Nostra Signora della Salute / Nostra Signora della Neve
La Spezia, Marienwallfahrt im Stadtgebiet

Schnellüberblick
Wallfahrt:Zwei historisch eigenständige Marienkulte im Stadtgebiet von La Spezia. Nostra Signora della Salute geht auf die Madonna della Scorza mit sicher belegter Prozession von 1559 und früher Pest- und Schutzfrömmigkeit zurück. Nostra Signora della Neve entwickelte sich um ein spätmittelalterliches Marienbild, dessen Bewahrung bei einer Überschwemmung als Wunder gedeutet wurde. Beide Kulte überlebten den Verlust ihrer ursprünglichen Kirchen und wurden im 19. Jahrhundert in neue monumentale Sakralbauten übertragen.
Status:Beide Kirchen werden von der Diözese La Spezia-Sarzana-Brugnato als Marienheiligtümer geführt.
Kultzentrum:Bei Nostra Signora della Salute ein Marienbild des 16. Jahrhunderts, historisch mit der Madonna della Scorza und Pestschutz verbunden; bei Nostra Signora della Neve ein spätmittelalterlicher Bildkern auf Holz, dessen ältere Schichten bei der Restaurierung des 20. Jahrhunderts wieder sichtbar wurden.
Ort:La Spezia.
Region:Ligurien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Nostra Signora della Salute: Piazza Brin / Via della Scorza, 19122 La Spezia SP, Italien.
•Nostra Signora della Neve: Viale Giuseppe Garibaldi 79, 19122 La Spezia SP, Italien.
•Beide heutigen Kirchen liegen in dicht bebauten Stadtquartieren. Ihre Kultgeschichte reicht jedoch in eine Zeit zurück, als die jeweiligen Gnadenbilder an peripheren beziehungsweise landschaftlich anders geprägten Orten verehrt wurden.
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten beider Kirchen, Fassaden und Innenräume, die Gnadenbilder, historische Darstellungen der alten Madonna-della-Scorza-Kirche und der alten Madonna-della-Neve-Kapelle am Lagora, Votivgaben, Prozessionsbilder, die Goldkronen der Madonna della Salute, Darstellungen des Olivenbaumes und der traditionellen Augustblüte, das salesianische Umfeld sowie kunsthistorisch bedeutende Ausstattungsstücke.

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Ausführliche Beschreibung

Zwei alte Marienkulte in einer radikal veränderten Stadt

La Spezia gehört zu jenen italienischen Städten, deren städtebauliche Entwicklung im 19. Jahrhundert die ältere Topographie besonders tiefgreifend veränderte. Der Ausbau zum Militär- und Hafenstandort, das Marinearsenal, die Eisenbahn, neue Straßenzüge und stark wachsende Wohnquartiere überformten eine bis dahin wesentlich kleinere Stadt. Gerade vor diesem Hintergrund erhalten die beiden marianischen Wallfahrtsorte Nostra Signora della Salute und Nostra Signora della Neve besondere kulturhistorische Bedeutung. Beide Kulte sind erheblich älter als ihre heutigen Kirchen. Beide verloren ihre ursprünglichen Kultorte. Und beide überlebten diesen Verlust, weil die verehrten Bilder aus den alten Zusammenhängen herausgelöst und in neue sakrale Zentren übertragen wurden.

Religiöse Erinnerung ist beweglicher als Architektur

Die Geschichte der beiden Heiligtümer zeigt besonders deutlich, dass die Kontinuität eines Wallfahrtskultes nicht zwingend an die Kontinuität eines Gebäudes gebunden ist. Kirchen können abgebrochen, Wege verlegt und ganze Landschaftsausschnitte technisch umgestaltet werden, während ein Gnadenbild als materieller Träger religiöser Erinnerung weiterbesteht. Das Bild kann wandern, einen neuen Altar erhalten und in einer neuen sozialen Umgebung wieder zum Mittelpunkt werden. In La Spezia ist dieser Vorgang gleich zweimal zu beobachten und bildet damit ein selten klares Beispiel für die Anpassungsfähigkeit urbaner Wallfahrtsfrömmigkeit.

Nostra Signora della Salute: die ältere Madonna della Scorza

Der heutige Titel Nostra Signora della Salute geht auf den älteren Kult der Madonna della Scorza beziehungsweise Scorcia zurück. Die früheste sichere Nachricht stammt vom 10. März 1559. In einem Buch der Bruderschaft San Giovanni Battista wird beschlossen, in Prozession zur „Madonna de Schorcia“ zu ziehen. Dieser Eintrag ist für die Wallfahrtsgeschichte besonders wertvoll, weil er nicht bloß die Existenz eines Bildes oder einer Kapelle, sondern bereits eine organisierte gemeinschaftliche Bewegung zu diesem Kultort belegt.

Das Mirakel von 1559 und seine frühe kirchliche Dokumentation

Eine apostolische Visitation von 1584 berichtet von der Überlieferung, dass das verehrte Marienbild Anfang März 1559 blutartigen Schweiß gezeigt habe. Historisch fassbar ist damit vor allem, dass das Phänomen wenige Jahrzehnte später bereits Teil einer kirchlich dokumentierten Kulttradition war. Die Reaktion der Bevölkerung bestand nicht nur in Erzählung, sondern in Prozession und baulichem Ausbau. Die ursprüngliche kleine Kapelle wurde in den folgenden Jahren zu einer größeren Kirche erweitert. Das vermeintliche Natur- oder Körperzeichen am Bild wirkte dadurch unmittelbar auf die sakrale Topographie der Stadt.

Der Name Scorza und die alte Weglandschaft

Die Bezeichnung Scorza beziehungsweise Scorcia wird in der lokalen Literatur häufig mit einem kürzeren Weg oder einer Abkürzung in Verbindung gebracht. Der Kulttitel wäre damit ursprünglich topographisch und alltagsnah. Die Madonna erhielt ihren Namen nicht aus einer theologischen Eigenschaft, sondern aus der Lage an einem Weg. Erst später setzte sich der Titel della Salute durch, der die Schutz- und Heilungsdimension deutlicher ausdrückt. Schon in dieser Namensentwicklung lässt sich der Übergang vom lokalen Wegheiligtum zum institutionell stärker profilierten Marienkult erkennen.

Die Pest von 1578

Während der Pest von 1578 wurde die Madonna della Scorza in La Spezia als besondere Schutzfigur angerufen. Die örtliche Erinnerung schrieb es ihrer Fürsprache zu, dass die Stadt von der Epidemie verschont geblieben sei. Solche Deutungen gehören in den historischen Horizont vormoderner Seuchenfrömmigkeit, in dem Krankheit nicht nur medizinisch, sondern zugleich religiös verstanden und kollektiv verarbeitet wurde. Für die Geschichte des Heiligtums ist besonders wichtig, dass diese Deutung materielle Folgen hatte.

Die beiden VotivSäulen

Als Dank für die als Schutz verstandene Bewahrung wurden vor der Kirche zwei Marmorsäulen aufgestellt: eine im Namen der Stadtgemeinde, die andere durch Gaspare Biassa. Damit handelt es sich um ein außergewöhnlich deutliches Beispiel kommunaler Votivkultur. Nicht ein einzelner Kranker oder eine Familie stiftet ein Erinnerungsobjekt, sondern die Stadtgemeinschaft selbst. Das Votiv wird zugleich zu Architektur und greift in den öffentlichen Raum ein. Der Dank an die Madonna erhält dadurch eine dauerhaft sichtbare städtische Form.

Das Gnadenbild der Madonna della Salute

Das heute verehrte Bild ist ein Ölgemälde des 16. Jahrhunderts, dessen genauer Künstler nicht sicher bekannt ist. Entscheidend ist weniger eine bislang nicht gesicherte Autorenzuschreibung als seine kultische Kontinuität. Das Bild überdauerte den Verlust des früheren Heiligtums und wurde in die neue Kirche übertragen. Der Kult bindet sich damit an das Objekt, nicht an einen einzigen historischen Bau. Gerade die Verbindung von Bild, Mirakelüberlieferung und späterem Titel della Salute macht den Charakter des Heiligtums aus.

Schmuck wird zu Krone

1925 erhielt die Madonna goldene Diademe, die aus Schmuck und persönlichen Kostbarkeiten der Pfarrangehörigen gefertigt wurden. Diese Votivhandlung gehört zu den bemerkenswertesten materiellen Zeugnissen des neueren Kultes. Ringe, Ketten, Broschen oder andere Schmuckstücke besitzen normalerweise eine individuelle Biographie; sie erinnern an Familien, Hochzeiten, Erbschaften oder persönliche Lebensabschnitte. Durch die Einschmelzung verschwindet die einzelne Form, während das Material erhalten bleibt. Aus vielen privaten Gegenständen entsteht ein gemeinsames Kultobjekt. Die Goldkrone ist damit nicht nur Schmuck des Gnadenbildes, sondern materiell verdichtete Gemeinschaft.

Der Verlust der alten Scorza-Kirche

Die historische Kirche der Madonna della Scorza geriet im 19. Jahrhundert in die Dynamik der radikalen Stadterweiterung. Eisenbahn, neue Straßen und die Ausdehnung der Bebauung veränderten das alte Umfeld grundlegend. Die staatliche Denkmalpflege führt die frühere Kirche als verlorenen beziehungsweise nur noch in Resten fassbaren Bau. Gerade dieser Verlust ist für die Kultgeschichte entscheidend: Das Heiligtum verschwand, das Gnadenbild blieb und wurde zum Mittelpunkt eines neuen, wesentlich größeren Kirchenbaues.

Die neue Kirche im Quartiere Umberto I

Der heutige Bau entstand ab 1887 nach Plänen des genuesischen Architekten Maurizio Dufour. Er gehört unmittelbar in den Zusammenhang des enormen Bevölkerungswachstums La Spezias und der Entstehung neuer Stadtquartiere. Nostra Signora della Salute erhielt damit eine neue soziale Funktion: Der alte Marienkult wurde in ein modernes Wohn- und Arbeiterquartier übertragen und half diesem zugleich, religiöse und räumliche Identität auszubilden. Die Kirche war nicht bloß Ersatz für einen verlorenen Bau, sondern Bestandteil einer neuen Urbanisierung.

Architektur der neuen Salute-Kirche

Der Bau zeigt eine historistische, stark repräsentative Formensprache mit markanter Fassade und zwei Türmen. Im Inneren konzentriert sich die Wahrnehmung auf den Hochaltar und das Gnadenbild. Der architektonische Rahmen verleiht einem wesentlich älteren Kultobjekt eine neue monumentale Bühne. Dieser Vorgang ist für das 19. Jahrhundert typisch: Historische Andachtsbilder werden in neuen Kirchen nicht verdrängt, sondern gerade durch große Rauminszenierungen aufgewertet.

Kunstwerke und Zuschreibungsfragen

Zur Ausstattung gehören Gemälde und Altäre unterschiedlicher Zeitstellung. Ältere lokale Überlieferungen verbanden einzelne Werke mit bedeutenden Namen wie Fiasella oder sogar Caravaggio; solche Zuschreibungen sollten nur als Teil der lokalen Forschungsgeschichte behandelt werden. Neuere Beschreibungen nennen für eine Darstellung der jungen Maria mit Joachim und Anna Giovanni Andrea De Ferrari. Die wechselnden Zuschreibungen erinnern daran, dass die kunsthistorische Bewertung eines Wallfahrtsortes nicht mit der kultischen Verehrung identisch ist und sich durch neue Forschung verändern kann.

Nostra Signora della Neve: ein anderer Ursprung

Der Kult der Madonna della Neve entstand aus einer anderen religiösen Situation. Nahe dem Lagora und außerhalb des alten Stadtbereichs wurde in einem Haus ein Marienbild auf Holz verehrt. Nach der Überlieferung wurde das Gebäude bei einem Hochwasser überschwemmt, während das Bild unversehrt blieb. Diese Bewahrung wurde als Wunder gedeutet und führte zu wachsender Verehrung. Eine historische Fassadeninschrift nannte den September 1595 und erinnerte daran, dass das Heiligtum aus der Frömmigkeit der Bevölkerung von La Spezia hervorgegangen sei.

Wasser als Gründungsmotiv

Während die Madonna della Salute mit Pest, Gesundheit und einem außergewöhnlichen Phänomen am Bild verbunden ist, steht bei der Madonna della Neve eine Naturkatastrophe am Beginn der Kultgeschichte. Das Wasser bedroht Haus und Umgebung, das Bild bleibt erhalten. Gerade solche Erhaltungserzählungen besitzen eine besondere religiöse Logik: Nicht das Bild verhindert die Katastrophe, sondern es übersteht sie und wird dadurch selbst zum Zeichen von Schutz und Dauer.

Das Gnadenbild und sein spätmittelalterlicher Kern

Das verehrte Bild wurde über Jahrhunderte mehrfach übermalt. Bei einer Restaurierung 1968 erkannte Martino Oberto unter den jüngeren Malschichten einen wesentlich älteren Bildbestand. Röntgenuntersuchungen bestätigten einen spätmittelalterlichen Kern, der in das 15. Jahrhundert datiert wurde. Damit erwies sich das Gnadenbild als erheblich älter, als sein damaliges Erscheinungsbild vermuten ließ. Die Restaurierung veränderte folglich nicht nur den sichtbaren Zustand, sondern auch die historische Einordnung des Kultobjektes.

Jacopo Spinolotto als Vergleich, nicht als gesicherte Zuschreibung

In der lokalen kunsthistorischen Literatur wurde das Bild mit Jacopo beziehungsweise Giacomo Spinolotto in Verbindung gebracht, dem ersten namentlich bekannten Maler La Spezias. Eine signierte Madonna Spinolottos aus dem Jahr 1474 bietet einen wichtigen regionalen Vergleich. Eine direkte Zuschreibung des Gnadenbildes an diesen Künstler ist jedoch nicht ausreichend gesichert. Wissenschaftlich sinnvoll ist daher die Aussage, dass das Bild in den Kontext der lokalen Malerei des 15. Jahrhunderts gehört und mit Spinolottos Werk verglichen wurde, ohne daraus eine zweifelsfreie Autorschaft abzuleiten.

Der alte Olivenbaum am Heiligtum

Zur früheren Kultlandschaft der Madonna della Neve gehörte ein großer Olivenbaum, der nach der örtlichen Überlieferung alljährlich am 5. August, dem Fest der Madonna della Neve, während der Elevation in der Messe Blüten zeigte. Historische Beschreibungen berichten, dass Gläubige eigens kamen, um dieses Ereignis zu beobachten. Anschließend wurden Zweige mitgenommen; Frauen trugen sie am Kleid, Männer am Hutband. Damit besaß der Kult eine ausgeprägte Verbindung von Liturgie, Naturbeobachtung und materieller Erinnerung.

Schnee und Olivenblüte

Der 5. August ist mit der römischen Überlieferung des Schneewunders von Santa Maria Maggiore verbunden. In La Spezia erhielt dieses ohnehin außergewöhnliche Naturmotiv durch die lokale Olivenblüte eine zweite Ebene. Der Kult verband also zwei außersaisonale Naturzeichen: Schnee im römischen Sommer und Blüte des Olivenbaumes im spezzinischen August. Unabhängig von botanischer beziehungsweise meteorologischer Erklärung ist kulturwissenschaftlich entscheidend, dass beide Erscheinungen als Zeichen religiös gedeutet wurden.

Blütenzweige als Devotionalien

Wie bei anderen ligurischen Heiligtümern wurden die Zweige des blühenden Baumes mit nach Hause genommen. Sie waren keine Ex-votos im engeren Sinn, sondern Devotionalien, die den Kontakt zum Kultort materiell fortsetzten. Der Zweig verbindet die individuelle Wallfahrt mit dem privaten Alltag. Ein Teil der sakralisierten Landschaft wird aus dem Heiligtum herausgetragen und im Haus oder an der Kleidung bewahrt.

1864: das alte Heiligtum fällt dem Arsenal zum Opfer

Der Bau des großen Marinearsenals veränderte die Landschaft am Lagora radikal. 1864 musste die alte Kirche der Madonna della Neve abgebrochen werden. Damit verschwand nicht nur ein Gebäude, sondern eine ganze religiöse Topographie aus Wasserlauf, Kapelle, Olivenbaum, Festplatz und traditionellen Bewegungswegen. Das Gnadenbild wurde rechtzeitig in die Abbaziale Santa Maria Assunta übertragen. Der Kult überlebte deshalb den Verlust seines ursprünglichen Ortes.

Agostino Fossati und das Bildgedächtnis der verlorenen Landschaft

Gemälde Agostino Fossatis bewahren Ansichten der alten Kapelle und ihres Umfeldes. Nachdem die reale Architektur verschwunden war, übernahm die Malerei eine dokumentarische Funktion. Solche Bilder sind für die Rekonstruktion der verlorenen Stadtlandschaft besonders wertvoll, weil sie nicht nur einen Bau, sondern dessen räumliche Einbindung sichtbar machen. Kunst wird dadurch zum Speicher einer zerstörten Wallfahrtstopographie.

Die Salesianer und ein neuer sozialer Kontext

1877 kamen die ersten Salesianer nach La Spezia; wenige Tage später besuchte auch Don Bosco die Stadt. In den folgenden Jahren entstand ein religiöses und erzieherisches Zentrum, in das der alte Madonna-della-Neve-Kult integriert wurde. 1880 beziehungsweise in der Folgezeit erhielt das Bild einen neuen Standort bei den Salesianern. Damit traf ein vormoderner Wallfahrtskult auf ein modernes katholisches Programm von Jugendpastoral, Bildung und sozialer Organisation.

Der Neubau von 1898 bis 1901

Der heutige Kirchenbau wurde ab 1898 nach Plänen von Giuseppe Ferrari d'Orsara errichtet und 1901 geweiht. Bereits zeitgenössische salesianische Berichte hoben die besondere Architektur hervor. Der Neubau sollte nicht einfach eine verlorene Kapelle kopieren, sondern dem alten Kult einen neuen monumentalen Rahmen geben. Damit erhielt die Madonna della Neve, ähnlich wie die Madonna della Salute, in der modernen Stadt eine architektonische Form, die den gewachsenen Rang des Kultes sichtbar machte.

Historistische Synthese

Ferrari d'Orsara entwickelte eine bewusst historistische Architektur. Zeitgenössische und spätere Beschreibungen verweisen auf frühchristliche Basiliken, Santa Prassede und Santa Maria in Cosmedin in Rom, San Vitale in Ravenna sowie byzantinische Architektur. Der Bau ist deshalb nicht sinnvoll mit einem einzigen Stilbegriff zu erfassen. Er stellt vielmehr eine komponierte Synthese verschiedener historischer Sakraltraditionen dar.

Lokaler Stein und überregionale Form

Besonders interessant ist die Materialwahl. Verwendet wurden unter anderem Steine aus Romito und Biassa, also aus der näheren ligurischen Umgebung. Dadurch verbindet die Kirche eine Architektur, die sich gedanklich auf Rom, Ravenna und Byzanz bezieht, mit Materialien aus der lokalen Landschaft. Der Historismus ist damit nicht bloß importierte Formensprache; er wird materiell in der Region verankert.

Historismus als religiöse Gegenzeit

Der Neubau entstand in einer Stadt, die von Arsenal, Hafen, Militär, Eisenbahn und moderner Industrie geprägt wurde. Die bewusste Bezugnahme auf frühchristliche und byzantinische Formen kann deshalb als religiöse Gegenzeit zur Moderne verstanden werden. Während draußen eine neue technische Stadt entstand, erzeugte der Kirchenraum eine visuelle Verbindung zu einer als ursprünglich verstandenen christlichen Vergangenheit. Diese Deutung ist kunsthistorisch interpretierend, entspricht aber der bewusst retrospektiven Architekturhaltung des späten 19. Jahrhunderts.

Krönung des Gnadenbildes 1952

Am 9. November 1952 wurde das Bild mit päpstlicher Autorisierung feierlich gekrönt. Die Krönung zeigt, dass der Wallfahrtskult trotz mehrfacher Ortswechsel nicht in einer gewöhnlichen Pfarrverehrung aufgegangen war. Das Gnadenbild blieb Mittelpunkt einer eigenständigen marianischen Tradition und erhielt durch die Krönung eine weitere institutionelle Bestätigung.

Kriegserfahrung und erneute Schutzdeutung

Bei schweren Bombenangriffen auf La Spezia im Zweiten Weltkrieg wurde das Umfeld der Kirche stark getroffen, während der Sakralbau selbst stehen blieb. Spätere religiöse Darstellungen verbanden diese Bewahrung mit der älteren Geschichte des Gnadenbildes, das bereits eine Überschwemmung unversehrt überstanden haben sollte. Historisch ist die bauliche Bewahrung feststellbar; ihre Interpretation als erneutes Schutzzeichen gehört zur religiösen Erinnerung. Deutlich wird, dass unterschiedliche Gefahren mit demselben Deutungsmuster verarbeitet wurden.

Zwei Naturzeichen, zwei Formen der Kultverstärkung

Die beiden La-Spezia-Heiligtümer weisen trotz ihrer unterschiedlichen Geschichte eine auffällige strukturelle Parallele auf. Bei der Madonna della Salute steht die Überlieferung vom blutartigen Schweiß des Bildes am Beginn einer verstärkten Kultbewegung; bei der Madonna della Neve gehört die außerzeitliche Olivenblüte zur jährlichen Festtradition. In beiden Fällen wird eine als ungewöhnlich wahrgenommene körperliche oder natürliche Erscheinung religiös interpretiert und in Prozession, Erinnerung und Kultpraxis eingebunden.

Parallele zu Roverano ohne Abhängigkeitsbehauptung

Die traditionelle Olivenblüte der Madonna della Neve erinnert auffällig an die Septemberblüte von Roverano. In beiden Fällen ist ein bestimmter Marienfesttag mit einem vermeintlich außerzeitlichen Blühen verbunden, und in beiden Traditionen nehmen Gläubige Zweige mit nach Hause. Eine historische Abhängigkeit der beiden Kulte voneinander ist damit jedoch nicht nachgewiesen. Die Parallele zeigt vielmehr, wie Olivenbäume in unterschiedlichen ligurischen Marienkulten zu Trägern religiöser Zeit- und Zeichenordnungen werden konnten.

Die verlorene Stadtlandschaft als gemeinsamer Schlüssel

Die stärkste Gemeinsamkeit beider Heiligtümer liegt im Verlust ihrer früheren Umgebung. Die Madonna della Neve verlor ihre alte Kirche und Kultlandschaft an das Marinearsenal. Die Madonna della Scorza verlor ihren historischen Standort im Zuge von Eisenbahn, Straßenbau und Stadterweiterung. Damit dokumentieren beide Kulte eine Stadt, die ihre vormoderne Gestalt im 19. Jahrhundert weitgehend ablegte. Die heutigen Kirchen sind deshalb sowohl Marienheiligtümer als auch Gedächtnisorte einer verschwundenen Topographie.

Die Gnadenbilder als Träger städtischer Kontinuität

Gerade weil die ursprünglichen Orte verschwanden, erhielten die Bilder eine besondere Funktion. Sie verbanden die alte mit der neuen Stadt. Durch ihre Translation blieb ein materieller Kern der früheren religiösen Landschaft erhalten und konnte in neuen Kirchen weiterverehrt werden. Diese Bildwanderungen sind deshalb nicht bloß liturgische Ereignisse, sondern kulturelle Mechanismen der Kontinuität. La Spezia konnte seine religiöse Vergangenheit in eine grundlegend veränderte urbane Gegenwart mitnehmen.

Quellen und Literatur

Ferdinando Podestà: Nostra Signora della Scorza a La Spezia. Firenze: Tipografia S. Giuseppe, 1909.

Historische Aufzeichnungen der Bruderschaft San Giovanni Battista zur Prozession zur Madonna della Scorza vom 10. März 1559.

Apostolische Visitation von 1584 mit Angaben zur Mirakelüberlieferung von 1559 und zur frühen Kirche der Madonna della Scorza.

Armando Barbuto: La Spezia che non c'è più. Studien und Quellen zur verlorenen Stadtlandschaft, zur alten Madonna-della-Scorza-Kirche und zur städtebaulichen Entwicklung La Spezias.

Ministero della Cultura, Catalogo generale dei Beni Culturali: Dokumentation zur ehemaligen Chiesa di Nostra Signora della Scorza sowie zur heutigen Kirche Nostra Signora della Salute.

Ubaldo Mazzini: historische und kunsthistorische Beschreibungen der Madonna della Neve, des früheren Heiligtums am Lagora und des Neubaus.

Bollettino Salesiano, 1901: zeitgenössische Berichte zur neuen Kirche Nostra Signora della Neve und ihrer Weihe.

Salesianische und diözesane Dokumentationen zur Ankunft der Salesianer in La Spezia, zur Rolle Giovanni Caglieros und Don Boscos sowie zur Übertragung des Gnadenbildes.

Dokumentationen zur Restaurierung des Gnadenbildes Nostra Signora della Neve durch Martino Oberto 1968 und zur Freilegung des spätmittelalterlichen Bildkerns.

Museo Diocesano La Spezia-Sarzana-Brugnato: kunsthistorische Dokumentation zu Jacopo Spinolotto und zur lokalen Malerei des 15. Jahrhunderts.

Diözese La Spezia-Sarzana-Brugnato: Verzeichnis und historische Dokumentation der Marienheiligtümer Nostra Signora della Salute und Nostra Signora della Neve.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher