Santuario della Beata Vergine del Castello
Fiorano Modenese, Wallfahrtsheiligtum der Madonna del Castello

Schnellüberblick
Wallfahrt:Marienwallfahrt zu einem Fresko der Madonna mit dem Jesuskind aus dem 15. Jahrhundert, das der Überlieferung nach am Tor der mittelalterlichen Burg angebracht war. Sein Erhalt bei den Zerstörungen von 1510 und 1558, die örtliche Schutzüberlieferung während der Pest von 1630 und die späteren Votivgaben begründeten einen regionalen Marienkult. Zentrale Wallfahrtszeit ist das Fest Mariä Geburt am 8. September mit Frühmessen, Pilgerprozessionen und der großen örtlichen Festfeier.
Status:Diözesanes Marienheiligtum und Basilica minor der Erzdiözese Modena-Nonantola; Erhebung zur Basilica minor durch Johannes Paul II. am 27. September 1989. Gebräuchliche zusätzliche Bezeichnung: Maria Santissima Mediatrice di tutte le Grazie.
Kultzentrum:Das spätmittelalterliche Fresko der Madonna mit dem Jesuskind über dem Hochaltar, später um die Darstellung eines betenden Soldaten ergänzt; die zugehörige Sammlung gemalter und gegenständlicher Ex-votos, die seitlichen Zugänge zum Gnadenbild sowie die jährlich erneuerten Marien- und Prozessionstraditionen.
Ort:Fiorano Modenese, Provinz Modena.
Region:Emilia-Romagna.
Land:Italien.
Lage und Besuch
• Lage: Santuario Basilica della Beata Vergine del Castello, Piazza Giovanni Paolo II, 41042 Fiorano Modenese (MO), Italien.
•Lage: auf dem Hügel der ehemaligen Burg oberhalb des historischen Ortskerns von Fiorano Modenese, im südlichen Bereich der Provinz Modena und in der Nähe von Sassuolo.
•Koordinaten: ungefähr 44.5376, 10.8124 (Heiligtum; Parkplätze und Zugänge können geringfügig abweichen).
•Öffnungszeiten: nach den allgemeinen Besucherangaben der Gemeinde täglich von 7.30 bis 20.00 Uhr; Eintritt frei. Der Zugang unmittelbar zum Gnadenbild und zur Ex-voto-Sammlung ist in der Regel vor oder nach den Gottesdiensten möglich, zu anderen Zeiten nach Vereinbarung.
•Kontakt für das Heiligtum und Führungen: Tel. +39 0536 830042. Der Platz vor der Basilika ist mit dem Fahrzeug erreichbar; bei größeren Festen können Zufahrtsbeschränkungen und eigene Shuttleangebote bestehen. Der Komplex verfügt über barrierearme Zugänge und Einrichtungen für Besucher.
•Wichtigster Wallfahrtstermin: 8. September, Mariä Geburt, mit Frühmesse ab 5 Uhr, weiteren Gottesdiensten, einer feierlichen Prozession und dem lokalen Patronatsfest. Weitere wichtige Andachtszeiten sind der Marienmonat Mai, der 15. August und der 8. Dezember.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
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Besonders willkommen sind Gesamtansichten des Burghügels und die Blickbeziehung zur Umgebung von Sassuolo, die Fassade, Kuppel und beiden Glockentürme, der Vorplatz mit der Statue Johannes Pauls II., der historische Ortskern und die Zugangswege, Innenraum, Hochaltar und Marmorrahmung von Tommaso Loraghi, Nahaufnahmen des Gnadenfreskos mit der später ergänzten Soldatenfigur, Kuppelmalerei, Seitenkapellen und Deckenbilder, die beiden Zugänge zum Gnadenbild, Inschriften und einzelne gemalte sowie gegenständliche Ex-votos, die mittelalterliche Steinkreuzskulptur und die Sakristeien, Wallfahrtsgruppen, Rosenkranz- und Gebetswege, Frühmessen und Prozessionen zum 8. September, die feierliche Verehrung der Madonna am Vorabend, Musik und festliche Veranstaltungen sowie Casa di Spiritualità und Salone del Pellegrino.

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Ausführliche Beschreibung

Ein Marienheiligtum auf den Resten der Burg von Fiorano

Das Santuario della Beata Vergine del Castello erhebt sich auf einem Hügel unmittelbar über Fiorano Modenese, an jenem Ort, an dem im Mittelalter die befestigte Siedlung mit ihrer Burg lag. Durch die weithin sichtbare Kuppel und die beiden Glockentürme besitzt die Kirche bis heute eine besondere Stellung im Ortsbild, die über ihre religiöse Funktion hinausreicht: Wer aus der Ebene oder aus Richtung Sassuolo kommt, erkennt das Heiligtum bereits von weitem als baulichen Bezugspunkt der Gemeinde. Diese Lage ist keine zufällige Wahl der Barockzeit, sondern geht auf das Gnadenbild selbst zurück, das der Überlieferung nach ursprünglich an einem Tor der mittelalterlichen Burg angebracht war und im Zusammenhang mit deren Zerstörung zu einem öffentlich verehrten Schutzbild wurde. Burggeschichte, religiöse Erinnerung und späteres Wallfahrtswesen sind in Fiorano deshalb von Beginn an miteinander verbunden.

Das Heiligtum besitzt eine ungewöhnlich vielschichtige Entstehungsgeschichte. Sein Kultzentrum ist ein anonymes Marienfresko des 15. Jahrhunderts, der erste eigentliche Andachtsraum wurde während der Pestzeit von 1630 geschaffen, der monumentale Neubau entstand auf Initiative des Herzogs Francesco I. d'Este ab 1634, und die heutige architektonische Erscheinung erhielt ihre entscheidenden Ergänzungen erst im 19. und 20. Jahrhundert. Gleichzeitig hat sich eine reiche Sammlung von Votivgaben erhalten, die das Gnadenbild mit den Lebensgeschichten seiner Verehrer verbindet. Die Wallfahrt ist damit nicht allein ein Fall für die Kunst- und Architekturgeschichte, sondern ebenso ein Gegenstand der Stadt-, Sozial- und Volkskunde, zumal die archivalische Überlieferung für die Entwicklung des Heiligtums außergewöhnlich umfangreich ist.

Das spätmittelalterliche Fresko am Burgtor

Im Zentrum der Verehrung steht die Madonna mit dem Jesuskind, ein auf Mauergrund geschaffenes Fresko des 15. Jahrhunderts, das nach der lokalen Überlieferung an der Innenseite des südlichen Burgtores angebracht war. Das Bild gehörte möglicherweise ursprünglich zu einer größeren Maestà-Darstellung, deren übrige Bestandteile im Lauf der Zeit verloren gingen; eine gesicherte Zuschreibung an einen bestimmten Maler ist nicht möglich. Sein Ort am Zugang der befestigten Siedlung war in religiöser Hinsicht keineswegs nebensächlich, denn Marien- und Heiligenbilder an Toren markierten den Übergang zwischen dem geschützten Inneren und der Außenwelt, begleiteten das Kommen und Gehen der Bewohner und konnten zugleich als Zeichen himmlischer Obhut über die Gemeinschaft verstanden werden. Schon vor der Entstehung der eigentlichen Wallfahrt war das Bild daher in einen alltäglichen Raum eingebunden, in dem Verteidigung, Verkehr und religiöse Wahrnehmung einander berührten.

Die Überlieferung wurde entscheidend durch die Katastrophen des 16. Jahrhunderts geprägt. Als die Burg 1510 im Zusammenhang mit den militärischen Auseinandersetzungen zwischen Papst Julius II. und dem Haus Este zerstört wurde, blieb nach der traditionellen Darstellung jener Teil der Umfassungsmauer erhalten, auf dem sich das Fresko befand. Noch stärker wirkte sich der Überfall spanischer Söldner in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar 1558 auf das religiöse Gedächtnis aus: Sie plünderten die Ansiedlung auf dem Burghügel und setzten die Häuser beziehungsweise die verbliebenen Burgbauten in Brand, während das Marienbild den Flammen entging. Die Erzählung, das Feuer habe sich vor der Madonna geteilt und einzelne Angreifer hätten sich angesichts dessen bekehrt, gehört zur hagiographischen Ausgestaltung der Erinnerung; unabhängig von dieser religiösen Deutung machten gerade die überstandenen Zerstörungen das Bild zu einem besonders wirksamen Schutzzeichen der Fioraner Bevölkerung.

Der kniende Soldat und die Veränderung eines Gnadenbildes

Eine kunsthistorisch wie volkskundlich bemerkenswerte Besonderheit ist der zu Füßen der Madonna dargestellte kniende Soldat mit zum Gebet erhobenen Händen. Diese Figur gehört nicht zum ursprünglichen spätmittelalterlichen Bildbestand, sondern wurde nachträglich als Erinnerung an das sogenannte Feuerwunder von 1558 hinzugefügt. Der Mann wird in der örtlichen Überlieferung als einer der spanischen Soldaten gedeutet, der nach der wundersamen Erhaltung des Freskos seine feindliche Haltung aufgegeben habe und betend vor der Madonna niedergekniet sei. Damit wurde die ursprünglich vor allem marianische Darstellung um eine erzählende Figur erweitert, die den historischen Anlass der besonderen Verehrung gleichsam im Bild selbst festhält.

Gerade diese Überformung zeigt, dass ein Gnadenbild im Lauf seiner Kultgeschichte nicht lediglich erhalten, sondern auch inhaltlich neu interpretiert werden kann. Das spätmittelalterliche Fresko wurde zum Träger einer späteren lokalen Erinnerung, die es gleichzeitig erklärt und verändert. Für seine kunsthistorische Beschreibung müssen deshalb die ursprüngliche Madonna mit dem Kind und die ergänzte Soldatenfigur deutlich unterschieden werden; religionsethnologisch bilden sie jedoch ein gemeinsames Kultobjekt, an dem die Gemeinde eine Erzählung über Zerstörung, Schutz und Umkehr sichtbar gemacht hat. Die heutige Verehrung richtet sich nicht auf einen vermeintlich unveränderten mittelalterlichen Gegenstand, sondern auf ein Bild, dessen materielle Geschichte selbst zum Zeugnis der Wallfahrt geworden ist.

Die Pest von 1630: Schutzgelübde und erste Wallfahrtskirche

Der entscheidende Übergang vom verehrten Torbild zu einem eigenständigen Marienheiligtum erfolgte während der schweren Pestepidemie von 1630, die weite Teile Oberitaliens erfasste und auch die Nachbarorte Sassuolo und Formigine traf. Die historische Überlieferung aus Fiorano berichtet, dass die Gemeinde von der Epidemie verschont blieb, und die Einwohner verstanden dieses Ausbleiben der Krankheit als Zeichen der Fürsprache ihrer Madonna del Castello. Die archivalische Tradition ist insofern wichtig, als sie die lokale Erinnerung an eine konkrete Krisenerfahrung bindet; eine rückblickende Feststellung über die übernatürliche Ursache des unterschiedlichen Seuchenverlaufs wäre damit freilich nicht verbunden. Historisch entscheidend ist vielmehr, dass die Bewohner ihre Erfahrung in ein öffentliches Dankgelübde übersetzten und noch im selben Jahr ein kleines Oratorium auf dem Gelände der ehemaligen Burg errichten ließen, in dem das Fresko erstmals einen dem Kult ausdrücklich vorbehaltenen Raum erhielt.

Zu den maßgeblichen Organisatoren gehörte der Geistliche Alessandro Panini, der das entstehende Heiligtum als Kaplan und Verwalter betreute und zugleich die wichtigsten Schriftstücke zusammentrug. Der Bischof von Modena, Alessandro Rangoni, unterstützte die Kultentwicklung; die örtliche Überlieferung nennt 1633 als Zeitpunkt einer römischen Anerkennung der berichteten Gnaden- und Wunderereignisse. Die beim Heiligtum aufbewahrten Unterlagen zum kirchlichen Untersuchungsverfahren sind deshalb eine wichtige Quellengattung, die allerdings von der historischen Bewertung einzelner behaupteter Wunder zu unterscheiden ist. In wenigen Jahren wandelte sich die Beziehung der Gemeinde zu ihrem Fresko grundlegend: Aus der Andacht an einem erhalten gebliebenen Mauerstück wurde ein geregelter Marienkult mit eigenem Andachtsraum, kirchlicher Verwaltung, Opfergaben und dem Wunsch nach einer dauerhaft repräsentativen Kirche.

Alessandro Panini und das historische Archiv des Heiligtums

Für eine wissenschaftsnahe Darstellung Fioranos ist die Überlieferung der Verwaltungs- und Rechnungsbücher mindestens ebenso bedeutsam wie die großen Wundererzählungen. Die Pfarrei beschreibt die historische Abteilung ihres Heiligtumsarchivs mit mehr als 5.600 Dokumenten in 31 Aktenbündeln, darunter notarielle Urkunden seit 1527, Kauf- und Tauschverträge, Schenkungen, Testamente, Messstiftungen und Aufzeichnungen über Einkünfte und Ausgaben. Alessandro Panini führte insbesondere ein als Libro della Madonna bezeichnetes Buch über Opfergaben, Almosen und Bauausgaben sowie ein weiteres Rechnungs- und Geschichtsbuch, das den Zeitraum von 1630 bis 1702 umfasst. Darin wurden neben wirtschaftlichen Vorgängen auch die Erzählung über die Madonna del Castello, die Grundsteinlegung und das kirchliche Untersuchungsverfahren dokumentiert. 1669 erhielt das Archiv mit dem Abschluss der neuen Kanonikerwohnung eine feste Unterbringung, womit die Dokumentation selbst einen dauerhaften Platz im Heiligtum bekam.

Die Bücher erlauben grundsätzlich Einblicke in jenen oft übersehenen Bereich, in dem Wallfahrt gesellschaftlich wirksam wird: Wer spendete Geld oder Sachen, welche Handwerker wurden bezahlt, wie wurden Bauaufträge vergeben, welche Familien errichteten Messstiftungen und welcher Anteil der Einnahmen wurde für Gottesdienste, Ausstattung und Instandhaltung eingesetzt? Nicht jede dieser Fragen ist durch die öffentlich zugängliche Bestandsbeschreibung bereits beantwortet; sie bezeichnet jedoch ein ungewöhnlich ergiebiges Forschungsfeld. 1743 entstand durch einen Erlass Benedikts XIV. ein Konsortium von neun Geistlichen mit kollegiatem Charakter, das das beträchtliche Vermögen und die zahlreichen religiösen Verpflichtungen des Heiligtums verwalten sollte. Ein Teil der Archivalien gelangte 1798 in das Staatsarchiv, während die übrigen Bestände 1817 mit dem Pfarrarchiv zusammengeführt wurden, ohne ihre eigenständige Herkunft aufzugeben. Bereits der Historiker Carlo Malmusi hob 1823 den Rang dieses Bestandes hervor, dessen Bedeutung für die Religiosität und Sozialgeschichte der Region bis heute besteht.

Die Grundsteinlegung von 1634 und die Bauherrschaft der Este

Die zunehmende Verehrung und die repräsentativen Ansprüche der Herzogsfamilie führten bald dazu, dass das kleine Oratorium durch einen monumentalen Neubau ersetzt werden sollte. Francesco I. d'Este, Herzog von Modena und Reggio, stellte das Gelände zur Verfügung und ließ den Kirchenbau nach einem Entwurf des aus Rom stammenden Hofarchitekten Bartolomeo Avanzini beginnen. Am 15. August 1634 wurde im Beisein des Herzogs und unter Mitwirkung des Bischofs Alessandro Rangoni feierlich der Grundstein gelegt. Avanzini war zugleich mit den großen herzoglichen Residenzprojekten in Modena und Sassuolo verbunden; der Wallfahrtsbau gehörte folglich in denselben Zusammenhang höfischer Baupolitik, in dem auch die Delizia Estense von Sassuolo entstand. Das Heiligtum sollte nicht lediglich genügend Raum für die Pilger bieten, sondern durch seinen erhöhten Standort, seine Kuppel und seine klare Grundform das religiöse Gegenüber zur benachbarten herzoglichen Residenz bilden.

Der von Avanzini entworfene Kirchenbau besitzt eine Grundform des griechischen Kreuzes, deren Hauptarm geringfügig verlängert ist. Über der Vierung erhebt sich auf Pendentifs ein hoher Tambour mit großer, von einer Laterne bekrönter Kuppel; die Kreuzarme sind mit Tonnengewölben gedeckt, zwei Sakristeien liegen seitlich des Presbyteriums, und die symmetrische Außenanlage wird durch Glockentürme gegliedert. Der Zusammenhang zwischen der weithin sichtbaren Kuppel und dem Standort auf dem Burghügel war ebenso wesentlich wie die Bewegung zum Hochaltar, an dem das Fresko den Blick der Besucher auf sich ziehen sollte. Das Raumprogramm verbindet damit die Vorstellungen des römisch geprägten Barocks, die repräsentativen Bedürfnisse des estensischen Hofes und die konkrete Funktion einer Kirche, die um ein bereits vorhandenes Gnadenbild gebaut wurde.

Vom Oratorium zum Hochaltar: Bauetappen bis 1659

Die Fertigstellung des Heiligtums zog sich über Jahrzehnte hin, auch wenn die wichtigsten Bauteile bereits in den ersten Jahren des Neubaus entstanden. Bis 1646 war der Hauptbau gedeckt; zunächst erhielt er eine provisorische hölzerne Kuppel, während die steinerne und marmorne Ausstattung schrittweise ergänzt wurde. Im April 1647 übernahm der Bildhauer und Steinmetz Tommaso Loraghi die Arbeiten am Hochaltar, der 1649 mit seiner kostbaren mehrfarbigen Marmorgestaltung und der Einfassung des Gnadenbildes vollendet wurde. In den 1650er-Jahren folgten unter anderem die Ausführung eines Glockenturmes, die Verfeinerung der Marienkapelle und weitere Boden- und Ausstattungsarbeiten. Der spätere Kuppelmaler Sigismondo Caula war auch an Vergoldungs- und Dekorationsarbeiten im Bereich des Gnadenbildes beteiligt, während die liturgische Benutzung schon lange vor dem Abschluss sämtlicher Bauarbeiten möglich wurde.

Am 12. Oktober 1659 erfolgte die feierliche Übertragung des Freskos aus dem älteren Oratorium in den neuen Kirchenbau. Francesco I. war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben; an der Zeremonie nahmen sein Sohn und Nachfolger Alfonso IV. d'Este, dessen Gemahlin Laura Martinozzi, Vertreter des Klerus und zahlreiche Einwohner teil. Die Translation war mehr als der praktische Umzug eines Kunstwerkes, denn sie vollzog öffentlich den Wechsel des religiösen Zentrums von einer kleinen Dankkapelle in einen monumentalen Kultbau. Das alte Oratorium verlor seine bisherige Funktion; sein Abbruch und die Wiederverwendung von Baumaterial erfolgten im Zusammenhang mit der weiteren Errichtung der geistlichen Wohngebäude. Der historische Mauerabschnitt mit der Madonna blieb dagegen als materieller Kern des neuen Heiligtums bewahrt.

Der Brand von 1670 und die neue Kuppel

Am Heiligtum wiederholte sich 1670 jene Erfahrung, die bereits zur Entstehung der besonderen Marienverehrung beigetragen hatte. Ein Brand vernichtete große Teile der Innenausstattung und die provisorische hölzerne Kuppel, während das Fresko erneut unbeschädigt blieb. Die Gemeinde nahm dies als weitere Bestätigung der schützenden Gegenwart der Madonna wahr, und die lokale Erinnerung verband den neuen Vorfall unmittelbar mit den Ereignissen von 1558. Die religiöse Deutung gehört zur Geschichte des Kultes, während sich die materiellen Schäden und die anschließenden Wiederaufbauarbeiten als Bauereignisse beschreiben lassen. Für den Wallfahrtsort hatte der Brand jedenfalls weitreichende Folgen, weil er erneute Stiftungen und Anstrengungen erforderte und die Vollendung des monumentalen Kuppelraumes zu einer vordringlichen Aufgabe machte.

Die Kirche wurde wieder für den Gottesdienst hergerichtet und in den folgenden Jahren künstlerisch neu ausgestattet. Um 1680/1681 entstand die dauerhafte Kuppel mit ihrem großen Malereiprogramm von Sigismondo Caula, zu dessen wesentlichen Motiven die Verherrlichung beziehungsweise Darbringung der jungen Maria an Gottvater und die sie begleitende himmlische Welt gehörten. Durch die vier alttestamentlichen Patriarchen Abraham, Isaak, Jakob und David in den Pendentifs wurde Maria zugleich in den heilsgeschichtlichen Zusammenhang des Alten Testaments gestellt. Diese Bildidee besitzt eine theologische Ebene, erschließt sich aber auch unmittelbar aus dem Fest Mariä Geburt am 8. September, dessen Liturgie bis heute den Jahresrhythmus der Wallfahrt bestimmt.

Tommaso Costa, Olivier Dauphin und die barocke Bildwelt

Die Ausstattung des 17. Jahrhunderts entstand unter Beteiligung mehrerer mit der estensischen Hofkunst verbundener Künstler. Tommaso Costa schuf 1674 Darstellungen an den Wänden der seitlichen Kapellen, darunter die Verkündigung, die Heimsuchung, die Flucht nach Ägypten und die apokalyptische Vision der von Sternen gekrönten Frau. Auf diese Weise verband sich der örtliche Kult um das Gnadenfresko mit einem umfassenden marianischen Bildprogramm, das biblische Ereignisse und theologische Sinnbilder in den Raum eintrug. Ein polychromes Kruzifix aus dem Bologneser Umfeld und das Gemälde Olivier Dauphins mit den Heiligen Nikolaus von Bari und Nikolaus von Tolentino ergänzten das Programm; gerade das Nebeneinander marianischer und christologischer Bilder zeigt, dass der Wallfahrtsraum nicht allein auf die Schutzlegenden Fioranos ausgerichtet war.

Die originale Kuppelmalerei Caulas blieb freilich nicht unverändert erhalten. Wiederholte Wasserschäden und mangelnde Erhaltungsbedingungen führten dazu, dass Adeodato Malatesta den stark beeinträchtigten Kuppelbereich 1866 neu ausmalte beziehungsweise umfassend überarbeitete; als wesentliche ältere Bestandteile gelten die vier Patriarchen und die architektonischen Dekorationen des Tambours. 1907 ergänzten Alberto Artioli und Giuseppe Mazzoni die Tonnengewölbe der vier Kreuzarme um ein weiteres, klassizistisch geprägtes Programm mit der Verherrlichung Marias, ihrer Vermählung und Darstellung im Tempel, der Verkündigung, der Kreuzabnahme und der Herabkunft des Heiligen Geistes. Eine kunsthistorisch genaue Beschreibung muss daher mehrere unterschiedliche Epochen nebeneinander bestehen lassen, statt die gesamte heute sichtbare Ausstattung als einheitliches Werk der Bauzeit zu behandeln.

Die Fassade des 19. Jahrhunderts und die Vollendung des Stadtbildes

Obwohl der Kirchenraum schon seit dem 17. Jahrhundert als Wallfahrtsheiligtum genutzt wurde, blieben Teile des Äußeren lange unvollendet. Insbesondere die repräsentative Fassade und die Turmanlage erhielten ihre heutige Gestalt erst im ausgehenden 19. Jahrhundert. Einen entscheidenden Anteil an der Finanzierung hatte der Kanoniker Giovanni Messori; der Architekt Vincenzo Maestri überarbeitete den älteren Entwurf und leitete die Bauarbeiten, durch welche die Schauseite 1889 vollendet wurde. Die Fassadenverkleidung aus Ziegeln und hellem Stein beziehungsweise Marmor und die symmetrische Gliederung griffen die barocke Grundidee Avanzinis auf, stammen in ihrer konkreten Ausführung jedoch überwiegend aus einer sehr viel späteren Bauphase.

Die bis heute prägende Ansicht mit Kuppel, Doppeltürmen und monumentaler Eingangspartie ist somit Ergebnis eines langen Vollendungsprozesses. Im frühen 20. Jahrhundert kamen neue Marmorböden und weitere Veränderungen der Innenausstattung hinzu, während nach dem Zweiten Weltkrieg auch die seitlichen Altäre mit kostbaren Marmorfassungen versehen wurden. Für die Wahrnehmung des Heiligtums ist diese Schichtung entscheidend: Der Besucher sieht eine historisch gewachsene Kirche, in der ein spätmittelalterliches Fresko, barocke Raumvorstellungen, Malerei des 19. Jahrhunderts und Ausstattungen der jüngeren Zeit nicht als zufällige Ansammlung, sondern als Zeugnisse einer über Jahrhunderte fortgesetzten Kultpflege zusammenwirken.

Ex-votos und der Weg unmittelbar zum Gnadenbild

Zu den volkskundlich wertvollsten Beständen Fioranos gehört die Sammlung der Votivgaben, die der Madonna im Lauf der Jahrhunderte als Dank für erbetene oder erfahrene Hilfe dargebracht wurden. Die beiden seitlichen Zugänge zum Gnadenbild, die Sakristeien und weitere Ausstellungsbereiche bewahren bemalte Tafeln, silberne Herzen und unterschiedliche Devotionalien, die private Erfahrungen in den öffentlichen Raum der Kirche überführten. Eine gemalte Votivtafel ist dabei nicht lediglich die Illustration eines angeblichen Wunders, sondern eine verdichtete Beziehung zwischen einer gefährdeten Person, einer Bitte und einem als hilfreich verstandenen Ausgang. Gerade die kleinen Bilder und häufig unscheinbaren Gegenstände erschließen Lebensbereiche, die in der offiziellen Politik- und Kunstgeschichte kaum sichtbar werden: Krankheit, Unfall, Reisegefahren, berufliche Risiken, familiäre Sorge und die Erfahrung, in einer konkreten Notsituation nicht allein gewesen zu sein.

Die heutige Besucherführung ist selbst das Ergebnis eines Eingriffs in die Architektur. 1931 wurde der Mauerabschnitt mit dem Fresko zurückversetzt, um einen gesonderten Durchgang zu schaffen, durch den Pilger möglichst nahe am Gnadenbild vorbeigehen konnten. Seither ist die körperliche Annäherung an die Madonna deutlicher als eigener Teil der Andacht organisiert. Der Weg führt dabei zugleich an den materiellen Zeugnissen früherer Gläubiger vorbei, sodass sich persönliche Bitte und kollektive Erinnerung räumlich miteinander verbinden. Die staatlich erfasste Ex-voto-Sammlung mit Votivtafeln, silbernen Herzen und kleinen Andachtsgegenständen aus dem 18. und 19. Jahrhundert dokumentiert deshalb nicht nur die Vergangenheit des Kultes, sondern auch die Geschichte des Umgangs mit religiösen Objekten. Ein Teil der Bestände ist in den beiden Sakristeien zugänglich; die nahe Betrachtung des Freskos und der Sammlung wird aus konservatorischen und organisatorischen Gründen heute zeitlich geregelt.

Adeodato Malatesta: vom jungen Votivmaler zum Kuppelkünstler

Ein besonders aufschlussreiches Einzelstück der Sammlung ist eine Votivtafel aus dem Jahr 1825, die der junge Adeodato Malatesta geschaffen haben soll und im staatlichen Catalogo Generale dei Beni Culturali ausdrücklich ihm zugeschrieben wird. Das auf Holz in Öl gemalte Bild stellt einen Priester dar, der von seinem Pferd abgeworfen wird und in einen Wassergraben stürzt; über der ländlichen Unfalllandschaft erscheint die Madonna mit dem Jesuskind. Der staatliche Katalog hebt hervor, dass Malatesta die Szene bewusst im anschaulichen Ton der populären Votivmalerei gestaltete, zugleich aber bereits eine ausgeprägte künstlerische Qualität erkennen ließ. Der Vorfall selbst wird nicht durch das Bild als unabhängig gesichertes historisches Ereignis bewiesen, wohl aber die Art seiner religiösen Deutung und visuellen Erinnerung dokumentiert.

Vier Jahrzehnte später begegnet derselbe Künstler an ganz anderer Stelle des Heiligtums wieder, denn 1866 übernahm Malatesta die Neuausmalung der beschädigten Kuppel. Zwischen der kleinen Votivtafel und der monumentalen Deckenmalerei liegt damit ein kunstgeschichtlicher Bogen, an dem sich die häufig künstlich gezogene Trennlinie zwischen volkstümlicher Religionsmalerei und akademischer Kunst relativiert. Malatesta konnte in Fiorano einer individuellen Dankerzählung eine bescheidene Bildform geben und später einen zentralen Teil der repräsentativen Kirchenausstattung erneuern. Die Votivtafel wurde 1970 im Zusammenhang mit der Modeneser Ausstellung der Votivmalerei wissenschaftlich erfasst, und gerade diese frühe museale Aufmerksamkeit bestätigt ihren Wert als Kunstwerk und volkskundliches Dokument zugleich.

Die Steinkreuzskulptur, die Sakristeien und die Erinnerung an die Burg

Der Kultkomplex bewahrt neben dem Gnadenbild weitere Gegenstände, die den historischen Zusammenhang des Ortes sichtbar machen. Dazu gehört ein mittelalterliches Steinkreuz, das ursprünglich vor der ersten Pfarrkirche innerhalb der Burg stand und heute im Bereich der Sakristeien verwahrt wird. Anders als die großen barocken Ausstattungsstücke verweist dieses Objekt unmittelbar auf die Zeit der befestigten Siedlung und auf die religiöse Nutzung des Burghügels vor dem Neubau des Marienheiligtums. Gerade solche versetzten Gegenstände besitzen für die Ortsgeschichte einen besonderen Quellenwert, weil sie materielle Kontinuitäten erkennbar machen, die weder aus der heutigen Architektur noch aus der späteren Schutzlegende allein erschlossen werden könnten.

Die beiden Sakristeien dienen zugleich der Aufbewahrung von Votivgaben und weiteren kirchlichen Kunstwerken, während die Pfarrpinakothek auf Anfrage Gemälde des 18. und 19. Jahrhunderts zugänglich macht. Die verschiedenen Bestände zeigen, dass sich um das Gnadenbild eine umfassende kirchliche Erinnerungslandschaft gebildet hat, deren wissenschaftliche Erschließung neben der Kunstgeschichte auch Archivkunde, Denkmalpflege und Volkskunde betrifft. Gerade für eine künftige Fotodokumentation wäre es deshalb wichtig, nicht nur Hochaltar und Kuppel zu erfassen, sondern ebenso kleine Inschriften, Votivtafeln, ältere Kultgegenstände und ihre heutige Aufstellung, soweit dies mit den Besuchs- und Fotografierregeln des Heiligtums vereinbar ist.

Napoleonische Zeit, Cholera und neuer Aufschwung

Wie zahlreiche italienische Heiligtümer erlebte auch Fiorano während der französisch-napoleonischen Umbrüche eine Unterbrechung seiner bisherigen kirchlichen Ordnung. Von 1798 bis 1807 blieb die Kirche nach der örtlichen Geschichtsschreibung für den regulären Kult geschlossen beziehungsweise war ihre religiöse Nutzung stark eingeschränkt; zeitweilig diente sie als Friedhof. Dass der Bau erhalten und später wieder für Gottesdienste geöffnet wurde, zeigt die Beständigkeit des Kultortes über politische Systemwechsel hinweg, auch wenn sich seine rechtlichen und wirtschaftlichen Grundlagen veränderten. Im 19. Jahrhundert gewann die Schutztradition durch eine weitere Krisenerzählung neue Aktualität: Als 1855 in Norditalien die Cholera grassierte, blieb Fiorano nach der örtlichen Überlieferung von schweren Auswirkungen verschont, und die Bevölkerung deutete dies erneut als Hilfe ihrer Madonna del Castello.

Die Epidemieüberlieferung steht in einer erkennbaren Kontinuität zur Pestzeit von 1630, doch sollte eine historische Darstellung das örtlich erinnerte Ergebnis und seine religiöse Deutung sorgfältig unterscheiden. Für die Geschichte des Heiligtums ist der Vorgang deshalb wichtig, weil er neue Stiftungen und bauliche Anstrengungen begünstigte; die anschließende Erneuerung der Kuppelmalerei und die späte Vollendung der Fassade gehören in diese Phase verstärkter Kultpflege. Auch die archivalisch belegten Messstiftungen und religiösen Verpflichtungen verdeutlichen, dass die Madonna nicht nur anlässlich spektakulärer Ereignisse angerufen wurde, sondern über Generationen hinweg zum festen Bestandteil des familiären und gemeindlichen Gedächtnisses gehörte.

Das 20. Jahrhundert: Pilgerzugang, Gastlichkeit und Basilica minor

Im 20. Jahrhundert veränderte sich der Wallfahrtsort erneut, diesmal insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Besucherführung und Versorgung. Die bereits erwähnte Verlegung des Gnadenbildes beziehungsweise seines Mauerträgers im Jahr 1931 ermöglichte einen eigenen Durchgang für die Gläubigen; zugleich wurden der Vorplatz neu gefasst und die Zugangsbereiche ausgebaut. 1934 entstanden die Casa degli Esercizi und der Salone del Pellegrino als Einrichtungen für geistliche Einkehr, Versammlungen und die Aufnahme größerer Besuchergruppen. In denselben Jahren wurde die Madonna des Burgheiligtums unter Papst Pius XI. zusätzlich mit dem theologischen Titel Maria Santissima Mediatrice di tutte le Grazie verbunden, während der überlieferte Name Madonna del Castello im örtlichen Gebrauch weiterhin maßgeblich blieb.

Am 27. September 1989 erhob Johannes Paul II. das Heiligtum zur Basilica minor. Diese kirchenrechtliche Auszeichnung bestätigte die schon über Jahrhunderte bestehende regionale Bedeutung, schuf aber nicht erst den Wallfahrtscharakter des Ortes. Später wurde der Platz vor der Kirche dem Papst gewidmet und eine Bronzestatue zu seiner Erinnerung aufgestellt, die 2011 anlässlich seiner Seligsprechung gesegnet wurde. Die heutige Infrastruktur umfasst außerdem die Casa di Spiritualità Beata Vergine mit rund vierzig Übernachtungsplätzen, Kapelle und Gemeinschaftsräumen sowie den Salone del Pellegrino für größere Zusammenkünfte. Damit setzt sich in moderner Form jene praktische Ergänzung der Wallfahrt fort, die seit jeher neben dem eigentlichen Kultzentrum nötig war: Menschen benötigen Räume für Ankunft, Rast, gemeinsame Andacht, Austausch und gegebenenfalls einen längeren Aufenthalt.

Der 8. September: Wallfahrt der Stadt und des Umlandes

Den Höhepunkt des jährlichen Kultkalenders bildet der 8. September, das Fest Mariä Geburt, an dem die ganze Gemeinde Fiorano und zahlreiche Pilger aus dem Modeneser und Reggianer Umland zum Heiligtum kommen. Die Festtradition wird bis in die Frühzeit des großen Marienkultes zurückgeführt und besitzt eine auffällige zeitliche Dichte: Bereits gegen fünf Uhr morgens beginnt die erste Messe, weitere Gottesdienste folgen in kurzen Abständen, und am Nachmittag stehen die feierliche Liturgie und eine Prozession durch den Ort im Mittelpunkt. Dieser frühe Beginn ist volkskundlich bedeutsam, weil er nicht nur organisatorischen Bedürfnissen entspricht, sondern die besondere Bereitschaft erkennen lässt, den Festtag mit einer bewussten Anstrengung zu eröffnen und die Wallfahrt vor den üblichen Verpflichtungen des Alltags anzutreten.

Die Festvorbereitung beginnt schon in den Tagen vor Mariä Geburt. Einzelne Straßen, Ortsteile, Pfarreien und Vereinigungen kommen zu eigenen Prozessionen und Abendgottesdiensten zum Heiligtum; historisch und in jüngeren Festprogrammen sind etwa Pilgergruppen aus Spezzano, Sassuolo und verschiedenen Teilen Fioranos dokumentiert. Am Vorabend werden die Madonna und das Jesuskind feierlich verehrt und gekrönt. Die einzelnen Prozessionsgruppen machen damit die innere Gliederung der Gemeinde sichtbar, bevor sie sich am Hauptfest zur gemeinsamen Feier vereinigt. Im Unterschied zu jenen Heiligtümern, deren Kultbild regelmäßig in die Stadt herabgetragen wird, bleibt die Madonna von Fiorano gewöhnlich in ihrem erhöhten Kultzentrum; die Gemeinde erneuert ihre Beziehung zu ihr durch die Bewegung vom Wohnort zum Burghügel.

Markt, Musik, Feuerwerk und die sichtbare Festgemeinschaft

Zum 8. September gehören traditionell auch die weltlichen und gemeinschaftlichen Seiten eines großen Patronatsfestes. Wohltätigkeitsaktionen, Andenkenstände, Gastronomie, Musik und Begegnungen im Ortszentrum begleiten die Gottesdienste und Prozessionen, ohne dass diese Funktionen als Gegensatz zum religiösen Anlass verstanden werden müssen. Die Versorgung größerer Pilgergruppen erforderte schon immer wirtschaftliche und organisatorische Leistungen; heute übernehmen unter anderem der Salone del Pellegrino und weitere örtliche Einrichtungen einen Teil dieser Aufgabe. Den nächtlichen Abschluss bildet ein Feuerwerk über dem Heiligtumshügel, bei dem Kuppel und Türme als weithin sichtbare Silhouette in die festliche Inszenierung einbezogen werden und der Sakralraum noch einmal zum räumlichen Mittelpunkt der ganzen Gemeinde wird.

Die örtliche Festorganisation berücksichtigt zugleich die veränderten Bedingungen moderner Mobilität. Bei großem Andrang wird die Zufahrt eingeschränkt; ein Shuttleverkehr ermöglicht auch Menschen, die den Aufstieg nicht zu Fuß bewältigen können, die Teilnahme. Gerade darin zeigt sich eine Kontinuität der Wallfahrt unter gewandelten Umständen: Nicht jeder Besucher muss dieselbe körperliche Leistung erbringen, doch die gemeinschaftliche Bewegung zum Heiligtum bleibt erhalten. Auch der Marienmonat Mai, Mariä Himmelfahrt am 15. August und das Fest der Unbefleckten Empfängnis am 8. Dezember gehören zum erweiterten Andachtsjahr, während der Septembertermin durch seine Verbindung mit dem städtischen Patronat eine besondere Stellung behält.

Wallfahrtswege und die veränderte Landschaft des heutigen Fiorano

Die räumliche Wirkung des Heiligtums ergibt sich heute aus seinem Verhältnis zu einer stark veränderten Umgebung. Fiorano gehört inzwischen zur Wirtschafts- und Industrielandschaft des Raumes Sassuolo, in der moderne Siedlungen und Verkehrsverbindungen an die Stelle der früheren kleinteiligen Burgherrschaft und agrarischen Umgebung getreten sind. Der erhöhte Sakralbau hat seine Funktion als Orientierungspunkt dennoch bewahrt; er ist aus der Ebene sichtbar und bildet weiterhin den Zielpunkt von Fußwegen, Prozessionen und individuellen Besuchen. Der am Heiligtum angelegte Rosenkranzweg und der Cammino delle Beatitudini, der im Zusammenhang mit dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit gestaltet wurde, geben dem Aufstieg beziehungsweise der Annäherung eigene religiöse Stationen.

Hinzu kommt die Einbindung in größere gegenwärtige Wegsysteme, unter anderem in den Cammino di Santa Giulia, der Livorno mit dem Raum Brescia verbindet und Fiorano als Station berührt. Die moderne Wallfahrt ist deshalb nicht mehr allein auf das jährliche Patronatsfest ausgerichtet, sondern umfasst auch Wanderpilger, Gruppen für geistliche Einkehr, Familien und Besucher, die den Ort mit mehreren religiösen oder kulturhistorischen Stationen verbinden. Dass der Kirchenbau in einer solchen Landschaft nicht zu einem bloßen Denkmal geworden ist, zeigen die regelmäßigen Gottesdienste und die fortdauernde Pflege des Gnadenbildes, der Votivsammlung und der öffentlich begehbaren Andachtswege.

Volkskundliche Bedeutung: Zerstörung, Schutz und persönliche Dankbarkeit

Die besondere Bedeutung Fioranos liegt in der über mehrere Jahrhunderte wiederkehrenden Verbindung von Zerstörungserfahrung und Schutzgedächtnis. Der Untergang der Burg, der Brand von 1558, die Pestzeit von 1630 und der Kirchenbrand von 1670 wurden in der örtlichen Erinnerung nicht als voneinander getrennte Ereignisse behandelt, sondern durch die wiederholte Erhaltung des Marienbildes in Beziehung zueinander gesetzt. Spätere Krisen, insbesondere die Cholera von 1855, konnten an dieses Deutungsmuster anschließen. Historisch gesichert sind dabei nicht alle Einzelheiten der religiösen Erzählungen; gerade ihre Kontinuität zeigt jedoch, welche Rolle das Fresko als materieller Bezugspunkt der Gemeindegeschichte über politische und soziale Veränderungen hinweg spielte. Die nachträglich ergänzte Soldatenfigur macht diese Erinnerung bereits am Gnadenbild selbst sichtbar, während der große Kirchenbau den ehemaligen Schutzort der Burg in einen dauerhaften Sakralraum verwandelte.

Die individuellen Votivgaben wiederholen dieselbe Beziehung auf einer anderen Ebene. Was die Gemeinde als Schutz vor Krieg, Brand und Seuche erinnert, drücken einzelne Menschen in Bildern von Unfall, Krankheit und persönlicher Not aus, sodass die Votivsammlung gleichsam eine zweite, von unten geschriebene Geschichte Fioranos bildet. Die Verbindung dieser materiellen Zeugnisse mit den außergewöhnlich umfangreichen Rechnungs-, Schenkungs- und Messstiftungsbüchern eröffnet ein Forschungsfeld, in dem sich religiöse Vorstellungen, künstlerische Produktion, familiäre Lebensgeschichten und wirtschaftliche Beziehungen zugleich untersuchen lassen. Fiorano ist somit weder lediglich ein barocker Bau der Este noch bloß eine lokale Schutzlegende, sondern ein historisch gewachsener Wallfahrtsort, an dem der soziale Gebrauch eines Bildes bis in die Gegenwart dokumentierbar geblieben ist.

Quellen und Literatur

Bucciardi, Guido: Fiorano nelle vicende storiche del castello e del santuario dalle origini al 1859. Modena: Tipografia Pontificia ed Arcivescovale dell'Immacolata Concezione, 1934. Ältere umfangreiche Orts- und Heiligtumsgeschichte; in dieser Darstellung als bibliographisch nachgewiesenes grundlegendes Werk berücksichtigt, ohne den nicht frei zugänglichen Volltext als unmittelbar eingesehen auszugeben.

Dotti Messori, Gianna, und weitere Mitarbeiter: Il Santuario della Beata Vergine del Castello di Fiorano. Fiorano Modenese: Comune di Fiorano Modenese, 1989. 212 Seiten, Abbildungen. Monographie zur Bau-, Kunst- und Kultgeschichte; bibliographisch nachgewiesen.

Teodoro, Carlo Federico (Katalog); Vecchi, Alberto (Beiträge): P.G.R. Mostra delle pitture votive dei santuari e delle chiese della provincia di Modena. Modena: Comune di Modena, 1970. 40 Seiten und 16 Tafeln. Katalog der Ausstellung in der Galleria della Sala di Cultura vom 17. Januar bis 17. Februar 1970; wichtig zur Erfassung und kunst- und volkskundlichen Einordnung der Votivbilder aus der Provinz Modena.

Brascaglia, Clemente: Memorie dello scoprimento della Madonna Santissima di Fiorano e del Tempio innalzato ad onore della Madonna. Handschrift, 1812, Archivio del Santuario, Fila P/1, Fascicolo 1. Das überlieferte Gebet wurde in der Pfarrzeitschrift Vita Parrocchiale erneut abgedruckt.

Panini, Alessandro: Libro della Madonna, dove sono descritte tutte le offerte ovvero elemosine, et la spesa che si farà per detta Madonna del Castello di Fiorano; ferner Libro dei conti e storia dell'anno 1630 al 1702. Handschriftliche historische Rechnungs- und Kultquellen des Heiligtums. Angaben nach der veröffentlichten Bestandsbeschreibung des Pfarrarchivs; die Originalbände wurden für diese Darstellung nicht unmittelbar eingesehen.

Vita Parrocchiale. Parrocchia di San Giovanni Battista, Fiorano Modenese. Jg. 54, Nr. 2, September 2024. Digitalisierte zweitseitige PDF-Ausgabe mit archivalischem Gebet von 1812, einer ausführlichen historischen und kunstgeschichtlichen Darstellung des Heiligtums sowie dem Programm des Septemberfestes. Für Bauchronologie, Ausstattung und Kultpraxis unmittelbar herangezogen.

Parrocchia di San Giovanni Battista, Fiorano Modenese: Archivio del Santuario. Veröffentlichte Bestandsbeschreibung mit Angaben zu den 31 historischen Aktenbündeln, den Rechnungsbüchern Alessandro Paninis, der Geistlichenkorporation von 1743 und der Archivgeschichte bis 1817.

Ministero della Cultura, Catalogo Generale dei Beni Culturali: Incidente a cavallo, Ex-voto von 1825, Adeodato Malatesta zugeschrieben, nationale Katalognummer 0800190724. Staatliche Objektinventarisierung mit Bildbeschreibung, Materialangaben und kunsthistorischer Würdigung.

Ministero della Cultura: Mostra permanente degli ex voto, Fiorano Modenese. Offizielle Bestandsbeschreibung der gemalten Votivtafeln, silbernen Herzen und weiteren Andachtsgegenstände, überwiegend des 18. und 19. Jahrhunderts.

Comune di Fiorano Modenese und Fiorano Turismo: Bau- und Kultgeschichte des Santuario della Beata Vergine del Castello; Beschreibungen der Ex-voto-Sammlung und der mittelalterlichen Steinkreuzskulptur; Besucherinformationen, Pilgerwege und Dokumentationen zum örtlichen Patronatsfest am 8. September. Als institutionelle Ergänzungsquellen verwendet.

Erzdiözese Modena-Nonantola und Parrocchia di San Giovanni Battista: kirchliche Mitteilungen zur Geschichte des Heiligtums, zum Patronatsfest, zur Erhebung zur Basilica minor, zu heutigen Gottesdiensten, Prozessionen und seelsorglichen Angeboten.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher