Santuario di Plout / Notre-Dame de Tout-Pouvoir
Saint-Marcel, Wallfahrtskirche von Plout

Schnellüberblick
Wallfahrt:Lebendige Marien- und Heilungswallfahrt zum Santuario di Plout, auch Notre-Dame de Tout-Pouvoir und Madonna di Plout genannt. Der Kult entwickelte sich aus einem älteren Marienbild an einer Felsnische, wurde im 17. Jahrhundert durch eine Heilungsüberlieferung verstärkt und besitzt bis heute eine umfangreiche Ex-voto-Tradition sowie regelmäßige Wallfahrten und Gottesdienste während der Sommermonate.
Status:Lebendiger regionaler Marienwallfahrtsort des Aostatals. In der regionalen religionsgeschichtlichen Forschung wird Plout außerdem als historisches "sanctuaire à répit" genannt, also als Heiligtum, an dem Angehörige für ungetauft verstorbene Neugeborene auf ein kurzzeitiges Lebenszeichen hofften, das die Spendung der Taufe ermöglichen sollte.
Kultzentrum:Die 1744 gestiftete hölzerne Marienstatue Notre-Dame de Tout-Pouvoir mit Zepter und Jesuskind am Hochaltar sowie der von zahlreichen Votivtafeln und anderen Dankgaben geprägte Kirchenraum.
Ort:Plout, Gemeinde Saint-Marcel.
Region:Aostatal / Vallée d'Aoste.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Santuario di Plout / Notre-Dame de Tout-Pouvoir, Plout, 11020 Saint-Marcel AO, Italien.
Das Heiligtum liegt oberhalb des Hauptortes von Saint-Marcel an einem alten Wegesystem zwischen den höher gelegenen Weilern.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Das Heiligtum ist vor allem während der Sommermonate in den liturgischen Betrieb der Pfarre eingebunden. Das Hauptfest wird im September im Umfeld des Festes der Kreuzerhöhung begangen; ein weiterer traditioneller Festtag ist der 26. Juli zu Ehren der hl. Anna.
•Ein historischer Fußweg führt von Moulin zum Heiligtum. Der Weg veranschaulicht die ältere Form der Annäherung zu Fuß, auch wenn Plout heute wesentlich leichter erreichbar ist.
Direkt zum Inhalt
•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.

Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen des Heiligtums, die Marienstatue Notre-Dame de Tout-Pouvoir am Hochaltar, Gesamtansichten der Ex-voto-Wände, einzelne historische Votivtafeln mit lesbaren Inschriften und Jahreszahlen, persönliche Dankgaben, Rosenkranzstationen, Pilgerhaus, alte Wege zum Heiligtum, Inschriften, Wallfahrtsandenken sowie Aufnahmen der Prozessionen und Wallfahrten im September.

Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.

Ausführliche Beschreibung

Ein Marienheiligtum oberhalb von Saint-Marcel

Das Santuario di Plout, französisch Notre-Dame de Tout-Pouvoir und italienisch auch Madonna di Plout genannt, liegt oberhalb von Saint-Marcel an einem alten Wegesystem zwischen den höher gelegenen Siedlungen des Tales. Der Wallfahrtsort entwickelte sich nicht aus einer einmaligen, historisch klar datierbaren Gründung, sondern aus mehreren Schichten von lokaler Marienverehrung, Heilungsüberlieferung, Votivfrömmigkeit und baulicher Erweiterung, die sich über Jahrhunderte hinweg miteinander verbanden.

Die ältere Bezeichnung des Kultbildes lautete Notre-Dame des Ermites, "Unsere Liebe Frau der Eremiten". Erst mit dem Anwachsen des Kultes und der zunehmenden Zuschreibung von Gebetserhörungen setzte sich der Titel Notre-Dame de Tout-Pouvoir durch, der die Madonna als machtvolle Fürsprecherin vor Gott kennzeichnet und in der lateinischen Form Virgo Potens begegnet.

Der ältere Kultplatz an einer Felsnische

Die regionale Überlieferung führt den Marienkult von Plout bis in das 14. Jahrhundert zurück. In einer kleinen, in den Fels eingetieften Nische beziehungsweise Höhlung soll eine Marienfigur verehrt worden sein, bei der Bewohner der umliegenden Weiler beteten. Konkreter fassbar wird die Tradition im 16. Jahrhundert, als der Ort bereits als Gebetsplatz diente und insbesondere dann aufgesucht wurde, wenn schlechtes Wetter oder schwierige Wege den Abstieg zur Pfarrkirche von Saint-Marcel erschwerten.

Die Entstehung des Wallfahrtsortes ist damit eng an die Topographie einer alpinen Streusiedlungslandschaft gebunden. Ein lokaler Gebetsplatz konnte eine wichtige Funktion übernehmen, wenn Wege weit, steil oder witterungsbedingt schwer begehbar waren, sodass religiöse Versorgung und alltägliche Mobilität unmittelbar miteinander verbunden waren.

Die Heilungsüberlieferung um 1640

Um 1640 setzt jene Überlieferung ein, die für den weiteren Ausbau des Kultes besondere Bedeutung erhielt. Ein Maurer soll bei seiner Arbeit eine schwere Verletzung erlitten haben, wobei mehrere Darstellungen ausdrücklich von einer Beinverletzung sprechen; in seiner Not wandte er sich an die Madonna von Plout und gelobte, im Fall seiner Genesung einen würdigeren Andachtsraum errichten zu lassen.

Nach seiner als wundersam verstandenen Heilung habe er das Gelübde erfüllt und ein Oratorium errichtet. Damit folgt die Erzählung einem klassischen Votivschema, bei dem Notlage, Gelübde, erfahrene Hilfe und anschließende Gegengabe zusammengehören, wobei die Gegengabe hier nicht in einer kleinen Tafel oder einem persönlichen Gegenstand besteht, sondern im Ausbau des Kultortes selbst.

Von Notre-Dame des Ermites zu Notre-Dame de Tout-Pouvoir

Die zunehmende Zahl der Besucher und die wachsende Überzeugung, dass an diesem Ort Gebete erhört würden, führten im frühen 18. Jahrhundert zu einem weiteren Ausbau. 1715 wurde eine größere Kapelle vollendet, die den Pilgern mehr Raum bot und den inzwischen gefestigten Kult sichtbar machte.

In dieser Phase setzte sich auch der Titel Notre-Dame de Tout-Pouvoir durch. Der Wandel des Namens spiegelt den Wandel der religiösen Wahrnehmung, denn aus einer Madonna, die an einem abgelegenen Fels- beziehungsweise Eremitenort verehrt wurde, wurde eine machtvolle Fürsprecherin, der Gläubige Heilung, Schutz und Hilfe in unterschiedlichsten Lebenslagen zutrauten.

Die Marienstatue von 1744

1744 erhielt das Heiligtum ein neues Kultbild. Der Prior der Collegiata di Sant'Orso in Aosta stiftete eine hölzerne Marienstatue, die bis heute am Hochaltar verehrt wird; Maria trägt in der rechten Hand ein Zepter und hält das Jesuskind auf dem linken Arm, wodurch der Bildtypus die Vorstellung von königlicher Würde und wirksamer Fürsprache unmittelbar aufnimmt.

Diese Statue bildet heute das eigentliche Kultzentrum von Notre-Dame de Tout-Pouvoir. Der ältere Fels- und Nischenkult blieb in der Erinnerung des Ortes erhalten, während das Bild von 1744 die gewachsene Wallfahrt sichtbar bündelte und zum zentralen Gegenstand der späteren Votiv- und Festkultur wurde.

Die Kirche wächst mit der Wallfahrt

Schon wenige Jahrzehnte später genügte die Kapelle dem Pilgerzustrom erneut nicht mehr. 1787 wurde sie vergrößert; zugleich entstand etwas südlich des Heiligtums ein Gebäude zur Aufnahme von Pilgern, dessen Vorhandensein deutlich macht, dass der Ort längst über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus Bedeutung gewonnen hatte und Menschen längere Wege auf sich nahmen, Rast benötigten und zeitweise am Heiligtum aufgenommen wurden.

Ein historisches "sanctuaire à répit"

Eine besondere Bedeutung besitzt Plout in der regionalen religionsgeschichtlichen Forschung als sogenanntes "sanctuaire à répit". Darunter versteht man Heiligtümer, zu denen Angehörige ungetauft verstorbene oder tot geborene Kinder brachten, weil sie auf ein kurzes Lebenszeichen hofften, das die Spendung der Taufe noch ermöglichen sollte.

Diese Praxis muss aus den religiösen Vorstellungen ihrer Zeit verstanden werden. Der Tod eines ungetauften Kindes war für die Familie nicht nur ein persönlicher Verlust, sondern mit großer Sorge um dessen jenseitiges Schicksal verbunden, weshalb der Weg zu einem répit-Heiligtum Ausdruck von Verzweiflung, Hoffnung und dem Wunsch war, dem Kind noch den Zugang zur Taufe zu eröffnen.

Was mit "répit" gemeint war

Das französische Wort "répit" bedeutet Aufschub oder kurze Frist. An solchen Heiligtümern warteten Angehörige und Geistliche auf Zeichen, die als vorübergehende Rückkehr des Lebens gedeutet wurden, etwa eine vermeintliche Veränderung der Hautfarbe, Wärme, Bewegung oder andere körperliche Erscheinungen; wurde ein solches Zeichen angenommen, konnte eine bedingungsweise Taufe gespendet werden.

Aus heutiger Sicht dürfen diese Berichte nicht als medizinische Wiederbelebung Verstorbener verstanden werden. Sie gehören in den historischen Zusammenhang vormoderner Todesfeststellung und religiöser Sorge um ungetauft verstorbene Kinder und sind gerade deshalb für die Volkskunde von Bedeutung, weil sie eine Form des Umgangs mit Tod, Trauer und religiöser Unsicherheit sichtbar machen, die heute weitgehend verschwunden ist.

Plout im Netz der alpinen répit-Heiligtümer

Solche Heiligtümer waren nicht auf das Aostatal beschränkt. Répit-Traditionen sind aus verschiedenen Regionen der Alpen und aus Teilen Frankreichs und des westlichen Mitteleuropas bekannt; Plout steht damit in einem größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang, erhält jedoch durch die lokale Marienverehrung und den Titel Notre-Dame de Tout-Pouvoir eine eigene Ausprägung.

Für die Geschichte des Heiligtums ist entscheidend, dass die répit-Funktion nicht als isolierter Sonderbrauch betrachtet wird, sondern neben Heilungsbitten, Schutzvorstellungen und allgemeinen Votivpraktiken stand. Die gleiche Madonna konnte von unterschiedlichen Menschen in völlig verschiedenen Notlagen angerufen werden.

Die Ex-voto-Wände

Zu den auffälligsten Zeugnissen der Wallfahrt gehören die zahlreichen Ex-voto, mit denen die Wände des Heiligtums ausgestattet sind. Gemalte Tafeln, Fotografien, Schmuckstücke und andere persönliche Dankgaben bilden ein dichtes materielles Archiv individueller Lebensgeschichten, wobei ein Ex-voto auf Krankheit, Unfall, schwierige Geburt, familiäre Not oder eine andere Gefahr zurückgehen kann.

Nicht immer lässt sich heute noch erkennen, welches Ereignis hinter einer Gabe stand, doch gerade die große Zahl solcher Gegenstände zeigt, wie viele Menschen ihre persönliche Erfahrung von Hilfe und Dank dauerhaft mit Plout verbanden. Die Votivgabe ist damit zugleich persönliches Erinnerungsstück und öffentliches Zeugnis, das eine individuelle Biographie in den religiösen Raum einschreibt.

Der Neubau des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jahrhundert war auch die vergrößerte Kapelle dem Pilgerzustrom nicht mehr gewachsen. Nachdem Bischof André Jourdain von Aosta den Ort besucht und den Bau als zu klein beurteilt hatte, wurde um 1850 mit der Errichtung eines wesentlich größeren Heiligtums begonnen; zwischen 1850 und 1853 entstand die heutige Kirche.

Der Neubau bewahrte die ältere Kulttradition, gab ihr aber einen deutlich repräsentativeren architektonischen Rahmen. Wie bei vielen gewachsenen Wallfahrtsorten ist deshalb zwischen dem Alter des Kultes und dem Alter des heutigen Kirchengebäudes klar zu unterscheiden.

Architektur des heutigen Heiligtums

Der Bau besitzt einen Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes mit zentraler Kuppel und einem apsidial abgeschlossenen Presbyterium. Vor der Fassade steht ein klassizistisch geprägter Portikus mit vier Säulen, der dem Heiligtum trotz seiner ländlichen Lage ein geordnetes und repräsentatives Erscheinungsbild gibt.

Die äußere Gestaltung und der zentrale Grundriss spiegeln die Vorstellung eines eigenständigen Wallfahrtsheiligtums wider, während die Ausstattung im Inneren weiterhin eng um das verehrte Marienbild und die Votivgaben organisiert blieb.

Das Bildprogramm der Fassade

Die Fassade trägt ein religiöses Schutzprogramm, das den lokalen Charakter des Heiligtums erkennen lässt. Neben Maria mit dem Kind erscheinen die hl. Brigida und der hl. Pietro Fourier, während in seitlichen Nischen unter anderem San Grato und San Marcello vertreten sind.

San Grato besitzt im Aostatal eine besonders ausgeprägte Verehrung und wurde unter anderem als Schutzheiliger gegen Unwetter und landwirtschaftliche Gefahren angerufen. Seine Darstellung verbindet Notre-Dame de Tout-Pouvoir mit jener regionalen Schutzfrömmigkeit, in der Naturgefahren, Ernte und religiöse Fürbitte eng zusammengehören.

Die Ausmalung von Giuseppe Stornone

Zwischen 1852 und 1854 wurde der Innenraum des neuen Heiligtums malerisch ausgestaltet. Die Arbeiten werden Giuseppe Stornone aus Ivrea zugeschrieben und gehören damit unmittelbar zur Fertigstellungsphase des heutigen Baues.

Gerade im Zusammenspiel mit den später angebrachten Ex-voto entsteht ein vielschichtiger Kirchenraum, in dem die monumentale religiöse Malerei des 19. Jahrhunderts den offiziellen Rahmen bildet, während die kleinformatigen Votivbilder und persönlichen Gegenstände die individuellen Erfahrungen der Pilger sichtbar machen.

Die fünfzehn Rosenkranzstationen

Bereits 1841, also noch vor dem großen Neubau, entstand in der Umgebung des Heiligtums ein Portikus mit fünfzehn Nischen, in denen die Geheimnisse des Rosenkranzes dargestellt wurden. Als Künstler wird Lorenzo Toso genannt.

Solche Rosenkranzstationen erweitern das Heiligtum über den Kirchenraum hinaus, weil der Pilgerweg in einzelne Gebetsabschnitte gegliedert wird und Bewegung und Andacht miteinander verbunden werden. Die Umgebung erhält dadurch den Charakter einer gestalteten religiösen Landschaft.

Der alte Pilgerweg von Moulin

Von Moulin führt ein historischer Weg nach Plout, der heute noch begangen werden kann. Der Aufstieg vermittelt einen Eindruck jener Form der Wallfahrt, bei der das Heiligtum nicht am Ende einer Autofahrt, sondern nach einem körperlich spürbaren Weg erreicht wurde.

Das Gehen besitzt in der Wallfahrt eine eigene Bedeutung, weil Entfernung, Steigung und Zeit aus der Annäherung eine bewusste Handlung machen; gerade in den Alpen gehörte diese Erfahrung über Jahrhunderte selbstverständlich zur Pilgerpraxis.

Das Fest der hl. Anna

Ein traditioneller Festtag des Heiligtums ist der 26. Juli, das Fest der hl. Anna. Sie gilt als zweite Patronin des Wallfahrtsortes und verbindet Plout mit einer in den Alpen weit verbreiteten Verehrung der Mutter Mariens.

Die Anna-Verehrung steht häufig in besonderer Beziehung zu Familie, Mutterschaft und weiblicher Lebenswelt und erhält in Plout zusätzliche Bedeutung, wenn man die historische Funktion des Heiligtums als Ort der Sorge um verstorbene Kinder berücksichtigt.

Septemberwallfahrt und Kreuzerhöhung

Der wichtigste Wallfahrtstermin liegt im September im Umfeld des Festes der Kreuzerhöhung am 14. September. Die heutige Pfarrpraxis bündelt die große Feier regelmäßig an einem Sonntag in diesem Zeitraum, damit möglichst viele Gläubige teilnehmen können.

Der Termin zeigt, dass das Heiligtum nicht ausschließlich an ein Marienfest gebunden ist. Marienkult und Kreuzverehrung überlagern sich, wie dies bei historisch gewachsenen Wallfahrtsorten häufig vorkommt, wobei weniger ein einheitliches Patrozinium als die Kontinuität des Ortes als Ziel gemeinsamer Gebete und Wallfahrten entscheidend ist.

Wallfahrt heute

Notre-Dame de Tout-Pouvoir wird weiterhin tatsächlich als Wallfahrtsziel genutzt. Während der Sommermonate finden Gottesdienste statt, und auch organisierte Fußwallfahrten aus dem Umfeld der Diözese Aosta führen nach Plout.

Damit ist der historische Wallfahrtscharakter nicht nur durch alte Ex-voto und frühere Pilgerhäuser belegt, sondern auch durch gegenwärtige Praxis, in der historische Schichten der Frömmigkeit mit einer weiterhin lebendigen kirchlichen Nutzung verbunden bleiben.

Zwischen Heilung, Schutz und Erinnerung

Die religiöse Bedeutung von Plout lässt sich nicht auf ein einziges Motiv reduzieren. Der verletzte Maurer steht für die Heilungsbitte, die Ex-voto für den Dank nach überstandener Not, die répit-Tradition für die Sorge um verstorbene Kinder und die regelmäßigen Wallfahrten für die fortdauernde Bindung der Bevölkerung an das Heiligtum.

Gerade diese Vielschichtigkeit macht die Geschichte des Ortes verständlich, denn ein Wallfahrtsheiligtum konnte im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Bedürfnisse aufnehmen, ohne seinen kultischen Mittelpunkt zu verlieren; das Marienbild blieb derselbe Bezugspunkt, während sich die Anliegen der Menschen wandelten.

Volkskundliche Bedeutung

Plout gehört zu jenen Wallfahrtsorten des Aostatals, an denen sich religiöse Praxis besonders deutlich in materiellen und räumlichen Spuren erhalten hat. Felsnische, Oratorium, Pilgerhaus, Rosenkranzstationen, Marienstatue und Ex-voto bilden zusammen eine Kultlandschaft, deren einzelne Bestandteile unterschiedliche Phasen der Wallfahrtsgeschichte widerspiegeln.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die historische répit-Tradition, weil sie einen Bereich religiöser Lebensbewältigung sichtbar macht, der in heutigen Kirchen kaum mehr verständlich ist. Die Sorge um ungetauft verstorbene Kinder führte Angehörige zu einem Heiligtum, an dem Hoffnung, Trauer und sakramentales Denken in einer besonderen Form zusammentrafen.

Ebenso wichtig sind die Ex-voto, denn sie bewahren die persönliche Seite der Wallfahrt. Hinter jeder Tafel und jeder Gabe steht eine individuelle Geschichte, deren Einzelheiten häufig verloren sind, deren Grundmotiv aber weiterhin verständlich bleibt: Menschen suchten in Krankheit, Gefahr oder Trauer Hilfe und hinterließen nach erfahrener oder erhoffter Unterstützung ein sichtbares Zeichen ihrer Beziehung zu Notre-Dame de Tout-Pouvoir.

Quellen und Literatur

- Alberto Maria Careggio: La religiosità popolare in Valle d'Aosta. Il culto mariano e la devozione ai santi. Storia, tradizioni, leggende, preghiere. Aosta: Tipografia Valdostana, 1995.

- Pierre-Louis Vescoz: Notre-Dame-de-Tout-Pouvoir vénérée à Plou, paroisse de Saint-Marcel. Aoste: Imprimerie catholique, 1914.

- Giulio Vuillermoz: Santuario di Plout: memoria di un'insopprimibile nostalgia del cielo. Aosta: Tipografia Valdostana, 1998.

- Diocesi di Aosta: kirchliche Dokumentationen zu Wallfahrten, Liturgie und heutiger Nutzung von Notre-Dame de Tout-Pouvoir.

- Parrocchie della Vergine / Saint-Marcel: Informationen zu Gottesdiensten, Festterminen und Wallfahrtspraxis im Santuario di Plout.

- Regione Autonoma Valle d'Aosta: kulturhistorische Dokumentationen zur Geschichte des Heiligtums, zur Madonna von 1744, zu Bauphasen, Ex-voto und Pilgertradition.

- Regionale religionsgeschichtliche Forschung zu den "sanctuaires à répit" im Aostatal und in den Westalpen, mit Bezug auf Plout als historisch überlieferten Ort dieser Frömmigkeitspraxis.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher