Santuario Notre-Dame-des-Neiges
Arnad-Machaby, Wallfahrtskirche Notre-Dame-des-Neiges

Schnellüberblick
Wallfahrt:Lebendige Marienwallfahrt zur Madonna delle Nevi mit Hauptfest am 5. August und Fußprozession am Vorabend. Historisch entwickelte sich Machaby zu einer Heilungs- und Votivwallfahrt; zahlreiche Ex-voto, darunter viele Krücken und Gehstöcke, dokumentieren die über Jahrhunderte an die Madonna gerichteten Bitten um Hilfe und Heilung.
Status:Lebendiger regionaler Marienwallfahrtsort. Machaby war außerdem bis ins 19. Jahrhundert ein sogenanntes "sanctuaire à répit", an das ungetauft verstorbene oder tot geborene Kinder gebracht wurden, weil Angehörige auf ein kurzzeitiges Lebenszeichen hofften, das die Spendung der Taufe ermöglichen sollte.
Kultzentrum:Die historische, um die Mitte des 17. Jahrhunderts entstandene und 1940 gekrönte Holzstatue der Madonna mit Kind, die aus konservatorischen Gründen heute in der Pfarrkirche San Martino in Arnad verwahrt wird; im Heiligtum befindet sich eine Kopie. Zum Kultzentrum gehören außerdem die dicht mit Ex-voto belegten Innenwände.
Ort:Machaby, Gemeinde Arnad.
Region:Aostatal / Vallée d'Aoste.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Santuario Notre-Dame aux Neiges di Machaby, Machaby, 11020 Arnad AO, Italien.
Das Heiligtum liegt auf etwa 696 Meter Höhe oberhalb von Arnad in einem von Kastanienwald geprägten Seitental.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Der traditionelle Zugang erfolgt zu Fuß über eine gepflasterte Mulattiera durch den Wald. Vom Zentrum von Arnad beträgt die Gehzeit ungefähr eine Stunde; eine kürzere Route führt vom Parkplatz bei Moulin de Va zum Heiligtum.
•Das Heiligtum wird besonders zum Fest der Madonna delle Nevi Anfang August geöffnet und liturgisch genutzt. Außerhalb der Fest- und Sommerzeiten kann die Zugänglichkeit eingeschränkt sein.
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Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen des Heiligtums, Gesamtansichten der Ex-voto-Wände, einzelne historische Votivtafeln mit lesbaren Inschriften und Jahreszahlen, Krücken, Gehstöcke und persönliche Dankgaben, die Kopie der Madonna im Heiligtum sowie die historische Statue in der Pfarrkirche von Arnad, die Pilgerhäuser, Rosenkranzstationen, kleine Wegkapellen, der gepflasterte Pilgerweg, die Prozession Anfang August, die Schwellenverehrung sowie Inschriften und ältere Wallfahrtsandenken.

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Ausführliche Beschreibung

Ein Wallfahrtsort im Kastanienwald oberhalb von Arnad

Das Santuario Notre-Dame-des-Neiges von Machaby liegt oberhalb von Arnad in einem Seitental des unteren Aostatals, das von alten Kastanienbeständen, felsigen Hängen und historischen Wegverbindungen geprägt ist. Das Heiligtum wird traditionell zu Fuß erreicht, wobei die gepflasterte Mulattiera durch den Wald bereits vor dem Eintreffen an der Kirche einen wesentlichen Teil der Wallfahrtserfahrung bildet. Wer sich dem Ort auf diesem Weg nähert, bewegt sich aus dem Talboden in eine abgelegenere Kultlandschaft, in der Kirche, Pilgerhäuser, Rosenkranzstationen, kleine Andachtsstätten und alte Wege zu einem zusammengehörenden Ensemble geworden sind.

Die heutige Wallfahrt gilt der Madonna delle Nevi, französisch Notre-Dame aux Neiges. Ihre Geschichte lässt sich nicht auf ein einziges Gründungsereignis zurückführen, sondern entstand aus einer Verbindung von lokaler Marienverehrung, Fundlegende, Heilungs- und Votivkultur, baulicher Erweiterung und regelmäßigen Fußwallfahrten. Besonders charakteristisch sind die zahlreichen Ex-voto, darunter viele Krücken, sowie die historische Funktion Machabys als sogenanntes "sanctuaire à répit".

Frühe Überlieferung und sichere Quellen

Ältere Darstellungen führen das Heiligtum bis in das 14. Jahrhundert zurück und nennen teilweise sogar das Jahr 1503 als frühen Nachweis. Die neuere historische Aufarbeitung der Pfarre von Arnad weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass sich für diese in Quellen des 19. Jahrhunderts überlieferte Datierung bislang kein entsprechender älterer Archivbeleg finden ließ.

Die erste derzeit sicher nachweisbare Nachricht stammt vom 27. April 1666. Damals verpflichteten sich die Bewohner von Machaby in einer vom Notar Vacher aufgenommenen Urkunde, die Kapelle zu unterhalten und mit den für den Gottesdienst notwendigen Ausstattungsstücken zu versehen. Dieser archivalische Befund bildet einen verlässlichen Ausgangspunkt für die dokumentierte Geschichte des Heiligtums, ohne damit auszuschließen, dass der Kultplatz selbst älter sein kann.

Die Legende vom zurückkehrenden Marienbild

Die örtliche Gründungsüberlieferung erzählt, Hirten hätten in einem Gebüsch eine Marienstatue gefunden und sie in ein nahe gelegenes Oratorium gebracht. Am folgenden Tag sei das Bild jedoch wieder an jenem Ort gelegen, an dem es gefunden worden war. Die Rückkehr der Statue wurde als Zeichen verstanden, dass Maria gerade dort verehrt werden wolle, weshalb an dieser Stelle ein Heiligtum errichtet worden sei.

Das Motiv gehört zu einer weit verbreiteten Gruppe von Wallfahrtslegenden, in denen ein Kultbild seinen Standort selbst bestimmt. Vergleichbare Überlieferungen finden sich auch an anderen Marienheiligtümern des Aostatals, etwa in Perloz. Für die historische Forschung belegt eine solche Erzählung nicht den tatsächlichen Ablauf einer Gründung, für die Volkskunde ist sie jedoch von großer Bedeutung, weil sie erklärt, weshalb ein heiliger Ort gerade an einer bestimmten, möglicherweise schwer zugänglichen Stelle entstanden sein soll.

Die historische Madonna von Machaby

Die erhaltene historische Madonna darf nicht ohne weiteres mit der Statue der Gründungslegende gleichgesetzt werden. Die aus Holz geschnitzte und bemalte Figur stammt nach kunsthistorischer Einordnung aus der Mitte des 17. Jahrhunderts und wird einem Bildhauer aus dem Umfeld des Valsesia zugeschrieben. Sie gehört damit in jene Zeit, in der das Heiligtum auch archivalisch sicher greifbar wird.

Die Madonna mit dem Jesuskind befand sich ursprünglich am Hochaltar und wurde zu einem zentralen Gegenstand der Wallfahrt. Ihre künstlerische Qualität wird in der regionalen Fachliteratur hoch eingeschätzt, zugleich besitzt sie unabhängig von ihrer kunsthistorischen Einordnung vor allem Bedeutung als über Generationen verehrtes Kultbild, an das Heilungsbitten, Gelübde und Dankgaben gebunden wurden.

Das Original befindet sich heute in Arnad

Aus konservatorischen Gründen wird die historische Statue heute nicht mehr dauerhaft im Heiligtum von Machaby aufbewahrt, sondern in der Pfarrkirche San Martino in Arnad. Im Santuario befindet sich seit 2020 eine Kopie auf dem rechten Seitenaltar, die so aufgestellt ist, dass sie durch ein Fenster auch dann betrachtet werden kann, wenn das Gebäude selbst geschlossen ist.

Diese Unterscheidung ist für eine Dokumentation besonders wichtig, weil Besucher in Machaby heute nicht das historische Original sehen. Das verehrte Bild blieb zwar religiös und räumlich mit dem Heiligtum verbunden, sein materieller Schutz erforderte jedoch die Verlagerung an einen sichereren Ort.

Die Krönung von 1940

Am 4. August 1940 wurde die historische Madonna von Machaby durch den Bischof von Aosta, Francesco Imberti, feierlich gekrönt. Die Krönung war zugleich Anlass für Restaurierungsarbeiten am Heiligtum und seinen Nebengebäuden und zeigt, welchen Rang der Kult innerhalb der regionalen Marienfrömmigkeit erreicht hatte.

Der Termin unmittelbar vor dem Fest der Madonna delle Nevi verband die liturgische Feier des Kultbildes mit dem traditionellen Wallfahrtskalender und schrieb die Krönung in jene Tage ein, an denen der Ort ohnehin von Pilgern aufgesucht wurde.

Notre-Dame-des-Neiges und die Legende vom Schnee

Der Titel Madonna delle Nevi beziehungsweise Notre-Dame aux Neiges bezieht sich nicht auf die alpine Lage Machabys, sondern auf die alte römische Gründungslegende von Santa Maria Maggiore. Nach dieser Überlieferung zeigte ein wundersamer Schneefall im Hochsommer den Platz an, an dem eine Marienkirche errichtet werden sollte.

Der 5. August wurde dadurch zum Festtag der Madonna delle Nevi und ist auch in Machaby der zentrale Wallfahrtstermin. Der Name verbindet das Heiligtum somit mit einer weit über das Aostatal hinaus verbreiteten marianischen Tradition, die in der lokalen Landschaft eine eigene Ausprägung erhielt.

Der große Ausbau des 17. und 18. Jahrhunderts

In den Jahrzehnten nach dem sicheren Nachweis von 1666 wurde die ältere Kapelle grundlegend erweitert. Um 1687 entstand die große dreischiffige Anlage, wobei das in Stein gearbeitete Portal noch heute die Jahreszahl 1687 trägt. Das Wachstum des Heiligtums fällt damit in eine Zeit, in der der Pilgerzustrom und die lokale Verpflichtung zur Pflege des Kultortes bereits ausreichend groß waren, um einen umfangreichen Neubau zu tragen.

Im frühen 18. Jahrhundert folgten weitere Arbeiten, die das heutige Erscheinungsbild wesentlich bestimmten. 1714 wurde der Glockenturm unter Leitung des aus dem Valsesia stammenden Baumeisters Pietro Ferro erhöht; zwischen 1715 und 1734 arbeitete Ferro an weiteren Bauteilen, darunter am dreibogigen Portikus vor der Fassade, dessen malerische Ausstattung die Jahreszahl 1735 trägt.

Pietro Ferro und die Sakralarchitektur des Aostatals

Pietro Ferro war nicht nur in Machaby tätig, sondern arbeitete an mehreren kirchlichen und profanen Bauwerken des Aostatals, darunter auch am Santuario Notre-Dame de la Garde in Perloz. Damit verbinden sich zwei Wallfahrtsorte nicht nur durch verwandte marianische Legenden und Pilgerformen, sondern auch durch dieselbe regionale Baukultur und wandernde Fachkräfte.

Solche Zusammenhänge zeigen, dass die Heiligtümer des Aostatals nicht isoliert entstanden. Handwerker, Geistliche, Stifter, Pilger und Bildtraditionen bewegten sich durch dieselben Täler und schufen dadurch ein dichtes Netz verwandter religiöser Ausdrucksformen.

Die Ex-voto von Machaby

Zu den auffälligsten Zeugnissen der Wallfahrt gehören die hunderten Ex-voto, welche die Wände des Heiligtums bedecken. Sie bestehen aus unterschiedlichen Materialien und Formen und reichen von gemalten oder beschrifteten Votivtafeln über Fotografien und persönliche Gegenstände bis zu Krücken und Gehstöcken, die in besonders großer Zahl erhalten sind.

Diese Gegenstände sind kein bloßer Schmuck, sondern materielle Erinnerungen an individuelle Notlagen. Hinter einer Krücke kann eine Krankheit, Verletzung oder körperliche Einschränkung stehen; eine kleine Tafel kann an einen Unfall, eine schwere Erkrankung, eine Geburt oder eine andere Gefahr erinnern. Auch wenn sich nicht jede einzelne Geschichte heute noch rekonstruieren lässt, macht die Dichte der Votivgaben sichtbar, wie viele Menschen ihre persönliche Erfahrung von Bitte, Hoffnung und Dank an diesen Ort gebunden haben.

Krücken als Votivgaben

Besonders anschaulich ist die große Zahl zurückgelassener Krücken. In der religiösen Deutung der Stifter wurden sie nach erfahrener Besserung oder Heilung nicht mehr benötigt und konnten deshalb als Dankgabe im Heiligtum verbleiben. Selbst wenn sich die medizinischen Hintergründe einzelner Fälle heute nicht mehr überprüfen lassen, besitzen diese Gegenstände einen hohen kulturgeschichtlichen Wert, weil sie die körperliche Dimension der Wallfahrt unmittelbar sichtbar machen.

Im Unterschied zu einem schriftlichen Mirakelbericht steht die Krücke als reales Objekt vor dem Besucher. Sie verweist auf einen konkreten Menschen und auf eine Situation, in der Krankheit oder Behinderung als existenzielle Erfahrung erlebt wurde. Dadurch erhält der Kirchenraum eine biographische Schicht, die weit über seine kunsthistorische Ausstattung hinausgeht.

Das Votivprinzip

Die Votivpraxis folgt häufig der Verbindung von Bitte, Gelübde und Gegengabe. Wer sich in Gefahr oder Krankheit an die Madonna wandte, konnte versprechen, nach einer als erhalten verstandenen Hilfe eine Wallfahrt zu unternehmen, eine Messe lesen zu lassen oder einen Gegenstand am Heiligtum zurückzulassen.

Das Ex-voto erfüllte damit mehrere Funktionen zugleich: Es dankte für die erhoffte oder erfahrene Hilfe, erinnerte dauerhaft an das Ereignis und wurde vor den Augen späterer Pilger zum öffentlichen Zeugnis der Wirksamkeit des Wallfahrtsortes. Gerade die große Zahl solcher Gegenstände konnte wiederum das Vertrauen neuer Besucher stärken und damit zur weiteren Verbreitung des Kultes beitragen.

Machaby als "sanctuaire à répit"

Neben der Heilungs- und Votivwallfahrt besaß Machaby eine weitere, heute weitgehend verschwundene religiöse Funktion. In der kirchlichen Kulturgüterdokumentation wird das Heiligtum ausdrücklich als früher bekanntes "sanctuaire à répit" beziehungsweise "del respiro" bezeichnet. Solche Heiligtümer wurden von Angehörigen aufgesucht, wenn ein Kind tot geboren worden oder vor der Taufe verstorben war.

Die Familien hofften auf ein kurzes Zeichen vermeintlich zurückkehrenden Lebens, das es ermöglichen sollte, dem Kind noch die Taufe zu spenden. Der Brauch entstand aus der großen religiösen Sorge um das jenseitige Schicksal ungetauft verstorbener Kinder und muss innerhalb der damaligen theologischen Vorstellungen, der Trauerpraxis und der vormodernen Möglichkeiten zur Feststellung des Todes verstanden werden.

Der "répit" als kurze Frist

Das französische Wort "répit" bedeutet Aufschub oder kurze Frist. An solchen Heiligtümern warteten Angehörige und Geistliche auf Veränderungen, die als Lebenszeichen gedeutet werden konnten, beispielsweise eine vermeintliche Erwärmung des Körpers, eine Farbveränderung oder eine Bewegung. Wurde ein solches Zeichen angenommen, konnte eine bedingungsweise Taufe erfolgen.

Aus heutiger Sicht handelt es sich dabei nicht um einen Nachweis tatsächlicher Wiederbelebung. Die Berichte gehören vielmehr zu einer historischen religiösen Praxis, in der unsichere Todesfeststellung, tiefe Trauer und die Sorge um das Seelenheil des Kindes zusammenwirkten. Gerade in dieser Verbindung liegt die volkskundliche Bedeutung der répit-Heiligtümer.

Kirchliche Regelung im Jahr 1717

Für Machaby lässt sich die Praxis bereits im frühen 18. Jahrhundert konkret fassen. Am 14. Juni 1717 reagierte Bischof François-Amédée Milliet d'Arvillars auf die bestehende répit-Praxis und ließ ein Stück nicht geweihten Bodens für jene verstorbenen Kinder bestimmen, bei denen das erhoffte Lebenszeichen ausgeblieben war.

Die Anordnung zeigt, dass es sich nicht nur um eine später erzählte Legende handelte, sondern um eine reale religiöse Praxis, auf die die kirchliche Obrigkeit organisatorisch reagieren musste. Zugleich macht sie die schwierige Stellung dieser Kinder innerhalb der damaligen Bestattungsordnung sichtbar.

Die répit-Tradition bis 1883

Nach der kirchlichen Kulturgüterdokumentation wurde die répit-Praxis in Machaby bis 1883 ausgeübt. Damit reicht diese Form der Frömmigkeit bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, also in eine Zeit, in der medizinisches Wissen und staatliche Verwaltung bereits zunehmend neue Maßstäbe für Geburt, Tod und Bestattung setzten.

Dass der Brauch dennoch so lange fortbestand, zeigt, wie tief die Sorge um ungetauft verstorbene Kinder in familiären und religiösen Vorstellungen verwurzelt war. Für die Geschichte Machabys gehört dieser Aspekt deshalb nicht an den Rand, sondern zu den wesentlichen Zeugnissen seiner früheren Wallfahrtsfunktion.

Pilger aus einem größeren Einzugsgebiet

Machaby wurde nicht nur von Bewohnern Arnads aufgesucht. Historische Berichte und die vorhandene Infrastruktur zeigen, dass Menschen aus einem weiteren Gebiet zu Fuß zum Heiligtum kamen. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden mehrere Festtermine begangen, darunter die erste Maiwoche beziehungsweise der erste Maisonntag, der 5. August und ein weiterer Sonntag in der Nähe des Augustfestes.

Auch Pilger aus dem benachbarten piemontesischen Biellese sind in regionalen Überlieferungen greifbar. Damit überschritt die Wallfahrt die Grenzen der unmittelbaren Talgemeinden und verband das Aostatal mit angrenzenden Bergregionen, deren Bewohner ähnliche Wege, Almen und religiöse Traditionen teilten.

Die Pilgerhäuser

In der Nähe des Kirchplatzes stehen zwei größere Gebäude, die im 19. Jahrhundert zur Aufnahme der Pilger dienten. Ihre Existenz ist ein materieller Hinweis auf die frühere Größe und Dauer des Wallfahrtsbetriebes, denn Unterkünfte werden dort notwendig, wo Menschen nicht nur aus der unmittelbaren Nachbarschaft zu einem kurzen Gottesdienst kommen.

Die Pilgerhäuser gehören deshalb ebenso zur Geschichte des Heiligtums wie Altar und Gnadenbild. Sie verweisen auf Übernachtung, Rast, gemeinsames Essen und jene sozialen Begegnungen, die Wallfahrten neben ihren liturgischen Formen immer geprägt haben.

Der gepflasterte Pilgerweg

Die traditionelle Annäherung an Machaby erfolgt über eine von Hand gepflasterte Mulattiera, die sich durch den Wald hinaufzieht. Vom Zentrum Arnads führt der Weg in ungefähr einer Stunde zum Heiligtum; vom Parkplatz bei Moulin de Va lässt sich eine kürzere Variante begehen.

Für historische Pilger war dieser Aufstieg kein touristischer Zusatz, sondern notwendiger Bestandteil der Wallfahrt. Das Gehen, die Steigung, der Wald und die zunehmende Entfernung vom Talboden formten die Wahrnehmung des Zieles und machten die Ankunft an der Kirche zu einem körperlich erfahrenen Übergang.

Kleine Andachtsorte am Weg

Entlang der Wege begegnen kleine Kapellen und Andachtsstätten, die im regionalen Sprachgebrauch teilweise als "tzapelet" bezeichnet werden. Solche Kleindenkmäler strukturieren die religiöse Landschaft und können bei Prozessionen oder individuellen Wallfahrten als Stationen des Gebets dienen.

Sie sind für die Dokumentation eines Wallfahrtsortes besonders wichtig, weil sie zeigen, dass sich die religiöse Nutzung nicht auf das Kirchengebäude beschränkt. Der Weg selbst wird durch Zeichen, Bilder und kleine Sakralbauten gegliedert und erhält dadurch einen eigenen rituellen Charakter.

Die fünfzehn Rosenkranzgeheimnisse

Hinter dem Heiligtum befindet sich ein eigener Baukörper mit fünfzehn Nischen, in denen die Geheimnisse des Rosenkranzes dargestellt sind. Diese Anlage erweitert die Wallfahrt um einen geordneten Gebetsweg und verbindet den Kult der Madonna delle Nevi mit der Rosenkranzfrömmigkeit.

Die Stationen gehören zu jenen Bestandteilen des Ensembles, die leicht übersehen werden, wenn nur die Kirchenfassade fotografiert wird. Für das Verständnis der Wallfahrt sind sie jedoch wesentlich, weil sie eine räumliche Form des Gebets schaffen, in der der Pilger von Darstellung zu Darstellung weitergeht.

San Grato und San Girolamo auf dem Kirchplatz

Auf dem Platz vor dem Heiligtum stehen eine steinerne Kreuzanlage sowie Figuren des hl. Gratus und des hl. Hieronymus. Besonders San Grato besitzt im Aostatal eine ausgeprägte regionale Verehrung und wurde unter anderem als Schutzheiliger gegen Unwetter und andere Gefahren angerufen.

Seine Anwesenheit am Wallfahrtsort ergänzt die Marienverehrung um einen für die bäuerliche und alpine Lebenswelt wichtigen Schutzheiligen. Der Kirchplatz wird dadurch selbst zu einem Ensemble verschiedener religiöser Schutzvorstellungen.

Der Innenraum

Die Kirche besitzt drei Schiffe, die durch Steinsäulen voneinander getrennt sind. Der Hochaltar stammt im Kern aus dem 17. Jahrhundert; das geschnitzte und vergoldete Tabernakel schuf 1714 der aus dem Biellese stammende Bildhauer Gaspare Serra. In den Seitenschiffen stehen weitere Altäre aus unterschiedlichen Bauphasen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Die Gewölbe sind reich mit Malereien versehen. 1857 arbeiteten Alessandro und Antonio Artari aus Verrès an der Ausmalung, möglicherweise noch unterstützt von ihrem Vater Luigi. Vegetabile Ornamente, Engel, Propheten und marianische Darstellungen verbinden sich mit dem älteren architektonischen Bestand und den später hinzugekommenen Ex-voto zu einem dichten Innenraum.

Verluste durch Diebstähle

In den 1970er Jahren wurde die Ausstattung des Heiligtums durch mehrere Diebstähle stark beeinträchtigt. Figuren der Seitenaltäre gingen verloren, wodurch nicht nur Kunstgegenstände verschwanden, sondern auch historische Zusammenhänge innerhalb der Altarausstattung zerstört wurden.

Diese Erfahrungen erklären, weshalb besonders wertvolle Objekte heute vorsichtiger verwahrt werden und die historische Madonnenstatue nicht mehr dauerhaft im abgelegenen Heiligtum steht. Der Schutz des Kulturgutes veränderte damit auch die unmittelbare Form, in der Pilger das historische Gnadenbild am ursprünglichen Ort erleben können.

Die Wallfahrt am 4. und 5. August

Der zentrale Festtag ist der 5. August, das Fest der Madonna delle Nevi. Am Vorabend führt eine Prozession von Arnad hinauf zum Heiligtum. Die Pilger erreichen Machaby zu Fuß und vollziehen dort Gebets- und Kontaktgesten, die in der regionalen Dokumentation bemerkenswert konkret beschrieben werden.

Nach der Ankunft ziehen die Gläubigen betend um die Kirche, küssen die Schwelle und treten anschließend zum Gottesdienst ein. Das Küssen der Schwelle verbindet körperliche Nähe mit der Vorstellung, an der Grenze zwischen profanem Außenraum und heiligem Innenraum einen besonderen Kontakt mit dem Wallfahrtsort herzustellen.

Die Schwelle als Kontaktort

Die Verehrung einer Kirchenschwelle gehört zu jenen Formen der Volksfrömmigkeit, bei denen nicht nur ein Kultbild, sondern das Heiligtum selbst als berührbarer heiliger Ort erfahren wird. Die Schwelle trägt die Schritte unzähliger früherer Pilger und markiert zugleich den Übergang in den sakralen Raum.

Durch den Kuss wird diese Grenze nicht nur überschritten, sondern bewusst verehrt. Solche Gesten sind für eine volkskundliche Dokumentation besonders wertvoll, weil sie zeigen, dass Wallfahrt aus Bewegung, Berührung und Körperpraxis besteht und nicht allein aus gesprochenen Gebeten oder liturgischen Feiern.

Das Wunder von Machaby

Zum Überlieferungsbestand des Ortes gehört auch eine Sage, die von einer Höhle in der Nähe des Heiligtums erzählt. Dort habe eine Hexe in Verbindung mit einer Schlange und einem siebenköpfigen Teufel Menschen gefangen gehalten, die für einen Hexensabbat bestimmt gewesen seien. Eine junge Frau, die beim Grasschneiden entführt worden war, habe die Mitgefangenen zum Gebet an die Madonna von Machaby aufgefordert.

Daraufhin habe Maria ihnen eine kleine Lichtöffnung gezeigt, durch welche die Gefangenen schließlich entkommen konnten. Diese Erzählung gehört nicht zur historischen Bau- oder Wallfahrtsgeschichte, sondern in den Bereich der lokalen Sage. Gerade deshalb ist sie für Machaby bedeutsam, weil sie den Wallfahrtsort mit Motiven von Hexerei, dämonischer Gefangenschaft, Marienhilfe und wundersamer Rettung verbindet.

Restaurierung des Heiligtums

Zwischen 2021 und 2024 wurde der gesamte Komplex umfassend restauriert. Die Arbeiten betrafen unter anderem Dächer, Innen- und Außenputze, Glockenturm, Fassadenmalerei, historische Steinbauteile und die Kapellen der Rosenkranzgeheimnisse. Auch die Infrastruktur für Besucher und Pilger wurde verbessert, unter anderem durch Maßnahmen bei der Casa del Pellegrino.

Die Restaurierung ermöglicht es, das Ensemble nicht nur als einzelnes Kirchengebäude, sondern als zusammenhängende Wallfahrtslandschaft zu erhalten, in der Sakralraum, Pilgerunterkunft, Außenstationen und Zugangsweg jeweils eigene historische Funktionen besitzen.

Volkskundliche Bedeutung

Machaby vereint zahlreiche Formen historischer Wallfahrtsfrömmigkeit auf engem Raum. Die Legende vom zurückkehrenden Marienbild erklärt die Wahl des Kultortes, die historische Madonna bündelt den Kult, die Ex-voto bewahren individuelle Erfahrungen von Krankheit und Hilfe, während Krücken und Gehstöcke die körperliche Dimension der Heilungswallfahrt unmittelbar sichtbar machen.

Die répit-Tradition erweitert dieses Spektrum um eine besonders sensible Form historischer Familien- und Todesfrömmigkeit. Angehörige brachten ungetauft verstorbene Kinder nach Machaby, weil sie auf ein kurzes Zeichen des Lebens und damit auf die Möglichkeit einer Taufe hofften. Die kirchliche Regelung von 1717 und die bis 1883 dokumentierte Fortdauer machen diese Praxis zu einem ungewöhnlich gut fassbaren Bestandteil der regionalen Religionsgeschichte.

Mit Pilgerhäusern, gepflasterter Mulattiera, kleinen Wegkapellen, Rosenkranzstationen, dem Fest der Madonna delle Nevi und der bis heute gepflegten Fußprozession besitzt Machaby zugleich eine ausgeprägte räumliche Wallfahrtskultur. Besonders die Verbindung von Weg, Umrundung der Kirche, Schwellenkuss, Gottesdienst und Votivgabe zeigt, wie stark hier Bewegung, Körperkontakt, Erinnerung und religiöse Hoffnung miteinander verbunden sind.

Quellen und Literatur

- Joseph Bréan / Fausto Vallainc: Ricordo del santuario di Machaby. Ivrea, 1940.

- Alberto Maria Careggio: La religiosità popolare in Valle d'Aosta. Il culto mariano e la devozione ai santi. Storia, tradizioni, leggende, preghiere. Aosta: Tipografia Valdostana, 1995.

- Elisabetta Dall'Ò: Beiträge zur historischen répit-Tradition im Aostatal und zum Santuario di Machaby.

- Parrocchia di San Martino, Arnad: historische und kunsthistorische Dokumentation des Santuario Notre-Dame aux Neiges di Machaby, insbesondere zu Archivnachweisen, Baugeschichte, Statue, Ausstattung, Restaurierung und Pilgerweg.

- Diocesi di Aosta / Città e Cattedrali: Dokumentation zu Baugeschichte, Ex-voto, Pilgerhäusern, Rosenkranzstationen und zur historischen Funktion Machabys als "santuario a répit".

- Regione Autonoma Valle d'Aosta: Dokumentationen zur Wallfahrt am 5. August, zum Fußweg nach Machaby, zur Fundlegende und zur lokalen Sage "Miracolo a Machaby".

Ergänzungen: Wolfgang Morscher