Santuario di Nostra Signora di Montenero
Riomaggiore, Wallfahrtsheiligtum Madonna di Montenero

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historischer Marienwallfahrtsort oberhalb von Riomaggiore in den Cinque Terre, schriftlich seit 1335 belegt. Die lokale Überlieferung führt den Kult wesentlich weiter in das frühe Mittelalter zurück; für die neuzeitliche Wallfahrt sind der traditionelle Fußweg Via Grande, Prozessionen zu Pfingsten und im Juli, Votivgaben sowie eine besonders bedeutende maritime Ex-voto-Tradition kennzeichnend.
Status:Marienheiligtum im Gebiet der Diözese La Spezia-Sarzana-Brugnato; Teil der historischen Heiligtumslandschaft der Cinque Terre.
Kultzentrum:Nostra Signora di Montenero; heute verehrtes Bild der Aufnahme Mariens mit Aposteln und dem Motiv der Cintola, wahrscheinlich aus dem späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert. Die ältere Überlieferung kennt eine verlorene byzantinische „Madonna di San Luca“.
Ort:Montenero oberhalb von Riomaggiore, Provinz La Spezia.
Region:Ligurien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Lage: Santuario di Nostra Signora di Montenero, 19017 Riomaggiore SP, Italien.
•Das Heiligtum liegt rund 340 Meter über dem Meer oberhalb von Riomaggiore und ist für den allgemeinen Besuch nur zu Fuß erreichbar. Der historische Prozessionsweg ist die Via Grande, die vom oberen Ortsbereich durch terrassierte Weinberge und mediterrane Vegetation zum Heiligtum führt.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Für die historische Einordnung sind neben Kirche und Gnadenbild besonders die Via Grande mit ihren Votivädikulen, die Prozessionspraxis, die „Ori di Montenero“ und die maritime Ex-voto-Sammlung von Bedeutung.
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•Ausführliche Beschreibung

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Besonders gesucht sind Gesamtansichten des Heiligtums in der Landschaft der Cinque Terre, Fassade, Portikus, Glockenturm und Innenraum, das Gnadenbild der Nostra Signora di Montenero, Darstellungen der Madonna della Cintola, Prozessionen, „Gli ori di Montenero“, maritime Ex-votos, Schiffsmodelle, Votivinschriften, die Via Grande mit den Votivädikulen sowie Ausblicke auf Riomaggiore, Terrassenlandschaft und Meer.

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Ausführliche Beschreibung

Ein Bergheiligtum über Riomaggiore

Das Santuario di Nostra Signora di Montenero liegt auf etwa 340 Metern Höhe oberhalb von Riomaggiore und nimmt innerhalb der Wallfahrtslandschaft Liguriens eine besondere Stellung ein. Anders als städtische Heiligtümer, die durch monumentale Fassaden und große Plätze unmittelbar in das urbane Leben eingebunden sind, erschließt sich Montenero wesentlich durch den Weg. Der historische Aufstieg führt aus dem dicht bebauten Küstenort in jene terrassierte Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte durch Weinbau, Trockenmauern, schmale Wege und intensive Handarbeit geformt wurde. Das Heiligtum ist deshalb sowohl Ziel einer Wallfahrt als auch Teil eines größeren Zusammenhangs von Dorf, Arbeitslandschaft, Hang, Meer und religiöser Erinnerung. Gerade diese enge Verbindung macht Montenero kulturhistorisch besonders aussagekräftig: Die Madonna wird auf einem Berg verehrt, dessen Vorplatz zugleich den Blick auf jenen maritimen Lebensraum öffnet, aus dem ein erheblicher Teil der Votivtradition des Heiligtums hervorgegangen ist.

Die erste historische Nachricht von 1335

Die erste sichere schriftliche Nachricht über eine Kirche beziehungsweise einen Kultort in Montenero stammt aus dem Jahr 1335. Damit ist das Heiligtum bereits für das späte Mittelalter historisch greifbar, auch wenn die lokale Überlieferung seine Ursprünge wesentlich weiter zurückverlegt. Für die historische Darstellung ist diese Unterscheidung grundlegend: Die Existenz eines Heiligtums im 14. Jahrhundert ist belegt; die Erzählungen von einem frühmittelalterlichen Ursprung, einer byzantinischen Ikone und einer marianischen Erscheinung gehören dagegen zur später tradierten Gründungsgeschichte. Gerade der Abstand zwischen belegbarer Geschichte und erinnerter Vorgeschichte ist volkskundlich aufschlussreich, weil er zeigt, wie ein Wallfahrtsort seine eigene Vergangenheit nicht nur archivalisch, sondern auch erzählerisch ordnet.

Die frühmittelalterliche Gründungsüberlieferung

Nach lokaler Tradition sollen im frühen Mittelalter Menschen aus dem byzantinischen beziehungsweise griechischen Raum vor religiösen Verfolgungen nach Ligurien geflohen sein und ein Marienbild mitgebracht haben, das später in Montenero verehrt wurde. In einer weiteren Fassung der Überlieferung wird die junge Maria del Paladino genannt, der um 790 eine Vision Mariens zuteilgeworden sein soll. Solche Erzählungen verbinden den Wallfahrtsort mit der großen Geschichte der byzantinischen Bilderverehrung und der ikonoklastischen Konflikte, doch lassen sie sich für Montenero nicht durch zeitgenössische Schriftquellen absichern. Sie sollten daher nicht als tatsächliche Ereignisgeschichte, sondern als Teil jener religiösen Erinnerung gelesen werden, die dem Heiligtum ein möglichst hohes Alter und einen Ursprung außerhalb des gewöhnlichen lokalen Alltags zuschreibt.

Die verlorene „Madonna di San Luca“

Zur älteren Traditionsschicht gehört die Vorstellung einer byzantinischen „Madonna di San Luca“. Der Evangelist Lukas wurde in der christlichen Bildlegende seit dem Mittelalter vielfach als Urheber besonders alter Marienbilder angesehen; solche Zuschreibungen sollten weder als kunsthistorische Autorschaft noch als Hinweis auf eine tatsächliche Entstehung im 1. Jahrhundert verstanden werden. Im Fall von Montenero ist außerdem entscheidend, dass diese ältere Ikone heute nicht erhalten ist. Die lokale Überlieferung berichtet von Verlust, Verbergung und Wiederauffindung, doch das gegenwärtig verehrte Bild ist mit dieser angeblichen frühmittelalterlichen Ikone nicht identisch. Gerade diese Trennung verhindert, dass Legende und erhaltenes Kunstwerk unkritisch miteinander verschmolzen werden.

Das heutige Gnadenbild: die Aufnahme Mariens

Das heute verehrte Gnadenbild zeigt die Aufnahme Mariens in den Himmel im Kreis der Apostel. Nach lokaler kunsthistorischer Einordnung ist das Werk wahrscheinlich in die Zeit vom späten 16. bis zum frühen 17. Jahrhundert zu setzen; andere lokale Darstellungen fassen die Datierung allgemeiner als wahrscheinlich 16. Jahrhundert. Eine unabhängig publizierte technologische Untersuchung, die Malgrund, Pigmente und Übermalungen umfassend auswertet, ist bislang nicht greifbar, weshalb eine zu enge Datierung vermieden werden sollte. Das Bild wurde mehrfach restauriert, unter anderem 1947, und bildet bis heute das konkrete Zentrum der Verehrung. Damit liegt in Montenero ein typisches Beispiel dafür vor, dass das gegenwärtige Gnadenbild jünger sein kann als die religiöse Erinnerung an den Kultort selbst.

Madonna della Cintola: ein lokales Erkennungszeichen

Besonders charakteristisch ist das Motiv der Cintola, des Mariengürtels. In der italienischen Bildtradition ist die Cintola eng mit der Aufnahme Mariens verbunden: Nach apokrypher Überlieferung erhält der Apostel Thomas den Gürtel als sichtbares Zeichen dafür, dass Maria leiblich in den Himmel aufgenommen worden sei. In Montenero erscheint dieses Motiv nicht nur am Gnadenbild beziehungsweise in seiner lokalen Interpretation, sondern auch in Votivdarstellungen und Wegädikulen. Dadurch wurde die Cintola zu einem ikonographischen Kennzeichen, mit dem die Madonna von Montenero auch außerhalb des Heiligtums eindeutig erkennbar gemacht werden konnte. Gerade in den maritimen Ex-votos ist dies wichtig: Selbst in einer Darstellung, deren größten Teil ein Schiff im Sturm einnimmt, verweist der Gürtel in der Hand Mariens auf den konkreten Kult von Montenero.

Das Gnadenbild als bewegliches Kultobjekt

Das Gnadenbild ist nicht nur ein dauerhaft am Altar betrachtetes Kunstwerk, sondern wird zu bestimmten Festzeiten in die Prozessionspraxis einbezogen. Insbesondere am Pfingstmontag erhält das Bild durch die gemeinschaftliche Bewegung eine andere rituelle Funktion: Das stationäre Zentrum des Heiligtums wird zum mobilen Kultobjekt. Dieser Wechsel ist volkskundlich bedeutsam, weil das Bild nicht bloß repräsentiert, sondern die religiöse Gemeinschaft räumlich organisiert. Prozession bedeutet dabei zugleich Sichtbarkeit, Bewegung, wiederkehrenden Weg und soziale Ordnung; das Bild verlässt seinen normalen Standort und wird für eine begrenzte Zeit unmittelbar Teil der versammelten Gemeinde.

Von der mittelalterlichen Kirche zum heutigen Bau

Die Baugeschichte des Heiligtums ist durch wiederholte Veränderungen geprägt. Neben der schriftlichen Erwähnung von 1335 werden größere Eingriffe für die Neuzeit genannt. Um 1600 entstand der Glockenturm mit einem auffälligen kuppelartigen Abschluss; 1740 wurden Teile des Komplexes tiefgreifend erneuert. Eine entscheidende Umgestaltung erfolgte im 19. Jahrhundert. Nach einem Entwurf des aus La Spezia stammenden Architekten Piaggio wurde die Kirche ab 1847 wesentlich verändert und erhielt die bis heute bestimmende dreischiffige Raumform mit seitlichen Kapellen und vorgelagertem Portikus. Die heutige Architektur ist daher nicht als unveränderter mittelalterlicher Bau zu verstehen, sondern als historisch gewachsenes Heiligtum, dessen Gestalt mehrere Jahrhunderte der Nutzung und Erweiterung sichtbar macht.

Architektur und Landschaft

Kunsthistorisch liegt die Bedeutung Monteneros weniger in einer monumentalen Einzelarchitektur als in der Verbindung von Bau und Landschaft. Die Kirche, ihre Nebengebäude, der Vorplatz, der Glockenturm und die umgebenden Bäume bilden mit der Hanglage ein Ensemble, dessen Wirkung wesentlich aus der topographischen Situation entsteht. Vom Heiligtum aus öffnet sich der Blick auf die Küste und das Meer, während die Hänge von der für die Cinque Terre charakteristischen Terrassenkultur geprägt sind. Der Wallfahrtsort steht damit an einer Nahtstelle zweier historischer Lebenswelten: der Landwirtschaft am steilen Hang und der Seefahrt auf dem offenen Meer. Beide Bereiche spiegeln sich in der religiösen Kultur des Ortes.

Die Via Grande: Wallfahrt als Weg

Der traditionelle Aufstieg von Riomaggiore nach Montenero wird als Via Grande bezeichnet. Er beginnt im oberen Bereich des Ortes und führt durch Weinberge, Trockenmauern und mediterrane Vegetation zum Heiligtum. Der historische Wallfahrtsweg ist damit nicht bloß die praktischste Verbindung zwischen Dorf und Kirche, sondern selbst ein Bestandteil der religiösen Handlung. Der körperliche Aufstieg, die allmähliche Entfernung vom Ort, der Wechsel der Perspektiven und schließlich die Ankunft am Hochplateau strukturieren die Wallfahrt als Folge räumlicher Erfahrungen. Gerade in einer Landschaft, deren Wege ursprünglich der Arbeit und dem Austausch dienten, zeigt sich besonders deutlich, wie Alltagswege durch wiederholte religiöse Nutzung zu sakralisierten Wegen werden können.

Dreizehn Votivädikulen am Pilgerweg

Entlang der Via Grande stehen dreizehn der Madonna gewidmete Votivädikulen, die von Familien aus Riomaggiore gestiftet wurden. Sie gliedern den Weg in einzelne Stationen und machen die lokale Trägerschaft des Heiligtums sichtbar. Solche Kleindenkmäler besitzen eine doppelte Funktion: Sie sind private beziehungsweise familiäre Stiftungen und zugleich Teil eines gemeinschaftlich benutzten religiösen Weges. Ihre Abfolge verwandelt den Aufstieg in eine Bildlandschaft, in der die Madonna von Montenero bereits vor Erreichen des Heiligtums immer wieder gegenwärtig wird. Das Motiv der Assunta beziehungsweise Madonna della Cintola verbindet dabei Weg, Kultbild und Wallfahrtsziel.

Pfingsten und das religiöse Jahr

Die Wallfahrt ist an mehrere traditionelle Termine gebunden. Am 1. Mai wird der Beginn des Marienmonats begangen. Einen besonderen Stellenwert besitzen Pfingstsonntag und Pfingstmontag; bereits am Samstag ziehen Bewohner von Riomaggiore auf dem traditionellen Weg zum Heiligtum. Ein weiterer Festtermin liegt am vierten Sonntag im Juli und erinnert an die Krönung des Gnadenbildes, die im 19. Jahrhundert in Verbindung mit dem Haus Savoyen vollzogen wurde. Durch solche wiederkehrenden Feste wird die Verbindung zwischen Dorf und Heiligtum nicht nur historisch erinnert, sondern regelmäßig neu hergestellt. Der Kalender ordnet damit religiöse und soziale Zeit: Familien, Gruppen und einzelne Pilger richten Aufstieg und Teilnahme nach einem gemeinsam bekannten Rhythmus aus.

„Gli ori di Montenero“

Zu den Festzeiten werden die als „Gli ori di Montenero“ bezeichneten Votiv- und Schmuckgaben gezeigt. Der Ausdruck darf nicht mit der gesamten Ex-voto-Sammlung gleichgesetzt werden, denn diese umfasst neben Schmuck und Metallvotiven auch Gemälde, Fotografien, Schiffsmodelle und andere Sachzeugnisse. Die „Ori“ bilden vielmehr einen besonderen Teil der materiellen Verehrung. Schmuckstücke, Edelmetallgaben und andere kostbare Objekte werden dabei aus ihrem normalen Aufbewahrungszusammenhang herausgenommen und für begrenzte Zeit sichtbar gemacht. Die Stiftung wird dadurch erneut öffentlich erinnert; privater Dank geht in das gemeinschaftliche Gedächtnis des Wallfahrtsortes ein.

Die Ex-voto-Sammlung als Archiv des Alltags

Die Ex-voto von Montenero gehören zu den kulturhistorisch ergiebigsten Beständen des Heiligtums. Sie bewahren nicht nur religiöse Aussagen, sondern konkrete Ereignisse und Lebenssituationen, die in amtlichen oder kirchlichen Chroniken oft nur am Rand erscheinen. Namen, Berufe, Schiffstypen, Fahrtrouten, technische Defekte, Stürme, Brände und Kollisionen werden mit der religiösen Deutung einer Rettung verbunden. Dabei ist die künstlerische Qualität sehr unterschiedlich. Einige Bilder stammen von professionellen Marinemalern, andere sind einfachere Werkstatt- oder Laienarbeiten. Das gemeinsame Merkmal liegt nicht im Stil, sondern in der Funktion: Das Ex-voto wird als Dank-, Erinnerungs- oder Gelübdeobjekt gestiftet und erhält dadurch seine besondere Bedeutung.

Ein möglicherweise frühes Segelschiffvotiv

Zu den ältesten bekannten maritimen Votiven gehört ein heute nicht mehr im Original erhaltenes Bild, dessen Datierung offenbar mit „16…“ beginnt und das daher möglicherweise noch dem 17. Jahrhundert angehört. Eine Reproduktion zeigt ein Segelschiff in schwerer See; zwei Männer befinden sich an Bord, einer am Steuer, der andere in einer Gebärde der Anrufung. Im oberen Bildbereich erscheint die Madonna von Montenero mit der Cintola, begleitet von Petrus und Johannes dem Täufer; Lichtstrahlen verbinden die himmlische Zone mit dem bedrohten Schiff. Schon dieses frühe Beispiel enthält damit jene Bildgrammatik, die viele spätere Votive prägt: unten die konkrete Gefahr, oben die angerufene himmlische Hilfe.

Verlorene Votive und Pasquale Rotondi

Zur Geschichte der Sammlung gehört auch der Verlust einzelner Stücke. 1954 sandte der ligurische Soprintendente Pasquale Rotondi dem Pfarrer von Riomaggiore Fotografien von fünf Votivobjekten, die heute nicht mehr auffindbar sind: zwei Gemälden und drei Schiffsmodellen. Rotondi wies auf ihren künstlerischen Wert hin und dokumentierte sie damit in einer Zeit, in der solche Objekte zunehmend auch als historische und denkmalpflegerisch relevante Zeugnisse wahrgenommen wurden. Die verlorenen Stücke zeigen, dass eine Votivsammlung selbst eine Geschichte besitzt: Gegenstände werden gestiftet, aufgehängt, umgeordnet, restauriert, fotografiert, eingelagert und können schließlich aus dem Bestand verschwinden. Die erhaltene fotografische Dokumentation ist daher heute selbst zur Quelle geworden.

Der Remello und der Golf von Biskaya

Zu diesen verlorenen, durch Fotografie überlieferten Werken gehört das Votiv des Remello. Das Schiff geriet am 8. Februar 1880 im Golf von Biskaya in einen schweren Sturm. Andrea Pecunia, Ambrogio Bonanni und Lorenzo Mori, ausdrücklich als Männer aus Riomaggiore bezeichnet, stifteten das Bild nach ihrer Rettung. Der Fall zeigt exemplarisch, wie das Heiligtum die maritime Mobilität des Dorfes in lokale Erinnerung zurückübersetzte. Eine Gefahr weit entfernt von Ligurien wurde nach der Heimkehr durch Namen, Datum, Schiff und Bild dauerhaft mit Montenero verbunden.

Professionelle Schiffsporträtisten und Votivmalerei

Mehrere Werke der Sammlung stammen von spezialisierten Schiffsmalern. Das Votiv des Dampfers Dinnamare wurde von Giovanni Luzzo aus Genua ausgeführt und 1911 von Romolo Vivaldi gestiftet; das dargestellte Ereignis datiert vom 26. November 1910. Beim Antonietta Accame ist mit Giuseppe Roberto sogar ein Schiffsmaler greifbar, dessen Werkstattadresse in der Via Prè in Genua auf dem Bild angegeben ist. Solche Beispiele sind für die kunsthistorische Einordnung wesentlich, weil sie einer alten Fehlvorstellung widersprechen: Ex-voto sind keineswegs automatisch „naive“ oder „primitive“ Kunst. Votivmalerei ist ein Funktionszusammenhang, innerhalb dessen sowohl einfache Laienarbeiten als auch professionell ausgeführte Schiffsporträts vorkommen können.

Vom Segelschiff zum Dampfer

Die Votivsammlung erlaubt es, den technischen Wandel der Seefahrt beinahe wie in einer chronologischen Bilderfolge zu verfolgen. Auf Segelschiffe folgen Dampfer, Motorschiffe, Transatlantikliner und moderne Kreuzfahrtschiffe. Mit dem Schiffstyp verändert sich auch die dargestellte Technik: Masten und Takelage werden durch Schornsteine, Maschinenräume, Stahlrümpfe und später durch die charakteristische Silhouette großer Passagierschiffe ersetzt. Die religiöse Grundstruktur bleibt dagegen erstaunlich konstant. Unabhängig davon, ob ein Segler im Sturm steht oder ein moderner Liner von einer Extremwelle getroffen wird, bleibt das Votiv eine Verbindung aus konkreter Gefahr, erinnerter Anrufung und nachträglicher Dankgabe.

Der Dampfer Fert

Das Votiv des Fert zeigt einen modernen Dampfer, der tief in schwerer See liegt. Giuseppe Pecunia stiftete das Bild 1913; das dargestellte Ereignis wird auf 1911 bezogen. Das Schiff war erst wenige Jahre zuvor in Schottland gebaut worden. Gerade darin liegt die kulturhistorische Bedeutung: Religiöse Votivpraxis reagiert nicht mit Rückzug auf technische Modernisierung, sondern nimmt die neue Technik unmittelbar in ihre Bildwelt auf. Das moderne Stahlschiff wird ebenso zum Träger religiöser Erinnerung wie zuvor der hölzerne Segler.

Der Heizer der Venus

Am 14. Dezember 1914 geriet der Dampfer Venus in Seenot. Der Stifter Giovanni Battista De Battè wird als fuochista, als Heizer, bezeichnet. Gerade solche Berufsangaben machen die Sammlung zu einer sozialgeschichtlichen Quelle. Sie bewahrt nicht allein Namen von Kapitänen oder Offizieren, sondern auch jene Arbeitskräfte, deren schwere Tätigkeit im Maschinenraum für den Betrieb der Dampfschiffe unverzichtbar war. Der Wallfahrtsort wird dadurch zu einem Gedächtnisraum der gesamten Bordgesellschaft und nicht nur ihrer sichtbaren Führungsschicht.

Artiglio: Explosion, Untergang und persönliches Zeugnis

Besonders eindringlich ist das Votiv zum Untergang des Bergungsschiffes Artiglio im Jahr 1930. Arturo Vivaldi schildert in einer ausführlichen Inschrift die Explosion und den Verlust des Schiffes am 7. Dezember und verbindet seine eigene Rettung mit der angerufenen Hilfe der Madonna von Montenero. Die Tafel steht damit an der Grenze zwischen Bild, Augenzeugenbericht und religiöser Erinnerung. Solche Stücke zeigen, dass Votivinschriften nicht bloße Legenden zum Bild sind, sondern selbst narrative Quellen: Sie geben Namen, Zeit, Ablauf und Deutung des Ereignisses aus Sicht des Stifters wieder.

Orazio: Dank und Totengedenken

Das Votiv der Orazio ist besonders wichtig, weil es eine vereinfachende Vorstellung vom Ex-voto als ausschließlicher Erfolgserzählung korrigiert. Die Stifter Mario Pecunia, Mario Bonanni, Sirio Mazzini und Eugenio Palermo danken der Madonna als „Guardia salvatrice“ und „Stella del Mare“, verbinden ihren Dank aber zugleich mit der Erinnerung an jene, die nicht zurückkehrten. Das Bild bewahrt damit Rettung und Verlust nebeneinander. Gerade diese Ambivalenz ist für die Kulturgeschichte bedeutsam: Dankbarkeit für das eigene Überleben muss die Erfahrung von Tod und Trauer nicht verdrängen.

Krieg und Gefangenschaft: der Baden

Beim Votiv des Dampfers Baden erweitert sich die maritime Gefahr um die Erfahrung von Krieg und Gefangenschaft. Das Schiff erscheint auf Felsen, während Besatzungsmitglieder in Rettungsbooten entkommen. Die Stifter GioBatta Bonfiglio und Dante Franceschetti gerieten nach familiengeschichtlicher Überlieferung anschließend in britische Gefangenschaft; einer verbrachte lange Zeit in einem Lager in Kenia. Das Votiv bewahrt daher nicht nur einen Schiffbruch, sondern verweist auf einen wesentlich längeren biographischen Zusammenhang von Krieg, Gefangenschaft und Heimkehr.

Vulcania: drei Tage schwerer See

1951 stifteten Giuseppe Bonanini di Brizio und Giovanni Pasini fu Luigi im Namen der Besatzung der Vulcania ein Votiv für die Rettung während eines 72 Stunden dauernden Zyklons vom 2. bis 5. März. Das große Passagierschiff wird in schwerer See dargestellt, darüber erscheint die Madonna von Montenero. Die Bildform des traditionellen Seevotivs wird damit auf die Welt der transatlantischen Passagierschifffahrt übertragen. Aus dem kleinen Segler vergangener Jahrhunderte ist ein technisch hochentwickelter Ozeandampfer geworden; das religiöse Erzählmuster bleibt jedoch bestehen.

Andrea Doria: eine Weltkatastrophe als Ortsgeschichte

Zu den bekanntesten Ereignissen, die in Montenero eine lokale Form der Erinnerung erhielten, gehört der Untergang der Andrea Doria nach der Kollision mit der Stockholm im Juli 1956. Zehn Besatzungsmitglieder aus Riomaggiore stifteten nach ihrer Rettung ein Votiv und ließen ihre Namen festhalten. Gerade dieses Stück zeigt beispielhaft, wie ein international bekanntes Ereignis in einer kleinen lokalen Gemeinschaft anders erinnert wird als in der allgemeinen Schifffahrtsgeschichte. Die große Katastrophe wird im Heiligtum zur Geschichte konkreter Männer, Familien und Nachbarschaften aus Riomaggiore.

Bianca C.: vom Gemälde zur Fotografie

Mit dem Votiv zur Bianca C., die 1961 bei Grenada in Brand geriet, verändert sich das Medium. Statt einer ausschließlich gemalten Szene wird eine Fotografie des brennenden Schiffes verwendet und mit der Darstellung der Madonna von Montenero verbunden. Gestiftet wurde das Objekt von GioBatta Basso, Nino Crovara und Severino Carro. Der mediale Wandel ist kulturhistorisch besonders aufschlussreich: Die Votivpraxis verschwindet mit der modernen Fotografie nicht, sondern eignet sich das neue Medium an. Die fotografische Dokumentation des realen Ereignisses wird in denselben religiösen Bedeutungszusammenhang gestellt, den früher das gemalte Bild erfüllte.

Michelangelo: ein multimediales Votiv

Noch weiter geht das Votiv der Michelangelo nach schwerer See am 12. April 1968. Hier werden stilisierte Schiffsdarstellung, Schrift und Fotografien der Stifter miteinander kombiniert. Das Votivgemälde entwickelt sich dadurch zu einem multimedialen Erinnerungsobjekt. Bild, Text und Porträtfotografie teilen sich Funktionen, die in älteren Stücken in einer einzigen gemalten Komposition zusammengefasst waren. Gerade diese Transformation macht deutlich, dass Votivkultur nicht an eine bestimmte künstlerische Technik gebunden ist.

Franca Fassio: die Bordgesellschaft als Inschrift

Volkskundlich besonders ergiebig ist das Votiv der Franca Fassio. Die Widmung nennt mehrere Überlebende nicht nur namentlich, sondern auch mit ihren Berufen, darunter Cambusiere, Matrose, Maschinist, Decksjunge, Elektriker, Kellner und weitere Funktionen. Dadurch entsteht beinahe ein soziales Gruppenporträt allein durch Schrift. Die arbeitsteilige Organisation eines Schiffes, die in großen maritimen Darstellungen leicht hinter der monumentalen Technik verschwindet, wird im Votiv wieder sichtbar. Das Heiligtum bewahrt auf diese Weise Informationen über Arbeitswelten, soziale Hierarchien und berufliche Spezialisierung an Bord.

Schiffsmodelle als dreidimensionale Votive

Zur maritimen Votivpraxis gehören auch Schiffsmodelle. Mehrere ältere Segelschiffsmodelle sind nur noch durch Fotografien bekannt; andere Stücke wurden erhalten oder dokumentiert. Ein Modell des Passagierschiffes Giuseppe Verdi wurde 1930 von den Eheleuten Maineri gestiftet. Das Schiff selbst war eng mit der italienischen Auswanderung nach Nordamerika verbunden. Daneben ist ein handwerklich gefertigtes Modell der Amerigo Vespucci dokumentiert, dessen Stifter nicht bekannt ist. Solche Objekte erweitern die Votivsammlung von der zweidimensionalen Bildfläche in den Raum. Das Schiff wird sowohl dargestellt als auch verkleinert nachgebildet und als materielles Objekt dem Heiligtum übergeben.

Votivbilder als Geschichte technischer Gefahren

Chronologisch gelesen, bilden die Montenero-Votive eine bemerkenswerte Geschichte technischer und maritimer Risiken. Der Sturm des Segelschiffes wird ergänzt durch Havarie, Maschinenschaden, Explosion, Kriegseinwirkung, Kollision, Feuer und Extremwelle. Gleichzeitig verändern sich Rettungstechniken, Schiffskonstruktionen und Kommunikationsmöglichkeiten. Die Votive dokumentieren damit nicht lediglich Frömmigkeit, sondern auch die historische Veränderung dessen, was Seeleute als Gefahr erfahren konnten. Dass sich trotz dieser technischen Veränderungen die religiöse Struktur von Anrufung, Rettungsdeutung und Dankgabe erhält, gehört zu den auffälligsten Kontinuitäten der Sammlung.

Riomaggiore und seine Seefahrerfamilien

Beim Vergleich der einzelnen Votivinschriften fallen wiederkehrende Familiennamen auf, darunter Pecunia, Bonanni, Pasini, Vivaldi, Gasparini und Bonfiglio. Ohne genealogische Untersuchung sollten daraus keine konkreten Verwandtschaftsbeziehungen abgeleitet werden; dennoch zeigt die wiederholte Präsenz bestimmter Namen, wie tief die Seefahrt über Generationen in einzelnen Familien und im sozialen Gefüge Riomaggiores verankert war. Die Votivsammlung funktioniert damit zugleich als ein Namensarchiv des Ortes. Sie bewahrt Menschen, die in der allgemeinen Geschichte großer Schiffe häufig unsichtbar bleiben.

Das Heiligtum als maritimes Gedächtnis

Die besondere kulturhistorische Leistung der Sammlung liegt in der Verbindung von Fernraum und Heimat. Die Gefahr ereignet sich im Golf von Biskaya, auf dem Atlantik, bei Grenada oder an anderen weit entfernten Orten; das Erinnerungsobjekt wird nach der Heimkehr nach Montenero gebracht. Dadurch kehrt die entfernte Erfahrung symbolisch in die lokale Gemeinschaft zurück. Die Wände des Heiligtums werden zu einer Art kartographischem Gedächtnis der Seefahrt, in dem weit auseinanderliegende Meere und Häfen durch die Biographien der Menschen aus Riomaggiore miteinander verbunden sind.

Bergheiligtum und offene See

Gerade die Lage Monteneros verleiht dieser maritimen Votivtradition eine besondere Anschaulichkeit. Das Heiligtum steht nicht am Hafen, sondern hoch über dem Meer. Der feste, unbewegliche Kultort und die hochmobile Welt der Schiffe bilden zwei Pole desselben religiösen Bezugsraumes. Seeleute konnten die Madonna weit entfernt von Ligurien anrufen; nach der Rückkehr wurde das Ereignis in Form eines Bildes, einer Fotografie oder eines Modells auf dem Berg bewahrt. So entsteht eine symbolische Bewegung vom Berg hinaus aufs Meer und vom Meer wieder zurück zum Heiligtum.

Die Cinque Terre als sakrale Höhenlandschaft

Montenero steht nicht isoliert. Zusammen mit Nostra Signora della Salute bei Volastra, den Heiligtümern Nostra Signora delle Grazie und Nostra Signora di Reggio bei Vernazza sowie Nostra Signora di Soviore bei Monterosso gehört es zu einer Reihe marianischer Heiligtümer oberhalb der Cinque Terre. Diese Orte bilden keinen geschlossenen historischen Verband im institutionellen Sinn, erscheinen aber religionsgeographisch als eine Folge sakraler Höhenpunkte über den Küstenorten. Die später als Via beziehungsweise Strada dei Santuari zusammengefasste Weglandschaft macht diesen Zusammenhang auch für heutige Wanderer sichtbar. Historisch interessanter als die moderne touristische Route ist jedoch die Tatsache, dass jedes Dorf einen eigenen, eng mit lokaler Identität verbundenen Marienort im Hinterland beziehungsweise oberhalb der Siedlung entwickelte.

Die Quelle am Heiligtum

Zur Gründungsüberlieferung gehört auch eine Quelle beziehungsweise Wasserstelle, die mit der Auffindung oder Wiederauffindung des Marienbildes verbunden wird. In der lokalen Erinnerung wird das Wasser als „acqua della Madonna“ bezeichnet. Für einen ausgeprägten historischen Heilquellenkult mit klar dokumentierten therapeutischen Anwendungen liegen jedoch keine ausreichend belastbaren Belege vor. Deshalb sollte das Wasser zunächst vor allem als Bestandteil der Sakraltopographie verstanden werden: Quelle, Bild, Weg und Heiligtum werden innerhalb der Legende zu miteinander verbundenen Zeichen des Ortes.

Krönung und Aufwertung des Kultbildes

Im Jahr 1893 wurde das Gnadenbild feierlich gekrönt; die lokale Überlieferung verbindet dieses Ereignis mit der Protektion des Hauses Savoyen. Die Krönung gehört in eine im 19. Jahrhundert verbreitete Form der offiziellen Aufwertung bedeutender Marienkulte. Sie veränderte nicht den Ursprung der Wallfahrt, gab dem bereits alten lokalen Kult jedoch eine neue repräsentative Form und schuf zugleich einen weiteren Festtermin, der bis heute im religiösen Kalender des Heiligtums erinnert wird.

Modernisierung der Wallfahrt

Die Erreichbarkeit Monteneros blieb im Unterschied zu vielen anderen Wallfahrtsorten stark an den Fußweg gebunden. Moderne Wege und die Erschließung der Cinque Terre haben den Zugang erleichtert, ohne den letzten Abschnitt in einen gewöhnlichen Straßenbesuch zu verwandeln. Gerade dadurch ist die körperliche Erfahrung des Gehens bis heute besonders präsent. Moderne Mobilität und historische Pilgerbewegung stehen dennoch nicht im Gegensatz: Besucher können mit Bahn, Schiff oder Straße Riomaggiore erreichen, doch der eigentliche Zugang zum Heiligtum verlangt weiterhin den Wechsel in eine langsamere Fortbewegung. Die Schwelle zwischen Verkehrsraum und Pilgerweg bleibt damit deutlich erfahrbar.

Montenero als Verbindung von Kunst, Religion und Alltagsgeschichte

Die Bedeutung von Nostra Signora di Montenero liegt nicht in einem einzelnen herausragenden Kunstwerk oder einer monumentalen Architektur. Sie entsteht vielmehr aus dem Zusammenwirken vieler historischer Schichten: mittelalterliche Belege, frühmittelalterliche Gründungslegende, verlorene Ikonentradition, frühneuzeitliches Gnadenbild, Cintola-Ikonographie, barocke und neuzeitliche Umbauten, Votivädikulen, Prozessionswege, Schmuckstiftungen und eine außergewöhnlich aussagekräftige maritime Ex-voto-Sammlung. Gerade die scheinbar kleinen Objekte erweisen sich dabei als besonders wertvolle Quellen. Sie verbinden Weltgeschichte der Schifffahrt mit Familiengeschichte, Technik mit religiöser Deutung und entfernte Meere mit einem Bergheiligtum oberhalb eines kleinen ligurischen Ortes.

Quellen und Literatur

I volti della devozione. Santuario di Nostra Signora di Montenero Riomaggiore. Cinque Terre. Texte von Attilio Casavecchia. GD Edizioni, 2025.

Comune di Riomaggiore: historische Dokumentation zu den Votivbildern des Santuario di Nostra Signora di Montenero, insbesondere zu den maritimen Ex-votos, Schiffsmodellen und verlorenen Beständen.

Parco Nazionale delle Cinque Terre: Dokumentation zum Santuario di Nostra Signora di Montenero, zum historischen Wallfahrtsweg Via Grande, zu den dreizehn Votivädikulen und zu den traditionellen Festterminen.

Nostra Signora di Montenero. Dokumentation im Verzeichnis der italienischen Wallfahrtsheiligtümer; Angaben zu Kultbild, Baugeschichte, Krönung und Wallfahrt.

Pasquale Rotondi: denkmalpflegerische Dokumentation von 1954 zu Votivbildern und Schiffsmodellen des Heiligtums, heute teilweise nur noch fotografisch überliefert.

Historische und lokale Literatur zur Marienverehrung von Riomaggiore, zur Madonna della Cintola und zur Heiligtumslandschaft der Cinque Terre.

Ministero della Cultura, Catalogo generale dei Beni Culturali: Dokumentationen zu ligurischen Votivbildern und zur religiösen Sachkultur.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher