Saintes-Maries-de-la-Mer, Notre-Dame-de-la-Mer und die Wallfahrt zur hl. Sara

Schnellüberblick
Wallfahrt:Reliquienwallfahrt zu Marie Jacobé und Marie Salomé sowie internationale Wallfahrt zur hl. Sara mit Prozession zum Meer.
Status:Bedeutender historischer und bis heute lebendiger Wallfahrtsort; die Maiwallfahrt zur hl. Sara besitzt besondere Bedeutung für Roma, Gitans und andere Gruppen der französischen "Gens du Voyage".
Kultzentrum:Église Notre-Dame-de-la-Mer mit den Reliquienschreinen von Marie Jacobé und Marie Salomé sowie der Krypta mit der Statue der hl. Sara.
Ort:Saintes-Maries-de-la-Mer.
Bezirk/Region:Département Bouches-du-Rhône / Provence-Alpes-Côte d’Azur.
Bundesland:Provence-Alpes-Côte d’Azur.
Lage und Besuch
Adresse: Église Notre-Dame-de-la-Mer, Place de l’Église, 13460 Saintes-Maries-de-la-Mer, Frankreich.
Lage: im historischen Zentrum von Saintes-Maries-de-la-Mer in der Camargue, wenige Gehminuten vom Mittelmeer entfernt.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Frankreich
Ansicht in Street View
Web: Sanctuaire des Saintes-Maries-de-la-Mer
Öffnungszeiten: Kirche und Krypta sind grundsätzlich regelmäßig zugänglich. An den großen Wallfahrtstagen im Mai, Oktober und Dezember gelten besondere liturgische Programme, Prozessionswege und Zugangssituationen. Vor einer gezielten Reise empfiehlt sich die Kontrolle der aktuellen Angaben des Heiligtums.
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Besonders gesucht werden Fotos der hl. Sara in der Krypta und ihrer Gewänder, der Descente des Châsses und der Reliquienschreine, der Barke der Saintes Maries, der Prozession Saras zum Meer, von Gardians zu Pferd, der Confrérie, von Kerzen und Votivgaben, Pilgergruppen sowie der befestigten Kirche außen und innen.

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Ausführliche Beschreibung

Saintes-Maries-de-la-Mer gehört zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten der südfranzösischen Mittelmeerküste und ist zugleich einer der volkskundlich komplexesten Pilgerorte Frankreichs. In der befestigten Kirche Notre-Dame-de-la-Mer werden die Reliquien von Marie Jacobé und Marie Salomé verehrt; in der dunklen Krypta unter dem Chor steht die Statue der hl. Sara, die insbesondere für Roma, Gitans und andere Gruppen der französischen "Gens du Voyage" zu einer herausragenden Schutzfigur geworden ist. Die große Maiwallfahrt verbindet Reliquienkult, Kryptenfrömmigkeit, Prozession, Meer, Pferde, regionale Camargue-Traditionen und eine transnationale Pilgerbewegung. Gerade weil diese Elemente heute wie ein uraltes geschlossenes Ritual erscheinen, ist eine quellenkritische historische Schichtung notwendig: Die Wallfahrt zu den beiden heiligen Marien ist mittelalterlich belegt, die intensive Beteiligung von Roma und verwandten Gruppen wird dagegen erst im 19. Jahrhundert deutlich fassbar, und die heutige Form der Sara-Prozession wurde im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt.

Nach der provenzalischen Heiligenüberlieferung seien Marie Jacobé und Marie Salomé, teilweise gemeinsam mit Maria Magdalena, Martha, Lazarus, Maximin und weiteren Gefährten, nach Verfolgungen im Heiligen Land über das Mittelmeer in die Provence gelangt. Die Erzählung beschreibt eine Fahrt in einem Schiff ohne Segel und Ruder, das schließlich an der Küste der Camargue gelandet sei. Diese Tradition gehört zu demselben mittelalterlichen Legendenkomplex, der auch die Maria-Magdalena-Wallfahrt von Saint-Maximin und Sainte-Baume prägt. Historisch lässt sich eine solche Reise von Personen aus dem Umfeld Jesu nach Südgallien nicht belegen. Für die Kulturgeschichte der Provence wurde die Erzählung dennoch außerordentlich wirksam, weil sie Küste, Kirche und Meer in eine christliche Erinnerungslandschaft verwandelte und dem Ort seinen Namen gab.

Die heiligen Marien, die Reliquien von 1448 und die befestigte Kirche

Saintes-Maries-de-la-Mer ist spätestens seit dem 12. Jahrhundert als Wallfahrtsort greifbar. Einen entscheidenden Einschnitt brachte das Jahr 1448, als auf Veranlassung Renés von Anjou, Grafen der Provence und Königs von Neapel, Grabungen in der Kirche durchgeführt wurden. Dabei wurden Gebeine gefunden, die als Reliquien von Marie Jacobé und Marie Salomé identifiziert wurden. Diese Zuschreibung ist als mittelalterliche beziehungsweise spätmittelalterliche Reliquienauthentifizierung zu verstehen und kann nicht mit einer modernen historischen Identifikation gleichgesetzt werden. Kultgeschichtlich war sie jedoch von enormer Bedeutung: Die Gebeine wurden in Schreinen verwahrt und machten die Kirche endgültig zu einem bedeutenden Reliquienheiligtum. Bis heute liegen die Schreine in der Chapelle Haute, der oberen Kapelle, und werden zu den großen Wallfahrtsfesten feierlich in den Chor herabgelassen.

Diese "Descente des Châsses" gehört zu den stärksten Ritualen des Ortes. Reliquien, die im normalen Kirchenalltag räumlich entzogen und erhöht aufbewahrt werden, kommen für begrenzte Zeit in die Nähe der Pilger. Die Bewegung der Schreine von oben nach unten und anschließend wieder zurück erzeugt eine zeitlich strukturierte Nähe zum Heiligen. Das Ritual macht sichtbar, dass Reliquienverehrung nicht allein vom Besitz heiliger Gebeine lebt, sondern von deren liturgischer Inszenierung, Sichtbarkeit und kontrollierter Zugänglichkeit. Im Mai beginnt die feierliche Herablassung am 24. Mai; nach den Festen von Sara und den beiden Marien werden die Schreine am 25. Mai wieder in die obere Kapelle hinaufgebracht. Ähnliche Abläufe kennzeichnen die Oktober- und Dezemberwallfahrt.

Auch die Kirche selbst ist für das Verständnis des Wallfahrtsortes wesentlich. Notre-Dame-de-la-Mer ist eine romanisch geprägte Wehrkirche, deren massiver Bau an die jahrhundertelang gefährdete Lage der Camargue erinnert. Über Apsis und Chor erhebt sich ein befestigter Aufbau, das Dach besitzt Wehrgang, Zinnen und Maschikulis. Die Kirche war deshalb nicht nur Sakralraum, sondern konnte der Bevölkerung in Zeiten von Küstenangriffen und Unsicherheit Schutz bieten. Diese Doppelfunktion von Heiligtum und Zufluchtsort verleiht dem Bau eine ungewöhnliche soziale Dimension. Mitten im Langhaus befindet sich zudem ein Süßwasserbrunnen, der in einer von Meer, Lagunen und salzhaltigen Gewässern geprägten Landschaft einen hohen praktischen Wert besaß. Eine eigenständige historische Heilquellenwallfahrt ist damit jedoch nicht belegt; der Brunnen sollte deshalb nicht nachträglich zu einem religiösen Quellkult umgedeutet werden.

Sara zwischen Legende, Kryptenkult und historischer Unschärfe

Unter dem Chor liegt die Krypta mit der dunkel gefassten Statue Saras. Wer Sara historisch gewesen sein soll, lässt sich nicht sicher bestimmen. Verschiedene Überlieferungen widersprechen einander: In einer Fassung ist sie Dienerin oder Begleiterin der heiligen Marien und kommt mit ihnen aus dem Osten; in einer anderen wartet sie bereits in der Camargue auf die Ankommenden. Spätere Erzählungen machten sie mitunter zu einer Angehörigen einer örtlichen Bevölkerung, zu einer Frau ägyptischer Herkunft oder sogar zu einer Königstochter. Gerade die heute populäre Vorstellung, Sara sei bereits vor der Ankunft der heiligen Marien eine "Roma-Frau" der Camargue gewesen, ist historisch anachronistisch, weil Roma in Westeuropa erst viele Jahrhunderte später sicher nachweisbar sind.

Für eine wissenschaftlich saubere Darstellung ist daher zwischen der historischen Frage nach einer Person Sara und der Geschichte ihres Kultes zu unterscheiden. Sara ist als Gestalt der späteren religiösen Überlieferung von Saintes-Maries-de-la-Mer fassbar; ihre besondere Bedeutung für Roma und andere reisende Gruppen ist eine eigenständige, historisch gewachsene Kultentwicklung. In der Krypta wird diese Verehrung außerordentlich materiell. Die Statue ist häufig mit mehreren farbigen Gewändern und Stofflagen bekleidet, die von Pilgern gestiftet werden. Hinzu kommen Kerzen, Blumen und persönliche Gaben. Die Bekleidung der Statue ist dabei keine bloße Dekoration, sondern eine Form körpernaher Heiligenverehrung: Der verehrten Figur wird Kleidung gegeben, sie wird berührt, geschmückt und in eine Beziehung zu den Pilgern gesetzt.

Die Bezeichnung der Pilgergruppen verlangt ebenfalls Genauigkeit. Französische Quellen verwenden häufig "Gitans" und "Gens du Voyage". "Roma" ist im Deutschen ein sinnvoller Oberbegriff, darf jedoch nicht so gebraucht werden, als handle es sich bei allen Teilnehmern um eine einzige ethnisch homogene Gemeinschaft. Der französische Ausdruck "Gens du Voyage" bezeichnet zudem eine rechtlich und sozial geprägte Kategorie reisender beziehungsweise mobil lebender Menschen und ist keine ethnische Selbstbezeichnung. Die Wallfahrt wird von unterschiedlichen Gruppen besucht, darunter Gitans, Manouches, Roma verschiedener Herkunft, reisende Familien und zahlreiche nicht zu diesen Gruppen gehörende katholische Pilger. Gerade diese Vielschichtigkeit gehört zur heutigen Bedeutung des Ortes.

Die Entstehung der modernen Roma-Wallfahrt

Der heute weltbekannte Charakter von Saintes-Maries-de-la-Mer als "Roma-Wallfahrtsort" ist jünger als die mittelalterliche Marienwallfahrt. Historische Forschungen weisen darauf hin, dass die Teilnahme von als Bohémiens, Gitans oder Zingari bezeichneten Gruppen im 19. Jahrhundert zunehmend sichtbar wird. Ein Bericht von 1852 beschreibt sie unter den übrigen Pilgern; Frédéric Mistral bemerkte wenige Jahre später, dass sie besonders große Kerzen stifteten. Damit wird deutlich, dass Roma und verwandte Gruppen bereits lange vor der modernen touristischen Inszenierung am Pilgergeschehen teilnahmen, zugleich aber auch, dass eine angeblich seit dem Mittelalter unverändert bestehende "Zigeunerwallfahrt" historisch nicht haltbar ist.

Für die heutige Form der Wallfahrt war Folco de Baroncelli-Javon, Marquis de Baroncelli, eine wichtige Gestalt. Der Schriftsteller, Viehzüchter und Vertreter der regionalistischen Camargue-Bewegung setzte sich im frühen 20. Jahrhundert für die öffentliche Anerkennung der Gitans ein und verband ihre Wallfahrt stärker mit der regionalen Tradition der Gardians, Pferde und Camargue-Symbolik. Die eigenständige Prozession Saras zum Meer wurde in ihrer modernen Form 1935 etabliert. Baroncelli war damit nicht "Erfinder" des Sara-Kultes oder der Anwesenheit von Gitans in Saintes-Maries-de-la-Mer, beeinflusste jedoch wesentlich die öffentliche Form, Interpretation und Sichtbarkeit des heutigen Rituals. In seiner Deutung war Sara nicht lediglich Dienerin der heiligen Marien, sondern Tochter eines einheimischen Königs und Vertreterin einer Bevölkerung, die die ersten Christen an der Küste empfangen habe. Diese Erzählung stärkte die Identifikation Saras mit den Gitans, ist aber als moderne Traditionsbildung zu kennzeichnen.

Auch die Haltung kirchlicher Stellen veränderte sich im 20. Jahrhundert. 1958 beteiligte sich die nationale Seelsorge für Gitans offiziell an der Prozession; ab 1965 nahm auch der Erzbischof am Zug des 24. Mai teil. Die moderne Roma-Wallfahrt ist daher das Ergebnis mehrerer sich überlagernder Entwicklungen: eines älteren lokalen Sara-Kultes, der Teilnahme reisender Gruppen seit mindestens dem 19. Jahrhundert, regionalistischer Camargue-Kultur, kirchlicher Pastoral und einer zunehmenden öffentlichen und touristischen Wahrnehmung. Gerade diese historische Schichtung macht den Ort für volkskundliche Forschung besonders wertvoll.

Die Maiwallfahrt: Sara, Reliquien und das Meer

Der Höhepunkt des Wallfahrtsjahres liegt am 24. und 25. Mai. Der 24. Mai ist heute der hl. Sara und der Wallfahrt der Gitans beziehungsweise der Gens du Voyage gewidmet. Nach der feierlichen Messe folgt am Nachmittag zunächst die Descente des Châsses: Die Reliquienschreine von Marie Jacobé und Marie Salomé werden aus der oberen Kapelle in den Kirchenraum herabgelassen. Anschließend wird die Statue Saras aus der Krypta durch das dicht gefüllte Dorf zum Meer getragen. Die Prozession endet am Strand beziehungsweise im flachen Wasser und verbindet damit den Kult unmittelbar mit der Überlieferung von der Ankunft der Heiligen über das Meer.

Gerade die Größe der Wallfahrt macht sichtbar, dass die mittelalterliche Kirche allein den Pilgerstrom nicht aufnehmen kann. Während der Festtage kommen mehrere tausend Menschen nach Saintes-Maries-de-la-Mer, doch nur ein Teil von ihnen kann sich gleichzeitig im Kirchenraum aufhalten. Die Messe und die Descente des Châsses verdichten die Pilgerbewegung zunächst in und unmittelbar um Notre-Dame-de-la-Mer; ein großer Teil der Teilnehmer befindet sich jedoch bereits auf dem Kirchplatz, in den angrenzenden Straßen und im weiteren Ortsgebiet. Mit der Prozession Saras öffnet sich der zuvor räumlich begrenzte Kult endgültig nach außen. Die Wallfahrt verlagert sich aus Krypta und Kirche in den öffentlichen Raum und erfasst nach und nach Dorf, Straßen und Strand.

Diese räumliche Ausweitung ist volkskundlich von besonderer Bedeutung. Das eigentliche Heiligtum besteht während der großen Festtage nicht mehr nur aus der Kirche. Vielmehr entsteht ein weit gespannter sakraler Handlungsraum, der in der Krypta bei Sara beginnt, sich durch den Kirchenraum und über den Kirchplatz fortsetzt, das Dorf durchzieht und schließlich das Meer einbezieht. Die Prozession löst damit nicht bloß praktisch das Platzproblem einer relativ kleinen Kirche, sondern verändert zugleich die religiöse Topographie des Ortes. Heiliger Raum wird für einige Stunden nicht allein durch Mauern bestimmt, sondern durch die Bewegung der Pilger und der verehrten Statue erzeugt.

Diese Prozession besitzt deshalb eine außergewöhnliche räumliche Logik. Sie beginnt im dunklen, engen Unterraum der Krypta, führt durch die Kirche und die Straßen des Ortes hinaus in das offene Licht der Camargue und endet am Mittelmeer. Damit wird die Legende nicht nur erzählt, sondern körperlich nachvollzogen. Die Statue bewegt sich vom unterirdischen Kultort zur Küste; Pilger folgen ihr, berühren sie, tragen Kerzen und Fahnen, beten und singen. Das Meer fungiert als Erinnerungsraum an die angebliche Landung der Heiligen und verbindet zugleich den heutigen Ort mit der Ferne des Mittelmeers.

Die besondere Dichte in der Kirche selbst gehört dabei ebenfalls zur Erfahrung der Wallfahrt. Gerade weil Notre-Dame-de-la-Mer für die große Menge zu klein ist, entsteht während Messe und Reliquienherablassung eine starke körperliche Nähe. Enge, Wärme, Gesang, Kerzen, Berührung und das gemeinsame Warten auf die Prozession prägen den Innenraum, bevor sich die Menschenmenge nach außen bewegt. Die Kirche bildet damit den rituellen Ausgangspunkt und Verdichtungsraum, während Dorf und Meer den eigentlichen Großraum der Wallfahrt bereitstellen.

Am 25. Mai, dem Fest von Marie Jacobé, steht die ältere Marienwallfahrt stärker im Mittelpunkt. Nach der Messe wird die symbolische Barke mit Marie Jacobé und Marie Salomé in Prozession zum Meer getragen und dort gesegnet. Gardians zu Pferd, Pilger, die Confrérie und weitere Gruppen begleiten den Zug. Am Nachmittag werden die Reliquienschreine wieder in die Chapelle Haute hinaufgebracht. Die Zweiteilung des Festes ist religionsgeschichtlich aufschlussreich: Der 24. Mai hebt die moderne internationale Sara- und Roma-Wallfahrt hervor, während der 25. Mai den traditionellen Reliquienkult der beiden Ortsheiligen in den Mittelpunkt stellt. Beide Rituale sind heute eng miteinander verbunden, besitzen aber unterschiedliche historische Schichten.

Confrérie, Gardians und Camargue-Tradition

Eine der ältesten noch sichtbaren Institutionen der Wallfahrt ist die Confrérie der heiligen Marien. Die örtliche Überlieferung führt ihre Gründung auf 1315 mit Zustimmung des Erzbischofs von Arles zurück. Die Bruderschaft ist bis heute an den Wallfahrten beteiligt und trägt bei der Oktoberprozession die Barke der Heiligen. Bruderschaften wie diese waren im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wallfahrtswesen von großer Bedeutung: Sie organisierten Gottesdienste, Prozessionen, soziale Unterstützung und die Pflege des Kultes. Ihre fortdauernde Präsenz verknüpft die moderne Großveranstaltung mit einer wesentlich älteren institutionellen Tradition.

Ebenso sichtbar sind die Gardians, die traditionellen Viehhirten der Camargue, die bei den Prozessionen zu Pferd auftreten. Ihre Beteiligung darf nicht einfach als Überrest eines unveränderten uralten Brauchs verstanden werden. Vielmehr wurde die Gardian-Kultur im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend zu einem bewussten Symbol regionaler Identität. Pferde, Trachten, Arlésiennes, Stiere und Reiterkultur bilden heute eine ästhetisch besonders starke Umgebung der Wallfahrt. Religiöses Ritual, Regionalismus und touristische Wahrnehmung greifen dabei ineinander. Für eine volkskundliche Analyse ist gerade diese Wechselwirkung wichtiger als die romantische Vorstellung einer zeitlosen Camargue-Tradition.

Saintes-Maries-de-la-Mer zeigt damit besonders deutlich, wie Wallfahrtsorte kulturelle Identitäten öffentlich sichtbar machen können. Für zahlreiche Roma und andere reisende Gruppen ist die Maiwallfahrt nicht nur religiöses Ereignis, sondern auch eine seltene Gelegenheit großer transnationaler Begegnung und öffentlicher Präsenz. Forschung zur modernen Wallfahrt hebt deshalb hervor, dass die Zusammenkunft auch für Gruppen von Bedeutung blieb, deren religiöse Orientierung sich teilweise verändert hat. Der Ort funktioniert gleichzeitig als Heiligtum, sozialer Treffpunkt, Erinnerungsraum und öffentliche Darstellung von Zugehörigkeit.

Oktober- und Dezemberwallfahrt

Die Pilgertradition erschöpft sich nicht in der berühmten Maiwallfahrt. Am Wochenende, das dem 22. Oktober, dem Fest der Marie Salomé, am nächsten liegt, findet eine weitere große Wallfahrt statt. Wieder werden die Reliquienschreine herabgelassen; am Abend folgen Gebetswache und liturgische Feiern. Am Sonntag wird die Barke der Heiligen in einer großen Prozession zum Meer getragen und dort gesegnet, begleitet von der Confrérie, Gardians zu Pferd, Arlésiennes und Pilgern. Anschließend werden die Schreine wieder in die obere Kapelle zurückgebracht. Die Oktoberwallfahrt zeigt besonders deutlich, dass der historische Reliquienkult der beiden Marien unabhängig von der Maiwallfahrt zur hl. Sara fortbesteht.

Eine dritte, kleinere Wallfahrt findet am ersten Wochenende im Dezember statt. Sie erinnert an die Auffindung beziehungsweise "Révélation" der Reliquien von Marie Jacobé und Marie Salomé. Auch hier bildet das Herablassen der Schreine den Mittelpunkt. Am Vorabend zieht eine Fackelprozession mit der Barke durch die Straßen. Die drei jährlichen Wallfahrten gliedern damit den religiösen Kalender des Ortes: Mai verbindet Sara und die Saintes Maries, Oktober konzentriert sich auf Marie Salomé, Dezember auf die Erinnerung an die Reliquienauffindung. Diese wiederkehrende Ritualordnung ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass Saintes-Maries-de-la-Mer weit mehr ist als die einmal jährlich medial stark wahrgenommene Roma-Wallfahrt.

Volkskundliche Bedeutung und heutige Einordnung

Für die europäische Wallfahrtsforschung ist Saintes-Maries-de-la-Mer ein außergewöhnlicher Fall, weil sich hier mittelalterlicher Reliquienkult, eine spätere Heiligenfigur, ethnisch und sozial geprägte Pilgerbewegungen, regionalistische Identitätsbildung und moderne Öffentlichkeit überlagern. Die bekleidete Sara-Statue, Kerzen, Votivgaben, Reliquienschreine, die Barke, die Bewegung zum Meer, Gardians und Pferde sind nicht isolierte "Folklore", sondern materielle und rituelle Ausdrucksformen verschiedener historischer Schichten. Wer den Ort nur als pittoreskes Fest der Camargue beschreibt, verkennt seine religiöse Tiefe; wer umgekehrt sämtliche heutigen Formen als unverändert mittelalterlich ausgibt, übersieht die moderne Entstehung vieler Elemente.

Besonders deutlich wird dies am Sara-Kult. Sara ist historisch nicht als Begleiterin der biblischen Frauen nachweisbar, und ihre Identifikation mit einer frühen Roma-Bevölkerung der Camargue ist anachronistisch. Dennoch ist ihr Kult als historische soziale Tatsache von großer Bedeutung. Über Generationen wurde Sara für zahlreiche Pilger zu einer persönlichen Schutzfigur. Ihre Statue wird bekleidet, berührt, mit Kerzen und Gebeten umgeben und jedes Jahr in einer von zehntausenden Menschen wahrgenommenen Prozession zum Meer getragen. Die historische Unschärfe der Heiligenbiographie mindert nicht die Bedeutung des Kultes; sie verlangt lediglich eine klare Trennung zwischen Legende, Traditionsgeschichte und heutiger religiöser Praxis.

Saintes-Maries-de-la-Mer ist bis heute ein lebendiger Wallfahrtsort. Die Kirche Notre-Dame-de-la-Mer bewahrt die Reliquienschreine und die Krypta Saras, während die jährlichen Prozessionen den gesamten Ort und die Küstenlandschaft in den Kult einbeziehen. Gerade die Bewegung von der Kirche zum Meer macht sichtbar, wie religiöse Erinnerung räumlich organisiert wird: Heiligtum, Dorf, Strand und Mittelmeer werden für die Dauer der Wallfahrt zu Stationen einer gemeinsamen Erzählung. Die begrenzte Größe der Kirche und die große Zahl der Pilger führen dabei nicht lediglich zu einem organisatorischen Problem, sondern zu einer charakteristischen Form dieser Wallfahrt: Der sakrale Raum dehnt sich aus dem Kirchengebäude heraus auf den gesamten Ort aus. In dieser Verbindung aus Reliquienverehrung, sozialer Begegnung, regionaler Kultur, räumlich erweiterter Prozession und transnationaler Roma-Wallfahrt liegt die besondere Bedeutung von Saintes-Maries-de-la-Mer für eine volkskundlich und kulturhistorisch orientierte Dokumentation.

Literatur und Quellen

- Marc Bordigoni: Le pèlerinage des Saintes-Maries-de-la-Mer. Untersuchungen zur modernen Entwicklung der Wallfahrt, zur Sara-Prozession und zur Präsenz der Gitans.

- Marc Bordigoni: Sara aux Saintes-Maries-de-la-Mer. Métaphore de la présence gitane dans le "monde de Gadjé". Études tsiganes 20, 2004.

- François de Vaux de Foletier: Les Bohémiens en France au XIXe siècle. Paris 1981.

- Office de Tourisme des Saintes-Maries-de-la-Mer: Dokumentationen zur Kirche Notre-Dame-de-la-Mer, zu den Reliquien, zur Mai-, Oktober- und Dezemberwallfahrt sowie zur lokalen Heiligenüberlieferung.

- Sanctuaire des Saintes-Maries-de-la-Mer: aktuelle Dokumentationen zu Liturgie, Wallfahrten und Prozessionen.

- Für die historische Einordnung der modernen Roma-Wallfahrt wurden zusätzlich volkskundliche und sozialwissenschaftliche Arbeiten zur Rolle Folco de Baroncellis, zur Prozession Saras und zur Entwicklung der Wallfahrt im 19. und 20. Jahrhundert herangezogen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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