Tann - Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul, Herrgott von Tann

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historisch bedeutende Kreuzwallfahrt zum sogenannten "Herrgott von Tann". Der offizielle Beginn wird auf den 3. Mai 1696 datiert, als das bereits privat verehrte Kruzifix nach einer kirchlichen Untersuchung auf Anordnung des Salzburger Fürsterzbischofs in die damalige Marktkirche übertragen wurde. Die Wallfahrt entwickelte sich im 18. Jahrhundert zu einem der bedeutenden Pilgerziele Altbayerns.
Status:Lebendiger katholischer Wallfahrtsort nach deutlichem Rückgang im 19. und 20. Jahrhundert. Seit 2007 werden Wallfahrtstage um das Fest Kreuzerhöhung gepflegt, seit 2014 Herz-Jesu-Wallfahrten am ersten Freitag im Monat; Sternwallfahrt, Segensgebet beim Gnadenbild, neue Votivtafeln und ein wieder aufgelegtes Mirakelbuch zeigen eine bewusste Wiederbelebung.
Kultzentrum:Das etwa 28 cm hohe Kruzifix "Herrgott von Tann" mit echtem Kopf- und Barthaar, heute über dem Tabernakel des Hochaltars. Die Behauptung vom "wachsenden Haar" gehört zur historischen Mirakelüberlieferung; belegt ist, dass sie 1696 Gegenstand kirchlicher Zeugenaussagen und Untersuchung war.
Ort:Tann, Marktgemeinde im Rottal.
Bezirk/Region:Landkreis Rottal-Inn, Regierungsbezirk Niederbayern.
Bundesland:Bayern.
Lage und Besuch
Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul, Kirchengasse 19, 84367 Tann, Deutschland. Die Kirche steht erhöht über dem historischen Marktzentrum und prägt das Ortsbild weithin.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Bayern
Ansicht in Street View
Öffnungszeiten: Die Kirche ist regelmäßig liturgisch genutzt. Verlässliche tägliche Besichtigungszeiten werden nicht ausdrücklich ausgewiesen; für einen gezielten Besuch außerhalb der Gottesdienste empfiehlt sich eine Anfrage beim Pfarrverband Tann.
Pfarrverband Tann - Pfarrei Tann
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul in Tann. Der klassizistische Neubau von 1798 bis 1801 ersetzte die spätgotische Vorgängerkirche; seine ungewöhnliche Größe steht in engem Zusammenhang mit der damals noch sehr bedeutenden Wallfahrt zum "Herrgott von Tann".

Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul in Tann

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Hochaltar der Pfarr- und Wallfahrtskirche. Das kleine Gnadenkruzifix "Herrgott von Tann" besitzt innerhalb der monumentalen Altararchitektur den kultischen Ehrenplatz über dem Tabernakel.

Hochaltar der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul in Tann

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Votivgaben beim "Herrgott von Tann". Die erhaltenen Weihegaben dokumentieren Bitte, Dank und das persönliche Verlöbnis zum Gnadenort über mehrere Jahrhunderte.

Votivgaben in der Wallfahrtskirche St. Peter und Paul in Tann

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Votivtafel mit der Jahreszahl 1797. Solche Tafeln sind keine Beweise für übernatürliche Vorgänge, aber hervorragende Quellen für Krankheitserfahrung, Verlöbnis, Dank und die soziale Reichweite der Wallfahrt.

Votivtafel Ex Voto 1797 in Tann

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Votivtafel von 1848. Die Inschrift berichtet von Elisabeth Weiß, einer Bauerstochter aus der Pfarre Pischelsdorf, die drei Jahre an einer Gliederkrankheit gelegen habe und ihre Genesung einem Verlöbnis zum Tanner Gnadenort zuschrieb.

Votivtafel von 1848 in der Wallfahrtskirche Tann

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Votivtafel von 1846 mit der knappen Mitteilung, eine Person habe durch "göttliche u. menschliche Hilfe" ihr verloren geglaubtes Kind wiedererhalten. Die Formulierung verbindet religiöse Deutung ausdrücklich mit menschlicher Hilfe.

Votivtafel von 1846 in der Wallfahrtskirche Tann

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Gruppe von Votivtafeln in der Wallfahrtskirche. Der große Bestand macht die Kirche zu einem bedeutenden materiellen Archiv der regionalen Volksfrömmigkeit.

Votivtafeln in der Pfarr- und Wallfahrtskirche Tann

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Votivtafel von 1710. Die teilweise schwer lesbare Inschrift berichtet von einem Beinleiden und einer Besserung nach einem Verlöbnis; zugleich richtet sich der Dank an Gott und "unsere liebe Frau". Damit wird sichtbar, dass sich am Gnadenort unterschiedliche Fürbitte- und Frömmigkeitsformen überlagerten.

Votivtafel von 1710 in der Wallfahrtskirche Tann

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Votivtafel von 1838, die eine Genesung der Fürbitte des hl. Aloisius zuschreibt. Auch dieses Stück zeigt, dass die Votivpraxis der Kirche nicht ausschließlich auf das Gnadenkruzifix beschränkt war.

Votivtafel von 1838 in der Wallfahrtskirche Tann

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Weitere Votivtafel aus dem Bestand der Tanner Wallfahrtskirche. Die Vielzahl solcher Bilder bewahrt individuelle Notlagen und Dankhandlungen, deren biographischer Zusammenhang heute oft nur noch teilweise erschließbar ist.

Votivtafel in der Wallfahrtskirche Tann

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Votivtafel in St. Peter und Paul. Neben den schriftlich gut lesbaren Tafeln gehören auch schwer deutbare oder beschädigte Stücke zum historischen Bestand des Wallfahrtsortes.

Votivtafel in der Wallfahrtskirche Tann

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Votivtafel beim "Herrgott von Tann". Der erhaltene Bestand reicht von der frühen Wallfahrtszeit bis in die neuere Gegenwart.

Votivtafel beim Herrgott von Tann

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Votivtafel in der Tanner Wallfahrtskirche. Bild, Inschrift und Datierung machen die Tafeln zugleich zu religiösen Objekten und historischen Quellen.

Votivtafel in St. Peter und Paul, Tann

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Weitere Votivtafel der Wallfahrt zum "Herrgott von Tann". Auch heute werden neue Danktafeln angebracht; die Votivtradition ist daher nicht nur musealer Altbestand.

Votivtafel der Wallfahrt zum Herrgott von Tann

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Ausführliche Beschreibung

Tann und seine Wallfahrtskirche

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul steht oberhalb des Marktes Tann im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn. Der Ort selbst besitzt eine lange Geschichte; die Edlen von Tann sind seit dem 11. Jahrhundert urkundlich greifbar, eine Urkunde von 1485 bezeichnet die Kirche bereits ehrend als "wirdig gotzhaus vnd heiling Sannd Petter zu tann". Für die spätere Bedeutung des Gotteshauses entscheidend wurde jedoch nicht das Petrus- und Pauluspatrozinium allein, sondern ein kleines Kruzifix, das seit dem späten 17. Jahrhundert als "Herrgott von Tann" zum Mittelpunkt einer weithin bekannten Wallfahrt wurde.

Michael Wening beschreibt Tann 1721 bereits als Markt mit einer Kirche der Apostel Petrus und Paulus, in der sich ein "wundertätiges Crucifix" befinde. Diese zeitgenössische Nachricht ist für die Wallfahrtsgeschichte besonders wertvoll: Nur etwa ein Vierteljahrhundert nach dem offiziellen Beginn war der besondere Ruf des Kruzifixes bereits Bestandteil einer gedruckten Landesbeschreibung. Damit ist die Wallfahrt nicht nur durch spätere Erinnerung oder Legende greifbar, sondern auch durch eine Quelle aus ihrer frühen Blütezeit.

Die ältere Legende vom Kreuz im Moos

Die Herkunft des Gnadenbildes wurde später mit einer ausführlichen Ortslegende verbunden. Danach habe sich in "Thann am Moos" ein Schloss befunden, dessen letzte Besitzerinnen zwei verwitwete Edeldamen gewesen seien. Auf ihrem täglichen Weg zur Messe hätten sie einen hölzernen Steg über das morastige Gelände benutzt. Ein dort angebrachtes Kreuz, das ein Herr von Leonberg von einer Italienreise mitgebracht haben soll, habe den Teufel daran gehindert, ihren Kirchgang zu stören. Nach dem Tod der Damen sei das Kreuz in einer stürmischen Nacht verschwunden oder im Moos versunken.

Diese Erzählung ist als Wallfahrtslegende zu behandeln, nicht als rekonstruierbare Geschichte des Kruzifixes. Das heute verehrte Christusbild wird kunsthistorisch in die erste Hälfte beziehungsweise Mitte des 16. Jahrhunderts datiert und kann daher nicht jenes angeblich schon um 1200 vorhandene Kreuz gewesen sein. Auch für das in der Legende geschilderte Schloss sind keine sicheren baulichen Reste bekannt. Lokale Forschungen diskutieren zwar mögliche Standorte eines adeligen Sitzes, doch bleiben solche Überlegungen hypothetisch. Die Legende ist deshalb vor allem als Versuch zu verstehen, den späteren Gnadenort tief in die mittelalterliche Ortsgeschichte einzuschreiben.

Vom privaten Kreuz zum öffentlichen Gnadenbild

Historisch näher fassbar wird die Geschichte im 17. Jahrhundert. Ein Schreinergeselle soll beim Wiederaufbau eines Hauses am Marktplatz das Kruzifix gefunden und instand gesetzt haben. 1649 gelangte es an Matthias Khradt, Oberschreiber am Pfleggericht Eggenfelden; 1693 kam es an dessen Sohn Ignaz Khradt, der als Marktschreiber in Tann tätig war. In dessen Haus begann die öffentliche Verehrung stark anzuwachsen.

Auslöser war die Erzählung, Kopf- und Barthaar der Christusfigur würden wachsen. Diese Behauptung verbreitete sich und zog immer mehr Menschen in das Marktschreiberhaus. Für die historische Bewertung ist eine klare Trennung notwendig: Nicht das tatsächliche Nachwachsen von Haar lässt sich historisch beweisen, wohl aber, dass diese Vorstellung um 1696 öffentlich kursierte, von Zeugen bestätigt wurde und von der kirchlichen Obrigkeit ernst genug genommen wurde, um eine Untersuchung einzuleiten. In der heutigen Figur bestehen Kopfhaar und Bart tatsächlich aus Naturhaar; die Mirakelerzählung knüpfte also an eine konkrete materielle Besonderheit des Bildes an.

Am 2. April 1696 wurden die Vorgänge kirchlich untersucht. Mehrere Bewohner berichteten von erfahrenen Hilfen, und der Tanner Kooperator Rudolf Mayer erklärte, er habe das Haar im Beisein von Zeugen gekürzt und später eine erneute Verlängerung beobachtet. Solche Aussagen sind Quellen zur damaligen Wahrnehmung und Frömmigkeit, nicht naturwissenschaftliche Beweise. Entscheidend für die Wallfahrtsgeschichte wurde die anschließende Entscheidung der kirchlichen Obrigkeit: Am 3. Mai 1696 ordnete der Salzburger Fürsterzbischof Johann Ernst Graf von Thun und Hohenstein die Übertragung des Kreuzes in die Marktkirche an. Dieses Datum gilt als offizieller Beginn der Tanner Wallfahrt.

Aufstieg zur großen Kreuzwallfahrt

Nach der Übertragung stieg der Zulauf offenbar rasch an. Die wachsende Zahl der Geistlichen und die Höhe der Opfergaben werden in der örtlichen Wallfahrtsdokumentation als deutlichste Indikatoren genannt. Bereits 1700 wurde beim Gnadenbild eine Heilig-Kreuz-Bruderschaft errichtet; 1768 wurde sie der römischen Erzbruderschaft von der Todesangst Christi angeschlossen. Eine Tafel in der Kirche erinnert außerdem an einen 1775 gewährten vollkommenen Ablass für Gläubige, die nach Beichte und Kommunion am Tanner Gnadenbild beteten.

Wie groß die Wallfahrt zeitweise war, zeigt besonders das verspätet begangene hundertjährige Jubiläum. Weil die Feier von 1796 durch die napoleonischen Kriegsverhältnisse verhindert worden war, wurde sie am 3. Mai 1800 nachgeholt. Die örtliche Dokumentation nennt dafür rund 40.000 Besucher, etwa 29.000 Kommunionen und ein erhebliches Opferaufkommen. Solche Zahlen sind für einen Markt von der Größe Tanns außergewöhnlich und erklären, weshalb die bestehende Kirche den Anforderungen schließlich nicht mehr genügte.

In lokalen Darstellungen findet sich immer wieder der Satz, Tann habe zeitweise sogar Altötting den Rang abgelaufen. Für eine exakt statistische Konkurrenz beider Wallfahrtsorte fehlen über längere Zeiträume unmittelbar vergleichbare Zahlenreihen. Die Formulierung sollte daher nicht als dauerhafte Rangliste verstanden werden. Sie macht aber anschaulich, welchen außerordentlichen Rang man der Tanner Kreuzwallfahrt im 18. und frühen 19. Jahrhundert zuschrieb.

Der Kirchenneubau von 1798 bis 1801

Die heutige Kirche ist unmittelbar aus diesem Wallfahrtsboom hervorgegangen. Nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege wurde der klassizistische Bau von Maurermeister Martin Desch aus Pfarrkirchen in den Jahren 1798 bis 1801 errichtet. Der große, lichte Saalbau ersetzte die spätgotische Vorgängerkirche. Die Marktchronik berichtet, dass im Mai 1799 mit dem Neubau begonnen wurde; die Weihe erfolgte 1805. Die leicht voneinander abweichenden Datierungen erklären sich wahrscheinlich daraus, dass Planung, Ausführung, Ausstattung und Weihe unterschiedliche Phasen des Bauvorgangs bezeichnen.

Der monumentale Hochaltar aus Marmor bildet den architektonischen Schwerpunkt des Innenraumes. In dieser großen Altararchitektur ist das eigentliche Gnadenbild überraschend klein. Das rund 28 Zentimeter hohe Kruzifix befindet sich über dem Tabernakel, umgeben von silbernem Zierrat, einer Madonna und huldigenden Engeln vor goldenem Strahlenhintergrund. Gerade dieser Größenkontrast ist für den Wallfahrtsort bezeichnend: Nicht monumentale Dimension, sondern der über Generationen zugeschriebene Gnadencharakter machte das kleine Bild zum Zentrum einer Kirche, die für große Pilgerscharen erbaut wurde.

Das Gnadenkruzifix und seine materielle Geschichte

Kopfhaar und Bart der Christusfigur bestehen aus Naturhaar. Die Figur selbst wird nach stilistischen Einschätzungen in die Zeit zwischen etwa 1500 und 1560 gesetzt. Damit zerfällt die ältere Erzählung vom mittelalterlichen Kreuz im Moos als historische Herkunftsgeschichte, ohne dass dadurch die spätere Wallfahrt an Bedeutung verliert. Im Gegenteil: Gerade die Differenz zwischen materieller Datierung und Legende erlaubt es, die Entstehung eines Gnadenbildes als kulturellen Prozess zu beobachten.

Das Kruzifix war auch Ziel von Diebstählen. 1825 und 1852 wurde der Edelmetallschmuck geraubt. Beim zweiten Raub wurde das hölzerne Kreuz selbst beschädigt, während die Christusfigur erhalten blieb. Solche Verluste zeigen eine oft übersehene materielle Seite von Wallfahrten: Kostbare Weihegaben und Schmuckstücke waren Ausdruck der Verehrung, machten Heiligtümer aber zugleich zu attraktiven Zielen für Diebstahl.

Votivbilder als Archiv der Wallfahrt

Zu den bedeutendsten volkskundlichen Beständen der Kirche gehören die zahlreichen Votivbilder und Weihegaben. Sie dokumentieren nicht nur abstrakten Glauben, sondern konkrete Lebenslagen: Krankheit, Unfall, körperliche Behinderung, Sorge um Kinder, familiäre Not und Dank nach einer als Hilfe erfahrenen Wendung. Die Bildtafeln nennen Namen, Herkunftsorte, Jahreszahlen und manchmal erstaunlich genaue Krankheits- oder Gefahrenbeschreibungen. Dadurch werden sie zu einer seriellen Quelle für Alltagsgeschichte, Frömmigkeit und historische Krankheitswahrnehmung.

Eine Tafel von 1710 berichtet von einem Beinleiden und einer Besserung nach einem Verlöbnis. Eine Tafel von 1848 erzählt von Elisabeth Weiß aus der Pfarre Pischelsdorf, die nach dreijähriger Gliederkrankheit ihre Genesung dem Verlöbnis zum Gnadenort zuschrieb. Ein Stück von 1846 hält fest, eine Person habe durch "göttliche u. menschliche Hilfe" ihr verloren geglaubtes Kind wiedererhalten. Gerade diese Formulierung ist bemerkenswert, weil sie religiöse Deutung und menschliches Handeln nicht gegeneinander ausspielt, sondern nebeneinander nennt.

Andere Tafeln rufen zusätzlich Maria oder einzelne Heilige an. Eine Votivtafel von 1838 führt eine Genesung auf die Fürbitte des hl. Aloisius zurück. Damit zeigt sich, dass der Gnadenort zwar um das Tanner Kruzifix organisiert war, die individuelle Frömmigkeit der Besucher aber nicht auf einen einzigen Kultgegenstand reduziert werden kann. Wallfahrtskirchen waren häufig Verdichtungsräume verschiedener Heiligen-, Marien- und Kreuzverehrungen.

Besonders wichtig für den heutigen Status ist, dass die Votivpraxis nicht vollständig abgebrochen ist. Die örtliche Dokumentation von 2025 nennt eine damals neueste Votivtafel aus demselben Jahr. Damit ist der Bestand kein abgeschlossenes Museum historischer Dankbilder, sondern wird in kleinerem Maßstab weitergeführt.

Mirakelberichte und Mirakelbuch

Zur Tanner Wallfahrt gehört auch eine schriftliche Mirakelüberlieferung. Die örtliche Dokumentation nennt für den Zeitraum von 1695 bis 1902 insgesamt 236 "Guttaten". Solche Aufzeichnungen sind quellenkritisch nicht als Beweise für Wunder zu lesen, sondern als Dokumente darüber, welche Ereignisse Menschen als außergewöhnliche Hilfe deuteten, welche Krankheiten sie beschrieben und wie sie Gelübde, Wallfahrt und Dank miteinander verbanden.

Ein früher Bericht von 1695 erzählt von einem Mann, der nach längerem schweren Gehproblem zum Tanner Kruzifix seine Zuflucht genommen und nach der Wallfahrt wieder gehen gekonnt habe. Ein Bericht von 1707 stammt sogar aus Altötting und beschreibt die Besserung eines langjährigen Leibschadens nach einem Verlöbnis nach Tann. Solche Einträge zeigen zugleich das geographische Netz der Wallfahrt: Tann zog nicht nur Menschen aus dem unmittelbaren Rottal an, sondern stand in Beziehung zu anderen großen süddeutschen Gnadenorten.

In jüngerer Zeit wurde erneut ein Mirakelbuch aufgelegt. Besucher können dort Erfahrungen, für die sie dankbar sind oder die sie dem Schutz Gottes zuschreiben, schriftlich festhalten. Diese Praxis ist volkskundlich bemerkenswert, weil damit eine frühneuzeitliche Form religiöser Dokumentation in zeitgenössischer Gestalt fortgesetzt wird. Aus dem gedruckten oder handschriftlich geführten Wunderregister wird ein offenes Gegenwartsbuch persönlicher Erfahrungen.

Niedergang und bewusste Wiederbelebung

Im 19. und besonders im 20. Jahrhundert verlor die Tanner Wallfahrt einen großen Teil ihrer früheren Bedeutung. Kriege, gesellschaftliche Veränderungen, neue Verkehrswege und der Wandel katholischer Frömmigkeit ließen den überregionalen Massenandrang zurückgehen. Der ältere Artikel bezeichnete die Wallfahrt deshalb als weitgehend erloschen. Für die heutige Situation ist diese Formulierung jedoch zu stark.

Seit 2007 werden wieder regelmäßig Tanner Wallfahrtstage im Umfeld des Festes Kreuzerhöhung am 14. September durchgeführt. 2014 kamen Herz-Jesu-Wallfahrten am ersten Freitag des Monats hinzu. Der gegenwärtige Pfarrverband führt die Wallfahrt ausdrücklich als eigenen Schwerpunkt. Zum Jahreslauf gehören Sternwallfahrten aus den Pfarreien des Pfarrverbandes, Stationen an umliegenden Kirchen, gemeinsamer Zug nach Tann, festliche Gottesdienste und Segensgebete beim "Herrgott von Tann". Die aktuellen Gottesdienstordnungen bestätigen, dass diese Formen nicht nur Jubiläumsveranstaltungen waren, sondern weiterhin gepflegt werden.

Damit ist Tann ein besonders interessantes Beispiel für die Wiederbelebung eines historischen Wallfahrtsortes. Die heutige Wallfahrt versucht nicht, die Massenfrömmigkeit des 18. Jahrhunderts künstlich zu rekonstruieren. Sie knüpft vielmehr mit kleineren, regelmäßigen Formen an das alte Gnadenbild an: monatliche Gottesdienste, gemeinsames Gehen, Sternwallfahrt, Kreuzerhöhungsfest, Votivtafel und Mirakelbuch. Die historische Tradition wird dadurch nicht bloß erinnert, sondern in veränderter Form weiter praktiziert.

Der "Herrgott von Tann" als volkskundlicher Gesamtkomplex

Volkskundlich besteht die Bedeutung Tanns gerade in der außergewöhnlichen Dichte verschiedener Quellengattungen. Da ist zunächst die Ortslegende vom versunkenen Kreuz; daneben stehen die historisch greifbaren Vorgänge von 1696, die kirchliche Untersuchung und die Übertragung in die Kirche. Hinzu kommen gedruckte Beschreibungen wie jene Michael Wenings, Bruderschaft und Ablasspraxis, der große Kirchenneubau, Mirakelberichte, Opfergeld, Votivtafeln, kostbarer Schmuck, Diebstähle und schließlich die moderne Wiederbelebung.

Keine dieser Ebenen sollte mit einer anderen verwechselt werden. Die Legende erklärt nicht die tatsächliche Entstehungszeit des Kruzifixes; die Zeugenaussagen von 1696 beweisen kein physisches Haarwunder; die Votivtafeln beweisen keine medizinischen Heilungen. Aber alle diese Quellen belegen etwas historisch ebenso Wichtiges: Menschen hielten den Ort über Jahrhunderte für wirksam, gingen dorthin, gelobten Wallfahrten, stifteten Bilder und Gegenstände, schrieben Erfahrungen nieder und errichteten schließlich eine außergewöhnlich große Kirche um ein nur wenige Zentimeter hohes Kruzifix.

Gerade deshalb gehört Tann zu den besonders aussagekräftigen Wallfahrtsorten Niederbayerns. An kaum einem anderen Ort lässt sich so anschaulich beobachten, wie aus einem privaten Andachtsbild ein öffentliches Gnadenbild, aus Berichten über außergewöhnliche Hilfe eine institutionalisierte Wallfahrt und aus dieser wiederum ein dauerhaftes materielles Archiv regionaler Volksfrömmigkeit wurde.

Literatur und Quellen

- Brix, Michael (Bearb.): Georg Dehio. Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern II: Niederbayern. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. München / Berlin 2008.

- Hochriegl, Dieter: Wallfahrt zum "Herrgott von Tann". Markt Tann, Juli 2025.

- Kirchenführer Pfarrei St. Petrus und Paulus, Tann/Niederbayern. Örtlicher Kirchenführer; nähere bibliographische Angaben in der vorliegenden Alt-Dokumentation nicht genannt.

- Wening, Michael: Des Churfürsten- und Hertzogthums Ober- und Nidern Bayern Landbeschreibung. Anderer Thail: Rent-Ambt Burghausen. München 1721.

- Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: Denkmalliste Markt Tann, Landkreis Rottal-Inn. Denkmal D-2-77-148-8, Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul.

- Pfarrverband Tann: historische Dokumentationen zur Pfarrei Tann, zur Wallfahrt zum "Herrgott von Tann" und zur heutigen Wallfahrtspraxis.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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