Basilica Maria SS.ma della Consolazione
Reggio Calabria, Wallfahrtsheiligtum Madonna della Consolazione

Schnellüberblick
Wallfahrt:Seit dem 16. Jahrhundert gewachsener städtischer Marienkult mit dem Eremo als ursprünglichem Heiligtum und der Kathedrale von Reggio Calabria als jährlich wiederkehrendem zweitem Kultzentrum. Die verehrte Effigie wird am zweiten Samstag im September vom Eremo in die Stadt getragen, bleibt bis Ende November in der Kathedrale und kehrt anschließend in einer weiteren Prozession zum Eremo zurück.
Status:Marianisches Diözesanheiligtum und Basilica minor seit 1971; die Madonna della Consolazione wird als besondere Patronin und Schutzfrau der Stadt Reggio Calabria verehrt.
Kultzentrum:Das 1547 von Nicolò Andrea Capriolo gemalte Gnadenbild mit der thronenden Madonna und dem Jesuskind zwischen Franz von Assisi und Antonius von Padua; die Vara als große Schultertrage für die Prozession, der städtische Cero votivo und der jährliche Weg zwischen Basilica dell'Eremo und Cattedrale Maria Santissima Assunta.
Ort:Reggio Calabria.
Region:Kalabrien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Adresse: Via Eremo Botte, 89124 Reggio Calabria (RC), Italien; der staatliche Architekturkatalog führt die Anschrift auch als Via Eremo 22.
•GPS: 38.11354, 15.66177.
•Das Heiligtum liegt im hochgelegenen Stadtteil Eremo oberhalb des Zentrums. Die jährliche Wallfahrt verbindet die Basilica dell'Eremo mit der Kathedrale an der Piazza Duomo. Die Gottesdienst- und Beichtzeiten werden saisonal angepasst.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Der Wallfahrtszyklus wird durch die "Sette Sabati", sieben vorbereitende Samstage, eröffnet. Am zweiten Samstag im September folgt die "discesa" des Gnadenbildes zur Kathedrale, am folgenden Dienstag die große Stadtprozession mit der Übergabe des Cero votivo. Die "risalita" zum Eremo findet traditionell am letzten Sonntag im November beziehungsweise nach dem Fest der Darstellung Mariens statt.
Direkt zum Inhalt
•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.

Besonders gesucht sind Gesamtansichten der Basilica Maria SS.ma della Consolazione am Eremo, Fassade und Innenraum des modernen Baus, das Gnadenbild von Nicolò Andrea Capriolo, die Vara und ihre Träger, die "Sette Sabati", die "discesa" vom Eremo zur Stadt, Stationen bei Krankenhäusern und öffentlichen Einrichtungen, die "volata" auf der Piazza Duomo, das Gnadenbild während seines Aufenthaltes in der Kathedrale, die Übergabe des städtischen Cero votivo sowie die "risalita" zum Eremo Ende November.

Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.

Ausführliche Beschreibung

Ein Heiligtum, dessen Gnadenbild jedes Jahr die Stadt durchwandert

Die Basilica Maria SS.ma della Consolazione im hochgelegenen Stadtteil Eremo ist der Ausgangspunkt eines der prägendsten städtischen Wallfahrtsrituale Kalabriens. Der Kult lässt sich nicht sinnvoll auf die Kirche am Eremo beschränken, denn sein eigentliches Charakteristikum ist die jährlich wiederholte Bewegung des Marienbildes zwischen Heiligtum, Prozessionsweg und Kathedrale. Am zweiten Samstag im September wird die verehrte Effigie aus dem Eremo herausgetragen und auf einer monumentalen Schultertrage, der "Vara", in die Stadt hinuntergebracht. Sie erreicht nach mehreren Stationen die Kathedrale, bleibt dort über Wochen hinweg öffentlich zugänglich und wird zum Ziel weiterer Gottesdienste, Gebete und Pilgergruppen. Erst gegen Ende November kehrt sie in der "risalita" wieder hinauf zum Eremo zurück. Dadurch besitzt Reggio Calabria eine Art periodisch wanderndes Kultzentrum: Der normale Aufbewahrungsort des Bildes liegt auf der Höhe, doch für einen wesentlichen Teil des Herbstes befindet sich die Madonna inmitten des städtischen Lebens.

Diese Bewegung ist religionsgeschichtlich deshalb bedeutsam, weil sie die klassische Richtung der Wallfahrt zeitweise umkehrt. Normalerweise bewegt sich der Pilger zum Heiligtum; in Reggio kommt das Gnadenbild der Bevölkerung entgegen. Seit dem 17. Jahrhundert wurde die Effigie besonders in Zeiten von Epidemien, Erdbeben, Dürre oder anderen Krisen aus dem Eremo in die Stadt gebracht. Die moderne Septemberprozession ist somit nicht bloß ein Festumzug, sondern die ritualisierte Fortsetzung einer historischen Schutzpraxis. Das Bild verbindet hochgelegenen Eremo und dicht bebaute Unterstadt, Kapuziner und Diözesanklerus, Kathedrale und Kommune, Kranke in den Krankenhäusern und die Portatori, die das Gewicht der Vara auf ihren Schultern tragen. Die Stadt wird im wörtlichen Sinn durchschritten und dabei religiös neu gegliedert.

Kapuziner, Eremo und das Gnadenbild von 1547

Die Geschichte des Heiligtums beginnt vor dem heutigen Kirchenbau. Als Kapuziner 1533 auf Einladung des Regginer Erzbischofs Girolamo Centelles zum Eremo kamen, fanden sie auf dem von Giovan Bernardo Mileto zur Verfügung gestellten Gelände bereits eine kleine Kapelle der Madonna della Consolazione mit einem kleinen Marienbild vor. Der staatliche Kulturgüterkatalog überliefert die Tradition, dieses erste Bild sei von einer genuesischen Familie nach Reggio gebracht worden. Eine solche Herkunft ist als Traditionsangabe zu behandeln und nicht als zweifelsfrei gesicherter Transportvorgang. Sicherer greifbar ist dagegen, dass die Kapelle in den 1530er-Jahren zum Bezugspunkt der jungen Kapuzinergemeinschaft wurde. Die Verbindung von Marienkult und franziskanischer Reform prägt den Ort bis heute.

1547 beauftragte der Regginer Adelige Camillo Diano den Maler Nicolò Andrea Capriolo mit einem wesentlich größeren Bild für den Hauptaltar. Das Gemälde zeigt Maria auf einem Thron mit dem Jesuskind, flankiert von Franz von Assisi und Antonius von Padua. Die Ikonographie macht die franziskanische Zugehörigkeit unmittelbar sichtbar: Die Madonna erscheint nicht isoliert, sondern innerhalb einer Ordens- und Heiligenwelt, die dem Eremo seine spirituelle Identität gab. Am 6. Januar 1548 wurde das neue Bild in der Kathedrale gesegnet und anschließend in Prozession zum Eremo getragen. Bereits die Entstehungsgeschichte des heute verehrten Bildes enthält damit jene Bewegung zwischen Kathedrale und Eremo, die später zum zentralen Ritual werden sollte.

Das kleinere ältere Marienbild blieb nach der Überlieferung zunächst im Besitz der Familie Diano und wurde später nach Malta gebracht; andere Quellen berichten von Verlust oder Entfremdung in napoleonischer Zeit. Da diese Geschichte in den späteren Darstellungen nicht in allen Einzelheiten einheitlich überliefert ist, sollte sie nicht mit dem historisch gut belegten Capriolo-Gemälde vermischt werden. Für die Kultgeschichte ist entscheidend, dass seit der Mitte des 16. Jahrhunderts das großformatige Bild von 1547 zum eigentlichen Zentrum der Verehrung wurde.

Pest, Stadtgelübde und die Ausbildung einer Schutzpatronin

Der Übergang von einer lokalen Marienverehrung der Kapuziner zu einem stadtweiten Schutzkult ist eng mit den Pestjahren des 16. und 17. Jahrhunderts verbunden. Während der Epidemie von 1567 bis 1577 zeichneten sich die Kapuziner durch Krankenpflege aus. Die Heiligtumsüberlieferung berichtet, dem Kapuziner Antonino Tripodi sei beim Gebet vor dem Marienbild die Madonna erschienen und habe ihm die bevorstehende Beendigung der Seuche verkündet. Der Gouverneur habe daraufhin eine große Dankwallfahrt zum Eremo angeordnet. Die Erscheinung gehört zur hagiographisch-devotionalen Tradition; historisch gut greifbar ist jedoch, dass die Epidemie den Kult verstärkte und die Verbindung zwischen Stadt und Heiligtum festigte.

1636, während einer neuerlichen Epidemie, wurde das Bild erstmals nachweislich aus dem Eremo in die Stadt gebracht und im Dom ausgestellt. Dieser Vorgang ist der eigentliche historische Vorläufer der heutigen "discesa". 1656 bedrohte eine weitere Pestwelle den süditalienischen Raum, und auch diesmal wurde das Bild in die Stadt gebracht. Am 24. Juni 1657 beurkundete der Notar Cristoforo Latella einen öffentlichen Beschluss, der von Vertretern der verschiedenen städtischen Gruppen getragen wurde: Reggio verpflichtete sich zur jährlichen Darbringung eines Cero votivo, einer großen Votivkerze, aus städtischen Mitteln. Ältere Akte verweisen bereits auf ein Gelübde von 1638. Damit wurde aus privater oder ordensgebundener Frömmigkeit eine institutionell fixierte Beziehung zwischen Stadtgemeinde und Madonna.

Der Cero votivo ist religionsethnologisch besonders aufschlussreich, weil in ihm Kommune und Kultgemeinschaft zusammenfallen. Die Gabe wird nicht als anonyme Privatspende überreicht, sondern durch die politische Vertretung der Stadt im Namen der Bürgerschaft. Das Gelübde besitzt daher eine doppelte Sprache: Es ist religiöser Dank und zugleich kommunaler Akt. Dass diese Praxis bis heute erneuert wird, zeigt, wie langfristig ein frühneuzeitliches Stadtgelübde in eine moderne kommunale Repräsentationsform übergehen kann.

Die Sette Sabati, Erdbeben und Krönung von 1722

Die Vorbereitung auf die Septemberfeier erfolgt durch die "Sette Sabati", die sieben Samstage vor der großen Prozession. Nach der Regginer Kulttradition festigte sich diese Form im Zusammenhang mit den Erdbeben von 1693. Domenico Spanò Bolani berichtet, dass Reggio während der schweren Erdbeben, die besonders Sizilien trafen und Catania weitgehend zerstörten, die Madonna della Consolazione in die Stadt brachte und nach vergleichsweise geringen Schäden öffentliche Dankfeiern beschloss. Spätere Kultgeschichtsschreibung verbindet damit auch die sieben vorbereitenden Samstage. Heute bilden sie einen mehrwöchigen geistlichen Weg mit Rosenkranz, Messen, Blumen- und Ölopfern, Wallfahrten einzelner Gemeinden und anderen Andachtsformen. Das eigentliche Septemberfest beginnt daher nicht erst mit dem Herausbringen der Vara, sondern wird über Wochen hinweg vorbereitet.

Am 15. September 1722 erhielt das Bild eine feierliche kanonische Krönung mit zwei goldenen Kronen für Maria und das Kind. Der Beschluss ging auf das Kapitel von St. Peter in Rom zurück, das auf der Grundlage einer Stiftung ausgewählte Marienbilder krönen ließ. Bereits 1719 hatte der Regginer Dekan Antonio Spizzicagigli erreicht, dass die Madonna della Consolazione in das Verfahren aufgenommen wurde. Spanò Bolani beschreibt die Krönung in seiner 1857 erschienenen Stadtgeschichte. Der Vorgang zeigt, dass der Regginer Kult im frühen 18. Jahrhundert längst über eine lokale Kapuzinerandacht hinausgewachsen war und eine kirchlich anerkannte überregionale Bedeutung besaß.

1743: Pest, Frauengelübde und eine Frömmigkeit, die den Alltag veränderte

Die Pest von 1743 gehört zu den eindrücklichsten Kapiteln der Regginer Kultgeschichte, weil sie zeigt, wie weit ein Gelübde in den sozialen Alltag eingreifen konnte. Domenico Spanò Bolani berichtet in seiner Storia di Reggio di Calabria, dass adelige Frauen der Stadt am ersten der sieben Samstage gelobten, zehn Jahre lang nur Trauerkleidung zu tragen, auf modische Pracht, Schmuck und repräsentative Kleidung zu verzichten und damit die Bitte an die Madonna sichtbar am eigenen Körper zu tragen. Zur Bestätigung verbrannten sie auf der Piazza del Toccogrande kostbare "guardinfanti", jene aufwendig konstruierten Unterröcke beziehungsweise Reifröcke, die in der gehobenen Mode des 18. Jahrhunderts Rang und gesellschaftliche Selbstdarstellung markierten. Andere Einwohner stifteten Gold, Silber, kostbare Stoffe und weitere Wertgegenstände für das Marienbild. Diese Episode ist volkskundlich besonders aufschlussreich, weil Kleidung hier zum Votivmedium wird: Nicht nur ein Gegenstand wird geopfert, sondern die eigene Erscheinung im öffentlichen Raum für einen langen Zeitraum verändert. Gelübde, Geschlecht, Stand, Mode und städtische Krisenerfahrung greifen unmittelbar ineinander.

Im selben Jahr beschloss die Stadt in einem öffentlichen Akt vom 3. August, die Madonna della Consolazione feierlich als besondere Schutzfrau Reggios anzuerkennen. 1752 beantragten Kapitel und Klerus bei der römischen Ritenkongregation ein eigenes Offizium und eine eigene Messe zu Ehren der Madonna della Consolazione; die Genehmigung verband den lokalen Kult noch enger mit dem offiziellen liturgischen Kalender. Die moderne Terminologie schwankt zwischen "Patrona", "Protettrice" und "Compatrona", weil Reggio weitere historische Patrone besitzt. Sachlich lässt sich sagen, dass die Madonna seit dem 18. Jahrhundert offiziell als besondere Patronin und Schutzfrau der Stadt verehrt wird.

Erdbeben, Cholera und das Gnadenbild als mobile Schutzmacht

Die weitere Geschichte folgt einem Muster, das bereits im 17. Jahrhundert ausgebildet war: In Zeiten existentieller Bedrohung wurde die Madonna entweder durch Prozessionen angerufen oder das Bild in die Stadt gebracht. Erdbeben zwischen dem späten 17. und dem 19. Jahrhundert, Dürre und Choleraepidemien wurden in der religiösen Erinnerung mit der Fürbitte der Consolatrice verbunden. Historisch sicher ist die wiederholte Bewegung des Bildes und die damit verbundene Mobilisierung großer Bevölkerungsgruppen; ob ein bestimmtes Naturereignis oder das Ende einer Epidemie kausal auf die Prozession zurückzuführen sei, ist eine Glaubensdeutung und keine naturwissenschaftlich beweisbare Aussage. Für die Kultgeschichte ist gerade diese Unterscheidung fruchtbar: Die Bewohner Reggios deuteten die Madonna als ansprechbare Schutzmacht, reagierten auf Krisen mit kollektiven Handlungen und entwickelten aus diesen Erfahrungen dauerhafte Rituale.

Die Stadtgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts zeigt zugleich, dass die Kapuziner nicht nur Verwalter eines Bildes waren. Während Epidemien wirkten sie in Krankenpflege und Armenfürsorge, und mehrere Ordensmitglieder bezahlten diesen Einsatz mit dem Leben. Dadurch verband sich das Vertrauen auf die Madonna mit konkreter sozialer Hilfe. Das Heiligtum wurde nicht ausschließlich durch Berichte über Wunder legitimiert, sondern auch durch eine religiöse Gemeinschaft, die in den Krisenjahren sichtbar im städtischen Leben stand.

Erdbeben von 1908, Peregrinatio Mariae und der moderne Bau am Eremo

Das katastrophale Erdbeben vom 28. Dezember 1908 zerstörte die damalige Kirche am Eremo weitgehend und veränderte die religiöse Topographie Reggios grundlegend. Neben der zerstörten Anlage entstand zunächst ein provisorischer Kirchenbau; 1911 kehrte das Gnadenbild aus der provisorischen Kathedrale zum wiederhergestellten Eremo zurück. Die Geschichte des Kultes beweist damit erneut, dass die Verehrung nicht an die unversehrte Existenz eines bestimmten Gebäudes gebunden war. Kirche und Stadt konnten zerstört werden, das Bild blieb jedoch als beweglicher Bezugspunkt erhalten und strukturierte den Wiederaufbau religiöser Identität.

Zwischen Februar und Mai 1948 fand eine ausgedehnte "Peregrinatio Mariae" statt, bei der das Gnadenbild auf Wunsch von Erzbischof Antonio Lanza die Pfarreien der Erzdiözese besuchte. Auch diese Bewegung erweitert das Grundmuster des Kultes: Die Madonna verlässt ihren Standort und wird zu den Menschen gebracht. Die Wallfahrt verläuft damit nicht nur zentripetal zum Heiligtum, sondern kann sich zentrifugal über das Gebiet der Diözese ausbreiten.

Der heutige Kirchenbau ist ein Werk der Nachkriegszeit. 1954 wurde ein Architekturwettbewerb für den Neubau entschieden; den Zuschlag erhielt die römische Architektin Anna Sbaraccani Anastasi. Die Anlage wurde in Stahlbeton errichtet und mit Travertin, Putz und einer klaren, franziskanisch zurückhaltenden Formensprache gestaltet. Eine breite trapezförmige Treppe führt zum Haupteingang; die Fassade verbindet ein schlichtes Giebelschema mit einem fünfteiligen Portikus. Der Bau zog sich über Jahre hin, wurde 1971 vollendet beziehungsweise für den Kult geöffnet und von Paul VI. am 28. November 1971 zur Basilica minor erhoben. Damit treffen in Reggio ein Kult des 16. Jahrhunderts und eine Kirche des 20. Jahrhunderts unmittelbar aufeinander. Wer den Bau allein nach seinem modernen Erscheinungsbild beurteilt, würde die wesentlich ältere Wallfahrtsgeschichte verkennen.

Vara, Portatori und die "discesa" in die Stadt

Die große Septemberprozession wird materiell durch die Vara möglich, eine monumentale Schultertrage, die etwa fünf Meter hoch ist und rund zwölf Zentner wiegt. Das Gnadenbild wird in diese Prozessionsmaschine eingesetzt und von einer großen Gruppe der "Portatori della Vara" getragen. Ihre Aufgabe ist weit mehr als technische Logistik. Sie übernehmen das Gewicht des Kultbildes auf den eigenen Schultern, koordinieren Schritt, Rhythmus und Richtungswechsel und machen die Bewegung der Madonna überhaupt erst möglich. Die Träger bilden deshalb eine deutlich erkennbare Kultgemeinschaft innerhalb der größeren Wallfahrt.

Am zweiten Samstag im September verlässt die Effigie nach dem Abschluss der sieben vorbereitenden Samstage die Basilica dell'Eremo. Die Route führt hinunter in Richtung Stadtzentrum und enthält feste Stationen. Besonders wichtig sind die Halte bei medizinischen Einrichtungen, an denen für Kranke und Leidende gebetet wird; weitere Stationen liegen bei öffentlichen Institutionen und an jenem Platz, an dem die Kapuziner das Bild formal dem Erzbischof übergeben. Diese "Piazza della Consegna" macht den Wechsel der Zuständigkeit rituell sichtbar: Das Bild verlässt den unmittelbaren Bereich des Kapuzinerheiligtums und wird in die liturgische Obhut der Kathedrale und der Diözese übergeben, ohne seine Verbindung zum Eremo zu verlieren.

Der Einzug in das Stadtzentrum und die Annäherung an die Piazza Duomo verdichten die Prozession zu einem körperlich und emotional hoch konzentrierten Moment. Die sogenannte "volata" besteht darin, dass die Portatori auf dem letzten Abschnitt mit der schweren Vara in beschleunigtem Schritt beziehungsweise laufend auf die Kathedrale zustreben. Die Bewegung sollte nicht als bloße touristische Attraktion missverstanden werden. Sie ist eine ritualisierte Demonstration gemeinschaftlicher Kraft, Koordination und Hingabe, bei der das enorme Gewicht der Trage und die Dichte der Menge unmittelbar erfahrbar werden. Der Ruf "Evviva Maria" begleitet den Einzug und verbindet Träger und Zuschauer in einer gemeinsamen akustischen Handlung.

Kathedrale, Cero votivo und die Stadt als zweites Heiligtum

Mit der Ankunft in der Cattedrale Maria Santissima Assunta endet die Wallfahrt nicht, sondern verlagert sich. Das Gnadenbild bleibt dort bis Ende November und wird zum Mittelpunkt eines eigenen Herbstzyklus. Am Dienstag nach der "discesa" zieht die Madonna in einer weiteren Prozession durch das historische Zentrum. In diesem Zusammenhang wird das alte städtische Gelübde des Cero votivo erneuert: Die kommunale Verwaltung überreicht die große Kerze in einer feierlichen liturgischen Handlung. Ein Gelübde aus Pest- und Erdbebenzeiten bleibt dadurch Teil der modernen politischen Repräsentation der Stadt.

Die mehrwöchige Anwesenheit der Effigie in der Kathedrale verändert deren Funktion. Sie ist ohnehin Bischofskirche und liturgisches Zentrum der Diözese, wird aber während dieser Zeit zugleich zum temporären Wallfahrtsheiligtum der Consolatrice. Pfarreien und Gruppen kommen gezielt zum Bild, Gottesdienste und Andachten konzentrieren sich auf die Madonna, und Menschen, denen der Weg zum Eremo schwerfällt, können ihr im Stadtzentrum begegnen. Das Kultzentrum wechselt damit saisonal seinen Ort, ohne dass das Eremo seine Bedeutung verliert.

Gegen Ende November, traditionell am letzten Sonntag des Monats beziehungsweise nach dem Fest der Darstellung Mariens im Tempel, beginnt die "risalita". Das Bild wird erneut auf der Vara getragen und kehrt zum Eremo zurück. Der Anstieg ist nicht bloß die Umkehrung des Septemberweges. Die Stadt verabschiedet die Madonna, nachdem sie mehrere Wochen in ihrer Mitte geblieben ist. Mit der Rückkehr schließt sich ein jährlicher Kreis aus Vorbereitung, Abstieg, Aufenthalt und Aufstieg. Religionsethnologisch liegt gerade darin die besondere Struktur des Regginer Kultes: Ein heiliger Gegenstand erzeugt durch seine periodische Bewegung einen Kalender und eine Stadtgeographie.

Kronen, Goldgaben, Diebstahl und materielle Nähe zum Bild

Die materiellen Zeichen des Kultes haben sich im Lauf der Jahrhunderte wiederholt verändert. Nach der Krönung von 1722 wurden später weitere Kronen und kostbare Ausstattungen geschaffen. 1936 erfolgte eine erneute feierliche Krönung mit Gold, Edelsteinen und Schmuck, der in erheblichem Maß aus Gaben der Bevölkerung stammte. Private Wertgegenstände wurden damit in einen öffentlichen Kultschatz verwandelt. Wie beim Frauengelübde von 1743 zeigt sich erneut, dass Schmuck im Marienkult nicht nur dekorative Funktion besitzt: Er kann Ergebnis eines Gelübdes, eines Verzichts oder einer kollektiven Stiftung sein.

1982 wurde das Gnadenbild aus dem Eremo gestohlen. Es konnte nach wenigen Tagen in der Umgebung wieder aufgefunden werden. Ein solcher Diebstahl ist für eine religiöse Gemeinschaft mehr als der Verlust eines Kunstwerkes, weil das Bild zugleich historische Reliquie des Stadtgedächtnisses und lebendiger Kultgegenstand ist. Der Vorfall verstärkte die Aufmerksamkeit für Schutz und Konservierung. Restaurierungen und moderne Sicherungsmaßnahmen müssen seither zwei oft gegensätzliche Anforderungen ausgleichen: Ein fast fünfhundert Jahre altes Gemälde benötigt konservatorische Schonung, während seine religiöse Funktion gerade darin besteht, regelmäßig bewegt, gezeigt und von großen Menschenmengen begleitet zu werden.

Das besondere Profil der Regginer Wallfahrt

Die Madonna della Consolazione ist ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie ein Wallfahrtsort weit über sein Kirchengebäude hinausreichen kann. Das eigentliche Heiligtum besteht aus einem Netzwerk von Orten und Handlungen: Eremo, Kathedrale, Prozessionsstraßen, Krankenhäuser, Piazza della Consegna, Piazza Duomo und die kommunale Feier des Cero votivo. Dazu kommt ein Jahresrhythmus, der schon Wochen vor der eigentlichen Prozession mit den Sette Sabati beginnt und erst Ende November mit der Rückkehr des Bildes abgeschlossen wird. Die Wallfahrt ist deshalb sowohl Reise zu einem festen Gnadenbild als auch ein wiederholtes Wechselspiel von Nähe und Distanz, oben und unten, Kloster und Stadt, Schutzbedürfnis und Dank.

Historisch entwickelte sich dieser Rhythmus aus realen Krisenerfahrungen. Pest, Erdbeben, Cholera und materielle Not wurden zu Anlässen kollektiven Handelns. Die religiöse Deutung dieser Ereignisse darf nicht als naturwissenschaftliche Kausalerklärung übernommen werden, ist aber selbst ein bedeutender historischer Befund. Menschen reagierten auf existentielle Unsicherheit, indem sie Bilder bewegten, Gelübde ablegten, Kleidung veränderten, Kerzen stifteten, Gold spendeten und Prozessionen organisierten. Aus solchen Handlungen entstand eine städtische Tradition, die sich bis in die Gegenwart erneuert.

Das Bild von 1547 ist dabei zugleich stabil und mobil. Es bleibt dieselbe gemalte Tafel, die seit dem 16. Jahrhundert verehrt wird, doch seine Bedeutung entsteht wesentlich aus wiederholten Ortswechseln. Am Eremo ist es Bild der Kapuziner und Ziel des Aufstiegs; in der Kathedrale wird es zur Madonna der ganzen Stadt; auf der Vara wird es zum bewegten Kultobjekt, dessen Gewicht von den Portatori getragen wird. Reggio Calabria zeigt damit besonders anschaulich, dass Heiligkeit in der Wallfahrt nicht nur an einen Punkt gebunden ist. Sie kann durch Bewegung erzeugt, verteilt und jedes Jahr neu in den Stadtraum eingeschrieben werden.

Quellen und Literatur

Spanò Bolani, Domenico: Storia di Reggio di Calabria da' tempi primitivi sino all'anno di Cristo 1797. Napoli: Stamperia e Cartiere del Fibreno 1857.

De Lorenzo, Antonio Maria: Nostra Signora della Consolazione protettrice della città di Reggio in Calabria. Quadretti storici. 3. Auflage. Roma: Tipografia Ravagli 1902.

De Lorenzo, Antonio Maria: Il Santuario di Maria SS. della Consolazione. 3. Auflage. Roma: Tipografia Ravagli 1902.

Cotroneo, Raffaele: "Per l'origine del culto alla Madonna della Consolazione presso Reggio di Calabria. Nota storica". 1905, S. 59-65.

Nava, Enrico: La Vera Consolatrice degli Afflitti. Historisches, ungedrucktes beziehungsweise handschriftlich überliefertes Werk zur Regginer Madonna della Consolazione, von der späteren Kultgeschichtsschreibung vielfach benutzt und zugleich quellenkritisch zu prüfen.

Sorrentino, Aurelio: La Madonna della Consolazione. Patrona di Reggio Calabria. Reggio Calabria: Laruffa 1990.

Sinopoli, Giuseppe: La Madonna della Consolazione, i Frati Cappuccini e il popolo reggino. Villa San Giovanni: Alfagi 2015.

Acta Apostolicae Sedis, Bd. LXIV, 1972, S. 280: Erhebung des Heiligtums Maria SS.ma della Consolazione zur Basilica minor durch Paul VI.

Ministero della Cultura, Catalogo Generale dei Beni Culturali: historische und baugeschichtliche Dokumentation zum Santuario Basilica Maria SS.ma della Consolazione in Reggio Calabria.

Ministero della Cultura, Censimento delle architetture italiane dal 1945 ad oggi: Dokumentation der Basilica di Santa Maria Madre della Consolazione, Entwurf Anna Sbaraccani Anastasi, Projekt und Ausführung 1954-1971.

Arcidiocesi di Reggio Calabria-Bova: historische und liturgische Dokumentationen zur Madonna della Consolazione, den Sette Sabati, der "discesa", dem Aufenthalt in der Kathedrale und der "risalita" zum Eremo.

Cattedrale di Reggio Calabria: historische Dokumentation zum Gnadenbild, zu Epidemien, Cero votivo und den Übertragungen zwischen Eremo und Dom.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher