Santuario Santa Maria di Colonna (SS. Crocifisso)
Trani, Wallfahrtskirche Santa Maria di Colonna

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historischer und gegenwärtig lebendiger Kreuzwallfahrtsort in der mittelalterlichen Kirche Santa Maria di Colonna. Mittelpunkt der Verehrung ist ein hölzernes Kruzifix des 15. Jahrhunderts, das seit der frühen Neuzeit mit einer Piraten- und Mirakelüberlieferung verbunden ist. Das Hauptfest am 3. Mai umfasst eine Meeresprozession vom Capo Colonna zum Hafen von Trani und anschließend eine Stadtprozession.
Status:Historischer und gegenwärtig lebendiger Wallfahrtsort und kirchlich anerkanntes Santuario. Der Wallfahrtsstatus ist bereits für die frühe Neuzeit durch Berichte über starken Pilgerzustrom belegt.
Kultzentrum:Das hölzerne Crocifisso di Colonna aus dem 15. Jahrhundert mit auffälliger Beschädigung im Gesichtsbereich; die religiöse Überlieferung verbindet diese Beschädigung mit einem Piratenüberfall des Jahres 1480 und einem Blutwunder.
Ort:Trani, Capo Colonna, Provinz Barletta-Andria-Trani.
Region:Apulien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Santuario Santa Maria di Colonna, Capo Colonna, 76125 Trani BT, Italien.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Besonders großer Pilgerzustrom besteht um den 3. Mai, den traditionellen Festtag des Santissimo Crocifisso di Colonna. Das Kruzifix wird dabei auf dem Seeweg vom Heiligtum zum Hafen von Trani gebracht und bleibt anschließend mehrere Tage in der Stadt.
•Die ehemalige Klosteranlage wird heute teilweise kulturell genutzt; die Kirche selbst besteht als Wallfahrtsheiligtum weiter.
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten von Kirche und ehemaligem Kloster auf dem Capo Colonna, die romanische Fassade, Innenraum und Altäre, das Crocifisso di Colonna frontal und im Detail mit der auffälligen Gesichtsverletzung, historische Votiv- und Reliquienobjekte, der Weg vom Heiligtum zum Meer, die Einschiffung des Kruzifixes, Fischer- und Begleitboote bei der Meeresprozession, die Ankunft im Hafen von Trani, das Tragen des Kruzifixes durch die Stadt sowie die Via Lucis beim Rückweg nach Santa Maria di Colonna.

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Ausführliche Beschreibung

Eine Kreuzwallfahrt in einer Marienkirche

Santa Maria di Colonna gehört zu jenen Wallfahrtsorten, deren Kirchenname und tatsächliches Kultzentrum nicht vollständig übereinstimmen. Der mittelalterliche Bau trägt seit seiner Gründung ein Marienpatrozinium, doch im Mittelpunkt der heutigen und historisch nachweisbaren Wallfahrt steht das Santissimo Crocifisso di Colonna, ein hölzernes Kruzifix des 15. Jahrhunderts. Der Ort ist deshalb weniger als klassische Marienwallfahrt denn als Kreuzwallfahrt innerhalb einer alten Marienkirche zu verstehen.

Diese besondere Verbindung ist für die Geschichte des Heiligtums charakteristisch. Das mittelalterliche Kloster brachte eine jahrhundertelange monastische Tradition hervor, die Franziskaner förderten später die Passionsfrömmigkeit, und das verehrte Kruzifix entwickelte schließlich eine so starke eigenständige Kultgeschichte, dass heute die Meeresprozession des Crocifisso das wichtigste Fest des Ortes bestimmt.

Capo Colonna und die Lage am Meer

Die Kirche liegt auf einer kleinen Halbinsel südöstlich des historischen Zentrums von Trani. Das Capo Colonna ragt in die Adria hinaus und war dadurch über Jahrhunderte zugleich abgeschieden und dem Meer unmittelbar ausgesetzt. Die Lage prägte das Kloster wirtschaftlich, militärisch und religiös.

Von hier aus ist der Hafen von Trani über die Küstenlinie erreichbar, und genau diese geographische Beziehung bildet heute die Grundlage der jährlichen Meeresprozession. Das Heiligtum ist daher nicht nur eine Kirche am Meer; das Meer selbst wurde Bestandteil der Kultlandschaft.

Gründung des Benediktinerklosters

Die Gründung von Santa Maria di Colonna wird in der staatlichen Denkmalpflege auf das ausgehende 11. Jahrhundert datiert und traditionell mit dem Jahr 1098 verbunden. Als Stifter erscheint der Traneser Adelige Goffredo Siniscalco. Wahrscheinlich entstand zunächst eine benediktinische Niederlassung mit Kirche, Klostergebäuden und dazugehörigem Besitz.

Die genaue Frühgeschichte lässt sich nicht in allen Einzelheiten rekonstruieren, doch der romanische Kern der Anlage bestätigt ihre mittelalterlichen Ursprünge. Santa Maria di Colonna gehört damit zu den frühen monastischen Niederlassungen im Küstenraum von Trani.

Die Benediktiner

Über mehrere Jahrhunderte wurde die Anlage von Benediktinern betreut. Das Kloster lag außerhalb der dicht bebauten Stadt und bot den Mönchen einen relativ abgeschlossenen Lebensraum, war zugleich aber über Wege und Küste mit Trani verbunden.

Die monastische Nutzung prägte Kirche, Wirtschaft und Besitzstruktur. Erst im 15. Jahrhundert ging die Anlage an die Franziskaner über, wodurch sich auch die religiösen Akzente des Ortes veränderten.

Die Franziskaner übernehmen Colonna

Im Jahr 1427 kamen Franziskaner nach Santa Maria di Colonna. Sie blieben bis ins 19. Jahrhundert eng mit dem Komplex verbunden. Gerade unter ihnen entwickelte sich jene Passions- und Kreuzfrömmigkeit, die für den späteren Crocifisso-Kult entscheidend wurde.

Die franziskanische Spiritualität betonte Leiden Christi, Kreuzweg und Betrachtung der Passion. Ein verehrtes Kruzifix fand in diesem religiösen Milieu besonders günstige Voraussetzungen, um zum Ziel regelmäßiger Andacht und schließlich einer überregional wahrgenommenen Wallfahrt zu werden.

Die Kirche

Santa Maria di Colonna zeigt wesentliche Merkmale der apulischen Romanik. Die Fassade besitzt einen klaren Giebelaufbau, ein rundbogiges Portal und eine durchbrochene Rosette. Der Innenraum ist dreischiffig und wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verändert.

Die heutige Gestalt ist deshalb Ergebnis verschiedener Bau- und Restaurierungsphasen. Romanischer Grundbestand, franziskanische Veränderungen und spätere Eingriffe stehen nebeneinander.

Das Crocifisso di Colonna

Das wichtigste Kultobjekt ist ein hölzernes Kruzifix des 15. Jahrhunderts. Der Christuscorpus zeigt eine auffällige Verletzung im Gesichtsbereich, die für die spätere Mirakelüberlieferung von zentraler Bedeutung wurde.

Das Kruzifix wird nicht lediglich als historisches Kunstwerk betrachtet. Seine Bedeutung entsteht aus der Verbindung von Objekt, Erzählung und wiederkehrendem Ritual. Gerade die sichtbare Beschädigung macht die Legende für den Pilger körperlich anschaulich.

Die Überlieferung vom Piratenüberfall

Nach der lokalen Tradition wurde das Kruzifix am 3. Mai 1480 bei einem Piratenüberfall aus der Kirche geraubt. Die Täter werden in späteren Fassungen als türkische Piraten, Sarazenen oder als Männer aus Dulcigno bezeichnet.

Einer der Angreifer habe dem Christusbild mit einer Klinge ins Gesicht geschlagen beziehungsweise die Nase verletzt. Aus der Wunde sei Blut geflossen. Erschrocken hätten die Piraten das Kruzifix ins Meer geworfen, von wo es wieder zur Küste gelangt beziehungsweise dort aufgefunden worden sei.

Mirakelüberlieferung und sichtbare Beschädigung

Die Verletzung des heute erhaltenen Kruzifixes ist tatsächlich sichtbar. Dass genau diese Beschädigung beim behaupteten Überfall des Jahres 1480 entstand und dabei Blut austrat, gehört jedoch zur religiösen Überlieferung und ist nicht durch einen zeitgenössischen Bericht gesichert.

Für die Kultgeschichte ist gerade die Verbindung von materiellem Befund und Erzählung entscheidend. Die sichtbare Wunde am Holz macht die Legende dauerhaft präsent und lässt sie für den Pilger glaubhaft erscheinen, ohne dass daraus ein historischer Beweis für jedes Detail der Erzählung folgt.

Eine frühe schriftliche Fassung im 17. Jahrhundert

Die Überlieferung ist jedenfalls keine moderne Erfindung. Der Franziskaner Bonaventura da Fasano veröffentlichte 1656 in seinen Memorabilia Minoritica Provinciae S. Nicolai bereits eine Geschichte des verehrten Kruzifixes. Er berichtet von Verwundungen des Bildes durch einen "Turco" und von Blut, das aus den verletzten Stellen gekommen sei.

Damit ist der Kern der Mirakelerzählung spätestens Mitte des 17. Jahrhunderts schriftlich fassbar. Zwischen dem behaupteten Ereignis von 1480 und dieser Niederschrift liegen zwar mehr als 170 Jahre, doch zugleich ist damit eine bereits fest etablierte frühneuzeitliche Kulttradition dokumentiert.

Ein sicherer historischer Wallfahrtsnachweis

Besonders wichtig ist Bonaventuras Hinweis auf den starken Zulauf der Gläubigen. Er beschreibt einen magnus populorum concursus, also ein großes Zusammenströmen des Volkes, zum verehrten Kruzifix.

Damit ist Santa Maria di Colonna eindeutig als historischer Wallfahrtsort belegt. Die Menschen kamen nicht nur gelegentlich zur Klosterkirche, sondern das Crocifisso zog eine größere Zahl von Verehrern an.

Freitage und Passionszeit

Der frühe Kult konzentrierte sich nicht ausschließlich auf den 3. Mai. Bonaventura da Fasano erwähnt besonderen Zulauf an Freitagen und während des Monats März. Diese Termine weisen deutlich in die Richtung einer franziskanisch geprägten Passionsfrömmigkeit.

Der Freitag erinnert an den Tod Christi, die Wochen vor Ostern an die Passion. Das Kruzifix wurde also offenbar regelmäßig in einem liturgischen und jahreszeitlichen Rhythmus verehrt, lange bevor das heutige große Meeresfest seine gegenwärtige Form erhielt.

Via Crucis und Kreuzfrömmigkeit

Die Franziskaner förderten traditionell die Betrachtung der Passion und die Verbreitung des Kreuzwegs. Auch Santa Maria di Colonna muss innerhalb dieses religiösen Umfeldes gesehen werden. Der verehrte Corpus wurde zum sichtbaren Zentrum einer Frömmigkeit, die Leiden, Tod und Erlösung Christi körperlich und emotional nachvollziehen wollte.

Das erklärt zugleich, weshalb die Beschädigung im Gesicht des Kruzifixes eine so starke religiöse Wirkung entwickeln konnte. Eine Verletzung des Bildes wurde sowohl als Angriff auf Holz verstanden als auch symbolisch als erneute Verletzung Christi.

1480 und Otranto

Die Tradition datiert den Piratenüberfall auf dasselbe Jahr, in dem Otranto von osmanischen Truppen erobert wurde. Diese zeitliche Nähe hat in späteren Darstellungen immer wieder zu gedanklichen Verbindungen geführt.

Eine direkte historische Beziehung zwischen dem behaupteten Angriff auf Santa Maria di Colonna und der osmanischen Otranto-Kampagne ist jedoch nicht nachgewiesen. Die spätere Bezeichnung der Täter als "Turchi di Dulcigno" oder türkische Piraten gehört zur Lokalüberlieferung und sollte nicht ohne weitere Quellen mit den Truppen von Otranto gleichgesetzt werden.

Das Meer als Erinnerungsraum

Die Piratenlegende macht das Meer zum zentralen Schauplatz des Kultes. Das Kruzifix wird aus der Kirche geraubt, über das Wasser fortgebracht, ins Meer geworfen und schließlich wieder zurückgewonnen. Die Bewegung des Objektes ist damit ebenso wichtig wie die angebliche Verletzung.

Genau diese räumliche Struktur wird im heutigen Hauptfest wieder aufgenommen. Das Kruzifix verlässt das Heiligtum, fährt über das Meer und erreicht den Hafen von Trani. Ritual und Legende folgen demselben Bewegungsmuster.

3. Mai - das Hauptfest

Der 3. Mai ist der traditionelle Festtag des Santissimo Crocifisso di Colonna. Das Datum gehört zum älteren Fest der Kreuzauffindung und verbindet sich in Trani zusätzlich mit der örtlichen Mirakelüberlieferung.

Der Festtag umfasst Gottesdienste, die feierliche Übertragung des Kruzifixes zum Meer, eine maritime Prozession, die Ankunft im Hafen und anschließend eine große Stadtprozession.

Die Einschiffung

Das Kruzifix wird vom Heiligtum zum Meer getragen und zunächst auf ein Boot gebracht. Anschließend übernimmt gewöhnlich ein größeres Fischerboot beziehungsweise Motopeschereccio den Transport in Richtung Hafen von Trani.

Die Einschiffung ist ein besonders eindrücklicher Übergang. Ein mittelalterliches Kruzifix, das sonst in einer Kirche verehrt wird, wird zum beweglichen Kultbild und verlässt das feste Heiligtum, um denselben Landschaftsraum zu durchqueren, der im Mittelpunkt seiner Legende steht.

Die Flotte der Begleitboote

Zahlreiche Fischer, Seeleute und Gläubige begleiten das Kruzifix mit ihren Booten. Dadurch entsteht eine schwimmende Prozession. Die Adria wird für kurze Zeit zum Prozessionsweg, vergleichbar mit einer Straße, auf der sonst Fahnen, Bruderschaften und Pilger ziehen.

Diese maritime Form unterscheidet Santa Maria di Colonna von vielen Binnenwallfahrten. Die religiöse Handlung ist unmittelbar in die Arbeitswelt der Fischer und Seeleute eingebettet.

Fischer und Seeleute als Träger der Tradition

Die Menschen des Meeres sind nicht bloß dekorative Begleiter des Festes. Sie gehören zu seinen wichtigsten Trägergruppen. Ihre Boote ermöglichen die Prozession, ihre Berufsidentität verbindet sich mit der Küstenlage des Heiligtums und mit der Erzählung vom Kruzifix im Meer.

Der Kult bildet damit eine Brücke zwischen kirchlicher Frömmigkeit und maritimer Arbeitswelt. Ein Fischerboot kann im Alltag Erwerbsgerät und am Festtag Träger eines Heiligenbildes sein.

Ankunft im Hafen von Trani

Im Hafen wird das Kruzifix von Geistlichkeit, Bruderschaften, Vertretern der Stadt und einer großen Menschenmenge erwartet. Die Ankunft ist einer der öffentlichen Höhepunkte des Festes.

Damit überschreitet der Kult erneut eine räumliche Grenze. Das außerhalb der Stadt gelegene Heiligtum kommt symbolisch in das Zentrum der städtischen Gemeinschaft.

Die Stadtprozession

Nach der Anlandung wird das Kruzifix durch Trani getragen. Der mittelalterliche Christuscorpus bleibt dabei sichtbar und bildet selbst den Mittelpunkt des Zuges.

Die Prozession verbindet Hafen, Straßen und Pfarrgemeinden mit dem Heiligtum von Colonna. Häuser, Balkone und öffentliche Plätze werden in die Festlandschaft einbezogen.

Das Kruzifix bleibt in der Stadt

Nach dem 3. Mai kehrt das Crocifisso nicht sofort in seine Kirche zurück. Es bleibt mehrere Tage in einer Pfarrkirche von Trani, wobei der Aufenthaltsort wechseln kann.

Dadurch entsteht eine Umkehrung der gewöhnlichen Wallfahrt. Nicht die Menschen müssen ausschließlich zum Heiligtum hinausgehen; das verehrte Bild kommt seinerseits in verschiedene Bereiche der Stadt.

Wenn das Kultbild die Menschen besucht

Diese Bewegung verstärkt die Vorstellung des Kruzifixes als Stadtprotektor. Der verehrte Christus verbleibt nicht an einem abgelegenen Ort, sondern wird für einige Tage Teil des alltäglichen städtischen Raumes.

Für ältere oder weniger mobile Menschen ermöglicht dieser Brauch eine unmittelbare Nähe zum Kultobjekt, ohne den Weg nach Capo Colonna zurücklegen zu müssen.

Rückkehr über Land

Am Ende des Aufenthaltes wird das Kruzifix in einer gemeinsamen Via Lucis zurück zum Heiligtum gebracht. Klerus, Pfarrgemeinden, Bruderschaften, kirchliche Gruppen und Gläubige begleiten den Weg.

Damit besitzt das Fest eine bemerkenswerte räumliche Symmetrie: Der Hinweg erfolgt über das Meer, der Rückweg über Land.

Meer und Land als Prozessionswege

Diese beiden Bewegungsformen verbinden das Heiligtum mit Trani auf unterschiedliche Weise. Das Meer erinnert unmittelbar an die Piraten- und Rückkehrlegende; der Landweg macht die Rückgabe des Kruzifixes an sein Heiligtum zu einer körperlich begangenen Gemeinschaftswallfahrt.

Der gesamte Festzyklus erschließt dadurch eine weite Kultlandschaft zwischen Halbinsel, Meer, Hafen, Stadt und Küstenweg.

Das Kruzifix als Stadtprotektor

Der Crocifisso di Colonna wurde nicht nur wegen seiner eigenen Mirakelgeschichte verehrt. Historische Berichte zeigen, dass es bei allgemeinen Notlagen der Stadt in Prozession getragen wurde.

Besonders aufschlussreich sind Bittgänge wegen anhaltender Trockenheit. Kapitel, Ordensleute und Bevölkerung baten die Franziskaner, das Kruzifix herauszubringen und gemeinsam um Regen zu beten. Damit weitete sich seine Funktion vom verehrten Wunderbild zum Schutzobjekt der gesamten Gemeinschaft.

Regenbitte und Landwirtschaft

Für eine Küstenstadt wie Trani war das Meer wirtschaftlich wichtig, doch auch das landwirtschaftliche Umland war von ausreichenden Niederschlägen abhängig. Dürre bedrohte Ernten, Vieh und Versorgung.

Die Prozession des Kruzifixes bei Regenmangel zeigt, dass religiöse Schutzfunktionen nicht an den ursprünglichen Anlass eines Kultes gebunden bleiben. Ein Bild, dessen Legende vom Meer erzählt, konnte ebenso bei agrarischen Krisen angerufen werden.

Votivwesen

Wo Menschen ein verehrtes Kruzifix um Hilfe bei Krankheit, Gefahr, Seefahrt oder Dürre anrufen, entstehen regelmäßig Formen des Dankes. Historische Nachrichten und kirchliche Inventare weisen auf Votivgaben und wertvolle Stiftungen hin, auch wenn der Bestand im Laufe der Jahrhunderte durch Plünderung, Umnutzung und Verluste verändert wurde.

Für die Wallfahrtsforschung sind solche Gaben wichtig, weil sie individuelle Erfahrungen materialisieren. Schmuck, Bilder oder andere gestiftete Gegenstände können an überstandene Gefahren erinnern und zugleich den Reichtum eines Kultes sichtbar machen.

Reliquien des Papstes Stephan I.

Neben dem Kruzifix besaß Santa Maria di Colonna zeitweise auch eine bedeutende Reliquientradition. Im Kloster wurden Reliquien des Papstes und Märtyrers Stephan I. verehrt. Ein wertvoller Altar stand mit diesem Kult in Verbindung.

Die Reliquien blieben bis ins 17. Jahrhundert in Colonna und wurden später übertragen. Damit besaß der Ort zeitweise zwei unterschiedliche Formen sakraler Anziehungskraft: einen Reliquienkult und die Verehrung des Crocifisso.

Warum heißt die Kirche Santa Maria di Colonna?

Der mittelalterliche Name Santa Maria di Colonna ist älter als der später dominierende Kreuzkult. Eine lokale Tradition verbindet das Patrozinium mit einem Marienbild an beziehungsweise auf einer Säule. Die genaue Frühgeschichte dieses Bildes ist jedoch weniger gut dokumentiert als die Geschichte des Kruzifixes.

Der Kirchenname blieb erhalten, obwohl die Wallfahrt später immer stärker vom Crocifisso geprägt wurde. Gerade diese Überlagerung zeigt, dass sich Heiligtümer im Lauf ihrer Geschichte verändern können, ohne ihre älteren Patrozinien aufzugeben.

Von der Marienkirche zum Kreuzheiligtum

Ein solcher Funktionswandel ist religionsgeschichtlich keineswegs ungewöhnlich. Ein Kloster kann unter einem bestimmten Patrozinium gegründet werden und später durch ein anderes Kultobjekt überregionale Bedeutung gewinnen.

In Santa Maria di Colonna wurde das mittelalterliche Marienpatrozinium zum Rahmen einer frühneuzeitlichen Kreuzwallfahrt. Die beiden Schichten bestehen bis heute nebeneinander.

Klosteraufhebung und neue Nutzungen

Mit der Aufhebung beziehungsweise Säkularisierung der Ordensgemeinschaften endete die klassische franziskanische Klosterzeit. Teile der Anlage gingen in öffentliche Hand über und erhielten neue Funktionen.

Der ehemalige Klosterkomplex diente zeitweise als Lazarett, Kaserne und später auch als Ferien- beziehungsweise Erholungseinrichtung. Heute wird er teilweise für kulturelle Veranstaltungen verwendet.

Der Kult überlebt den Funktionswechsel

Dabei zeigt sich, dass die Wallfahrt den institutionellen Wandel des Klosters überstand. Die franziskanische Gemeinschaft verschwand aus dem historischen Alltag des Komplexes, das Crocifisso blieb jedoch verehrt.

Damit trennten sich Gebäudenutzung und Kultgeschichte. Ein ehemaliges Kloster kann säkularen Zwecken dienen, während die Kirche weiterhin religiöser Mittelpunkt bleibt.

Das Heiligtum als kirchliche Institution

Santa Maria di Colonna wird ausdrücklich als Santuario geführt. Die kirchliche Anerkennung bestätigt damit auch institutionell, was die historische Überlieferung bereits seit Jahrhunderten erkennen lässt: Der Ort besitzt eine über die gewöhnliche Pfarrfrömmigkeit hinausgehende Wallfahrtsfunktion.

Immaterielles Kulturerbe

Die Festa del Santissimo Crocifisso di Colonna wird von der Regione Puglia im Zusammenhang mit dem immateriellen Kulturerbe dokumentiert. Im Mittelpunkt stehen nicht nur das Kruzifix selbst, sondern die Gesamtheit der sozialen und religiösen Praktiken: Bootsfahrt, Prozession, Bruderschaften, Fischer, Familien, öffentliche Beteiligung und die Rückkehr des Bildes.

Damit wird sichtbar, dass der Kult nicht allein an einem historischen Objekt hängt. Er lebt vor allem durch Menschen, die jedes Jahr dieselben Aufgaben übernehmen und dadurch Wissen und Brauch weitergeben.

Das Kreuz kommt über das Meer in die Stadt

Die besondere Stärke des Festes liegt in seiner einfachen räumlichen Dramaturgie. Das Kreuz verlässt seinen abgelegenen Küstenort, fährt über das Meer in die Stadt, bleibt dort einige Tage bei den Menschen und kehrt anschließend über Land zurück.

Diese Bewegung bindet die alte Piratenlegende, die maritime Berufswelt und die heutige Stadtgemeinschaft zusammen. Eine jahrhundertealte Erzählung wird nicht lediglich vorgelesen, sondern durch den Weg des Kultbildes immer wieder räumlich aktualisiert.

Volkskundliche Bedeutung

Für die Volkskunde ist Santa Maria di Colonna ein besonders anschauliches Beispiel für die Verbindung von Kultobjekt, Mirakellegende und Ritual. Die sichtbare Verletzung am Kruzifix bildet den materiellen Anker einer Erzählung vom Angriff auf das Bild; das Meer ist der Schauplatz dieser Erzählung; die jährliche Prozession führt das Kruzifix wiederum genau durch diesen Raum.

Hinzu kommt die soziale Einbindung des Kultes. Fischer und Seeleute übernehmen zentrale Aufgaben bei der Meeresprozession, Bruderschaften und Pfarren organisieren die Stadtfeiern, und die gemeinsame Rückkehr über Land macht aus der Schlussphase des Festes eine körperlich begangene Wallfahrt.

Historisch ebenso wichtig ist die Wandelbarkeit des Kultes. Aus einer mittelalterlichen Marienkirche wurde ein franziskanisch geprägtes Kreuzheiligtum; das Kruzifix wurde sowohl bei der Erinnerung an das angebliche Wunder von 1480 verehrt als auch als Helfer bei Trockenheit und anderen allgemeinen Notlagen angerufen. Trotz Klosteraufhebung und mehrfacher Umnutzung des Gebäudekomplexes blieb diese Wallfahrt lebendig.

Quellen und Literatur

- Bonaventura da Fasano: Memorabilia Minoritica Provinciae S. Nicolai. Napoli, 1656.

- Ministero della Cultura, Catalogo Generale dei Beni Culturali: Dokumentation zur Chiesa e Monastero di Santa Maria di Colonna und zum Crocifisso di Colonna.

- Regione Puglia, Carta dei Beni Culturali: Dokumentation zur Festa del Santissimo Crocifisso di Colonna und zu den damit verbundenen sozialen und religiösen Praktiken.

- Arcidiocesi di Trani-Barletta-Bisceglie: liturgische und historische Dokumentationen zum Santuario Santa Maria di Colonna, zum Fest des Crocifisso und zur Via Lucis.

- Santuaritaliani.it: historische Dokumentation zum Santuario Santa Maria di Colonna und zum SS. Crocifisso.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher