Santuario della Madonna della Montagna di Polsi
San Luca, Wallfahrtsheiligtum Madonna della Montagna di Polsi

Schnellüberblick
Wallfahrt:Jahrhundertealte Marien- und Kreuzwallfahrt in die abgelegene Talsenke von Polsi im Aspromonte. Historisch sicher belegt ist das Heiligtum durch einen im Archivio Storico Diocesano di Locri-Gerace erhaltenen Aktenbestand ab 1604; wesentlich ältere Ursprünge werden durch die Überlieferung des italo-griechischen Mönchtums, die Verehrung der Santa Croce und mehrere Gründungslegenden erinnert. Die Pilgergruppen werden traditionell "carovane" genannt.
Status:Marianisches Diözesanheiligtum der Diözese Locri-Gerace; kirchenrechtlich mit dem Titel Beata Vergine Maria del Divin Pastore beziehungsweise Madonna della Montagna geführt. Das Heiligtum ist der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom geistlich verbunden.
Kultzentrum:Die sitzende Madonna mit Kind aus hellem Stein, traditionell als "pietra siracusana" bezeichnet und in das 16. Jahrhundert datiert, die Santa Croce aus der Gründungsüberlieferung, die Prozessionsdarstellung der Madonna sowie die Votiv- und Wallfahrtslandschaft mit Ex-voto, Pilgerhäusern, Vorplatz und traditionellen Bergwegen.
Ort:Polsi, Gemeinde San Luca.
Region:Kalabrien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
• Lage: Contrada Polsi, 89030 San Luca (RC), Italien.
•GPS: 38.164832, 15.960842.
•Das Heiligtum liegt auf etwa 860 Metern Seehöhe in einer tief eingeschnittenen Talsenke des Aspromonte unterhalb des Montalto. Die Zufahrt kann wegen Sicherungs- und Straßenarbeiten zeitweise eingeschränkt sein; vor einer Anreise empfiehlt sich daher die Kontrolle der aktuellen Hinweise der Diözese beziehungsweise der Gemeinde San Luca.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Hauptfest der Madonna della Montagna ist der 2. September; die große Festfolge beginnt Ende August und wird von der Novene vorbereitet. Ein zweiter wichtiger Wallfahrtstermin ist der 14. September, das Fest der Kreuzerhöhung.
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten des Heiligtums in der Talsenke von Polsi, die Kirche und der Vorplatz, das steinerne Gnadenbild der Madonna della Montagna mit Kind, die Santa Croce, die Prozessionsdarstellung der Madonna, Ex-voto im Heiligtum und im Museum, Pilgerhäuser und Unterkunftsbauten, ankommende "carovane", traditionelle Fußwege durch den Aspromonte, Musizierende mit Organetto, Tamburello oder Zampogna, Tarantella auf dem Vorplatz, Nachtwallfahrt und Übernachtung der Pilger sowie die Prozessionen und Festhandlungen Ende August, am 2. September und am Fest der Kreuzerhöhung.

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Ausführliche Beschreibung

Polsi im Aspromonte: eine Wallfahrt in die Tiefe der Landschaft

Das Santuario della Madonna della Montagna di Polsi liegt nicht auf einem weithin sichtbaren Gipfel, sondern in einer tief eingeschnittenen Talsenke des Aspromonte, unterhalb des Montalto und in unmittelbarer Nähe des Quell- und Oberlaufgebietes des Bonamico. Gerade diese Lage prägt die religiöse Erfahrung des Ortes. Wer traditionell nach Polsi pilgerte, stieg nicht zu einem weithin sichtbaren Heiligtum empor, sondern folgte steilen Bergwegen in ein von Wäldern und Hängen eingeschlossenes Tal. Über Jahrhunderte war der Ort nur zu Fuß oder mit Maultieren erreichbar; selbst nach dem Ausbau von Fahrwegen blieb die Vorstellung des beschwerlichen Weges Teil der Wallfahrtsidentität. Pilgergruppen aus San Luca, aus anderen Orten der Locride, aus dem Raum Reggio Calabria und von der sizilianischen Seite der Straße von Messina erreichten das Heiligtum in gemeinschaftlich organisierten "carovane". Der Weg war dabei nicht bloß Transportstrecke, sondern religiöse Handlung: Gesang, Gebet, gemeinsames Essen, Nachtlager, Müdigkeit und die Erfahrung der Berglandschaft strukturierten die Annäherung an die Madonna. In der Forschung, besonders bei Vito Teti, wird Polsi deshalb innerhalb einer Anthropologie des Gehens, der Mobilität und der zyklischen Rückkehr verstanden. Wallfahrt bedeutet hier nicht nur Ankunft an einem sakralen Gebäude, sondern Bewegung durch eine Landschaft, die durch Generationen von Pilgern mit Erinnerungen, Liedern und Gelübden aufgeladen wurde.

Diese räumliche Eigenart erklärt auch, warum Polsi über Jahrhunderte eine fast saisonale Pilgerstadt bildete. In der Festzeit wuchs die ansonsten abgelegene Anlage durch Unterkunftshäuser, Stallungen, Küchen, Verkaufsstände und provisorische Lager zu einem dicht belebten sozialen Raum. Bestimmte Häuser waren nach Herkunftsgruppen bezeichnet; ältere Beschreibungen kennen etwa eine "Domus Siculorum" und eine "Domus Locrensium". Solche Benennungen zeigen, dass die Wallfahrt nicht aus einer amorphen Menge bestand. Herkunftsort, Verwandtschaft, Nachbarschaft, Bruderschaft oder eine gemeinsam organisierte Carovana blieben innerhalb der großen Pilgergemeinschaft sichtbar. Der Ort verband Menschen, ohne ihre lokalen Identitäten aufzulösen.

Zwischen italo-griechischem Mönchtum, Kreuzkult und Gründungslegende

Die Ursprünge von Polsi sind von einer für alte Wallfahrtsorte typischen Überlagerung historischer Hinweise und legendärer Erzählungen geprägt. Die heutige Heiligtumstradition und der staatliche Kulturgüterkatalog verweisen auf eine Verbindung zum italo-griechischen beziehungsweise basilianischen Mönchtum, das in Kalabrien bis in das späte Mittelalter eine bedeutende Rolle spielte. Im Bereich von Polsi soll ein kleiner monastischer Komplex bestanden haben, in dem bereits ein Marienbild verehrt wurde. Das Museum des Heiligtums formuliert vorsichtig, die Ursprünge reichten in das italo-griechische Mönchtum seit dem 13. Jahrhundert zurück. Andere lokale Traditionen verlegen die Anfänge noch weiter in das 9. oder 11. Jahrhundert. Für eine wissenschaftliche Darstellung muss jedoch unterschieden werden: Die institutionell greifbare archivalische Überlieferung des Heiligtums setzt im heute bekannten Bestand des Archivio Storico Diocesano di Locri-Gerace 1604 ein. Der dort erhaltene Fonds umfasst Schriftgut bis 1933. Damit ist Polsi als frühneuzeitliche kirchliche Institution sicher fassbar; die wesentlich älteren Erzählungen gehören zu einer Traditionsschicht, die historische Erinnerungen an griechisches Mönchtum mit Legendenbildung verbindet.

Die verbreitetste Gründungslegende erzählt von einem Hirten namens Italiano aus Santa Cristina d'Aspromonte, der ein verlorenes Tier suchte. In verschiedenen Fassungen handelt es sich um einen Stier, einen jungen Ochsen oder ein anderes Weidetier. Er habe das Tier an einem abgelegenen Platz gefunden, wo es mit den Hufen den Boden aufgewühlt und eine eiserne Kreuzform freigelegt habe; das Tier habe vor dem Kreuz gekniet. Anschließend sei Maria mit dem Jesuskind erschienen und habe den Bau eines Heiligtums verlangt, an dem sie den Menschen Gnaden erweisen wolle. Andere Fassungen verbinden die Entstehung mit Roger beziehungsweise Ruggero d'Altavilla und damit mit der normannischen Herrschaft in Süditalien. Solche Varianten dürfen nicht zu einer vermeintlich exakten Gründungsgeschichte zusammengeschoben werden. Sie zeigen vielmehr, wie die lokale Erinnerung unterschiedliche Autoritäten mobilisierte: den Hirten als Vertreter der Berg- und Weidewirtschaft, das Tier als finderisches Wesen, das Kreuz als materielles Zeichen, Maria als Stifterin des Ortes und den normannischen Herrscher als politischen Gründer.

Dabei zeigt sich, dass in dieser Gründungsüberlieferung nicht nur Maria, sondern ebenso die sogenannte Santa Croce im Mittelpunkt steht. Das eiserne Kreuz, das im Heiligtum als Erinnerungsobjekt bewahrt wird, ist daher kein später Zusatz zu einem reinen Marienkult. Der zweite große Wallfahrtstermin am 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung, erinnert daran, dass sich Marien- und Kreuzverehrung in Polsi seit langem gegenseitig durchdringen. Der Name Madonna della Montagna beschreibt deshalb nur einen Teil der religiösen Topographie.

Eine weitere Sagenschicht verbindet Polsi mit einer Sibylle. Nach lokaler Vorstellung habe sich in der Nähe des späteren Heiligtums eine Höhle der Sibilla befunden, und die vorchristlich gedachte Seherin habe der Madonna weichen müssen. Grazia Furferi hat dieser Überlieferung 2022 eine umfangreiche Studie gewidmet und gezeigt, wie sich antike, mittelalterliche und neuzeitliche Erinnerungsschichten in der Aspromonte-Landschaft verschränken. Die Sage beweist keine kontinuierliche Nutzung eines antiken Heiligtums an derselben Stelle. Sie ist vielmehr selbst ein kulturhistorischer Befund, weil eine christliche Wallfahrtslandschaft eine als älter vorgestellte weibliche Gestalt nicht einfach aus dem Gedächtnis tilgt, sondern deren Niederlage und Verdrängung erzählt. Die Sibylle bleibt gerade dadurch erinnerbar, dass sie der Madonna Platz machen muss.

Gnadenbild, Santa Croce und Wiederaufstieg des Heiligtums

Im Zentrum der heutigen Verehrung steht eine monumentale sitzende Madonna mit dem Jesuskind auf den Knien. Die lokale Überlieferung bezeichnet das Material meist als "pietra siracusana" und setzt die Ankunft des Bildwerkes aus Sizilien auf das Jahr 1560. Der staatliche Kulturgüterkatalog ordnet die Skulptur vorsichtiger dem 16. Jahrhundert zu und nennt sizilianische oder neapolitanische Werkleute als möglichen Entstehungszusammenhang. Diese kunsthistorisch zurückhaltende Formulierung ist vorzuziehen, solange keine eindeutigere Zuschreibung gesichert ist. Die Statue ist sowohl ein Kunstwerk als auch ein Kultkörper: Pilger richten Gebete, Gelübde und Dank an die Madonna, und die Nähe zum Bild bestimmt die Dramaturgie des Kirchenraumes. Neben der schweren Steinstatue existiert eine leichtere Prozessionsdarstellung, die für Wege außerhalb des Heiligtums und für peregrinationes durch Pfarreien verwendet werden kann. Diese Unterscheidung erklärt, warum historische und moderne Berichte unterschiedliche "Madonnen" in Bewegung zeigen, obwohl das steinerne Kultbild selbst aufgrund seines Gewichtes und seiner Einbindung in den Altarbereich nur begrenzt transportabel ist.

Mit dem Rückgang des italo-griechischen Mönchtums verlor Polsi nach der offiziellen Heiligtumstradition gegen Ende des 15. Jahrhunderts zeitweise an institutioneller Bedeutung. Ein nachhaltiger Wiederaufstieg setzte im 18. Jahrhundert ein. Unter Domenico del Tufo, Bischof von Gerace von 1730 bis 1748, wurden Kirche und Pilgerwesen erneuert. 1752 ernannte Bischof Cesare Rossi Francesco Larosa aus Mammola zum Rektor; unter seiner Leitung wurden Kirche, Konvent und Unterkunftsmöglichkeiten erweitert. Die bauliche Entwicklung lässt sich nicht vom Pilgerzustrom trennen. Ein abgelegenes Heiligtum, das Menschen aus weit entfernten Orten für mehrere Tage aufnahm, benötigte wesentlich mehr als einen Kirchenraum: Schlafplätze, Stallungen, Küchen, Lagerräume und Ordnungsstrukturen gehörten ebenso zur Wallfahrtsarchitektur.

Auch die kunsthistorische Ausstattung dokumentiert die Beziehungen über die Meerenge von Messina hinweg. Der Hochaltar aus polychromem Marmor wird in der lokalen Überlieferung mit einer Stiftung aus Messina um 1737 verbunden; im staatlichen Katalog finden sich mehrere Ausstattungsstücke aus sizilianischem Werkstattzusammenhang. Die Verbindung nach Sizilien war jedoch nicht bloß künstlerisch. Pilger aus Messina und anderen ostsizilianischen Orten gehörten seit langem zum Fest, sodass Polsi als transmaritimes Heiligtum verstanden werden kann. Die Straße von Messina trennte die Kultlandschaft nicht, sondern verband sie.

Die Geschichte des Heiligtums ist zugleich von Verlusten geprägt. Nach dem schweren Erdbeben von 1783 und im Zusammenhang mit der sogenannten Cassa Sacra wurden kirchliche Edelmetalle und Wertgegenstände beschlagnahmt, um Mittel für den Wiederaufbau zu gewinnen. Ältere Berichte sprechen von umfangreichen Verlusten an Gold, Silber, Vieh und Vorräten. Im 19. Jahrhundert wurde Polsi unter bedeutenden Rektoren, darunter Enrico Macrì, erneut restauriert und erweitert. Die Krönung des Gnadenbildes 1881 markierte eine neue Phase öffentlicher Anerkennung; weitere Krönungen beziehungsweise Jubiläumsfeiern folgten 1931 und 1981. Solche Krönungen sind nicht nur zeremonielle Akte, sondern verdichten langfristige Wallfahrtsbindungen: Gold und Schmuck für Kronen stammen vielfach aus Stiftungen der Gläubigen und verwandeln private Gaben in sichtbare öffentliche Zeichen.

Carovane, Gelübde und die Körperlichkeit der Wallfahrt

Die traditionelle Pilgergruppe heißt in Polsi "carovana". Der Ausdruck bezeichnet keine zufällige Ansammlung, sondern eine gemeinschaftlich organisierte Reise mit eigener Führung, eigener Herkunftsidentität und oftmals einem bekannten Repertoire von Liedern, Gebeten und Verhaltensformen. In Zeiten, in denen der Weg nur zu Fuß oder auf Maultieren bewältigt werden konnte, bedeutete eine Carovana mehrere Stunden oder Tage gemeinsamer Bewegung. Kinder, alte Menschen, Lasttiere, Lebensmittel, Decken und Votivgaben mussten mitgeführt werden. Auf diese Weise wurde die Wallfahrt zu einer temporären sozialen Ordnung. Die Gruppe half Schwächeren, teilte Verpflegung, übernachtete unterwegs und trat beim Heiligtum als erkennbare Gemeinschaft auf. Auch nachdem Motorisierung und Straßenbau Teile dieses Weges verkürzt hatten, blieb die Erinnerung an die alte Carovana prägend; in Krisenzeiten, wenn Straßen gesperrt sind, gewinnen die traditionellen Fußwege sogar erneut praktische Bedeutung.

Zu den älteren Gelübdeformen gehörten körperlich anspruchsvolle Praktiken. Corrado Alvaro schilderte bereits 1912 und später erneut Pilger, die barfuß, kniend oder in anderen Bußhaltungen Teile des Weges oder des Kirchenraumes durchquerten. Eine als "rachitina" bezeichnete Praxis bestand nach älteren Beschreibungen darin, mit der Zunge den Boden beziehungsweise bestimmte Stellen des Kirchenbodens zu berühren oder entlangzuführen. Auch schwere Kerzen, Naturalgaben, Tiere und landwirtschaftliche Produkte konnten als Gelübdegaben mitgebracht werden. Solche Handlungen dürfen weder romantisiert noch als bloß exotische Kuriositäten behandelt werden. Sie gehören zu einem religiösen System, in dem der eigene Körper zum Träger des Gelübdes wird: Müdigkeit, Schmerz, Entbehrung oder sichtbare Demut stellen die Ernsthaftigkeit der Bitte oder des Dankes dar.

Besonders aufschlussreich ist die im staatlichen Kulturgüterkatalog dokumentierte Praxis, Kinder, die eine schwere Krankheit überstanden hatten, im Bereich des Altares zu entkleiden. Die Handlung ist als Dank und symbolische Rückgabe des geretteten Kindes an die Schutzmacht der Madonna zu verstehen. Kleidung, Nacktheit und Körper bilden hier eine Votivsprache. Vergleichbare Praktiken sind aus anderen mediterranen Wallfahrtsorten bekannt, doch Polsi liefert ein besonders deutlich dokumentiertes Beispiel. Die Geste erinnert daran, dass Ex-voto nicht auf Metallherzen, Bilder oder Wachsnachbildungen beschränkt sind. Auch der Körper selbst kann zum Votivträger werden.

Mit den Gelübden verbunden ist eine ausgeprägte Ex-voto-Kultur. Das Museum des Heiligtums, das im ehemaligen Küchen- und Refektoriumsbereich des Konvents eingerichtet wurde, stellt nicht nur kostbare liturgische Geräte und kunsthistorisch wertvolle Objekte aus, sondern ausdrücklich auch kleine, oft namenlose Dankgaben. Gerade diese unscheinbaren Objekte sind für die Volkskunde von besonderem Wert. Sie erzählen von Krankheit, Unfällen, Schwangerschaft, Geburt, Familienkrisen, Gefahren auf See oder Straße und von erfüllten Bitten. Anders als große Stifterinschriften dokumentieren sie die Frömmigkeit von Menschen, deren Namen sonst kaum in Archiven erscheinen.

Nacht im Heiligtum: Incubatio, Schlaf und Traum

Eine der bemerkenswertesten Praktiken von Polsi ist die Übernachtung im Heiligtum. Der staatliche Kulturgüterkatalog nennt ausdrücklich die "incubatio": In der Nacht vor dem Fest schlafen Pilger im Kirchenraum oder in unmittelbarer Nähe des heiligen Ortes. Feldforschungen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts bestätigen, dass diese Praxis nicht nur eine praktische Folge fehlender Unterkunft war. Der Schlaf selbst konnte religiös gedeutet werden. Pilger verbanden mit der Nacht in der Kirche die Hoffnung, die Madonna möge in Traum, innerer Erfahrung oder stiller Nähe helfen, Trost schenken oder Heilung vermitteln. Der Kirchenboden wurde dabei für einige Stunden buchstäblich zu einer Fläche dicht nebeneinander liegender Körper.

Der Begriff "Incubatio" erinnert an antike Heiligtümer, in denen heiliger Schlaf und Traumorakel eine Rolle spielten. Daraus darf jedoch nicht vorschnell eine direkte, ununterbrochene Kontinuität von antiken Asklepios- oder Demeterkulten bis nach Polsi konstruiert werden. Methodisch sinnvoller ist es, die strukturelle Ähnlichkeit festzuhalten: Menschen schlafen bewusst an einem als besonders wirksam verstandenen Ort und erwarten, dass sich im Zustand des Schlafes eine heilende oder ordnende Erfahrung ereignen kann. Dass dieselbe Praxis in verschiedenen historischen Religionen vorkommt, beweist noch keine direkte Übertragung.

Volkskundlich bedeutsam ist vielmehr die Verbindung von Schlaf, Weg und Rückkehr. Der Pilger hat einen langen Weg hinter sich, bleibt über Nacht in unmittelbarer Nähe des Gnadenbildes, erlebt das Fest und kehrt anschließend in den Alltag zurück. Der Schlaf bildet damit eine Schwellenphase zwischen Ankunft und Heimkehr. Er unterbricht den normalen Tagesrhythmus und schafft einen Zustand, in dem die alltäglichen Grenzen von Privatheit, Wohnraum und Körperordnung aufgehoben sind: Menschen schlafen gemeinsam auf dem Boden eines Kirchenraumes, der im Alltag nicht als Schlafzimmer dient. Gerade darin liegt die rituelle Besonderheit.

Polsi als Klanglandschaft: Gebet, Gesang, Organetto und Tarantella

Polsi ist sowohl eine visuelle und topographische als auch in hohem Maße eine akustische Wallfahrtslandschaft. Giorgio Adamo hat zwischen 2000 und 2004 umfangreiche Feldforschungen durchgeführt und 2006 in seiner Studie "Musica e identità nel pellegrinaggio alla Madonna di Polsi" die Rolle der Musik für Frömmigkeit und Gruppenidentität untersucht. Giuseppe Giordano hat die Festmusik in einer neueren ethnomusikologischen Untersuchung erneut dokumentiert. Das Klangbild besteht aus Marienliedern, gesprochenen und gesungenen Gebeten, Akklamationen, Glocken, Feuerwerk, Instrumentalmusik und Tarantella. Entscheidend ist, dass diese Klänge nicht zufällig nebeneinanderstehen. Unterschiedliche Räume und Situationen erzeugen unterschiedliche Klangordnungen.

Vor dem Heiligtum bilden sich Tanzkreise. Der staatliche Katalog des immateriellen Kulturerbes beschreibt Organetti mit zwei Bässen und Tamburelli, die über lange Zeit nahezu ununterbrochen Tarantellen spielen. Getanzt wird innerhalb eines kreisförmig geordneten Raumes, meist jeweils von einem Paar, wobei Frauen und Männer, junge und alte Menschen einander ablösen. Eine zentrale Rolle besitzt der "mastro di ballo", der den Zugang zum Kreis, Wechsel und Ablauf kontrolliert. Dadurch ist die Tarantella keineswegs ein unreguliertes Massentanzen. Sie besitzt soziale Regeln, Rollen und eine eigene Choreographie der Teilnahme.

Die ethnomusikologische Forschung zeigt zugleich, dass der oft wiederholte touristische Satz, im Heiligtum selbst werde einfach "während der Messe Tarantella getanzt", zu grob ist. Der Vorplatz und die Außenbereiche sind vor allem von Instrumentalmusik, Tanz und lautem sozialen Austausch geprägt; im Inneren dominieren Gebet, religiöse Lieder, Bittrufe und liturgische Formen. Die Kirchentür bildet damit zugleich eine akustische Grenze. Wer sie überschreitet, tritt von einer Klangwelt in eine andere, auch wenn beide zum selben Fest gehören.

Die Tarantella ist in diesem Zusammenhang weder bloß "Unterhaltung" noch eine vom religiösen Geschehen völlig getrennte Volkskunst. Für viele Pilger gehört das Tanzen zum Fest der Madonna und damit zum Ausdruck von Freude, Dank, Zugehörigkeit und körperlicher Anwesenheit. Die Tanzenden können dieselben Menschen sein, die kurz zuvor in der Kirche gebetet, ein Gelübde abgelegt oder ein Ex-voto gebracht haben. Die moderne Trennung zwischen "sakral" und "weltlich" greift hier deshalb nur begrenzt. Polsi zeigt vielmehr eine Festkultur, in der liturgische, familiäre und musikalische Formen räumlich voneinander unterschieden, aber sozial eng aufeinander bezogen sind.

Auch das Instrumentarium hat sich historisch verändert. Zampogna und traditionelle Rohrblattinstrumente gehören zur älteren musikalischen Landschaft des südlichen Kalabrien; im 19. und 20. Jahrhundert gewann das diatonische Organetto stark an Bedeutung. Solche Veränderungen zeigen, dass "Tradition" keine unveränderte Wiederholung ist. Pilgerfeste bewahren bestimmte soziale Funktionen und musikalische Formen, während Instrumente, Repertoires und Aufführungsweisen sich an neue Generationen anpassen.

Essen, Tierhaltung und die zeitweilige Pilgerstadt

Die großen Wallfahrtstage von Polsi waren traditionell auch Zeiten intensiver Versorgung und gemeinschaftlichen Essens. Wer mehrere Tage in einer abgelegenen Bergsenke verbrachte, musste Lebensmittel mitbringen, Tiere versorgen und Mahlzeiten organisieren. Ältere Beobachtungen und ethnographische Forschungen dokumentieren, dass Ziegen und Schafe in Verbindung mit dem Fest geschlachtet und das Fleisch in den Pilgergruppen gemeinsam zubereitet und gegessen wurde. Die Schlachtung unmittelbar in der Umgebung des Heiligtums wurde später aus hygienischen und organisatorischen Gründen eingeschränkt beziehungsweise aufgegeben. Auch hier sollte eine oft wiederholte, aber methodisch problematische Deutung vermieden werden: Dass Tieropfer oder gemeinschaftliche Fleischmahlzeiten auch in antiken Kulten vorkamen, beweist nicht, dass die Polsi-Praxis eine ungebrochene Fortsetzung eines vorchristlichen Opferkultes darstellt. Sicher ist vielmehr, dass Tierhaltung, Weidewirtschaft und Fleischversorgung in einer agro-pastoralen Gesellschaft eng mit Fest und Pilgerreise verbunden waren.

Gerade an solchen scheinbar "weltlichen" Praktiken lässt sich die soziale Dichte der Wallfahrt erkennen. Familien und Herkunftsgruppen kochten gemeinsam, tauschten Lebensmittel, empfingen Gäste und erneuerten Beziehungen, die im Alltag durch Entfernung oder Migration gelockert waren. Das Fest war deshalb zugleich religiöse Handlung und gesellschaftliche Zusammenkunft. Eine scharfe Trennung zwischen Gottesdienst, Essen, Tanz und Verwandtschaftspflege würde der historischen Festwirklichkeit nicht gerecht. Polsi war für wenige Tage ein Raum, in dem sakrale, familiäre, wirtschaftliche und gesellige Formen unmittelbar nebeneinander bestanden.

Corrado Alvaro: eine Innenansicht aus dem frühen 20. Jahrhundert

Für die historische Volkskunde besitzt Polsi mit Corrado Alvaro einen außergewöhnlichen Gewährsmann. Der 1895 in San Luca geborene Schriftsteller veröffentlichte bereits 1912, noch als Jugendlicher, die Schrift Polsi nell'arte, nella leggenda e nella storia. Später kehrte er in seinen Werken über Kalabrien wiederholt zu Landschaft, Wallfahrt und regionaler Religiosität zurück. Alvaros Texte sind keine neutrale ethnographische Feldaufnahme im heutigen Sinn, besitzen aber einen hohen Quellenwert, weil sie aus unmittelbarer Kenntnis des sozialen Umfeldes entstanden und zahlreiche Formen einer Wallfahrt dokumentieren, die sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts stark verändert haben. Er beschreibt große Kerzen und andere Votivgaben, Pilger zu Fuß, barfuß oder in Bußhaltung, dichte Menschenmengen, Musik, Tanz und den Gegensatz zwischen schwerer steinerner Madonna und einer leichteren Figur, die tatsächlich in Bewegung gesetzt werden konnte.

Alvaros Blick ist zugleich literarisch und kritisch. Er idealisiert die Bergwelt nicht einfach, sondern zeigt Armut, Mühsal, starke körperliche Frömmigkeit und die Ambivalenz eines Festes, das religiöse Ergriffenheit und ausgelassene Geselligkeit verbindet. Gerade deshalb ist seine Schrift für eine heutige Dokumentation besonders nützlich. Sie erlaubt, moderne Beobachtungen mit einer mehr als hundert Jahre alten Innenperspektive zu vergleichen, ohne daraus vorschnell eine unveränderte "Tradition seit Urzeiten" zu konstruieren.

Migration: die Madonna reist mit ihren Pilgern

Die Geschichte Polsis endet nicht an den Grenzen Kalabriens. Mit der großen italienischen Auswanderung wurde der Kult der Madonna della Montagna in neue Länder getragen. Kalabrische Migrantinnen und Migranten gründeten Bruderschaften, beschafften Kopien des Gnadenbildes, veranstalteten Prozessionen und übertrugen Festtermine in neue städtische Umgebungen. Gerardo Papalia hat in seiner Studie Migrating Madonnas die Festa von Polsi mit einer kalabrischen Madonna-della-Montagna-Feier in Melbourne verglichen. Seine Untersuchung zeigt, dass ein Fest in der Migration nicht einfach unverändert kopiert wird. Es passt sich an Kirchenorganisation, Stadtstruktur, Arbeitszeiten und die neue gesellschaftliche Umgebung an, während es zugleich eine Verbindung zur Herkunftsregion aufrechterhält.

Vito Teti hat Polsi in seiner Anthropologie der süditalienischen "Erranz" in einen noch größeren Zusammenhang gestellt. Wallfahrt, saisonale Wanderung, Handel, Auswanderung und Heimkehr sind unterschiedliche Formen einer Gesellschaft, die nie so unbeweglich war, wie ältere Bilder eines abgeschlossenen "archaischen Südens" suggerieren. Die Carovana nach Polsi und die transkontinentale Migration unterscheiden sich grundlegend, berühren sich aber in der Erfahrung von Aufbruch und Rückkehr. Gerade die Madonna kann dabei zu einem beweglichen Symbol von Heimat werden. Das Original bleibt im Aspromonte, während Bilder, Kronen, Lieder und Festpraktiken in Toronto, Melbourne oder anderen Auswanderungsorten neue Zentren schaffen.

Die Auswandererkulte verändern wiederum das Heiligtum in Kalabrien. Heimkehrende Familien bringen Geld, Schmuck und neue Erwartungen mit, besuchen den Ursprungsort und erneuern dort Beziehungen. Wallfahrt wird damit transnational. Der abgelegene Bergort ist sowohl Endpunkt alter Hirtenwege als auch Bestandteil eines Netzes, das über Ozeane reicht.

Kirchliche Neuordnung, Museum und heutige Wallfahrt

Im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert wurde der kirchliche Status des Heiligtums neu geordnet. Ein Dekret der Diözese Locri-Gerace erkannte 2002 die Kirche der Beata Vergine Maria del Divin Pastore ausdrücklich als marianisches Heiligtum mit diözesanem Statut an. 2004 wurde das Heiligtum durch Reskript der Apostolischen Pönitentiarie geistlich mit der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom verbunden, sodass Pilger unter den kirchlich vorgesehenen Bedingungen bestimmte Ablässe erlangen können. Diese modernen Rechtsakte schaffen die Wallfahrt nicht erst, sondern ordnen institutionell einen Kult, dessen historische Tiefe weit größer ist.

Auch das Museum gehört zu dieser neuen Form der Selbstbeschreibung. Es befindet sich im ersten Stock des angeschlossenen Konvents, in Räumen, die früher als Küche und Refektorium dienten. Die Ausstellung gliedert sich in mehrere Themenbereiche und verbindet liturgische Kunst mit Alltags- und Votivobjekten. Gerade die Entscheidung, kleine Ex-voto unbekannter Pilger neben wertvolleren Gegenständen auszustellen, ist museologisch bemerkenswert. Sie macht sichtbar, dass die Geschichte des Heiligtums nicht nur von Bischöfen, Rektoren und Künstlern geschrieben wurde, sondern ebenso von anonymen Familien, die mit einer Bitte kamen und nach einer als erhalten verstandenen Hilfe eine Gabe zurückließen.

Die saisonale Nutzung des Heiligtums bleibt stark von der Berglage abhängig. Straßenschäden, Erdrutsche und Sicherungsarbeiten können den Zugang erheblich beeinträchtigen. In jüngster Zeit musste die Zufahrt zeitweise vollständig gesperrt werden; nach Abschluss von Sicherungsarbeiten wurde der Kult wieder aufgenommen, während der Straßenzugang noch eingeschränkt blieb und Pilger auf traditionelle Bergwege verwiesen wurden. Solche Situationen erinnern unfreiwillig an die historische Realität der Wallfahrt: Ein Ort, der in der Moderne scheinbar durch die Straße "nah" geworden war, kann plötzlich wieder nur durch stundenlanges Gehen erreichbar sein. Für die dauerhafte Dokumentation ist deshalb eine flexible Besucherinformation sinnvoller als eine vermeintlich dauerhafte Angabe zu Zufahrtszeiten.

Polsi und die 'Ndrangheta: eine spätere kriminelle Aneignung eines älteren Heiligtums

Keine wissenschaftlich verantwortbare Darstellung Polsis kann die dokumentierte Nutzung des Festes durch die 'Ndrangheta verschweigen. Ebenso falsch wäre es jedoch, das Heiligtum aus dieser kriminellen Geschichte heraus zu erklären. Die Wallfahrt, die Marien- und Kreuzverehrung, die Pilgerwege, Ex-voto und sizilianischen Carovane sind wesentlich älter als die im späten 19. und 20. Jahrhundert greifbare organisierte kalabrische Mafia. Historische Polizeiberichte und die moderne kriminologische Forschung zeigen, dass führende 'Ndrangheta-Mitglieder die großen Septembertage nutzten, um im Umfeld von Polsi zusammenzukommen. In den Organisationsnarrativen der 'Ndrangheta erhielt "Polsi", "la Montagna" oder "il Crimine di Polsi" eine symbolische Bedeutung als Zentrum, an das lokale Gruppierungen ihre Anerkennung und Zugehörigkeit knüpften. Neuere Forschungen von Anna Sergi analysieren gerade diese organisatorischen Erzählungen und zeigen, wie der Verweis auf Polsi innerhalb der kriminellen Organisation Identität und Legitimität erzeugt.

Die Wahl eines stark verehrten Heiligtums war dabei nicht zufällig. Kriminelle Organisationen eignen sich häufig religiöse Begriffe, Heiligenbilder, Schwurformen und Festzeiten an, weil solche Zeichen gesellschaftliche Autorität besitzen. Daraus folgt jedoch nicht, dass die religiöse Bedeutung des Ortes mit der kriminellen identisch wäre. Der größte Teil der Pilger kommt aus familiärer, marianischer oder lokaler Frömmigkeit, nicht als Mitglied einer kriminellen Organisation. Die Gleichsetzung "Polsi = Mafiaheiligtum" würde deshalb gerade jene jahrhundertealte Volksfrömmigkeit unsichtbar machen, die von Tausenden Menschen unabhängig von der 'Ndrangheta getragen wurde.

Auch die katholische Kirche hat die kriminelle Aneignung des Ortes wiederholt ausdrücklich zurückgewiesen und versucht, Polsi als Ort des Gebetes, der Umkehr und der Legalität zu profilieren. Diese Auseinandersetzung ist selbst Teil der neueren Geschichte des Heiligtums. Sie zeigt, dass religiöse Symbole gesellschaftlich umkämpft sein können: Dieselbe Madonna kann für Pilger Schutz und Dank, für kirchliche Verantwortliche Evangelium und Umkehr und für eine kriminelle Organisation ein entwendetes Symbol von Zugehörigkeit darstellen. Wissenschaftlich müssen diese Ebenen getrennt und ihre jeweiligen Akteure benannt werden.

Polsi als volkskundlicher Quellenort

Polsi gehört zu jenen Wallfahrtsorten, an denen sich Religion nicht auf Glaubenssätze oder liturgische Texte reduzieren lässt. Die gesamte Landschaft wird zum Archiv von Handlungen: Menschen gehen, tragen, schlafen, singen, tanzen, essen, schenken, berühren, bitten und danken. Ein steinernes Gnadenbild, ein eisernes Kreuz, ein Kirchenboden, eine Pilgerunterkunft, ein Organetto, ein Ex-voto oder ein mitgebrachtes Kleidungsstück können jeweils unterschiedliche Formen von Erinnerung tragen. Die wissenschaftliche Forschung hat dieses Material aus sehr verschiedenen Blickwinkeln erschlossen: Corrado Alvaro aus literarisch-regionaler Perspektive, Annabella Rossi und andere Ethnographen im Umfeld der italienischen Religionsethnologie, Giorgio Adamo und Giuseppe Giordano ethnomusikologisch, Vito Teti anthropologisch, Grazia Furferi mythologisch und religionsgeschichtlich sowie Gerardo Papalia im Zusammenhang von Migration und transnationaler Kultübertragung.

Gerade diese Fülle verlangt quellenkritische Zurückhaltung. Nicht jede alte Praxis ist vorchristlich, nicht jede Sage ist historische Erinnerung, nicht jede heutige Form ist seit Jahrhunderten unverändert, und nicht jeder spektakuläre Bericht beschreibt den Alltag der Mehrzahl der Pilger. Der wissenschaftliche Wert liegt nicht darin, Polsi als "archaisches" Relikt einer zeitlosen Calabria zu präsentieren, sondern im Gegenteil darin, Veränderungen sichtbar zu machen. Fußwallfahrt und Motorisierung, Zampogna und Organetto, alte Votivformen und Museum, lokaler Kult und australische Diaspora, kirchliche Neuordnung und kriminelle Aneignungsversuche gehören verschiedenen historischen Schichten an, die sich am selben Ort überlagern.

Der rote Faden bleibt dennoch erkennbar: Menschen suchen einen schwer zugänglichen Ort auf, weil sie dort eine besondere Nähe zur Madonna und zur Santa Croce erwarten. Sie tun dies nicht allein, sondern in Gruppen und Familien, mit Liedern, Wegen und Gaben, die ihre Herkunft sichtbar machen. Polsi ist deshalb weniger ein isoliertes Bauwerk als ein periodisch aktiviertes soziales und religiöses System. In der Festzeit wird eine abgelegene Bergsenke zu einem Zentrum, das Kalabrien, Sizilien und die Diaspora miteinander verbindet; danach leert sich der Ort wieder und wartet auf die nächste Wiederkehr.

Quellen und Literatur

Alvaro, Corrado: Polsi nell'arte, nella leggenda, e nella storia. Gerace: Tipografia D. Serafino 1912.

Alvaro, Corrado: Calabria. Firenze: Casa Editrice Nemi 1931.

Adamo, Giorgio: "Musica e identità nel pellegrinaggio alla Madonna di Polsi". In: EM. Rivista degli Archivi di Etnomusicologia dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia, nuova serie 2, 2006, S. 197-222, mit Videodokumentation auf DVD.

Giordano, Giuseppe: "La festa della Madonna della Montagna a Polsi: cronaca di una recente indagine etnomusicologica". In: Sebastiano Mannia (Hg.), La Montagna: miti, simboli, immagini, storie, culture. Atti del Convegno internazionale dedicato a Sebastiano Tusa, Geraci Siculo, 29 settembre - 1 ottobre 2022. Palermo: Fondazione Ignazio Buttitta 2024, S. 301-322.

Furferi, Grazia: La Sibilla e le tradizioni mariane a Polsi. Soveria Mannelli: Paideia / Rubbettino 2022.

Teti, Vito: Terra inquieta. Per un'antropologia dell'erranza meridionale. Soveria Mannelli: Rubbettino, Neuausgabe 2015/2016, besonders die Abschnitte zu religiösen Reisen, Wallfahrten und Polsi.

Papalia, Gerardo: "Migrating Madonnas: The Madonna della Montagna di Polsi in Calabria and in Australia". In: Flinders University Languages Group Online Review 3/3, 2008, S. 57-71.

Rossi, Annabella: volkskundliche und religionsethnologische Feldforschungen zu süditalienischen Wallfahrten und Formen populärer Religiosität, insbesondere zu den körperlichen und nächtlichen Praktiken an Heiligtümern Kalabriens und Süditaliens.

Archivio Storico Diocesano di Locri-Gerace: Fondo "Santuario della Madonna della Montagna in Polsi di S. Luca", Akten 1604-1933, 4 Bände und 46 Faszikel.

Ministero della Cultura, Istituto Centrale per il Catalogo e la Documentazione: Dokumentationen zum Santuario Beata Vergine Maria del Divin Pastore, zur Kirche Madonna della Montagna und zur immateriellen Kulturerbe-Dokumentation "Esecuzione di tarantelle al santuario di Polsi".

Santuario della Madonna della Montagna di Polsi: historische Dokumentationen zu Gründungsüberlieferungen, Gnadenbild, Krönungen, Museum und Wallfahrtsgeschichte.

Diocesi di Locri-Gerace: kirchenrechtliche und pastorale Dokumentationen zum marianischen Diözesanheiligtum, zu Festen und zur heutigen Wallfahrt.

Sergi, Anna: "To become 'ndrangheta in Calabria: organisational narrative criminology and the constitution of mafia organisations". In: Trends in Organized Crime, 2023, zur symbolischen Funktion Polsis innerhalb der Organisationsnarrative der 'Ndrangheta.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher