Santuario della Beata Vergine di Castelmonte
Castelmonte bei Prepotto, Wallfahrtsheiligtum der Madonna von Castelmonte

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Marienwallfahrt mindestens seit dem Hochmittelalter; überregionaler Pilgerzulauf, ausgeprägte Ex-voto-Tradition, friulanisch-slowenische Prozessionskultur und lebendige Fußwallfahrten bis in die Gegenwart.
Status:Lebendiger historischer Marienwallfahrtsort.
Kultzentrum:Bemalte Kalksteinstatue der thronenden und stillenden Madonna mit Kind, die sogenannte "Madonna viva", vermutlich seit dem Wiederaufbau von 1479 im Heiligtum verehrt.
Ort:Castelmonte, Gemeinde Prepotto.
Region:Provinz Udine, Region Friaul-Julisch Venetien.
Land:Friaul-Julisch Venetien, Italien.
Lage und Besuch
•Castelmonte liegt auf einem befestigten Bergsporn oberhalb des friaulisch-slowenischen Grenzraumes und der Natisone-Täler.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien
•Ansicht in Street View
Direkt zum Inhalt
•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.

Besonders gesucht sind Gesamtansichten des befestigten Wallfahrtsortes, die Porta di Pocacilla, die Madonna viva, die Michaels-Krypta, alte Ex voto, Prozessionskreuze der Natisone-Täler, Pilgergraffiti, die Krönungserinnerungen, der Colle della Croce sowie Aufnahmen der Erdbebenwallfahrt am 8. September.

Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.

Ausführliche Beschreibung

Castelmonte als Wallfahrtslandschaft des friaulisch-slowenischen Grenzraumes

Das Santuario della Beata Vergine di Castelmonte gehört zu den historisch bedeutenden Marienwallfahrtsorten des östlichen Friaul und ist zugleich ein religiöses Zentrum, dessen Einzugsgebiet seit Jahrhunderten über Sprach- und Regionalgrenzen hinausreicht. Der Bergort wird im Friaulischen als "Madone di Mont" und im Slowenischen als "Stara gora" bezeichnet; schon diese volkssprachlichen Namen verdeutlichen, dass Castelmonte nicht innerhalb einer rein italienisch-friaulischen Kultlandschaft verstanden werden kann, sondern in einem Raum liegt, in dem romanische und slawische Traditionen seit langem ineinandergreifen. Der befestigte Wallfahrtsort erhebt sich über den Natisone-Tälern und den alten Verkehrswegen nach Cividale, Prepotto und in das heutige Slowenien und war aufgrund seiner Lage nicht nur religiöses Ziel, sondern auch weithin sichtbarer Orientierungspunkt, Schutzraum und regionales Symbol.

Archäologische Befunde in der Krypta weisen auf eine sehr alte Nutzung des Platzes hin. Zwei mit Cocciopesto ausgelegte Räume werden in die römische beziehungsweise jedenfalls frühmittelalterlich nicht zu spät anzusetzende Zeit eingeordnet; daraus lässt sich jedoch nicht unmittelbar ein frühchristlicher Marienwallfahrtsort ableiten. Die Annahme eines sakralen Zentrums bereits im 5. bis 7. Jahrhundert und die Vorstellung einer Verbindung von Maria mit dem Erzengel Michael gehören in den Bereich historischer Rekonstruktion und lokaler Tradition, während die schriftliche Überlieferung erst im Hochmittelalter deutlich fassbar wird. 1175 erscheint "Santa Maria del Monte" erstmals urkundlich, und 1244 tritt der Ort bereits als bedeutender Kultplatz innerhalb des Patriarchats von Aquileia hervor. Damit ist die Wallfahrtsgeschichte spätestens im Hochmittelalter sicher belegt.

Die Baugeschichte bestätigt diesen Befund in besonderer Weise. Bereits im 13. Jahrhundert entstanden Einrichtungen, die ausdrücklich dem Schutz und der Aufnahme von Pilgern dienten; in späteren Jahrhunderten mussten Schlafräume, Portiken und andere Bereiche wiederholt erweitert werden. Ein Heiligtum, das seine bauliche Infrastruktur an wachsende Pilgerzahlen anpasst, ist nicht bloß eine Pfarrkirche mit besonderer Andacht, sondern ein auf überregionalen Zulauf eingerichteter Wallfahrtsort. Die Mauern und Tore von Castelmonte dienten dabei nicht nur militärischem oder siedlungsgeschichtlichem Schutz, sondern bewahrten zugleich Menschen, Opfergaben und wertvolle Kultgegenstände. Bis ins späte 18. Jahrhundert wurden die Tore nachts geschlossen; Wallfahrt erzeugte hier also auch einen ganz praktischen Bedarf nach Sicherheit.

Schwellenrituale, Porta di Pocacilla und eine erzählte Landschaft

Besonders eindrucksvoll ist die religiöse Bedeutung des Zugangs zum Heiligtum. Die östliche Pforte trägt den Namen Pocacilla beziehungsweise Poklecila, der in der Überlieferung mit dem slowenischen Begriff für Knien oder Niederknien in Verbindung gebracht wird. In der Nähe soll sich ein entsprechend geformter Stein befunden haben, an dem die von dieser Seite kommenden Pilger innehielten, niederknieten und beteten, bevor sie den befestigten Wallfahrtsort betraten. Der Weg zum Heiligtum besaß damit bereits vor dem Erreichen der Kirche eine rituelle Schwelle: Die Bewegung des Körpers wurde unterbrochen, der Pilger nahm eine Gebetshaltung ein, und erst danach erfolgte der Eintritt in den ummauerten sakralen Raum. Solche Schwellenhandlungen sind für die Wallfahrtsvolkskunde besonders aussagekräftig, weil sie zeigen, dass nicht nur Altar oder Gnadenbild, sondern bereits der Zugang selbst kultisch markiert war.

Diese Sakralisierung des Weges setzt sich in einer besonders reichen lokalen Sage fort, in der Maria und der Teufel zu handelnden Gestalten einer ganzen Landschaft werden. Nach der noch heute erzählten Überlieferung fordert der Teufel die Madonna zu einem Wettflug heraus; wer zuerst Castelmonte erreiche, solle Cividale besitzen. Ausgangspunkt ist der berühmte Ponte del Diavolo in Cividale. Maria fliegt bergwärts und setzt unterwegs bei Portici einmal den Fuß auf einen Stein, der daraufhin ihren Abdruck bewahrt haben soll. Als der Teufel auf dem Berg ankommt, wartet Maria bereits auf ihn; in seiner Niederlage stürzt oder fährt er in die Erde und reißt am benachbarten Monte Spich die sogenannte "bùse del Diàul", das Teufelsloch, auf. In der Krypta von Castelmonte wird die Erzählung durch die Darstellung des Erzengels Michael abgeschlossen, der den Teufel niedertritt.

Volkskundlich handelt es sich nicht um eine einzelne Ortssage, sondern um einen regelrechten Erzählweg: Ponte del Diavolo, Fußspur Mariens, Castelmonte, Michaels-Krypta und Teufelsloch am Spich bilden aufeinander bezogene Stationen. Deutlich wird, dass die Heiligtumsüberlieferung sogar den Erzählmodus beschreibt: Eltern erzählen ihren Kindern die Geschichte abschnittsweise während der Fahrt oder des Weges nach Castelmonte. Damit wird nicht nur eine Sage tradiert, sondern ihre Weitergabe selbst ist Teil des Weges. Maria erscheint darin nicht als passive, fern thronende Himmelskönigin, sondern als handelnde Schutzgestalt, die fliegt, einen Wettkampf annimmt, eine Landschaft durchquert und den Teufel besiegt. Der Erzengel Michael bildet die zweite Ebene dieser Schutzvorstellung; beide Figuren ordnen den Berg symbolisch als Raum christlicher Überlegenheit über das Dämonische.

Brandkatastrophe von 1469 und die Objektbiographie der Madonna viva

Die mittelalterliche Marienfigur, die vor dem späten 15. Jahrhundert in Castelmonte verehrt wurde, ist nicht erhalten. Am 21. September 1469 traf ein schwerer Blitzschlag das Heiligtum, der Campanile und große Teile der Kirche wurden zerstört, und ein anschließender Brand vernichtete auch das damalige Kultbild. Damit erfuhr der Wallfahrtsort eine vollständige Unterbrechung seiner materiellen Bildkontinuität. Der Wiederaufbau begann rasch, getragen vom Kapitel von Cividale und von der umliegenden Bevölkerung. Zehn Jahre später, am 8. September 1479, wurde in Castelmonte ein großer "perdono" gefeiert, also eine umfangreiche Ablass- und Wallfahrtsveranstaltung, die zugleich in eine politische Friedenserfahrung nach den Konflikten zwischen Venedig und dem Osmanischen Reich eingebettet war.

Wahrscheinlich in diesem Zusammenhang wurde die heute verehrte steinerne Madonna aufgestellt. Die bemalte Kalksteinstatue wiegt mehr als vier Zentner und wird in die erste Hälfte beziehungsweise um die Mitte des 15. Jahrhunderts datiert. Sie zeigt Maria als gekrönte, thronende Herrscherin und zugleich als stillende Mutter; das Kind ist damit sowohl Attribut königlicher Marienikonographie als auch tritt in unmittelbare körperliche Beziehung zur Mutter. Gerade diese Verbindung von Regalität und Nähe macht die Figur ikonographisch auffällig. Die traditionellen Bezeichnungen "Madonna bella" und vor allem "Madonna viva" erklären sich aus der jugendlichen Erscheinung, der lebhaften Körperhaltung und dem ausgeprägt mütterlichen Charakter der Darstellung.

Das dunkle Inkarnat der Madonna und des Kindes hat wiederholt zu Deutungen als Schwarze Madonna geführt. Die Ursachen sind jedoch nicht abschließend geklärt. Diskutiert wurden bewusste künstlerische Gestaltung, religiöse Bezüge auf "Nigra sum, sed formosa" aus dem Hohelied, Erinnerungen an ältere dunkle Marienikonen sowie Veränderungen durch Restaurierungen und Übermalungen. Eine eindeutige Erklärung lässt sich gegenwärtig nicht geben. Für die Kultgeschichte ist wichtiger, dass die dunkle, thronende und zugleich stillende Madonna über Jahrhunderte ein unverwechselbares lokales Bildzentrum wurde, dessen physische Erscheinung von Generationen von Pilgern wiedererkannt und mit Hilfe, Schutz und regionaler Identität verbunden wurde.

Bruderschaft, Pilgerorganisation und friaulisch-slowenische Prozessionskultur

Unmittelbar nach dem Wiederaufbau des späten 15. Jahrhunderts bildete sich die Fraterna di Santa Maria del Monte, die spätere Confraternita Universale Madonna di Castelmonte. Ihre Gründung wird um 1480 angesetzt und mit dem Priester Michele Zelmkih verbunden. Ein frühes Mitgliederregister, das im Kapitelarchiv von Cividale aufbewahrt wird, verzeichnet nicht nur Gläubige aus der unmittelbaren Umgebung, sondern auch Mitglieder aus Cividale, Cormons, Gemona und anderen Orten. Damit ist bereits im ausgehenden 15. Jahrhundert ein überörtliches devotionales Netzwerk greifbar, das den Kult organisatorisch und materiell unterstützte. Die Bruderschaft besaß im befestigten Ort ein eigenes Haus, förderte Wallfahrt und Ausstattung des Heiligtums, verpflichtete ihre Mitglieder zu religiöser Lebensführung und karitativen Aufgaben und trug zur Herausbildung einer dauerhaften Pilgerinfrastruktur bei.

Besonders lebendig blieb die Verbindung mit den slowenischsprachigen Natisone-Tälern. Die traditionellen Pfarrwallfahrten aus den Nadiške doline werden bis heute mit geschmückten Prozessionskreuzen begangen. Die einzelnen Pfarrgruppen ziehen gemeinsam zum Heiligtum, beten oder singen Litaneien auf Latein oder Slowenisch, und der Kreuzträger geht als Erster in die Kirche, wo das Kreuz im Presbyterium nahe der Madonna aufgestellt wird. Zum Abschluss erklingt das slowenische Marienlied "Lepa si roža Marija", danach ziehen die Gruppen wieder aus und treffen sich zu einem gemeinsamen Mahl. In dieser Ritualfolge erscheinen Wallfahrt, Sprache, Pfarridentität und Gemeinschaft nicht als voneinander getrennte Ebenen, sondern als ein zusammengehöriger kultureller Vollzug.

Die geschmückten Prozessionskreuze besitzen dabei eine Funktion, die über liturgische Ausstattung hinausgeht. Sie repräsentieren die jeweilige Pfarrgemeinschaft, eröffnen den Zug, treten zuerst in den sakralen Raum ein und bleiben während der Feier sichtbar bei der Madonna. Das Kreuz vertritt gewissermaßen das Dorf. In einem Grenzraum, in dem kirchliche Zugehörigkeit, Sprache und regionale Identität historisch vielfach ineinandergreifen, hat diese Form der Repräsentation besondere Bedeutung. Castelmonte wird dadurch sowohl zum Ziel einzelner Pilger als auch zum Begegnungsort ganzer Gemeinden.

Ex voto als visuelles Archiv von Gefahr, Rettung und Dank

Eine der bedeutendsten volkskundlichen Quellen des Heiligtums ist der über Jahrhunderte gewachsene Ex-voto-Bestand. Bereits 1625 zeigte sich Patriarch Antonio Grimani bei einer Visitation über die große Zahl von Bildern und anderen Dankzeichen erstaunt, die an den Wänden hingen. Viele ältere Stücke gingen durch Diebstahl, Krieg, Umbauten und andere Verluste verloren, doch die ältesten erhaltenen Ex voto sind überwiegend auf Holz gemalte Tafeln und werden bis heute im Kirchenschiff gezeigt. Diese Tafeln sind nicht bloß Schmuck, sondern narrative Quellen. Sie zeigen konkrete Gefahrensituationen, Krankheiten, Unfälle, Bedrohungen oder Rettungserfahrungen und stellen die verehrte Madonna als angerufene Helferin in Beziehung zum dargestellten Ereignis.

Das bedeutendste erhaltene ältere kollektive Ex voto stammt von der Stadt Gemona del Friuli. 1576 stiftete die Stadt nach ihrer Befreiung von der Pest eine silberne Gabe an die Madonna von Castelmonte, geschaffen vom aus Belluno stammenden Silberschmied Giovanni Battista Paduan. Hier tritt nicht ein einzelner Votant auf, sondern eine ganze Stadt interpretiert ihr Überleben beziehungsweise das Ende einer Epidemie religiös und übersetzt diesen Dank in einen kostbaren, dauerhaft im Heiligtum verwahrten Gegenstand. Damit zeigt Castelmonte sowohl individuelle als auch kommunale Formen des Votivwesens.

Auch Giovanni da Udine erscheint im 16. Jahrhundert nicht lediglich als Künstler, sondern als Votant. Er schuf Stuckdekorationen für die Madonnenkapelle ausdrücklich in Erfüllung eines Gelübdes. Kunstproduktion wurde damit selbst zur religiösen Gegengabe. Das Votivwesen des Heiligtums reicht folglich von einfachen persönlichen Tafeln über Schmuck und kleine Herzen bis zu bedeutenden Kunstwerken und kommunalen Stiftungen. Deutlich wird, dass diese Tradition nicht abgeschlossen ist. Das Heiligtum gibt bis heute Hinweise zur Gestaltung neuer Ex voto und bevorzugt kleine handgemalte Tafeln oder Fotografien, auf denen die empfangene Hilfe beziehungsweise die Gefahrensituation konkret dargestellt wird. Daneben werden Herzen, Stickereien mit dem Marienbild und Fototafeln genannt; wegen des begrenzten Raumes werden neuere Stücke teilweise später in andere Räume oder in das Archiv verbracht.

Gerade die Erwartung, ein Ex voto solle das Ereignis erzählen, ist volkskundlich aufschlussreich. Die klassische Struktur lautet Krise, Anrufung, Rettung und Dank. Dadurch verwandeln sich die Wände des Heiligtums in ein visuelles Gedächtnis subjektiv erfahrener Grenzsituationen. Nicht die historische Beweisbarkeit eines Wunders steht dabei im Vordergrund, sondern die religiöse Deutung eines Ereignisses durch den Votanten selbst. Castelmonte bewahrt auf diese Weise ein Bildarchiv persönlicher und kollektiver Krisen.

Pilgergraffiti, Gebetsbuch und schriftliche Anwesenheit am heiligen Ort

Neben den gemalten Votivtafeln haben Pilger auch auf andere Weise Spuren hinterlassen. In der Krypta sind eingeritzte Namen und Jahreszahlen erhalten, die sich als frühneuzeitliche Pilgergraffiti lesen lassen. Der älteste von der Heiligtumsdokumentation ausdrücklich genannte Eintrag lautet "1559 - Gaspar Belinus". Solche Ritzungen besitzen eine andere Funktion als Ex voto. Sie erzählen nicht notwendigerweise von einer konkreten Rettung, sondern halten Anwesenheit fest. Der Pilger schreibt sich buchstäblich in den heiligen Ort ein und hinterlässt eine materielle Spur seines Besuches.

Eine vergleichbare Handlung existiert bis heute in veränderter Form. In der Krypta liegt ein großes Gebetsbuch, in das Pilger Bitten, Dank, Erinnerungen an Verstorbene und andere Anliegen eintragen. Zwischen dem eingeritzten Namen des Jahres 1559 und dem modernen Gebetsbuch liegt damit eine bemerkenswerte Kontinuität des schriftlichen Sich-Einschreibens in das Heiligtum. Die Form wird kontrollierter und institutionell geordnet, die Grundhandlung bleibt jedoch ähnlich: Der Besucher hinterlässt seinen Namen, sein Anliegen oder seine Erinnerung am heiligen Ort.

Krönung, Kronendiebstahl und kollektive Schmuckgaben

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erhielt der Kult eine neue öffentliche Verdichtung. Der Wunsch nach einer feierlichen Krönung des Gnadenbildes war bereits 1845 geäußert worden, wurde jedoch durch politische Umbrüche und Kriege immer wieder verzögert. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Vorhaben mit großer Intensität vorbereitet. Die Wallfahrtschroniken verzeichnen allein in einer vorbereitenden Phase rund 150 Pilgerfahrten, etwa 30.000 Pilger und rund 20.000 Kommunionen. Am 3. September 1922 wurde die Madonna schließlich von Erzbischof Anastasio Rossi gekrönt. Da der Heiligtumsbereich die Menschenmenge nicht aufnehmen konnte, fand die Feier auf den Weiden des nahen Monte Plagnava statt; fünf Bischöfe und mehrere zehntausend Gläubige nahmen teil.

Die Krönung war damit sowohl eine liturgische Auszeichnung eines Bildes als auch eine Massendemonstration regionaler Marienfrömmigkeit nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs. Umso tiefer wurde der Diebstahl der kostbaren Kronen im August 1932 empfunden. Zeitgenössische Berichte schildern die allgemeine Bestürzung und die sofort einsetzende Bereitschaft, Ersatz zu schaffen. Besonders eindrücklich ist die Überlieferung einer armen Frau aus dem unteren Friaul, die bereits kurz nach Bekanntwerden des Diebstahls ihre beiden kleinen Ohrringe abnahm und dem Heiligtum übergab. Der materielle Wert war gering, die religiöse Bedeutung jedoch groß: Persönlicher Schmuck wurde zur kollektiven Wiederherstellung der Krone beigetragen. 1933 konnte eine neue Krone aufgesetzt werden. Die Krone erscheint damit nicht lediglich als Goldschmiedearbeit, sondern als materielles Aggregat zahlreicher individueller Opfergaben.

Kriegserfahrung und die Madonna im Schutzraum

Castelmonte lag auch im Zweiten Weltkrieg in einem konfliktreichen Raum. Am 6. und 18. November 1943 wurde der Ort von deutschen Geschützen beschossen, weil dort Partisanen vermutet wurden. Kapuziner und Bewohner suchten Schutz in der Krypta; auch die Marienstatue wurde dorthin gebracht und blieb dort ungefähr eineinhalb Jahre. Diese Episode ist für die Kultgeschichte von besonderer Bedeutung, weil das Gnadenbild nicht nur aus sicherer Entfernung als Schutzmacht angerufen wurde, sondern buchstäblich denselben Schutzraum mit der Bevölkerung teilte. Die Madonna wurde symbolisch zur Mit-Flüchtenden und Mit-Bedrohten. In der Krypta bewahrte Granatsplitter halten diese Kriegserfahrung bis heute materiell fest.

Im Sommer 1945 wurde die Madonna feierlich in ihre erneuerte Nische zurückgebracht. Der Hintergrund war mit goldenem Mosaik und Motiven der Lauretanischen Litanei ausgestattet worden, gestiftet von Gläubigen aus Cividale zum Dank für das Ende des Krieges. Erneut wurde ein kollektives historisches Ereignis unmittelbar in Wallfahrt und Ausstattung übersetzt. Der Krieg hinterließ nicht nur Zerstörung, sondern erzeugte neue Gaben, neue Prozessionen und neue Erinnerungsschichten.

Das Erdbeben von 1976 und die Entstehung einer neuen Wallfahrtstradition

Eine weitere große kollektive Krise prägte den Wallfahrtsort nach dem schweren Friauler Erdbeben von 1976. Die Katastrophe forderte nahezu tausend Todesopfer, zerstörte zahlreiche Orte und prägte das regionale Gedächtnis tief. Nur wenige Monate nach dem ersten schweren Beben regte Erzbischof Alfredo Battisti eine gemeinsame diözesane Wallfahrt nach Castelmonte an, die dem Gedenken an die Toten, dem Gebet für die Betroffenen und der Bitte um materiellen und geistlichen Wiederaufbau dienen sollte. Seitdem zieht die Erzdiözese Udine jährlich am 8. September zu Fuß zum Heiligtum.

Damit lässt sich die Entstehung einer modernen Wallfahrt nahezu vollständig beobachten: Katastrophe, kirchliche Reaktion, gemeinsamer Pilgerweg, jährliche Wiederholung und schließlich Traditionsbildung. Der 8. September ist deshalb heute nicht nur Mariä Geburt, sondern zugleich Erinnerungstag an Zerstörung, Tod, Wiederaufbau und regionale Solidarität. Im fünfzigsten Jahr nach dem Erdbeben wurde diese Bedeutung erneut besonders hervorgehoben. Castelmonte funktioniert damit als regionaler Gedächtnisspeicher, in dem wiederholt kollektive Krisen in Wallfahrt, Stiftung und Ritual übersetzt werden.

Ein ähnliches Muster lässt sich rückblickend bereits beim Pestvotiv von Gemona erkennen, später beim Ersten Weltkrieg und der Krönungsbewegung, beim Zweiten Weltkrieg mit dem Aufenthalt der Madonna in der Krypta und beim Nachkriegsdank. Immer wieder wird der Berg zu einem Ort, an dem eine Gemeinschaft ihre Erfahrung von Gefahr und Bewahrung religiös ordnet. Gerade diese Wiederholung über mehrere Jahrhunderte macht die langfristige Stabilität des Wallfahrtskultes verständlich.

Kapuziner, Kreuzberg und die moderne Wallfahrtslandschaft

Seit 1913 betreuen Kapuziner das Heiligtum und prägen dessen Seelsorge bis heute. Neben Kirche, Krypta und Pilgerhäusern entwickelte sich auch die Umgebung weiter. Auf dem sogenannten Colle della Croce wurde 1948 ein großes Kreuz errichtet, später verkleidet und erneuert; nachts beleuchtet, ist es weithin sichtbar und gehört zur religiösen Topographie des Berges. Seine Entstehung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg verleiht ihm eine zusätzliche zeitgeschichtliche Bedeutung.

Heute ist Castelmonte zudem in größere Pilger- und Wanderwegenetze eingebunden. Der Cammino delle 44 Chiesette Votive verbindet zahlreiche kleine Votivkirchen der Natisone-Täler miteinander und macht sichtbar, dass die Region nicht aus einem einzigen isolierten Wallfahrtszentrum besteht, sondern aus einer vielgliedrigen Sakrallandschaft. Castelmonte bildet innerhalb dieses Netzes einen besonders bedeutenden Knotenpunkt. Die kleinen Kirchen, Wegkreuze, Kapellen, Prozessionswege und das große Marienheiligtum gehören zusammen und spiegeln eine religiöse Landschaft wider, die über Jahrhunderte durch Bewegung, Gelübde und lokale Gemeinschaften geformt wurde.

Zur Überlieferung und historischen Einordnung

Castelmonte besitzt eine außergewöhnlich dichte Mischung aus archäologischem Befund, urkundlich gesicherter Wallfahrtsgeschichte, materieller Votivüberlieferung, regionaler Prozessionskultur und Sage. Quellenkritisch ist dabei zwischen mehreren Ebenen zu unterscheiden. Archäologische Reste erlauben die Annahme einer sehr alten Nutzung des Berges, beweisen für sich allein jedoch noch keinen Marienwallfahrtsort der Spätantike. Die schriftlich fassbare Geschichte setzt 1175 ein und zeigt spätestens im 13. Jahrhundert einen etablierten Pilgerort. Die Katastrophe von 1469 und der Wiederaufbau von 1479 markieren den Neubeginn des heutigen Bildkultes. Votivtafeln, Bruderschaft, Pilgergraffiti, Pilgerhäuser und die friaulisch-slowenischen Prozessionen belegen die langfristige soziale Verankerung des Heiligtums.

Die Sage vom Wettflug zwischen Maria und dem Teufel, die Fußspur, das Teufelsloch und der Erzengel Michael gehören dagegen in den Bereich volkskundlicher Überlieferung. Ihre Bedeutung liegt nicht darin, historisch gesicherte Ereignisse zu berichten, sondern die Landschaft religiös zu deuten und den Pilgerweg erzählerisch zu strukturieren. Ebenso ist die Deutung des dunklen Inkarnats der Madonna offen zu halten. Wo die Quellen keine eindeutige Erklärung zulassen, sollte auch der Artikel keine scheinbare Gewissheit erzeugen.

Castelmonte ist damit weniger als einzelnes Bauwerk denn als über Jahrhunderte gewachsene Wallfahrtslandschaft zu verstehen. Kirche, Krypta, Madonna viva, Ex voto, Bruderschaft, Prozessionskreuze, Pilgergraffiti, Kapellen, Tore, Sagenorte, Kriegserinnerung und Erdbebenwallfahrt bilden ein zusammenhängendes kulturelles System. Gerade diese Verbindung von Bildkult, materieller Frömmigkeit, regionaler Identität und kollektiver Krisenerinnerung erklärt, warum der Ort seine Bedeutung weit über wechselnde politische Grenzen und gesellschaftliche Veränderungen hinweg bewahren konnte.

Quellen und Literatur

Santuario della Beata Vergine di Castelmonte: historische Dokumentationen zur Geschichte des Heiligtums, zur Madonna viva, zur Krypta, zu den Ex voto, zur Confraternita Universale Madonna di Castelmonte, zur Wallfahrtsüberlieferung und zur lokalen Sage.

Bollettino del Santuario di Castelmonte, verschiedene Jahrgänge: Beiträge zur Krönung von 1922, zum Kronendiebstahl von 1932, zur Erneuerung der Krone, zu den Wallfahrten aus den Natisone-Tälern, zu Ex voto, Kriegsereignissen und zur jüngeren Wallfahrtspraxis.

Arcidiocesi di Udine: Dokumentationen zur Krönung der Madonna, zum hundertjährigen Krönungsjubiläum, zur diözesanen Erdbebenwallfahrt und zur heutigen Bedeutung Castelmontes als regionalem Wallfahrtszentrum.

Historische Quellen und Visitationsberichte des Patriarchats von Aquileia und des Kapitels von Cividale zu Santa Maria del Monte, zu Pilgerzulauf, Ausstattung und Wallfahrtsinfrastruktur.

Quellen zur Fraterna di Santa Maria del Monte beziehungsweise Confraternita Universale Madonna di Castelmonte und zu deren Mitgliederregister im Kapitelarchiv von Cividale.

Dokumentationen zur friaulisch-slowenischen Prozessionskultur der Natisone-Täler und zu den geschmückten Prozessionskreuzen.

Kunsthistorische Dokumentationen zur Madonna viva, zur Votivarbeit Giovanni da Udines, zum silbernen Pestvotiv Gemonas von 1576 und zu den erhaltenen gemalten Ex voto.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher