| Wallfahrt: | Historische und gegenwärtig lebendige Marienwallfahrt mit mittelalterlichen Wurzeln. Die heutige Kultgestalt wurde besonders durch die Pestüberlieferung von 1690/91 geprägt. Hauptformen der Verehrung sind die Januarfeiern mit der Ölqueste Diana und den Fanòve sowie das große Patronatsfest am letzten Sonntag im April. |
| Status: | Historischer und lebendiger Marienwallfahrtsort; diözesanes Marienheiligtum. Maria Santissima della Vetrana ist Patronin von Castellana Grotte. |
| Kultzentrum: | Das spätmittelalterliche Marienbild auf einer Steinplatte, dessen Verehrung bereits vor der Pest von 1691 nachweisbar ist; dazu die Votivlampe, deren Öl in der Pestüberlieferung eine besondere Rolle spielt. |
| Ort: | Castellana Grotte, Metropolitanstadt Bari. |
| Region: | Apulien. |
| Land: | Italien. |
| • | Santuario Maria Santissima della Vetrana, Castellana Grotte BA, Italien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Das Heiligtum wird von Franziskanern betreut und ist ganzjährig liturgisch genutzt. Besonders starke Wallfahrt besteht im Januar und zum Patronatsfest am letzten Sonntag im April. |
| • | Die berühmten Grotten von Castellana gehören nicht zur Entstehungsgeschichte des Wallfahrtsortes. Der Marienkult ist wesentlich älter als die moderne Erschließung der Karsthöhlen und die spätere Ergänzung "Grotte" im Ortsnamen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen des Heiligtums, das Gnadenbild auf der Steinplatte, Details des Jesuskindes mit dem Buch "Ego sum lux mundi", der heutige und der frühere Standort der Ikone, Votivlampe und Lampenöl, ältere Votivgaben und Kronen, Kloster und Kreuzgang, die nächtliche Diana in den Ölmühlen, Ölspenden, Aufbau und Abbrennen der Fanòve, gemeinschaftliches Essen und Musizieren an den Feuern, die Januarprozession, die Processione di venuta und die Processione di Gala im April, die zahlreichen mitgeführten Heiligenfiguren sowie die symbolische Übergabe des Stadtschlüssels an die Patronin.
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Maria Santissima della Vetrana gehört zu jenen Wallfahrtsorten, deren heutige Berühmtheit mit einem dramatischen frühneuzeitlichen Ereignis verbunden ist, deren eigentliche Kultgeschichte jedoch wesentlich weiter zurückreicht. Die Pestüberlieferung von 1690/91 bildet den entscheidenden Wendepunkt, doch bereits Jahrhunderte zuvor bestand an derselben Stelle eine Marienkirche mit einem verehrten Bild.
Die Wallfahrt lässt sich deshalb nicht auf die Erinnerung an eine Epidemie reduzieren. Mittelalterliche Marienverehrung, frühneuzeitliche Heilungs- und Schutzvorstellungen, franziskanische Betreuung, Pestgelübde, Votivlampe, Ölspenden, Feuerbräuche und große Patronatsprozessionen haben sich übereinandergelegt und bilden gemeinsam die heutige Kultlandschaft.
Eine Urkunde von 1176 erwähnt eine Kirche Santa Maria di Castellano. Spätere Bezeichnungen lauten Santa Maria Veterana beziehungsweise Vetrana. Damit ist für den Ort bereits im 12. Jahrhundert eine Marienkirche greifbar.
Der ursprüngliche Bau war kleiner als das heutige Heiligtum. Seine frühe Geschichte ist nur lückenhaft überliefert, doch der Kultplatz bestand lange vor dem großen Pestgelübde.
Das Heiligtum datiert das verehrte Marienbild an das Ende des 14. Jahrhunderts. Es ist auf eine Steinplatte gemalt und somit mehrere Jahrhunderte älter als die Pestereignisse des späten 17. Jahrhunderts.
Diese Datierung ist für die gesamte Kultgeschichte entscheidend. Maria della Vetrana wurde nicht erst während einer Epidemie neu dargestellt; vielmehr erhielt ein bereits vorhandenes und verehrtes Bild durch die Pestüberlieferung eine neue und erheblich stärkere Schutzfunktion.
Das Bild zeigt Maria mit dem Jesuskind. Besonders auffällig ist das Buch, das Christus trägt. Darauf steht die Aussage "Ego sum lux mundi" - "Ich bin das Licht der Welt".
Dieses Bilddetail entstand lange vor den späteren Feuerbräuchen. Im heutigen Kult lässt es sich jedoch leicht mit dem Licht der Fanòve verbinden. Solche nachträglichen Bedeutungsverschiebungen sind typisch für lebendige Wallfahrtsorte: Ein älteres Kunstwerk erhält durch neue historische Erfahrungen zusätzliche Deutungsschichten.
Der Name wird historisch meist mit "Veterana" verbunden, also mit der "alten" Marienkirche. Im Lauf der Zeit wurde daraus im Sprachgebrauch Vetrana.
Daneben entstanden volkstümliche Erklärungen, die den Namen mit Krankheiten oder lokalen Dialektbezeichnungen in Verbindung brachten. Gerade nach der Ausbildung des Pestschutzkultes lag eine solche volksetymologische Umdeutung nahe.
Im späten 16. Jahrhundert wurde die damals bereits alte und teilweise verfallene Kirche erneuert. Die lokale Überlieferung verbindet diese Wiederherstellung mit Adriano Acquaviva d'Aragona, Graf von Conversano, dessen Familie eine schwere Erkrankung überstanden habe.
Damit existiert schon vor 1691 eine Heilungs- und Dankdimension des Marienkultes. Die spätere Pestwallfahrt fiel also auf einen Ort, an dem Maria bereits als Helferin angerufen wurde.
Ende 1690 breitete sich eine schwere ansteckende Krankheit in Castellana aus. Notarielle Akten nennen den Beginn des "morbo contagioso" am 23. Dezember 1690 und dokumentieren bis zum 11. Januar 1691 zweiundzwanzig Todesfälle.
Damit besitzt die Kultgeschichte einen selten klaren historischen Rahmen. Die Epidemie ist keine erst viel später erfundene Legende, sondern durch zeitnahe Dokumente belegt. Religiöse Deutung und historischer Krankheitsausbruch lassen sich deshalb besonders gut voneinander unterscheiden.
Im Mittelpunkt der Wallfahrtsüberlieferung stehen die Priester Giuseppe Gaetano Lanera und Giosafat Pinto. In der Nacht vom 11. auf den 12. Januar 1691 sollen sie im Gebet die Gewissheit erhalten haben, Maria Santissima della Vetrana werde Castellana von der Seuche befreien.
Die Bevölkerung wandte sich daraufhin verstärkt an die Madonna. Dass nach dem 11. Januar keine weiteren Pesttoten mehr verzeichnet worden seien, wurde als unmittelbare Erhörung der Gebete verstanden.
Ein besonders charakteristisches Element der Überlieferung ist das Öl aus der Lampe, die vor dem Marienbild brannte. Nach der religiösen Tradition wurde dieses Öl auf Pestbeulen beziehungsweise erkrankte Körperstellen aufgetragen.
Die berichteten Genesungen wurden der Fürsprache Mariens zugeschrieben. Eine medizinische Wirksamkeit des Lampenöls lässt sich daraus nicht ableiten. Für die Wallfahrtsforschung ist dagegen entscheidend, wie ein alltäglicher Stoff - Olivenöl - durch seine Nähe zum Kultbild eine neue religiöse Bedeutung erhielt.
Das Lampenöl ist ein klassisches Beispiel von Kontaktfrömmigkeit. Es befindet sich unmittelbar beim verehrten Bild, wird dort durch das dauernde Brennen der Lampe rituell aufgeladen und anschließend vom Kultort zum Körper des Kranken gebracht.
Der Pilger muss das Bild nicht selbst berühren. Das Öl übernimmt die Funktion eines übertragbaren Kontaktmediums zwischen Heiligtum und Mensch.
Die notariellen Quellen belegen Epidemie und frühe Dankverehrung. Die Aussage, Maria habe die Pest auf wunderbare Weise beendet, gehört dagegen zur religiösen Interpretation der Bevölkerung.
Diese Unterscheidung mindert die Bedeutung des Kultes nicht. Gerade die kollektive Deutung ist für seine Entstehung entscheidend: Die Gemeinde glaubte, gerettet worden zu sein, und verpflichtete sich deshalb zu dauerhafter Dankbarkeit.
Nach der überlieferten Befreiung von der Seuche wurde beschlossen, die ältere Kirche zu erneuern und zu vergrößern. Die Bevölkerung beteiligte sich selbst an den Arbeiten, die rasch vorangingen.
Damit kann der Kirchenbau selbst als kollektive Votivgabe verstanden werden. Nicht nur Einzelpersonen stifteten Kerzen oder Schmuck; eine ganze Stadt erfüllte ihr Gelübde durch die Erneuerung des Heiligtums.
Ein notarieller Akt vom 29. April 1691 regelte bereits wenige Monate nach der Epidemie eine dauerhafte Dankfeier. Jedes Jahr sollte am letzten Sonntag im April ein Fest zu Ehren der Madonna begangen und eine entsprechende Gabe geleistet werden.
Damit besitzt die Festa d'Aprile eine ungewöhnlich klare historische Grundlage. Sie ist kein später eingeführtes Volksfest, sondern geht auf ein unmittelbar nach der Pest formuliertes städtisches Dankgelübde zurück.
Bis heute besitzt die Wallfahrt zwei große Festzeiten. Im Januar steht die unmittelbare Erinnerung an die Pest und ihre überlieferte Beendigung im Mittelpunkt. Das Aprilfest erneuert dagegen das im Jahr 1691 festgelegte jährliche Dankgelübde.
Beide Feste erinnern somit an dasselbe historische Geschehen, tun dies aber in unterschiedlicher Form: Januar durch Öl, Feuer und Pestgedächtnis; April durch feierliche Patronatsprozessionen und die öffentliche Erneuerung der Beziehung zwischen Stadt und Madonna.
Die Lampe beim Marienbild blieb eines der wichtigsten Kultobjekte. Sie bewahrt die Erinnerung an das Öl, das nach der Überlieferung während der Pest auf die Kranken aufgetragen wurde.
Damit besitzt die Wallfahrt neben dem Gnadenbild ein zweites materielles Zentrum. Die Lampe ist nicht bloß Beleuchtung, sondern ein dauerhaftes Gedächtnisobjekt.
Das Öl für diese Lampe wird traditionell nicht einfach als gewöhnlicher Betriebsstoff beschafft. Menschen und Ölmühlen des Gebietes beteiligen sich durch Spenden daran.
Der regionale Olivenanbau wird dadurch unmittelbar mit dem Wallfahrtskult verbunden. Ein Produkt der alltäglichen Landwirtschaft wird zur religiösen Gabe und versorgt das ganze Jahr hindurch das Licht vor der Patronin.
Besonders charakteristisch ist die sogenannte Diana. In den frühen Morgenstunden ziehen Teilnehmer, begleitet von Musik, zu den Ölmühlen und sammeln dort Öl für die Lampe der Madonna.
Diese Form der Queste macht aus der Ölversorgung ein Gemeinschaftsritual. Jede beteiligte Ölmühle wird Teil der Wallfahrt, und das Heiligtum erhält sein Lampenöl sichtbar aus der lokalen Wirtschaft und Bevölkerung.
Die Diana verbindet Bewegung, Musik, Arbeit und Gabe. Die Teilnehmer verlassen noch vor Tagesanbruch den Ort, suchen die Produktionsstätten des Olivenöls auf und bringen das Gesammelte schließlich zum Heiligtum.
Der Brauch zeigt beispielhaft, wie religiöse Feste weit über den Kirchenraum hinausreichen. Mühlen, Straßen und landwirtschaftliche Produktion werden in das Ritual einbezogen.
Der Sinn der Ölspende liegt nicht nur im praktischen Brennstoff. Das neue Öl erinnert jedes Jahr an jenes Lampenöl, das nach der Pestüberlieferung von 1691 mit Heilung verbunden wurde.
Damit wird ein einmaliges Mirakelmotiv in eine dauerhaft wiederholte Gabe übersetzt. Die Vergangenheit wird jedes Jahr materiell erneuert.
Am Abend des 11. Januar werden in Castellana und seiner Umgebung zahlreiche große Feuer entzündet, die Fanòve. Das erste Feuer wird beim Heiligtum entzündet; danach brennen Feuer in verschiedenen Vierteln und im Umland.
Die Fanòve gehören zu den charakteristischsten Bestandteilen des Festes und machen das Pestgedächtnis im gesamten Stadtgebiet sichtbar.
Die lokale Tradition erklärt die Feuer mit dem Verbrennen von Kleidern und Gegenständen, die während der Pest mit Kranken oder Verstorbenen in Berührung gekommen waren. Ob die heutige Form der Fanòve unmittelbar auf konkrete Reinigungsfeuer des Jahres 1691 zurückgeht, lässt sich nicht in allen Einzelheiten belegen.
Sicher ist jedoch, dass das Feuer heute ausdrücklich als Erinnerung an die Pest und die Rettungserzählung verstanden wird. Der Brauch gehört damit fest zur religiösen Gedächtniskultur des Ortes.
Die Fanòve konzentrieren sich nicht auf einen einzigen großen Scheiterhaufen beim Heiligtum. Verschiedene Viertel, Gruppen und Familien errichten eigene Feuer.
Dadurch verteilt sich der Kult über die gesamte Stadt. Jede Feuerstelle wird zu einer kleinen Außenstation der Dankfeier.
An den Fanòve wird gemeinsam gegessen, getrunken, musiziert und erzählt. Solche Formen sind kein nebensächlicher weltlicher Zusatz zur religiösen Feier, sondern Bestandteil der sozialen Weitergabe des Brauches.
Menschen verschiedener Generationen verbringen Zeit miteinander, Kinder lernen die Bedeutung des Feuers kennen, Lieder und Erinnerungen werden weitergegeben. Das Pestgedächtnis bleibt dadurch nicht auf liturgische Texte beschränkt.
Nach der Feuernacht wird das Marienbild in feierlicher Prozession vom Heiligtum in die Stadt gebracht. Dort bleibt es mehrere Tage und kann auch verschiedene Pfarrgemeinden besuchen.
Damit kehrt sich die gewöhnliche Richtung der Wallfahrt um. Nicht nur die Menschen gehen zur Madonna; die Madonna kommt ihrerseits zu den Menschen.
Die zeitweilige Anwesenheit des Bildes in verschiedenen Kirchen erweitert den Kult räumlich. Jede Pfarrgemeinde erhält die Möglichkeit, die Patronin unmittelbar aufzunehmen.
Diese Bewegung stärkt die Vorstellung, Maria sei Schutzpatronin der gesamten Stadt und nicht bloß Eigentum eines außerhalb gelegenen Heiligtums.
Am letzten Sonntag im April findet das große Patronatsfest statt. Es geht unmittelbar auf das Gelübde von 1691 zurück und gehört damit zu den ältesten dauerhaft dokumentierten Festformen der Wallfahrt.
Die Festa d'Aprile besitzt einen deutlich repräsentativeren Charakter als die Januartage. Neben Gottesdiensten und Gebeten treten große Prozessionen, Musik, Bruderschaften, Heiligenfiguren und städtische Zeremonien.
Zu Beginn des Aprilfestes wird das Marienbild vom Heiligtum in die Stadt gebracht. Diese Processione di venuta wiederholt die grundlegende Bewegung des Januarrituals, erhält im Frühjahr aber einen besonders feierlichen öffentlichen Rahmen.
Die Ankunft der Madonna in Castellana ist damit ein wiederkehrendes Motiv beider großen Festzeiten.
Zu den auffälligsten Bestandteilen des Aprilfestes gehört die Processione di Gala. Dabei ziehen zahlreiche Heiligenfiguren aus Kirchen und Bruderschaften der Stadt gemeinsam durch Castellana, bevor die Patronin den Zug abschließt.
Die Prozession zeigt gewissermaßen die gesamte lokale Heiligenlandschaft. Jeder Kult besitzt seine eigene Figur und seine eigene Gemeinde, doch im Patronatsfest ordnen sich diese unterschiedlichen Traditionen in eine gemeinsame städtische Repräsentation ein.
Die Vielzahl der mitgetragenen Heiligenbilder vermittelt den Eindruck eines sakralen Hofstaates. Maria Santissima della Vetrana erscheint nicht isoliert, sondern inmitten der Heiligen, die in den einzelnen Kirchen Castellanas verehrt werden.
Für die Volkskunde ist diese Zusammenführung besonders wertvoll, weil sie in einer einzigen Prozession sichtbar macht, welche Kulte und Bruderschaften innerhalb der Stadt religiöse Bedeutung besitzen.
Im Rahmen des Patronatsfestes wird der Madonna symbolisch der Schlüssel der Stadt übergeben. Dieses Ritual drückt aus, dass Castellana sich unter ihren Schutz stellt.
Der Schlüssel ist ein politisches und kommunales Herrschaftssymbol. Seine Übergabe an ein Kultbild verwandelt die Patronin symbolisch in die höchste Beschützerin der Stadt.
Im 18. Jahrhundert wurde auch der unmittelbare Standort der Ikone verändert. 1727 nahm man die Steinplatte aus einer älteren kleinen Ädikula und brachte sie an die Wand hinter dem Hochaltar.
Der frühere Standort blieb im Kirchenraum durch eine Inschrift beziehungsweise eine Markierung im Boden erinnerbar. Damit besitzt das Heiligtum neben dem aktuellen Kultplatz auch einen materiell nachvollziehbaren älteren Bildstandort.
Solche Ortswechsel sind für die Geschichte eines Gnadenbildes wichtig. Das Bild bleibt dasselbe, doch seine architektonische Inszenierung verändert sich. Vom älteren kleinen Kultplatz gelangt es in einen repräsentativeren Hochaltarzusammenhang.
Die Versetzung zeigt zugleich, wie stark das Heiligtum nach der Pestwallfahrt gewachsen war.
Schon wenige Jahre nach dem Wiederaufbau wurde das Heiligtum Franziskanern der Alcantariner-Observanz anvertraut. Das Gründungsdekret für das Kloster stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert; kurz darauf übernahmen die Brüder die Betreuung von Kirche und Wallfahrt.
Die Alcantariner gehörten zu einer besonders strengen Reformrichtung des Franziskanerordens. Ihre Anwesenheit verband Marienverehrung, Bußfrömmigkeit, Beichte und Pilgerbetreuung.
Damit besteht eine interessante Parallele zu Santa Maria del Pozzo in Capurso, wo Alcantariner ebenfalls eine entscheidende Rolle beim Ausbau eines rasch wachsenden Wallfahrtsortes spielten.
Beide Heiligtümer zeigen, wie franziskanische Reformorden in Apulien lokale Mirakel- und Marienkulte institutionell stabilisierten und dauerhaft betreuten.
Ein Wallfahrtsort mit großem Besucherzustrom benötigte regelmäßige Gottesdienste, Beichtgelegenheiten, Unterkunft und Verwaltung. Das Kloster schuf dafür eine dauerhafte Infrastruktur.
Die Franziskaner prägten nicht nur den Kirchenraum, sondern auch die Art der Pilgerbetreuung und die liturgische Ordnung der Feste.
Im 19. Jahrhundert trafen die staatlichen Ordensaufhebungen auch das Kloster bei Maria della Vetrana. Die institutionelle Geschichte wurde dadurch unterbrochen, der Kult selbst blieb jedoch bestehen.
Im 20. Jahrhundert erhielten die Franziskaner Kirche und Kloster wieder dauerhaft zur Betreuung. Heute wird das Heiligtum weiterhin von Frati Minori geführt.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Maria Santissima della Vetrana ausdrücklich als diözesanes Marienheiligtum anerkannt. Damit erhielt ein seit Jahrhunderten bestehender Wallfahrtsort auch formell einen entsprechenden kirchlichen Status.
Diese moderne Anerkennung begründet den Kult nicht erst, sondern bestätigt eine sehr viel ältere Wallfahrtstradition.
Der heutige Ortsname Castellana Grotte kann leicht den Eindruck erwecken, das Marienheiligtum stehe in Verbindung mit den berühmten Karsthöhlen. Das ist nicht der Fall.
Die großen Grotten wurden erst im 20. Jahrhundert systematisch erschlossen, und der Zusatz "Grotte" wurde dem Ortsnamen wesentlich später beigegeben. Der Marienkult, die mittelalterliche Kirche, das Gnadenbild und die Pestwallfahrt sind Jahrhunderte älter.
Maria Santissima della Vetrana ist daher kein Höhlen- oder Grottenheiligtum. Die Namensähnlichkeit entsteht ausschließlich durch den modernen Ortsnamen.
Für die Wallfahrtsgeschichte entscheidend sind stattdessen Kirche, Gnadenbild, Öl, Feuer und die Wege zwischen Heiligtum und Stadt.
Die besondere innere Geschlossenheit des Kultes lässt sich in vier Begriffen zusammenfassen. Das mittelalterliche Bild bildet den Ausgangspunkt. Das Öl der Votivlampe wird in der Pestüberlieferung zum Träger von Heilung. Das Feuer der Fanòve bewahrt die Erinnerung an die Seuche. Schließlich trägt die Prozession das Bild in die Stadt, deren Schutzpatronin Maria geworden ist.
Diese Elemente sind nicht zufällig nebeneinandergestellt. Sie bilden eine Kette von materiellen und räumlichen Beziehungen, die jedes Jahr wiederholt wird.
Für die Volkskunde ist Maria Santissima della Vetrana besonders reich, weil hier eine historisch dokumentierte Epidemie in ein dauerhaftes System von Ritualen übersetzt wurde. Das Lampenöl erinnert an die überlieferten Heilungen, die Diana sammelt neues Öl, die Fanòve verwandeln das Pestgedächtnis in ein stadtweites Feuerfest, und die Prozessionen bringen die Patronin aus dem Heiligtum zu den Menschen.
Ebenso wichtig ist die soziale Dimension. Ölmühlen geben Öl, Nachbarschaften errichten Feuer, Familien kochen und essen gemeinsam, Musiker begleiten die Diana, Bruderschaften tragen Heiligenfiguren, und die Stadt übergibt symbolisch ihren Schlüssel. Die Wallfahrt wird dadurch sowohl im Kirchenraum als auch in Wirtschaft, Nachbarschaft und kommunaler Repräsentation verankert.
Schließlich zeigt der Ort eine bemerkenswerte historische Kontinuität. Ein mittelalterliches Marienbild erhielt im 17. Jahrhundert eine neue Schutzfunktion, ohne seine ältere Identität zu verlieren. Die Pest von 1691 wurde zum Wendepunkt, aber nicht zum Anfang der Verehrung. Gerade diese Verbindung von älterem Kultbild und jüngerer Krisenerfahrung erklärt die besondere Dauerhaftigkeit der Wallfahrt.
- Santuario Maria Santissima della Vetrana, Castellana Grotte: historische Dokumentationen zu Kult, Gnadenbild, Pestüberlieferung, Festa di Gennaio, Festa d'Aprile, Fanòve und franziskanischer Betreuung.
- Comune di Castellana Grotte: Dokumentationen zur Geschichte des Heiligtums, zur Notte delle Fanòve und zu den städtischen Festtraditionen.
- Regione Puglia: Dokumentationen zu den Fanòve und zu den "Giorni del Fuoco" als lebendiger Fest- und Erinnerungstradition.
- Historische notarielle Überlieferung von Castellana: Akten zum "morbo contagioso" von 1690/91 und zum jährlichen Dankgelübde vom 29. April 1691.
- Lokale historische Forschungen und Dokumentationen zu Santa Maria Veterana, zur Diana, zum Pestgedächtnis und zur Festa d'Aprile.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher