| Wallfahrt: | Aus einem älteren Marienbild an einer Wegkreuzung hervorgegangener Wallfahrtsort mit spätmittelalterlicher Heilungsüberlieferung. Der Kult führte ab dem ausgehenden 15. Jahrhundert zum monumentalen Neubau und wurde durch Mirakelberichte, kommunale Gelübde, Prozessionen und die Festa del Voto weiter gefestigt. |
| Status: | Marienheiligtum im Gebiet der Erzdiözese Mailand. |
| Kultzentrum: | Spätmittelalterliches Marienbild beziehungsweise Simulacrum der Beata Vergine dei Miracoli; historisch verbunden mit Heilungsüberlieferung, Votivpraxis und dem kommunalen Gelübde von 1577. |
| Ort: | Saronno, Provinz Varese. |
| Region: | Lombardei. |
| Land: | Italien. |
| • | Lage: Santuario della Beata Vergine dei Miracoli, Piazza Santuario 1, 21047 Saronno VA, Italien. |
| • | Das Heiligtum liegt südlich des historischen Stadtkerns an einer früheren Wegkreuzung. Die Lage erinnert noch an den Ursprung als außerhalb beziehungsweise am Rand des alten Siedlungskerns gelegener Marienkult. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Besonders sehenswert sind das Gnadenbild, die Fresken Bernardino Luinis, die Holzgruppen Andrea da Milanos, Gaudenzio Ferraris Kuppel mit dem „Concerto degli Angeli“, die historische Fassade, das Archiv und die Quadreria. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.
Besonders gesucht sind Gesamtansichten des Heiligtums, Fassade, Glockenturm und Tiburio, Innenraum, Gnadenbild, Fresken Bernardino Luinis, Holzgruppen Andrea da Milanos, Gaudenzio Ferraris „Concerto degli Angeli“, Details der Musikinstrumente, Festa del Voto, Wachsgaben, Prozessionen, Quadreria und historische Ansichten des Heiligtums.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Das Santuario della Beata Vergine dei Miracoli in Saronno gehört zu den kunsthistorisch bedeutenden und zugleich kultgeschichtlich besonders vielschichtigen Marienheiligtümern der Lombardei. Sein Ursprung liegt nicht in einem bereits bestehenden großen Kirchenbau, sondern in der Verehrung eines älteren Marienbildes an einer Wegkreuzung außerhalb beziehungsweise am Rand des historischen Siedlungskerns. Erst der Ruf dieses Bildes als wundertätig und die damit verbundene Heilungsüberlieferung führten dazu, dass der Ort zunehmend aufgesucht, institutionell gefestigt und schließlich in ein monumentales Heiligtum verwandelt wurde.
Im Zentrum der Wallfahrtsgeschichte steht ein Marienbild beziehungsweise Simulacrum, das nach heutiger lokaler Dokumentation in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert wird. Das Kultbild ist damit älter als der Renaissancebau und bildete den eigentlichen Ausgangspunkt der Verehrung. Seine Bedeutung lässt sich nicht allein aus kunsthistorischer Qualität ableiten. Entscheidend war vielmehr die Zuschreibung besonderer Wirksamkeit, die aus Heilungsberichten und persönlichen Erfahrungen entstand. Das Bild wurde zum Fixpunkt einer sozialen Beziehung zwischen Madonna, Bittstellern und wachsender Wallfahrtsgemeinschaft.
Als auslösendes Ereignis wird in der älteren und neueren Literatur eine Heilung im 15. Jahrhundert überliefert, häufig um 1460 angesetzt. Die Namen der geheilten Person schwanken in den Quellen; genannt werden unter anderem Pedretto, Pierino oder Pietro Morandi. Diese Unterschiede zeigen, dass die Traditionsgeschichte nicht mit einer lückenlos archivalisch gesicherten Biographie gleichgesetzt werden darf. Stabil ist jedoch die Grundstruktur: Ein kranker Mensch sucht das verehrte Marienbild an der Straßenkreuzung auf, erfährt Heilung und verbindet diese mit der Madonna. Aus dem lokalen Andachtsbild entsteht dadurch ein überörtlich attraktiver Kult.
Die Lage an einer Straßen- beziehungsweise Wegkreuzung ist volkskundlich besonders aufschlussreich. Solche Orte sind nicht bloß Verkehrsinfrastruktur. Sie markieren Übergänge, Entscheidungen, Begegnungen und Unsicherheit. Ein Marienbild an einem solchen Punkt begleitet nicht nur Pilger im engeren Sinn, sondern auch Bauern, Händler, Reisende und Bewohner des Umlandes auf ihren alltäglichen Wegen. Der spätere Wallfahrtsort wächst damit aus einem Raum des gewöhnlichen Unterwegsseins heraus.
Die monumentale Kirche entstand nicht als Voraussetzung, sondern als Folge des bereits bestehenden Kultes. Der Bau musste ein verehrtes Bild aufnehmen, eine wachsende Zahl von Besuchern bewältigen und den Kult räumlich repräsentieren. Gerade diese Reihenfolge ist für das Verständnis Saronnos zentral: Nicht die Kunst machte den Ort berühmt und schuf anschließend Wallfahrt; vielmehr ermöglichte die Wallfahrt die Beauftragung bedeutender Architekten, Maler und Bildhauer.
Der Beginn des monumentalen Neubaues wird überwiegend auf den 8. Mai 1498 datiert. Die Forschung weist jedoch darauf hin, dass die maßgebliche Inschrift auch anders gelesen und teilweise auf 1493 bezogen wurde. Die Mehrheitsdatierung 1498 ist daher sinnvoll, sollte aber nicht als vollkommen unstrittig dargestellt werden. Diese kleine Unsicherheit ist zugleich ein Beispiel dafür, wie stark selbst bei prominenten Bauwerken epigraphische Lesung und historische Rekonstruktion ineinandergreifen.
Giovanni Antonio Amadeo gehört zu den zentralen Architekten der frühen Bauphase. Mit ihm verbindet sich insbesondere der Kern des Heiligtums mit Apsis, Hauptkapelle und Tiburio. Amadeo war einer der wichtigsten lombardischen Architekten und Bildhauer seiner Generation und in bedeutende Bauprojekte der Region eingebunden. In Saronno entwickelte sich unter seiner Mitwirkung ein zunächst stark zentralisierter Sakralraum, der den Kultbereich architektonisch hervorhob und zugleich an die ambitionierte lombardische Renaissancearchitektur anschloss.
Das Tiburio besitzt innerhalb der Gesamtarchitektur eine besondere Funktion. Es markiert den zentralen Raum, bringt Licht in die Tiefe des Heiligtums und bereitet zugleich den späteren großen Freskenzyklus Gaudenzio Ferraris vor. Architektur und Malerei sind hier nicht voneinander zu trennen. Die spätere Himmelsvision der Kuppel lebt gerade von der architektonischen Form, die den Blick nach oben lenkt und den zentralen Kultbereich mit einer zweiten, imaginären Raumebene verbindet.
Zwischen 1511 und 1516 entstand unter Paolo della Porta der Glockenturm. Auch dieser Bauabschnitt zeigt, dass das Heiligtum zu Beginn des 16. Jahrhunderts nicht als abgeschlossenes Einzelprojekt verstanden werden kann. Der Komplex wuchs schrittweise weiter, wobei einzelne Bauteile auf den steigenden Rang des Wallfahrtsortes und seine zunehmende Sichtbarkeit in der Landschaft reagierten.
1525 erhielt Bernardino Luini den Auftrag zur Ausmalung der Cappella Maggiore und angrenzender Bereiche. Luini schuf einen umfangreichen Zyklus aus dem Leben Mariens, darunter das Sposalizio della Vergine, die Anbetung der Könige, Christus unter den Schriftgelehrten und die Darstellung Jesu im Tempel. Diese Bildfolge erweitert den lokalen Kult um eine heilsgeschichtliche Dimension. Das Gnadenbild bleibt der konkrete Mittelpunkt des Heiligtums, wird aber zugleich in eine umfassende Erzählung des Marienlebens eingebettet.
Luinis Malerei verbindet eine ruhige Figurenauffassung mit fein abgestimmten Gesten, klarer Raumordnung und einer stark auf menschliche Beziehung ausgerichteten Erzählweise. Seine Nähe zur leonardesken Bildsprache ist vielfach beschrieben worden, doch Saronno zeigt zugleich eine eigenständige lombardische Erzählkunst. Die Szenen wirken nicht distanziert oder abstrakt. Sie bauen auf Blickbeziehungen, familiären Gesten und stiller Bewegung auf und schaffen damit eine Form marianischer Bildwelt, die dem Wallfahrtsraum besondere Nähe verleiht.
Die 1525 entstandene und signierte Anbetung der Könige gehört zu den besonders wichtigen Werken des Zyklus. Das Bild verbindet sakrale Handlung mit repräsentativer Figurenordnung, kostbaren Gewändern und einer dichten Komposition. Gerade in einem Wallfahrtsheiligtum erhält die Szene eine zusätzliche Bedeutung: Die Könige werden selbst zu Vorbildern des Unterwegsseins zu einem heiligen Ort.
1528 und erneut 1531 erhielt Andrea da Milano, auch Andrea da Saronno genannt, Aufträge für große Holzgruppen in den seitlichen Kapellen des zentralen Bereiches. Diese Skulpturen funktionieren nicht wie isolierte Heiligenstatuen, sondern als dramatisch komponierte Szenen. Die religiöse Geschichte tritt plastisch in den realen Raum des Betrachters. Solche Ensembles gehören zu einer lombardischen Tradition, in der Skulptur, Farbe, Raum und Andacht bewusst zusammenwirken.
Die Holzgruppen erzeugen eine unmittelbare Form der religiösen Anschauung. Figuren erscheinen nicht fern hinter einer gemalten Bildgrenze, sondern teilen den Raum mit dem Betrachter. Dadurch wird das Heilsgeschehen körperlich erfahrbarer. Gerade in einer Wallfahrtskirche, in der Menschen unterschiedlicher Bildung und sozialer Herkunft zusammenkamen, konnte diese plastische Unmittelbarkeit eine besonders starke kommunikative Funktion entfalten.
Den kunsthistorischen Höhepunkt des Heiligtums bildet die Kuppelausmalung Gaudenzio Ferraris. Der Auftrag wurde 1534 erteilt; die Hauptausführung erfolgte 1535 und 1536. Ferrari entwarf eine gewaltige himmlische Musikszene, in der Engel in konzentrischen Gruppen musizieren, singen und sich in starker Bewegung um das Zentrum der Kuppel ordnen. Das Werk verbindet theologische Aussage, malerische Dynamik und eine außergewöhnliche Vielfalt musikalischer Instrumente.
Ferraris Kuppel ist nicht als ruhige Versammlung gedacht. Die Engel drehen sich, greifen nach Instrumenten, kommunizieren miteinander und erzeugen einen optischen Rhythmus. Die Bewegung steigert sich nach oben und nach innen. Dadurch wird der Kuppelraum nicht als feste architektonische Decke wahrgenommen, sondern als imaginäre Öffnung in eine bewegte Himmelswelt.
Die dargestellten Instrumente besitzen einen erheblichen musikgeschichtlichen Quellenwert. Ferrari zeigt unterschiedliche Saiten-, Blas- und Schlaginstrumente und verbindet dabei musikalische Milieus, die sozial keineswegs identisch waren. Neben Instrumenten gebildeter und höfischer Musikkultur erscheinen auch Formen, die mit populärer und festlicher Musik verbunden waren, darunter Drehleier sowie Flöte und Trommel. Damit enthält das Fresko Spuren realer Klangwelten des 16. Jahrhunderts.
Die Instrumentendarstellungen dürfen jedoch nicht wie ein technischer Instrumentenkatalog gelesen werden. Einige Instrumente sind verändert oder frei erfunden. Ferrari nutzte reale Vorbilder, erlaubte sich aber künstlerische Kombinationen und Phantasieformen. Das Fresko ist deshalb gleichzeitig Quelle und poetische Konstruktion. Seine Bedeutung liegt gerade darin, reale Musikpraxis in eine idealisierte himmlische Klangordnung zu übersetzen.
für die Kulturgeschichte besonders aufschlussreich ist die Integration von Instrumenten, die nicht ausschließlich mit höfischer oder kirchlicher Musik verbunden waren. Die Drehleier oder die Verbindung von Flöte und Trommel erinnern an populäre Fest- und Straßenmusik. Im Bild werden solche sozialen Klanggrenzen aufgehoben. Gelehrte, höfische und volkstümliche Musik erscheinen gemeinsam als himmlisches Konzert. Diese Deutung ist interpretierend, entspricht jedoch der auffällig breiten Auswahl Ferraris.
Restaurierungen konnten 79 Fresko-Tagesflächen, sogenannte giornate, unterscheiden. Dadurch wird der Arbeitsprozess konkret sichtbar. Die Kuppel entstand abschnittsweise auf frischem Putz und erforderte eine genaue organisatorische Planung. Die große Himmelsvision war daher zugleich Ergebnis hochgradig strukturierter Werkstattarbeit.
Ferrari arbeitete nicht nur mit Farbe. Blattgold wurde an Instrumenten, Heiligenscheinen, Gewandsäumen und Ornamenten eingesetzt. Reliefartige Pastiglia hob einzelne Details plastisch hervor, unter anderem an Trommeln, Orgeln und liturgischen Büchern. Diese Materialien reagierten auf reales Licht und verstärkten die Vorstellung einer kostbaren, nicht alltäglichen Himmelswelt.
Bereits 1547 wurden 1900 Blattgoldblätter zur Erneuerung vergoldeter Partien angekauft. Dieses Detail zeigt, dass monumentale Wallfahrtskunst nicht nur geschaffen, sondern dauerhaft gepflegt werden musste. Goldoberflächen verschleißen, Fresken reagieren auf Feuchtigkeit, Holz und Stuck benötigen Wartung. Die Kunstgeschichte eines Heiligtums ist deshalb immer auch eine Geschichte von Unterhalt, Reparatur und finanzieller Verantwortung.
Zum Kuppelprogramm gehören neben Ferraris Engelkonzert weitere Figuren und plastische Elemente, darunter Propheten, Sibyllen und die Assunta. Malerei, Skulptur, Architektur, Vergoldung und reales Licht greifen ineinander. Der zentrale Raum ist damit kein einzelnes Fresko, sondern ein mehrmediales Ensemble, das den Betrachter von mehreren Seiten und auf mehreren Wahrnehmungsebenen anspricht.
Zwischen 1556 und 1566 wurde der ursprünglich stärker zentralisierte Bau unter Vincenzo Seregni in Längsrichtung erweitert. Diese Umgestaltung ist wahrscheinlich nicht nur stilgeschichtlich, sondern auch funktional zu verstehen. Ein wachsender Wallfahrtsort benötigt Raum für größere Pilgergruppen, Prozessionen, Predigt, Beichte und unterschiedliche liturgische Feiern. Architektur reagiert damit auf den Erfolg des Kultes.
Die Konzeption der monumentalen Fassade wird mit Pellegrino Tibaldi verbunden, der in den 1570er Jahren für Entwurfsarbeiten bezahlt wurde. Die eigentliche Ausführung begann jedoch erst 1595 beziehungsweise 1596 unter Lelio Buzzi. Da keine vollständigen autographen Tibaldi-Pläne erhalten sind, lässt sich der Anteil des ursprünglichen Entwurfes an der ausgeführten Fassade nicht exakt bestimmen. Wissenschaftlich sinnvoll ist daher eine differenzierte Zuschreibung: Tibaldi prägte die Konzeption, Buzzi leitete die konkrete Ausführung.
Die heutige Schauseite entstand über einen langen Zeitraum und wurde im 17. Jahrhundert weiter ergänzt. 1658 erhielt der Abschluss eine Madonna mit Engeln. Damit ist auch die Fassade kein Werk eines einzigen Augenblicks, sondern Ergebnis mehrerer Bau- und Ausstattungsphasen. Das Heiligtum erscheint heute geschlossen, ist historisch jedoch ein gewachsener Organismus.
Eine der wichtigsten volkskundlichen Traditionen Saronnos ist die Festa del Voto. Während einer schweren Pest- und Hungerkrise legten Vertreter der Bevölkerung 1577 ein gemeinsames Gelübde gegenüber der Madonna dei Miracoli ab. Am 23. Mai wurde versprochen, am Vorabend der Verkündigung Mariens zu fasten, am Festtag in Prozession zum Heiligtum zu ziehen, Wachs zu opfern und eine feierliche Messe zu feiern. Damit tritt die Stadt als kollektive Votantin auf.
Ein kommunales Gelübde unterscheidet sich grundlegend von einem privaten Ex-voto. Nicht ein einzelner Kranker oder eine Familie dankt für eine empfangene Gnade, sondern eine politische und soziale Gemeinschaft verpflichtet sich zu einer wiederkehrenden Handlung. Das Verhältnis zwischen Stadt und Madonna wird dadurch institutionalisiert. Religion und kommunale Identität greifen ineinander.
Die versprochene Wachsgabe ist materiell keineswegs nebensächlich. Wachs war kostbar, liturgisch notwendig und wurde verbraucht. Wer Wachs stiftete, gab dem Heiligtum daher einen realen Wert. Zugleich ist die Gabe symbolisch eng mit Licht verbunden. In der Festa del Voto wird das Gelübde deshalb nicht nur gesprochen, sondern materiell umgesetzt.
Bei Saronno ist das bedeutendste Votivzeugnis womöglich kein Bild oder Silberobjekt, sondern ein wiederkehrendes Ritual. Fasten, Prozession, Wachsgabe und Messe erneuern das Gelübde über Generationen hinweg. Ein Gegenstand kann verloren gehen oder eingeschmolzen werden; ein Ritual bleibt lebendig, solange eine Gemeinschaft es wiederholt. Die Festa del Voto kann deshalb als performatives Ex-voto verstanden werden.
Der Titel des Heiligtums verweist auf die jahrhundertelange Überlieferung von Heilungen und empfangenen Gnaden. Die frühe Heilungstradition bildet den Ausgangspunkt, spätere Mirakelberichte verstärkten den Ruf des Ortes. Dabei ist zwischen religiöser Überlieferung und medizinisch beziehungsweise historisch verifizierbaren Ereignissen zu unterscheiden. Für die Wallfahrtsgeschichte ist nicht erforderlich, jede einzelne Mirakelerzählung naturwissenschaftlich zu bewerten; entscheidend ist, welche soziale Wirkung die Berichte entfalteten.
Im Gegensatz zu anderen italienischen Heiligtümern ist für Saronno bislang kein öffentlich erschlossener, systematischer Katalog einer großen gemalten Ex-voto-Sammlung bekannt. Daraus darf jedoch nicht auf fehlende Votivkultur geschlossen werden. Die gesamte Kultgeschichte ist von Votivstrukturen geprägt: Heilungsüberlieferung, Bau des Heiligtums, kommunales Pestgelübde, Wachsgaben und zahlreiche Mirakelberichte. Wissenschaftlich ist es dennoch wichtig, keine einzelnen Museumsbilder ohne sicheren Nachweis als Ex-voto zu etikettieren.
Das Archiv des Heiligtums gehört zu seinen bedeutendsten, außerhalb der Kunstgeschichte oft weniger beachteten Schätzen. Es umfasst zehntausende Dokumente, Rechnungs- und Geschäftsbücher, Protokolle, Messregister, päpstliche Bullen und Breven, erzbischöfliche Schriftstücke, Zeichnungen, Antiphonare, illuminierte Messbücher, Gesangbücher und Fotografien. Die Überlieferung reicht in die Gründungszeit des Monumentalbaues zurück und erlaubt eine außergewöhnlich dichte Rekonstruktion von Verwaltung, Kunstaufträgen, Liturgie und Wallfahrtsbetrieb.
Gerade die Pestzeit des 16. Jahrhunderts führte allerdings auch zu Verlusten. Dokumente und Einrichtungsgegenstände wurden aus hygienischer beziehungsweise seuchenbezogener Sorge verbrannt. Solche Verluste sind quellenkritisch bedeutsam. Wenn einzelne frühe Mirakelberichte oder Verwaltungsunterlagen heute fehlen, bedeutet dies nicht notwendig, dass sie niemals vorhanden waren.
Im späten 16. Jahrhundert wurde das Heiligtum stärker in die gegenreformatorische Kirchenorganisation eingebunden. Carlo Borromeo verband Wallfahrt, Beichte, geistliche Erneuerung und geordnete Verwaltung eng miteinander. Vorschriften zur Archivführung, liturgischen Disziplin und institutionellen Kontrolle zeigen den Übergang von einem primär durch Heilungs- und Mirakelberichte geprägten Kult zu einem streng organisierten katholischen Wallfahrtszentrum.
Seit dem Jahr 2000 werden in einer eigenen Quadreria zahlreiche Gemälde, Reliquiare, Skulpturen und Erinnerungsobjekte aus der langen Geschichte des Heiligtums präsentiert. Dazu gehören auch Werke aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, Skulpturen Andrea da Milanos und historische Antependien. Die Quadreria macht sichtbar, wie viel Kunst und materielle Erinnerung sich außerhalb des eigentlichen Kirchenraumes angesammelt hat.
Auch nach Renaissance und Barock blieb das Heiligtum ein bedeutender Auftraggeber. 1822 wurde vor dem Heiligtum eine marmorne Deposizione von Pompeo Marchesi aufgestellt. Die künstlerische Geschichte endet damit nicht bei Luini und Ferrari, sondern reicht weit in das 19. Jahrhundert. Saronno blieb ein lebendiger Ort, an dem neue Kunst in die bestehende Kultlandschaft eingefügt wurde.
Das Heiligtum wird häufig als Renaissancejuwel bezeichnet, doch diese Bezeichnung greift allein zu kurz. Der berühmte Renaissancekern ist tatsächlich von außergewöhnlicher Qualität, aber die heutige Anlage ist das Ergebnis vieler Generationen. Amadeo, Luini, Andrea da Milano, Ferrari, Seregni, Tibaldi, Buzzi und spätere Künstler bilden keine homogene Stilphase, sondern eine historische Schichtung. Gerade diese Schichtung macht den Wallfahrtsort zu einem Gesamtkunstwerk im eigentlichen Sinn.
Kulturwissenschaftlich besonders reizvoll ist der Gegensatz zwischen monumentaler Kunst und einfacher Votivpraxis. Oben in der Kuppel glänzen Gold, Pastiglia, Engel und Musikinstrumente; unten bringt die Gemeinde Wachs, fastet und zieht in Prozession. Beides gehört zum selben Heiligtum. Die Kunst repräsentiert den gewachsenen Rang des Kultes, während die Votivhandlung seine soziale Verankerung sichtbar macht.
Bei aller kunsthistorischen Bedeutung darf die historische Reihenfolge nicht umgekehrt werden. Das Gnadenbild ist älter als der Monumentalbau, und der Kult ist älter als Luini und Ferrari. Die großen Künstler kamen nach Saronno, weil bereits eine Wallfahrt bestand. Die kunsthistorische Pracht ist daher nicht Ursprung, sondern Ergebnis und Verstärkung eines bestehenden religiösen Zentrums.
C. Bonazzi: Memorie dell'insigne tempio di N. S. presso Saronno. Monza 1816.
A. Ottolini: Il santuario di Saronno. Saronno 1910.
F. Malaguzzi Valeri: „Gli affreschi della cupola di Saronno“. In: Rassegna d'arte, 1904.
Regione Lombardia, Lombardia Beni Culturali: bauhistorische und kunsthistorische Dokumentation des Santuario della Beata Vergine dei Miracoli, insbesondere zu Giovanni Antonio Amadeo, Bernardino Luini, Andrea da Milano, Gaudenzio Ferrari, Vincenzo Seregni, Pellegrino Tibaldi und Lelio Buzzi.
Ministero della Cultura: Dokumentation des Santuario della Beata Vergine dei Miracoli und seiner kunsthistorischen Ausstattung.
UPEL Cultura, Saronno: historische Dokumentation zum Gnadenbild, zur Heilungsüberlieferung, zur Baugeschichte sowie zum Museo und Archivio storico del Santuario.
Archivio storico del Santuario della Beata Vergine dei Miracoli: Rechnungsbücher, Protokolle, päpstliche und erzbischöfliche Dokumente, Musik- und Liturgiebücher sowie historische Bildquellen.
Dokumentationen zur Festa del Voto und zum kommunalen Gelübde von 1577 mit Fasten, Prozession, Wachsgabe und feierlicher Messe.
Kunsthistorische Fachliteratur zu Gaudenzio Ferraris „Concerto degli Angeli“, seiner Musikikonographie, Freskotechnik, Vergoldung und Restaurierungsgeschichte.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher