| Wallfahrt: | Lebendige internationale Reliquienwallfahrt zum hl. Nikolaus von Myra, dessen Gebeine 1087 von Seeleuten und Kaufleuten aus Bari aus dem Heiligtum von Myra in Kleinasien nach Bari gebracht wurden. Große Pilgerströme kommen besonders im Mai, zum Fest am 6. Dezember sowie zu den orthodoxen Festterminen. |
| Status: | Lebendiges katholisches und orthodoxes Pilgerzentrum mit internationalem Einzugsbereich; päpstliche Basilika und Reliquienheiligtum des hl. Nikolaus. |
| Kultzentrum: | Das Nikolausgrab unter dem Altar der Krypta mit den 1087 aus Myra nach Bari gebrachten Reliquien. Mit dem Grab verbunden sind die Verehrung der sogenannten Manna, die wundertätige Säule sowie zahlreiche Kontakt- und Pilgerpraktiken. |
| Ort: | Bari, Altstadt. |
| Region: | Apulien. |
| Land: | Italien. |
| • | Basilica Pontificia di San Nicola, Largo Abate Elia 13, 70122 Bari BA, Italien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Die Basilika ist ein täglich genutzter Gottesdienst- und Pilgerort. Die Krypta mit dem Nikolausgrab ist der eigentliche Schwerpunkt der Wallfahrt; Gruppen können Gottesdienste in Basilika oder Krypta anmelden. |
| • | Besonders großer Pilgerzustrom herrscht während der Sagra di San Nicola vom 7. bis 9. Mai, am 6. Dezember sowie zu den orthodoxen Festtagen, die je nach kirchlichem Kalender auf andere Daten fallen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.
Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen der Basilika, Krypta und Nikolausgrab, orthodoxe Pilger bei der Grabverehrung, die östliche Kapelle, Lampada uniflamma, Colonna miracolosa, Manna-Fläschchen und historische Manna-Gefäße, Ex-voto, Ikonen, Nikolausstatue, historische und heutige Pilgergruppen, Corteo Storico, Einschiffung und Meeresprozession am 8. Mai, Pilgerboote, Wallfahrtsandenken sowie Darstellungen des hl. Nikolaus als Beschützer der Seefahrer und Gabenspender.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Die Basilica di San Nicola in der Altstadt von Bari gehört zu jenen Wallfahrtsorten, deren Entstehung unmittelbar mit der Überführung von Reliquien verbunden ist. Die Kirche wurde nicht zunächst als gewöhnliches Gotteshaus errichtet und erst später zum Pilgerziel, sondern entstand gerade deshalb, weil im Jahr 1087 Gebeine, die als Reliquien des hl. Nikolaus von Myra verehrt wurden, nach Bari gelangten. Seitdem ist die Krypta mit dem Grab des Heiligen das religiöse Zentrum des Baues und zugleich Ziel katholischer wie orthodoxer Pilger aus zahlreichen Ländern.
Die Verehrung des Nikolaus reicht weit über Bari hinaus. Im Osten gehört er seit Jahrhunderten zu den stark angerufenen Heiligen, im Westen entwickelte er sich zum Patron von Seefahrern, Kaufleuten, Kindern, Gefangenen und Menschen in Not. Seine Gestalt wurde von unterschiedlichen kirchlichen, sozialen und volkstümlichen Traditionen aufgenommen, sodass sich in Bari eine dichte Verbindung von Reliquienkult, Seefahrerfrömmigkeit, Pilgerwesen, Kontaktdevotion und ökumenischer Begegnung entwickelte.
Über den historischen Nikolaus ist nur wenig mit Sicherheit bekannt. Er wird traditionell als Bischof von Myra in Lykien im 4. Jahrhundert verehrt, doch die späteren Lebensbeschreibungen entstanden mit großem zeitlichem Abstand und verbanden verschiedene Legenden zu einer umfassenden Heiligenbiographie. Auch die häufig wiederholte Nachricht, Nikolaus habe am Konzil von Nicäa im Jahr 325 teilgenommen, gehört zur späteren Überlieferung und ist in den ältesten Teilnehmerlisten nicht sicher belegt.
Für die Kultgeschichte ist diese Quellenunsicherheit kein Randproblem, denn zahlreiche bekannte Nikolausgeschichten stammen nicht aus zeitgenössischen Nachrichten über sein Leben, sondern aus späteren hagiographischen Traditionen. Der Heilige der Wallfahrt ist daher nicht allein die historisch fassbare Person, sondern ebenso die über viele Jahrhunderte gewachsene religiöse Gestalt, der immer neue Schutzfunktionen, Wunder und Erzählungen zugeschrieben wurden.
In Myra, dem heutigen Demre in der Türkei, bestand bereits lange vor 1087 ein bedeutender Nikolauskult. Das Grab des Heiligen lag in einer Kirche, die von griechischen Mönchen betreut wurde und Pilger anzog. Nikolaus wurde dort bereits mit einem besonderen Grabphänomen verbunden: Frühere griechische Texte erwähnen ein wohlriechendes beziehungsweise als heilsam verstandenes flüssiges Sekret, das später in Bari als Manna oder Myron weiterverehrt wurde.
Damit übernahm Bari nach 1087 nicht nur Gebeine, sondern einen bereits bestehenden Kultkomplex. Grab, heiliger Körper, Flüssigkeit und Wundererwartung waren schon in Myra miteinander verbunden und wurden in Bari unter neuen politischen und kulturellen Bedingungen fortgeführt.
Die Überführung der Reliquien erfolgte in einer Phase tiefgreifender politischer Veränderungen. Bari hatte 1071 seine Stellung als byzantinisches Verwaltungszentrum Süditaliens verloren und war unter normannische Herrschaft gekommen. Handelswege, politische Identität und wirtschaftliche Beziehungen veränderten sich, während zugleich die Expansion türkischer Gruppen in Kleinasien die Lage im östlichen Mittelmeer unsicherer machte.
In diesem Zusammenhang konnte der Besitz der Reliquien eines weithin verehrten Heiligen für eine Stadt enorme religiöse, politische und wirtschaftliche Bedeutung gewinnen. Ein bedeutendes Reliquienheiligtum brachte Pilger, Stiftungen und Prestige und konnte zugleich zu einem neuen Symbol städtischer Identität werden.
Im Frühjahr 1087 segelten mehrere Schiffe aus Bari Richtung Antiochia. Nach den Bareser Überlieferungen gehörten rund sechzig Seeleute und Kaufleute zu der Unternehmung, und während der Reise konkretisierte sich der Plan, die Nikolausreliquien aus Myra nach Bari zu bringen. Die Vorstellung, man müsse die Gebeine vor drohenden Gefahren bewahren, verband sich dabei mit dem Wunsch, der eigenen Stadt einen bedeutenden Patron und ein international wirksames Heiligtum zu verschaffen.
Die später in Bari gefeierte "Traslazione" erscheint deshalb in den Quellen zugleich als religiös begründete Rettungsaktion und als bewusst geplante Aneignung eines wertvollen Kultgutes. Die heutige Basilika selbst bezeichnet das Geschehen an einer Stelle offen als "furto delle reliquie", also als Reliquienraub.
Bei der Rückreise von Antiochia gingen Männer aus Bari in Myra an Land und betraten die Nikolauskirche. Die griechischen Mönche wollten den Grabort nicht freiwillig preisgeben, wurden jedoch unter Druck gesetzt, bis die Bareser das Grab fanden. Ein Teilnehmer namens Matteo brach nach der Überlieferung den Sarkophag auf und nahm die Gebeine an sich.
Aus heutiger historischer Sicht ist deshalb eine doppelte Perspektive notwendig. Die lateinische Bareser Tradition feiert die Handlung als Translation eines Heiligen, dessen Reliquien vor politischen Gefahren geschützt worden seien; aus Sicht der Hüter von Myra handelte es sich um den gewaltsamen Verlust des zentralen Heiligtums ihrer Gemeinde. Gerade diese Spannung gehört zur Geschichte der Wallfahrt und sollte nicht durch eine ausschließlich feierliche Sprache verdeckt werden.
Die zeitnahen Berichte über die Graböffnung erzählen, dass sich die Reliquien in einer Flüssigkeit befanden. Die Bareser nahmen die Gebeine mit, ließen jedoch einen Teil dieser Flüssigkeit beziehungsweise das weiterhin Flüssigkeit enthaltende Grab in Myra zurück. Spätere Traditionen verwendeten dafür Begriffe wie Öl, Salbe, Myron oder Manna.
Die Erzählung ist deshalb wichtig, weil die Manna von Bari nicht erst im Mittelalter nachträglich erfunden wurde. Bereits der Kult in Myra kannte die Verbindung zwischen Grab und heiliger Flüssigkeit, und genau diese Vorstellung ging mit den Reliquien nach Bari über.
Am 9. Mai 1087 erreichten die Schiffe Bari. Die Reliquien wurden dem Benediktinerabt Elia übergeben, während innerhalb der Stadt ein Konflikt darüber entstand, wo der Heilige künftig ruhen sollte. Teile des Klerus wollten die Gebeine in die Kathedrale bringen, während andere Gruppen ein eigenes Heiligtum forderten.
Schließlich wurde das Areal des ehemaligen byzantinischen Katepanenpalastes für den Bau einer neuen Kirche zur Verfügung gestellt. Damit erhielt Nikolaus einen eigenen sakralen Mittelpunkt, der nicht einfach in eine bestehende kirchliche Struktur eingegliedert wurde, sondern von Anfang an als selbständiges Reliquienheiligtum gedacht war.
Am 8. Juli 1087 begann Abt Elia mit den Bauarbeiten. Teile der ehemaligen Residenz des byzantinischen Katepans wurden abgetragen oder in den Neubau integriert, ebenso Material aus kleineren kirchlichen Gebäuden des Areals. Die Basilika entstand damit in einem Raum, der zuvor unmittelbar mit der byzantinischen Verwaltung Süditaliens verbunden gewesen war.
Der Wechsel besitzt eine starke symbolische Wirkung: Auf dem Platz der früheren weltlichen Herrschaft entstand das neue religiöse Zentrum der Stadt. Die Nikolausreliquien trugen damit wesentlich zur Neuformierung der Identität Baris nach dem Ende der byzantinischen Epoche bei.
Die Krypta wurde als erster Teil des Neubaues fertiggestellt. Am 1. Oktober 1089 legte Papst Urban II. die Reliquien unter dem neu errichteten Altar bei. Dieses Ereignis ist sowohl in Bareser Chroniken als auch in einer päpstlichen Urkunde bezeugt.
Seit dieser Beisetzung bildet die Krypta den Kern des Heiligtums. Die Reliquien befinden sich unter dem Altar, sodass Liturgie und Heiligenverehrung räumlich unmittelbar miteinander verbunden sind.
Die Krypta ist eine rechteckige, von 26 Säulen getragene Unterkirche und liegt unter Presbyterium und Querhaus der Basilika. Ein Teil der Säulen und Kapitelle wurde wahrscheinlich aus älteren Gebäuden wiederverwendet. Trotz ihres architektonischen Wertes ist ihre wichtigste Funktion jedoch kultisch: Hier suchen die Pilger die unmittelbare Nähe zum Grab.
Die Wege in der Krypta sind deshalb von der Bewegung zum Nikolausaltar geprägt. Pilger warten, beten, küssen das Grab, berühren es mit Händen oder Gegenständen und legen Zettel mit Namen und Anliegen nieder. Besonders orthodoxe Gruppen pflegen diese Formen der Kontaktverehrung sehr intensiv.
Für viele Pilger ist der körperliche Kontakt mit dem Grab wichtiger als die Betrachtung eines Kunstwerkes. Gegenstände, Ikonen, Tücher oder andere persönliche Dinge werden auf oder an die Grabstätte gelegt und anschließend wieder mitgenommen. Sie gelten dann als durch die Nähe zum Heiligen besonders gesegnet oder mit dessen Schutz verbunden.
Auch Gebetszettel spielen eine wichtige Rolle. Darauf stehen Namen von Familienangehörigen, Kranken oder Menschen, die selbst nicht nach Bari kommen konnten. Die Wallfahrt wird dadurch stellvertretend erweitert: Ein einzelner Pilger bringt symbolisch die Anliegen eines ganzen familiären oder kirchlichen Umfeldes zum Grab.
Im Grab sammelt sich bis heute eine geringe Menge einer klaren Flüssigkeit, die als "Manna di San Nicola", im griechischen und slawischen Sprachraum auch als Myron bezeichnet wird. Die Basilika beschreibt ausdrücklich, dass es sich chemisch um nahezu reines Wasser handelt. Untersuchungen der Universität Bari im Jahr 1925 ergaben, dass diese Flüssigkeit nicht mit den damals untersuchten äußeren Infiltrationswässern übereinstimmte.
Die Ursache ihrer Bildung wird unterschiedlich interpretiert. Gläubige verstehen sie als besonderes Zeichen des Heiligen und teilweise als Wunder; daneben wird eine natürliche Bildung, etwa durch Kondensation, diskutiert. Die Dominikaner, denen die Basilika seit 1951 anvertraut ist, behandeln die Manna zurückhaltend und unterscheiden bewusst zwischen persönlicher Frömmigkeit und allgemein verbindlicher Glaubensaussage.
Die Manna wird einmal jährlich am Abend des 9. Mai feierlich aus der Grabkammer entnommen. Der Zugang wird geöffnet, die geringe Menge Flüssigkeit gesammelt und den Gläubigen gezeigt. Die Zeremonie gehört zum Höhepunkt des Festes der Translation und verbindet das heutige Ritual unmittelbar mit der jahrhundertealten Vorstellung vom flüssigkeitsspendenden Nikolausgrab.
Die Menge ist normalerweise sehr klein und liegt nach Angaben der Basilika häufig nur bei ungefähr einem halben Liter oder wenig darüber. Gerade diese Begrenztheit erklärt, weshalb die an Pilger ausgegebenen kleinen Fläschchen nicht ausschließlich aus der reinen Grabflüssigkeit bestehen.
Die Basilika erklärt ausdrücklich, dass die Pilger in der Sala Offerte kleine Flaschen mit gesegnetem Wasser erhalten, dem einige Tropfen der am 9. Mai entnommenen reinen Manna zugesetzt wurden. Die "Manna pura" selbst wird nur in sehr begrenzten Mengen ausgegeben und kann beispielsweise Kirchen überlassen werden, die dem hl. Nikolaus geweiht sind.
Diese Klarstellung ist für die Dokumentation wichtig, weil Wallfahrtsandenken leicht missverstanden werden können. Die Flasche ist ein Kontakt- und Erinnerungsgegenstand des Nikolauskultes, enthält aber nicht einfach die gesamte im Grab gebildete Flüssigkeit.
Seit Jahrhunderten wird die Manna in besonderen Gefäßen aufbewahrt und verbreitet. Historische Fläschchen konnten bemalt oder mit Darstellungen aus dem Leben des Heiligen versehen werden. Auch heute gehören Manna-Flaschen zu den charakteristischen Wallfahrtsgegenständen der Basilika.
Das Gefäß verlängert den Kontakt mit dem Heiligtum über die Reise hinaus. Pilger nehmen einen materiellen Bezugspunkt mit nach Hause, verwenden das Wasser bei Gebet oder Krankheit und können es mit Angehörigen teilen. Dadurch wird die Wallfahrt räumlich weit über Bari hinaus fortgesetzt.
In der Krypta befindet sich eine rötliche Marmorsäule, die seit Jahrhunderten als "colonna miracolosa" verehrt wird. Die früheste sicher bekannte schriftliche Erwähnung stammt von 1359. Schon damals galt sie als Säule, die der Heilige selbst mit dem Bau der Krypta in Verbindung gebracht habe.
Über die Jahrhunderte entstanden immer ausführlichere Legenden. Nach einer späteren Fassung habe Nikolaus die Säule einst in Rom gesehen, ins Wasser gelangen lassen und auf wunderbare Weise nach Myra gebracht; nach der Translation sei sie vor Bari im Meer erschienen und schließlich in der Nacht vor der Beisetzung von Nikolaus selbst und zwei Engeln in der Krypta aufgestellt worden.
Unabhängig von der historischen Unwahrscheinlichkeit dieser Legenden ist die Kontaktdevotion an der Säule real und seit Jahrhunderten belegt. Pilger berühren sie in der Hoffnung auf Hilfe oder Heilung. Die Säule gehört damit zu jenen Gegenständen, deren religiöse Bedeutung nicht in ihrer ursprünglichen architektonischen Funktion, sondern in der langen Geschichte der Berührung und Zuschreibung liegt.
Für die Volkskunde ist diese Praxis besonders aufschlussreich, weil sich hier eine ganze Heilserwartung an ein konkretes Material bindet. Marmor, Grab, Reliquie und Körperkontakt werden zu Teilen derselben religiösen Erfahrung.
Die Basilika gehört zum romanischen Kirchenbau Apuliens und wurde auf dem Areal des früheren Katepanenpalastes errichtet. Ihr massives, vergleichsweise nüchternes Erscheinungsbild entspricht der Bauzeit im Übergang von byzantinischer zu normannischer Herrschaft, während zahlreiche Spolien und wiederverwendete Bauteile an die älteren Gebäude des Areals erinnern.
Im Inneren teilen zwölf Granitsäulen die Kirche in drei Schiffe. Matroneen liegen über den Seitenschiffen, während mächtige Querbögen den Raum stabilisieren. Ein Teil der barocken Ausstattung wurde bei Restaurierungen des 20. Jahrhunderts entfernt, um den romanischen Charakter stärker sichtbar zu machen.
Zu den wichtigen Kunstwerken gehört die steinerne Kathedra des Abtes Elia, die mit dem Konzil von Bari 1098 verbunden wird. Sie steht hinter dem Ciborium und zeigt eine Formensprache, in der byzantinische Traditionen und neue romanische Plastik zusammentreffen.
Die Kathedra erinnert zugleich daran, dass die Basilika schon wenige Jahre nach ihrer Gründung nicht nur Wallfahrtsort, sondern auch Schauplatz hochrangiger kirchlicher Ereignisse war. Reliquienkult und kirchenpolitische Bedeutung entwickelten sich parallel.
Der wichtigste Wallfahrtszyklus erinnert jedes Jahr an die Ankunft der Reliquien. Vom 7. bis 9. Mai verbinden sich liturgische Feiern, historische Erinnerung, Prozessionen und maritime Rituale zu einem mehrtägigen Fest, das große Pilgergruppen nach Bari führt.
Der 7. Mai ist besonders mit dem historischen Festzug verbunden, der die Ereignisse der Translation szenisch aufgreift. Der 8. Mai steht im Zeichen der großen Prozession und der Einschiffung der Nikolausstatue, während am 9. Mai die Translation liturgisch gefeiert und die Manna entnommen wird.
Der Corteo Storico stellt die mittelalterliche Ankunft des Heiligen in einer historisierenden Form nach. Kostüme, Fahnen, Musik, Darsteller und maritime Bezüge machen die Translation zu einem öffentlichen Stadtereignis, bei dem religiöse Erinnerung und Festkultur ineinandergreifen.
Solche historischen Inszenierungen sind keine unveränderte Fortsetzung mittelalterlicher Rituale, sondern moderne Formen der Erinnerung. Sie zeigen dennoch, wie stark die Identität Baris weiterhin mit der Geschichte von 1087 verbunden ist.
Am 8. Mai verlässt die Nikolausstatue die Basilika und wird durch die Altstadt zum Hafen getragen. Dort wird sie auf ein Schiff gebracht und auf das Meer hinausgefahren, während zahlreiche Boote die Statue begleiten oder sich ihr nähern. Die Prozession verbindet Stadt, Hafen und Heiligtum zu einem gemeinsamen religiösen Raum.
Die Symbolik ist unmittelbar verständlich: Nikolaus kam 1087 über das Meer nach Bari und gilt seit langem als Beschützer der Seefahrer. Wenn seine Statue jährlich aufs Wasser zurückkehrt, wird die historische Ankunft mit seiner Schutzfunktion für Menschen auf See verbunden.
Die heutige Meeresprozession darf jedoch nicht einfach bis ins Jahr 1087 zurückprojiziert werden. Sicher dokumentiert ist sie erst im 19. Jahrhundert. Damit handelt es sich um eine jüngere Festform, die sich an einen wesentlich älteren Reliquienkult angegliedert hat.
Gerade diese Schichtung ist typisch für lebendige Wallfahrten. Neue Rituale können entstehen, wenn sie ältere Erzählungen überzeugend aufgreifen und in eine zeitgemäße öffentliche Form übersetzen.
In der lokalen Festkultur werden die großen Maiwallfahrten traditionell besonders mit auswärtigen Pilgern verbunden. Für sie begegnet die Bezeichnung "Ziazì". Viele Gruppen kamen und kommen aus Apulien, den Abruzzen, Molise und Kampanien.
Historische Berichte aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigen die Größe dieser Pilgerströme. Tausende Menschen reisten in organisierten Gruppen an, und eigene Einrichtungen sorgten für Verpflegung und Unterkunft. Damit war Bari nicht nur Kultort, sondern auch logistisches Zentrum einer großen saisonalen Wallfahrt.
Wallfahrt bedeutete für viele Menschen eine mehrtägige, anstrengende Reise. In Bari entstanden deshalb Einrichtungen, die Pilger aufnahmen und verpflegten. Berichte aus dem frühen 20. Jahrhundert nennen tausende kostenlos ausgegebene Mahlzeiten während der Maitage.
Solche Angaben zeigen die soziale Dimension des Heiligtums. Ein großer Wallfahrtsort musste nicht nur Gottesdienste ermöglichen, sondern ebenso Nahrung, Schlafmöglichkeiten, Orientierung und Betreuung organisieren.
Neben der Maiwallfahrt wird am 6. Dezember das allgemeine Nikolausfest gefeiert. In der lokalen Wahrnehmung gilt dieser Termin stärker als Fest der Stadt selbst, während der Mai besonders mit auswärtigen Pilgern und der Translation verbunden ist.
Damit besitzt der Nikolauskult zwei unterschiedliche Jahresrhythmen: den winterlichen Heiligengedenktag und das frühlingshafte Erinnerungsfest an die Ankunft der Reliquien. Beide Termine ergänzen sich und sprechen teilweise unterschiedliche Gruppen von Gläubigen an.
Der hl. Nikolaus besitzt in den orthodoxen Kirchen eine besonders starke Verehrung. Weil die in Bari verwahrten Reliquien aus dem byzantinischen Myra stammen, blieb das Grab auch für orthodoxe Christen ein wichtiges Pilgerziel, obwohl es sich heute in einer römisch-katholischen Basilika befindet.
Russische Pilger sind seit dem Spätmittelalter namentlich greifbar. Als früher russischer Besucher gilt der Mönch Barlaam, der 1459 nach Bari kam. Seit dem späten 17. Jahrhundert nahm die russische Wallfahrt deutlich zu, und heute kommen orthodoxe Pilger aus vielen Ländern regelmäßig zum Nikolausgrab.
Bei orthodoxen Pilgergruppen ist die körperliche Nähe zum Grab besonders wichtig. Die Gläubigen warten oft lange, um das Grab zu küssen, Gegenstände daraufzulegen und Zettel mit den Namen von Angehörigen zu hinterlassen. Die Basilika dokumentiert diese Praktiken ausdrücklich und ermöglicht orthodoxen Geistlichen eigene liturgische Feiern.
Diese Wallfahrt macht die Krypta zu einem Raum, in dem Menschen unterschiedlicher kirchlicher Traditionen denselben Heiligen am selben Grab verehren. Die Unterschiede der Liturgie bleiben bestehen, während die Verehrung des Nikolaus einen gemeinsamen Bezugspunkt bildet.
Seit 1966 gibt es in der Krypta eine eigene östliche Kapelle für die Feier der orthodoxen Liturgie. Sie entstand im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils und der verbesserten Beziehungen zwischen katholischer und orthodoxer Kirche.
Die Einrichtung besitzt mehr als symbolischen Charakter. Orthodoxe Priester und Pilgergruppen können in unmittelbarer Nähe des Nikolausgrabes nach ihrer eigenen Tradition Gottesdienst feiern, wodurch die ökumenische Bedeutung des Heiligtums auch räumlich sichtbar wird.
In der Krypta befindet sich außerdem die sogenannte Lampada uniflamma, eine in Schiffsform gestaltete Lampe, die die gemeinsame christliche Verehrung des Heiligen symbolisieren soll. Sie wurde 1936 gestiftet und später in ökumenischen Feiern gemeinsam von Vertretern verschiedener Kirchen entzündet.
Besonders bekannt ist die gemeinsame Entzündung durch Papst Johannes Paul II. und den orthodoxen Metropoliten Chrysostomos im Jahr 1984. Die eine Flamme steht dabei symbolisch für eine gemeinsame Glaubensgrundlage, die aus östlicher und westlicher Tradition gespeist wird.
Die Nikolausbasilika wurde im 20. und 21. Jahrhundert wiederholt zum Ort katholisch-orthodoxer Begegnungen. 2018 kamen Papst Franziskus und Oberhäupter verschiedener Kirchen und christlicher Gemeinschaften des Nahen Ostens nach Bari, stiegen gemeinsam in die Krypta hinab, verehrten die Reliquien und entzündeten die gemeinsame Lampe.
Solche Treffen bauen auf einer bereits bestehenden Pilgerwirklichkeit auf. Die ökumenische Bedeutung wurde nicht allein institutionell geschaffen, sondern entwickelte sich aus der Tatsache, dass katholische und orthodoxe Christen denselben Heiligen seit Jahrhunderten verehren.
Im Zuge von Restaurierungsarbeiten wurde das Grab im Jahr 1953 kanonisch geöffnet und die Gebeine anthropologisch untersucht. Solche Untersuchungen können Aussagen über Alter, Geschlecht, Körpermerkmale und Erhaltungszustand der Knochen ermöglichen.
Sie können jedoch nicht naturwissenschaftlich beweisen, dass die Gebeine tatsächlich Nikolaus von Myra gehören. Die Identität beruht weiterhin auf der historischen Überlieferung der Translation von Myra nach Bari und der seit 1087 ununterbrochenen Verehrung des Reliquienbestandes.
Ein zusätzlicher historischer Komplex ergibt sich daraus, dass auch in Venedig Reliquien des hl. Nikolaus verehrt werden. Eine venezianische Expedition gelangte einige Jahre nach der Bareser Aktion nach Myra und nahm weitere Knochen aus dem Grab- und Kirchenbereich mit.
Die Frage, welche Knochen welchem ursprünglichen Bestatteten zuzuordnen sind, ist kompliziert. Für die Wallfahrtsgeschichte ist entscheidend, dass Bari seit 1087 den größeren und kontinuierlich verehrten Reliquienbestand besitzt, während die Konkurrenz verschiedener Städte um Heiligenreliquien ein typisches Phänomen des Mittelalters darstellt.
Zum Reliquienschatz der Basilika gehört auch eine Reliquie des Apostels Thomas, die Abt Elia zu Beginn des 12. Jahrhunderts erhielt. Diese Reliquie bildet eine interessante Verbindung zu Ortona, wo ebenfalls ein großer Thomas-Kult besteht und umfangreiche Gebeine des Apostels verehrt werden.
Solche Überschneidungen erinnern daran, dass mittelalterliche Reliquienkulte nicht immer einem einzigen exklusiven Ort zugeordnet werden können. Einzelne Körperteile konnten getrennt überliefert und an verschiedenen Heiligtümern verehrt werden.
Die Verbindung des Heiligen mit der Seefahrt gehört zu den wichtigsten Motiven seines Kultes. Bereits mittelalterliche Wundererzählungen berichten von Rettung aus Seenot, und Hafenstädte sowie Seefahrer übernahmen Nikolaus als besonderen Patron.
In Bari erhielt dieses Motiv durch die eigene Stadtgeschichte zusätzliche Kraft. Die Reliquien selbst kamen auf dem Seeweg, Seeleute spielten die Hauptrolle bei ihrer Überführung, und die jährliche Meeresprozession bringt den Heiligen symbolisch wieder auf das Wasser.
Eine weitere bekannte Erzählung berichtet von drei armen jungen Frauen, deren Familie keine Mitgift aufbringen konnte. Nikolaus habe ihnen heimlich Geld zukommen lassen und sie damit vor sozialem Abstieg bewahrt. Aus den Geldbeuteln der Erzählung entwickelten sich in der Kunst häufig drei goldene Kugeln als Attribut.
Diese Legende prägte Nikolaus als heimlichen Gabenspender und Helfer Bedürftiger. Spätere Bräuche der Kinderbescherung, Stiftungen für junge Frauen und schließlich auch die neuzeitliche Santa-Claus-Tradition greifen unterschiedliche Teile dieses Motivkomplexes auf.
Die Basilika besitzt eine lebendige Votiv- und Devotionalienpraxis. Pilger hinterlassen Gaben, erwerben Ikonen, Medaillen, Rosenkränze, Gebetsbilder und Manna-Fläschchen und lassen Gegenstände segnen. Die Sala Offerte ist deshalb sowohl Verkaufsstelle als auch ein eigener Teil der Pilgerinfrastruktur.
Solche Gegenstände tragen den Wallfahrtsort in private Haushalte weiter. Eine kleine Nikolausikone, eine Medaille oder ein Manna-Fläschchen erinnert an die Reise und kann zugleich als Schutzzeichen oder Gebetsgegenstand verwendet werden.
In Bari begegnen sich Pilger aus Süditalien, Ost- und Westeuropa sowie aus orthodox geprägten Ländern. Unterschiede von Sprache und Liturgie treten im Heiligtum deutlich hervor, ohne den gemeinsamen Bezug auf den Heiligen aufzuheben.
Gerade in der Krypta wird diese Mehrsprachigkeit sichtbar und hörbar. Lateinische und byzantinische Gebete, katholische und orthodoxe Gesten, individuelle Kontaktdevotion und organisierte Gruppenwallfahrt teilen denselben Raum.
Für die Volkskunde bietet Bari eine ungewöhnlich geschlossene Überlieferung von fast einem Jahrtausend Wallfahrtsgeschichte. Der Kult beginnt mit einer politisch und religiös motivierten Reliquienaneignung, führt über den Bau eines eigens dafür errichteten Heiligtums und entwickelt sich zu einer internationalen Pilgertradition, in der Grabkontakt, Manna, wundertätige Säule, Prozessionen und maritime Rituale bis heute weiterleben.
Besonders aufschlussreich ist die Verbindung von offizieller Liturgie und populärer Praxis. Die Reliquien werden unter einem Altar verehrt, zugleich küssen Pilger das Grab, legen Gegenstände darauf, nehmen Manna-Fläschchen mit nach Hause oder berühren eine Säule, der seit Jahrhunderten heilende Kräfte zugeschrieben werden. Diese Formen zeigen, wie stark Wallfahrt über Körper, Material und Berührung funktioniert.
Hinzu kommt die ökumenische Dimension. Nikolaus wird von katholischen und orthodoxen Christen gemeinsam verehrt, und Bari hat daraus im 20. Jahrhundert bewusst eine Brückenfunktion zwischen Ost und West entwickelt. Die östliche Kapelle, orthodoxe Pilgergruppen und gemeinsame Gebete unterschiedlicher Kirchen machen sichtbar, dass ein mittelalterlicher Reliquienkult bis heute neue religiöse Bedeutungen annehmen kann.
- Nicephorus von Bari: Bericht über die Translation der Nikolausreliquien, entstanden kurz nach 1087.
- Johannes Archidiaconus von Bari: Historia Translationis Sancti Nicolai, Ende des 11. Jahrhunderts.
- Gerardo Cioffari OP: historische und hagiographische Studien zu San Nicola, Myra, Bari, Translation, Manna und orthodoxer Wallfahrt.
- Basilica Pontificia di San Nicola, Bari: historische Dokumentationen zu Translation, Baugeschichte, Krypta, Nikolausgrab, Manna, Colonna miracolosa, östlicher Kapelle, orthodoxer Wallfahrt und Festen.
- Riccardo Ciusa und Laboratorien der Universität Bari: chemische und bakteriologische Untersuchungen der Manna, 1925.
- Dokumentationen der Basilica di San Nicola zur kanonischen Öffnung und anthropologischen Untersuchung der Reliquien 1953.
- Vatikanische Dokumentation zum ökumenischen Treffen von Papst Franziskus mit den Oberhäuptern der Kirchen und christlichen Gemeinschaften des Nahen Ostens in Bari, 7. Juli 2018.
- Treccani: Beiträge zur historischen und kunstgeschichtlichen Überlieferung des hl. Nikolaus und zur mittelalterlichen Nikolausverehrung.
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrtsorte in Italien | |
| Zurück zur Gesamtübersicht Wallfahrt |
Ergänzungen: Wolfgang Morscher