| Wallfahrt: | Lebendige überregionale Marienwallfahrt, deren heutige Kultgeschichte mit der Heilungs- und Fundüberlieferung des Jahres 1705 verbunden ist. Der Wallfahrtsort umfasst die große Basilika mit dem verehrten Marienbild sowie die Brunnenkapelle am ursprünglichen Fundort des Bildes. |
| Status: | Historischer und gegenwärtig lebendiger Marienwallfahrtsort mit regionalem und überregionalem Einzugsgebiet; Hauptpatronin von Capurso und Basilica minor seit dem 19. Jahrhundert. |
| Kultzentrum: | Das 1705 im Pozzo di Santa Maria aufgefundene Marienbild in der Basilika sowie der ursprüngliche Brunnen mit dem bis heute von Pilgern getrunkenen Wasser; dazu eine ausgeprägte Votiv-, Prozessions- und Festtradition. |
| Ort: | Capurso bei Bari. |
| Region: | Apulien. |
| Land: | Italien. |
| • | Reale Basilica Santuario Madonna del Pozzo, Via Madonna del Pozzo, 70010 Capurso BA, Italien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Die Basilika ist ganzjährig liturgisch genutzt. Die Brunnenkapelle wird besonders in der wärmeren Jahreszeit aufgesucht; von Mai bis Oktober finden dort regelmäßig Feiern statt, bei größeren Wallfahrtssamstagen auch als gemeinsamer Pilgergang von der Basilika zum Pozzo. |
| • | Besonders starker Pilgerzustrom besteht um die Festa Grande am letzten Sonntag im August, an den Tagen der kanonischen Krönung im Mai sowie bei weiteren Marienfesten. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.
Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen der Reale Basilica, das verehrte Marienbild in der Cona des Hochaltars, die Brunnenkapelle und der Pozzo di Santa Maria, das Trinken des Brunnenwassers, die Stelle des ursprünglichen Wandbildes, die zehn historischen Mirakelbilder, die Sala degli ex voto, große Votivkerzen, Pilgerkompanien, Festkronen, Fiaccolata, Carro Trionfale mit den als Engel gekleideten Mädchen sowie die Bisceglieser Gläubigen beim Ziehen des Wagens mit den schweren Tauen.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Die Madonna del Pozzo von Capurso gehört zu den süditalienischen Wallfahrtskulten, bei denen sich der Ursprung der Verehrung besonders anschaulich in der heutigen Landschaft ablesen lässt. Das verehrte Marienbild befindet sich in der großen Basilika, doch der ursprüngliche Fundort des Bildes, der Pozzo di Santa Maria, blieb als zweites Kultzentrum erhalten. Die Wallfahrt verteilt sich dadurch auf zwei räumlich getrennte, aber inhaltlich eng miteinander verbundene Orte: auf die Basilika als liturgisches und repräsentatives Zentrum sowie auf die Brunnenkapelle als Erinnerungsort der Heilungs- und Fundüberlieferung.
Für die Volkskunde ist diese Zweiteilung besonders aufschlussreich. Das Bild wurde aus dem Brunnen herausgenommen und in eine Kirche übertragen, das Wasser aber blieb am ursprünglichen Ort. Der Kult verlagerte sich also nicht vollständig, sondern behielt eine räumliche Spannung zwischen Bild und Wasser. Pilger können bis heute beide Stationen aufsuchen und damit gleichsam die Entstehungsgeschichte der Wallfahrt körperlich nachvollziehen.
Am Beginn der heutigen Wallfahrt steht Don Domenico Tanzella, ein Priester aus Capurso. Nach der Überlieferung war er im Jahr 1705 schwer erkrankt und galt medizinisch als kaum mehr heilbar. In einer nächtlichen Vision soll ihm die Gottesmutter erschienen sein und angekündigt haben, er werde genesen, wenn er Wasser aus einem alten, bereits als Pozzo di Santa Maria bezeichneten Brunnen trinke und sich verpflichte, eine Kirche mit einem angeschlossenen Franziskanerkloster zu errichten.
Seine Angehörigen holten Wasser aus dem bezeichneten Brunnen, und Tanzella trank davon. Die religiöse Tradition erzählt von einer unmittelbaren und vollständigen Genesung. Historisch sicher ist, dass der Brunnen bereits vor 1705 bestand und unter dem Namen Santa Maria bekannt war; ob sein Wasser schon vor der Tanzella-Erzählung als besonders heilsam galt, lässt sich weniger eindeutig fassen. Der spätere Kult baut jedoch ausdrücklich auf der Vorstellung auf, dass die Gottesmutter selbst dieses Wasser als Mittel der Heilung bezeichnet habe.
Der alte Brunnen lag außerhalb des damaligen Ortskerns auf dem Weg nach Noja, dem heutigen Noicattaro. Er war etwa zehn Meter tief und führte zur Zeit des berichteten Bildfundes nur wenig Wasser. Der Brunnen gehörte zum Besitz des örtlichen Kapitels und war somit kein erst im Zuge der Wallfahrt geschaffener Schacht, sondern Teil einer älteren lokalen Infrastruktur.
Gerade dieser Umstand erklärt, warum die Gründungsgeschichte nicht von einem neu gegrabenen Wunderbrunnen erzählt. Ein alltäglicher, bereits benannter Wasserort wird durch die Heilungs- und Fundüberlieferung zum sakralen Raum. Der Übergang vom gewöhnlichen Brunnen zum Wallfahrtsort vollzieht sich durch Erzählung, Bildfund und wiederholte Nutzung des Wassers.
Am letzten Sonntag im August 1705, dem 30. August, ging Tanzella gemeinsam mit seinem Bruder Lorenzo, Michelangelo Portincasa und Giambattista Converso zum Brunnen, um dem Grund der vorausgegangenen Heilung nachzugehen. Die Männer stiegen mit einer Leiter hinab. Nach der Überlieferung fielen dabei Kerzen ins Wasser, brannten aber dennoch weiter und ermöglichten die Untersuchung des Brunneninneren.
An der südlichen Wand entdeckten sie ein Marienbild auf dem Verputz. Die Wallfahrtstradition erzählt weiter, das Bild habe sich auf wunderbare Weise von der Wand gelöst, auf dem Wasser geschwommen und sei schließlich in die Arme Tanzellas gelangt. Diese Einzelheiten gehören zur religiösen Gründungsüberlieferung und können historisch nicht unabhängig bestätigt werden; der Aufstieg des Kultes unmittelbar nach 1705 ist dagegen gut dokumentiert.
In der älteren und bis heute weit verbreiteten Heiligtumsüberlieferung wird das aufgefundene Bild häufig als Werk "byzantinischen Stils" bezeichnet. Daraus entstand in touristischen Darstellungen gelegentlich die verkürzte Bezeichnung als byzantinische Ikone. Diese Formulierung ist jedoch problematisch, weil stilistische Anklänge keine Datierung in die byzantinische Epoche beweisen.
Die Gemeinde Capurso weist ausdrücklich darauf hin, dass anerkannte Kunsthistoriker das Bild dem 16. Jahrhundert zuordnen. Damit ist eine Entstehung im Umfeld des frühmittelalterlichen Bilderstreites, wie sie in späteren Erklärungsversuchen mit basilianischen Mönchen verbunden wurde, nicht belegt. Für die Kultgeschichte bleibt die Erinnerung an eine mögliche ältere Nutzung des unterirdischen Raumes interessant, darf aber nicht mit gesichertem kunsthistorischem Befund verwechselt werden.
Tanzella ließ das aufgefundene Bild zunächst in die Sakristei einer kleinen Kapelle bringen, die er auf eigenem Grund errichten ließ. Am 9. Februar 1706 wurde diese Kapelle gesegnet und unter dem Doppelpatrozinium Santa Maria del Pozzo und San Lorenzo Martire für den öffentlichen Gottesdienst geöffnet.
Damit begann die institutionelle Phase der Wallfahrt. Aus einer privaten Heilungserzählung wurde ein öffentlich zugänglicher Marienkult, der sich schnell über Capurso hinaus verbreitete. Die Verbindung von Heilwasser und Bildfund erleichterte diese Ausbreitung, weil sich zwei klassische Wallfahrtsmotive miteinander verbanden: die Hoffnung auf körperliche Hilfe und die Verehrung eines ungewöhnlich aufgefundenen Gnadenbildes.
Am 17. August 1714 übertrug Tanzella die Kapelle und die zugehörigen Güter mit notarieller Urkunde an die Franziskaner der strengen Alcantariner-Observanz. Die dauerhafte Niederlassung der Brüder zog sich noch einige Jahre hin, doch Anfang 1738 begann der Bau eines größeren Klosters und einer neuen Kirche.
Die Aufnahme des Kultes durch einen Orden bedeutete eine erhebliche Stabilisierung. Pilger mussten betreut, Gottesdienste regelmäßig gefeiert, Spenden verwaltet und Unterkünfte organisiert werden. Die Franziskaner machten aus dem rasch wachsenden lokalen Kult ein dauerhaftes Heiligtum.
Die Bauarbeiten am neuen Kirchen- und Klosterkomplex begannen 1738 nach Plänen des Bareser Architekten Giuseppe Sforza. Die Errichtung zog sich über mehrere Jahrzehnte hin. Das Marienbild wurde während dieser Zeit zunächst in einem provisorisch als Kirche eingerichteten Raum des Klosters verehrt.
Am 27. August 1778 wurde das Bild feierlich in die neue große Kirche übertragen und in der später reich ausgestalteten Cona des Hochaltars aufgestellt. Dieser Tag markiert den Übergang vom frühen Kapellenheiligtum zum repräsentativen Wallfahrtszentrum.
Der Kirchenbau besteht aus einem einschiffigen, durch große Pfeiler und Seitenkapellen gegliederten Raum. Lokaler Tuffstein und polychrome Marmorausstattung bestimmen den Gegensatz zwischen der relativ zurückhaltenden äußeren Architektur und dem reichen Innenraum. Der Hochaltar verbindet weißen, gelben und grünen Marmor und bildet den Rahmen für das Gnadenbild.
Die heutige Cona, also die monumentale architektonische Rahmung des Bildes, wurde im 19. Jahrhundert nach Entwürfen von Antonio Barletta und Raffaele Trinchese erneuert. Der Name Mariens erscheint in vergoldeten Elementen, Engelsköpfe und Wolkenformen unterstreichen die himmlische Inszenierung des Kultbildes.
Die Seitenaltäre spiegeln die Geschichte der Alcantariner. San Pasquale Baylon und San Pietro d'Alcantara erscheinen ebenso wie die Immacolata und die Madonna degli Angeli. Der Kirchenraum ist damit nicht ausschließlich auf das Gnadenbild konzentriert, sondern in eine franziskanische Frömmigkeitslandschaft eingebettet.
Auch die Geschichte des Klosters blieb mit der Wallfahrt verbunden. In einem Raum, der während der Bauzeit als provisorische Kirche diente, wurde Domenico Tanzella beigesetzt. Der Gründer der Wallfahrt blieb damit physisch innerhalb jenes Komplexes, dessen Entstehung auf seine Heilungs- und Fundüberlieferung zurückgeführt wurde.
Zur Ausstattung gehört eine Orgel mit achtzehn Registern, die zwischen 1836 und 1839 von Vito Michele Fraccascia aus Acquaviva delle Fonti gebaut wurde. Ihr Vorhandensein zeigt, dass sich das Heiligtum im 19. Jahrhundert längst zu einer liturgisch anspruchsvoll ausgestatteten Kirche entwickelt hatte.
Trotz der Übertragung des Bildes in die große Kirche verlor der Pozzo di Santa Maria seine Bedeutung nicht. Pilger suchten weiterhin den Ort auf, an dem Tanzella das Wasser getrunken und das Marienbild gefunden haben sollte. Der Brunnen blieb damit Erinnerungsort und eigenständiger sakraler Platz.
Diese Fortdauer ist religionsgeschichtlich besonders interessant. Normalerweise zieht das Gnadenbild die Wallfahrt vollständig an seinen neuen Standort. In Capurso aber überlebte neben dem Bild auch die Verehrung des ursprünglichen Fundortes, weil das Wasser selbst Teil der Heilungsüberlieferung war.
Über dem Pozzo wurde im 19. Jahrhundert eine eigene Kirche errichtet. Auf Initiative und mit Unterstützung König Ferdinands II. wurde am 9. Mai 1858 der Grundstein gelegt. Die schlichte einschiffige Kirche bewahrt den Brunnen im Inneren und schützt damit den ursprünglichen Kultort.
Hinter dem Altar weist eine Öffnung auf jene Stelle, an der sich das Marienbild nach der Überlieferung vom Verputz gelöst haben soll. Daneben befindet sich ein gemauerter kleiner Brunnen mit klarem Wasser, das von den Besuchern weiterhin getrunken wird.
Der Genuss des Wassers ist keine historische Erinnerung, sondern bis heute Teil der Pilgerpraxis. Menschen trinken am Pozzo in der Erwartung von Segen, Trost oder Hilfe und knüpfen damit unmittelbar an die Heilungserzählung Tanzellas an.
Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich daraus keine besondere medizinische Wirksamkeit ableiten. Für die religiöse Praxis ist jedoch entscheidend, dass das Wasser nicht als beliebiges Trinkwasser verstanden wird, sondern durch die Gründungserzählung eine besondere Bedeutung erhalten hat. Der Körper des Pilgers nimmt den Kultort gewissermaßen in sich auf.
Die räumliche Verbindung beider Kultzentren wird heute liturgisch weitergeführt. In der wärmeren Jahreszeit finden in der Brunnenkapelle regelmäßig Gottesdienste statt. Bei größeren Wallfahrtssamstagen beginnt die Feier mit einem gemeinsamen Weg von der Basilika zum Brunnen, gefolgt von Messe, Litanei und Bittgebet.
Dieser kurze Pilgerweg besitzt eine eigene symbolische Qualität: Die Gläubigen verlassen den späteren großen Kultort und gehen zurück zum Ursprung der Überlieferung. Damit wird die Geschichte von Bild und Wasser räumlich nachvollzogen.
In der Brunnenkirche befinden sich zehn gemalte Darstellungen von Heilungen und Rettungen, die vor 1852 entstanden. Sie wurden wahrscheinlich von Bühnenmalern des Teatro San Carlo in Neapel ausgeführt und gehörten zu jenen Wundergeschichten, die für das Verfahren zur kanonischen Krönung des Marienbildes nach Rom übermittelt wurden.
Diese Bilder stehen zwischen individueller Votivkunst und offizieller kirchlicher Dokumentation. Sie erzählen konkrete Notlagen und behauptete Hilfe durch die Madonna, wurden aber zugleich ausgewählt, um den Ruf des Heiligtums institutionell zu begründen. Damit sind sie sowohl volkskundliche Zeugnisse als auch Dokumente kirchlicher Kultpolitik.
Auch die große Basilika besitzt einen eigenen Raum mit Votivgaben. Die Sala degli ex voto dokumentiert die Vielzahl persönlicher Bitten und Danksagungen, die Pilger über Generationen mit dem Heiligtum verbanden.
Votivgaben können als materielles Gedächtnis einer Wallfahrt gelesen werden. Der einzelne Pilger bringt ein persönliches Schicksal ein, doch die Sammlung verwandelt viele Einzelgeschichten in ein kollektives Bild von Krankheit, Gefahr, Hoffnung und Dank.
Für die überregionale Verbreitung der Madonna del Pozzo spielte Egidio Maria di San Giuseppe, später Sant'Egidio da Taranto, eine wichtige Rolle. Als der Alcantariner 1759 nach Neapel versetzt wurde, machte er auf dem Weg in Capurso Halt und verehrte das Gnadenbild.
In Neapel trug er eine Miniatur der Madonna in einem Reliquiar bei sich. Bei seinen Bettelgängen durch die Quartieri Spagnoli zeigte beziehungsweise berührte er damit Kranke und Bedürftige. Mit Erlaubnis seiner Oberen ließ er außerdem eine größere Kopie in San Pasquale a Chiaia aufstellen und hielt davor eine Lampe brennend.
Mit Sant'Egidio wurde der Capurser Kult gewissermaßen mobil. Das Originalbild blieb in der Basilika, doch seine Miniatur begleitete den Ordensmann durch die Straßen Neapels. Ein kleines Bild konnte so die religiöse Wirkung des Heiligtums in Häuser, Krankenzimmer und Armenviertel tragen.
Diese Form der Kultübertragung ist für die Volkskunde besonders wichtig. Wallfahrtsorte verbreiten sich nicht nur durch große Filialkirchen, sondern durch kleine Bilder, Reliquiare, Gebetszettel und persönliche Netzwerke.
Die Verehrung der Madonna del Pozzo verbreitete sich in zahlreiche Orte Apuliens und anderer süditalienischer Regionen. Eigene Kapellen, Bilder und Festtraditionen entstanden unter anderem in Bari, Bisceglie, Ruvo di Puglia, Taranto und Trani.
Mit der süditalienischen Emigration gelangte der Kult auch in andere Länder. Gemeinschaften von Auswanderern gründeten Vereine und hielten die Madonna-del-Pozzo-Tradition in ihrer neuen Heimat aufrecht. Damit wurde Capurso zum Bezugspunkt einer religiösen Diaspora, deren Mitglieder den Kult unabhängig von einer jährlichen Reise nach Apulien weiterpflegten.
Im 19. Jahrhundert erreichte der Kult einen neuen institutionellen Höhepunkt. Nachdem mehrere der Madonna zugeschriebene Wunder nach Rom gemeldet worden waren, bewilligte der Vatikan die kanonische Krönung. Am 20. Mai 1852 setzte Kardinal Mario Mattei im Auftrag Papst Pius' IX. goldene Kronen auf Maria und das Jesuskind.
Die Krönung war ein öffentliches Großereignis und bestätigte den überregionalen Rang des Heiligtums. Die zuvor erzählten Mirakel wurden in diesem Zusammenhang nicht nur Teil lokaler Erinnerung, sondern Gegenstand kirchlicher Prüfung und Repräsentation.
Am 13. Juni 1852 wurde die Madonna del Pozzo zur Hauptpatronin von Capurso erklärt; ein päpstliches Reskript bestätigte diese Wahl am 23. Dezember desselben Jahres. Im folgenden Jahr erhielt das Heiligtum die Würde einer Basilica minor.
König Ferdinand II. verlieh der Kirche darüber hinaus den Titel Basilica Reale. Die an der Fassade sichtbare Bezeichnung erinnert bis heute an die enge Verbindung zwischen Wallfahrtsort, päpstlicher Anerkennung und bourbonischer Herrschaft.
Auch die Kultgegenstände besitzen eine eigene Geschichte. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1970 wurden die 1852 gestifteten goldenen Kronen gestohlen. Gleichzeitig verschwanden eine von Ferdinand II. geschenkte Goldkette und weitere Votivgaben.
Solche Verluste zeigen, dass Schmuck an einem Gnadenbild nicht bloß Dekoration ist. Kronen, Ketten und Stiftungen verkörpern konkrete historische Beziehungen zwischen Pilgern, Herrschern, Kirchenleitung und Kultbild und können daher selbst zu Erinnerungsobjekten werden.
Die wichtigste Festfolge der Madonna del Pozzo wird am letzten Sonntag im August gefeiert und erinnert an den Bildfund vom 30. August 1705. Der eigentlichen Festa Grande geht eine längere Gebetszeit mit Novene und marianischen Feiern voraus.
Das Fest umfasst mehrere deutlich voneinander unterscheidbare Prozessions- und Pilgerformen. Gerade diese Vielfalt macht Capurso zu einem besonders ergiebigen Ort für die Dokumentation populärer Frömmigkeit.
Am Freitag vor dem Hauptfest beginnt die Festfolge mit einer Lichterprozession. Ein Bild der Madonna wird von der Brunnenkirche in Richtung Ortszentrum begleitet. Die nächtliche Bewegung verbindet den Ursprungsort des Kultes mit dem städtischen Festgeschehen.
Licht spielt dabei eine doppelte Rolle: als allgemeines christliches Symbol und als sichtbare Begleitung eines Bildes, dessen Auffindung nach der Gründungslegende selbst mit wundersam weiterbrennenden Kerzen verbunden war.
Am Samstag treffen organisierte Pilgergruppen aus verschiedenen Orten ein. Solche Compagnie di devoti gehören zu den klassischen Formen süditalienischer Wallfahrt. Die Gruppe reist nicht nur gemeinsam, sondern bringt ihre eigene örtliche Identität, Fahnen, Votivgaben und Gebetstraditionen mit.
Am Abend folgt die feierliche Darbringung der Festkronen. Die Madonna und das Jesuskind erhalten jene Kronen, mit denen sie während der Festtage öffentlich erscheinen. Das Ritual wiederholt damit in jährlich erneuerter Form die große kanonische Krönung des 19. Jahrhunderts.
Am Sonntagmorgen beginnt eine lange Prozession, die von zahlreichen Pilgern mit ceri votivi angeführt wird. Die Kerzen können klein, groß oder außergewöhnlich schwer sein und werden als sichtbare Zeichen von Bitte, Gelübde oder Dank getragen.
Der Unterschied zur gewöhnlichen Kerze am Kirchenleuchter ist erheblich. Der Cero wird selbst zum Prozessionsobjekt. Sein Gewicht, seine Größe und die körperliche Anstrengung des Tragens können Teil des Votums sein. Der Pilger zeigt sein persönliches Versprechen öffentlich und reiht es in die Wallfahrt der Gemeinschaft ein.
Die große Votivkerze verbindet Material, Körper und Erinnerung. Sie muss beschafft, getragen und zum Heiligtum gebracht werden. Wer sie trägt, vollzieht sein Gelübde nicht nur in Gedanken, sondern mit einer sichtbaren körperlichen Leistung.
Solche Formen sind für süditalienische Wallfahrten charakteristisch und zeigen, wie stark Devotion durch Dinge strukturiert werden kann. Die Kerze ist nicht lediglich Symbol, sondern Handlungsträger.
Am Abend folgt die nächtliche Prozession mit dem Carro Trionfale. Der große, reich geschmückte Festwagen trägt die Madonna hoch über der Menge durch die Straßen von Capurso. Im unteren Bereich begleiten traditionell acht als Engel gekleidete Mädchen die Statue.
Der Wagen verwandelt das Kultbild in ein bewegliches öffentliches Zentrum. Maria bleibt nicht im Kirchenraum, sondern wird sichtbar in die Stadt getragen und tritt mit Häusern, Straßen und Bevölkerung in Beziehung.
Eine besonders bemerkenswerte Tradition besteht darin, dass der Carro Trionfale von Gläubigen aus Bisceglie gezogen wird. Die Gemeinde Capurso beschreibt dieses Recht ausdrücklich als ein von den Biscegliesern mit Stolz gehütetes Privileg. Zum Bewegen des Wagens verwenden sie schwere Schiffstaue.
Die Praxis zeigt, wie ein Wallfahrtsort dauerhafte rituelle Beziehungen zu bestimmten Herkunftsgemeinden ausbilden kann. Eine auswärtige Gruppe erhält innerhalb des Festes eine klar definierte Aufgabe, die von Generation zu Generation weitergegeben wird und zugleich die Verbindung zwischen Capurso und Bisceglie sichtbar macht.
Die Verwendung schwerer Taue verleiht dem Brauch eine auffällige maritime Anmutung. Bisceglie ist eine Küstenstadt, und das Material der Seefahrt wird in Capurso zum Werkzeug einer Marienprozession.
Damit verbindet sich ein ländlich geprägter Brunnenkult mit einer Küstengemeinde und ihrer materiellen Kultur. Das Tau ist funktional notwendig, wird aber durch die rituelle Wiederholung selbst zum traditionsreichen Bestandteil des Festes.
Die Festa Grande besteht nicht aus einem einzigen Umzug, sondern aus mehreren Bewegungen: das Bild kommt vom Brunnen in den Ort, die große Tagesprozession führt das Marienbild durch Capurso, am Abend folgt der Carro Trionfale, und am Montag wird das Prozessionsbild wieder von der Stadt zur Basilika begleitet.
Der Kult erschließt dadurch verschiedene Räume. Brunnen, Basilika und Ortszentrum wechseln ihre Rolle als Ausgangs- und Zielpunkte. Wallfahrt und Stadtfest überlagern sich in einem komplexen Bewegungsmuster.
Am folgenden Sonntag endet die Festzeit mit der Oktav. Neben Gottesdiensten gehört dazu traditionell ein großer Markt mit zahlreichen Händlern. Die Verbindung von Wallfahrt und Markt ist historisch weit verbreitet und auch in Capurso bis heute sichtbar.
Religiöses Fest, Handel und soziale Begegnung bilden dabei keinen zufälligen Gegensatz. Große Pilgeransammlungen schufen seit jeher ideale Voraussetzungen für Verkauf, Tausch, Verpflegung und Unterhaltung.
Neben der Augustwallfahrt besitzt der 20. Mai besonderes Gewicht. Das Datum erinnert an die kanonische Krönung von 1852. Damit hat Capurso zwei unterschiedliche jährliche Erinnerungsschwerpunkte: den Bildfund am letzten Sonntag im August und die kirchliche Anerkennung des Kultes im Mai.
Diese doppelte Feststruktur verbindet die lokale Gründungsgeschichte mit der späteren offiziellen Bestätigung durch die katholische Kirche.
Die gesamte Wallfahrt lässt sich auf drei materielle Grundelemente zurückführen: das Bild, das Wasser und die Bewegung zwischen beiden. Tanzella trinkt Wasser, das Bild wird im Brunnen gefunden, anschließend wird es aus dem Pozzo in eine Kapelle und später in die Basilika übertragen. Die Pilger wiederum bewegen sich von der Basilika zurück zum Brunnen und wieder in den Ort.
Dadurch bleibt die Gründungsüberlieferung räumlich präsent. Sie ist nicht bloß ein Text über ein vergangenes Wunder, sondern strukturiert Wege, Gebäude und Rituale bis in die Gegenwart.
Für die Volkskunde ist Capurso besonders wertvoll, weil sich hier mehrere klassische Formen der Wallfahrt überlagern: Heilwasserbrauch, Gnadenbildverehrung, Votivwesen, Pilgerkompanien, große Kerzengelübde, nächtliche Lichterprozession, Triumphwagen, auswärtige Zugprivilegien, Markt und kirchliche Krönungsrituale.
Gleichzeitig ist die Wallfahrt gut genug dokumentiert, um Legende und historischen Befund zu trennen. Die Vision Tanzellas, die weiterbrennenden Kerzen und das schwimmende Fresko gehören zur religiösen Überlieferung; die Kapellengründung von 1706, die Übergabe an die Alcantariner 1714, der Kloster- und Kirchenbau ab 1738, die Translation des Bildes 1778 und die Krönung von 1852 sind historisch greifbare Stationen.
Besonders bemerkenswert ist die Beständigkeit des Brunnens. Obwohl der Kult längst eine große Basilika besitzt, trinken Pilger weiterhin das Wasser am ursprünglichen Fundort und gehen in gemeinschaftlicher Form von der Basilika zum Pozzo. Damit bewahrt Capurso eine selten klare Verbindung zwischen Ursprungserzählung und heutiger körperlicher Wallfahrtspraxis.
- Francesco Maria Torricelli: La SS. Vergine del Pozzo in Capurso. Napoli: Tipografia di Pasquale Tizzano, 1853.
- Michele Mariella: Il Santuario di Capurso nella storia e nella tradizione. Capurso: LMP, 1979.
- Edoardo Novelli: La Madonna del Pozzo. Capurso: Edizioni LMP, 1980.
- Cinzia Campobasso und Daniele Di Fronzo: Viaggio alla scoperta del culto della Madonna del Pozzo. Edizioni Fondazione P. Battista, 2023.
- Reale Basilica Santuario Madonna del Pozzo, Capurso: historische Dokumentationen zu Don Domenico Tanzella, Bildfund, Basilica, Pozzo, Sant'Egidio da Taranto, Festa Grande und heutiger Wallfahrtspraxis.
- Comune di Capurso: Dokumentationen zur Madonna del Pozzo, zur Reale Basilica, zum Pozzo di Santa Maria und zu den traditionellen Festbräuchen.
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrtsorte in Italien | |
| Zurück zur Gesamtübersicht Wallfahrt |
Ergänzungen: Wolfgang Morscher