| Wallfahrt: | Seit dem Mittelalter belegte und bis heute lebendige regionale Marienwallfahrt. Das Gnadenbild wird alljährlich am ersten Sonntag im Mai von Viggiano auf den Sacro Monte getragen und am ersten Sonntag im September wieder in den Ort zurückgebracht. Historische Pilgerwege verbinden zahlreiche Gemeinden der Basilikata und angrenzender Regionen mit dem Heiligtum. |
| Status: | Santuario Regionale della Basilicata. Die städtische Wallfahrtskirche ist Basilica Pontificia Minore; die Madonna del Sacro Monte wird als Patronin und Königin der lucanischen Bevölkerung verehrt. |
| Kultzentrum: | Eine thronende hölzerne Madonna mit Kind vom Typus der Sedes Sapientiae, wahrscheinlich aus einer süditalienischen Werkstatt des späten 13. Jahrhunderts. Die heute dunkel erscheinenden Gesichter sind Ergebnis späterer Farbfassungen; archäometrische Untersuchungen ergaben für die älteste nachweisbare Inkarnatfassung einen rosafarbenen Ton. |
| Ort: | Viggiano und Sacro Monte, Provinz Potenza. |
| Region: | Basilikata. |
| Land: | Italien. |
| • | Basilica Pontificia di Santa Maria del Monte, Via Roma, 85059 Viggiano PZ, Italien; Bergheiligtum Santuario di Santa Maria del Monte auf dem Sacro Monte di Viggiano in 1725 Metern Höhe. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Die wichtigsten Wallfahrtstermine sind der erste Sonntag im Mai mit dem Aufstieg des Gnadenbildes zum Sacro Monte und der erste Sonntag im September mit der Rückkehr nach Viggiano. Das Bergheiligtum liegt hoch im Apennin; Wetter, Höhenlage und der lange Fußweg sind bei einem Besuch zu berücksichtigen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.
Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen der Basilica Pontificia in Viggiano und des Bergheiligtums auf dem Sacro Monte, das Gnadenbild der Madonna Nera frontal und in Details, die vergoldete Prozessionsurne, ältere Votivgaben, die Stelle hinter dem Hochaltar, die mit der Auffindungslegende verbunden wird, der Mai-Aufstieg und die September-Rückkehr, portatori und catene, cinti und Standarten, barfüßige Pilger, Zampogna- und Organettospieler, historische Pilgerwege, das Monumento alla Madonna ed ai suoi portatori sowie Zeugnisse des Viggiano-Kultes in Auswanderergemeinden.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Die Wallfahrt von Viggiano besitzt eine besondere räumliche Struktur. Das verehrte Marienbild gehört nicht dauerhaft zu einer einzigen Kirche, sondern wechselt im Jahreslauf zwischen der Basilica Pontificia im Ort Viggiano und dem hoch gelegenen Santuario di Santa Maria del Monte auf dem Sacro Monte. Beide Kirchen bilden gemeinsam das Kultzentrum der Madonna del Sacro Monte.
Von Herbst bis Frühjahr befindet sich das Gnadenbild in Viggiano. Am ersten Sonntag im Mai wird es in einer langen Prozession auf den 1725 Meter hohen Berg getragen. Dort bleibt es während der Sommermonate. Am ersten Sonntag im September beginnt der Weg in umgekehrter Richtung: Die Madonna verlässt das Bergheiligtum und kehrt unter großer Beteiligung der Pilger in den Ort zurück. Der Weg zwischen beiden Kirchen ist damit selbst ein wesentlicher Bestandteil des Heiligtums.
Der Sacro Monte erhebt sich über der weiten Landschaft der Val d'Agri. Seine Höhe und die lange Wegstrecke verleihen der Wallfahrt einen ausgeprägten körperlichen Charakter. Der Besuch des Heiligtums bedeutete besonders vor dem Ausbau moderner Zufahrten einen anstrengenden Aufstieg, der von zahlreichen Pilgern zu Fuß zurückgelegt wurde und teilweise weiterhin zu Fuß bewältigt wird.
Die Bezeichnung "Sacro Monte" ist dabei nicht nur ein geographischer Name. Der Berg wird durch das Heiligtum, den Prozessionsweg, die überlieferten Gebetsformen und die wiederkehrenden Pilgerzüge zu einer religiös geprägten Landschaft. Gipfel, Wald, Wege, Rastplätze und die beiden Kirchen gehören zu einem zusammenhängenden Wallfahrtsraum.
Die Ursprünge des Kultes werden in der Überlieferung wesentlich weiter zurückgeführt. Historisch sicher fassbar ist die Kirche Santa Maria del Monte jedoch spätestens im Jahr 1393. Aus diesem Jahr stammt eine Urkunde, in der Tommaso Bono Iurno von Viggiano der Kirche zehn Grani "pro luminaris", also für die Beleuchtung des Heiligtums, vermachte.
Dieser Beleg zeigt, dass auf dem Berg im ausgehenden 14. Jahrhundert bereits ein etablierter Marienkult bestand. Das heutige Bergheiligtum ist jünger; der bestehende Bau wird im Wesentlichen dem 16. Jahrhundert zugerechnet und ersetzte einen älteren Kultbau.
Nach der traditionellen Gründungsüberlieferung wurde das Marienbild ursprünglich in der frühchristlichen Stadt Grumentum verehrt. Als die Stadt durch Sarazeneneinfälle bedroht und schließlich zerstört worden sei, hätten Gläubige die Statue auf den schwer zugänglichen Berg gebracht und dort verborgen, um sie vor Zerstörung zu bewahren.
Diese Geschichte gehört zur religiösen Überlieferung des Heiligtums. Sie lässt sich nicht als zeitgenössischer Bericht des 11. Jahrhunderts lesen. Auch die kunsthistorische Datierung der heute verehrten Statue in das späte 13. Jahrhundert zeigt, dass die gegenwärtige Skulptur nicht bereits vor der Zerstörung Grumentums verborgen worden sein kann. Die Erzählung bewahrt vielmehr eine Erinnerung an die Verbindung des Heiligtums mit der älteren christlichen Landschaft der Val d'Agri.
Die Legende erzählt weiter, dass Hirten in der Umgebung des Berges ungewöhnliche Lichterscheinungen beziehungsweise Feuer auf dem Gipfel beobachtet hätten. Beim Aufstieg hätten sie in einer Vertiefung die unversehrte Marienstatue gefunden. Die mit dieser Auffindung verbundene Stelle wird hinter dem Hochaltar des Bergheiligtums gezeigt.
Derartige Lichtzeichen gehören zu einem weit verbreiteten Erzähltypus von Gnadenbildlegenden. Sie markieren einen Ort als von höherer Macht ausgewählt und erklären, weshalb gerade an einer schwer zugänglichen Stelle ein Heiligtum entstand.
Nach der Auffindungslegende wurde die Madonna zunächst nach Viggiano gebracht und in der Kirche Santa Maria fuori le Mura aufgestellt. Die Kirche erhielt deshalb später die Bezeichnung Santa Maria del Deposito. An dieser Stelle entwickelte sich das städtische Gegenstück zum Bergheiligtum.
Die Tradition erklärt auch den späteren Wechsel zwischen Tal und Berg durch ein Wunder: Die Madonna habe erkennen lassen, dass sie nicht ausschließlich im Ort bleiben wolle. Daraus sei der Brauch entstanden, das Bild einen Teil des Jahres auf dem Berg und den anderen Teil in Viggiano zu verehren.
Das Kultbild ist eine hölzerne thronende Madonna mit dem Jesuskind. Der italienische Catalogo Generale dei Beni Culturali ordnet die Skulptur einer süditalienischen Werkstatt des späten 13. Jahrhunderts zu. Andere ältere kunsthistorische Datierungen reichen vom 12. bis zum 14. Jahrhundert; die neuere Katalogisierung bevorzugt eine Entstehung gegen Ende des 13. Jahrhunderts.
Typologisch gehört die Statue zur romanischen Sedes Sapientiae beziehungsweise Kyriotissa. Maria sitzt frontal auf dem Thron; das Kind erscheint ebenfalls frontal und herrscherlich. Beide Figuren halten kugelförmige Herrschaftszeichen. Die strenge Frontalität unterscheidet sich deutlich von späteren, stärker bewegten Marienbildern.
Die Bezeichnung "Madonna Nera" gehört heute untrennbar zum Kult von Viggiano. Naturwissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die dunkle Gesichtsfarbe nicht dem ältesten nachweisbaren Zustand der Skulptur entspricht. Archäometrische Analysen aus dem Jahr 2010 fanden auf Gesicht und Händen mehrere übereinanderliegende Farbschichten aus verschiedenen Jahrhunderten.
Die älteste nachweisbare Inkarnatfassung war rosafarben und nicht dunkel. Auch die Gewänder waren bereits früh vergoldet, allerdings mit einer matteren historischen Vergoldung. Erst spätere Überfassungen führten zum heute charakteristischen braunen beziehungsweise olivfarbenen Erscheinungsbild von Maria und Kind.
Die naturwissenschaftliche Erkenntnis nimmt der Bezeichnung "Madonna Nera" nichts von ihrer Bedeutung für die gegenwärtige Wallfahrt. Der Name beschreibt den historisch gewachsenen Zustand des verehrten Bildes und seine Rolle in der religiösen Identität der Basilikata.
Gerade die verschiedenen Farbschichten zeigen, dass ein Gnadenbild über Jahrhunderte nicht wie ein unverändertes Museumsobjekt behandelt wurde. Es wurde gepflegt, erneuert, übermalt und vergoldet. Die heutige Erscheinung ist daher selbst Teil der Kultgeschichte.
Die heutige städtische Basilica Pontificia di Santa Maria del Monte steht in der Nachfolge der älteren Kirche Santa Maria del Deposito. Erdbeben und Umbauten veränderten den Bau mehrfach. Die gegenwärtige Kirche besitzt im Wesentlichen eine Gestalt des 18. Jahrhunderts; eine Inschrift erinnert an ihre Weihe am 31. Mai 1735 durch den Bischof von Marsico, Alessandro Puoti.
Während der Wintermonate ist die Basilica der Aufenthaltsort des Gnadenbildes. Sie ist dadurch sowohl Pfarr- und Wallfahrtskirche als auch einer der beiden Pole des gesamten Kultes. Die großen Prozessionen beginnen beziehungsweise enden hier.
Das Santuario di Santa Maria del Monte liegt auf 1725 Metern Höhe. Der schlichte Bau besitzt eine einschiffige Anlage mit vier kreuzgewölbten Jochen. An der Rückwand steht der steinerne Hochaltar; seitlich beziehungsweise hinter dem Altar wird die Stelle gezeigt, die in der Überlieferung mit der Auffindung der Statue verbunden wird. Ein kleiner freistehender Glockenturm ergänzt die Anlage.
Das heutige Gebäude wird überwiegend in das 16. Jahrhundert datiert. Es trat an die Stelle eines älteren Heiligtums, das spätestens im 14. Jahrhundert urkundlich fassbar ist. Im Gegensatz zur reicheren städtischen Basilica wirkt die Bergkirche vergleichsweise zurückhaltend und ist stark durch ihre Lage bestimmt.
Der erste Sonntag im Mai markiert den Beginn der Sommerzeit der Madonna auf dem Sacro Monte. Dem Fest geht ein Novenario voraus. Am Vorabend wird das Kultbild in die Kirche San Sebastiano gebracht, wo sich Gläubige von der Madonna verabschieden. Früh am Sonntagmorgen beginnt der lange Aufstieg zum Bergheiligtum.
Die kommunale Überlieferung betont die besondere Stimmung dieses Tages. Für die Bevölkerung von Viggiano bedeutet der Aufstieg auch eine zeitweilige Trennung: Die Madonna verlässt den Ort und bleibt während der folgenden vier Monate auf dem Berg. Dadurch unterscheidet sich die Maiwallfahrt emotional deutlich von der späteren Rückkehr im September.
Am ersten Sonntag im September beginnt nach der Messe in der Morgendämmerung der Abstieg vom Sacro Monte. Die Prozession legt ungefähr elf Kilometer zurück. Auf dem Weg schließen sich immer mehr Pilger an, bis sich vor Viggiano ein großer Zug aus Trägern, Fahnen, Standarten, cinti, Musikanten und Gläubigen bildet.
Die Septemberfeier ist die große regionale Wallfahrt. Die kommunale Dokumentation nennt für die Festtage Zehntausende Teilnehmer aus zahlreichen Orten der Basilikata und den angrenzenden Regionen. Die Rückkehr der Madonna ist damit zugleich ein religiöses Ereignis des Ortes und ein Treffen weit verstreuter Wallfahrtsgemeinschaften.
Das Tragen der schweren vergoldeten Prozessionsurne gilt als besondere Ehre. Hunderte Männer beteiligen sich an dieser Aufgabe. Sie sind traditionell in Gruppen organisiert, die als "catene" bezeichnet werden und teilweise nach den Herkunftsorten der Träger gegliedert sind.
Die Madonna wird dadurch nicht von einer kleinen festen Trägergruppe bewegt. Viele Gemeinschaften beanspruchen Anteil an der körperlichen Last und an der Ehre des Tragens. Der Wechsel der Mannschaften macht die Prozession zu einer gemeinschaftlichen Handlung, in der regionale Zugehörigkeit sichtbar wird.
Die Bedeutung der portatori wurde 2017 auch dauerhaft im öffentlichen Raum festgehalten. In Viggiano entstand das "Monumento alla Madonna ed ai suoi portatori" des Bildhauers Felice Lovisco. Die lebensgroße Bronzegruppe zeigt dreizehn Männer beim Tragen der Madonna.
Ein ritueller Vorgang, der sonst nur an wenigen Tagen im Jahr sichtbar wird, erhielt damit ein dauerhaftes Denkmal am Eingang des Ortes. Das Monument ist zugleich ein Hinweis darauf, wie stark die Wallfahrt zur kollektiven Selbstdarstellung Viggianos gehört.
Die Pilgerzüge werden von zahlreichen Standarten und Fahnen begleitet. Besonders auffällig sind die "cinti", kunstvoll zusammengestellte Aufsätze beziehungsweise Gestelle aus Kerzen, die traditionell von Mädchen getragen wurden. Solche Cinti verbinden Votivgabe, Schmuck und körperliche Leistung.
Die Trägerinnen machen das Gelübde beziehungsweise die Zugehörigkeit einer Pilgergemeinschaft im Prozessionszug sichtbar. Zusammen mit den Fahnen kennzeichnen die cinti die verschiedenen Herkunftsorte und verleihen der Wallfahrt eine stark gegliederte visuelle Ordnung.
Zur überlieferten Wallfahrtspraxis gehört der Aufstieg zum Sacro Monte mit bloßen Füßen. Die offizielle Dokumentation des Heiligtums nennt das Barfußgehen ausdrücklich unter den traditionellen Formen der Verehrung, die teilweise bis in die Gegenwart fortbestehen.
Barfüßigkeit macht die Anstrengung des Weges unmittelbar am Körper spürbar. Sie kann als Gelübde, Bußhandlung oder Ausdruck besonderer Hingabe verstanden werden. Gerade auf einem langen und steilen Bergweg besitzt diese Praxis einen deutlich anderen Charakter als ein kurzer barfüßiger Umgang um eine Kirche.
Ein weiterer überlieferter Brauch besteht darin, das Bergheiligtum vor dem Eintritt dreimal zu umrunden. Anschließend näherten sich Pilger dem Gnadenbild teilweise auf den Knien. Damit wird der Kirchenraum nicht einfach betreten, sondern durch eine Folge körperlich festgelegter Handlungen erschlossen.
Der Umgang verbindet die Außenlandschaft mit dem Inneren des Heiligtums. Erst nach der Umrundung folgt die unmittelbare Annäherung an die Madonna. Solche Bewegungsmuster gehören zu den älteren Formen europäischer Wallfahrtsfrömmigkeit.
Überliefert ist außerdem, dass Pilger die Urne der Madonna mit Zweigen oder Blumen berührten, die sie im Wald beziehungsweise auf dem Berg gesammelt hatten. Das Berühren stellt eine unmittelbare Verbindung zwischen dem Kultbild und einem Gegenstand aus der Umgebung des Heiligtums her.
Der Sacro Monte wird dadurch selbst in die Andacht einbezogen. Pflanzen aus der Berglandschaft erhalten durch den Kontakt mit der Prozessionsurne eine besondere Erinnerungs- und Segensbedeutung und können nach der Wallfahrt mit nach Hause genommen werden.
Musik ist ein wesentlicher Bestandteil der Wallfahrt. Die Prozessionszüge werden traditionell vom Klang der Zampogna und des Organetto begleitet. Besonders bei der Septemberwallfahrt verbinden sich Gesang, Instrumentalmusik, Glocken und Böller mit den Bewegungen der Pilgergruppen.
In Viggiano ist dieser Zusammenhang besonders bemerkenswert, weil der Ort selbst eine ausgeprägte historische Musikantentradition besitzt. Viggianeser Musiker, vor allem Harfenisten, zogen seit dem 18. und 19. Jahrhundert weit über die Region hinaus. Religiöse Prozessionsmusik und die Geschichte wandernder Berufsmusiker gehören damit zur selben lokalen Kultur, ohne identisch zu sein.
Die Wallfahrt beschränkt sich nicht auf den elf Kilometer langen Weg zwischen Viggiano und dem Sacro Monte. Über Jahrhunderte entwickelte sich ein Netz von Fernwegen, auf denen Pilger aus anderen Orten zur Madonna gelangten. Die Region Basilikata dokumentiert diese Wege unter der Bezeichnung "I Cammini al Sacro Monte di Viggiano".
Zu den noch bekannten beziehungsweise teilweise weiterhin benutzten Routen gehören Wege aus Caggiano, Oppido Lucano, Pisticci und Accettura. Weitere Strecken werden kartiert und erforscht. Der Wallfahrtsraum reicht damit weit über die Gemeinde Viggiano hinaus.
Die Regionaldokumentation beschreibt das historische Wegenetz als eine Art "geografia sacra". Gemeint ist ein Raum, der nicht durch eine einzige Straße bestimmt wird, sondern durch viele Herkunftsorte, wiederkehrende Wege, lokale Rituale und gemeinsame Orientierung auf den Sacro Monte.
Die Wallfahrt verbindet dadurch unterschiedliche Landschaften und Gemeinden. Wer aus einem entfernten Ort aufbricht, bringt eigene Fahnen, cinti, Musik und Bräuche mit und tritt am Heiligtum in eine größere regionale Gemeinschaft ein.
Seit der großen Auswanderungsbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts verbreitete sich der Kult weit über die Basilikata hinaus. Lucanische Migranten nahmen Bilder und Nachbildungen der Madonna von Viggiano mit und gründeten an ihren neuen Wohnorten eigene Verehrungsformen.
Die kommunale Dokumentation nennt Heiligtümer und Kultorte unter anderem in Argentinien sowie Nachbildungen der Madonna in Melbourne, Johannesburg, São Paulo, Fortaleza und Toronto. In Melbourne wurde 1964 eine Nachbildung der Statue auf Initiative ausgewanderter Viggianesi und anderer Lucani aufgestellt. Die Madonna wurde damit zu einem religiösen Bindeglied zwischen Herkunftsort und Diaspora.
Im Auswanderungskontext erhielt das Bild eine zusätzliche Bedeutung. Die Verehrung verband nicht nur die Gläubigen mit Maria, sondern auch mit Landschaft, Sprache, Verwandtschaft und den Festen der Herkunftsregion. Eine Statue oder ein Bild der Madonna konnte damit ein Stück Viggiano in einen weit entfernten Lebensraum übertragen.
Die Regionaldokumentation versteht gerade diese Ausbreitung als Teil des immateriellen Kulturerbes. Der Wallfahrtsort ist deshalb sowohl ein geographischer Punkt in der Basilikata als auch Mittelpunkt einer über Kontinente verstreuten Erinnerungsgemeinschaft.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erhielt das Heiligtum päpstliche Anerkennungen. Mit Genehmigung der Päpste Julius II. und Paul V. konnten beim städtischen Heiligtum unter anderem ein Hospiz und eine Bruderschaft errichtet werden. Dies zeigt, dass die Versorgung und Organisation der Pilger bereits damals eine institutionelle Form angenommen hatte.
Am 12. Juni 1740 wurde das Heiligtum durch das Liberianische Kapitel mit der römischen Basilica Santa Maria Maggiore verbunden und erhielt damit besondere geistliche Privilegien.
Am 4. September 1892 wurde das Gnadenbild feierlich gekrönt. Bischof Tiberio Durante von Marsico und Potenza vollzog die Krönung auf Grundlage einer päpstlichen Genehmigung. Die Überlieferung hebt die große Zahl von Pilgern hervor, die aus weiten Teilen der Region nach Viggiano kamen und den Weg vielfach zu Fuß zurücklegten.
Die Krönung machte einen bereits lange bestehenden regionalen Kult öffentlich sichtbar und band ihn zugleich enger an die kirchliche Anerkennung durch Rom.
Am 11. Dezember 1965 erhob Papst Paul VI. das Heiligtum mit dem Apostolischen Schreiben "Lucanae genti" zur Basilica Minore. Der päpstliche Text hebt ausdrücklich hervor, wie eng die Madonna des Sacro Monte mit der gesamten lucanischen Bevölkerung verbunden ist und wie sehr Pilger Mühen und Beschwerden auf sich nehmen, um das Heiligtum zu erreichen.
Maria wird darin unter diesem Titel als Patronin und Königin der Region bezeichnet. Damit erhielt eine über Jahrhunderte gewachsene Volksverehrung eine besonders deutliche kirchliche Bestätigung.
Am 28. April 1991 erneuerte Papst Johannes Paul II. während seines Besuches in der Basilikata die Krönung der Madonna. Die Erinnerung an dieses Ereignis besitzt in Viggiano bis heute einen sichtbaren Platz im öffentlichen Raum und in der Festkultur.
1995 erhielt Viggiano im Zusammenhang mit dem dreißigjährigen Jubiläum der Basilica-Erhebung den Titel "Città di Maria". Damit wurde die Verbindung zwischen Wallfahrtsheiligtum und kommunaler Identität nochmals ausdrücklich formuliert.
Am Ende des Großen Jubiläums 2000 erkannten die Bischöfe der Basilikata dem Heiligtum den Rang "Santuario Regionale della Basilicata" zu. Die Bezeichnung entspricht der tatsächlichen Reichweite der Wallfahrt: Viggiano ist kein ausschließlich lokales Patronatsheiligtum, sondern Mittelpunkt zahlreicher Pilgergemeinschaften aus der gesamten Region und aus angrenzenden Gebieten.
Die Madonna wurde damit auch institutionell zu jenem regionalen Kultzentrum erklärt, als das sie in der Volksfrömmigkeit bereits lange wahrgenommen worden war.
Zum Jahreswechsel 2010/11 wurde das Gnadenbild für die päpstlichen Feiern zum Hochfest der Gottesmutter Maria in den Petersdom nach Rom gebracht. Benedikt XVI. bezog sich in seiner Predigt ausdrücklich auf die Madonna vom Sacro Monte von Viggiano und ihre besondere Bedeutung für die Menschen der Basilikata.
Zum Jahreswechsel 2018/19 kam das Bild erneut nach Rom. Solche Reisen kehren das normale Prinzip der Wallfahrt für kurze Zeit um: Nicht die Pilger ziehen zum Heiligtum, sondern das Gnadenbild verlässt Viggiano und wird andernorts zum Mittelpunkt der Verehrung.
Die Bedeutung des Kultes reicht über Kirchen und Prozessionen hinaus. Darstellungen der Madonna von Viggiano waren in lucanischen Häusern weit verbreitet. Carlo Levi griff diese häusliche Präsenz in seinem Werk "Cristo si è fermato a Eboli" auf und machte das Bild der dunklen Madonna dadurch auch außerhalb der Region bekannt.
Ein Andachtsbild über dem Bett oder an einer zentralen Wand des Hauses verbindet den großen regionalen Wallfahrtsort mit dem privaten Alltag. Das Heiligtum bleibt dadurch auch für Menschen gegenwärtig, die sich nicht ständig in Viggiano befinden.
Viggiano zeigt besonders deutlich, dass eine Wallfahrt nicht allein aus einem Gnadenbild und einer Kirche besteht. Der Kult umfasst Höhenunterschiede, Wege, Wetter, Müdigkeit, Musik, Fahnen, Kerzen, Berührungen, Tragen und gemeinsames Gehen. Selbst die jahreszeitliche Verteilung des Kultbildes zwischen Berg und Ort gehört zur religiösen Erfahrung.
Die Madonna ist deshalb zugleich ortsgebunden und beweglich. Ihre regelmäßige Wanderung schafft jedes Jahr neu die Verbindung zwischen dem städtischen Heiligtum, dem Berg, den Pilgerwegen und den Herkunftsgemeinden.
Für die Volkskunde gehört Viggiano zu den besonders vielschichtigen Wallfahrtsorten Süditaliens. Mittelalterliches Gnadenbild, Auffindungslegende, Bergheiligtum und städtische Basilica bilden nur den historischen Rahmen. Die eigentliche Dynamik des Kultes entsteht durch die zweimalige jährliche Bewegung der Madonna und durch die Menschen, die diesen Weg begleiten.
Portatori und catene, cinti, Standarten, Barfußgehen, Umgang um die Kapelle, Niederknien, Zweige und Blumen vom Berg, Zampogne und Organetti, historische Fernwege und der Kult in der Auswanderung zeigen, wie stark religiöse Verehrung mit Körper, Landschaft, Musik und sozialer Zugehörigkeit verbunden ist. Die archäometrische Erkenntnis, dass die heute als "Madonna Nera" verehrte Statue ursprünglich offenbar eine helle Inkarnatfassung besaß, fügt eine weitere historische Schicht hinzu: Auch das Erscheinungsbild eines Gnadenbildes kann sich verändern, während seine kultische Identität über Jahrhunderte fortbesteht.
- Comune di Viggiano: "Il santuario: la storia", Dokumentation zur Kultgeschichte, Gründungsüberlieferung, Wallfahrtspraxis, kirchlichen Anerkennung und Entwicklung des Heiligtums.
- Comune di Viggiano: "Le ricorrenze" und "Festa regionale della Madonna del Sacro Monte", Dokumentationen zur Mai- und Septemberwallfahrt, zu portatori, catene, cinti, Musik und Prozessionsweg.
- Comune di Viggiano: "Il culto", Dokumentation zur Verbreitung der Verehrung in der Basilikata und in den Auswanderergemeinden.
- Comune di Viggiano: "Monumento alla Madonna ed ai suoi portatori", Dokumentation zum 2017 errichteten Bronzemonument.
- Catalogo Generale dei Beni Culturali: "Madonna col Bambino in trono, Viggiano (Potenza), Santuario della Madonna del Sacro Monte", kunsthistorische Einordnung und archäometrische Untersuchung der Farbfassungen des Gnadenbildes.
- Catalogo Generale dei Beni Culturali: Dokumentationen zum Santuario di Santa Maria del Monte und zur Basilica in Viggiano mit Baugeschichte und erstem urkundlichem Nachweis von 1393.
- Regione Basilicata, Patrimonio culturale: "I Cammini al Sacro Monte di Viggiano", Dokumentation der historischen Pilgerwege und ihrer demoethnoanthropologischen Bedeutung.
- Paolo VI.: Apostolisches Schreiben "Lucanae genti", 11. Dezember 1965, zur Erhebung des Heiligtums zur Basilica Minore und zur Verehrung der Madonna als Patronin und Königin der lucanischen Bevölkerung.
- Paolo Venturoli (Hrsg.): "Scultura lignea in Basilicata: dalla fine del XII alla prima metà del XVI secolo", Turin 2004, mit kunsthistorischer Einordnung der Madonna von Viggiano.
- Maria Stella Calò Mariani: "Madonne lignee dal volto bruno nei santuari della Puglia e della Basilicata", in den Akten des internationalen Kongresses "Nigra sum", 2010.
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrtsorte in Italien | |
| Zurück zur Gesamtübersicht Wallfahrt |
Ergänzungen: Wolfgang Morscher