| Wallfahrt: | Historischer Märtyrer-, Grab- und eucharistischer Wallfahrtsort an der alten Via Cassia und an der Via Francigena. Die Verehrung der hl. Christina ist seit der Spätantike archäologisch und ikonographisch belegt; seit dem Mittelalter verbindet sich der Ort außerdem mit der Überlieferung des eucharistischen Wunders von Bolsena von 1263 beziehungsweise 1264. |
| Status: | Basilika und bedeutender historischer Pilgerort mit frühchristlicher Katakombe, Märtyrergrab, mittelalterlicher Basilika, barocker Wunderkapelle und bis heute fortlebender liturgischer und lokaler Festkultur. |
| Kultzentrum: | Grab- und Grottoheiligtum der hl. Christina; Altar des eucharistischen Wunders mit den verehrten Pietre Sacre; Cappella Nuova del Miracolo. |
| Ort: | Bolsena. |
| Region: | Latium. |
| Land: | Italien. |
| • | Lage: Basilica di Santa Cristina, Piazza Santa Cristina, 01023 Bolsena VT, Italien. |
| • | Der Monumentalkomplex liegt im historischen Siedlungsbereich von Bolsena unweit des Lago di Bolsena und unmittelbar an der alten Nord-Süd-Verbindung der Via Cassia beziehungsweise am heutigen Pilgerweg der Via Francigena. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Basilika und Grotte sind regelmäßig zugänglich; der Zugang zur frühchristlichen Katakombe kann an eigene Besuchsregelungen gebunden sein. Vor einer gezielten Besichtigung der unterirdischen Bereiche empfiehlt sich die Kontrolle der aktuellen Angaben vor Ort. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten der Basilica di Santa Cristina und des Kirchplatzes, Renaissancefassade und Portale, Innenraum und romanische Bauteile, Grotta di Santa Cristina, frühchristliche Katakombe, Altar der vier Säulen, der mit der Christina-Legende verbundene Stein mit Fußspuren, Cappella Nuova del Miracolo, Pietre Sacre, das Altarbild von Francesco Trevisani, das Polyptychon von Sano di Pietro, Werke Benedetto Buglionis sowie Aufnahmen der Fronleichnams- und Christina-Traditionen einschließlich der Misteri di Santa Cristina.
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Die Basilica di Santa Cristina in Bolsena gehört zu jenen Wallfahrtsorten, deren religiöse Bedeutung sich nicht aus einem einzigen Gründungsereignis erklären lässt, sondern aus einer über viele Jahrhunderte gewachsenen Überlagerung unterschiedlicher Kultschichten, in denen spätantiker Märtyrerkult, mittelalterliche Pilgerbewegung, eucharistische Frömmigkeit, kunsthistorische Ausstattung und lokale Festkultur miteinander verbunden wurden, ohne dass die jeweils älteren Bedeutungen durch die jüngeren vollständig verdrängt worden wären. Der älteste nachweisbare Kern des Heiligtums ist nicht das berühmte eucharistische Wunder des 13. Jahrhunderts, sondern die Verehrung der hl. Christina, deren Grab bereits in der Spätantike Mittelpunkt einer bedeutenden christlichen Nekropole wurde; erst auf dieser schon lange bestehenden Heiligkeit des Ortes konnte sich im Mittelalter eine zweite, eucharistische Erinnerungsschicht ausbilden, die Bolsena mit Orvieto und mit der Geschichte des Fronleichnamsfestes verknüpfte. Gerade diese kumulative Sakralität macht Santa Cristina für die Wallfahrtsforschung besonders aufschlussreich, weil an einem einzigen Ort sichtbar wird, wie sich religiöse Bedeutung nicht notwendig durch Ablösung, sondern durch Anlagerung, Verdichtung und Neuinterpretation entwickelt.
Die Historizität der hl. Christina ist in den Einzelheiten ihrer späteren Passionslegende nur schwer zu greifen, der frühe Kult der Märtyrerin ist jedoch vergleichsweise gut belegt: Die große Katakombe von Santa Cristina entwickelte sich seit dem frühen 4. Jahrhundert in einem damals außerhalb des römischen Volsinii gelegenen Areal an der Via Cassia, umfasst einen langen Hauptgang mit zahlreichen Seitenbereichen und mehr als tausend Bestattungen und wurde offenbar bereits im 4. Jahrhundert mit der Verehrung eines als Grab Christinas angesehenen Bestattungsplatzes verbunden; hinzu kommt ihre Darstellung mit der Märtyrerkrone im Mosaikzug von Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna aus dem 6. Jahrhundert, die zeigt, dass ihr Kult zu dieser Zeit weit über Bolsena hinaus bekannt war. Die Katakombe ist damit nicht lediglich ein archäologisches Anhängsel der mittelalterlichen Basilika, sondern der historische Untergrund des gesamten Heiligtums, denn wie bei vielen frühchristlichen Märtyrerorten entwickelte sich Sakralität aus der Nähe zu einem verehrten Grab, dessen Gedächtnis wiederum Pilger anzog und die weitere bauliche Entwicklung bestimmte; die Lage an der Via Cassia und später an der Via Francigena begünstigte diese Ausstrahlung, weil der Ort in einen Verkehrs- und Pilgerraum eingebunden war, der Nord- und Mittelitalien mit Rom verband.
Die später ausgebildete Passio Christinas erzählt eine Folge grausamer Martyrien, in denen unter anderem Mühlstein, Feuer, Rad, Pfeile, Schlangen und andere Folterinstrumente auftreten; solche Motive sind in ihrer konkreten historischen Abfolge nicht unabhängig zu belegen und gehören in die hagiographische Erzählwelt, deren Aufgabe nicht primär in moderner biographischer Genauigkeit lag, sondern in der exemplarischen Darstellung unerschütterlichen Glaubens, wunderbarer Bewahrung und schließlichen Martyriums. Gerade deshalb ist es sinnvoll, frühen Kult und spätere Passionsliteratur voneinander zu unterscheiden, ohne letztere als kulturgeschichtlich bedeutungslos abzutun, denn die Legende prägte Bildprogramme, Attribute der Heiligen und bis heute die lokale Festkultur; ein besonders anschauliches Beispiel ist der im Grottenbereich gezeigte Stein mit Fußspuren, den die Überlieferung mit jener Episode verbindet, in der Christina mit einem schweren Stein beschwert in den See geworfen worden sein soll, der Stein sie jedoch entgegen seiner physikalischen Funktion getragen habe. Ein solcher Gegenstand ist kulturwissenschaftlich weniger deshalb interessant, weil sich das erzählte Wunder naturwissenschaftlich verifizieren ließe, sondern weil ein materielles Objekt eine hagiographische Erzählung ortsfest, sichtbar und berührbar macht und damit die Distanz zwischen Legende und gegenwärtigem Besucher verringert.
Der heutige Monumentalkomplex ist das Ergebnis zahlreicher Bauphasen und bewahrt die Geschichte des Ortes nicht in einem einheitlichen architektonischen Zustand, sondern als Schichtung. Die Hauptbasilika geht in ihren wesentlichen mittelalterlichen Formen auf das 11. Jahrhundert zurück und wird traditionell mit einer Weihe durch Papst Gregor VII. im Jahr 1077 verbunden; ihr dreischiffiger Innenraum wird durch Granitsäulen gegliedert, die aus dem antiken Volsinii stammen und damit zugleich die lange Siedlungsgeschichte des Ortes materiell in den christlichen Bau aufnehmen. Solche Spolien sind zunächst als pragmatische Wiederverwendung hochwertigen antiken Materials zu verstehen, doch gewinnen sie im historischen Ensemble zugleich eine symbolische Wirkung, weil römische Stadtgeschichte, frühchristlicher Kult und mittelalterliche Kirchenarchitektur unmittelbar nebeneinander sichtbar werden. Die Renaissancefassade wurde am Ende des 15. Jahrhunderts im Umfeld des Kardinals Giovanni de' Medici, des späteren Papstes Leo X., erneuert und verleiht dem Bau jene repräsentative Schauseite, hinter der sich ein wesentlich älterer und komplexerer Sakralraum verbirgt; zum künstlerischen Bestand gehören unter anderem ein Polyptychon des sienesischen Malers Sano di Pietro beziehungsweise seines unmittelbaren kunsthistorischen Umfeldes sowie glasierte Terrakottaarbeiten Benedetto Buglionis, dessen Werke die Verbindung des nördlichen Latium mit toskanischen und umbrischen Kunstzentren deutlich machen.
Besonders wichtig ist dabei die Grotta di Santa Cristina, denn sie bildet gewissermaßen das Gelenk zwischen den unterschiedlichen Kultschichten des Heiligtums. Hier konzentriert sich die Erinnerung an das Grab und Martyrium der Heiligen, hier steht das frühmittelalterliche Ziborium auf vier Säulen, das später als Altar des eucharistischen Wunders gedeutet wurde, und hier überlagern sich damit Märtyrerverehrung und eucharistische Erinnerung in einem einzigen Raum. Gerade diese räumliche Verdichtung zeigt, dass ein neuer Kult nicht notwendig einen alten ersetzt: Der eucharistische Wunderbericht des 13. Jahrhunderts eignete sich keinen religiös neutralen Platz an, sondern schrieb sich in einen bereits seit Jahrhunderten sakralisierten Bereich ein, dessen Autorität gerade aus der Nähe zum verehrten Grab der hl. Christina erwuchs.
Nach der späteren kirchlichen Überlieferung ereignete sich in Santa Cristina im Jahr 1263 oder 1264 ein eucharistisches Wunder, dessen genaue Datierung schon in der lokalen Tradition nicht vollkommen einheitlich angegeben wird: Ein Priester, der später als Pietro da Praga, Peter von Prag, bezeichnet wurde und auf einer Pilgerreise nach Rom gewesen sein soll, habe während der Messe Zweifel an der realen Gegenwart Christi in der Eucharistie gehabt; während der Konsekration habe die Hostie Blut abgegeben, das das Corporale und Steine des Altars befleckte, woraufhin der Priester das Geschehen dem in Orvieto weilenden Papst Urban IV. berichtet habe. Das Corporale wird bis heute in Orvieto verehrt, während Bolsena die sogenannten Pietre Sacre, die mit dem Blutwunder verbundenen Steine, bewahrt; dadurch entstand eine bemerkenswerte räumliche Teilung des Kultgedächtnisses, in der Bolsena als Ereignisort und Orvieto als Aufbewahrungs- und Monumentalisierungsort des Corporales miteinander verbunden sind.
Historisch ist jedoch Vorsicht geboten, weil die heute geläufige, in Einzelheiten ausgeformte Wundererzählung nicht durch eine unmittelbar zeitgenössische Dokumentation in gleicher Dichte abgesichert wird; besonders auffällig ist, dass die Bulle Transiturus de hoc mundo, mit der Urban IV. am 11. August 1264 das Fronleichnamsfest für die Gesamtkirche anordnete, das Wunder von Bolsena nicht erwähnt. Ebenso wichtig ist, dass die Entstehung des Fronleichnamsfestes nicht erst durch Bolsena ausgelöst wurde, sondern bereits seit Jahrzehnten in der eucharistischen Frömmigkeitsbewegung von Lüttich vorbereitet worden war, insbesondere durch Juliana von Lüttich beziehungsweise Cornillon, und dort bereits 1246 eine entsprechende Festfeier eingerichtet worden war; der spätere Urban IV., damals Jacques Pantaléon, kannte diese Entwicklungen aus eigener Erfahrung. Wissenschaftlich angemessen ist deshalb weder eine pauschale Verwerfung der Überlieferung noch die verkürzte Behauptung, das Wunder habe unmittelbar die Einführung von Fronleichnam verursacht, sondern die Feststellung, dass Bolsena in der späteren Erinnerung eng mit der universalkirchlichen Ausbreitung des Festes verbunden wurde, obwohl dessen Entstehungsgeschichte bereits vorher eingesetzt hatte und die päpstliche Gründungsurkunde selbst das Ereignis nicht nennt.
Die außerordentliche Wirkungskraft der Wundererzählung erschließt sich erst vor dem Hintergrund der eucharistischen Frömmigkeit des 12. und 13. Jahrhunderts, in der die reale Gegenwart Christi in der konsekrierten Hostie theologisch intensiv diskutiert, liturgisch stärker hervorgehoben und für die Laien zunehmend auch visuell erfahrbar wurde. Die Elevation der Hostie, das Bedürfnis, sie zu sehen, die spätere Aussetzung in Monstranzen und die Prozession des Fronleichnamsfestes gehören zu einem umfassenderen Wandel religiöser Wahrnehmung, in dem das Sehen des Sakraments eine zunehmende Bedeutung gewann. In diesem Kontext erhält das eucharistische Wunder von Bolsena eine besondere kulturelle Logik: Eine theologische Lehre, die ihrem Wesen nach unsichtbar bleibt, wird in der Wundererzählung durch Blut sichtbar und materiell, das heißt, die angenommene sakramentale Wirklichkeit erscheint als sinnlich wahrnehmbares Zeichen. Die Pietre Sacre und das Corporale sind deshalb nicht bloß Erinnerungsobjekte, sondern materielle Verdichtungen einer theologischen Aussage, deren kultische Bedeutung gerade aus der Vorstellung hervorgeht, dass das Unsichtbare eine sichtbare Spur hinterlassen habe.
Eine moderne wissenschaftliche Darstellung sollte dabei weder die religiöse Bedeutung dieser Objekte herabsetzen noch naturwissenschaftliche Befunde behaupten, die in belastbarer Form nicht vorliegen; sachgerecht ist vielmehr, von den als mit dem Wunder verbunden verehrten Blutspuren, Steinen und dem Corporale zu sprechen und die Frage der religiösen Interpretation von der quellenkritischen historischen Rekonstruktion zu unterscheiden. Gerade diese Trennung ermöglicht es, die kulturelle Wirkung des Wunders ernst zu nehmen, ohne aus der Stärke einer Tradition automatisch eine naturwissenschaftlich oder historiographisch verifizierte Tatsache abzuleiten.
Die enge Verbindung zwischen Bolsena und Orvieto gehört zu den bemerkenswertesten Folgen der Wunderüberlieferung. Während Bolsena den Ort der Messe, die Altarsituation und die Pietre Sacre bewahrt, wurde Orvieto durch das dort verehrte Corporale zu einem zweiten Zentrum des Kultes; der Dom von Orvieto erhielt dadurch eine besondere eucharistische Bedeutung, und die kunsthistorische Monumentalisierung des Corporales schuf einen Erinnerungsraum von weit überregionaler Ausstrahlung. Populäre Darstellungen vereinfachen diese Beziehung gelegentlich zu der Behauptung, der Dom sei ausschließlich wegen des Wunders erbaut worden; die tatsächliche Bau- und Stiftungsgeschichte ist jedoch komplexer, sodass im Zusammenhang mit Bolsena besser von einer engen kultischen und erinnerungsgeschichtlichen Verknüpfung gesprochen wird. In wallfahrtskundlicher Perspektive entsteht dadurch eine Art Doppelheiligtum oder zumindest eine Wallfahrtsachse, bei der Ereignisort und Hauptreliquie voneinander getrennt liegen und gerade durch diese Trennung zwei unterschiedliche Zentren religiöser Erinnerung hervorbringen.
Die Erinnerung an das eucharistische Wunder erhielt im späten 17. Jahrhundert eine neue monumentale Form, als ab 1693 die Cappella Nuova del Miracolo errichtet wurde, um die Pietre Sacre in einem ihrem inzwischen gewachsenen Kultstatus entsprechenden Raum zu bewahren. Die Kapelle gehört damit nicht unmittelbar zur mittelalterlichen Entstehung der Wundertradition, sondern dokumentiert eine wesentlich spätere Phase ihrer Institutionalisierung, in der ein jahrhundertealter Erinnerungsbestand durch barocke Architektur und Malerei neu geordnet und sichtbar gemacht wurde. Das große Altarbild Francesco Trevisanis von 1704 stellt das Wunder bildlich dar und übersetzt die Überlieferung in eine dramatische, auf affektive Wirkung zielende Bildsprache; zwischen dem angenommenen Ereignis des 13. Jahrhunderts und dieser barocken Visualisierung liegen mehr als vier Jahrhunderte, sodass das Gemälde nicht als historische Illustration des Geschehens, sondern als Zeugnis seiner späteren Rezeption zu lesen ist.
Gerade diese zeitliche Distanz ist kunst- und kulturhistorisch aufschlussreich, weil sie zeigt, wie ein religiöses Ereignis durch wiederholte bildliche und architektonische Interpretation immer neue Gegenwart gewinnt. Dasselbe gilt für Raffaels berühmte Messa di Bolsena in den vatikanischen Stanzen, die das Wunder keineswegs dokumentarisch rekonstruiert, sondern für die politische und kirchliche Gegenwart des frühen 16. Jahrhunderts aktualisiert und Papst Julius II. in die dargestellte Szene einbezieht; Erinnerung wird hier bewusst anachronistisch eingesetzt, um ein mittelalterliches eucharistisches Wunder mit der päpstlichen Gegenwart der Renaissance zu verbinden.
Auch wenn die Entstehung des Fronleichnamsfestes historisch nicht auf das Wunder von Bolsena reduziert werden darf, wurde der Ort in der späteren katholischen Erinnerung besonders eng mit Corpus Domini verbunden, und gerade darin liegt ein wichtiger volkskundlicher Zugang. Fronleichnam gehört zu jenen Festen, bei denen sich sakraler Raum nicht auf das Innere der Kirche beschränkt, sondern durch Prozession, Fahnen, Altäre, Musik, Blumen und die öffentliche Präsenz der Eucharistie auf Straßen und Plätze ausgeweitet wird; der alltägliche Verkehrsraum wird für eine begrenzte Zeit neu geordnet, geschmückt und als Prozessionsweg sakralisiert. In Bolsena verbindet sich diese allgemeine katholische Festform mit der lokalen Erinnerung an das eucharistische Wunder, wodurch die Stadt nicht nur Schauplatz eines vergangenen Ereignisses, sondern periodisch erneuerter eucharistischer Erinnerung wird. Blumenteppiche und andere ephemere Schmuckformen sind dabei für die Kulturgeschichte besonders aufschlussreich, weil eine große gemeinschaftliche Arbeitsleistung bewusst in ein nur kurz bestehendes Kunstwerk investiert wird, dessen Sinn gerade in seiner zeitlich begrenzten Einbindung in die Prozession liegt.
Neben der eucharistischen Tradition besitzt Bolsena eine zweite, eigenständige und volkskundlich außerordentlich bedeutende Form religiöser Vergegenwärtigung: Am Fest der hl. Christina am 24. Juli werden Episoden aus ihrer Passio in den sogenannten Misteri di Santa Cristina dargestellt, wobei lebende Personen in plastisch komponierten Szenen einzelne Stationen der Märtyrerlegende verkörpern. Treccani erwähnt diese quadri plastici ausdrücklich als Bestandteil des lokalen Brauches. Die Passionsgeschichte bleibt dadurch nicht auf Text, Predigt oder Bild beschränkt, sondern wird körperlich dargestellt, zeitlich ins Fest integriert und von der lokalen Gemeinschaft immer wieder neu produziert. Diese Praxis ist besonders bemerkenswert, weil sie auf demselben Wallfahrtsort eine zweite Form religiöser Vergegenwärtigung schafft, die strukturell mit dem eucharistischen Kult verwandt ist: In beiden Fällen wird eine unsichtbare oder vergangene religiöse Wirklichkeit durch sichtbare materielle beziehungsweise körperliche Zeichen gegenwärtig gemacht.
Der Christina-Kult basiert auf Grab, Körper, Reliquie, Passionslegende und performierter Märtyrergeschichte; der eucharistische Kult auf Altar, Hostie, Blut, Corporale und Pietre Sacre. Beide Traditionen funktionieren unterschiedlich, doch beide verbinden Erzählung mit Materialität. Gerade diese doppelte Struktur macht Santa Cristina zu einem besonders aufschlussreichen Beispiel dafür, wie religiöse Erinnerung an einem Ort durch verschiedene Medien stabilisiert wird: durch Architektur, unterirdische Bestattung, Stein, Stoff, Bild, Prozession, Drama und wiederkehrenden Festkalender.
Die Lage Bolsenas an der Via Cassia und später an der Via Francigena trug wesentlich dazu bei, dass der Kult der hl. Christina und später auch die eucharistische Wunderüberlieferung in einen überregionalen Pilgerraum eingebunden wurden. Pilger auf dem Weg nach Rom fanden in Santa Cristina nicht lediglich eine weitere Kirche entlang der Route, sondern einen Ort mit frühchristlichem Grabkult, einer bekannten Märtyrerin und schließlich einer bedeutenden eucharistischen Erinnerung; die Straße ist daher sowohl Verkehrsachse als auch Teil der Kultgeschichte, weil sie Menschen, Nachrichten, Bilder und Frömmigkeitsformen miteinander verband. Zugleich blieb die Heilige Patronin der lokalen Gemeinschaft, sodass sich überregionale Wallfahrt und lokale Identität überlagerten: Wer nach Bolsena kam, traf auf eine Heilige, deren Grab als universaler christlicher Kultort galt, deren Passio aber zugleich in spezifisch bolsenesischen Festformen immer neu angeeignet wurde.
Der gesamte Monumentalkomplex lässt sich deshalb als Palimpsest sakraler Erinnerung lesen: Unter der mittelalterlichen und renaissancischen Architektur liegt die spätantike Katakombe; in der Grotte konzentriert sich die Erinnerung an die Märtyrerin; ein frühmittelalterliches Ziborium wurde zum Altar des später erinnerten eucharistischen Wunders; die romanische Basilika integrierte antike Spolien; die Renaissance gestaltete die repräsentative Fassade neu; der Barock schuf eine eigene Wunderkapelle; moderne Besucher begegnen zugleich einem christlichen Heiligtum, einem archäologischen Ort, einem kunsthistorischen Ensemble, einer Station der Via Francigena und einem Zentrum lebendiger Festkultur. Keine dieser Ebenen lässt sich vollkommen isolieren, weil die späteren Schichten ihre Bedeutung gerade aus der älteren Sakralität beziehen, während die älteren durch neue Erzählungen, Bilder und Rituale immer wieder anders wahrgenommen werden.
Damit gehört Santa Cristina zu jenen Wallfahrtsorten, an denen sich besonders gut erkennen lässt, dass Heiligkeit historisch nicht als unveränderliche Eigenschaft eines Gebäudes verstanden werden kann, sondern als kultureller Prozess, der durch Erinnerung, Nutzung und wiederholte rituelle Bestätigung erzeugt wird. Der Ort war bereits durch das Grab Christinas heilig, bevor die eucharistische Wunderüberlieferung entstand; das Wunder wiederum gab der bestehenden Sakralität eine neue, weit ausstrahlende Dimension; die barocke Monumentalisierung verwandelte die mittelalterliche Erinnerung erneut; und die heutige Wallfahrt verbindet diese Schichten mit modernen Formen von Pilgerbewegung, Denkmalbesuch und lokaler Festpraxis. Gerade diese lange Kontinuität bei gleichzeitiger ständiger Umdeutung macht Bolsena zu einem kulturwissenschaftlich besonders ergiebigen Wallfahrtsort.
Treccani, Enciclopedia Italiana und Enciclopedia on line: Artikel zu Bolsena, Santa Cristina und zur eucharistischen Frömmigkeit.
Treccani, Il Mondo dell'Archeologia: Beiträge zu Bolsena, Volsinii und den frühchristlichen Nekropolen.
Frühchristliche und hagiographische Quellen zur hl. Christina sowie einschlägige Acta-Sanctorum- und Martyrologienüberlieferungen.
Urban IV.: Transiturus de hoc mundo, 1264.
Fachliteratur zur Entstehung des Fronleichnamsfestes, insbesondere zur eucharistischen Bewegung von Lüttich und zur hl. Juliana von Cornillon.
Fachliteratur zum eucharistischen Wunder von Bolsena und zur Geschichte des Corporales von Orvieto.
Fachliteratur zum Dom von Orvieto und zum Reliquiar des Corporales.
Fachliteratur zur Basilica di Santa Cristina, zur Katakombe und zur mittelalterlichen Baugeschichte des Heiligtums.
Fachliteratur zu Sano di Pietro, Benedetto Buglioni und Francesco Trevisani sowie zu den kunsthistorischen Ausstattungsphasen der Basilika.
Studien zur Via Francigena und zur mittelalterlichen Pilgerbewegung zwischen Norditalien, Bolsena und Rom.
Volkskundliche und regionalhistorische Literatur zu den Misteri di Santa Cristina, zu Fronleichnamsprozessionen, Blumenteppichen und zur lokalen Festkultur von Bolsena.
Visit Bolsena: historische, archäologische und kunsthistorische Dokumentation der Basilica di Santa Cristina und der frühchristlichen Katakombe.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher