| Wallfahrt: | Historisch gewachsene und gegenwärtig lebendige Marienwallfahrt. Das Heiligtum ist Ziel von Pilgern aus Tursi und der gesamten Diözese; besonders prägend sind die Prozessionswege zwischen Anglona und Tursi sowie das Hauptfest am 8. September. Der Weg vom Heiligtum zur Kathedrale umfasst mehr als zehn Kilometer. |
| Status: | Santuario Diocesano und Basilica Minore; ehemalige Kathedrale und früherer Bischofssitz von Anglona. Die Madonna wurde 1946 zur Patrona Massima von Tursi und der Diözese erklärt. Der Heiligtumsstatus wurde 1991 ausdrücklich in das diözesane Dekret über die Wallfahrtsheiligtümer aufgenommen; 1999 folgte die Erhebung zur Basilica Minore. |
| Kultzentrum: | Die thronende Madonna mit Kind, mit Zepter, Krone und kreuzbekröntem Globus. Zur Datierung der heute verehrten Holzfigur bestehen widersprüchliche Angaben: Die regionale kirchliche Dokumentation nennt das 14. Jahrhundert, während mehrere Tursitaner Darstellungen eine Neuschaffung beziehungsweise Erneuerung unter Bischof Salvatore Vecchioni am Ende des 18. Jahrhunderts angeben. |
| Ort: | Anglona bei Tursi, Provinz Matera. |
| Region: | Basilikata. |
| Land: | Italien. |
| • | Santuario Diocesano Basilica Minore Maria SS. Regina di Anglona, Strada Provinciale Tursi-Policoro, 75028 Tursi MT, Italien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Der wichtigste Wallfahrtstag ist der 8. September, das Fest Mariä Geburt. Eine weitere zentrale Festzeit liegt zwischen dem ersten Sonntag nach Ostern und Anfang Mai, wenn das Kultbild zwischen dem Heiligtum von Anglona und der Kathedrale von Tursi übertragen wird. Der Hügel liegt rund zehn Kilometer von Tursi entfernt und ist zugleich archäologisches Gelände. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen der Basilica von Anglona, das romanische Portal und die Apsis, Glockenturm und mittelalterliche Bauplastik, die Freskenzyklen und bemalten Pfeiler, das Kultbild der Madonna mit Kind frontal und in Details, Kronen und Festmantel, historische Votivgaben, die archäologischen Spuren der untergegangenen Siedlung, die Fußprozession zwischen Anglona und Tursi, das Fest am 8. September, ältere Formen der Ceri und Votivgebilde sowie historische Fotografien von Prozession, Jahrmarkt und Peregrinatio.
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Santa Maria d'Anglona liegt auf einem langgestreckten Hügel zwischen den Tälern des Agri und des Sinni, rund zehn Kilometer von Tursi entfernt. Die heute weithin freistehende Basilica war ursprünglich keine einsame Wallfahrtskirche in der Landschaft. Sie gehörte zu einer bewohnten Siedlung und war im Mittelalter Kathedrale und Bischofskirche von Anglona.
Die Siedlung verschwand, die Kirche blieb bestehen. Dadurch veränderte sich ihre Funktion grundlegend: Aus der Kathedrale einer mittelalterlichen Stadt wurde ein Marienheiligtum, zu dem die Menschen aus Tursi und zahlreichen Orten der Diözese hinaufziehen. Diese Verbindung von untergegangener Stadt, erhaltener Kathedrale und fortlebendem Kult prägt Anglona bis heute.
Archäologische Untersuchungen zeigen, dass der Hügel von Anglona über einen außerordentlich langen Zeitraum genutzt wurde. Der staatliche Kulturgüterkatalog weist Besiedlung vom mittleren beziehungsweise späten Bronzezeitalter bis in das Mittelalter nach. Hinzu kommen früheisenzeitliche Gräber, klassische und hellenistische Siedlungsspuren sowie ein ländliches Heiligtum der Demeter aus dem 4. und 3. Jahrhundert vor Christus.
Die Lage war strategisch günstig. Der Hügel kontrolliert die unteren Täler von Agri und Sinni und damit wichtige Verbindungen zwischen dem ionischen Küstenraum und den inneren Gebieten der Basilikata.
In der archäologischen Forschung wird der Siedlungsplatz von Santa Maria d'Anglona mit dem antiken Pandosia in Verbindung gebracht. Der staatliche archäologische Katalog bezeichnet die Identifizierung auf Grundlage der Herakleischen Tafeln als wahrscheinlich und ordnet Pandosia dem enotrischen Siedlungsraum der Siritis zu.
Die Bezeichnung ist deshalb mit einer gewissen Vorsicht zu verwenden: Das Heiligtum steht auf einem archäologisch sehr bedeutenden Siedlungsplatz, dessen Gleichsetzung mit Pandosia in der Forschung vertreten wird. Die heutige Marienwallfahrt beginnt jedoch erst viele Jahrhunderte nach diesen antiken Kult- und Siedlungsphasen.
Der heutige romanische Bau entstand nicht auf unbebautem Grund. Die staatliche Denkmalpflege nimmt einen älteren christlichen Sakralbau des 7. oder 8. Jahrhunderts an, dessen Bereich mit der heutigen Oratoriumskapelle in Verbindung gebracht wird.
Die bestehende Kirche wurde im Wesentlichen zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert errichtet beziehungsweise erweitert. Sie gehört damit in jene Epoche, in der die normannische und lateinische Kirchenorganisation Süditaliens neu geordnet wurde und Anglona als Bischofssitz größere Bedeutung erhielt.
Anglona war im Hochmittelalter Sitz eines Bischofs und die Kirche Santa Maria diente als Kathedrale. Die Geschichte der Diözese ist eng mit Tursi verbunden und in den mittelalterlichen Quellen nicht immer eindeutig zu trennen. Bischofssitz und Kapitel bewegten sich im Laufe der Jahrhunderte zwischen den beiden Orten beziehungsweise wurden mit beiden Namen bezeichnet.
Die ehemalige Kathedralfunktion erklärt, weshalb Santa Maria d'Anglona architektonisch und liturgisch weit über eine einfache Landkirche hinausgeht. Das Heiligtum bewahrt die räumliche Gestalt einer Bischofskirche, obwohl die zugehörige Stadt nicht mehr besteht.
Im Jahr 1369 wurde Anglona schwer verwüstet und in Brand gesetzt. Die kirchliche Kulturgüterdatenbank BeWeB berichtet, dass die Kathedrale als einziges bedeutendes Gebäude verschont blieb. Eine königliche Anordnung Königin Johannas I. verlangte noch im selben Jahr den Wiederaufbau der Siedlung.
Anglona erholte sich jedoch nicht mehr dauerhaft. Die Bevölkerung verlagerte sich zunehmend nach Tursi und in andere Orte. Die Kirche blieb als religiöser Bezugspunkt erhalten und wurde dadurch zum materiellen Überrest einer ansonsten weitgehend verschwundenen Stadt.
Im 16. Jahrhundert wurde die kirchliche Ordnung endgültig zugunsten von Tursi geregelt. Papst Paul III. verband die Namen Anglona und Tursi zur Diözese Anglona-Tursi und bestätigte Tursi als Sitz der Bischofskirche.
Santa Maria d'Anglona verlor damit ihre Kathedralfunktion, nicht aber ihre religiöse Bedeutung. Die Verehrung der Madonna blieb bestehen und entwickelte sich zum bestimmenden Grund dafür, weshalb Menschen weiterhin auf den verlassenen Hügel kamen.
Die Basilica ist aus Tuff- und Travertinsteinen errichtet. Der Außenbau besitzt eine klare romanische Gliederung. Besonders charakteristisch sind das reich dekorierte Portal, die Apsis mit Blendarkaden und plastischem Schmuck sowie der quadratische Glockenturm.
Das Portal zeigt Reliefs mit dem Lamm Christi und den Symbolen der vier Evangelisten. Die Bauplastik verbindet liturgische Bildprogramme mit ornamentalen und tierischen Motiven. Auch die Außenwände tragen zahlreiche Reliefsteine unterschiedlicher Herkunft und Funktion.
Die Kirche ist als dreischiffiger Bau angelegt. Auffällig ist die unterschiedliche Form der Arkaden: Auf einer Seite erscheinen Rundbögen, auf der anderen Spitzbögen. Diese Asymmetrie wird mit einem Einsturz und einem späteren Wiederaufbau in Verbindung gebracht.
Gerade dadurch lässt sich die Baugeschichte im Innenraum unmittelbar ablesen. Die Basilica ist kein in einer einzigen Phase abgeschlossenes Gebäude, sondern Ergebnis mittelalterlicher Errichtung, Beschädigung, Wiederaufbau und späterer Restaurierungen.
Im Inneren haben sich umfangreiche Wandmalereien erhalten. Ältere lokale Beschreibungen fassen sie häufig pauschal als Fresken des 14. Jahrhunderts zusammen. Die kunsthistorische Dokumentation zeigt jedoch einen komplexeren Befund mit mehreren zeitlichen Schichten.
Einzelne Malereien werden bereits in das 10. oder 11. Jahrhundert eingeordnet, während bedeutende erzählerische Zyklen an das Ende des 12. und den Beginn des 13. Jahrhunderts datiert werden. Hinzu kommen jüngere Malereien bis ins 15. Jahrhundert. Der Bestand ist daher als mehrphasige mittelalterliche Ausstattung zu verstehen.
Auf der rechten Wand des Mittelschiffes sind Szenen des Alten Testaments erhalten, darunter Schöpfung, Adam und Eva, die Tötung Abels und der Turmbau zu Babel. Weitere Malereien zeigen Apostel, Heilige, Engel und christologische Motive.
Auf der gegenüberliegenden Seite gingen größere Teile der ursprünglichen Ausstattung verloren. Dort dürften nach der kunsthistorischen Rekonstruktion weitere biblische Szenen bestanden haben. Bemalte Pfeiler und Einzelbilder ergänzen das Programm.
Die Fresken zeigen Einflüsse, die mit der kulturellen Übergangszone Süditaliens zusammenhängen. Byzantinisch geprägte Formeln stehen neben westlich-lateinischen Elementen. Damit spiegelt die Ausstattung jene Region wider, in der sich im Mittelalter griechische und lateinische Kirchentraditionen begegneten.
Die Wandmalereien sind deshalb sowohl Ausstattung einer Wallfahrtskirche als auch Zeugnisse der älteren Kathedralgeschichte und der religiösen Kultur des mittelalterlichen Süditaliens.
Im Mittelpunkt der heutigen Verehrung steht eine thronende Madonna mit dem Jesuskind. Maria erscheint frontal und trägt ein Zepter; das Kind segnet und hält einen goldenen, von einem Kreuz bekrönten Globus. Beide Figuren sind gekrönt und werden bei festlichen Anlässen mit kostbarer textiler Ausstattung verbunden.
Das Bild gehört zu einer Herrschaftsikonographie, in der Maria als Königin und das Kind als Weltenherrscher dargestellt werden. Diese Bildsprache entspricht dem heutigen Titel "Maria SS. Regina di Anglona".
Zur Entstehungszeit der heute verehrten Holzfigur bestehen widersprüchliche Angaben. Die regionale kirchliche Dokumentation "Basilicata Sacra" bezeichnet sie als Statue des 14. Jahrhunderts. Mehrere lokale historische Darstellungen führen die heutige Figur dagegen auf das späte 18. Jahrhundert zurück und verbinden ihre Herstellung mit Bischof Salvatore Vecchioni, der die Diözese seit 1778 leitete.
Eine staatlich katalogisierte Andachtsgraphik aus dem Jahr 1794 zeigt bereits die Madonna von Anglona mit Zepter sowie das Jesuskind mit Kreuzglobus und Kronen. Die Graphik bestätigt somit die damalige Erscheinungsform des Kultbildes, entscheidet aber nicht eindeutig, wie alt die zugrunde liegende Holzskulptur ist. Solange eine objektspezifische restauratorische oder kunsthistorische Untersuchung nicht eindeutig greifbar ist, sollte die Datierung daher offen ausgewiesen werden.
Die örtliche Überlieferung erzählt von einem Hirtenjungen, der auf einem Hügel zwischen Tursi und Anglona einer außergewöhnlich schönen Frau begegnet sei. Sie habe ihn aufgefordert, nach Tursi zu gehen und die Bewohner zu holen. Als diese zur bezeichneten Stelle kamen, hätten sie dort anstelle der Frau die Madonnenstatue gefunden.
Zur Erinnerung sei an diesem Ort ein Votivmal errichtet und ein Holzkreuz aufgestellt worden. Die Erzählung ist als Kultlegende zu verstehen. Sie erklärt nicht die historische Entstehung der Holzfigur, sondern begründet ihre besondere Bindung an Anglona und den Prozessionsweg nach Tursi.
Zu den charakteristischen Formen der Verehrung gehört die regelmäßige Übertragung der Madonna zwischen dem Heiligtum auf dem Anglona-Hügel und der Kathedrale in Tursi. Diese Bewegung verbindet den ehemaligen Bischofssitz mit der heutigen Bischofsstadt.
In älterer Zeit blieb die Madonna mehrere Monate in Tursi. Die Bevölkerung ging zu Fuß nach Anglona, holte das Bild und begleitete es zurück. Nach Restaurierungen und einer Neuordnung der Festpraxis wurde der Aufenthalt in der Stadt stark verkürzt, damit die Madonna während des Sommers im viel besuchten Heiligtum verbleiben konnte.
Heute wird die Madonna in der Zeit nach Ostern nach Tursi gebracht und einige Wochen später wieder nach Anglona zurückgeführt. Die staatliche Kulturgüterdokumentation nennt als Zeitraum den ersten Sonntag nach Ostern bis zum ersten Sonntag im Mai; jüngere diözesane und lokale Berichte bestätigen die fortbestehende Prozessionsbewegung.
Diese kurze jährliche Abwesenheit des Kultbildes aus seinem Heiligtum schafft zwei festliche Wege: den Abstieg beziehungsweise Zug nach Tursi und die Rückkehr auf den Hügel.
Der Weg zwischen Anglona und Tursi ist mehr als zehn Kilometer lang und im Bereich des Heiligtums deutlich ansteigend. Bis April 1966 wurde die Statue auf der gesamten Strecke auf den Schultern der Gläubigen getragen. Danach erfolgte die Übertragung zeitweise mit einem festlich geschmückten Lastwagen, während zahlreiche Gläubige den Weg weiterhin zu Fuß zurücklegten.
Damit blieb der Wallfahrtscharakter des Weges auch dann erhalten, als das schwere Kultbild nicht mehr über die gesamte Strecke getragen wurde. Der körperliche Weg der Pilger und der Transport des Bildes konnten unterschiedliche Formen annehmen.
Am 1. Mai 2005 wurde die ältere Form der Rückführung wieder aufgenommen. Die Gemeinde Tursi dokumentiert, dass zahlreiche Gläubige, darunter besonders Frauen und Jugendliche sowie Menschen aus benachbarten Gemeinden, die Madonna auf den Schultern über mehr als zehn Kilometer zurück zur Basilica trugen.
Die Wiederaufnahme zeigt, dass alte Prozessionsformen nicht nur verschwinden oder museal erinnert werden. Sie können nach längeren Unterbrechungen bewusst reaktiviert und in eine gegenwärtige religiöse Praxis übersetzt werden.
Das Hauptfest der Madonna von Anglona wird am 8. September, dem Fest Mariä Geburt, gefeiert. Die Diözese bezeichnet diesen Termin ausdrücklich als wichtigstes Fest des Heiligtums. Schon am frühen Morgen beginnen Gottesdienste; den liturgischen Mittelpunkt bildet die vom Bischof gefeierte Eucharistie.
Die Feier zieht Gläubige aus Tursi, den Gemeinden der Diözese und darüber hinaus nach Anglona. Prozession, Gebet, Begegnung und weltliche Festformen verbinden sich auf dem weitläufigen Gelände um die Basilica.
Die Verbindung des Marienfestes mit einem Markt ist bereits für das Mittelalter dokumentiert. Die staatliche Kulturgüterdokumentation verweist auf ein Diplom Roberts von Anjou vom 24. Juli 1332, in dem die mit dem Septemberfest verbundene Messe beziehungsweise der Jahrmarkt bereits erwähnt wird.
Wallfahrt und Handel standen damit seit Jahrhunderten nebeneinander. Der Festtag brachte Menschen aus unterschiedlichen Orten zusammen und schuf neben der religiösen auch eine wirtschaftliche und soziale Austauschzone.
Nach lokaler Überlieferung kam es zwischen 1806 und 1808 unter der französischen Herrschaft zu einer Unterbrechung des Festes. Das Heiligtum sei zeitweise vernachlässigt und als Unterkunft für Hirten und Tiere benutzt worden.
Später reinigten Gläubige die Kirche und nahmen die Verehrung wieder auf. Diese Phase wird in der Ortsüberlieferung mit einem anschließenden Marienwunder verbunden.
Die lokale Kultüberlieferung erzählt, die Madonna habe nach der Wiederherstellung des Heiligtums eine lange Dürre beendet und Regen über die ausgetrockneten Felder gebracht. Gleichzeitig seien Heuschrecken beziehungsweise Raupen verschwunden, die die landwirtschaftlichen Kulturen bedrohten.
Solche Erzählungen zeigen, welche Aufgaben der Patronin zugeschrieben wurden. Die Madonna von Anglona wurde sowohl um persönliches Heil angerufen als auch als Fürsprecherin für Regen, Ernte und das Überleben der landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung.
Bis vor einigen Jahrzehnten bestand am 8. September ein auffälliger Votivbrauch. Ein Gläubiger konnte ein Kalb festlich schmücken und der Madonna darbringen. Das Tier wurde von Sachverständigen geschätzt; der festgesetzte Gegenwert wurde anschließend als Geldgabe der Madonna übergeben und am Mantel des Kultbildes sichtbar gemacht.
Die Praxis verbindet eine ältere agrarische Sachgabe mit einer monetären Opferform. Das Tier blieb als öffentlich sichtbarer Bestandteil des Rituals erhalten, während sein wirtschaftlicher Wert in eine Geldspende umgewandelt wurde.
Eine weitere überlieferte Praxis war das "fittarsi la statua". Bei einer Versteigerung konnte das Recht erworben werden, die Madonna während der Prozession auf den Schultern zu tragen. Das Tragen des Kultbildes war damit zugleich Ehre, religiöse Handlung und Form materieller Gabe.
Der Brauch zeigt, wie eng religiöses Prestige und Finanzierung des Festes miteinander verbunden sein konnten. Die Zahlung galt nicht für eine gewöhnliche Dienstleistung, sondern für das zeitweilige Recht, dem verehrten Bild körperlich besonders nahe zu sein und an seiner Bewegung mitzuwirken.
Zum Fest wurden außerdem Nachbildungen beziehungsweise tragbare Darstellungen der Madonna aus Ceri, Kerzen und Blumen geschaffen. Solche vergänglichen Votivgebilde vervielfältigten das Bild der Patronin im Fest- und Prozessionsraum.
Kerze und Wachs verweisen zugleich auf Licht, Opfer und Gebet. Die florale Ausschmückung verband die religiöse Gabe mit dem jahreszeitlichen und festlichen Charakter des Septembertermins.
Eine regionale Dokumentation beschreibt einen weiteren örtlichen Schlussritus: Bevor die Madonna nach der Prozession wieder in die Basilica getragen wird, wird die Statue dreimal um ihre eigene Achse gedreht.
Der Brauch wird lokal mit der Vorstellung verbunden, die Madonna segne dadurch die gesamte Umgebung. Eine ältere Wetterdeutung beobachtete zudem die Windrichtung in diesem Augenblick und verstand sie als Hinweis auf das kommende Jahr. Diese Deutung gehört zur volkskundlichen Überlieferung und nicht zur kirchlichen Liturgie.
Am 19. Mai 1901 wurde die Madonna von Anglona feierlich gekrönt. Die Krönung erfolgte aufgrund einer Genehmigung des Vatikanischen Kapitels und wurde unter Bischof Carmelo Pujia durchgeführt. Die Feier war mit einer großen kirchlichen Versammlung und einem Diözesansynod verbunden.
Die Krönung bestätigte eine Marienverehrung, die bereits lange vor diesem Datum bestand. Kronen und Königstitel erhielten nun eine besondere kirchlich anerkannte Form.
Im März 1946 wurde die Madonna durch ein päpstliches Breve Pius' XII. zur "Patrona Massima di Tursi e della Diocesi" erklärt. Damit wurde die lokale Schutzfunktion auf den gesamten damaligen Diözesanraum ausgedehnt.
Diese Anerkennung erklärt, weshalb die Festtage von Anglona bis heute einen ausgeprägt diözesanen Charakter besitzen und nicht auf die Bevölkerung von Tursi beschränkt sind.
Zum fünfzigjährigen Jubiläum der Krönung ließ Bischof Pasquale Quaremba 1951 die Statue durch sämtliche Orte der Diözese führen. Diese Peregrinatio ging einem eucharistisch-marianischen Kongress voraus.
Das übliche Prinzip der Wallfahrt wurde damit umgekehrt: Nicht die Gläubigen gingen ausschließlich zum Gnadenbild, sondern das Gnadenbild kam in die einzelnen Gemeinden. Die Patronin der Diözese wurde dadurch für eine begrenzte Zeit in jedem Teil ihres kirchlichen Gebietes sichtbar präsent.
Im Heiligen Jahr 1983 wurde diese Form erneut aufgegriffen. Bischof Gerardo Pierro führte eine weitere Peregrinatio durch alle Gemeinden der Diözese durch. Den Abschluss bildete eine große Eucharistiefeier in Tursi.
Die wiederholten Reisen der Madonna zeigen, dass die Beziehung zwischen Anglona und den einzelnen Gemeinden nicht nur durch den Besuch des Heiligtums hergestellt wird. Auch das Kultbild selbst kann zum reisenden Mittelpunkt diözesaner Frömmigkeit werden.
Am 16. Juli 1991 nahm Bischof Rocco Talucci Maria Santissima di Anglona ausdrücklich in das Dekret über die Diözesanheiligtümer auf. Der Ort wurde als besonderer Raum der Andacht, des Kultes und der Spiritualität bezeichnet.
Der institutionelle Titel bestätigte damit eine Wallfahrtsfunktion, die bereits seit langer Zeit in Prozessionen, Festen und Pilgerwegen gelebt wurde.
Am 17. Mai 1999 erhielt das Heiligtum den Rang einer Basilica Minore. Der Titel verbindet die alte ehemalige Kathedrale nochmals stärker mit der universalkirchlichen Ebene.
Heute lautet die offizielle diözesane Bezeichnung "Santuario Diocesano Basilica Minore Maria SS. Regina di Anglona". Die Kirche besitzt damit zugleich historische, wallfahrtskirchliche und basilicale Funktionen.
Die Verehrung ist bis in die Gegenwart lebendig. Die Diözese führt Anglona weiterhin unter ihren Heiligtümern und bezeichnet den 8. September als Hauptfest. Die Prozessionen zwischen Anglona und Tursi, das Fest auf dem Hügel und die Verehrung der Patronin gehören weiterhin zum religiösen Jahreslauf.
Auch jüngste diözesane Feiern nutzen Anglona als Ort gemeinsamer regionaler Zusammenkunft. Damit bleibt die ehemalige Kathedrale einer verschwundenen Stadt ein aktives Zentrum der heutigen Diözese.
Wie bei zahlreichen süditalienischen Patronatsfesten besitzt der 8. September auch eine soziale Bedeutung für Menschen, die Tursi verlassen haben. Lokale Berichte erwähnen ausdrücklich die Rückkehr ausgewanderter Tursitaner zu den Festtagen.
Das Heiligtum wird dadurch zu einem Ort, an dem religiöse Zugehörigkeit und Herkunftserinnerung zusammenfallen. Die Madonna von Anglona verbindet nicht nur die heutige Bevölkerung mit dem Hügel, sondern auch Menschen, deren Lebensmittelpunkt längst außerhalb der Basilikata liegt.
Die regelmäßige Bewegung der Madonna macht die religiöse Geographie von Anglona besonders anschaulich. Das Bild gehört zum verlassenen Hügel und zugleich zur lebenden Stadt Tursi. Es verbindet ehemalige und heutige Kathedrale, untergegangene Siedlung und moderne Stadtgemeinde.
Der Prozessionsweg hält diese Beziehung jedes Jahr neu gegenwärtig. Die Geschichte wird dabei sowohl erzählt als auch gegangen und getragen.
Für die Volkskunde verbindet Santa Maria d'Anglona mehrere ungewöhnlich gut dokumentierte Ebenen. Eine mittelalterliche Kathedrale überlebt die Stadt, für die sie errichtet wurde; ihr Marienbild bleibt Mittelpunkt einer regionalen Wallfahrt; und die Bevölkerung verbindet das Heiligtum durch einen mehr als zehn Kilometer langen Prozessionsweg mit Tursi.
Historischer Jahrmarkt, Regen- und Ernteüberlieferungen, Votivkalb, Versteigerung des Tragrechts, Kerzen- und Blumengebilde, dreifache Drehung der Statue, Krönung, diözesane Peregrinationen und die heutige Festwallfahrt zeigen, dass die Verehrung nicht auf einen einzelnen Kultakt reduziert werden kann. Anglona ist zugleich Sakralraum, Erinnerungsort, ehemaliger Bischofssitz, archäologische Landschaft und Ziel einer weiterhin gelebten Wallfahrt.
- Diocesi di Tursi: "Tursi - Santuario Diocesano Basilica Minore Maria SS. Regina di Anglona", offizielle Dokumentation zu Heiligtumsstatus, Patronat, Peregrinationen, Basilica Minore und Hauptfest.
- BeWeB - Beni ecclesiastici in web: Dokumentation zur Diözese Tursi-Lagonegro und zur Zerstörung Anglonas 1369 sowie zur Verlagerung des Bischofssitzes.
- Catalogo Generale dei Beni Culturali: "Chiesa Cattedrale di Anglona a Tursi", kunsthistorische Dokumentation zur Baugeschichte, zum romanischen Portal und zu den mittelalterlichen Fresken.
- Catalogo Generale dei Beni Culturali: "Tursi - Santa Maria d'Anglona (insediamento)", archäologische Dokumentation zur Besiedlung vom Bronzezeitalter bis ins Mittelalter und zur Identifizierung mit Pandosia.
- Catalogo Generale dei Beni Culturali: "Madonna di Anglona. Madonna con Bambino; veduta del santuario di Santa Maria di Anglona", Dokumentation der Andachtsgraphik von 1794.
- Datenportal des Ministero della Cultura: Dokumentation des Santuario Basilica Maria Santissima di Anglona mit Angaben zum mittelalterlich belegten Jahrmarkt, zur Übertragung der Statue und zur älteren Festpraxis.
- Comune di Tursi: Dokumentation zur Basilica Minore e Santuario Maria SS. d'Anglona, zu Fest, Votivgaben, "fittarsi la statua", Ceri, Prozessionswegen und den Veränderungen der Übertragungspraxis.
- Comune di Tursi: "La Madonna d'Anglona è tornata alla Basilica", Dokumentation der Fußprozession und des Schultertragens über mehr als zehn Kilometer am 1. Mai 2005.
- Basilicata Sacra: "Santuario di Santa Maria Regina di Anglona", Dokumentation zur regionalen Wallfahrt, zur Datierung des Kultbildes, zum dreimaligen Drehen der Statue und zur Regenüberlieferung.
- Regione Basilicata, Patrimonio culturale: Dokumentation zur Krönung von 1901, zum Patronat von 1946 und zur Festtradition.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher