Santuario Santa Maria di Valleverde
Bovino, Wallfahrtskirche Santa Maria di Valleverde

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische und gegenwärtig lebendige Marienwallfahrt mit mittelalterlicher Gründungsüberlieferung. Der Kult ist seit dem Mittelalter schriftlich fassbar; bereits die frühe Betreuung des Heiligtums war ausdrücklich mit der Aufnahme und geistlichen Begleitung von Pilgern verbunden. Bis heute prägen Fußwallfahrt, Novene, Prozession, Ölspende und Patronatsfest die Verehrung.
Status:Historischer und lebendiger Marienwallfahrtsort; Santa Maria di Valleverde wird als Mitpatronin von Bovino verehrt. Die Wallfahrtskirche ist zugleich Pfarrkirche und wird von der Società Divine Vocazioni betreut.
Kultzentrum:Die mittelalterliche hölzerne Madonna mit Kind, ein Werk aus dem 13. Jahrhundert aus umbro-neapolitanischem Kunstkreis. Die Statue wurde 1876 feierlich gekrönt und blieb trotz mehrfacher Zerstörungen und Neubauten Mittelpunkt des Kultes.
Ort:Bovino, Provinz Foggia.
Region:Apulien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Santuario Santa Maria di Valleverde, Via Santa Maria di Valleverde 4, 71023 Bovino FG, Italien.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Besonders starker Pilgerzustrom besteht im August rund um das Fest Maria Santissima di Valleverde am 29. August. Der Festzeit geht eine Novene mit morgendlichen Fußwallfahrten vom Stadtgebiet zum Heiligtum voraus.
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Ausführliche Beschreibung

Ein mittelalterlicher Wallfahrtsort in den Monti Dauni

Santa Maria di Valleverde liegt außerhalb des historischen Zentrums von Bovino in der hügeligen Landschaft der Monti Dauni. Der Ort verbindet eine mittelalterliche Marienüberlieferung mit einer bis heute lebendigen regionalen Wallfahrt. Anders als bei manchen jüngeren Erscheinungsheiligtümern reichen sowohl das Kultbild als auch die schriftliche Überlieferung des Kultes bis ins Mittelalter zurück.

Das heutige Kirchengebäude ist modern. Der Wallfahrtsort selbst ist jedoch wesentlich älter. Seine Geschichte umfasst mittelalterliche Gründungslegende, Zisterzienserkloster, Einsiedler, Franziskaner, Passionisten und Vocazionisten, mehrere Bauphasen, Erdbebenschäden, Krönung und Diebstahl der Kronen sowie eine Festkultur, die Bovino und die umliegenden Gemeinden miteinander verbindet.

Die Gründungsüberlieferung von 1266

Nach der kirchlichen Überlieferung beginnt die Geschichte des Heiligtums im Frühjahr 1266. Ein Holzfäller namens Niccolò sei mit Gefährten im Wald von Mengaga unterwegs gewesen, um Holz zu sammeln. Im Traum beziehungsweise in einer visionären Erfahrung erschien ihm eine weiß gekleidete Frau und bat ihn, aus einer nahe gelegenen Quelle Wasser für sie zu holen.

Niccolò habe gezögert, weil er seine Arbeit nicht unterbrechen wollte. Die Frau versprach ihm, er werde bei seiner Rückkehr den Esel bereits mit Holz beladen vorfinden. Als dies nach der Erzählung tatsächlich geschah, fragte er nach ihrer Identität. Sie habe sich als "Mutter des Sohnes Gottes" bezeichnet und erklärt, sie sei gekommen, um die Menschen Apuliens und besonders Bovino zu beschützen.

Der Auftrag zum Kirchenbau

Maria habe Niccolò aufgefordert, dem Bischof, dem Klerus und der Bevölkerung mitzuteilen, an dieser Stelle solle eine Kirche mit dem Titel Santa Maria di Valleverde errichtet werden.

Niccolò habe die Botschaft zunächst nicht ernst genommen. Vier weitere Nächte sei ihm Maria erschienen und habe ihn erneut zum Gehorsam aufgefordert. Erst nachdem er eines Morgens verkrümmt und von Schmerzen geplagt aufgewacht sei, habe er beschlossen, zum Bischof zu gehen. In dem Augenblick, in dem er sich dazu entschloss, sei er nach der Legende geheilt worden.

Eine mittelalterliche Quelle, aber kein Augenzeugenbericht

Die Gründungserzählung ist nicht durch ein unmittelbar im Jahr 1266 entstandenes Protokoll belegt. Ihre älteste bekannte schriftliche Fassung ist in der mittelalterlichen handschriftlichen Überlieferung Bovinos erhalten. Von besonderer Bedeutung sind Randnotizen in einer der beiden monumentalen sogenannten atlantischen Bibeln des 12. Jahrhunderts, die jahrhundertelang zur Kathedrale von Bovino gehörten und später in die Vatikanische Bibliothek gelangten.

Damit ist der Kult ungewöhnlich früh schriftlich greifbar. Zugleich bleibt festzuhalten, dass die ausführliche Erscheinungserzählung eine spätere mittelalterliche Niederschrift eines bereits bestehenden Kultes darstellt und nicht als zeitgenössischer Augenzeugenbericht von 1266 gelesen werden kann.

Maria markiert den Bauplatz

Die Gründungslegende erzählt weiter, der Bischof und der Klerus hätten Niccolòs Botschaft grundsätzlich angenommen, aber um ein Zeichen für den genauen Standort der Kirche gebeten. Maria sei daraufhin erneut im Traum erschienen und habe mit kleinen Gras- beziehungsweise Kräuterbündeln den Grundriss des künftigen Gebäudes, die Stelle des Altares und die Position der Türen markiert.

Am folgenden Morgen seien Bischof, Klerus und Bewohner zum bezeichneten Ort gegangen und hätten dort die im Traum beschriebenen Markierungen gefunden. Die Erzählung verbindet damit Vision und Landschaft: Die spätere Kirche steht nicht an einem beliebigen Ort, sondern auf einem durch Maria selbst abgegrenzten Grund.

Die zwölf Bischöfe

Zur Gründungsüberlieferung gehört auch die Nachricht, zwölf Bischöfe hätten an der feierlichen Einweihung beziehungsweise Segnung des ersten Heiligtums teilgenommen. Die Zahl zwölf besitzt offenkundig eine starke apostolische Symbolik und wurde später auch beim Neubau des modernen Heiligtums bewusst aufgegriffen.

Für die Geschichte der Wallfahrt ist weniger entscheidend, ob jedes Detail dieser Gründungszeremonie historisch überprüfbar ist, als die frühe Selbstdeutung des Ortes: Valleverde verstand sich nicht als private Feldkapelle, sondern als regionales Heiligtum mit überörtlicher kirchlicher Bedeutung.

Die erste Kirche

Nach der Überlieferung entstand noch im 13. Jahrhundert eine einfache Landkirche am Ort der Erscheinung. Sie wurde im Lauf der Jahrhunderte erweitert, verändert und immer stärker auf den wachsenden Pilgerzustrom ausgerichtet.

Die Lage außerhalb der Stadt machte den Weg zum Heiligtum selbst zu einem Bestandteil der Wallfahrt. Noch heute wiederholt sich diese Struktur in den morgendlichen Fußwegen während der Augustnovene.

Die Zisterzienser übernehmen die Pilgerbetreuung

Bereits 1286 übertrug Bischof Manerio II. die Betreuung des Heiligtums einer Gemeinschaft von Zisterziensern. Neben der Kirche entstand ein kleines Kloster. Die Aufgabe der Mönche bestand ausdrücklich nicht nur in der Sorge um Gebäude und Liturgie, sondern auch in der geistlichen Betreuung der Pilger.

Damit ist der Wallfahrtscharakter bereits für das ausgehende 13. Jahrhundert deutlich greifbar. Die Kirche musste nicht erst in der Neuzeit zum Wallfahrtsort werden; Pilger gehörten schon zur mittelalterlichen Funktion des Heiligtums.

Kloster und Wallfahrt

Ein Kloster an einem ländlichen Heiligtum erfüllte mehrere Aufgaben. Es gewährleistete tägliche Liturgie, Gebet und Pflege des Kultbildes, bot Gespräch und Beichte und konnte Reisenden Unterstützung bieten.

Die Zisterzienser blieben bis 1608 in Valleverde. Damit prägten sie den Wallfahrtsort über mehr als drei Jahrhunderte.

Nach den Zisterziensern

Nach dem Ende der Zisterzienserzeit wurde das Heiligtum zeitweise von augustinischen Einsiedlern betreut. 1658 erhielt Valleverde den Status einer Laienabtei. Im Jahr 1745 verband Bischof Antonio Lucci die Güter der Abtei mit dem Kollegium der Mansionare der Kathedrale und übertrug diesem die Sorge für das Heiligtum.

Die institutionellen Formen wechselten also mehrfach, während der Marienkult selbst bestehen blieb. Gerade diese Kontinuität trotz wechselnder Träger ist charakteristisch für alte Wallfahrtsorte.

Die mittelalterliche Madonna

Im Zentrum des Heiligtums steht eine hölzerne Madonna mit Kind aus dem 13. Jahrhundert. Kirchliche Inventarisierung ordnet sie einem umbro-neapolitanischen Kunstkreis zu. Damit stammt das Kultbild aus derselben Epoche, in der auch die Wallfahrt entstand.

Diese zeitliche Nähe ist bemerkenswert. Der heutige Kult verehrt nicht eine viel später geschaffene Ersatzfigur, sondern ein mittelalterliches Bild, das über Jahrhunderte am selben Wallfahrtsort weitergegeben und bewahrt wurde.

Bildkontinuität über Jahrhunderte

Für die Wallfahrtsforschung ist diese Kontinuität besonders wertvoll. Kirchen wurden umgebaut, Klöster wechselten ihre Bewohner, Erdbeben beschädigten Gebäude, und schließlich entstand ein vollständig neues Heiligtum. Die Madonna blieb jedoch das materielle Zentrum der Verehrung.

Das Bild trägt dadurch die Geschichte des Ortes gleichsam in sich. Generationen von Pilgern begegneten demselben Kultobjekt, auch wenn die architektonische Umgebung vollständig verändert wurde.

29. August - das Fest der Madonna

Der 29. August entwickelte sich zum zentralen Festtag von Maria Santissima di Valleverde. Ein Dekret der römischen Ritenkongregation erhob den Tag im frühen 19. Jahrhundert zum liturgischen Fest.

Die Wallfahrt um diesen Termin verbindet kirchliche Feier, Fußwege, Prozessionen, kommunale Repräsentation und volkstümliche Festformen.

Franziskaner im 19. Jahrhundert

Ab 1842 übernahmen observante Franziskaner Kloster und Heiligtum. Sie betreuten den Ort bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Damit trat erneut ein Orden in die Wallfahrtsgeschichte ein, dessen Spiritualität stark von Predigt, Beichte und Volksfrömmigkeit geprägt war.

Nach ihrem Weggang kehrte das Heiligtum zunächst wieder unter die unmittelbare Sorge des Diözesanklerus zurück.

Die Krönung von 1876

Am 29. August 1876 erhielt das Marienbild eine feierliche kanonische Krönung. Bischof Alessandro Cantoli hatte die Zustimmung des Vatikanischen Kapitels erwirkt. In Anwesenheit weiterer Bischöfe, kirchlicher und weltlicher Vertreter sowie einer großen Menschenmenge wurden Maria und dem Jesuskind goldene Kronen aufgesetzt.

Die Kronen waren in Rom gefertigt und von Papst Pius IX. gesegnet worden. Die Krönung bestätigte sichtbar den Rang, den die Madonna von Valleverde innerhalb der regionalen Frömmigkeit längst erreicht hatte.

Kronen als Votiv- und Ehrenzeichen

Die Krone ist an einem Gnadenbild nicht bloß Schmuck. Sie macht den Ehrentitel der Gottesmutter materiell sichtbar und verbindet lokale Verehrung mit kirchlicher Anerkennung.

Gleichzeitig werden solche Kronen selbst zu Erinnerungsobjekten. Ihre Geschichte kann sich von jener des Bildes lösen und eigene Ereignisse hervorbringen.

Der Diebstahl von 1893

In der Nacht vom 23. Januar 1893 wurden die goldenen Kronen und weitere Votivgegenstände gestohlen. Beim Raub wurde auch die rechte Hand der Marienfigur abgerissen.

Wenige Wochen später, am 8. Februar, wurde die Hand wiedergefunden. Sie wurde in einer Prozession zum Heiligtum gebracht und erneut am Arm der Statue befestigt. Aus einem kriminellen Verlust entstand damit selbst ein öffentliches Erinnerungsritual.

Die verletzte Kultfigur

Beschädigungen eines Gnadenbildes werden von Gläubigen häufig stärker wahrgenommen als Schäden an gewöhnlichen Kunstwerken. Die verletzte Hand betrifft nicht irgendeine Holzskulptur, sondern jene Figur, der die Gemeinschaft ihre Patronin sichtbar zuordnet.

Die feierliche Rückführung der Hand zeigt, wie sehr einzelne Körperteile eines Kultbildes religiös aufgeladen sein können.

Passionisten und Restaurierung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts übernahmen Passionisten zeitweise Heiligtum und Kloster. Sie veränderten den Kirchenraum, entfernten mehrere ältere Altäre sowie Teile der historischen Ausstattung und ließen Restaurierungen durchführen. Nach Abschluss der Arbeiten wurde die Kirche erneut feierlich geweiht.

Die Passionisten verließen Valleverde später wieder, und das Heiligtum kam erneut unter die Sorge des Domkapitels.

Die Vocazionisten

Ende der 1920er Jahre wurde das Heiligtum der Società Divine Vocazioni, den Vocazionisten, anvertraut. Die Gemeinschaft verbindet ihre Tätigkeit mit der Förderung geistlicher Berufungen und blieb dauerhaft mit Valleverde verbunden.

Unter ihrer Betreuung entwickelte sich das Heiligtum weiter, und auch die spätere Errichtung der neuen Kirche wurde wesentlich von ihrer Präsenz getragen.

Das Erdbeben von 1930

Das schwere Erdbeben im Vulture-Gebiet beschädigte auch Valleverde. Kirche und Kloster erlitten erhebliche Schäden. Die Gebäude wurden anschließend wiederhergestellt, doch langfristig wurde deutlich, dass das alte Heiligtum den baulichen und pastoralen Anforderungen nicht mehr genügte.

Die Geschichte des Wallfahrtsortes zeigt damit erneut den Gegensatz zwischen beständigem Kult und vergänglicher Architektur.

Der Weg zum neuen Heiligtum

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden Pläne für einen größeren Neubau. Gleichzeitig wurden Pilgereinrichtungen wie eine Casa del Pellegrino geschaffen. Die zunehmende Zahl der Besucher und die baulichen Probleme der älteren Anlage machten eine grundsätzliche Neuordnung des Heiligtums notwendig.

In den 1970er Jahren begann schließlich der Bau der heutigen Kirche nach einem modernen Entwurf.

Das alte Heiligtum verschwindet

Die alte Kirche blieb während eines großen Teils der Bauzeit noch in Gebrauch. Schließlich wurde sie jedoch abgebrochen, um der neuen Anlage Platz zu machen.

Aus denkmalpflegerischer Sicht ist dieser Verlust schmerzlich, weil damit der historische Kirchenbau verschwand. Für die Kultgeschichte blieb jedoch das entscheidende Kontinuum erhalten: die mittelalterliche Madonna und die Wallfahrt zu ihr.

Das heutige Heiligtum

Die neue Kirche besitzt eine moderne, stark geometrische Architektur. Der Innenraum ist auf die Versammlung größerer Pilgergruppen ausgerichtet und verwendet Marmor, Skulpturen und farbige Glasfenster mit Darstellungen der Rosenkranzgeheimnisse.

Der Neubau versucht damit nicht, die mittelalterliche Kirche nachzuahmen, sondern schafft einen eigenständigen Sakralraum des 20. Jahrhunderts.

Johannes Paul II. in Valleverde

Am 25. Mai 1987 besuchte Papst Johannes Paul II. das neu errichtete Heiligtum. Er kannte Valleverde bereits aus einer früheren Reise als Erzbischof von Krakau und kehrte nun zur Eröffnung des neuen Gotteshauses zurück.

Der Papst bezeichnete das Heiligtum als seit mehr als sieben Jahrhunderten bestehenden religiösen Mittelpunkt der Region und hob ausdrücklich seine Funktion als Treffpunkt der umliegenden Gebiete hervor.

Die neue Kirche und das alte Bild

Der Papstbesuch machte besonders deutlich, wie sich moderne Architektur und alte Wallfahrt miteinander verbinden können. Das Gebäude war neu, doch die religiöse Identität des Ortes blieb durch das alte Kultbild, die überlieferten Wege und die Festtraditionen bestimmt.

Wenige Wochen nach dem Papstbesuch wurde die Kirche feierlich geweiht.

Die Augustnovene

Dem Fest am 29. August geht eine mehrtägige Gebetszeit voraus. Charakteristisch sind die frühen morgendlichen Wege vom Stadtgebiet hinauf beziehungsweise hinaus zum Heiligtum. Pilger brechen noch vor dem eigentlichen Tagesbeginn auf, um in Valleverde an Novene und Messe teilzunehmen.

Damit bleibt die körperliche Bewegung zwischen Bovino und dem außerhalb gelegenen Heiligtum Teil der lebendigen Wallfahrt.

Fußwallfahrt als wiederholter Weg

Auffällig ist, dass der Weg während der Novene nicht nur einmal zurückgelegt wird. Viele Gläubige wiederholen ihn über mehrere Tage.

Die Wallfahrt wird dadurch weniger zu einer einmaligen Reise als zu einem zeitlich verdichteten religiösen Rhythmus. Frühes Aufstehen, gemeinsamer Weg, Gebet und Rückkehr in den Alltag wiederholen sich Tag für Tag.

Die Ölspende

Am Festtag gehört die feierliche Darbringung von Öl zu den charakteristischen Ritualen. Ein Ort aus dem Bereich der historischen Diözese beziehungsweise eine benachbarte Gemeinde bringt das Öl zum Heiligtum und erneuert damit sichtbar die Verbindung zwischen Valleverde und seinem regionalen Einzugsgebiet.

Wie bei anderen apulischen Heiligtümern besitzt Öl dabei mehrere Bedeutungsebenen: Es ist ein Produkt der Landwirtschaft, ein wertvoller Gebrauchsgegenstand und zugleich traditioneller Stoff für das Licht vor einem Kultbild.

Das Öl als Gabe einer Gemeinde

Die Besonderheit liegt darin, dass nicht nur ein einzelner Pilger eine kleine Gabe bringt. Eine kommunale Gemeinschaft tritt öffentlich als Stifterin auf.

Damit wird der Wallfahrtsraum über Bovino hinaus erweitert. Die umliegenden Orte zeigen ihre Zugehörigkeit zum Heiligtum durch eine rituell geregelte Gabe.

Die Cavalcata Storica

Zu den auffälligsten Bestandteilen des heutigen Festes gehört die Cavalcata Storica. Musiker, Fahnenschwinger, Reiter sowie Frauen und Männer in historischen Kostümen ziehen durch Bovino und stellen Szenen aus der Stadt- und Wallfahrtsgeschichte dar.

Die Cavalcata ist keine unveränderte mittelalterliche Prozession, sondern eine historisierende Festform, in der unterschiedliche Epochen bewusst szenisch nebeneinandergestellt werden.

Die Erscheinungslegende wird zum Festbild

Ein Teil der Cavalcata erinnert an die Gründung des Heiligtums. Die Madonna, Niccolò, Reiter, Geistliche und die überlieferten zwölf Bischöfe werden durch Kostümgruppen dargestellt.

Eine mittelalterliche Handschriftenerzählung wird dadurch in ein modernes öffentliches Bild übersetzt. Was im Codex gelesen werden kann, erscheint nun als bewegte Szene auf den Straßen.

Weitere historische Bilder

Andere Gruppen der Cavalcata erinnern an spätere Ereignisse der Stadtgeschichte, darunter hochrangige Besuche in Bovino. Damit verbindet das Patronatsfest den Marienkult mit einer breiteren historischen Selbstdarstellung der Stadt.

Die Prozession wird so zugleich Wallfahrtsfest und historisches Theater im öffentlichen Raum.

Prozession und Stadt

Am Festtag wird die Madonna in feierlicher Prozession durch Bovino getragen. Heiligtum, Kathedrale, Straßen und Plätze werden dadurch zu Stationen eines gemeinsamen sakralen Raumes.

Die Madonna bleibt nicht ausschließlich im außerhalb gelegenen Santuario. Sie wird in die Stadt gebracht und bestätigt dadurch ihre Rolle als Beschützerin der gesamten Gemeinschaft.

Regionaler Einzugsbereich

Valleverde war nie nur eine Privatandacht Bovinos. Schon die mittelalterliche Pilgerbetreuung und später die Teilnahme benachbarter Gemeinden zeigen einen weiteren Einzugsbereich. Auch Johannes Paul II. charakterisierte das Heiligtum als religiösen Treffpunkt der angrenzenden Landschaften.

Die Wallfahrt verbindet damit die Stadt Bovino mit der ländlichen Umgebung der Monti Dauni und darüber hinaus mit weiteren Orten der historischen Diözese.

Landschaft und Wallfahrt

Die Lage oberhalb der weiten Ebene und zwischen den Höhen der Daunia prägt die Wahrnehmung des Heiligtums. Der Weg führt aus dem geschlossenen Stadtbereich in eine offenere Landschaft.

Wie in der Gründungslegende bleibt der Wald- und Quellenraum Teil der religiösen Vorstellung. Selbst wenn die moderne Kirche die ursprüngliche Landschaftssituation verändert hat, wird der Kult weiterhin an einen konkreten Naturraum gebunden.

Von der Traumvision zur öffentlichen Tradition

Die Entwicklung Valleverdes lässt sich als fortschreitende Vergegenständlichung einer Erzählung lesen. Am Anfang steht Niccolòs Traum. Daraus entsteht ein Bauplatz, eine Kirche, ein Kloster und eine Pilgerbewegung. Die mittelalterliche Madonna gibt dem Kult ein dauerhaftes Bild; Krone, Prozession, Ölspende und Cavalcata fügen weitere materielle und rituelle Schichten hinzu.

Die Erscheinung bleibt eine religiöse Überlieferung, doch ihre Wirkung auf die Kulturgeschichte Bovinos ist historisch greifbar.

Volkskundliche Bedeutung

Für die Volkskunde ist Santa Maria di Valleverde besonders interessant, weil hier mittelalterliche Handschriftenüberlieferung und lebende Festkultur unmittelbar ineinandergreifen. Die Legende vom Holzfäller Niccolò wurde sowohl schriftlich weitergegeben als auch in Landschaft, Kirchenbau und später in der Cavalcata Storica immer wieder neu verkörpert.

Ebenso aufschlussreich ist die Kontinuität des Kultbildes. Die hölzerne Madonna überstand wechselnde Ordensgemeinschaften, Kirchenumbauten, Erdbeben, Diebstahl und schließlich den vollständigen Verlust des alten Heiligtums. Das Gebäude ist modern, doch das materielle Zentrum des Kultes stammt aus dem Mittelalter.

Schließlich zeigt die Augustwallfahrt ein dichtes Geflecht von religiösen und sozialen Handlungen: mehrtägige Fußwege, Novene, kommunale Ölspende, historisierende Cavalcata, Prozession, Musik und städtische Repräsentation. Der Wallfahrtsort wird dadurch sowohl besucht als auch jedes Jahr neu mit der Stadt und ihrem Umland verbunden.

Quellen und Literatur

- Arcidiocesi di Foggia-Bovino: historische Dokumentation der Parrocchia Santa Maria di Valleverde e San Lorenzo mit Gründungsüberlieferung, Ordensgeschichte, Krönung, Baugeschichte und Wallfahrt.

- Biblioteca Apostolica Vaticana: mittelalterliche Handschriftenüberlieferung in einer der beiden ehemaligen atlantischen Bibeln der Kathedrale von Bovino mit frühen Notizen zum Kult von Santa Maria di Valleverde.

- Ministero della Cultura: Dokumentation zur ältesten schriftlichen Überlieferung des Kultes in den mittelalterlichen Bibelhandschriften von Bovino.

- BeWeB - Beni ecclesiastici in web: Dokumentation zur Diözese Foggia-Bovino und zur mittelalterlichen Holzmadonna von Valleverde.

- Giovanni Paolo II.: Ansprache im Santuario mariano di Valleverde, Bovino, 25. Mai 1987.

- Arcidiocesi di Foggia-Bovino und örtliche kirchliche Gemeinschaften: Dokumentationen zu Novene, Festtag, Prozession und heutiger Wallfahrtspraxis.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher