Thierenbach, Église Sainte-Marie-Auxiliatrice – Basilique Notre-Dame de Thierenbach

Schnellüberblick
Wallfahrt:Marienwallfahrt zu Notre-Dame de Thierenbach, verbunden mit Heilungs-, Schutz- und Dankwallfahrt sowie einer außergewöhnlich reichen Votivtradition.
Status:Bedeutender historischer und bis heute stark besuchter Marienwallfahrtsort des Oberelsass.
Kultzentrum:Église Sainte-Marie-Auxiliatrice, als Wallfahrtskirche Basilique Notre-Dame de Thierenbach, mit verehrtem Marienbild und umfangreichem Ex-voto-Bestand.
Ort:Thierenbach / Jungholtz.
Bezirk/Region:Département Haut-Rhin / Elsass.
Bundesland:Grand Est.
Lage und Besuch
Adresse: Basilique Notre-Dame de Thierenbach, 68500 Jungholtz, Frankreich.
Lage: am Fuß der Vogesen oberhalb von Jungholtz und Soultz, in einer alten oberelsässischen Wallfahrtslandschaft mit dem nahe gelegenen Erinnerungsort Sainte-Anne.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Frankreich
Ansicht in Street View
Web: Sanctuaire Notre-Dame de Thierenbach
Öffnungszeiten: Die Basilika ist grundsätzlich regelmäßig für Gebet, Gottesdienst und Besuch zugänglich. Für Beichte, Pilgergruppen, Prozessionen und besondere Feiern gelten eigene Programme. Vor einer gezielten Reise empfiehlt sich die Kontrolle der aktuellen Angaben des Heiligtums.
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Besonders gesucht werden Fotos des verehrten Marienbildes, der Ex-voto-Wände und einzelner datierter Votivbilder, von Kriegs-, Krankheits- und Heimkehrvotiven, Brautkronen und Metallherzen, Prozessionen, Hochaltar und barockem Innenraum, des Zwiebelturms sowie des älteren Wallfahrtsortes Sainte-Anne im Wald.

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Ausführliche Beschreibung

Die Basilique Notre-Dame de Thierenbach bei Jungholtz, deren Kirche Sainte-Marie-Auxiliatrice heißt, gehört zu den bedeutenden historischen Marienwallfahrtsorten des Oberelsass. In Karten und amtlichen Verzeichnissen kann daher die Bezeichnung Église Sainte-Marie-Auxiliatrice erscheinen; sie bezeichnet keine zweite Kirche, sondern dieselbe Wallfahrtskirche, die unter dem Namen Basilique Notre-Dame de Thierenbach weithin bekannt ist. Ihre besondere volkskundliche Bedeutung liegt weniger in einer einzelnen spektakulären Gründungslegende als in der ungewöhnlich dichten materiellen Überlieferung der Wallfahrt. Nach Angaben des Bistums Straßburg sind im Heiligtum rund 850 Ex-votos erhalten: gemalte Votivtafeln, Bilder und Reproduktionen, Holz- und Marmorplatten, Brautkronen und Metallherzen. Diese Gegenstände machen Thierenbach zu einem materiellen Archiv von Krankheit und Heilung, Gefahr und Rettung, Krieg und Heimkehr, Ehe, Familie und persönlichem Dank. Über Generationen haben Pilger ihre Erfahrungen nicht nur in Gebeten formuliert, sondern in Gegenständen und Bildern dauerhaft im Kirchenraum hinterlassen.

Der Wallfahrtsort ist zugleich eng mit dem ehemaligen cluniazensischen Priorat verbunden. Die französische Denkmalpflege führt die Gründung des Priorats um 1130 an einem bereits bestehenden Marienwallfahrtsort an und nennt Peter den Ehrwürdigen, Abt von Cluny, als Schutz- und Bezugsperson der Gründung. Cluniazenser prägten Thierenbach über Jahrhunderte. Die mittelalterliche Anlage erlitt in Kriegen und Krisen schwere Schäden; die heutige Kirche entstand im frühen 18. Jahrhundert. Von 1717 bis 1723 wurde sie neu erbaut, wobei der bedeutende Barockarchitekt Peter Thumb 1719 die Planung überarbeitete und die Ausführung begleitete. Der heutige Bau verbindet daher eine viel ältere Wallfahrtstradition mit einer barocken Architektur, deren Formensprache deutlich in den süddeutsch-oberrheinischen Kulturraum weist.

Ursprung, Marienverehrung und historische Entwicklung

Die frühen Ursprünge der Wallfahrt sind von Legenden überlagert. Nach einer lokalen Gründungserzählung sollen Kinder in einem Bach ein zunächst unbekanntes Objekt gefunden haben, das sich als Marienbild erwies. Das Bild sei an einem Baum befestigt und später von einem Einsiedler an einen geschützten Gebetsort gebracht worden. Eine weitere Überlieferung verbindet die Entstehung der Wallfahrt mit einem jungen Adeligen aus der Umgebung von Soultz, der schwer erkrankt gewesen sei und nach Gebet zur Madonna Heilung erfahren habe. Solche Erzählungen sind nicht als zeitgenössisch gesicherte Berichte zu lesen; sie zeigen vielmehr, wie der Wallfahrtsort seine Entstehung im Rückblick religiös erklärte. Historisch deutlich besser greifbar ist die Tatsache, dass im frühen 12. Jahrhundert ein cluniazensisches Priorat an einem bereits mit Marienverehrung verbundenen Ort entstand.

Das Priorat wurde im Dreißigjährigen Krieg schwer getroffen. Der Wiederaufbau setzte am Ende des 17. Jahrhunderts ein; die heutige Kirche wurde im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts errichtet. Die französische Denkmalinventarisierung nennt die Bauphasen 1719 und 1723 sowie Peter Thumb als maßgeblichen Architekten. Spätere Veränderungen prägten den Innenraum weiter. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kamen unter anderem Malereien von Martin Feuerstein hinzu. Der weithin sichtbare neobarocke Zwiebelturm wurde 1932 errichtet. Thierenbach ist deshalb kein unverändert mittelalterliches Heiligtum, sondern eine über Jahrhunderte gewachsene Wallfahrtskirche, deren Architektur immer wieder auf neue liturgische und pastorale Bedürfnisse reagierte.

Die Französische Revolution führte zur Aufhebung des Priorats. Anders als viele andere Ordensanlagen verschwand die Wallfahrt jedoch nicht. Die Kirche blieb erhalten und konnte weiterhin als religiöser Bezugspunkt der umliegenden Bevölkerung dienen. Als Jungholtz im 19. Jahrhundert kirchlich verselbständigt wurde, erhielt die ehemalige Priorats- und Wallfahrtskirche die Funktion einer Pfarrkirche unter dem Patrozinium Sainte-Marie-Auxiliatrice. Diese Bezeichnung besteht neben dem traditionellen Wallfahrtsnamen Notre-Dame de Thierenbach und erklärt, weshalb die Kirche in Kartenwerken und amtlichen Verzeichnissen als Église Sainte-Marie-Auxiliatrice erscheinen kann. Es handelt sich dabei nicht um ein zweites Gotteshaus, sondern um dieselbe Kirche. Im 20. Jahrhundert erhielt das Heiligtum den Rang einer Basilica minor; seither ist die Bezeichnung Basilique Notre-Dame de Thierenbach besonders geläufig. Auch heute führt das Bistum Straßburg Notre-Dame de Thierenbach ausdrücklich als Wallfahrtsort; aktuelle Pfarrprogramme dokumentieren weiterhin organisierte Pilgerfahrten mit Empfang durch den Rektor und Messfeiern am Heiligtum.

Die Ex-votos als Kernbestand der Wallfahrtskultur

Der außergewöhnliche Ex-voto-Bestand verdient in Thierenbach besondere Aufmerksamkeit. Das Bistum Straßburg nennt rund 850 Votivgaben unterschiedlicher Art. Diese Zahl umfasst nicht nur klassische bemalte Tafeln, sondern ein breites Spektrum materieller Dankzeichen: Bilder und Reproduktionen, Holz- und Marmortafeln, Brautkronen und Metallherzen. Bereits diese Vielfalt zeigt, dass Votivpraxis nicht auf eine einzige soziale Gruppe oder ein einziges Anliegen beschränkt war. Menschen konnten für Heilung danken, für Schutz in einer Gefahr, für eine glückliche Heimkehr, für familiäre Ereignisse oder für die Erfüllung persönlicher Bitten.

Für die Volkskunde sind gemalte Votivbilder besonders wertvoll, weil sie individuelle Erfahrung in eine öffentlich lesbare Bildform übersetzen. Häufig lässt sich die Grundstruktur eines Votums erkennen: Unten erscheint die gefährdete Person, die Krankheit, der Unfall, das Bett, das Haus, der Kriegsschauplatz oder eine andere konkrete Situation; darüber beziehungsweise seitlich wird Maria oder das Gnadenbild als himmlische Schutzinstanz dargestellt. Textfelder, Datierungen, Initialen oder kurze Dankformeln können den Anlass benennen. Das Votivbild ist damit weder bloß Kunstwerk noch bloß privates Erinnerungsstück. Es ist Zeugnis eines Gelübdes und zugleich öffentliche Mitteilung: Der Stifter erklärt, dass er eine erfahrene Rettung oder Verbesserung als religiös bedeutsam deutet.

Diese Funktion macht die Votivtafeln zu Quellen einer Geschichte, die in offiziellen Archiven oft kaum sichtbar wird. Sie dokumentieren Krankheiten, Unfälle, Ängste, Geburten, familiäre Krisen, Kriegsgefahr und gesellschaftliche Veränderungen aus der Perspektive gewöhnlicher Menschen. Gerade weil die Bilder häufig von Laien oder lokalen Malern geschaffen wurden, bewahren sie eine eigene Bildsprache populärer Religiosität. Perspektive, Größenverhältnisse und naturalistische Genauigkeit sind dabei weniger wichtig als die verständliche Darstellung von Notlage, angerufener Schutzmacht und Dank.

Die wissenschaftliche Bedeutung dieses Bestandes wurde früh erkannt. Geneviève Herberich-Marx und Freddy Raphaël widmeten den Ex-votos von Notre-Dame de Thierenbach bereits 1980 eine umfangreiche sozialwissenschaftliche Untersuchung. Ihre spätere Studie von 1982 über die Gebets- und Anliegenbücher des Heiligtums knüpfte daran an und untersuchte schriftlich hinterlassene Bitt- und Dankgebete als weitere Form populärer Religiosität. Damit lässt sich Thierenbach besonders gut als Ort untersuchen, an dem unterschiedliche Medien derselben religiösen Grundbewegung nebeneinanderstehen: gemaltes Votivbild, materieller Gegenstand und schriftliche Bitte.

Das Votivbild des Ignace Ditterle von 1680

Zu den ältesten und bekanntesten erhaltenen Votivbildern gehört eine Tafel von 1680, die Ignace Ditterle aus Soultz betrifft. Die Heiligtumsdokumentation beschreibt ihn als Mann, der an schwerer geistiger Erkrankung beziehungsweise einem Zustand litt, der in der damaligen Sprache als "folie" bezeichnet wurde, und die Jungfrau von Thierenbach um Heilung anrief. Das Bild zeigt neben Ditterle auch den hl. Franz von Assisi und den hl. Odilo; außerdem sind die Stadt Soultz, das Kapuzinerkloster, das Priorat von Thierenbach und die Einsiedelei Sainte-Anne in die Darstellung aufgenommen. Damit dokumentiert die Tafel zugleich eine religiöse Landschaft der Region.

Gerade bei diesem Bild ist eine quellenkritische Einordnung wichtig. Das Votivbild konzentriert die Genesung naturgemäß auf den verehrten Wallfahrtsort. Andere historische Zeugnisse zeigen jedoch, dass Ditterles religiöser und gesundheitlicher Weg komplexer war und mehrere Wallfahrtsstationen einbezog. Ein Votivbild ist deshalb nicht als medizinisches Protokoll oder vollständige Biographie zu lesen. Seine Aussage besteht darin, dass der Stifter oder sein Umfeld die Genesung rückblickend in einen religiösen Zusammenhang stellte und Notre-Dame de Thierenbach einen entscheidenden Anteil zuschrieb.

Gerade dadurch ist das Bild wissenschaftlich besonders aufschlussreich. Es zeigt, wie Heilung erzählerisch und bildlich geordnet wird. Ein längerer, vielleicht widersprüchlicher Krankheitsverlauf erhält im Votum eine klare Struktur: Not, Anrufung, Hilfe, Dank. Diese Reduktion ist keine "Fälschung", sondern Teil der Gattung. Votivbilder verwandeln komplexe Erfahrung in eine verständliche religiöse Aussage und machen sie öffentlich anschlussfähig.

Krankheit, Heilung und die Darstellung des Körpers

Viele Votivgaben an Marienwallfahrtsorten beziehen sich auf körperliche Krankheit, und Thierenbach bildet hier keine Ausnahme. Für eine volkskundliche Analyse ist weniger entscheidend, ob sich eine behauptete Heilung medizinisch rekonstruieren lässt, sondern wie Krankheit wahrgenommen, dargestellt und religiös gedeutet wurde. Votivbilder können Bettlägerigkeit, verletzte Gliedmaßen, Unfallorte oder den Zustand eines Kranken zeigen. Metallherzen und andere symbolische Formen verdichten Anliegen noch stärker und verzichten auf eine erzählerische Szene.

Die unterschiedliche Materialität der Ex-votos verweist zugleich auf soziale Unterschiede und verschiedene Formen des Dankes. Eine bemalte Tafel erforderte andere Mittel und Kontakte als ein kleines Metallherz oder eine einfache beschriftete Platte. Die Wallfahrtskirche sammelt damit nicht nur religiöse Geschichten, sondern auch Spuren sozialer Möglichkeiten. Dennoch stehen die Gaben im Kultzusammenhang grundsätzlich nebeneinander: Das kleine Herz eines unbekannten Pilgers und das aufwendige Gemälde beanspruchen beide Raum in derselben Dankordnung.

Brautkronen, Metallherzen und familiäre Lebenswelten

Besonders bemerkenswert ist, dass das Bistum unter den Thierenbacher Ex-votos ausdrücklich Brautkronen nennt. Solche Objekte führen aus der engeren Heilungswallfahrt hinaus in den Bereich von Ehe, Lebensübergängen und familiärer Frömmigkeit. Eine Brautkrone kann Erinnerung, Dank oder Bitte im Zusammenhang mit Eheschließung und Familienleben ausdrücken. Im Heiligtum wird ein ursprünglich biographisch einmaliger Gegenstand aus dem privaten beziehungsweise festlichen Kontext herausgelöst und dauerhaft in die öffentliche religiöse Erinnerung überführt.

Auch Metallherzen gehören zu einer europaweit verbreiteten Votivkultur. Das Herz kann für den Körper, für Krankheit, Liebe, Sorge oder die gesamte Person stehen. Gerade die Reduktion auf ein einfaches Symbol macht solche Objekte flexibel einsetzbar. Ohne ausführlichen Text bleibt der konkrete Anlass häufig unbekannt, doch die Gabe selbst dokumentiert die Handlung des Dankens oder Bittens. Für die Forschung entsteht daraus zugleich ein methodisches Problem: Nicht jedes Ex-voto lässt sich biographisch entschlüsseln. Manche Gegenstände bewahren nur noch die Tatsache einer religiösen Beziehung, nicht mehr deren vollständige Geschichte.

Krieg, Gefangenschaft und Heimkehr

Ein besonders wichtiger Teil der Thierenbacher Votivüberlieferung betrifft Kriegserfahrungen. Die Lage des Heiligtums im Oberelsass brachte es im 20. Jahrhundert unmittelbar in die Nähe großer militärischer Konflikte. Während des Ersten Weltkriegs lag Thierenbach nahe den Frontabschnitten am Hartmannswillerkopf und am Sudel. Das Heiligtum wurde wiederholt beschossen; besonders schwere Phasen nennt die eigene Chronik für Dezember 1915, Januar 1916 und März 1918. Die Bevölkerung musste zeitweise evakuiert werden. Die Marienstatue wurde zunächst nach Niederentzen und später nach Eichhoffen gebracht und kehrte nach Kriegsende 1919 zurück.

Kriegs- und Heimkehrvotive sind für das Elsass besonders aussagekräftig, weil die Region im 20. Jahrhundert mehrfach zwischen deutscher und französischer staatlicher Zugehörigkeit stand. Votivbilder und Danktafeln können dadurch Erfahrungen dokumentieren, die politisch hoch aufgeladen waren: Einberufung, Frontdienst, Bombardierung, Gefangenschaft, Vermisstenangst und Heimkehr. Gerade für die Zeit des Zweiten Weltkriegs gehört dazu auch die Erfahrung der zwangsweise in die deutsche Wehrmacht eingezogenen Elsässer, der sogenannten "Malgré-nous". Solche Votive sind keine neutralen militärhistorischen Quellen, aber sie bewahren individuelle Perspektiven auf Gefahr, Überleben und Rückkehr.

Volkskundlich ist besonders interessant, dass der Krieg die klassische Votivstruktur nicht aufhebt, sondern verändert. An die Stelle von Krankheit oder Unfall treten Front, Gefangenenlager und Bombardierung. Der Pilger deutet politische und militärische Gewalt in derselben religiösen Form, in der frühere Generationen Krankheit oder Reisegefahr deuteten: Bitte um Schutz, Gelübde, Rückkehr, Dank. Das Heiligtum wird dadurch zum Speicher einer regionalen Erinnerung, die weit über rein kirchliche Geschichte hinausreicht.

Das Gemeindegelübde und die kollektive Dimension des Votums

Votivpraxis muss nicht auf Einzelpersonen beschränkt bleiben. Während des Ersten Weltkriegs legte die Gemeinde Jungholtz ein kollektives Gelübde ab. In der Wallfahrtsüberlieferung wird für 1915 berichtet, dass sich die Gemeinde in der Kriegsgefahr unter den Schutz der Madonna stellte und eine jährliche Prozession nach Thierenbach versprach. Diese Tradition zeigt die klassische Logik des Votums auf kommunaler Ebene: Nicht ein Einzelner, sondern eine ganze Gemeinschaft formuliert eine Bitte und verpflichtet sich für den Fall des erhofften Schutzes zu einer wiederkehrenden religiösen Handlung.

Solche jährlichen Dankprozessionen besitzen eine andere Zeitstruktur als ein einmal gestiftetes Bild. Während die Tafel dauerhaft an der Wand hängt, muss die Prozession jedes Jahr neu vollzogen werden. Die Erinnerung wird dadurch nicht nur materiell konserviert, sondern körperlich wiederholt. Eine Generation kann ein Gelübde übernehmen, das aus der Erfahrung einer früheren Generation stammt. Gerade darin liegt die besondere Kraft kollektiver Wallfahrtsbräuche.

Die Basilika als öffentliches Votivarchiv

Die große Zahl von Votivgaben verändert den Kirchenraum selbst. Wo Hunderte Tafeln, Bilder und Objekte sichtbar angebracht sind, wird das Heiligtum zu einem öffentlichen Archiv. Im Gegensatz zu einem staatlichen Archiv ordnen sich die Zeugnisse allerdings nicht primär nach Datum, Person oder Verwaltungsakt, sondern nach religiöser Nähe zum Kultzentrum. Ihre Präsenz ist Teil der Wirkung des Wallfahrtsortes: Der Pilger sieht die Dankgaben früherer Besucher und erfährt dadurch, dass bereits viele andere Menschen in Not hierher gekommen sind.

Ex-votos besitzen deshalb eine doppelte Funktion. Sie blicken rückwärts, weil sie an ein vergangenes Ereignis erinnern; zugleich wirken sie nach vorne, weil sie neue Pilger zur Hoffnung ermutigen können. Ein Votivbild sagt nicht nur "mir wurde geholfen", sondern implizit auch "hier kann Hilfe gesucht werden". Auf diese Weise tragen die Gaben selbst zur Fortsetzung der Wallfahrt bei. Der Kirchenraum wird durch die Zeugnisse früherer Pilger gewissermaßen zum Argument für die Wirksamkeit des Heiligtums.

Für die wissenschaftliche Auswertung ist dennoch Vorsicht nötig. Votivgaben dokumentieren nicht objektiv, dass eine übernatürliche Heilung stattgefunden hat. Sie dokumentieren, dass Stifter ein Ereignis als Gebetserhörung, Schutz oder Gnade interpretierten. Gerade diese subjektive Deutung ist volkskundlich bedeutsam. Sie erlaubt Einblicke in Frömmigkeit, Krankheitserfahrung, Angst, familiäre Beziehungen und soziale Erinnerung, die andere Quellengattungen häufig nicht bieten.

Gebetsbücher als immaterielle Ergänzung der Votivsammlung

Herberich-Marx und Raphaël erweiterten ihre Untersuchung der gemalten Ex-votos später auf Gebets- und Anliegenbücher, die Pilgern im hinteren Bereich der Kirche zur Verfügung standen. Diese schriftlichen Einträge sind gewissermaßen flüchtigere Geschwister der Votivbilder. Auch sie enthalten Bitte, Angst, Dank und Hoffnung, benötigen aber keinen Maler und keinen materiell aufwendigen Gegenstand. Dadurch konnten wesentlich mehr Menschen ihre Anliegen schriftlich im Heiligtum hinterlassen.

Die Forschung verglich diese unterschiedlichen Formen populärer Religiosität ausdrücklich miteinander. Ex-voto und Gebetseintrag folgen ähnlichen Grundbewegungen, unterscheiden sich aber in Öffentlichkeit und Dauer. Das gemalte Votivbild wird sichtbar ausgestellt und kann Generationen überdauern; der Eintrag in einem Gebetsbuch ist persönlicher, sprachlich unmittelbarer und zugleich stärker von der späteren Aufbewahrung des Buches abhängig. Zusammen erschließen beide Quellengattungen eine breite soziale Geschichte des Wallfahrens.

Barocke Wallfahrtsarchitektur und regionale Kulturlandschaft

Die heutige Basilika bildet für diese Votivkultur einen auffallenden architektonischen Rahmen. Der Neubau des frühen 18. Jahrhunderts trägt deutliche Züge des süddeutsch-oberrheinischen Barock. Peter Thumb, der zu den bedeutenden Kirchenarchitekten des südwestdeutschen Raumes zählt, prägte die Planung maßgeblich. Der Innenraum und die spätere Ausstattung verbinden den Marienkult mit einer festlichen Architektur, die im Elsass kulturelle Grenzräume sichtbar macht. Die heutige Erscheinung wurde durch Restaurierungen und Ergänzungen weiter verändert; besonders der Zwiebelturm von 1932 verstärkt den oberrheinisch-süddeutschen Charakter.

Oberhalb des Priorats liegt mit Sainte-Anne ein weiterer älterer religiöser Ort im Wald. Das Bistum Straßburg erwähnt dort eine Kapelle und eine frühere Einsiedelei. Damit gehört auch Thierenbach zu jenen Wallfahrtsorten, deren religiöse Geographie über das Kirchengebäude hinausreicht. Basilika, ehemaliges Priorat, Waldwege und Sainte-Anne bilden eine kleine Sakrallandschaft, in der sich organisierte Marienwallfahrt und ältere Formen der Einsiedler- und Kapellenfrömmigkeit berühren.

Wallfahrt heute

Notre-Dame de Thierenbach ist bis heute ein lebendiger Wallfahrtsort. Das Bistum Straßburg führt das Heiligtum unter seinen wichtigen Pilgerorten, und aktuelle Pfarrprogramme dokumentieren weiterhin organisierte Fahrten, Messfeiern und geistliche Begegnungen. Die große historische Votivsammlung ist deshalb kein abgeschlossenes Museum, sondern Bestandteil eines weiterhin religiös genutzten Raumes.

Für eine volkskundliche und kulturhistorische Dokumentation besitzt Thierenbach einen außergewöhnlichen Rang. Kaum ein anderer Wallfahrtsort des Oberelsass bewahrt in vergleichbarer Dichte materielle Zeugnisse individueller und kollektiver Dankpraxis. Die Votivbilder und Gegenstände zeigen, wie Menschen Krankheit, Krieg, Unfall, Ehe, Familie und Heimkehr religiös deuteten. Sie machen sichtbar, dass Wallfahrt nicht nur aus großen Prozessionen und bekannten Heiligenlegenden besteht, sondern vor allem aus unzähligen persönlichen Geschichten, von denen manche lediglich durch ein gemaltes Bild, ein Metallherz, eine Krone oder eine kleine Tafel überliefert sind.

Literatur und Quellen

- Geneviève Herberich-Marx / Freddy Raphaël: Les ex-voto de Notre-Dame de Thierenbach. Revue des Sciences Sociales de la France de l'Est, Nr. 9, 1980, S. 76–126.

- Geneviève Herberich-Marx / Freddy Raphaël: Messages et prières des pèlerins de Thierenbach. Étude sociologique concernant un aspect de la religion populaire. Revue des Sciences Sociales de la France de l'Est, Nr. 11, 1982, S. 3–46.

- Freddy Raphaël: Pèlerinage et démarche votive. In: Images votives de pèlerinage. Thierenbach et Oberhaslach. Ausstellungskatalog Musée Alsacien, Strasbourg 1981/1982, S. 7–10.

- Ministère de la Culture, Base Mérimée: ehemalige Priorats- und Wallfahrtskirche Notre-Dame de Thierenbach, Bau- und Ausstattungsgeschichte.

- Diocèse de Strasbourg: Dokumentationen zu Notre-Dame de Thierenbach und zum Bestand von rund 850 Ex-votos.

- Sanctuaire Notre-Dame de Thierenbach: Dokumentationen zur Geschichte des Heiligtums, zum Votivbild des Ignace Ditterle, zu den Kriegsereignissen und zur heutigen Wallfahrt.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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