Basilica di Santa Maria di Collemaggio
L'Aquila, Basilika Santa Maria di Collemaggio

Schnellüberblick
Wallfahrt:Lebendige Heiligen-, Grab- und Ablasswallfahrt zum hl. Papst Coelestin V. und zur jährlich vom 28. bis 29. August gefeierten Perdonanza Celestiniana. Die 1294 von Coelestin V. gewährte Bolla del Perdono verbindet sich heute mit dem Durchschreiten der Porta Santa, Prozessionen, dem Corteo della Bolla, dem Fuoco del Morrone und zahlreichen religiösen und städtischen Feiern.
Status:Lebendiger, international bedeutender Wallfahrtsort und zentrale Erinnerungsstätte des hl. Pietro da Morrone, Papst Coelestin V. Die Perdonanza Celestiniana wurde 2019 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen.
Kultzentrum:Das Grab und die Reliquien des hl. Papstes Coelestin V., die Porta Santa sowie die mit der Bolla del Perdono von 1294 verbundene Perdonanza Celestiniana. Die Kirche ist Maria geweiht; eine marianische Gründungserscheinung gehört zur späteren Überlieferung, ist jedoch nicht der Hauptträger der heutigen Wallfahrt.
Ort:L'Aquila.
Region:Provinz L'Aquila, Abruzzen.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Basilica di Santa Maria di Collemaggio, Piazzale di Collemaggio, 67100 L'Aquila AQ, Italien.
Die Basilika steht südöstlich des historischen Zentrums auf dem Colle di Maggio, vor dem mittelalterlichen Stadtkern von L'Aquila und unmittelbar beim Parco del Sole.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien
•Ansicht in Street View
•Die Basilika ist ein aktiver katholischer Gottesdienst- und Wallfahrtsort. Zum Besuch gehören besonders das Mausoleum Coelestins V., die Porta Santa, die mittelalterliche Fassade und der weitläufige Innenraum.
•Die Perdonanza Celestiniana erreicht ihren religiösen Höhepunkt jährlich vom 28. bis 29. August. Der gesamte Festzyklus umfasst darüber hinaus weitere Tage mit Prozessionen, religiösen Feiern und städtischen Veranstaltungen.
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Ausführliche Beschreibung

Wallfahrtskirche, Papstgrab und jährlicher Ablass

Die Basilica di Santa Maria di Collemaggio gehört zu den bedeutendsten religiösen Erinnerungsorten der Abruzzen. Ihre Besonderheit liegt in der Verbindung mehrerer Kultschichten, die sich seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert übereinandergelegt haben. Die Kirche wurde auf Initiative des Eremiten Pietro da Morrone errichtet, der 1294 als Coelestin V. Papst wurde und in Collemaggio seine feierliche Krönung empfing. Noch im selben Jahr gewährte er für den jährlichen Besuch der Kirche einen vollkommenen Ablass. Seit 1327 ruhen zudem seine sterblichen Überreste in der Basilika. Damit vereint Collemaggio eine Ablasswallfahrt, eine Grabwallfahrt und die Erinnerung an einen der außergewöhnlichsten Päpste des Mittelalters.

Die jährliche Perdonanza Celestiniana ist weit mehr als ein kirchlicher Festtag. Sie umfasst Pilgerwege, Prozessionen, die feierliche Überbringung der Bolla del Perdono, das Öffnen der Porta Santa, liturgische Feiern und eine ausgeprägte Beteiligung der Stadtbevölkerung. In L'Aquila begegnen sich deshalb kirchliche Wallfahrt und kommunale Identität in ungewöhnlich dichter Form. Die Basilika ist sowohl religiöses Zentrum als auch ein Erinnerungsort der Stadtgeschichte und ein Schauplatz, an dem L'Aquila sein Verhältnis zu Coelestin V. jedes Jahr öffentlich erneuert.

Pietro da Morrone und die Gründung von Collemaggio

Pietro da Morrone, der spätere Papst Coelestin V., gehörte zu den bekanntesten Eremiten des 13. Jahrhunderts. Sein geistlicher Lebensraum lag vor allem in den Bergen der Majella und am Morrone bei Sulmona, wo sich eine Gemeinschaft um ihn bildete, die später als Celestinerkongregation bekannt wurde. Die Verbindung von strenger Askese, benediktinischer Lebensform und eremitischem Rückzug verschaffte Pietro schon zu Lebzeiten erhebliches religiöses Ansehen.

Im Jahr 1287 wurde auf seine Initiative mit dem Bau von Santa Maria di Collemaggio begonnen. An dieser Stelle bestand bereits ein älterer sakraler Bezug. In der späteren Überlieferung heißt es, Pietro habe hier eine Erscheinung der Gottesmutter erlebt, die ihn zum Bau einer Kirche aufgefordert habe. Diese Erscheinungstradition gehört zur Frömmigkeitsgeschichte des Ortes, lässt sich jedoch nicht als zeitgenössisch dokumentiertes Gründungsereignis behandeln. Historisch sicher ist dagegen, dass Pietro selbst den Bau der neuen Kirche veranlasste und Collemaggio dadurch eng mit seiner Person verbunden wurde.

Der Colle di Maggio vor der Stadt

Die Lage der Kirche ist für ihr Verständnis wesentlich. Santa Maria di Collemaggio entstand nicht im dichten mittelalterlichen Stadtkern, sondern auf einer Anhöhe vor beziehungsweise am Rand der Stadt. Der große Vorplatz und die freie Lage verliehen dem Ort von Anfang an eine besondere Eignung für Versammlungen größerer Menschenmengen. Später wurde gerade diese topographische Offenheit für die Papstkrönung, die Perdonanza und die großen Pilgerversammlungen von entscheidender Bedeutung.

Vom Colle di Maggio aus begann außerdem der große Tratturo Magno L'Aquila-Foggia, einer der bedeutenden historischen Viehtriftwege zwischen den Abruzzen und Apulien. Daraus lässt sich keine eigene Hirtenwallfahrt ableiten, doch die Nachbarschaft ist kulturgeschichtlich bemerkenswert. Collemaggio lag an einem Ort, an dem religiöse Wege, städtische Verkehrsachsen und die saisonalen Fernwege der Transhumanz aufeinandertrafen.

1294 - Pietro da Morrone wird Papst

Nach einer mehr als zweijährigen Vakanz des päpstlichen Stuhles wählten die Kardinäle Pietro da Morrone am 5. Juli 1294 in Perugia zum Papst. Der alte Eremit nahm den Namen Coelestin V. an. Seine Wahl wurde schon von Zeitgenossen als außergewöhnliches Ereignis wahrgenommen: Ein Mann, der einen großen Teil seines Lebens in religiösem Rückzug verbracht hatte, wurde an die Spitze der lateinischen Kirche gestellt.

Die Wahl selbst erfolgte nicht in L'Aquila. Die feierliche Krönung des neuen Papstes fand jedoch am 29. August 1294 in Santa Maria di Collemaggio statt. Damit wurde jene Kirche, deren Bau Pietro wenige Jahre zuvor selbst veranlasst hatte, zum Schauplatz seiner Erhebung zum gekrönten Papst. Die Verbindung von Gründer, Kirchenbau und Papstkrönung besitzt in der europäischen Kirchengeschichte einen außergewöhnlichen Charakter.

Die Bolla del Perdono

Am 29. September 1294 stellte Coelestin V. die Bulle Inter sanctorum solemnia aus, die in L'Aquila als Bolla del Perdono bezeichnet wird. Darin gewährte er allen wahrhaft reuigen und gebeichteten Gläubigen einen vollkommenen Ablass, wenn sie Santa Maria di Collemaggio jährlich von der Vesper des 28. August bis zur Vesper des 29. August besuchten. Damit wurde die Papstkrönung vom 29. August dauerhaft in eine wiederkehrende religiöse Praxis übersetzt.

Die Bestimmung war für eine breite Gruppe von Gläubigen offen. Im Mittelpunkt standen nicht Stand, Vermögen oder eine lange Fernreise, sondern Reue, Beichte und der Besuch der Kirche in einem genau bestimmten Zeitraum. Gerade diese Offenheit wurde für das spätere Selbstverständnis der Perdonanza wichtig. Der Ablass erschien als ein Geschenk, das nicht einer privilegierten Gruppe vorbehalten war, sondern Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft zugänglich sein sollte.

Ein Vorläufer des kirchlichen Jubeljahres

In L'Aquila wird die Perdonanza häufig als das erste Jubiläum der Christenheit bezeichnet. Tatsächlich liegt die Bolla del Perdono sechs Jahre vor dem von Papst Bonifatius VIII. für das Jahr 1300 ausgerufenen großen römischen Jubiläum. Historisch vorsichtiger lässt sich die Perdonanza als einer der wichtigsten Vorläufer der späteren kirchlichen Jubeljahre beschreiben. Das Grundmotiv ist bereits deutlich vorhanden: Ein bestimmter Zeitraum, ein festgelegter heiliger Ort, Buße, Beichte und der Erwerb eines vollkommenen Ablasses werden miteinander verbunden.

Die lokale Bezeichnung als "erstes Jubiläum" gehört inzwischen selbst zur Identität des Festes. Sie bringt den Stolz L'Aquilas auf eine Tradition zum Ausdruck, die älter ist als das erste allgemeine römische Heilige Jahr. Für die historische Einordnung ist jedoch wichtig, zwischen dem lokalen jährlichen Ablass und dem späteren universalkirchlichen Jubeljahr zu unterscheiden.

Der Rücktritt Coelestins V.

Das Pontifikat Coelestins V. dauerte nur wenige Monate. Am 13. Dezember 1294 legte er das Papstamt nieder. Der Schritt war außergewöhnlich, aber kanonisch möglich und wurde von Coelestin selbst rechtlich vorbereitet. Sein Nachfolger Bonifatius VIII. ließ den ehemaligen Papst später unter Aufsicht stellen; Pietro starb am 19. Mai 1296 auf der Burg Fumone.

Um seinen Rücktritt entstand bereits früh eine mächtige Legendenbildung. Besonders berühmt wurde die traditionelle Gleichsetzung mit jener namenlosen Gestalt in Dantes Inferno, die "aus Feigheit die große Verweigerung" begangen habe. Diese Identifikation wurde über Jahrhunderte wiederholt, ist aber nicht zweifelsfrei beweisbar. Unabhängig davon prägte der Gegensatz zwischen dem Eremiten, der zum Papst wurde, und dem Papst, der freiwillig wieder auf das Amt verzichtete, das Nachleben Coelestins dauerhaft.

Heiligsprechung und Rückkehr nach L'Aquila

Pietro da Morrone wurde 1313 heiliggesprochen und als San Pietro Celestino verehrt. Zunächst lag sein Leichnam in der Kirche Sant'Antonio bei Ferentino. Zu Beginn des Jahres 1327 wurden seine sterblichen Überreste schließlich nach L'Aquila gebracht und in Santa Maria di Collemaggio beigesetzt. Damit kehrte der Heilige an den Ort seiner Kirchengründung und seiner Papstkrönung zurück.

Diese Translation veränderte den Wallfahrtscharakter von Collemaggio entscheidend. Seit 1294 war die Kirche Ziel eines jährlich wiederkehrenden Ablasses; seit 1327 war sie zusätzlich Grabheiligtum eines kanonisierten Papstes. Ablass, Erinnerungsort und Reliquienkult verschmolzen damit. Der Pilger kam nicht mehr nur wegen der Bolla del Perdono, sondern konnte zugleich am Grab des Heiligen beten.

Das Mausoleum von 1517

Das heutige monumentale Grabmal Coelestins V. wurde 1517 errichtet. Als Künstler wird Girolamo da Vicenza genannt; finanziert wurde das Werk von der städtischen Arte della Lana, der Korporation des Wollgewerbes. Diese Stiftung zeigt, wie stark der Heilige zu diesem Zeitpunkt bereits in die städtische Identität L'Aquilas eingebunden war.

Das prächtige Renaissancegrab bildet einen auffälligen Gegensatz zur asketischen Lebensform Pietro da Morrones. Der Eremit, der Armut und Rückzug gesucht hatte, erhielt mehr als zwei Jahrhunderte nach seinem Tod ein repräsentatives Monument. Gerade dieser Gegensatz ist kulturgeschichtlich aufschlussreich: Heiligenkult folgt nicht notwendigerweise dem persönlichen Lebensstil des Verehrten, sondern übersetzt seine Bedeutung in die Kunst- und Repräsentationsformen späterer Generationen.

Die Porta Santa ist jünger als die Bolla

Ein besonders wichtiger Unterschied betrifft die heutige Porta Santa. Die Bolla del Perdono stammt aus dem Jahr 1294 und verlangte den Besuch der Kirche während des festgelegten Zeitraums. Das heute zentrale Ritual des Einzugs durch eine eigene Heilige Pforte entwickelte sich erst später. Die seitliche Porta Santa wird auf das späte 14. Jahrhundert, insbesondere 1397, bezogen; der regelmäßige Brauch, während der Perdonanza durch diese Pforte einzutreten, setzte sich im 15. Jahrhundert unter dem Einfluss der römischen Jubelpraxis durch.

Damit ist die Porta Santa kein unverändert seit 1294 bestehender Bestandteil des ursprünglichen Ablassprivilegs, sondern eine spätere rituelle Verdichtung. Gerade diese Entwicklung ist typisch für lebendige Wallfahrt: Ein älterer religiöser Kern erhält im Laufe der Zeit neue Formen, die schließlich so selbstverständlich werden, dass sie mit dem Ursprung selbst verbunden erscheinen.

Das jährliche Öffnungsritual

Am 28. August wird die Porta Santa feierlich geöffnet. Der Ritus markiert den Beginn jener Zeitspanne, in der die mit der Perdonanza verbundene Ablasspraxis vollzogen wird. Dreimal wird an die Pforte geklopft; anschließend öffnet sie sich und Pilger ziehen durch die Basilika. Am folgenden Tag wird die Pforte wieder geschlossen.

Das Durchschreiten besitzt eine starke räumliche Symbolik. Der Pilger überschreitet eine sichtbare Schwelle und verbindet diesen körperlichen Vorgang mit Umkehr, Beichte, Versöhnung und Neubeginn. Die Pforte wird dadurch zur materiellen Verdichtung dessen, was der Ablass religiös ausdrückt: eine erneuerte Beziehung zwischen Mensch, Kirche und Gott.

Der Corteo della Bolla

Zu den eindrucksvollsten Bestandteilen der Perdonanza gehört der Corteo della Bolla. Die historische Bolla del Perdono befindet sich in städtischer Verwahrung und wird im Rahmen eines feierlichen Zuges nach Collemaggio gebracht. Dadurch wird ein mittelalterliches Dokument nicht nur als Archivstück bewahrt, sondern jährlich in ein öffentliches Ritual zurückgeführt.

Im heutigen Festzug treten drei symbolische Hauptfiguren hervor: die Dama della Bolla, der Giovin Signore und die Dama della Croce. Sie stehen innerhalb des Festzeremoniells für die Bulle, die Stadtgemeinschaft und christliche Friedens- und Versöhnungsvorstellungen. Historische Kostüme, Trommler, Fanfaren, Fahnen und zahlreiche Teilnehmer verwandeln den Weg durch L'Aquila in eine große öffentliche Inszenierung städtischer Erinnerung.

Die Bolla als kommunaler Schatz

Besonders bemerkenswert ist die enge Rolle der Stadtverwaltung. Die Bolla del Perdono wird nicht ausschließlich als kirchlicher Besitz behandelt, sondern gehört zum historischen Gedächtnis der Stadt L'Aquila. Die jährliche Überbringung aus der städtischen Verwahrung zur Basilika und die anschließende Rückkehr machen sichtbar, dass die Perdonanza seit Jahrhunderten sowohl kirchliche als auch kommunale Träger besitzt.

Diese Doppelstruktur erklärt einen wesentlichen Teil ihrer Beständigkeit. Der Ablass wurde päpstlich gewährt, doch die Stadt machte seine jährliche Feier zu einem Bestandteil ihrer eigenen Identität. Die Bulle wurde deshalb zum politischen und sozialen Symbol ebenso wie zum religiösen Dokument. Schriftstück, Prozession, Basilika und Stadtgemeinde bilden ein zusammenhängendes Ritualsystem.

Der Fuoco del Morrone

Zur heutigen Perdonanza gehört der Fuoco del Morrone. Das Feuer nimmt seinen Ausgang im Gebiet des Morrone bei Sulmona, das mit der eremitischen Lebensgeschichte Pietro da Morrones eng verbunden ist, und wird über mehrere Stationen nach L'Aquila gebracht. Auf diese Weise verbindet der Festzyklus die Landschaft des Eremiten mit der Stadt seiner Papstkrönung.

Die Bewegung des Feuers erzeugt eine biographische Geographie. Der Weg erinnert daran, dass Coelestin V. nicht zuerst Papst, sondern jahrzehntelang Pietro da Morrone war. Zwischen Einsiedelei, Pilgerweg und Basilika entsteht eine symbolische Achse, auf der seine Lebensgeschichte räumlich nachvollzogen wird. Das Feuer verwandelt Erinnerung in Bewegung und bindet zahlreiche Gemeinden entlang des Weges in die Perdonanza ein.

Von der kirchlichen Feier zum Stadtfest

Die Geschichte der Perdonanza bestand nie ausschließlich aus stiller Frömmigkeit. Archivquellen belegen über die Jahrhunderte auch weltliche und festliche Elemente wie Spiele, Wettbewerbe, Feuerwerke und öffentliche Schaustellungen. Die religiöse Feier war stets in ein größeres städtisches Fest eingebettet. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert sind solche Begleitformen gut dokumentiert.

Diese Verbindung ist volkskundlich wichtig. Wallfahrt und Fest stehen hier nicht im Gegensatz. Der religiöse Kern mit Ablass, Reliquien und Liturgie wird von einem öffentlichen Rahmen begleitet, in dem sich Stadtgesellschaft, Handwerk, Vereine, Musik, historische Erinnerung und politische Repräsentation begegnen. Die Perdonanza ist damit zugleich Kirchenfest, Stadtfest und Erinnerungskultur.

Die Erneuerung der Perdonanza seit 1983

Im 20. Jahrhundert erlebte die Perdonanza eine starke Neuformung. Besonders seit 1983 wurde der historische Festzyklus bewusst belebt und in eine umfangreiche Abfolge von religiösen und kulturellen Veranstaltungen überführt. Historische Kostüme, der Corteo della Bolla und künstlerische Elemente erhielten eine neue öffentliche Präsenz.

Diese Wiederbelebung war keine einfache Rückkehr zu einer vermeintlich unveränderten mittelalterlichen Form. Vielmehr wurden ältere Überlieferungselemente neu geordnet, ergänzt und für eine moderne Stadtgesellschaft lesbar gemacht. Gerade darin liegt ein typischer Prozess immaterieller Kultur: Tradition lebt nicht durch starre Wiederholung, sondern durch fortlaufende Aktualisierung.

UNESCO - immaterielles Kulturerbe seit 2019

Im Jahr 2019 wurde die "Celestinian forgiveness celebration" in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen. Eingetragen wurde nicht die Basilika als Bauwerk, sondern der gesamte überlieferte Fest- und Ritualkomplex der Perdonanza Celestiniana.

Die UNESCO hebt besonders Versöhnung, soziale Kohäsion, Gastfreundschaft, generationenübergreifende Weitergabe und die breite Beteiligung der Bevölkerung hervor. Der Fuoco del Morrone, die Prozessionen, die symbolischen Hauptfiguren und die gemeinschaftliche Vorbereitung werden dabei als Teile eines lebendigen Kulturerbes verstanden. Für Collemaggio ist diese Unterscheidung wichtig: Die Basilika besitzt hohen kunsthistorischen Rang, der UNESCO-Eintrag betrifft jedoch ausdrücklich die immaterielle Tradition.

Die berühmte weiß-rosa Fassade

Die Fassade von Santa Maria di Collemaggio gehört zu den bekanntesten mittelalterlichen Architekturansichten der Abruzzen. Ihre Fläche ist mit einem geometrischen Wechsel aus hellem und rosafarbenem Stein überzogen. Drei Portale und drei Rosetten gliedern die breite Front, während das horizontale Abschlussprofil eine für L'Aquila typische Fassadentradition fortführt.

Die heutige Fassade ist nicht einfach mit dem ursprünglichen Bauzustand von 1287 gleichzusetzen. Sie entstand in mehreren Bauphasen des 14. und frühen 15. Jahrhunderts. Besonders das monumentale Mittelportal verbindet romanische Grundformen mit gotischen Einflüssen. Die farbige Steinordnung macht die Fassade zugleich zu einem starken Stadtsymbol, das weit über seine kunsthistorische Bedeutung hinausreicht.

Der Innenraum und seine Veränderungen

Der Innenraum ist als dreischiffige Basilika angelegt. Von der mittelalterlichen Bausubstanz haben sich wesentliche Pfeiler- und Arkadensysteme erhalten, doch zahlreiche Erdbeben und Restaurierungen veränderten das Erscheinungsbild. Besonders nach dem schweren Erdbeben von 1703 wurden Teile der Kirche erneuert und barock ausgestattet.

Zwischen 1969 und 1972 erfolgte unter Mario Moretti eine tiefgreifende Restaurierung, die große Teile der späteren barocken Ausstattung entfernte, um einen stärker mittelalterlich wirkenden Raumeindruck herzustellen. Diese Eingriffe werden heute kritischer beurteilt. Der gegenwärtige Innenraum ist daher nicht einfach ein unverändert erhaltenes mittelalterliches Ensemble, sondern das Ergebnis mehrerer Restaurierungsideale und Wiederherstellungsphasen.

Das Erdbeben von 1703

L'Aquila liegt in einer stark erdbebengefährdeten Region, und Collemaggio wurde im Laufe seiner Geschichte wiederholt beschädigt. Besonders schwer traf die Kirche das Erdbeben von 1703. Teile der Vierungs- und Chorzone mussten anschließend erneuert werden; im frühen 18. Jahrhundert entstand eine barocke Ausstattungsphase mit Stuck und Malerei.

Diese Veränderungen gehören zur Geschichte des Heiligtums und dürfen nicht nur als Verlust eines vermeintlich ursprünglichen Mittelalters betrachtet werden. Jede Wiederherstellung zeigt, wie die jeweilige Generation mit einem beschädigten heiligen Ort umging. Das Erdbeben wurde dadurch selbst zu einem Faktor der Bau- und Kultgeschichte.

Das Erdbeben vom 6. April 2009

Am 6. April 2009 wurde L'Aquila von einem verheerenden Erdbeben getroffen. Auch Santa Maria di Collemaggio erlitt schwere Schäden. Teile des Querhauses und der Vierungszone stürzten ein, Gewölbe brachen zusammen und bedeutende Bauteile wurden zerstört. Die berühmte Fassade blieb hingegen weitgehend erhalten.

Besondere Aufmerksamkeit galt den sterblichen Überresten Coelestins V. Das Reliquiar beziehungsweise der Bereich des Mausoleums wurde unter Trümmern eingeschlossen; die Reliquien konnten jedoch unversehrt geborgen werden. Dieses Ereignis wurde von vielen Gläubigen als Zeichen besonderer Bewahrung wahrgenommen und gehört inzwischen selbst zur jüngeren Erinnerungsgeschichte des Wallfahrtsortes.

Benedikt XVI. und das Pallium am Grab Coelestins

Nur wenige Wochen nach dem Erdbeben besuchte Papst Benedikt XVI. am 28. April 2009 L'Aquila. In der beschädigten Basilika betete er am Grab Coelestins V. und legte dort jenes Pallium nieder, das er beim Beginn seines eigenen Pontifikats getragen hatte. Das Zeichen päpstlicher Amtswürde blieb damit am Grab eines Papstes zurück, der gerade durch seinen Amtsverzicht berühmt geworden war.

Nach Benedikts eigenem Rücktritt im Jahr 2013 erhielt diese Geste rückblickend eine starke symbolische Aufladung. Sie wurde häufig als Vorzeichen oder bewusste Ankündigung seines späteren Schrittes interpretiert. Für eine historische Einordnung gibt es dafür jedoch keinen sicheren Beleg. Unabhängig von späteren Deutungen bleibt die Niederlegung des Palliums eine außergewöhnliche Begegnung zweier Papstbiographien am selben Grab.

Wiederaufbau und Wiedereröffnung 2017

Nach dem Erdbeben begann ein aufwendiges Sicherungs- und Restaurierungsprogramm. Ab 2013 arbeiteten Fachleute der zuständigen Denkmalbehörden gemeinsam mit der Universität L'Aquila, der Universität La Sapienza in Rom und dem Politecnico di Milano an der Wiederherstellung. Die Arbeiten verbanden historische Bauforschung mit modernen Methoden der Erdbebensicherung.

Im Dezember 2017 wurde die Basilika wieder der Öffentlichkeit und dem Gottesdienst übergeben. Die Restaurierung erhielt später einen European Heritage Award / Europa Nostra Award. Die Wiedereröffnung hatte für L'Aquila eine Bedeutung, die über die Reparatur eines Einzelbauwerks hinausging. Collemaggio wurde zu einem sichtbaren Zeichen des kulturellen Wiederaufbaus der durch das Erdbeben schwer verwundeten Stadt.

Papst Franziskus und die Porta Santa 2022

Am 28. August 2022 besuchte Papst Franziskus L'Aquila und leitete den Beginn der Perdonanza Celestiniana. Nach der Messe vor der Basilika vollzog er persönlich das Öffnungsritual der Porta Santa. Nach vatikanischen Angaben war er damit der erste Papst, der dieses jährliche Ritual selbst leitete.

Franziskus klopfte dreimal mit einem Olivenholzstab an die Pforte, zog anschließend in die Basilika ein und betete am Mausoleum Coelestins V. Die symbolische Kraft des Ereignisses lag gerade darin, dass ein amtierender Papst die von einem Papst des 13. Jahrhunderts begründete Ablasstradition persönlich erneuerte und am Grab des zurückgetretenen Coelestin betete.

Die Perdonanza als Versöhnungsritual

Der Begriff "Perdonanza" verweist unmittelbar auf Vergebung. Im Zentrum steht nicht nur die Erinnerung an ein historisches Papstdokument, sondern die religiöse Vorstellung, dass Schuld bekannt, vergeben und ein neuer Anfang möglich werden kann. Beichte und Eucharistie gehören deshalb ebenso zum Fest wie Prozession und Porta Santa.

Diese persönliche Dimension wird im öffentlichen Ritual auf die Gemeinschaft ausgeweitet. Frieden, Versöhnung, Gastfreundschaft und Solidarität gehören zur modernen Deutung der Perdonanza. Gerade deshalb eignet sich das Fest in besonderer Weise als gemeinsames Stadtritual: Individuelle Buße wird mit einer Vorstellung gesellschaftlicher Erneuerung verbunden.

Wallfahrt und Stadtidentität

Bei Collemaggio lässt sich die Grenze zwischen klassischer Wallfahrt und städtischer Erinnerungskultur kaum scharf ziehen. Pilger kommen wegen des Ablasses und des Heiligengrabes, zugleich nimmt die Bevölkerung L'Aquilas die Perdonanza als eigenes Fest wahr. Stadtverwaltung, Kirche, Vereine, Schulen und zahlreiche freiwillige Helfer tragen zur jährlichen Durchführung bei.

Der Heilige gehört dadurch in mehrfacher Weise zur Stadt. Pietro da Morrone gründete die Kirche, Coelestin V. wurde hier gekrönt, seine Bulle begründete den jährlichen Ablass, seine Reliquien kehrten 1327 nach L'Aquila zurück und seine Grabstätte blieb selbst nach Erdbeben ein zentraler Erinnerungsort. Die Geschichte des Heiligen und die Geschichte der Stadt wurden dadurch immer enger miteinander verschränkt.

Reliquienverehrung und Ostension

Die sterblichen Überreste Coelestins V. sind seit dem Mittelalter ein wesentliches Kultzentrum der Basilika. Historische Quellen dokumentieren wiederholte öffentliche Ostensionen der Reliquien, besonders im Zusammenhang mit Festtagen und der Perdonanza. Dadurch wird der Heilige nicht nur über sein Grabmonument erinnert, sondern in der materiellen Gegenwart seiner Reliquien verehrt.

Reliquienkult und Ablasswallfahrt verstärken sich gegenseitig. Der Pilger besucht einen Ort, an dem ein päpstlicher Ablass gewährt wurde, und begegnet zugleich den sterblichen Überresten des Papstes, der diesen Ablass gestiftet hat. Diese ungewöhnliche Verdichtung erklärt einen großen Teil der religiösen Kraft Collemaggios.

Die marianische Ebene

Santa Maria di Collemaggio trägt Maria bereits im Namen. Die spätere Gründungstradition verbindet den Bau mit einer Erscheinung der Gottesmutter an Pietro da Morrone. Dennoch ist Collemaggio keine klassische Marienwallfahrt um ein einzelnes Gnadenbild. Die heutige überregionale Pilgerfunktion wird vor allem durch Coelestin V., sein Grab und die Perdonanza bestimmt.

Die Marienverehrung bildet vielmehr die ältere sakrale Grundierung des Ortes. Sie erklärt die Widmung der Kirche und gehört zur Spiritualität der Celestiner. Für die Einordnung des Wallfahrtsortes ist diese Differenzierung wichtig: Maria bleibt Patronin der Basilika, doch das eigentliche Wallfahrtszentrum ist celestinisch.

Collemaggio und die Celestiner

Die von Pietro da Morrone geprägte Gemeinschaft entwickelte sich zu einer benediktinischen Kongregation, die später nach ihrem berühmtesten Mitglied als Celestiner bezeichnet wurde. Ihr Einfluss reichte weit über die Abruzzen hinaus. Collemaggio gehörte zu den wichtigsten Erinnerungsorten dieser monastischen Bewegung, auch wenn Pietros eremitische Hauptlandschaft am Morrone und in der Majella lag.

Die spätere Aufhebung der Kongregation veränderte die institutionelle Situation, doch die Erinnerung an ihre Ursprünge blieb bestehen. In Collemaggio begegnen sich daher Ordensgeschichte und Papstgeschichte: Der asketische Gründer einer Mönchsgemeinschaft ist zugleich jener Papst, dessen kurzes Pontifikat zu den bekanntesten des Mittelalters gehört.

Der Kult eines Papstes, der zurücktrat

Die Verehrung Coelestins V. unterscheidet sich von vielen Papstkulten. Seine historische Berühmtheit beruht nicht auf einem langen Pontifikat, politischen Erfolgen oder großen kirchlichen Reformen, sondern gerade auf der Spannung zwischen Eremitentum und Papstamt sowie auf dem freiwilligen Verzicht auf höchste Macht.

Diese Spannung wurde in verschiedenen Epochen unterschiedlich bewertet. Mittelalterliche Kritiker konnten den Rücktritt als Schwäche ansehen; spätere Verehrer betonten Demut, Gewissensfreiheit und den Vorrang geistlicher Verantwortung vor institutioneller Macht. Nach dem Rücktritt Benedikts XVI. gewann Coelestin V. erneut starke Aktualität. Collemaggio wurde dadurch auch zu einem Ort des Nachdenkens über Amt, Rückzug und persönliche Gewissensentscheidung.

Die Perdonanza als lebendiges Kulturerbe

Die lange Dauer der Perdonanza bedeutet nicht, dass alle ihre heutigen Formen aus dem Jahr 1294 stammen. Die Porta-Santa-Praxis, der historisierende Corteo, die heutige Figurenordnung und die moderne Organisation entwickelten sich in unterschiedlichen Jahrhunderten. Gerade diese Schichtung macht das Fest kulturgeschichtlich wertvoll.

Die Tradition bewahrt einen festen Kern und verändert gleichzeitig ihre Ausdrucksformen. Der Kern besteht in der Bolla del Perdono, dem jährlichen Termin, Collemaggio und der Idee der Vergebung. Um diesen Kern entstanden immer neue Rituale, Bilder, Kostüme, Prozessionsformen und öffentliche Deutungen. Die Perdonanza zeigt damit anschaulich, wie immaterielles Kulturerbe über Jahrhunderte weitergegeben wird, ohne unverändert zu bleiben.

Volkskundliche Bedeutung

Für die Volkskunde ist Santa Maria di Collemaggio außergewöhnlich ergiebig, weil sich hier religiöse Praxis, Stadtgeschichte, Dokumentenkult, Prozession, Heiligenverehrung und Landschaft miteinander verbinden. Eine päpstliche Bulle wird zum kommunalen Schatz; ein historisches Schriftstück wird jährlich aus seiner Verwahrung geholt und durch die Stadt getragen; eine Pforte wird durch rituelles Klopfen geöffnet; Pilger überschreiten die Schwelle als Zeichen innerer Erneuerung; ein Feuer wandert aus der eremitischen Landschaft Pietro da Morrones nach L'Aquila.

Hinzu kommen das Grab eines heiligen Papstes, Reliquienostensionen, historische Kostüme, Fahnen, Trommeln, öffentliche Festformen und die immer neue Beteiligung jüngerer Generationen. Selbst Katastrophen werden Teil der Überlieferung: Das Erdbeben von 2009, die Bergung der Reliquien und die Wiedereröffnung von 2017 sind bereits Bestandteile des kollektiven Gedächtnisses des Ortes.

Collemaggio zeigt besonders deutlich, dass Wallfahrt nicht nur Bewegung zu einem heiligen Ziel ist. Hier ist Wallfahrt zugleich Bewegung eines Dokuments durch die Stadt, eines Feuers durch die Landschaft, eines Festzuges durch Straßen und eines Pilgers durch eine Pforte. Raum, Schrift, Körper und Erinnerung werden jedes Jahr neu miteinander verbunden. Dadurch gehört die Perdonanza Celestiniana zu den eindrucksvollsten Beispielen lebendiger religiöser Kultur in Italien.

Quellen und Literatur

- Coelestin V.: Inter sanctorum solemnia, 29. September 1294, die sogenannte Bolla del Perdono. Grundlegende Quelle der jährlichen Ablasstradition von Santa Maria di Collemaggio.

- Alessandro Clementi: Übersetzung und Kommentar zur Bolla del Perdono, in: La Perdonanza Celestiniana a L'Aquila. L'Aquila 1983.

- Peter Herde: Celestino V (Pietro del Morrone) 1294. Il papa angelico, hrsg. von Quirino Salomone, italienische Übersetzung von Anna Maria Vinci. L'Aquila 2004.

- Orlando Antonini: Santa Maria di Collemaggio, in: Chiese dell'Aquila. Architettura religiosa e struttura urbana. Pescara 2004, S. 162-186.

- Enzo Centofanti, Luigi Lombardo: La Basilica di Collemaggio. L'Aquila 2005.

- Ferdinando Bologna: La Perdonanza nelle arti figurative e la Porta Santa del 1397 a Collemaggio, in: La Perdonanza Celestiniana a L'Aquila. L'Aquila 1983, S. 43-63.

- Indulgenza nel Medioevo e Perdonanza di Papa Celestino. Atti del Convegno storico internazionale, L'Aquila, 5.-6. Oktober 1984. L'Aquila 1987.

- I Celestini in Abruzzo. Figure, luoghi, influssi religiosi, culturali e sociali. Atti del Convegno, L'Aquila, 19.-20. Mai 1995. L'Aquila 1996.

- Archivio di Stato dell'Aquila: Archivalien und Dokumentationen zur Bolla del Perdono, zur kommunalen Verwahrung, zur Perdonanza und zu den historischen Festformen.

- Ministero della Cultura: bau- und restaurierungsgeschichtliche Dokumentationen zur Basilica di Santa Maria di Collemaggio, insbesondere zu den Erdbebenschäden von 2009 und zur Wiederherstellung bis 2017.

- UNESCO: Celestinian forgiveness celebration, Eintragung 2019 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

- Heiliger Stuhl: Dokumentationen zu den Besuchen Benedikts XVI. am 28. April 2009 und Papst Franziskus am 28. August 2022 sowie zur Öffnung der Porta Santa.

- Comitato Perdonanza Celestiniana und Comune dell'Aquila: Dokumentationen zum religiösen und städtischen Ablauf der Perdonanza, zum Corteo della Bolla und zum Fuoco del Morrone.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher