Kommunikationswelle entstehen konnte. Die Madonna del Duomo wurde dadurch aus einem städtischen Andachtsbild zu einem religiösen Symbol einer gesamten Krisenzeit.

Napoleon zwischen historischer Begegnung und Legende

Auch Napoleon selbst wurde in die Kultgeschichte einbezogen. Historisch greifbar ist, dass er sich 1797 in Ancona über das Bild und die Vorgänge informieren ließ, dass das Bild untersucht und Vertreter des Domkapitels befragt wurden. Er erwog Eingriffe in das Kultbild und in dessen Schmuck; schließlich blieb das Bild jedoch in der Kathedrale. Diese Vorgänge lieferten später den Ausgangspunkt für eine wesentlich dramatischere Legende: Maria habe Napoleon plötzlich mit einem furchterregenden Blick angesehen, worauf dieser erschrocken zurückgewichen sei.

Eine wissenschaftliche Darstellung muss beide Ebenen auseinanderhalten. Der Kontakt Napoleons mit dem Kult und seine Auseinandersetzung mit dem Bild gehören zur politischen Geschichte der französischen Besatzung. Die Szene des erschreckenden Blickes dagegen ist eine spätere Erzählung, die den weltlichen Eroberer symbolisch der religiösen Macht des Bildes unterordnet. Gerade als Legende ist sie kulturhistorisch interessant: Sie zeigt, wie politische Macht in religiöser Erinnerung nachträglich umgedeutet und begrenzt werden kann.

Krönung, Diebstahl und Rückkehr des Gnadenbildes

1814 krönte Papst Pius VII. das Marienbild feierlich. Die Krönung markiert die langfristige kirchliche Anerkennung einer Verehrung, die seit den Ereignissen von 1796 eine neue Intensität erhalten hatte. Im 20. Jahrhundert wurde die Kultgeschichte erneut durch einen dramatischen Verlust unterbrochen. 1936 wurde das Bild gestohlen und seiner Schmuckstücke beraubt. Etwa einen Monat später fand man es bei Albano Laziale wieder; am 31. Januar 1937 kehrte es nach Ancona zurück. Die Wiederauffindung und feierliche Rückkehr wurden selbst zu einem neuen Kapitel der Erinnerungsgeschichte.

Die Episode macht deutlich, dass Kultbilder nicht nur aufgrund eines einmaligen Ursprungsereignisses verehrt werden. Ihre spätere Biographie kann durch Diebstahl, Gefährdung, Restaurierung und Rückkehr immer neue Bedeutungsschichten aufnehmen. Das Bild der Madonna del Duomo ist deshalb nicht bloß ein Kunstwerk aus frühneuzeitlicher Zeit, sondern ein Objekt mit einer langen sozialen Biographie, deren Stationen von Seesturm, Wunderwahrnehmung, napoleonischer Besatzung, Krönung und Diebstahl bis zur modernen Wallfahrt reichen.

Pfarrwallfahrten zur Regina di tutti i Santi

Der Wallfahrtscharakter des Domes ist sowohl historisch als auch gegenwärtig nachweisbar. Zum Fest der Regina di tutti i Santi am 26. Juni kommen Pilgergruppen aus verschiedenen Pfarreien nach Ancona und steigen auf den Colle Guasco. Die Diözese bezeichnet diese Praxis ausdrücklich als eine nie unterbrochene Tradition. Gebet, Beichte und Eucharistie gehören zum Ablauf. Der Anstieg zum Dom ist damit selbst Teil der religiösen Handlung: Die Pilger bewegen sich aus den tiefer gelegenen Stadtteilen und Gemeinden zum sichtbaren Höhenheiligtum.

Diese Form unterscheidet sich von der großen Fernwallfahrt nach Loreto, ist aber keineswegs weniger charakteristisch. Es handelt sich um eine regionale und städtische Wallfahrtsbewegung, die den Dom wiederholt als religiöses Zentrum aktiviert. Dass die Kathedrale 2025 zudem eine der Stationen eines eigenen diözesanen Jubiläumsweges war, zeigt, wie leicht sich diese ältere Topographie des Hinaufgehens in moderne Pilgerformen integrieren lässt.

Die Fiera di San Ciriaco: Patronatsfest und städtischer Markt

Der 4. Mai besitzt neben den liturgischen Feiern eine ausgeprägte städtische Dimension. Die Fiera di San Ciriaco verbindet den Namen des Patrons mit einem großen Markt- und Festgeschehen, an dem Händler, Handwerker, gastronomische Angebote, Vergnügungen und Veranstaltungen teilnehmen. Solche Verbindungen von Heiligenfest und Markt gehören zu den beständigsten Strukturen europäischer Patronats- und Wallfahrtskultur. Sie schaffen einen zeitlich begrenzten sozialen Raum, in dem Gottesdienst, Repräsentation, Handel und Geselligkeit nebeneinander bestehen.

Dabei sollte die heutige Großveranstaltung nicht vorschnell als seit dem Mittelalter unverändert bezeichnet werden. Marktformen, Waren, Verkehrsorganisation und Festprogramm haben sich immer wieder verändert. Kontinuität liegt vielmehr in der wiederkehrenden Verbindung des städtischen Patronats mit einem öffentlichen Zusammenkommen, das weit über den Kirchenraum hinausreicht.

Die Giunchi: Binsen als erzählende Festobjekte

Zu den besonders reizvollen volkskundlichen Motiven des Ciriaco-Kultes gehören die gesegneten beziehungsweise mit dem Fest verbundenen Binsen, italienisch giunchi. Ihre Bedeutung wird durch eine Translationslegende erklärt: Der Schrein mit dem Leib des Heiligen sei über das Meer in Ancona angekommen und mit einem aus Binsen gedrehten Seil an Land gezogen worden. Das Pflanzenmaterial wird dadurch zum Erinnerungsobjekt einer imaginativ vergegenwärtigten Ankunft.

Ob ein entsprechender Brauch unmittelbar auf eine historische mittelalterliche Landung zurückgeht, lässt sich nicht beweisen. Volkskundlich wichtiger ist die Struktur der Erzählung: Eine Pflanze erhält ihre rituelle Bedeutung durch eine Legende, und die jährliche Verwendung des Materials erneuert wiederum die Erinnerung an die Legende. Objekt und Erzählung bestätigen sich gegenseitig. Die Binsen sind damit ein gutes Beispiel dafür, wie kleine und vergängliche Dinge im Kontext eines großen Reliquienkultes eine eigene erinnerungskulturelle Funktion gewinnen können.

Krieg, Beschuss und Wiederaufbau

Die Kathedrale ist auch ein Ort materieller Verletzungen und Wiederherstellungen. Am 24. Mai 1915, unmittelbar nach dem italienischen Kriegseintritt, beschoss die österreichisch-ungarische Marine Ancona; auch San Ciriaco erlitt Schäden. Wesentlich schwerer trafen die Bombardierungen des Zweiten Weltkrieges die Anlage. Teile des rechten Querhauses und der darunterliegenden Cripta delle Lacrime wurden zerstört. Beim Wiederaufbau verwendete man, soweit möglich, geborgene Originalsteine; 1951 konnte der Dom wieder für den Gottesdienst geöffnet werden.

Nach dem Erdbeben von 1972 musste die Kathedrale erneut geschlossen und gesichert werden. Während dieser Zeit wurden die Reliquien San Ciriacos und das Marienbild an einen anderen kirchlichen Ort gebracht. Erst 1977 kehrten sie auf den Guasco zurück. Diese Episode zeigt besonders deutlich, dass ein Kultort nicht ausschließlich durch seine Architektur definiert ist. Wenn die zentralen Reliquien und Bilder verlegt werden, kann sich auch der religiöse Mittelpunkt vorübergehend verlagern. Das Heiligtum besitzt somit eine bewegliche Dimension, obwohl der monumentale Dom selbst scheinbar unverrückbar über dem Hafen steht.

Museo Diocesano: das ausgelagerte Gedächtnis der Kathedrale

Der benachbarte Museo Diocesano "Mons. Cesare Recanatini" ergänzt die Kathedrale um einen musealen Erinnerungsraum. Hier befinden sich Objekte, die für die Geschichte des Domes und seiner Kulte von zentraler Bedeutung sind, darunter das Telo di San Ciriaco, der spätantike Sarkophag des Flavius Gorgonius, mittelalterliche und frühneuzeitliche Kunstwerke sowie monumentale flämische Wandteppiche nach Entwürfen aus dem Umfeld Peter Paul Rubens'. Das Museum bewahrt Dinge, die im liturgischen Raum selbst nicht dauerhaft präsentiert werden können, und ermöglicht dadurch eine andere Form der Annäherung an die Kultgeschichte.

Volkskundlich ist diese Musealisierung ambivalent und gerade deshalb interessant. Ein Tuch, das einst einen Heiligenkörper umhüllte, wird vom rituell verwendeten Objekt zum geschützten Museumsstück; ein Reliquienbuch kann zugleich Handschrift und Andachtsgegenstand sein. Die moderne Konservierung nimmt solche Dinge teilweise aus ihrem früheren Gebrauch heraus, macht aber zugleich ihre Geschichte sichtbar und bewahrt sie für neue Formen der Erinnerung.

Meer, Schutz und Heimkehr als roter Faden

Die Geschichte San Ciriacos besitzt keinen einfachen kontinuierlichen Kultstrang von der Antike bis zur Gegenwart. Gerade die Brüche, Umdeutungen und neu entstehenden Verehrungsformen machen den Ort wissenschaftlich interessant. Dennoch kehrt ein Motiv auffällig oft wieder: das Meer. Der antike Tempel wird mit einer Schutzgottheit der Seefahrt verbunden, die mittelalterliche Kathedrale richtet ihre repräsentative Seite zum Hafen, Ciriacos Leib gelangt der Überlieferung nach über das Mittelmeer nach Ancona, die Binsenlegende erzählt seine Anlandung, und die Madonna del Duomo wird als Dankgabe eines Seefahrers nach einem Sturm in die Kathedrale gebracht.

Diese Parallelen beweisen keine direkte religiöse Kontinuität. Sie zeigen vielmehr, wie dieselbe städtische Grundsituation über Jahrhunderte immer neue religiöse Bedeutungen hervorbringen konnte. Eine Hafenstadt lebt mit Abfahrt und Rückkehr, Sturm, Schiffbruch, Handel, Fremde und Heimkehr. Der Guasco-Hügel über dem Hafen bot dafür einen sichtbaren Ort, an dem diese Erfahrungen in Tempel, Reliquie, Legende, Votivbild und Wallfahrt immer wieder neu gefasst wurden.

San Ciriaco als vielschichtiger Wallfahrtsort

Der Dom von Ancona ist deshalb nicht nur aufgrund seiner Architektur oder seines Kathedralstatus bemerkenswert. Er vereinigt mehrere historische Kultsysteme, die jeweils eigene Formen der Annäherung erzeugen. Der frühchristliche Stephanskult verweist auf die Spätantike, der Ciriaco-Kult verbindet Reliquie, Stadtpatronat und Kreuzverehrung, San Marcellinos Evangelienbuch zeigt die Sakralisierung eines Textobjektes, die Madonna del Duomo verkörpert maritime Votivfrömmigkeit und politische Krisenerfahrung, und die Fiera di San Ciriaco erweitert das Patronatsfest in den städtischen Markt- und Sozialraum.

Gerade diese Überlagerung macht den Guasco zu einem kulturwissenschaftlich außergewöhnlichen Wallfahrtsort. Pilger begegnen hier nicht einem einzigen Gnadenbild oder einer einzigen Gründungslegende, sondern einem dichten historischen Geflecht aus Körpern, Textilien, Bildern, Büchern, Pflanzen, Münzen, Altären und Erzählungen. Jeder dieser Gegenstände trägt eine andere Zeitschicht. Zusammen bilden sie ein religiöses Gedächtnis, das sich mit der Geschichte Anconas als Hafenstadt, Stadtrepublik, Bischofssitz und moderner Adriastadt verbindet.

Quellen und Literatur

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Centanni, C. / Pieragostini, L.: La cattedrale di San Ciriaco ad Ancona. Rilievo metrico a grande scala, interpretazione strutturale e cronologia della fabbrica. Ancona 1996.

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Piccinini, Gilberto / Falcioni, Anna (Hg.): Il culto di San Ciriaco e l'arrivo del corpo ad Ancona nel 418. Atti del convegno di studi. Ancona 2020.

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Mangani, Giorgio: Beitrag zur geopolitischen und hagiographischen Konstruktion des Ciriaco-Kultes. In: Piccinini / Falcioni (Hg.), Il culto di San Ciriaco e l'arrivo del corpo ad Ancona nel 418. Ancona 2020.

Degni, Paola: Studie zum sogenannten Evangeliar San Marcellinos und seiner kultischen Überlieferung. In: Piccinini / Falcioni (Hg.), Il culto di San Ciriaco e l'arrivo del corpo ad Ancona nel 418. Ancona 2020.

Fornaciari, Gino u. a.: Beiträge zu den anthropologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen des verehrten Körpers San Ciriacos; ergänzt durch die Ergebnisse der Untersuchungen 2023-2025.

Arcidiocesi di Ancona-Osimo: Risultati scientifici della ricognizione del corpo di San Ciriaco. Dokumentation der Untersuchungen, veröffentlicht 2025.

Cattaneo, Massimo: Gli occhi di Maria sulla rivoluzione. "Miracoli" a Roma e nello Stato della Chiesa (1796-1797). Roma 1995.

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De Felice, Renzo: Studien zu Religiosität, politischer Krise und marianischen Wunderberichten im Kirchenstaat während der französischen Revolutionsepoche. 1965.

Raccolta di varie lettere che descrivono e attestano i prodigi osservati in diverse sagre immagini. 1796.

Marchetti, Giovanni: De' prodigj avvenuti in molte sagre immagini. 1797.

Battaglini, Celso: Il prodigio della Madonna del Duomo. Ancona 1796. Ancona, Ausgabe zum zweihundertjährigen Jubiläum.

Carnevali, Ermanno: Madonna del Duomo Regina di tutti i Santi. Quaderni della Cattedrale di Ancona.

Arcidiocesi di Ancona-Osimo: Guida alla Basilica Cattedrale di San Ciriaco. Storia, arte, fede, spiritualità. Ancona 2025.

Museo Diocesano "Mons. Cesare Recanatini", Ancona: Dokumentationen zum Telo di San Ciriaco, zu den mittelalterlichen Plutei, zur Stephansverehrung und zum Schatz der Kathedrale.

Comune di Ancona und Arcidiocesi di Ancona-Osimo: Dokumentationen zur Fiera di San Ciriaco, zum Patronatsfest, zur Regina di tutti i Santi und zu den gegenwärtigen Pilgerformen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher