| Wallfahrt: | Lebendiger internationaler Wallfahrtsort der Christusverehrung. Im Mittelpunkt steht das Volto Santo, ein auf sehr feinem, halbtransparentem Gewebe sichtbares Antlitz Christi. Neben dem täglichen Pilgerbesuch prägen besonders die Prozessionen im Mai und die Feier zum Fest der Verklärung Christi am 6. August die Wallfahrt. |
| Status: | Aktives Kapuzinerheiligtum und Basilica minor der Erzdiözese Chieti-Vasto. Die Verehrung des Volto Santo ist seit dem 17. Jahrhundert sicher fassbar und besitzt heute internationale Ausstrahlung. |
| Kultzentrum: | Das als Volto Santo verehrte Schleierbild mit dem frontal dargestellten Antlitz Christi. Das feine Gewebe ist zwischen Glasscheiben gefasst und in einem silbernen Reliquiar über dem Hochaltar sichtbar. |
| Ort: | Manoppello. |
| Region: | Provinz Pescara, Abruzzen. |
| Land: | Italien. |
| • | Basilica Santuario del Volto Santo, Via Cappuccini 26, 65024 Manoppello PE, Italien. Das Heiligtum liegt auf einer Anhöhe außerhalb des historischen Ortskerns von Manoppello am Rand des Majella-Gebietes. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Das Heiligtum wird von Kapuzinern betreut. Das Volto Santo ist über dem Hochaltar sichtbar; Gottesdienst-, Beicht- und Besuchszeiten können sich im Jahreslauf ändern. |
| • | Für die Wallfahrtskultur sind besonders die Feiern im Mai sowie am 6. August von Bedeutung. Während der Maiwallfahrt wird das Volto Santo in den historischen Ortskern nach San Nicola di Bari getragen und anschließend wieder zum Heiligtum zurückgebracht. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders gesucht sind Außen- und Innenaufnahmen des Heiligtums, das Volto Santo und sein Reliquiar, Votivgaben und Andachtsgegenstände sowie Bilder der Maiwallfahrt mit den roten Trägermänteln, San Pancrazio, dem "ponticello", geschmückten Balkonen, Rosenblättern und der Prozession nach San Nicola di Bari.
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Das Santuario del Volto Santo oberhalb von Manoppello gehört zu den ungewöhnlichsten Wallfahrtsorten Italiens. Im Zentrum steht weder ein Marienbild noch das Grab eines Heiligen, sondern ein kleines, halbtransparentes Gewebe mit dem frontal gesehenen Gesicht eines bärtigen Mannes, das als Antlitz Christi verehrt wird. Das Bild ist von beiden Seiten sichtbar und verändert je nach Beleuchtung, Betrachtungswinkel und Hintergrund seine Wirkung. Gerade diese schwer festzulegende Erscheinung hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Volto Santo nicht nur Gegenstand religiöser Verehrung, sondern auch kunsthistorischer, textilkundlicher und optischer Untersuchungen geworden ist.
Der Wallfahrtsstatus ist von der Frage nach Alter und Entstehung des Bildes unabhängig. Die Verehrung ist seit dem 17. Jahrhundert sicher dokumentiert, das Heiligtum besitzt eine jahrhundertealte Fest- und Prozessionstradition, und Pilger aus Italien und zahlreichen anderen Ländern suchen Manoppello auf. Einen besonderen Einschnitt bildete die Pilgerfahrt Papst Benedikts XVI. am 1. September 2006. Wenige Wochen später erhielt die Kirche den Rang einer Basilica minor. Benedikt XVI. selbst sprach vorsichtig vom hier verehrten Antlitz Christi und machte die Suche nach dem Angesicht Gottes zum theologischen Mittelpunkt seines Besuches, ohne eine bestimmte historische Identifizierung des Tuches verbindlich festzulegen.
Das verehrte Bild misst ungefähr 24 mal 17,5 Zentimeter. Auf dem sehr feinen Gewebe erscheint das Gesicht eines Mannes mit langen Haaren, geteiltem Bart, offenen Augen und leicht geöffnetem Mund. Auffällig ist, dass die Darstellung von Vorder- und Rückseite wahrgenommen werden kann. Sie wirkt dabei nicht unter allen Lichtbedingungen gleich: Wird das Gewebe von vorne oder von hinten beleuchtet, verändern sich Helligkeit, Kontrast und einzelne Gesichtspartien. Augen, Lippen und Zähne können dadurch je nach Standpunkt unterschiedlich hervortreten.
Diese optische Veränderlichkeit besitzt für die religiöse Wahrnehmung erhebliche Bedeutung. Das Bild erscheint nicht wie ein gewöhnliches Tafelgemälde mit festem Bildgrund, sondern steht gleichsam zwischen Bild und Licht. Pilger können beim Wechsel ihres Standortes den Eindruck gewinnen, das Antlitz verändere seinen Ausdruck. Unabhängig davon, wie das Bild technisch entstanden ist, gehört diese Erfahrung zu den Besonderheiten des Kultgegenstandes und erklärt einen Teil seiner starken Wirkung.
Nach der in Manoppello bewahrten Überlieferung kam das Bild um 1506 auf ungewöhnliche Weise in den Ort. Ein unbekannter Pilger soll den Arzt und Gelehrten Giacomantonio beziehungsweise Giacomo Antonio Leonelli angesprochen und ihn in die damalige Hauptkirche San Nicola di Bari geführt haben. Dort habe der Fremde ihm ein eingewickeltes Tuch übergeben. Als Leonelli das Bündel öffnete, sei darin das Antlitz Christi sichtbar geworden; als er sich wieder nach dem Überbringer umsah, war dieser verschwunden. Leonelli nahm das Bild mit nach Hause und bewahrte es in seiner Familie auf.
Diese Erzählung ist für die Wallfahrt zentral, darf aber nicht mit einem zeitgenössischen Bericht aus dem Jahr 1506 verwechselt werden. Die älteste ausführliche Quelle ist die Relatione historica d'una miracolosa imagine del volto di Christo des Kapuziners Donato da Bomba, die erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts entstand. Der ursprüngliche Autograph ist nicht erhalten; mehrere Abschriften des 17. Jahrhunderts überliefern den Text. Die neuere archivalische Forschung konnte jedoch zahlreiche in der Relatione genannte Personen in zeitgenössischen Dokumenten tatsächlich nachweisen. Damit besitzt der Bericht einen historischen Kern für die Familien- und Besitzgeschichte, während die wundersame Übergabe durch den unbekannten Pilger Teil der religiösen Überlieferung bleibt.
Nach der Relatione historica blieb das Bild zunächst im Besitz der Familie Leonelli. Später gelangte es unter konfliktreichen familiären Umständen an Marzia Leonelli und ihren Ehemann Pancrazio Petrucci. Marzia soll das Tuch schließlich aus finanzieller Not an Donato Antonio De Fabritiis abgegeben haben. Gerade dieser Abschnitt der Erzählung wurde durch neuere Archivfunde interessanter: Personen wie De Fabritiis, Marzia Leonelli und Pancrazio Petrucci lassen sich im Manoppello des 16. und 17. Jahrhunderts tatsächlich nachweisen.
De Fabritiis ließ das empfindliche Tuch herrichten und zwischen Glasscheiben fassen. Die Überlieferung verbindet diesen Vorgang mit dem Kapuziner Remigio da Rapino, der beschädigte Randteile entfernt und das Bild in eine besser schützende Fassung gebracht haben soll. 1638 übergab De Fabritiis das Volto Santo den Kapuzinern von Manoppello. Damit beginnt die sicher fassbare Geschichte des Bildes als öffentlich verehrter Kultgegenstand im Kapuzinerheiligtum.
Die Kapuziner ließen sich im frühen 17. Jahrhundert bei Manoppello nieder. Der Konvent und die Kirche wurden ab 1620 aufgebaut. Die Anlage, die heute den Hang oberhalb des Ortes beherrscht, ist allerdings nicht mehr in ihrer frühesten Gestalt erhalten. Umbauten und Erweiterungen vom 19. bis in das 20. Jahrhundert veränderten den Bau tiefgreifend. Die heutige Fassade mit ihrer hellen und rosafarbenen Steinwirkung nimmt bewusst Formen auf, die an die berühmte Basilika Santa Maria di Collemaggio in L'Aquila erinnern.
Ein bedeutender Rest des älteren Heiligtums ist die 1686 errichtete Kapelle rechts des Chores, in der das Volto Santo früher aufbewahrt wurde. Im Laufe der Zeit wandelte sich die Präsentation des Bildes erheblich. Aus einem nur zu bestimmten Gelegenheiten hervorgeholten und vorgezeigten Kultgegenstand wurde schließlich ein dauerhaft sichtbares Heiligtum. Heute befindet sich das Volto Santo in einem Reliquiar über dem monumentalen Hochaltar und ist damit ständig auf den zentralen Blickpunkt des Kirchenraumes bezogen.
Das zwischen Glasscheiben geschützte Gewebe ist in ein kostbares silbernes Reliquiar gefasst. Die heutige Inszenierung verbindet die Zartheit des fast durchsichtigen Tuches mit einem festen, repräsentativen Rahmen und der Monumentalität des Hochaltares. Der Kontrast ist bemerkenswert: Der eigentliche Kultgegenstand ist klein und lichtdurchlässig, während der umgebende Altarraum ihn wie ein weithin sichtbares Zentrum hervorhebt.
Zum Heiligtum gehört außerdem ein Bestand an sakralen Kunstwerken und älteren Ausstattungsstücken. Der sogenannte Schatz bewahrt unter anderem ein älteres silbernes Reliquiar des Volto Santo, ein hölzernes Kapuzinertabernakel und Gemälde. Diese Objekte dokumentieren, dass die Verehrung nicht nur aus der Betrachtung des Schleierbildes besteht, sondern im Laufe der Jahrhunderte eine eigene materielle Kultkultur mit Reliquiaren, Altären, Andachtsbildern und Festgeräten ausgebildet hat.
Ein wichtiges Datum für die Kultgeschichte ist das Jahr 1646. Die Relatione historica und die mit der Schenkung verbundene Überlieferung wurden in Manoppello öffentlich verlesen und notariell bestätigt. Damit wurde die Geschichte des Volto Santo in eine verbindliche lokale Erinnerungsform überführt. Das Bild gehörte fortan nicht mehr nur zur privaten Familiengeschichte, sondern zum religiösen Gedächtnis des Ortes und des Kapuzinerkonvents.
In der frühen Phase wurde das Volto Santo nicht ständig in der heute vertrauten Weise ausgestellt. Es lag geschützt und wurde zu besonderen Gelegenheiten gezeigt. Die spätere permanente Sichtbarkeit über dem Hochaltar ist daher selbst ein Stück Wallfahrtsgeschichte. Die Veränderung der Präsentationsweise machte aus einer nur zeitweise zugänglichen Kostbarkeit einen täglich sichtbaren Mittelpunkt des Heiligtums.
Besondere internationale Aufmerksamkeit erhielt Manoppello durch die These, das dort verehrte Tuch könne mit der berühmten römischen Veronica identisch sein. Unter der Veronica verstand man im Mittelalter ein Christusbild, das in der Peterskirche in Rom als außerordentlich bedeutende Reliquie verehrt und Pilgern zu bestimmten Anlässen gezeigt wurde. Die mittelalterliche Romwallfahrt kannte kaum ein wirkungsmächtigeres Christusbild; auch Literatur und Kunst verbreiteten die Vorstellung vom wunderbaren Antlitz auf einem Tuch in ganz Europa.
Der Jesuit und Kunsthistoriker Heinrich Pfeiffer vertrat nach Untersuchungen des Manoppello-Bildes die Auffassung, dieses könne die verlorene beziehungsweise später nicht mehr in ihrer alten Gestalt sichtbare römische Veronica sein. Die Hypothese wurde in zahlreichen Publikationen aufgegriffen und trug erheblich zur neuen internationalen Bekanntheit Manoppellos bei. Eine geschlossene historische Quellenkette von der mittelalterlichen Peterskirche nach Manoppello ist jedoch nicht nachgewiesen. Zwischen der Geschichte der römischen Veronica und der ab dem 17. Jahrhundert sicher greifbaren Überlieferung von Manoppello bleibt eine erhebliche dokumentarische Lücke.
Die heutige Bedeutung des Heiligtums darf deshalb nicht mit einer kirchlich verbindlichen Erklärung gleichgesetzt werden, das Tuch sei die historische Veronica oder ein Grabtuch Christi. Auch der Besuch Benedikts XVI. im Jahr 2006 war eine Pilgerfahrt zu einem verehrten Christusbild. Der Papst sprach über die Suche nach dem Antlitz des Herrn und über die geistliche Bedeutung des Bildes, ohne die weitreichenden historischen Identifikationen zur Glaubenslehre zu erheben.
Die katholische Verehrung eines Bildes setzt nicht voraus, dass jede Hypothese über dessen materielle Herkunft historisch bewiesen ist. Manoppello bleibt daher auch dann ein bedeutender Wallfahrtsort, wenn die Frage nach Alter, Herstellungsweise und möglicher Verbindung zur Veronica offenbleibt.
Zu den bekanntesten modernen Behauptungen gehört die Vorstellung, der Schleier bestehe aus Byssus oder sogenannter Muschelseide. Dieses seltene Material wird aus Faserbündeln bestimmter Muscheln gewonnen und besitzt einen besonderen Glanz. Die Annahme wurde häufig mit dem Argument verbunden, auf Muschelseide könne kaum in herkömmlicher Weise gemalt werden, wodurch die Entstehung des Bildes noch rätselhafter erscheine.
Neuere optische Untersuchungen sprechen jedoch gegen diese populäre Bestimmung. Eine 2018 veröffentlichte Untersuchung von Liberato De Caro, Emilio Matricciani und Giulio Fanti deutete die beobachtete Faserstruktur als pflanzliche Zellulose und damit als sehr feines Leinen. Die Fäden sind ungefähr ein Zehntel Millimeter stark und liegen ungewöhnlich locker nebeneinander. Nach den Messungen besteht ein großer Teil der Fläche aus Zwischenräumen. Gerade diese offene Webstruktur erklärt einen wesentlichen Teil der starken Transparenz des Tuches.
Die naturwissenschaftliche Untersuchung von 2018 widmete sich vor allem der optischen Erscheinung. Die sehr dünnen Fäden lassen Licht durch und reflektieren es zugleich. Zusätzlich wurde angenommen, dass eine stärkeartige Behandlung der Fasern deren Lichtdurchlässigkeit beeinflusst haben könnte. Der gelbliche Ton des alten Gewebes wirkt auf die wahrgenommenen Farben des Gesichtes ein, besonders wenn Licht von hinten durch das Tuch fällt.
Damit lassen sich Teile jener Erscheinung physikalisch beschreiben, die Pilger als außerordentlich erleben. Das bedeutet jedoch weder, dass die gesamte Entstehung des Bildes damit geklärt wäre, noch dass aus den optischen Eigenschaften ein bestimmtes Alter des Tuches abgeleitet werden könnte. Eine allgemein anerkannte direkte Datierung des Gewebes, die eine Herkunft aus dem 1. Jahrhundert belegen würde, liegt nicht vor.
Auch die Frage nach Farbmitteln wird kontrovers diskutiert. In populären Darstellungen wird häufig behauptet, auf dem Gewebe sei keinerlei Farbe nachweisbar und das Bild könne daher nicht gemalt sein. So eindeutig ist der Forschungsstand nicht. Verschiedene Untersuchungen und mikroskopische Beobachtungen wurden unterschiedlich interpretiert; einzelne Forscher beschrieben farbige Substanzen beziehungsweise Veränderungen an Fasern, während andere die ungewöhnliche Bildwirkung stärker aus optischen Eigenschaften des Gewebes erklären.
Besonders deutlich formulierte der Kunsthistoriker Erwin Pokorny eine Gegenposition zur Vorstellung eines nicht von Menschenhand geschaffenen Bildes. Er deutete das Volto Santo als Tüchleinmalerei um 1500, also als Malerei oder Zeichnung auf ungrundiertem feinem Gewebe, und stellte stilistische Bezüge zu nördlich der Alpen geprägten Christusdarstellungen her. Tüchleinmalereien waren im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit bekannt, sind wegen ihrer großen Empfindlichkeit aber vergleichsweise selten erhalten. Die kunsthistorische Deutung ist damit eine ernstzunehmende Alternative zu den religiösen Echtheitshypothesen.
Seit dem späten 20. Jahrhundert wurde das Gesicht von Manoppello wiederholt mit dem Gesicht des Turiner Grabtuches verglichen. Besonders bekannt wurden photographische Überlagerungen, bei denen Übereinstimmungen in den Proportionen und einzelnen Gesichtszügen hervorgehoben werden. Daraus entstand die Vorstellung, beide Tücher könnten dasselbe Gesicht zeigen: das Turiner Grabtuch den toten Christus, Manoppello dagegen das lebende oder bereits verklärte Antlitz.
Solche Bildvergleiche sind für die moderne Verehrung von großer Bedeutung, besitzen aber keine Beweiskraft für die historische Identität der dargestellten Person. Ähnlichkeiten können auch durch gemeinsame ikonographische Traditionen entstehen. Für die Wallfahrtsgeschichte ist entscheidend, dass die Verbindung von Manoppello und Turin inzwischen selbst Teil der religiösen Deutung geworden ist und viele Pilger beide Bilder gedanklich als zusammengehörige Christuszeugnisse betrachten.
Ein altes Hauptfest des Heiligtums ist der 6. August, das Fest der Verklärung des Herrn. Diese liturgische Zuordnung ist für die Deutung des Bildes besonders passend. Das Volto Santo wird nicht ausschließlich als Antlitz des leidenden Christus verstanden, sondern ebenso als Bild des lebendigen und verklärten Herrn. Die Verehrung bewegt sich damit zwischen Passion, Auferstehung und der biblischen Sehnsucht nach dem Angesicht Gottes.
Die Augustfeier besitzt stärker liturgisch-kirchlichen Charakter, während sich daneben eine zweite, besonders volkskulturell geprägte Festtradition im Mai entwickelte. Beide Feste ergänzen einander und zeigen, wie ein und derselbe Kultgegenstand unterschiedliche religiöse Ausdrucksformen hervorbringen kann.
Die große Maiwallfahrt findet traditionell am dritten Sonntag des Monats statt. Ihre heutige Form reicht in das 18. Jahrhundert zurück. Eine ältere Feier wurde zunächst am zweiten Maisonntag begangen und später auf den dritten Sonntag verlegt. Im Mittelpunkt steht eine mehrteilige Prozession zwischen dem hochgelegenen Kapuzinerheiligtum und dem historischen Ortskern von Manoppello.
Die Prozession besitzt eine ungewöhnlich ausgeprägte Dramaturgie. Am Morgen wird die Statue des Stadtpatrons San Pancrazio aus dem Ort zum Heiligtum getragen. In der lokalen Deutung heißt es, San Pancrazio gehe hinauf, um das Volto Santo "abzuholen". Damit begegnen einander zwei verschiedene Formen sakraler Repräsentation: die Heiligenstatue des Patrons und das verehrte Antlitz Christi. Nach dem Gottesdienst beginnt der gemeinsame Zug zurück in den Ort.
Das Volto Santo wird von ausgewählten Trägern auf einem Prozessionsthron getragen. Besonders auffällig sind ihre roten Mäntel beziehungsweise Umhänge. Die Kleidung hebt die Träger sichtbar aus der Menge heraus und macht ihre Aufgabe zu einem eigenen Ehrenamt innerhalb des Festes. Das Tragen des Heiligtums ist körperliche Arbeit und zugleich religiöser Dienst; auf steilen Wegabschnitten waren historisch zusätzliche Träger erforderlich.
Solche festgelegten Trägergruppen gehören zu den charakteristischen Formen süditalienischer Prozessionskultur. Die besondere Kleidung, die genaue Ordnung des Zuges und die generationenübergreifende Erinnerung an frühere Feste geben dem Ereignis eine starke lokale Identität. Das Volto Santo wird für wenige Stunden aus seinem festen Altarzusammenhang gelöst und buchstäblich durch die Landschaft der Gemeinde getragen.
Auf dem Weg in den historischen Ortskern spielt eine kleine Brücke, der sogenannte "ponticello", eine besondere Rolle. Dort halten die Träger an und drehen den Thron mit dem Volto Santo nach rechts und links. Vom erhöhten Prozessionsort aus wird der Segen über die Stadt, die Anwesenden und die Umgebung erteilt. Diese Handlung verbindet das Christusbild mit dem gesamten Siedlungsraum und gibt der Prozession einen deutlich territorialen Charakter.
Volkskundlich lässt sich darin eine klassische Schutz- und Segensfunktion der Wallfahrtsprozession erkennen. Das Heiligtum bleibt nicht im Kirchenraum eingeschlossen, sondern wird an einen Punkt gebracht, von dem aus es symbolisch über Häuser, Menschen und Fluren gegenwärtig wird. Der Weg selbst wird dadurch zu einem sakralen Raum.
Im historischen Ortskern schmücken Bewohner die Balkone entlang des Prozessionsweges. Dabei werden besonders schöne Decken und Textilien aus älteren familiären Aussteuerbeständen sichtbar aufgehängt. Ein Gegenstand, der gewöhnlich im Haus verwahrt wird und zur Familiengeschichte gehört, erhält für die Dauer des Festes eine öffentliche religiöse Funktion. Die Fassade des Hauses wird damit zu einer temporären Festarchitektur.
Beim Vorüberziehen des Volto Santo werden Rosenblätter auf die Prozession gestreut. Das Blumenopfer gehört zu einer weit verbreiteten katholischen Festkultur, erhält hier aber durch die enge Gassenführung und die von oben herabfallenden Blüten eine besonders eindrückliche Form. Haus, Straße, Bild und Blumen verbinden sich für wenige Minuten zu einem gemeinsamen Kultbild. Damit gehört das Festgeschehen selbst zu den wesentlichen Ausdrucksformen der Verehrung des Volto Santo.
Ziel der Prozession ist die Kirche San Nicola di Bari im historischen Zentrum. Damit kehrt das Volto Santo symbolisch an jenen Ort zurück, an dem der unbekannte Pilger nach der Überlieferung von 1506 das Tuch an Giacomantonio Leonelli übergeben haben soll. Die Prozession verbindet somit Gegenwart und Ursprungserzählung räumlich miteinander.
Das Volto Santo bleibt in San Nicola öffentlich zur Verehrung ausgestellt. Die Nacht wird traditionell durch Gebet geprägt. Am folgenden Montag setzt sich der Zug erneut in Bewegung und bringt das Bild zurück in die Basilica auf dem Hügel. Die Maiwallfahrt besteht daher nicht aus einer einzigen Prozession, sondern aus einem mehrteiligen Ablauf von Abholung, Herabtragen, Aufenthalt im Ort, Nachtwache und Rückführung.
Gerade dieser Weg macht Manoppello volkskundlich besonders interessant. Das Heiligtum liegt außerhalb und oberhalb des historischen Ortskerns. Während der Festtage wird diese räumliche Trennung aufgehoben. Der Kultgegenstand verlässt den Kapuzinerkonvent, zieht über Brücke und Straßen in den Ort und kehrt danach wieder auf den Hügel zurück. Die gesamte Gemeinde wird dadurch in die Wallfahrtslandschaft einbezogen.
Das Fest besitzt zugleich eine doppelte Richtung: Die Menschen gehen zunächst zum Heiligtum hinauf, danach kommt das Heilige Bild zu ihnen herab. Diese gegenseitige Bewegung unterscheidet die Maiwallfahrt von einem einfachen Pilgerbesuch. Das Heiligtum ist sowohl Ziel als auch Ausgangspunkt einer sakralen Bewegung durch den Lebensraum der Bevölkerung.
Am 1. September 2006 pilgerte Papst Benedikt XVI. nach Manoppello. Vor dem Heiligtum begrüßte er mehrere tausend Gläubige und betete anschließend vor dem Volto Santo. Seine Ansprache stellte das biblische Motiv "Dein Angesicht, Herr, will ich suchen" in den Mittelpunkt. Der Papst deutete die Betrachtung des Antlitzes Christi als geistlichen Weg: Wer das Gesicht Christi suche, müsse zugleich lernen, Christus im Gesicht des Mitmenschen zu erkennen.
Der Besuch gab dem bereits bestehenden internationalen Interesse einen starken neuen Impuls. Am 22. September 2006 erhielt die Kirche den Titel Basilica minor. Der päpstliche Besuch wurde in der lokalen Erinnerung zu einem neuen historischen Bezugspunkt, doch auch hier bleibt die Unterscheidung wichtig: Die Verehrung und kirchliche Aufwertung des Heiligtums sind keine naturwissenschaftliche oder historische Echtheitserklärung für eine bestimmte Entstehungsgeschichte des Gewebes.
Über Jahrhunderte war Manoppello vor allem ein Heiligtum der Abruzzen und der umliegenden Regionen. Die Prozessionen, die Patronatsbeziehungen und die lokalen Familienbräuche blieben dabei der tragende Kern. Seit dem späten 20. Jahrhundert veränderte sich die Reichweite. Publikationen über das Volto Santo, die Veronica-Hypothese, Vergleiche mit dem Turiner Grabtuch und schließlich der Besuch Benedikts XVI. machten den Ort einem weltweiten Publikum bekannt.
Diese Internationalisierung hat die ältere Wallfahrtskultur nicht ersetzt. Im Gegenteil: Der besondere Reiz Manoppellos liegt darin, dass internationale Pilger heute auf eine sehr lokale Kultlandschaft treffen. Neben theologischen Debatten und wissenschaftlichen Untersuchungen bestehen weiterhin die roten Mäntel der Träger, San Pancrazio, der "ponticello", die Balkondecken und Rosenblätter. Die neue globale Aufmerksamkeit lagert sich damit über eine wesentlich ältere regionale Volksfrömmigkeit.
Manoppello bietet ein außergewöhnlich dichtes Beispiel dafür, wie sich ein Kultbild im Zusammenspiel von Überlieferung, Materialität, Licht, Prozession und lokaler Erinnerung entfaltet. Schon die Herkunftserzählung besitzt klassische Motive einer Wunderlegende: Ein unbekannter Pilger erscheint, übergibt einen heiligen Gegenstand und verschwindet. Im 17. Jahrhundert wird diese Erzählung schriftlich fixiert und notariell in das Gedächtnis des Ortes eingeschrieben. Spätere Generationen bauen Kapelle, Reliquiar und Hochaltar und schaffen damit immer neue materielle Fassungen um dasselbe kleine Tuch.
Noch deutlicher wird die volkskulturelle Dimension in der Maiwallfahrt. Der Stadtpatron holt das Christusbild ab, besondere Träger übernehmen den Thron, an der Brücke wird der Ort gesegnet, Familien stellen alte Aussteuerdecken öffentlich aus, Rosenblätter fallen von den Balkonen und das Bild übernachtet in jener Kirche, die mit seiner Ursprungserzählung verbunden ist. Die religiöse Bedeutung entsteht damit nicht allein aus der Frage, was das Gewebe historisch "wirklich" ist. Sie entsteht ebenso aus Jahrhunderten gelebter Beziehungen zwischen Bild, Menschen, Häusern, Straßen und Festzeiten.
Gerade bei Manoppello ist eine klare Unterscheidung der Aussageebenen notwendig. Sicher belegt sind die öffentliche Verehrung seit dem 17. Jahrhundert, die Übergabe des Bildes an die Kapuziner, die Entwicklung des Heiligtums und die lange Prozessionstradition. Die Geschichte vom unbekannten Pilger des Jahres 1506 ist in einer rund anderthalb Jahrhunderte später entstandenen Quelle überliefert, deren handelnde Personen teilweise archivalisch bestätigt werden konnten. Die Gleichsetzung mit der mittelalterlichen römischen Veronica bleibt eine Hypothese.
Auch die Materialforschung hat das Rätsel nicht endgültig gelöst. Neuere Untersuchungen sprechen für ein sehr feines Leinengewebe und erklären wesentliche Teile seiner Transparenz optisch. Kunsthistorische Forschung hält eine Tüchleinmalerei um 1500 für möglich, während andere Autoren weiterhin eine außergewöhnliche, nicht konventionell gemalte Entstehung vertreten. Eine direkte Datierung, die eine Herkunft aus der Zeit Christi beweisen würde, liegt nicht vor. Diese offene Forschungslage mindert die Bedeutung des Wallfahrtsortes nicht, sondern gehört inzwischen selbst zur Geschichte des Volto Santo.
- Donato da Bomba: Relatione historica d'una miracolosa imagine del volto di Christo. Herausgegeben von Emanuele Colombo und Michele Colombo, Marietti 1820, 2016. Kritische Edition der grundlegenden Überlieferung zur Ankunft und frühen Geschichte des Volto Santo in Manoppello.
- Filippo da Tussio: Del Volto Santo. Memorie storiche raccolte intorno alla prodigiosa immagine del passionato volto di Gesù Cristo Signor Nostro che si venera nella chiesa dei PP. Cappuccini di Manoppello. L'Aquila 1875.
- Karlheinz Dietz, Christian Hannick, Carolina Lutzka und Elisabeth Maier (Hrsg.): Das Christusbild. Zu Herkunft und Entwicklung in Ost und West. Das Östliche Christentum, Neue Folge, Band 62. Echter, Würzburg 2016.
- Roberto Falcinelli: "Der Schleier der Veronica und das Antlitz von Manoppello: Neue Untersuchungen und Erkenntnisse", in: Das Christusbild, Würzburg 2016, S. 719-759.
- Erwin Pokorny: "Die Tüchleinmalerei und der Schleier von Manoppello", in: Das Christusbild, Würzburg 2016, S. 760-786.
- Mechthild Flury-Lemberg: Beitrag zur textilkundlichen und materiellen Einordnung des Schleiers von Manoppello, in: Das Christusbild, Würzburg 2016.
- Liberato De Caro, Emilio Matricciani, Giulio Fanti: "Imaging Analysis and Digital Restoration of the Holy Face of Manoppello - Part I", in: Heritage 1/2, 2018, S. 289-305.
- Liberato De Caro, Emilio Matricciani, Giulio Fanti: "Imaging Analysis and Digital Restoration of the Holy Face of Manoppello - Part II", in: Heritage 1/2, 2018, S. 349-364.
- Heinrich Pfeiffer (Hrsg.): Il Volto Santo di Manoppello. Pescara 2000; weitere Auflage 2005. Wichtig für die moderne These einer Identifizierung mit der römischen Veronica.
- Benedikt XVI.: Ansprache bei der Pilgerfahrt zum Santuario del Volto Santo in Manoppello am 1. September 2006.
- Historische und volkskundliche Dokumentationen der Kapuziner von Manoppello zur Festa di Maggio, zur Prozessionsordnung, zur Überlieferung des Volto Santo und zur Geschichte des Heiligtums.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher