| Wallfahrt: | Lebendige Apostel-, Reliquien- und Ablasswallfahrt zum hl. Thomas. Seit 1258 werden in Ortona Gebeine verehrt, die von der griechischen Insel Chios in die Stadt gebracht wurden. Das große jährliche Fest ist der "Perdono di San Tommaso" rund um den ersten Sonntag im Mai mit Gottesdiensten, Prozessionen, dem Corteo delle Chiavi und weiteren historischen Festbräuchen. |
| Status: | Lebendiger international bedeutender Wallfahrtsort, Basilica minor und Konkathedrale des Erzbistums Lanciano-Ortona. Die Wallfahrt ist seit dem Mittelalter durch Reliquienverehrung, päpstliche Ablässe und Pilgerströme belegt. |
| Kultzentrum: | Die in der Krypta aufbewahrten Thomasreliquien in einer vergoldeten Kupferurne von 1612, die aus Chios mitgebrachte Grabplatte mit griechischer Thomasinschrift sowie der silberne Büstenreliquiar des Apostels, der bei den Festen öffentlich verehrt wird. |
| Ort: | Ortona. |
| Region: | Provinz Chieti, Abruzzen. |
| Land: | Italien. |
| • | Basilica Concattedrale di San Tommaso Apostolo, Piazza San Tommaso, 66026 Ortona CH, Italien. Die Basilika steht im historischen Zentrum von Ortona hoch über der Adriaküste und gehört zu den wichtigsten religiösen und historischen Monumenten der Stadt. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Die Basilika ist aktiver Gottesdienst-, Pfarr- und Wallfahrtsort. Die Krypta mit dem Thomasgrab, die Grabplatte, die Cappella di San Tommaso und die historischen Reliquiare gehören zu den wichtigsten Besuchszielen. |
| • | Der jährliche Perdono di San Tommaso wird rund um den ersten Sonntag im Mai gefeiert. Während der Festtage kann es zu großen Pilgerzahlen, Prozessionen und eingeschränkten Besichtigungsmöglichkeiten kommen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Basilica Concattedrale di San Tommaso Apostolo in Ortona gehört zu den bedeutendsten Reliquienheiligtümern Italiens. Seit dem Jahr 1258 werden hier Gebeine verehrt, die von der griechischen Insel Chios in die Abruzzen gebracht und als sterbliche Überreste des Apostels Thomas aufgenommen wurden. Die Translation veränderte den Rang der damaligen Marienkirche grundlegend: Aus einer bedeutenden Stadtkirche wurde ein Apostelheiligtum, das Pilger aus einem weiten Raum anzog und schließlich sogar seinen Namen nach dem neuen Kultzentrum erhielt.
Die Besonderheit von Ortona liegt in der ungewöhnlich dichten Quellenlage. Die Überführung des auf Chios als Thomasreliquien verehrten Gebeinkomplexes ist bereits durch eine Pergamenturkunde von 1259 bezeugt, also nur etwa ein Jahr nach dem Ereignis. Damit lässt sich die mittelalterliche Translation wesentlich sicherer fassen als viele andere Reliquienüberführungen. Eine andere Frage ist jedoch die Identität der Gebeine selbst: Weder historische noch naturwissenschaftliche Methoden können beweisen, dass sie tatsächlich dem Apostel des 1. Jahrhunderts gehörten.
Der Sakralplatz von Ortona besitzt eine ältere Geschichte als die Thomaswallfahrt. Die heutige Basilika steht auf einem seit langer Zeit religiös genutzten Areal, an dem archäologische Spuren und Bestattungen auf ältere christliche Vorgängerbauten hinweisen. Nach Zerstörungen und Umbauten wurde die Kirche im frühen 12. Jahrhundert neu errichtet.
Eine erhaltene Inschrift belegt für 1127 die Weihe der Kirche an die Jungfrau Maria. Das ist für die Geschichte des Wallfahrtsortes entscheidend: San Tommaso war ursprünglich keine alte Thomas-Kirche. Erst die Ankunft der Reliquien im Jahr 1258 bewirkte eine grundlegende Umorientierung. Im frühen 14. Jahrhundert setzte sich das Thomaspatrozinium zunehmend durch; ein Dokument von 1324 bezeichnet die Kirche bereits als "Ecclesia Sancti Thomasi".
Im Jahr 1258 waren ortonesische Galeeren im östlichen Mittelmeer unterwegs. In den politischen und militärischen Auseinandersetzungen der Zeit beteiligten sich auch Schiffe aus Ortona an Unternehmungen, die sie bis zur griechischen Insel Chios führten. Dort gelangten Ortonesen an Gebeine, die als Reliquien des Apostels Thomas verehrt wurden, und an eine zugehörige steinerne Grabplatte.
Am 6. September 1258 erreichten die Schiffe wieder den Hafen von Ortona. Die Reliquien wurden feierlich in die damalige Hauptkirche der Stadt gebracht. In der späteren lokalen Tradition steht besonders Leone Acciaiuoli als Anführer beziehungsweise Hauptverantwortlicher der Überführung im Mittelpunkt. Mit der Ankunft der Reliquien begann eine neue Phase der Stadt- und Kirchengeschichte.
Besonders wertvoll ist eine Pergamenturkunde vom 22. September 1259. Sie wurde in Bari durch den Richter beziehungsweise Vertragsnotar Giovanni Pavone unter Anwesenheit mehrerer Zeugen erstellt und hält Aussagen über die Wegnahme der Reliquien auf Chios und ihre Überführung nach Ortona fest. Das Original wird in der Diözesanbibliothek von Ortona aufbewahrt.
Die Urkunde beweist nicht die biologische Identität der Gebeine mit dem Apostel Thomas. Sie belegt jedoch außerordentlich früh, dass bereits unmittelbar nach der Translation ein bestimmter Gebeinkomplex aus Chios nach Ortona gebracht und dort als Thomasreliquien verehrt wurde. Für die Wallfahrtsgeschichte ist diese zeitliche Nähe der Dokumentation von besonderem Wert.
Die christliche Thomasüberlieferung reicht weit über Ortona hinaus. Nach alter Tradition wirkte der Apostel in Indien und starb dort als Märtyrer. Besonders die Thomaschristen Südindiens verbinden ihre Ursprünge mit seiner Mission. Mylapore, heute Teil von Chennai, gilt seit Jahrhunderten als bedeutender Thomasort.
Spätestens in der Spätantike war auch Edessa, das heutige Şanlıurfa in der Türkei, ein bedeutendes Zentrum der Thomasverehrung. Syrische Quellen berichten von Reliquien des Apostels und einer ihm geweihten Kirche. Die weitere Überlieferung nimmt an, dass die Gebeine später von Edessa nach Chios gelangten und von dort 1258 nach Ortona kamen.
Diese Abfolge darf jedoch nicht als lückenlos gleich sicher dokumentierte Kette verstanden werden. Der Abschnitt Chios-Ortona ist durch die zeitnahe Urkunde von 1259 sehr gut belegt. Die ältere Verbindung zwischen Indien, Edessa und Chios beruht dagegen auf unterschiedlichen spätantiken, mittelalterlichen und späteren Traditionen, deren historische Beweiskraft nicht überall gleich groß ist.
Zusammen mit den Gebeinen gelangte eine steinerne Grabplatte nach Ortona. Sie wird heute in der Krypta hinter dem Reliquienaltar gezeigt. Die Platte trägt eine griechische Inschrift mit dem Namen des hl. Thomas und zeigt eine im Relief dargestellte männliche Heiligenfigur.
Ihre genaue Datierung wird unterschiedlich beurteilt. In der Forschung und in der Heiligtumsdokumentation reichen die vorgeschlagenen Zeitansätze von der Spätantike bis in das frühe Mittelalter. Auch die kulturelle Herkunft wird mit dem syrisch-mesopotamischen beziehungsweise armenisch-mesopotamischen Raum in Verbindung gebracht. Sicher ist vor allem, dass die Platte zusammen mit den Reliquien aus Chios nach Ortona kam und bereits deshalb ein zentraler Bestandteil der lokalen Reliquiengeschichte ist.
In der unteren Zone der Platte befinden sich Öffnungen, die als Kontaktöffnungen gedeutet werden. Solche Öffnungen konnten an frühchristlichen Gräbern dazu dienen, Gegenstände oder Flüssigkeiten in die Nähe der verehrten Reliquien zu bringen und anschließend als Kontaktreliquien mitzunehmen.
Damit verbindet die Platte bildlich und materiell zwei Ebenen des Kultes: Sie bezeichnet Thomas durch Schrift und Darstellung, zugleich verweist ihre Gestaltung auf eine Form der Berührungsfrömmigkeit. Gerade an Apostelgräbern war die körperliche Nähe zum Heiligen ein entscheidendes Element der Wallfahrt.
Nach der Ankunft der Reliquien nahm der Pilgerzustrom deutlich zu. Der bestehende Kirchenbau wurde erweitert und an die neue Funktion angepasst. Im 14. Jahrhundert entstand unter anderem der monumentale Seitenzugang, der sich zur heutigen Piazza San Tommaso öffnet.
Die Reliquie veränderte damit nicht nur das Patrozinium, sondern auch die Architektur. Pilger mussten aufgenommen, liturgische Feiern organisiert und der Apostelkult räumlich inszeniert werden. Die Baugeschichte ist deshalb unmittelbar mit der Entwicklung der Wallfahrt verbunden.
Bereits im 14. Jahrhundert war das Thomasgrab weit über die Abruzzen hinaus bekannt. Zu den berühmtesten Pilgern gehört die hl. Birgitta von Schweden, die Ortona auf ihren Reisen nach Italien besuchte und am Grab des Apostels betete.
Die Überlieferung verbindet einen späteren Besuch mit dem Erhalt einer Fingerreliquie, die heute mit der römischen Basilika Santa Croce in Gerusalemme in Verbindung gebracht wird. Bei den genauen Jahren und Einzelheiten unterscheiden sich moderne Darstellungen. Sicher ist jedoch, dass Birgittas Thomasverehrung wesentlich zur Bekanntheit Ortonas als Apostelheiligtum beitrug.
Das große jährliche Wallfahrtsfest von Ortona heißt "Perdono di San Tommaso". Der Name verweist auf die mit dem Besuch des Apostelgrabes verbundenen Ablässe. Der ursprüngliche Festtermin lag am 6. September, dem Jahrestag der Translation von 1258.
Am 5. Juli 1479 gestattete Papst Sixtus IV. mit der Bulle "Pastoris aeterni", den mit der Thomaswallfahrt verbundenen Termin auf den ersten Sonntag im Mai zu verlegen. Als Begründung wurde die bessere Erreichbarkeit für auswärtige Pilger in der wärmeren Jahreszeit hervorgehoben. Die entsprechende Pergamentbulle wird in der Diözesanbibliothek von Ortona bewahrt.
Die Verbindung zwischen Apostelgrab und Ablass stärkte Ortonas Stellung als Wallfahrtsort erheblich. Wer zum Thomasgrab kam, verband die Verehrung der Reliquien mit Beichte, Gebet und den jeweils kirchlich festgelegten Bedingungen des Ablasses.
Die erhaltenen päpstlichen Dokumente zeigen, dass diese Ablasstradition über Jahrhunderte wiederholt bestätigt und erneuert wurde. Der Begriff "Perdono" wurde dadurch zur festen Bezeichnung des Festes und verbindet bis heute die religiöse Vorstellung von Vergebung mit der städtischen Thomasverehrung.
Eine wichtige lokale Überlieferung erzählt von einem versuchten Reliquiendiebstahl im Jahr 1475. Einige Männer hätten geplant, die Thomasgebeine zu entwenden und nach Venedig zu bringen. Ein Geistlicher, der damals im Besitz des einzigen Schlüssels zum Reliquienschrein gewesen sei, soll sich beteiligt haben.
Beim nächtlichen Versuch hätten die Männer plötzlich eine Stimme des Apostels mit den Worten "lassa stare", sinngemäß "lass es bleiben", gehört. Erschrocken seien sie geflohen. Die wunderhafte Einzelheit gehört zur Kultlegende; historisch besonders folgenreich ist jedoch die daraus entwickelte Sicherungspraxis. Das Grab wurde stärker geschützt, und die Schlüsselverteilung erhielt eine neue politische und religiöse Bedeutung.
1599 ließen die beiden Bürgermeister Ortonas auf eigene Kosten eine zusätzliche Kette und schwere Schlösser am Reliquienbereich anbringen. Die Schlüssel wurden bewusst auf mehrere kirchliche und kommunale Amtsträger verteilt. Niemand sollte allein über den Zugang zum Apostelgrab verfügen.
Diese Regelung ist kulturgeschichtlich außerordentlich interessant. Die Reliquien waren religiöser Besitz der Kirche, zugleich aber ein zentraler Schatz der Stadt. Ihre Sicherung erforderte Zusammenarbeit zwischen geistlicher und weltlicher Gemeinde. Aus einer praktischen Schutzmaßnahme entwickelte sich später ein öffentliches Ritual.
Am Vorabend des Perdono wurden die kommunalen Schlüssel feierlich zur Kathedrale gebracht und dem Bischof übergeben. Aus dieser Übergabe entstand der heutige "Corteo delle Chiavi". Die Schlüssel liegen auf einem Kissen und werden in einem festlichen Zug durch die Stadt getragen.
Im 20. Jahrhundert wurde der Zug stärker historisierend ausgestaltet. Kostüme, Fahnen und weitere Festzeichen machen die Übergabe heute zu einem der sichtbarsten Bestandteile des Thomasfestes. Der Brauch zeigt besonders deutlich, wie aus Verwaltung und Sicherheitsordnung über Jahrhunderte öffentliche Erinnerungskultur entstehen kann.
Ein weiterer wichtiger Festbrauch ist "Il Dono". Seit langer Zeit wurden dem Apostel Naturalien, Geld und andere Gaben dargebracht. Diese Opfer dienten der Ausstattung der Kirche, der Festorganisation und der Unterstützung Bedürftiger.
Besonders eindrucksvoll war die Brotgabe. Frauen aus den Gassen der Stadt trugen große Brotgaben auf dem Kopf, gestützt durch einen ringförmigen "cercine". Die Brote wurden auf Brettern beziehungsweise Trageflächen angeordnet und öffentlich zum Heiligtum gebracht. Damit verbanden sich Votivgabe, Festzug, weibliche Tragtradition und soziale Fürsorge.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderte sich "Il Dono". Der ursprüngliche Schwerpunkt auf Naturalien und Brot trat teilweise zurück, während der Zug stärker als historisch-folkloristische Darstellung inszeniert wurde. Dennoch bleibt die ältere Bedeutung erkennbar.
Gerade diese Veränderung ist volkskundlich wichtig. Tradition bleibt nicht deshalb lebendig, weil jede Einzelheit unverändert fortbesteht, sondern weil ältere Formen in neue Festordnungen übertragen werden. Aus einer praktischen Opfergabe wurde ein sichtbares Symbol der Verbundenheit zwischen Stadt und Apostel.
Ortona ist eine Hafenstadt, und die Thomasverehrung ist eng mit der maritimen Lebenswelt verbunden. Bei den Festprozessionen übernehmen Seeleute traditionell eine besondere Rolle. Sie begleiten den Reliquienbüsten beziehungsweise tragen den Baldachin über dem Apostel.
Die Verbindung ist mehrfach symbolisch aufgeladen. Die Reliquien kamen 1258 auf dem Seeweg nach Ortona; Generationen von Seeleuten lebten von der Adria und waren den Gefahren des Meeres ausgesetzt. Thomas wurde dadurch auch zu einem Schutzheiligen für Menschen, deren Alltag von Schiffahrt, Fischerei und Seereisen geprägt war.
Die Verehrung des Thomasgrabes kennt bis in die Gegenwart Formen unmittelbarer Kontaktfrömmigkeit. Gläubige gehen nahe am Reliquienaltar vorbei, berühren die schützenden Flächen und nehmen kleine Kontaktdevotionalien mit.
Überliefert ist unter anderem die Verwendung von Baumwolle beziehungsweise Watte, die durch die Nähe zum Grab religiöse Bedeutung erhält. Diese Praxis steht in einer sehr alten Tradition: Nicht der Gegenstand selbst ist heilig, sondern seine Berührung beziehungsweise Nähe zur verehrten Reliquie vermittelt symbolisch die Nähe zum Heiligen.
Neben den Gebeinen in der Krypta gehört ein silberner Büstenreliquiar zu den wichtigsten Kultobjekten. Der heutige Büstenreliquiar stammt aus dem Jahr 1800. Frühere kostbare Fassungen gingen bei Plünderungen verloren.
Ein älterer Reliquiar wurde im 16. Jahrhundert geraubt; ein weiterer fiel den französischen Truppen 1799 zum Opfer und wurde eingeschmolzen. Der heutige Büstenreliquiar ist deshalb zugleich Kultbild und Zeugnis einer langen Geschichte von Verlust und Erneuerung.
Die heutige Krypta besitzt nicht das Aussehen einer unverändert erhaltenen mittelalterlichen Apostelgruft. Ihre gegenwärtige räumliche Gestalt entstand 1968. Ein älterer Kapellenraum wurde umgestaltet, um den Reliquien eine neue und besser zugängliche Präsentation zu geben.
Im Zentrum steht der Altartombenaufbau von 1986. Darin befindet sich die vergoldete Kupferkassette, in der die Thomasgebeine aufbewahrt werden. Die Urne mit der Darstellung des Apostels wurde 1612 von Tomaso Alessandrino geschaffen. Über dem Altar hängt ein modernes Kruzifix von Aldo D'Adamo aus dem Jahr 1982.
Die vergoldete Kupferurne ist selbst ein bedeutendes historisches Kultobjekt. Sie entstand zu einer Zeit, in der die Reliquien nach früheren Zerstörungen und Gefährdungen neu geordnet und gesichert wurden.
Die heutige Präsentation verbindet daher mehrere Zeitschichten: mittelalterliche Reliquienüberlieferung, frühneuzeitliche Urne, moderne Krypta und zeitgenössische Kunst. Gerade diese Schichtung zeigt, dass der Apostelkult nicht an eine einzige historische Bauphase gebunden ist, sondern über Jahrhunderte immer wieder neue räumliche Formen erhielt.
In den 1980er Jahren wurden die in Ortona aufbewahrten Knochen wissenschaftlich untersucht. Die anthropologische Auswertung ordnete den wesentlichen Bestand einem männlichen Individuum zu. Das Sterbealter wurde ungefähr zwischen 50 und 70 Jahren angesetzt; die rekonstruierte Körpergröße lag im Bereich eines eher kleinen, gracilen Mannes.
Dokumentiert wurden außerdem krankhafte Veränderungen des Skeletts sowie eine Verletzung am rechten Jochbein, die durch einen scharfen Gegenstand entstanden sein könnte und zeitlich nahe am Tod gelegen haben soll. Einige Knochen zeigen Spuren späterer Hitzeeinwirkung, die mit Bränden und historischen Zerstörungen des Heiligtums in Verbindung gebracht wurden.
Die anthropologische Untersuchung kann Geschlecht, ungefähres Sterbealter, Körperbau, Erkrankungen und Verletzungen eines Menschen beschreiben. Sie kann jedoch keine historische Person des 1. Jahrhunderts namentlich identifizieren.
Auch die Tatsache, dass einzelne Befunde mit der überlieferten Thomasbiographie vereinbar erscheinen, stellt keinen Identitätsbeweis dar. Wissenschaftlich sicherer ist deshalb die Aussage: In Ortona wird ein seit dem Mittelalter als Thomasreliquie verehrter Gebeinkomplex aufbewahrt, dessen wesentlicher Bestand anthropologisch zu einem erwachsenen Mann passt. Die Identifikation mit dem Apostel bleibt Gegenstand religiöser Überlieferung und Verehrung.
Eine weitere Thomasreliquie wird in der Basilica di San Nicola in Bari aufbewahrt. Es handelt sich um einen linken Radius. Dieses Skelettelement fehlt im Ortona-Bestand. Vergleichende Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass Größe und anatomische Merkmale mit den Ortona-Reliquien vereinbar sind.
Damit ist eine Zugehörigkeit zum selben Individuum möglich, aber nicht bewiesen. Für die Reliquiengeschichte ist die Ergänzung dennoch bemerkenswert, weil die Bari-Tradition den Knochen bereits vor der Translation von Chios nach Ortona nach Süditalien gelangen lässt.
Das Heiligtum blieb von Krieg und Plünderung nicht verschont. Im 16. Jahrhundert wurde Ortona von osmanischen Truppen angegriffen. Die Kirche erlitt schwere Schäden und Brände. Auch die Thomasreliquien waren betroffen; spätere Untersuchungen stellten an einzelnen Knochen entsprechende Brandspuren fest.
Nach der Zerstörung wurden Reliquien und Verwahrung neu überprüft. Solche wiederholten kanonischen Erhebungen sind für die Geschichte des Kultes wichtig, weil sie eine dokumentierte Folge von Öffnung, Kontrolle und Neuordnung des Reliquienbestandes schaffen.
1799 erlitt die Kathedrale erneut schwere Verluste. Französische Truppen plünderten den Kirchenschatz, und der damalige silberne Büstenreliquiar des Apostels wurde eingeschmolzen. Auch der Reliquienbereich wurde gestört.
Die Wiederherstellung des Kultes erfolgte rasch. Bereits im folgenden Jahr wurden Reliquien und Schrein erneut überprüft und geordnet. Diese wiederholten Gefährdungen verstärkten zugleich die Vorstellung, dass der Apostel und sein Grab besonders geschützt werden müssten.
Die schwerste Zerstörung der neueren Geschichte ereignete sich 1943. Ortona lag im Dezember jenes Jahres im Zentrum heftiger Kämpfe zwischen deutschen und kanadischen Truppen. Die Stadt wurde so stark zerstört, dass die Schlacht später zu den bekanntesten Häuserkämpfen des Italienfeldzuges gezählt wurde.
Am 21. Dezember 1943 wurde auch die Kathedrale schwer getroffen beziehungsweise gesprengt. Die Kuppel stürzte ein, große Teile des Bauwerks wurden zerstört und bedeutende historische Ausstattungen gingen verloren. Die heutige Kirche ist deshalb in wesentlichen Bereichen ein Ergebnis des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg.
Bereits am 5. November 1943 hatten Geistliche beschlossen, den kostbaren silbernen Büstenreliquiar des Apostels heimlich zu sichern. Da man eine Plünderung befürchtete, wurde der Reliquiar in einem verborgenen Bereich des Glockenturms eingemauert und das Versteck sorgfältig getarnt.
Nur wenige Personen kannten den Ort. Die Maßnahme war ausgesprochen erfolgreich: Der Büstenreliquiar überstand die Zerstörungen und konnte nach der Schlacht wieder hervorgeholt werden. Damit wurde ein frühneuzeitlicher beziehungsweise neuzeitlicher Kultgegenstand durch eine moderne Form der "Reliquienverbergung" gerettet.
Aus der Kriegszeit ist eine besonders eindrucksvolle lokale Haltung überliefert. Angesichts der Gefahr wurde erwogen, Thomasreliquien beziehungsweise Kultobjekte außerhalb der Stadt in Sicherheit zu bringen. Dagegen erhob sich Widerstand mit dem sinngemäßen Satz: "San Tommaso muss in Ortona bleiben."
Diese Haltung zeigt die lokale Aneignung eines universalen Heiligen. Thomas gehört nach christlichem Verständnis der gesamten Kirche, doch in Ortona wird er zugleich als eigener Stadtpatron und Schutzheiliger verstanden. Der Gedanke, ihn gerade in größter Gefahr aus der Stadt zu entfernen, widersprach für viele der Vorstellung seiner schützenden Gegenwart.
Schon kurz nach Kriegsende begannen Sicherung und Wiederaufbau. Die Arbeiten wurden unter schwierigen finanziellen Bedingungen durchgeführt und zielten weniger auf eine exakte Rekonstruktion aller historischen Bauphasen als auf die rasche Wiederherstellung der wichtigsten religiösen Funktionen.
Die heutige Basilika unterscheidet sich deshalb in wesentlichen Punkten von ihrem Vorkriegszustand. Die Kuppel wurde neu errichtet, zerstörte Bereiche vereinfacht wiederaufgebaut und später mehrfach modernisiert. Der Wiederaufbau selbst gehört inzwischen zur Geschichte des Heiligtums und erinnert an die fast vollständige Zerstörung der Stadt.
Auch die Thomas-Kapelle wurde nach dem Krieg neu gestaltet. 1968 schuf der Künstler Tommaso Cascella mehrere Darstellungen, die zentrale Episoden der Thomasgeschichte und der Ortona-Tradition wiedergeben.
Zu den wichtigsten Motiven gehören das Martyrium des Apostels, die Begegnung des zweifelnden Thomas mit dem auferstandenen Christus, die Abfahrt der ortonesischen Galeeren von Chios und die Ankunft der Reliquien in Ortona. Damit wurde die mittelalterliche Translationserzählung in die Bildsprache des 20. Jahrhunderts übertragen.
Im Johannesevangelium wird Thomas besonders durch seine Reaktion auf die Auferstehungsbotschaft bekannt. Er erklärt, er könne erst glauben, wenn er die Wunden Christi selbst sehe und berühre. Bei der späteren Begegnung mit dem Auferstandenen antwortet er mit dem Bekenntnis "Mein Herr und mein Gott".
Die volkstümliche Bezeichnung als "ungläubiger Thomas" greift deshalb zu kurz. Die kirchliche Thomasverehrung deutet ihn vielmehr als Zeugen eines Weges vom Zweifel zum Glauben. Gerade an einem Reliquienheiligtum erhält dieses Motiv besondere Bedeutung: Sehen, Berühren und materielle Nähe spielen auch in der Wallfahrt eine zentrale Rolle.
Die Verehrung des Apostels verbindet Ortona bis heute mit den Thomaschristen Indiens. Die südindische Tradition betrachtet Thomas als ihren apostolischen Gründer. Mylapore beziehungsweise Chennai gehört zu den wichtigsten Thomasorten der Welt.
Im 20. Jahrhundert wurden diese Beziehungen auch durch Reliquiengaben und kirchliche Kontakte erneuert. Dadurch bildet der Apostel eine religiöse Brücke zwischen der Adriaküste, dem östlichen Mittelmeer und Südindien. Die globale Thomasverehrung wird in Ortona besonders anschaulich, weil sich hier mittelalterliche europäische Reliquienkultur und östliche Aposteltradition begegnen.
In neuerer Zeit wurde Ortona wieder stärker als Ziel eines tatsächlichen Fernpilgerweges erschlossen. Der Cammino di San Tommaso verbindet Rom über den Apennin mit Ortona und führt Pilger durch Latium und die Abruzzen bis zum Apostelgrab.
Der moderne Weg ist keine unverändert seit dem Mittelalter bestehende Route, sondern eine bewusste Wiederbelebung des Pilgergedankens. Er knüpft jedoch an die historisch gut belegte Fernwallfahrt nach Ortona an und gibt dem Heiligtum erneut die Funktion eines Zielpunktes, der nicht nur mit Fahrzeugen erreicht, sondern über Tage zu Fuß erwandert werden kann.
Ortonas Thomaswallfahrt ist eng mit der Stadtlandschaft verbunden. Die Basilika steht hoch über der Adria, während der Hafen unterhalb seit Jahrhunderten das wirtschaftliche Leben prägt. Die Geschichte der Reliquien beginnt in der lokalen Erinnerung selbst mit einer Seereise.
Dadurch besitzt das Meer eine ungewöhnlich starke symbolische Funktion. Über das Meer kam der Apostel nach Ortona; auf dem Meer suchten Seeleute seinen Schutz; über das Meer bestehen geistige Verbindungen in den östlichen Mittelmeerraum und nach Indien. Die maritime Landschaft gehört daher zum religiösen Gedächtnis des Heiligtums.
Für die Volkskunde ist Ortona besonders reichhaltig, weil sich hier mittelalterliche Fernwallfahrt, Reliquienkult, kommunale Selbstverwaltung, maritime Berufsfrömmigkeit und moderne Erinnerungskultur überlagern. Der Thomaskult ist nicht auf das Gebet vor einem Schrein beschränkt, sondern greift in die ganze Stadt hinein.
Der Corteo delle Chiavi bewahrt die Erinnerung an die gemeinsame Verantwortung von Stadt und Kirche für das Apostelgrab. "Il Dono" erinnert an Naturalienopfer, Armenversorgung und weibliche Tragtraditionen. Seeleute begleiten den Heiligen aus Dank für Schutz auf See. Kontaktdevotionalien stellen körperliche Nähe zum Grab her. Krieg und Wiederaufbau fügten dem Kult eine neue Schicht hinzu, in der die Rettung der Reliquien und des Büstenreliquiars selbst zu Erinnerungsereignissen wurden.
Ortona zeigt damit besonders deutlich, wie ein Reliquienheiligtum über Jahrhunderte zum Zentrum städtischer Identität werden kann. Der Apostel Thomas ist zugleich biblische Gestalt, verehrte Reliquie, Stadtpatron, Schutzheiliger der Seeleute und Mittelpunkt eines jährlichen Festes, dessen Rituale unmittelbar aus der Geschichte seines Grabes hervorgegangen sind.
- Pergamenturkunde vom 22. September 1259, Diözesanbibliothek Ortona. Zeitnahe notarielle Dokumentation zur Überführung der auf Chios verehrten Thomasreliquien nach Ortona.
- Papst Sixtus IV.: Bulle Pastoris aeterni, 5. Juli 1479. Verlegung des mit der Thomaswallfahrt verbundenen Ablasstermins auf den ersten Sonntag im Mai.
- Atti della Ricognizione scientifica delle ossa dell'apostolo Tommaso. Ortona 1988.
- Paola Pasquini / Emilia Polidoro: La traslazione delle reliquie dell'apostolo Tommaso ad Ortona. Prove di autenticità. Lanciano 2007.
- Associazione Ortonese di Storia Patria: I tesori storici ed artistici della cattedrale di San Tommaso. Ortona 2007.
- Emilia Polidoro / Elio Giannetti / E. Falcone: La Chiesa ortonese dal 1570 ad oggi. Opera San Tommaso Apostolo, Ortona 2010.
- Fulvio Della Loggia / Paola Pasquini: San Tommaso Apostolo e Chios. Progetto Edessa-Chios-Ortona. Ortona 2015.
- Elio Giannetti: Le chiese ortonesi. Dall'antichità ai nostri giorni. Ortona 2019.
- BeWeB - Beni ecclesiastici in web: Dokumentationen zur Baugeschichte, Krypta, Cappella di San Tommaso und zum Wiederaufbau der Concattedrale nach 1943.
- Opera della Basilica di San Tommaso Apostolo: historische Dokumentationen zur Translation, zu Reliquienerhebungen, zum Perdono, Corteo delle Chiavi, "Il Dono", zur Kriegsgeschichte und zur heutigen Wallfahrt.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher