Santuario della Beata Vergine delle Grazie
Udine, Wallfahrtsheiligtum Madonna delle Grazie

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische städtische Marienwallfahrt seit dem späten 15. Jahrhundert, getragen von der Verehrung eines als wundertätig geltenden Gnadenbildes, umfangreicher Ex-voto-Praxis und mehrfach erneuerten Stadtgelübden.
Status:Lebendiger historischer Marienwallfahrtsort.
Kultzentrum:Bemalte Marientafel mit stillendem Jesuskind und Rose, traditionell als aus Konstantinopel stammendes Bild verehrt, kunsthistorisch jedoch einem westlichen Künstler des frühen 15. Jahrhunderts zugeschrieben.
Ort:Udine, Piazza I Maggio.
Region:Provinz Udine, Region Friaul-Julisch Venetien.
Land:Friaul-Julisch Venetien, Italien.
Lage und Besuch
•Das Heiligtum liegt am heutigen Piazza I Maggio am Rand der historischen Altstadt von Udine.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien
•Ansicht in Street View
Direkt zum Inhalt
•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.

Besonders gesucht sind Gesamtansichten der Basilika, das Gnadenbild, die Gnadenkapelle, historische Ex voto, die "Maschera del Diavolo", Prozessionen des Voto cittadino, Arbeiten Lorenzo Bianchinis, Fotografien der Erdbebenerinnerung von 1976 sowie historische Wallfahrergruppen und Prozessionsfahnen.

Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.

Ausführliche Beschreibung

Vom privaten Marienbild zum städtischen Wallfahrtsheiligtum

Das Santuario della Beata Vergine delle Grazie in Udine gehört zu jenen Marienheiligtümern, deren Geschichte nicht nur durch die Verehrung eines Gnadenbildes, sondern durch eine außergewöhnlich lange Verbindung zwischen Bild, Stadtgemeinschaft und wiederkehrenden Krisenerfahrungen geprägt ist. Der Kult entwickelte sich im späten 15. Jahrhundert und wurde innerhalb weniger Jahrzehnte so stark, dass aus einer kleineren Kirche ein wesentlich größerer Wallfahrtsbau hervorging. Zugleich wuchs das Gnadenbild in eine Funktion hinein, die weit über private Frömmigkeit hinausreichte: Bei Seuche, Erdbeben, Krieg und anderen kollektiven Bedrohungen wandte sich Udine immer wieder an seine Madonna delle Grazie. Das Heiligtum wurde dadurch zu einem religiösen Gedächtnisraum der Stadt.

Die traditionelle Gründungsgeschichte setzt im Jahr 1479 ein und verbindet das Bild mit Giovanni Emo, dem venezianischen Statthalter im Friaul. Nach der späteren Überlieferung habe Emo das Marienbild vom osmanischen Sultan Mehmed II. in Konstantinopel erhalten und nach Udine gebracht. Im Schloss sei eine Köchin schwer an einer Hand verletzt worden; nach Anrufung Mariens habe sie unerwartet Heilung erfahren. Emo habe daraufhin entschieden, das Bild nicht länger privat zu verwahren, sondern einer Kirche zur öffentlichen Verehrung zu übergeben. Diese Geschichte prägt die Kultüberlieferung bis heute, ist jedoch dokumentarisch nicht unmittelbar zu sichern.

Gerade die archivalische Überlieferung macht deutlich, wie vorsichtig hier vorzugehen ist. Die ausführliche Erzählung wird erst in einem Manuskript des Servitenpriors Domenico Margarita aus dem Jahr 1658 greifbar. Margarita selbst räumt ein, im Konvent keinen zeitgenössischen schriftlichen Beleg gefunden zu haben. Seine Kenntnis stammte aus einer innerhalb des Ordens mündlich weitergegebenen Traditionskette. Damit ist die Gründungsgeschichte nicht wertlos; im Gegenteil, sie erlaubt einen Einblick in die Selbstdeutung des Heiligtums. Historisch gesichert sind dagegen die Niederlassung der Serviten 1479 und der sehr rasch anwachsende Marienkult.

Auch beim Datum der Übertragung des Bildes besteht keine völlige Einheitlichkeit. Die spätere Heiligtumstradition nennt den 8. September 1479, während ältere historische Darstellungen und die archivalische Rekonstruktion die Übergabe mit der Servitenprozession vom 28. Juli desselben Jahres in Verbindung bringen. Eine eindeutige zeitgenössische Dokumentation des Übertragungstages ist bislang nicht greifbar. Gerade diese Diskrepanz ist charakteristisch für historische Wallfahrtskulte: Ein konkreter Erinnerungstag kann sich im Lauf der Jahrhunderte verfestigen, auch wenn die archivalische Ausgangslage weniger eindeutig ist.

Die traditionelle Herkunft aus Konstantinopel wird zudem durch die neuere Kunstgeschichte relativiert. Das Bild wurde lange als byzantinisches Werk des 14. Jahrhunderts bezeichnet, doch heutige kunsthistorische Einschätzungen ordnen die Tafel eher einem westlichen Künstler des frühen 15. Jahrhunderts zu. Byzantinisierende Elemente und griechische Buchstaben oberhalb der Darstellung erklären zwar, warum sich die Vorstellung einer orientalischen Herkunft so gut etablieren konnte, sie beweisen diese Herkunft jedoch nicht. Die Konstantinopelgeschichte ist deshalb als Objektlegende zu verstehen, die dem Bild eine besonders ehrwürdige, fernöstliche Vergangenheit zuschreibt.

Ikonographisch ist die Madonna der Grazie ausgesprochen bemerkenswert. Maria trägt das Kind auf dem rechten Arm und hält in der linken Hand eine Rose. Das Jesuskind wird beim Stillen dargestellt und greift zugleich nach dem Daumen der Mutter. Oberhalb erscheinen griechische Buchstaben für die Gottesgebärerin. Die Darstellung verbindet damit die theologische Würde der Theotokos mit einer sehr unmittelbaren, körperlichen Darstellung von Mutterschaft und Nahrung. Gerade für ein Bild, das in der Folge besonders mit Schutz, Heilung und Hilfe in Krisen verbunden wurde, ist diese Nähe von Mutter und Kind kultgeschichtlich von besonderer Bedeutung.

Der Zustrom zum Bild nahm rasch zu. Zwischen 1494/95 und 1520 wurde eine wesentlich größere Kirche errichtet, deren Weihe 1520 erfolgte. Schon dieser Bauvorgang ist ein klarer Nachweis dafür, dass die Grazie nicht erst in späteren Jahrhunderten zum Wallfahrtsort wurden. Der Kult erzeugte bereits um 1500 eine so große religiöse Mobilität, dass die vorhandenen Räume nicht mehr genügten und ein neuer Kirchenbau notwendig wurde.

Stadtgelübde, Pestprozessionen und das Gedächtnis kollektiver Krisen

Die besondere Stellung der Madonna delle Grazie als Schutzbild der Stadt lässt sich bereits für das frühe 16. Jahrhundert erkennen. 1511 erlebte Udine eine außergewöhnliche Folge von Krisen: politische und soziale Unruhen, das schwere Erdbeben des sogenannten "crudel zobia grassa" und zusätzlich eine Seuche. Das Archiv des Heiligtums vermerkt ausdrücklich, dass sich die Bevölkerung in dieser Situation an die Madonna wandte. Damit ist die Funktion der Grazie als städtischer Not- und Schutzort bereits wenige Jahrzehnte nach Entstehung des Kultes fassbar.

Die heutige kirchliche Tradition führt das Voto cittadino, das Stadtgelübde Udines, auf das Jahr 1555 zurück und verbindet es mit einer schweren Pestbedrohung. Nach dieser Erinnerung wandten sich geistliche und weltliche Obrigkeit gemeinsam mit der Bevölkerung an die Madonna und gelobten eine dauerhafte Verehrung. Die archivalische Überlieferung zeigt jedoch, dass die Geschichte der städtischen Gelübde komplizierter ist und aus mehreren Schichten besteht. Besonders konkret belegt sind dauerhafte Votivprozessionen nach der Pest von 1599. Eine Udineser Zeitung des 19. Jahrhunderts nennt zudem zwei für alle Zeiten beschlossene Votivprozessionen, nämlich jene zum Dank für das Ende der Pest von 1599 und eine weitere nach der Cholera von 1836.

Damit ist nicht gesagt, dass das Gelübde von 1555 unhistorisch wäre. Vielmehr scheint sich im Laufe der Jahrhunderte eine mehrschichtige städtische Erinnerung herausgebildet zu haben, in der mehrere Krisen, Prozessionen und Gelübde miteinander verbunden wurden. Das heutige Voto cittadino ist deshalb weniger als lineare Fortsetzung eines einzigen einmaligen Versprechens zu verstehen, sondern als Verdichtung einer langen städtischen Votivtradition. Gerade darin liegt seine kulturgeschichtliche Bedeutung: Jede neue Krise konnte in ein bereits vorhandenes religiöses Erinnerungssystem eingeordnet werden.

Für 1698 ist ein besonders anschaulicher Vorgang überliefert. Ein gedruckter Aufruf forderte die Gläubigen auf, das Gnadenbild in Prozession zu tragen, um Befreiung von einer erneuten Ansteckungsgefahr zu erbitten. Das Bild blieb also nicht notwendigerweise unbewegliches Kultzentrum in seiner Kapelle, sondern konnte in einer Notsituation aus dem Heiligtum heraus in den städtischen Raum getragen werden. Die Prozession machte den Schutzanspruch Mariens auf die ganze Stadt sichtbar.

Das Heiligtum wurde bereits im 16. und 17. Jahrhundert von zahlreichen Pilgern besucht, die entweder um Hilfe baten oder ausdrücklich "per grazia ricevuta", für empfangene Gnade, kamen. Gleichzeitig entstanden zahlreiche Prozessionsformen, deren Durchführung sogar zu Konflikten zwischen Serviten und Weltklerus führte. 1718 beschwerte sich ein Pfarrer darüber, dass Serviten und Bruderschaften ohne seine Zustimmung Prozessionen durch sein Pfarrgebiet führten. Solche Konflikte zeigen, dass Wallfahrt keineswegs nur private Frömmigkeit war, sondern auch die Frage berührte, wer religiöse Räume kontrollierte und wer große Gruppen von Gläubigen mobilisieren konnte.

Die Votivtradition setzte sich in der Moderne fort. Nach dem schweren Friauler Erdbeben von 1976 wurde das alte städtische Krisengedächtnis erneut aktiviert; ein Werk des Udineser Künstlers Arrigo Poz erinnert im Eingangsbereich an diese Katastrophe. Auch während der Covid-Pandemie 2020 erhielt das Heiligtum eine besondere Rolle im öffentlichen Gebet. Damit reicht die Grundstruktur über Jahrhunderte hinweg: kollektive Bedrohung, gemeinsames Gebet, Bitte um Schutz und spätere Erinnerung am Heiligtum. Die konkrete Gefahr verändert sich, der religiöse Deutungsmechanismus bleibt.

Mirakelbücher, Ex voto und die "Maschera del Diavolo"

Neben den städtischen Gelübden besitzt das Heiligtum ein umfangreiches privates Gnadengedächtnis. Bereits im 17. Jahrhundert wurden Wunder- und Hilfserzählungen systematisch gesammelt. Domenico Margarita verfasste 1658 ein Manuskript, das in seiner Funktion einem Liber miraculorum nahekommt. P. Taddeo Paladino veröffentlichte 1671 den Tesoro di Udine, eine Geschichte des Gnadenbildes mit einer "centuria di favori", also einer Sammlung von hundert zugeschriebenen Gnadenerweisen. Damit existierte bereits in der frühen Neuzeit ein ausgeprägtes schriftliches Gedächtnis der am Heiligtum erfahrenen Hilfe.

Parallel dazu wuchs ein materielles Ex-voto-Archiv. Die spätere Literatur beschreibt zahlreiche gemalte Tafeln, Silberherzen, Figuren, Schmuck, Stickereien und weitere Dankgaben. Emilio Bedont widmete 1979 dem Bestand eine umfangreiche Monographie. Schon der Umfang dieser Arbeit zeigt, dass die Grazie nicht nur einzelne zufällig erhaltene Votivbilder besitzt, sondern einen historisch bedeutenden Bestand, in dem sich private Krankheiten, Unfälle, Arbeitsgefahren und andere Krisenerfahrungen spiegeln. Ein bekanntes Beispiel des 20. Jahrhunderts erinnert an den Einsturz des Daches einer Seidenspinnerei in Clautiano am 9. April 1926.

Besonders außergewöhnlich ist die sogenannte "Maschera del Diavolo", eine weitgehend erhaltene italienische Rüstung des 15. Jahrhunderts. Eine metallurgische Untersuchung bestätigte, dass es sich tatsächlich um ein seltenes Ensemble spätmittelalterlicher Rüstungsteile handelt, das seit langem als eines der ältesten Ex voto des Heiligtums gilt. Zugleich zeigt die technische Analyse, dass einzelne Teile im Lauf der Zeit verändert oder ergänzt wurden; die heute sichtbare Rüstung darf daher nicht ohne weiteres als unverändertes Kostüm eines einzigen historischen Trägers verstanden werden.

Die zugehörige Votiv- und Bußlegende ist erstmals in der Mitte des 17. Jahrhunderts greifbar und wird von Margarita auf ein Ereignis im Februar 1560 bezogen. Ein Udineser Edelmann habe sich während des Karnevals als Teufel verkleidet und mit seinen Begleitern lärmend durch die Stadt gezogen. Während die anderen den geweihten Friedhof beim Heiligtum aus Respekt umgingen, habe er diesen Raum demonstrativ betreten. Später sei es ihm nicht mehr gelungen, die Rüstung abzulegen. Erst nach seiner Rückkehr zur Madonna, nach Reue und Gebet, habe sich das Eisen wieder geöffnet. Aus Dank beziehungsweise Buße sei die Rüstung im Heiligtum zurückgelassen worden.

Die älteste Fassung ist deshalb besonders interessant, weil sich der Frevel nicht nur gegen Maria, sondern ebenso gegen den Friedhof und das Totengedächtnis richtet. Die Sage verbindet Karneval, Teufelsverkleidung, Sakrileg, Buße, Friedhof und Marienverehrung zu einer moralischen Erzählung. Zudem zeigt sich, dass diese Geschichte bereits im frühen 17. Jahrhundert im alltäglichen Warnrepertoire vorkam. In einem Inquisitionsverfahren berichtete die Mutter eines jungen Mannes, sie habe ihren Sohn vor ausschweifenden Karnevalsverkleidungen gewarnt und ihm sinngemäß die Geschichte vom Mann mit der Rüstung von Udine vorgehalten, dem sein Kostüm am Körper hängengeblieben sei. Damit ist die Erzählung nur wenige Jahrzehnte nach dem angeblichen Ereignis als mündlich gebrauchte Warnsage greifbar.

Die späteren Varianten veränderten das Motiv mehrfach. In einer Fassung stirbt der verkleidete Mann am Aschermittwoch in der Kirche; andere Erklärungen verbinden die Rüstung mit einem Savorgnan und einem militärischen Gelübde. Gerade diese Varianten zeigen, wie sich ein reales Objekt zum Kristallisationspunkt unterschiedlicher Erzählungen entwickeln kann. Die Rüstung selbst bleibt dabei materieller Anker, während die Geschichten ihre religiöse und moralische Bedeutung immer wieder neu formulieren.

Auch ihre neuere Objektgeschichte ist aufschlussreich. 1827 wurde die Rüstung an einen Mailänder Antiquitätenhändler verkauft. Der Verlust löste in Udine jedoch so heftigen Protest aus, dass Bischof Emmanuele Lodi sie 1830 zurückkaufen ließ. Das Ex voto war damit längst nicht mehr nur kirchliches Inventar, sondern Teil der lokalen Identität geworden. Die Bevölkerung wollte nicht nur die Geschichte behalten, sondern auch das konkrete Objekt, an dem sie hing.

Die Madonna der Stadt: Kapelle, Krönung, Prozession und fotografisches Gedächtnis

Die enge Verbindung zwischen Stadt und Gnadenbild wurde im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend auch architektonisch und zeremoniell sichtbar. Unter dem venezianischen Architekten Giorgio Massari wurde die Kirche stark erweitert. Die neue Madonnenkapelle, 1769 vollendet, entstand auf Kosten der Stadt Udine. Damit wurde die kommunale Beziehung zum Heiligtum unmittelbar in Stein und Ausstattung eingeschrieben. Die Stadt erneuerte ihren Bezug zur Madonna nicht nur durch Gebet und Prozession, sondern finanzierte auch den repräsentativen Raum, in dem das Gnadenbild verehrt wurde.

Am 6. September 1870 wurde das Gnadenbild mit Genehmigung des Vatikanischen Kapitels feierlich gekrönt. Die Kronen waren aus Gaben der Gläubigen von Stadt und Diözese finanziert worden. Eine zeitgenössisch nahe Presseüberlieferung berichtet, dass am 8. September desselben Jahres mehr als 40.000 Menschen das Heiligtum besucht hätten. Auch wenn solche Zahlen nicht mit moderner Besucherstatistik gleichgesetzt werden sollten, zeigen sie doch die Größenordnung des Kultes im 19. Jahrhundert. Die Krone selbst wurde damit zur kollektiven Votivgabe.

Zum Schmuck des Bildes gehörte nach der Heiligtumstradition auch eine schwere Halskette, die Giovanni Emo zugeschrieben wurde. Diese Provenienz ist nicht unabhängig gesichert, zeigt aber, wie stark materielle Gegenstände immer wieder zur Rückbindung an die legendäre Gründungsgeschichte von 1479 verwendet wurden. Schmuck, Krone und Kapelle stellen somit nicht bloß Ausstattung dar, sondern erzeugen Kontinuität zwischen Ursprungserzählung und jeweiliger Gegenwart.

Die Serviten selbst mussten diese Kontinuität institutionell mehrfach neu herstellen. 1806 wurden sie infolge der napoleonischen Maßnahmen aus Udine vertrieben. Der Konvent gelangte zunächst an den Staat und wurde später verkauft. 1826 konnte der Priester Francesco Alessio Konvent und zugehörige Besitzungen zurückerwerben; erst am 2. Juli 1923 kehrten die Serviten dauerhaft zurück. Ein Jahr zuvor, 1922, war die Kirche zur Basilica minor erhoben worden. Der Kult des Gnadenbildes überstand also eine lange Unterbrechung der Ordenspräsenz. Die Institution veränderte sich, die Wallfahrt blieb.

Besonders bemerkenswert ist der reiche fotografische Bestand des Heiligtumsarchivs. Für 1901 verzeichnet das Inventar mehrere große Fotoalben, darunter die Serie "Processioni penitenziali anno santo 1901" mit 54 Tafeln und ein Album "Processioni, città, paesi" mit 68 Tafeln. Solche Bildserien besitzen für die Volkskunde einen außerordentlichen Wert, weil sie Prozessionsordnungen, Fahnen, Kleidung, Geistliche, Bruderschaften, Herkunftsgruppen und die räumliche Organisation religiöser Großereignisse sichtbar machen können. Das Heiligtum bewahrt damit nicht nur Votivbilder, sondern auch ein fotografisches Gedächtnis der Wallfahrt um 1900.

Ferner zeigt sich, dass die Grazie nicht nur Ziel, sondern auch Ausgangspunkt religiöser Mobilität waren. Das Archiv bezeichnet das Heiligtum ausdrücklich als "centro propulsore di pellegrinaggi". Erhalten sind Akten zu Pilgerfahrten des frühen 20. Jahrhunderts und zu einer Romwallfahrt von 1913. Udine zieht Pilger also nicht nur zum Gnadenbild hinein, sondern organisiert selbst Wallfahrten nach außen. Die religiöse Mobilität funktioniert in beide Richtungen.

Ein weiteres wichtiges Dokument ist das Sakristeibuch von 1635 bis 1804. Es verzeichnet Opfergaben und bewegliche Güter des Heiligtums und bietet damit einen möglichen Zugang zu jenen Votivformen, die heute materiell nicht mehr erhalten sind. Gerade kleine Gaben wie Textilien, Schmuck, Wachs, Kinderkleidung oder andere persönliche Gegenstände gingen in vielen Heiligtümern verloren, obwohl sie für die historische Volksfrömmigkeit von großer Bedeutung waren. Das Sakristeibuch könnte wenigstens die Namen und Kategorien solcher verlorenen Dinge bewahren.

Zur Überlieferung und historischen Einordnung

Das Santuario della Beata Vergine delle Grazie ist ein historisch eindeutig belegter Wallfahrtsort, dessen Geschichte aus mehreren deutlich unterscheidbaren Ebenen besteht. Die Ankunft der Serviten 1479 und der rasch wachsende Marienkult sind historisch greifbar; die Herkunft des Bildes aus Konstantinopel, die Schenkung durch Sultan Mehmed II. und das Heilungswunder der Köchin gehören dagegen zur später schriftlich fixierten Kultüberlieferung. Auch die exakte Datierung des ersten öffentlichen Übertragungstages bleibt unsicher. Kunsthistorisch spricht heute mehr für eine westliche Entstehung des Bildes im frühen 15. Jahrhundert als für eine echte byzantinische Herkunft.

Ebenso komplex ist die Geschichte des Voto cittadino. Die heutige kirchliche Erinnerung nennt 1555 als Ausgangspunkt des städtischen Pestgelübdes. Archivalisch besonders konkret treten jedoch die Pestprozessionen nach 1599 und eine weitere dauerhafte Gelübdetradition nach der Cholera von 1836 hervor. Hinzu kommen dokumentierte Krisenrituale von 1511, 1698 und später. Statt eine einzige geradlinige Tradition zu behaupten, ist es historisch plausibler, von einer Schichtung mehrerer städtischer Gelübde auszugehen, die sich im Laufe der Zeit zu dem heute als Voto cittadino wahrgenommenen Gedächtnis verbunden haben.

Gerade darin liegt die besondere Bedeutung des Heiligtums. Die Madonna delle Grazie ist sowohl ein verehrtes Bild innerhalb einer Kirche als auch eine religiöse Bezugsperson der Stadt Udine. Die Bevölkerung sucht sie in Krisenzeiten auf, die Stadt finanziert ihre Kapelle, Gläubige stiften ihre Krone, Prozessionen tragen ihr Bild in den öffentlichen Raum, Ex voto bewahren private Rettungserfahrungen und Mirakelbücher sammeln Erzählungen zugeschriebener Hilfe. Das Gnadenbild steht damit im Zentrum eines Systems von individueller und kollektiver Erinnerung.

Die Maschera del Diavolo zeigt besonders anschaulich, wie dieses System funktioniert. Ein reales spätmittelalterliches Objekt wird zum Ex voto, erhält eine Bußlegende, wird mündlich weitererzählt, dient als Warnsage im Alltag und wird schließlich selbst zum Gegenstand lokaler Identität. Ähnlich verbinden auch die Stadtgelübde reale historische Krisen mit religiöser Deutung. Die Grazie sind deshalb sowohl kunsthistorisches Denkmal als auch ein Archiv von Erzählung, Ritual, Objekt und Stadtgedächtnis.

Die lange Geschichte des Heiligtums zeigt zugleich, dass Wallfahrt nicht ausschließlich durch große Fernpilgerströme definiert wird. Udine ist vor allem ein städtischer Wallfahrtsort, dessen Kult in der kontinuierlichen Beziehung zwischen einer Bevölkerung und "ihrer" Madonna liegt. Gerade diese beständige Bindung macht die Beata Vergine delle Grazie zu einem zentralen Beispiel dafür, wie ein Gnadenbild über Jahrhunderte hinweg zum religiösen Gedächtnis einer Stadt werden kann.

Quellen und Literatur

Archivio del Santuario della Beata Vergine delle Grazie, Udine: archivalisches Inventar zu Geschichte, Prozessionen, Votivwesen, Wallfahrten, Fotoalben und Verwaltung des Heiligtums.

Domenico Margarita: Handschriftliche Geschichte des Heiligtums und seiner Gnadenüberlieferung, 1658.

Taddeo Paladino: Tesoro di Udine. Historia della miracolosa imagine di Maria Vergine delle Gratie, 1671; Neuausgabe 1848.

Emilio Bedont: Gli ex-voto della Madonna delle Grazie di Udine, 1979.

Gian Paolo Gri: Studien zu nordostitalienischen Heiligtümern, Votivwesen, Mirakelüberlieferung und der "Maschera del Diavolo".

Alessandra Giumlia-Mair und Alan Williams: metallurgische Untersuchung der sogenannten "Maschera del Diavolo" und ihrer spätmittelalterlichen Rüstungsteile.

Arcidiocesi di Udine: Dokumentationen zum Voto cittadino, zum Erdbebengedächtnis von 1976 und zur heutigen liturgischen und pastoralen Bedeutung des Heiligtums.

Serviten und Santuario della Beata Vergine delle Grazie: historische und kunsthistorische Dokumentationen zum Gnadenbild, zur Gnadenkapelle, zur Krönung und zur Ordensgeschichte.

Zeitgenössische Udineser Presse des 19. Jahrhunderts: Berichte zur Krönung von 1870, zu Votivprozessionen und zur städtischen Marienverehrung.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher