Santuario Notre-Dame de la Garde
Perloz, Wallfahrtskirche Notre-Dame de la Garde

Schnellüberblick
Wallfahrt:Lebendige Marienwallfahrt zur Notre-Dame de la Garde mit historischer Gnadenstatue, zahlreichen Ex-voto und bis heute begangener Fußwallfahrt. Am Vorabend des Patronatsfestes führt eine abendliche beziehungsweise nächtliche Prozession von Pont-Saint-Martin über die alte Mulattiera zum Heiligtum; am 8. September wird Mariä Geburt als Hauptfest gefeiert.
Status:Historischer und weiterhin lebendiger regionaler Marienwallfahrtsort am Eingang des Lystals. Zum Komplex gehören neben Kirche und Glockenturm ein altes Pilgerhaus, Rosenkranzstationen, eine Brunnenanlage und weitere Andachtsräume.
Kultzentrum:Die am Hochaltar verehrte thronende Madonna mit Kind aus dem 14. Jahrhundert sowie die zahlreichen Votivtafeln und Dankgaben, die von Heilung, Schutz und persönlicher Hilfe durch die Fürsprache Mariens erzählen.
Ort:Perloz.
Region:Aostatal / Vallée d'Aoste.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Santuario Notre-Dame de la Garde, Località Notre Dame de la Garde 10, 11020 Perloz AO, Italien.
Das Heiligtum liegt oberhalb von Pont-Saint-Martin am Eingang des Valle del Lys beziehungsweise Lystals und ist von Kastanienwäldern sowie alten Wegen umgeben.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Das Heiligtum ist gewöhnlich von Frühjahr bis Ende September an bestimmten Tagen geöffnet; für Gruppen sind Besuche außerhalb der regulären Öffnungszeiten nach Vereinbarung möglich. Die aktuellen Öffnungszeiten können saisonal wechseln.
•Vom Parkplatz führen kurze Rampen zum Heiligtum; der traditionelle Wallfahrtsweg beginnt dagegen in Pont-Saint-Martin und folgt teilweise einer alten Mulattiera hinauf nach Perloz.
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•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

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Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen des Heiligtums, die Gnadenstatue mit ihren Kronen, Gesamt- und Detailaufnahmen der Ex-voto-Wände, einzelne historische Votivtafeln mit lesbaren Jahreszahlen und Inschriften, gemalte Krankheits- oder Unfalldarstellungen, weitere persönliche Dankgaben, die Rosenkranzstationen, der Palazzo dei Pellegrini, der steinerne Opferstock mit Vallaise-Wappen, Brunnen und Maskaron, die alte Mulattiera sowie die Fuß- und Lichterprozession vom 7. September.

Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.

Ausführliche Beschreibung

Ein Marienheiligtum über dem Eingang des Lystals

Notre-Dame de la Garde liegt oberhalb von Pont-Saint-Martin an jenem Übergang, an dem sich das Haupttal der Dora Baltea und das nach Norden führende Valle del Lys begegnen, und bildet mit Kirche, Glockenturm, Pilgerhaus, Rosenkranzstationen, Brunnen und den alten Zugangswegen einen über Jahrhunderte gewachsenen Wallfahrtskomplex. Die Lage außerhalb des eigentlichen Dorfkerns, von Kastanienwäldern umgeben und über eine historische Mulattiera erreichbar, erinnert noch heute daran, dass der Besuch des Heiligtums ursprünglich mit einem wirklichen Fußweg verbunden war und nicht mit einer kurzen Anfahrt bis unmittelbar vor die Kirche.

Im Unterschied zu großen internationalen Wallfahrtszentren ist Perloz vor allem durch eine regionale, über lange Zeit gewachsene Marienverehrung geprägt, deren besondere Dichte sich im Innenraum an den zahlreichen Ex-voto ablesen lässt. Votivtafeln, persönliche Dankgaben, die mittelalterliche Madonnenstatue und die bis heute begangenen Prozessionen verbinden den historischen Kult mit gegenwärtiger religiöser Praxis.

Die Gründungsüberlieferung

Nach der örtlichen Tradition fanden Männer, die mit Bauarbeiten beschäftigt waren, an diesem Platz eine hölzerne Statue der Madonna mit dem Kind und brachten sie zunächst in die Kirche von Perloz. Am folgenden Morgen habe man die Figur jedoch wieder an ihrem Fundort entdeckt; nachdem sie erneut fortgebracht worden sei und wiederum an denselben Platz zurückgekehrt sei, habe man darin den Willen Mariens erkannt, gerade hier verehrt zu werden, und zunächst eine kleine Ädikula errichtet, die später zu einer Kapelle und schließlich zu einem größeren Heiligtum ausgebaut wurde.

Das Motiv gehört zu einer weit verbreiteten Gruppe europäischer Wallfahrtslegenden, in denen ein Bild oder eine Statue ihren Aufenthaltsort gleichsam selbst bestimmt, indem sie an den Fundplatz zurückkehrt oder sich dem Abtransport widersetzt. Der religiöse Sinn liegt weniger in einer überprüfbaren historischen Einzelhandlung als in der Aussage, dass der heilige Ort nicht allein von Menschen gewählt wurde, sondern sich durch das Verhalten des Kultbildes selbst zu erkennen gab.

Wie alt ist der Kult?

Die regionale Überlieferung setzt eine erste Anlage bereits in das 12. Jahrhundert und verbindet die Auffindung der Statue gelegentlich mit der Vorstellung, das Bild sei in einer früheren Zeit aus Angst vor Einfällen verborgen worden. Diese sehr frühe Datierung lässt sich aus den heute leicht zugänglichen Quellen jedoch nicht so präzise absichern, dass sie als unproblematisches Gründungsjahr behandelt werden könnte.

Hinzu kommt ein wichtiger kunsthistorischer Befund: Die heute am Hochaltar verehrte thronende Madonna mit Kind wird in das 14. Jahrhundert datiert. Sie kann daher nicht ohne weiteres mit jener Statue gleichgesetzt werden, die nach späterer Überlieferung bereits wesentlich früher den Kultplatz bestimmt haben soll. Möglich ist ein älteres verlorenes Kultbild ebenso wie eine nachträgliche Verbindung der Gründungslegende mit der heute erhaltenen Statue; solange dafür keine belastbare Quelle vorliegt, bleibt diese Frage offen.

Eine mittelalterliche Madonna als Kultzentrum

Die verehrte Statue zeigt Maria thronend mit dem Jesuskind und gehört zu den älteren erhaltenen Kultgegenständen des Heiligtums. Das Kind erscheint segnend und trägt eine Weltkugel, während die frontal sitzende Muttergottes als ruhige, hieratische Gestalt aufgefasst ist; spätere Kronen und Veränderungen der Präsentation zeigen, dass das Bild über Jahrhunderte nicht nur bewahrt, sondern immer wieder neu in den Kult eingebunden wurde.

Am Hochaltar wird die Madonna von den Figuren des hl. Giocondo und des hl. Gratus begleitet. Besonders der hl. Gratus, Bischof und Patron der Diözese Aosta, verankert den Altar deutlich in der regionalen Heiligenlandschaft des Aostatals, sodass sich hier marianische Wallfahrt und diözesane Schutzfrömmigkeit unmittelbar begegnen.

Wachsender Pilgerstrom und Ausbau 1715 bis 1718

Die bauliche Gestalt des Heiligtums ist nicht das Ergebnis einer einzigen Bauperiode, sondern entstand durch wiederholte Erweiterungen, die jeweils auf den wachsenden Kult und den zunehmenden Besuch reagierten. Besonders wichtig war die Erweiterung zwischen 1715 und 1718, mit der der ältere Bau den Bedürfnissen einer größeren Zahl von Pilgern angepasst wurde.

Die heutige Fassade wird von einem Portikus getragen, dessen vier steinerne Säulen den Eingang schützen, während sich hinter der Kirche Glockenturm und Pilgerhaus anschließen. Das Ensemble macht deutlich, dass Notre-Dame de la Garde nicht nur als Dorfkirche, sondern als Ziel von Menschen gedacht war, die von außerhalb kamen und für ihren Aufenthalt eigene Räume und Infrastruktur benötigten.

Der Palazzo dei Pellegrini

Hinter dem Heiligtum steht der historische Palazzo dei Pellegrini, dessen Funktion bereits im Namen sichtbar wird. Ein eigenes Gebäude für Wallfahrer ist ein besonders deutlicher materieller Hinweis auf die Bedeutung des Ortes, denn es zeigt, dass der Kult nicht nur von Bewohnern der unmittelbaren Umgebung getragen wurde, sondern Menschen aus einem weiteren Einzugsgebiet anzog, die Unterkunft, Schutz und Raum für ihren Aufenthalt benötigten.

Zusammen mit der alten Mulattiera, den Andachtsstationen und dem Kirchenplatz vermittelt das Pilgerhaus noch heute etwas von der historischen Funktionsweise einer Wallfahrt, bei der Ankunft, Gebet, Aufenthalt und gemeinsames Weiterziehen räumlich aufeinander bezogen waren.

Die Rosenkranzstationen

Zum Wallfahrtskomplex gehören kleine Andachtsstationen, die den Rosenkranzgeheimnissen gewidmet sind und den Bereich vor beziehungsweise um die Kirche zu einer gegliederten Gebetslandschaft machen. Der Pilgerweg endet dadurch nicht unvermittelt am Kirchenportal, sondern nähert sich dem Kultzentrum über eine Folge religiöser Bilder und Stationen, an denen Gebet und Betrachtung bereits vor dem Eintritt in das Heiligtum beginnen konnten.

Solche Stationen sind für die Wallfahrtsforschung besonders wichtig, weil sie zeigen, wie stark der Raum außerhalb der Kirche in den Kult einbezogen wurde. Ein Foto nur der Fassade würde daher einen wesentlichen Teil der historischen Wallfahrtsfunktion ausblenden.

Brunnen, Maskaron und steinernes Becken

Auf dem Platz vor dem Heiligtum befindet sich eine Brunnenanlage, deren Maskaron die Jahreszahl 1642 trägt; das große Becken ist aus einem einzigen Steinblock gearbeitet und wird mit 1736 datiert. Brunnen gehören häufig zur Infrastruktur von Pilgerorten, auch wenn sich daraus nicht automatisch eine besondere Quell- oder Heilwasserverehrung ableiten lässt.

Für Perloz ist deshalb zwischen praktischer Versorgung der ankommenden Menschen und einer etwaigen religiösen Wassertradition zu unterscheiden. Die erhaltene Anlage ist in jedem Fall ein wichtiger Bestandteil des historischen Ensembles und sollte in einer Bilddokumentation ebenso berücksichtigt werden wie Kirche und Gnadenbild.

Der steinerne Opferstock und die Familie Vallaise

Im Eingangsbereich befindet sich ein ovaler Stein, der als Almosen- beziehungsweise Opferstock diente. Eingemeißelt sind das Christusmonogramm IHS und das Wappen der Familie Vallaise, die im unteren Lystal über lange Zeit eine bedeutende Herrschaftsrolle spielte.

Dieser unscheinbare Gegenstand verbindet Frömmigkeitsgeschichte und lokale Sozialgeschichte. Die Gaben der Pilger dienten dem Unterhalt des Heiligtums und seinen religiösen Aufgaben, während das Wappen zugleich die Beziehung zwischen dem Wallfahrtsort und einer regionalen Herrschaftsfamilie sichtbar macht.

Die Ausstattung des 18. und 19. Jahrhunderts

Im Kirchenraum stehen drei vergoldete Holzaltäre, deren Seitenaltäre auf das Jahr 1731 zurückgehen, während der Hochaltar 1845 von Joseph Vinea und Denys Fusotto gestaltet wurde. Die mittelalterliche Madonna wurde dadurch in eine wesentlich jüngere barock beziehungsweise historistisch geprägte Altaranlage integriert, was für Wallfahrtskirchen typisch ist: Der alte Kultgegenstand bleibt bestehen, während seine architektonische und künstlerische Umgebung immer wieder erneuert wird.

Auch Wände und Gewölbe gehören einer späteren Ausstattungsphase an. 1831 wurden sie von Vittorio Avondo und seinem Bruder mit Szenen aus Altem und Neuem Testament sowie marianischen Themen ausgemalt, wodurch sich im heutigen Innenraum Mittelalter, Barock und 19. Jahrhundert unmittelbar überlagern.

Die Cappella del Carmine

An das Heiligtum schließt die Cappella del Carmine an, in der sich ein Relief aus dem frühen 17. Jahrhundert mit der Madonna del Carmine, Heiligen und den Seelen im Fegefeuer befindet. Damit tritt neben die Verehrung der Notre-Dame de la Garde eine weitere marianische Frömmigkeitstradition, die mit Skapulier, Fürbitte und dem Gebet für Verstorbene verbunden ist.

Zusammen mit der Orgel des 17. Jahrhunderts und den späteren Altären zeigt die Kapelle, dass das Heiligtum nicht nur um einen einzigen Kultgegenstand gewachsen ist, sondern über Jahrhunderte unterschiedliche religiöse Bedürfnisse und Andachtsformen aufgenommen hat.

Die Ex-voto-Wände

Besonders charakteristisch für Notre-Dame de la Garde sind die zahlreichen Ex-voto, die große Teile der Wände bedecken. Die regionale Dokumentation bezeichnet sie ausdrücklich als sichtbare Zeichen der Volksfrömmigkeit und des Dankes für eine "grazia ricevuta", also eine empfangene Gnade.

Die kleinen Tafeln und persönlichen Gaben bilden ein materielles Archiv, in dem sich individuelle Lebensgeschichten niederschlagen. Auch wenn nicht jede einzelne Geschichte heute noch vollständig rekonstruiert werden kann, verweisen Namen, Jahreszahlen, Inschriften und Bildmotive auf Krankheit, Unfall, Gefahr, familiäre Sorge und Dank, sodass die Wandflächen des Heiligtums zugleich zu einer Sammlung persönlicher Erinnerungen werden.

Votivbilder als historische Quelle

Gerade gemalte Votivtafeln können für die Volkskunde einen Quellenwert besitzen, der weit über ihre künstlerische Qualität hinausreicht, weil sie häufig konkrete Ereignisse darstellen: ein Krankenbett, einen Unfall, ein gefährliches Geschehen auf einem Weg, ein Haus oder eine Familie in Not. Über dem Geschehen erscheint die angerufene Madonna, während eine Inschrift das Datum oder den Dank festhält.

Für Perloz wäre deshalb eine systematische fotografische Dokumentation der erhaltenen Tafeln besonders wertvoll. Eine Gesamtaufnahme zeigt die Dichte der Votivkultur, während Detailfotos mit lesbaren Inschriften ermöglichen könnten, Herkunftsorte, Jahreszahlen und typische Anliegen der Pilger genauer zu erschließen.

Die Krönung des Gnadenbildes 1909

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Verehrung der Madonna durch eine feierliche Krönung besonders hervorgehoben. Dass dieses Ereignis 1909 stattfand, ist nicht nur in späteren Darstellungen überliefert, sondern bereits durch eine im selben Jahr in Aosta erschienene Schrift mit dem Titel Notre-Dame-de-la-Garde (Perloz) et son couronnement dokumentiert; wenige Jahre später veröffentlichte Odon Crétaz eine weitere Darstellung unter dem Titel Notre-Dame de la Garde couronnée: Perloz.

Die Krönung gehört damit zu jener Phase, in der viele historisch gewachsene Marienkulte durch feierliche kirchliche Akte neu bestätigt und öffentlich sichtbar gemacht wurden. Für Perloz bedeutete sie keine Neugründung der Wallfahrt, sondern eine besondere Auszeichnung eines längst bestehenden Kultes.

Der 8. September als Patronatsfest

Das zentrale Wallfahrtsfest wird am 8. September, dem Fest Mariä Geburt, gefeiert. Mehrere Gottesdienste und das gemeinsame Mariengebet prägen diesen Tag, an dem sich Bewohner der Umgebung und auswärtige Pilger am Heiligtum versammeln.

Die Bedeutung dieses Termins reicht über eine gewöhnliche Pfarrfeier hinaus, weil der vorausgehende Weg zum Heiligtum ein eigenständiges Wallfahrtselement bildet. Gerade in der Verbindung von Aufstieg, Prozession und anschließender Feier wird die ältere Pilgertradition bis heute sichtbar.

Die abendliche Wallfahrt am 7. September

Am Vorabend des Hauptfestes zieht eine Lichterprozession von Piazza IV Novembre in Pont-Saint-Martin zum Heiligtum hinauf. Die Gruppe folgt dabei einer alten Mulattiera, die mehrfach die heutige Straße kreuzt, und erreicht Notre-Dame de la Garde nach ungefähr einer Stunde und zwanzig Minuten Fußweg.

Dass für diese Wallfahrt geeignetes Schuhwerk und Beleuchtung empfohlen werden, zeigt den realen Charakter des Weges. Es handelt sich nicht um eine kurze symbolische Prozession im unmittelbaren Umfeld der Kirche, sondern um einen tatsächlichen nächtlichen Aufstieg aus dem Tal, bei dem Dunkelheit, Bewegung und gemeinsames Gebet eine eigene rituelle Erfahrung schaffen.

Von Pont-Saint-Martin hinauf nach Perloz

Die topographische Bewegung ist ein wesentlicher Teil dieser Wallfahrt. Pont-Saint-Martin liegt unten am Ausgang des Lystals, während Notre-Dame de la Garde höher am Hang steht; wer zu Fuß hinaufgeht, verlässt den dicht besiedelten Talboden und nähert sich über alte Wege dem Heiligtum.

Dadurch bleibt etwas von einer historischen Pilgererfahrung erhalten, die im Zeitalter des Autos leicht verloren geht. Der heilige Ort wird sowohl erreicht als auch ergangen, und die zurückgelegte Höhe sowie die Dauer des Weges strukturieren den Übergang vom Alltag zur Wallfahrt.

Mariä Himmelfahrt am 15. August

Neben dem Patronatsfest im September wird auch Mariä Himmelfahrt am 15. August am Heiligtum besonders begangen. Mehrere Gottesdienste und Rosenkranzgebet machen den Tag zu einem zweiten sommerlichen Marienfest, das den Wallfahrtsort in der Hauptreisezeit belebt.

Die beiden Festtermine zeigen, dass Notre-Dame de la Garde nicht nur für einen einzigen jährlichen Wallfahrtstag geöffnet wird, sondern während der Sommermonate wiederholt als religiöser Treffpunkt des unteren Lystals dient.

Gemeinsames Essen und Festgemeinschaft

Zum Patronatsfest gehört neben Gottesdienst und Gebet auch das gemeinsame Essen, wobei in den aktuellen Festbeschreibungen Polenta concia und Spezzatino genannt werden. Solche Mahlzeiten sind keine nebensächliche Ergänzung, sondern gehören zur sozialen Seite der Wallfahrt, weil sie den religiösen Termin in ein gemeinschaftliches Fest überführen.

Der Ablauf aus Fußweg, nächtlicher Prozession, Messe, Rosenkranz und gemeinsamem Essen verbindet individuelle Frömmigkeit mit dörflicher und regionaler Gemeinschaft. Gerade an kleineren Wallfahrtsorten lässt sich diese enge Verzahnung oft besonders gut beobachten.

Öffnung und saisonaler Rhythmus

Das Heiligtum ist gewöhnlich von Frühjahr bis Ende September an bestimmten Tagen geöffnet, wobei die Sommermonate auch regelmäßige Gottesdienste und Rosenkranzgebete umfassen. Gruppen können nach Vereinbarung außerhalb der allgemeinen Öffnungszeiten Zugang erhalten.

Diese saisonale Struktur entspricht der Lage und dem traditionellen Rhythmus eines alpinen Wallfahrtsortes. Für Besucher ist sie praktisch bedeutsam, weil Notre-Dame de la Garde außerhalb der regulären Zeiten nicht selbstverständlich zugänglich ist.

Zwischen Pilgerort und Ausflugsziel

Die Lage oberhalb des Tales und der Blick auf die Umgebung machen Notre-Dame de la Garde heute zugleich zu einem Ziel für Wanderer und kulturgeschichtlich interessierte Besucher. Diese zusätzliche Nutzung hat die religiöse Funktion jedoch nicht verdrängt, denn Gottesdienste, Rosenkranz, Votivgaben und die Septemberprozession zeigen eine weiterhin lebendige Wallfahrtspraxis.

Gerade der materielle Bestand schützt den Ort vor einer rein touristischen Wahrnehmung. Wer die Kirche betritt, begegnet nicht nur einem historischen Bau, sondern den Dankzeichen vieler Generationen, deren persönliche Geschichten in den Ex-voto weiterleben.

Volkskundliche Bedeutung

Notre-Dame de la Garde verbindet mehrere für eine gewachsene Wallfahrtskultur charakteristische Elemente in ungewöhnlich dichter Form: eine Gründungslegende um ein an seinen Fundort zurückkehrendes Kultbild, eine mittelalterliche Madonna, mehrfach erweiterte Sakralarchitektur, ein eigenes Pilgerhaus, Rosenkranzstationen, Brunnen, Almosenstein, zahlreiche Ex-voto und einen weiterhin begangenen Fußweg aus dem Tal.

Besonders aufschlussreich ist die Spannung zwischen Überlieferung und materieller Geschichte. Während die Legende den Ursprung weit zurückverlegt und von einer gefundenen Statue erzählt, stammt die heute verehrte Madonna aus dem 14. Jahrhundert; statt diese beiden Ebenen künstlich zusammenzuführen, zeigt gerade ihre Unterscheidung, wie historische Kultorte über Jahrhunderte Erinnerungen, Gegenstände und neue Deutungen miteinander verbinden.

Die Ex-voto verleihen dieser langen Geschichte eine persönliche Dimension, denn neben Bauphasen, Künstlern und Festterminen treten einzelne Menschen mit Krankheit, Gefahr, Hoffnung und Dank hervor. In Verbindung mit der nächtlichen Fußwallfahrt von Pont-Saint-Martin bleibt Notre-Dame de la Garde deshalb ein anschauliches Beispiel dafür, wie regionale Marienverehrung im Aostatal räumlich, materiell und rituell bis in die Gegenwart fortgeführt wird.

Quellen und Literatur

- Notre-Dame-de-la-Garde (Perloz) et son couronnement. Aosta: Imprimerie catholique, 1909.

- Odon Crétaz: Notre-Dame de la Garde couronnée: Perloz. Aosta: Imprimerie catholique, 1914.

- Laurent Glésaz: Vers la Garde.... Aosta: Société éditrice valdôtaine - Imprimerie catholique, 1927.

- Ambroise Roux: Histoire des Sanctuaires de la Vallée d'Aoste.

- Joseph-Marie Henry: Histoire de la Vallée d'Aoste. Aosta 1967.

- Regione Autonoma Valle d'Aosta: historische und kunsthistorische Dokumentationen zum Santuario della Madonna della Guardia in Perloz, insbesondere zu Baugeschichte, Ex-voto, Gnadenstatue, Pilgerhaus und Festterminen.

- Comune di Perloz: Dokumentationen zum Heiligtum, zur Gründungsüberlieferung, zum Wallfahrtskomplex, zur Gnadenstatue und zur Votivtradition.

- Diocesi di Aosta: Dokumentationen zu den Wallfahrten und Gottesdiensten am Santuario Notre-Dame de la Garde.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher