Mariaort - Sinzing - Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt

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Wallfahrt:Spätmittelalterliche Marienwallfahrt, spätestens seit dem frühen 16. Jahrhundert durch Ablässe und Bruderschaft institutionell greifbar; Blüte im 17. und 18. Jahrhundert mit starkem Pilgerandrang, Votivpraxis, Opferwesen und Verbindung von Marien- und Kreuzwallfahrt. Die Wallfahrt besteht bis in die Gegenwart fort.
Kultzentrum:Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt mit zwei mittelalterlichen Gnadenbildern, dem steinernen Marienbild im Hochaltar und einer hölzernen Fassung in der ehemaligen gotischen Choranlage, dazu die nahe Kalvarienbergkirche Hl. Kreuz.
Ort:Mariaort, Gemeinde Sinzing, Landkreis Regensburg.
Region:Oberpfalz, Bayern.
Land:Deutschland.
Lage und Besuch
•Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt, Mariaort 1, 93161 Sinzing, Deutschland.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Oberpfalz
•Ansicht in Street View
•Karte der Wallfahrtsorte in Oberpfalz
•Wallfahrtskirche Mariaort - kirchliche Informationen
•Die Wallfahrtskirche ist täglich geöffnet; Führungen sind auf Anfrage möglich. Ein barrierefreier Zugang ist vorhanden.
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Besonders willkommen sind Außenansicht und Lage an Naab und Donau, Innenraum, steinernes und hölzernes Gnadenbild, Votivtafeln, Silbervotive und Perlmuttvotive, Opfer- und Wallfahrtszeugnisse, Wacholderstrauch, Fresken von Matthias Schiffer, Hochaltar und Seitenaltäre, Kalvarienbergkirche, Wallfahrergruppen, Kräuterweihe und weitere lokale Besonderheiten.

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Ausführliche Beschreibung

Mariaort an der Mündung der Naab in die Donau

Die Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Mariaort liegt unmittelbar an einer landschaftlich und verkehrsgeschichtlich markanten Stelle, an der die Naab in die Donau mündet. Die schmale Landzunge zwischen beiden Flüssen prägt nicht nur das Erscheinungsbild des Ortes, sondern auch seine religiöse Überlieferung. Wasser, Ufer und Strömung sind in der Legende vom Gnadenbild ebenso gegenwärtig wie in der realen Geschichte eines Dorfes, das über Jahrhunderte von Fähren, Flussschifffahrt, Wegen und später der Eisenbahn berührt wurde. Gerade diese enge Verbindung von Naturraum, Verkehrsraum und Kultort macht Mariaort zu einem besonders anschaulichen Beispiel dafür, wie ein Wallfahrtsort nicht nur durch seine Kirche, sondern durch die gesamte ihn umgebende Landschaft geprägt wird.

Der Ort selbst weist eine eigentümliche kommunale Situation auf. Das historische Siedlungsgebiet Mariaort liegt heute teilweise in den Gemeinden Pettendorf und Sinzing; die Wallfahrtskirche mit ihrem unmittelbaren Umfeld gehört zum Gemeindegebiet von Sinzing. Diese moderne Verwaltungsgrenze erklärt, weshalb Mariaort in älteren und neueren Publikationen mit unterschiedlichen kommunalen Zuordnungen erscheint. Für die Geschichte der Wallfahrt ist diese Teilung von untergeordneter Bedeutung: Ihr religiöser Bezugsraum reichte ohnehin weit über das kleine Dorf hinaus und verband die Umgebung von Regensburg, die angrenzenden altbayerischen Gebiete und zahlreiche Herkunftsorte regelmäßiger Pilgergruppen miteinander.

Von "Ort" zur Marienkirche

Die Ortschaft "Ort" ist bereits im 11. Jahrhundert sicher belegt. Eine Kirche wird 1192 genannt und der Pfarrei Eilsbrunn zugeordnet; 1352 erscheint sie ausdrücklich als Marienkirche. Sie stand in enger Beziehung zum Regensburger Benediktinerkloster St. Emmeram, dessen Abt das Patronatsrecht über die Pfarrei Eilsbrunn besaß. Innerhalb dieser Pfarrorganisation nahm Mariaort eine hervorgehobene Stellung ein. Die Kirche besaß den Rang einer Hauptfilialkirche, durfte also Funktionen wahrnehmen, die über jene einer gewöhnlichen Filialkirche hinausgingen; zu ihr gehörten ein Friedhof und das Recht zur Taufe, zeitweise wirkte hier auch ein eigener Kaplan.

Die Entwicklung zum Wallfahrtsort ist nicht durch ein einzelnes Gründungsdatum zu beschreiben. Das Bistum Regensburg datiert die beiden erhaltenen Gnadenbilder in die Zeit um 1370; im frühen 16. Jahrhundert werden Ablässe, Bruderschaft und eine zunehmend institutionalisierte Marienverehrung greifbar. Damit steht Mariaort in jener spätmittelalterlichen Frömmigkeitslandschaft, in der lokale Marienbilder durch Stiftungen, Ablässe, wiederkehrende Festtage und Berichte von Gebetserhörungen zu überörtlichen Anziehungspunkten werden konnten. Dass die Wallfahrt nicht erst in der Barockzeit entstand, sondern auf einer deutlich älteren Kulttradition aufbaute, ist für das Verständnis des Ortes grundlegend.

Zwei Gnadenbilder statt eines einzigen Kultbildes

Eine Besonderheit Mariaorts ist der Bestand von zwei Gnadenbildern gleicher Grundform, jedoch unterschiedlicher materieller Ausführung und Fassung. Das steinerne Marienbild befindet sich heute in der Nische des Hochaltares, eine hölzerne geschnitzte Fassung wird in der ehemaligen gotischen Choranlage, der heutigen Sakristei, aufbewahrt. Beide Werke werden in die Zeit um 1370 datiert. Nach der vom Bistum Regensburg vertretenen Rekonstruktion könnte die steinerne Figur ursprünglich außen an der Kirche gestanden haben, während das hölzerne Bild im Inneren des mittelalterlichen Chores verehrt wurde.

Diese doppelte Überlieferung ist religions- und kunstgeschichtlich bemerkenswert. Wallfahrtsdarstellungen neigen dazu, die Geschichte eines Gnadenortes auf ein einziges wundertätiges Bild zu konzentrieren. Mariaort zeigt dagegen, dass Kultbilder in einer konkreten Kirche unterschiedliche Funktionen, Standorte und materielle Fassungen besitzen konnten. Die beiden Figuren sind daher nicht lediglich als kunsthistorische Varianten anzusehen. Sie gehören zur Geschichte der räumlichen Inszenierung des Heiligtums und werfen die Frage auf, wie sich äußere Verehrung, Prozession, Zugang zum Kirchenraum und innere Andacht im späten Mittelalter zueinander verhielten.

Das Gnadenbild auf dem Wacholderstrauch

Die Herkunft des Gnadenbildes wird durch eine ausgeprägte Ursprungslegende erklärt. Danach sei während der oströmischen Bilderstreitigkeiten des 8. Jahrhunderts ein Marienbild bei Konstantinopel ins Meer geworfen worden. Es sei jedoch nicht untergegangen, sondern auf einem Wacholderstrauch über das Wasser und schließlich entgegen der natürlichen Strömung bis zur Mündung der Naab in die Donau gelangt. Dort habe es sich am Ufer festgesetzt und sei aufgefunden worden. Historisch lässt sich diese Erzählung nicht als Herkunftsnachweis des mittelalterlichen Bildwerkes verwenden; als Wallfahrtslegende ist sie dagegen von großer Bedeutung, weil sie dem Kultbild eine Herkunft außerhalb der lokalen menschlichen Geschichte zuschreibt und seinen Standort als Ergebnis einer wunderbaren Bewegung erscheinen lässt.

Eine zweite Legende erklärt die Wahl des Kirchenplatzes. Nachdem das Bild gefunden worden sei, habe man die Kapelle an einer anderen Stelle errichten wollen. Das Baumaterial sei jedoch in der Nacht auf wunderbare Weise immer wieder an den Ort zurückgebracht worden, an dem das Gnadenbild angekommen war; Engel gelten in der Überlieferung als die Träger dieses Materials. Damit verbindet Mariaort zwei weit verbreitete Typen von Gründungslegenden: das gegen die Naturgesetze reisende Kultbild und die übernatürliche Bestimmung des Bauplatzes. Beide Erzählungen verfolgen dasselbe Ziel. Sie erklären nicht nur, weshalb ein Bild verehrt wird, sondern weshalb es gerade an diesem konkreten Ort verehrt werden soll.

Der Wacholder als materielles Erinnerungszeichen

Die Legende blieb nicht auf die Erzählung beschränkt. An der Außenseite des erhaltenen gotischen Chores befindet sich eine steinerne, kanzelartige Konstruktion, die mit dem sagenhaften Wacholderstrauch verbunden wird. Dadurch erhält ein Element der Gründungserzählung einen sichtbaren Platz am Kirchenbau. Der Wacholder fungiert nicht mehr nur als Pflanze, sondern als materielles Erinnerungszeichen, das die Entfernung zwischen der legendären Ankunft des Bildes und dem gegenwärtigen Besucher überbrückt.

Die kirchliche Überlieferung berichtet, dass Pilger Zweige des Wacholders als Andenken mitnahmen. Für das Jahr 1654 wird erzählt, Mitglieder der spanischen Gesandtschaft beim Regensburger Reichstag hätten den Strauch durch das Abschneiden von Zweigen beinahe zerstört; Kaiser Ferdinand III., der sich zu dieser Zeit in der Kirche zur Andacht befunden habe, soll dem Einhalt geboten haben. Der konkrete Vorgang ist als Überlieferung und nicht als zweifelsfrei dokumentiertes Ereignis zu behandeln. Volkskundlich ist er dennoch aufschlussreich: Ein Zweig konnte als berührbares und transportierbares Zeichen der heiligen Ortsgeschichte verstanden werden. Der Pilger nahm damit keinen bloßen Pflanzenrest mit nach Hause, sondern ein Stück jener materiellen Welt, in der sich nach der Legende die Ankunft des Gnadenbildes ereignet hatte.

Ablässe, Stiftungen und die frühe Bruderschaft

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts tritt die Wallfahrt deutlicher in die schriftliche Überlieferung. Zwischen 1510 und 1517 wurden der Kirche von mehreren Kardinälen Ablässe verliehen. Die in der Staatlichen Bibliothek Regensburg erhaltene Sammelhandschrift Bav.1569 zur Pfarrei Eilsbrunn und ihrer Filiale Orth enthält neben Abschriften mittelalterlicher Stiftungsbriefe auch die Abschrift einer Bruderschaftsbestätigung durch Abt Ambrosius aus dem Jahr 1517. Damit lässt sich die organisierte Gemeinschaftsfrömmigkeit am Gnadenort bis in die Zeit vor der Reformation zurückverfolgen.

Die Bruderschaftsgeschichte ist für Mariaort besonders wichtig, weil sie den Wallfahrtsort nicht nur als Ziel einzelner Hilfesuchender erkennen lässt. Bruderschaften schufen dauerhafte soziale Beziehungen zwischen Lebenden und Verstorbenen, regelten Gebete, Messstiftungen, Begräbnisbegleitung, finanzielle Beiträge und wiederkehrende religiöse Verpflichtungen. Der Gnadenort wurde dadurch zu einem institutionell getragenen Gedächtnisraum. Die Wallfahrt bestand nicht allein aus der Reise nach Mariaort, sondern auch aus einem Netzwerk von Pflichten und gegenseitiger Fürsorge, das Mitglieder über den einzelnen Wallfahrtstag hinaus miteinander verband.

Reformation, Krieg und erneuter Aufschwung

Die Reformationszeit führte nach der kirchlichen Chronologie zu einer Stagnation der Wallfahrt, die bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges anhielt. Im Krieg wurde die Kirche geplündert und erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Solche Einschnitte trafen einen Wallfahrtsort auf mehreren Ebenen. Mit liturgischen Geräten, Bildern und Stiftungsvermögen gingen nicht nur materielle Werte verloren; auch regelmäßige Pilgerwege, Gottesdienste und Formen gemeinschaftlicher Erinnerung konnten unterbrochen werden.

Im 17. und 18. Jahrhundert setzte eine neue Blüte ein. Das Bistum Regensburg hebt dabei besonders Bischof Albert IV. von Törring und Weihbischof Albert Ernst Graf von Wartenberg hervor. 1699 wurden Reliquien in einen neuen Hochaltar eingesetzt. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bestanden Bestrebungen, Mariaort zu einem größeren Wallfahrtszentrum auszubauen. In diese Phase gehört auch die Kalvarienbergkirche, durch die Marienverehrung und Kreuzfrömmigkeit auf engem Raum miteinander verbunden wurden.

Die Allerseelenbruderschaft von 1644

Eine außergewöhnlich dichte Quelle zur sozialen Frömmigkeit Mariaorts sind die Statuten der Allerseelenbruderschaft, die Bischof Albert IV. von Törring am 12. August 1644 bestätigte. Die Regeln richteten sich an Brüder und Schwestern. Beim Eintritt sollten Beichte und Kommunion empfangen werden; regelmäßiges Gebet für die Verstorbenen war ebenso vorgesehen wie die Teilnahme an Totenmessen und Begräbnissen. Wer lesen konnte, sollte den Psalm "Aus der Tiefe rufe ich, o Herr, zu dir" beten; für nicht lesekundige Mitglieder waren Vaterunser und Ave Maria vorgesehen. Beim sogenannten Versehgang sollten Mitglieder, soweit es ihnen möglich war, das Allerheiligste auf dem Weg zu einem Kranken begleiten.

Auch die finanzielle Seite war geregelt. Neue Mitglieder hatten zwölf Kreuzer zur Unterhaltung und Mehrung der Bruderschaft zu entrichten; am Hochfest Mariä Geburt waren weitere drei Kreuzer vorgesehen. Zwei oder vier Bruderschaftsmeister verwalteten die notwendigen Ausgaben. Besonders anschaulich ist die Bestimmung für die Verbreitung der Regeln: Solange die Statuten nicht gedruckt vorlagen, sollten sie rechts vom Hochaltar ausgehängt und denjenigen, die nicht lesen konnten, an den Hochfesten der Gottesmutter vorgelesen werden. 1753 wurde die Bruderschaft einer Münchner Erzbruderschaft einverleibt; noch 1916 ist ihr Fortbestand nachweisbar, ehe sie in der Folgezeit erlosch.

Die Statuten zeigen exemplarisch, wie Schriftlichkeit und Mündlichkeit in einer vormodernen Wallfahrtsgemeinschaft nebeneinander bestanden. Die schriftlich fixierte Ordnung erhielt ihre soziale Wirksamkeit erst dadurch, dass sie an einem sichtbaren Ort im Kirchenraum präsentiert und zugleich laut vorgelesen wurde. Die Kirche war damit nicht nur Ort des Kultbildes und der Messe, sondern auch ein Raum, in dem religiöse Regeln öffentlich vermittelt und gemeinschaftliche Verpflichtungen erneuert wurden.

1717 und 1790: der Pilgerandrang wird messbar

Für das 18. Jahrhundert lässt sich die Größe der Wallfahrt durch Kirchen- und Stiftungsrechnungen vergleichsweise konkret fassen. Johann Auer konnte nachweisen, dass bereits 1717 an Mariä Heimsuchung fünf, an Mariä Himmelfahrt drei und an Mariä Geburt wiederum fünf auswärtige Geistliche benötigt wurden, um den Gottesdienst- und Beichtbetrieb zu bewältigen. 1790 wurden an jedem dieser drei Festtage sechs Kapuziner aus Regensburg eingesetzt; die Quelle begründet dies ausdrücklich mit der "großen Menge Volks". Auch an Mariä Lichtmess, Mariä Verkündigung, Mariä Opferung und am Fest der Unbefleckten Empfängnis waren zusätzliche Geistliche notwendig.

Solche Angaben sind für die Wallfahrtsforschung besonders wertvoll, weil sie nicht mit unbestimmten Formulierungen wie "zahlreiche Pilger" arbeiten, sondern organisatorische Folgen des Andrangs sichtbar machen. Wo mehrere auswärtige Priester für Beichte, Messe und Seelsorge bezahlt werden mussten, hatte die Wallfahrt eine Größenordnung erreicht, die weit über die Bevölkerung des kleinen Ortes hinausging. Zugleich wird deutlich, dass die hohen Marienfeste kein einziges Jahresereignis bildeten; Mariaort besaß einen ganzen Kalender religiöser Verdichtung.

Wallfahrt, Markt und obrigkeitliche Kontrolle

Die Amtsrechnungen des Kastenvogtgerichtes beschreiben ausführlich, welche organisatorischen Maßnahmen an großen Festtagen erforderlich waren. Bereits am Vorabend kamen die ersten Wallfahrer und Kreuzgänger aus den umliegenden Orten. Aus Regensburg strömten nach den zeitgenössischen Aufzeichnungen "Wall- und Kirchfahrtspersonen" in beträchtlicher Zahl nach Mariaort. Teilweise trafen Pilger schon gegen vier Uhr morgens ein, während die letzten Besucher erst gegen zwei Uhr nachts wieder aufbrachen. Amtmann und Knechte kontrollierten Wirtshäuser und Umgebung und versuchten, Bettler und andere aus obrigkeitlicher Sicht unerwünschte Personen fernzuhalten.

Die scharfe Sprache der Verwaltungsquellen darf nicht als neutrale Beschreibung sozialer Gruppen übernommen werden; sie verrät vielmehr den Blick der Obrigkeit auf Menschen, die sich an stark besuchten Festtagen außerhalb der gewohnten lokalen Ordnung bewegten. Gerade deshalb sind diese Akten volkskundlich wertvoll. Sie zeigen die Wallfahrt als Verdichtung sehr unterschiedlicher Interessen: Gebet, Beichte und Messbesuch standen neben Begegnung, Handel, Bewirtung und Marktgeschehen. Wallfahrtsfeste waren religiöse Ereignisse und zugleich zeitweilige soziale Zentren, in denen eine kleine Ortschaft für Stunden von einer vielfach größeren Menschenmenge erfüllt wurde.

Frauentage, Kräuter und Festkultur

Das Hochfest Mariä Himmelfahrt am 15. August bildet bis heute einen zentralen Wallfahrtstag in Mariaort. Die in Bayern weit verbreitete Segnung von Kräuterbüscheln verbindet den liturgischen Festtag mit einer materiellen religiösen Praxis, in der Pflanzen gesammelt, gebunden, gesegnet und anschließend in Haus und Hof aufbewahrt werden. Johann Auer beschreibt für Mariaort noch im 21. Jahrhundert an diesem Tag ein marktartiges Geschehen mit Kräuterbüschelverkauf, Ständen, Kaffee, Kuchen, Getränken und Verpflegung. Der religiöse Festtag besitzt damit weiterhin jene Verbindung von Kult, Begegnung und Versorgung, die bereits in den Quellen des 18. Jahrhunderts sichtbar wird.

Neben dem 15. August wird der Sonntag nach Mariä Geburt als sogenannter zweiter Frauentag begangen. Der Ausdruck "Frauentag" verweist hier nicht auf eine Veranstaltung ausschließlich für Frauen, sondern auf einen traditionellen Namen für Marienfeste. Solche Benennungen gehören zur regionalen religiösen Alltagssprache und bewahren historische Festordnungen, auch wenn ihre ursprüngliche Bedeutung nicht jedem heutigen Besucher unmittelbar bewusst ist.

Die Kalvarienbergkirche und die Verbindung zweier Wallfahrtsformen

Oberhalb der eigentlichen Wallfahrtskirche liegt die Kalvarienbergkirche Hl. Kreuz. Sie entstand im frühen 18. Jahrhundert und gehört in die Phase, in der Mariaort zu einem größeren Wallfahrtszentrum ausgebaut werden sollte. Ihre Rauminszenierung nimmt das Vorbild der römischen Scala Santa auf. Kreuzverehrung, Passionserinnerung und die Darstellung des Heiligen Grabes ergänzten damit die Marienwallfahrt um eine zweite Frömmigkeitsachse.

Das Bistum Regensburg bezeichnet die Marien- und Kreuzverehrung in Mariaort ausdrücklich als gemeinsame Wallfahrtsstätte. Diese Verbindung ist religionsgeschichtlich wichtiger als die bloße Nähe zweier Kirchen. Der Pilger konnte hier unterschiedliche Formen katholischer Frömmigkeit räumlich miteinander verbinden: die Bitte und den Dank vor dem Mariengnadenbild, das Totengedächtnis der Bruderschaft und die meditative Vergegenwärtigung von Passion, Kreuz und Grab Christi. Mariaort wurde damit zu einer kleinen Sakrallandschaft, deren religiöse Bedeutung sich nicht auf einen einzelnen Altar beschränkte.

Der Neubau des 18. Jahrhunderts

Die heutige Wallfahrtskirche geht im Wesentlichen auf den großen Umbau beziehungsweise Neubau des späten 18. Jahrhunderts zurück. Vom mittelalterlichen Bau blieben der spätgotische Chor, der heute als Sakristei dient, und wesentliche Teile des Turmes erhalten. Chor und Langhaus des heutigen Kirchenraumes entstanden in den 1770er Jahren unter dem Eilsbrunner Pfarrer Benedikt Hopp. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege charakterisiert den Bau als frühklassizistische Saalkirche mit eingezogenem Chor, Flankenturm und Welscher Haube, errichtet 1774 bis 1776 unter Einbeziehung des mittelalterlichen Bestandes.

Die archivalisch überlieferten Bauakten zeigen allerdings, dass die Entstehung des Neubaus weniger geradlinig verlief, als es eine knappe Jahresangabe vermuten lässt. Im Staatsarchiv Landshut befindet sich unter der Signatur Kirchenadministration A 93 ein umfangreicher Akt zum Kirchenbau. Aus ihm geht hervor, dass Planung, Kostenkontrolle und Finanzierung wiederholt zu Konflikten zwischen Pfarrer Hopp, dem Kastenvogtgericht Kelheim und den übergeordneten Behörden führten. Die Baukosten stiegen erheblich über die ursprünglichen Ansätze hinaus; gleichzeitig belasteten die Hunger- und Misserntejahre zu Beginn der 1770er Jahre die Zinseinnahmen der Kirchenstiftungen.

Wallfahrtsökonomie und Finanzierung des Kirchenbaus

Die Bauakten erlauben einen selten konkreten Blick auf die Ökonomie eines Wallfahrtsortes. Die Kirche Mariaort besaß nicht nur Bargeld aus laufenden Einnahmen, sondern auch Kapitalien, die gegen Zins ausgeliehen waren. Der Eilsbrunner Pfarrer Hopp schoss nach eigener Darstellung erhebliche private Mittel vor. Zugleich wurden ausstehende Zinsen eingetrieben, Darlehen gekündigt, vorhandene Kirchenkassen herangezogen und Münzen gewechselt. Ein Regensburger Geldwechsler wurde beispielsweise bezahlt, um kleinere oder nicht gebräuchliche Münzen in verwendbare Währung umzutauschen.

Damit ist eine verbreitete Kurzformel zu präzisieren, nach der der große Neubau allein aus den Opfergeldern der Wallfahrer habe finanziert werden können. Opfer und Wallfahrtseinnahmen trugen erheblich zum Vermögen des Gotteshauses bei; die konkrete Baufinanzierung war jedoch komplexer. Sie beruhte auf dem angesammelten Kirchenvermögen, Kapitalerträgen, eingetriebenen Forderungen, privaten Vorschüssen und weiteren Finanzierungsmaßnahmen. Gerade diese Differenzierung ist wichtig, weil sie Wallfahrtsökonomie nicht auf den Opferstock reduziert, sondern als langfristig organisiertes kirchliches Vermögenssystem sichtbar macht.

Matthias Schiffer und der gemalte Gedächtnisraum

Die Ausmalung der neuen Kirche schuf Matthias Schiffer (1744-1827), dessen Werk noch in der Tradition der spätbarocken Monumentalmalerei steht. Im Langhaus erscheint die Aufnahme Mariens in den Himmel, während weitere Bilder und Kartuschen Themen aus der Geschichte des Wallfahrtsortes aufnehmen. Besonders wichtig ist die Darstellung der Auffindung beziehungsweise Ankunft des Gnadenbildes. Die Legende wird dadurch aus dem Bereich des erzählten Wortes in die dauerhafte visuelle Ausstattung des Kirchenraumes übertragen.

Diese Fresken sind nicht bloß Dekoration. Sie wirken als Bildgedächtnis der Wallfahrt. Wer die Kirche betritt, begegnet nicht nur allgemeinen Szenen der Marienverehrung, sondern Bildern, die den konkreten Ort und seine Geschichte deuten. Damit erklärt der Kirchenraum gleichsam sich selbst: Das Gnadenbild im Altar, die Legende an der Decke, der Wacholder am Außenbau und die Votivgaben an den Wänden bilden unterschiedliche Medien derselben religiösen Erinnerung.

Architektur zwischen Spätbarock und Klassizismus

Der großräumige Saal besitzt einen eingezogenen Chor und eine umlaufende Wandgliederung durch Doppelpilaster. Das Gebälk zeigt bereits klassizistische Formen, während Raumwirkung und Ausstattung zugleich noch deutlich von der spätbarocken Tradition bestimmt sind. Die Chorwand ist seitlich konkav gerundet, der Chorbogen gemuldet; über Langhaus und Chor liegen Stichkappentonnen. Eine doppelte Westempore schließt den Raum nach Westen ab. Das Ergebnis ist kein radikaler klassizistischer Bruch, sondern ein Kirchenraum der Übergangszeit, in dem spätbarocke Bewegtheit und neue formale Beruhigung nebeneinander stehen.

Besonders anschaulich wird die historische Schichtung an der erhaltenen gotischen Sakristei. Ihr Kreuzrippengewölbe und die Maßwerkfenster bewahren den mittelalterlichen Vorgängerbau innerhalb des jüngeren Wallfahrtskomplexes. Auch der Turm besitzt ein mittelalterliches quadratisches Untergeschoss, über dem sich der oktogonale Aufbau des 18. Jahrhunderts mit Welscher Haube erhebt. Die Baugeschichte ist daher nicht als vollständiger Austausch einer alten gegen eine neue Kirche zu verstehen, sondern als Weiterbauen am geheiligten Ort.

Hochaltar, Seitenaltäre und Kanzel

Der Hochaltar entstand in der Übergangszeit vom Rokoko zum Klassizismus. Sein viersäuliger Aufbau konzentriert den Blick auf die Nische mit dem steinernen Gnadenbild der Muttergottes. Seitlich stehen die überlebensgroßen Figuren der Apostel Petrus und Paulus, im oberen Bereich erscheint Gottvater in der Glorie. Die mittelalterliche Figur erhält damit eine monumentale Rahmung des späten 18. Jahrhunderts. Gerade dieser Gegensatz zwischen relativ kleinem Kultbild und großer Altararchitektur ist für barocke und nachbarocke Wallfahrtsräume charakteristisch: Nicht die physische Größe des verehrten Gegenstandes bestimmt seine Wirkung, sondern seine rituelle und künstlerische Inszenierung.

Im Chor befinden sich ältere Nebenaltäre mit Darstellungen der Anbetung der Könige und der Hirten. Zwei weitere Seitenaltäre aus der Zeit des Neubaus werden Simon Sorg zugeschrieben, dem Regensburger beziehungsweise fürstlich Thurn und Taxisschen Hofbildhauer, dessen Werk den Übergang vom Rokoko zum Klassizismus in der Region mitprägte. Archivalische Unterlagen zur Fassung dieser Altäre zeigen, dass ihre Fertigstellung noch in den 1780er Jahren Gegenstand von Verhandlungen zwischen Pfarrer, Malern, Bildhauer und Behörden war. Die Kanzel entstand ebenfalls im späten 18. Jahrhundert; ihre Reliefs greifen mit Sämann, Gutem Hirten und Fischzug Petri zentrale biblische Bilder von Verkündigung, Seelsorge und Berufung auf.

Votivtafeln als erzählte Erfahrung

Zu den wertvollsten volkskundlichen Beständen Mariaorts gehören die erhaltenen Votivtafeln. Das Bistum Regensburg weist ausdrücklich darauf hin, dass zahlreiche Tafeln aus der Blütezeit der Wallfahrt im 17. und 18. Jahrhundert erhalten sind. Johann Auer dokumentierte 2021 eine Gruppe von Votivbildern im Kirchenraum zusammen mit Kerzenspenden. Die Aufnahme zeigt unterschiedlich große, gerahmte Bilder, die in dichter Hängung zu einer eigenen visuellen Zone zusammengefasst sind.

Votivtafeln sind weder bloße Dekoration noch einfache Illustrationen von Wundergeschichten. Sie stehen am Ende eines Vorgangs aus Gefahr, Krankheit oder anderer Bedrängnis, Gelübde, erhoffter oder erfahrener Hilfe und nachträglich materialisiertem Dank. Häufig verbinden sie eine Darstellung der konkreten Notlage mit dem Gnadenbild oder einer himmlischen Erscheinung und machen dadurch sichtbar, wie der Stifter sein persönliches Geschehen religiös deutete. Gerade weil solche Bilder individuelle Situationen festhalten, gehören sie zu den unmittelbarsten Quellen historischer Alltagsfrömmigkeit.

Eine vollständige wissenschaftliche Aufnahme des Mariaorter Votivbildbestandes mit Maßen, Datierungen, Inschriften, Stiftern und dargestellten Notlagen steht in den frei zugänglichen Quellen bislang nicht zur Verfügung. Deshalb wäre es unseriös, konkrete Krankheits- oder Unglücksmotive aus allgemeinen bayerischen Vergleichsbeständen auf Mariaort zu übertragen. Gerade eine künftige fotografische Dokumentation der einzelnen Tafeln könnte hier einen erheblichen Beitrag leisten, weil aus der Bildgruppe erst durch die Lesbarkeit ihrer Inschriften eine differenzierte Sozial- und Frömmigkeitsgeschichte der Stifter entstehen kann.

Ein Kelheimer Votivbild von 1750

Ein einzelnes Objekt lässt sich inzwischen genauer fassen. Im Bereich der Votivbilder hinter dem Hochaltar befindet sich ein von der Stadt Kelheim gestiftetes Bild aus dem Jahr 1750, das zugleich eine historische Stadtansicht zeigt. Damit tritt neben das private Gelübde einzelner Personen eine korporative Stiftung einer Stadtgemeinde. Solche Gaben erweitern den Begriff des Votivs: Nicht nur individuelle Krankheit oder Lebensgefahr konnten Anlass einer Stiftung sein; auch Gemeinden und andere Kollektive konnten ihren Dank, ihre Bitte oder ihre besondere Beziehung zu einem Wallfahrtsort dauerhaft in einem Bildobjekt festhalten.

Das Kelheimer Bild ist deshalb doppelt interessant. Religionsgeschichtlich dokumentiert es die Reichweite des Mariaorter Kultes, bildgeschichtlich bewahrt es zugleich eine historische Ansicht des Herkunftsortes. Votivbilder können auf diese Weise Quellen für Orts-, Architektur-, Verkehrs- und Landschaftsgeschichte sein, ohne ihre primäre Funktion als religiöse Gabe zu verlieren.

Silbervotive und kleine Füße aus Perlmutt

Neben den gemalten Tafeln sind in Mariaort Silbervotive und kleine Füße aus Perlmutt erhalten. Diese Objektgruppen zeigen, wie unterschiedlich ein Anliegen materialisiert werden konnte. Ein gemaltes Votivbild erzählt in der Regel eine Situation. Das anatomische Votiv reduziert das Anliegen dagegen auf ein Körperzeichen. Ein Fuß kann auf eine Erkrankung, Verletzung oder andere Sorge um dieses Körperteil verweisen, ohne die konkrete biographische Geschichte des Stifters wiederzugeben. Gerade diese Verdichtung macht anatomische Votive für die Volkskunde so aufschlussreich.

Bei den Mariaorter Perlmuttfüßen ist Zurückhaltung notwendig. Ohne ein historisches Inventar, das einzelne Stücke mit Personen oder Gelübden verbindet, darf nicht behauptet werden, welche Krankheit oder welches Ereignis hinter einem bestimmten Votiv stand. Sicher ist jedoch die Materialgruppe selbst. Perlmutt besitzt durch seine helle, schimmernde Oberfläche eine besondere visuelle Wirkung und wurde in der Devotionalienkultur für kleine, kostbare Gegenstände verwendet. In Mariaort tritt damit neben Holz, Stein, Leinwand, Metall, Wachs und Papier ein weiteres Material in die religiöse Dingwelt des Wallfahrtsortes ein.

Opfergeld und "Anhänggeld": das Inventar von 1775

Eine besonders seltene Quelle zur materiellen Wallfahrtskultur bildet das Inventar, mit dem der umfangreiche Bauakt im Staatsarchiv Landshut endet. Am 8. September 1775 wurde aus dem Inventar des Filialgotteshauses Mariaort das vorhandene "Opfer- und Anhänggeld" verzeichnet. Genannt werden ein großes Goldstück mit Inschrift, ein Salzburger Dukat, eine halbe bayerische Goldmünze, 45 verschiedene alte Taler, 17 verschiedene halbe Taler beziehungsweise Guldenstücke, 33 weitere Silberstücke verschiedener Nominale sowie elf Kaisergroschen.

Entscheidend ist dabei nicht nur der Geldwert. Bei den 45 alten Talern wird ausdrücklich vermerkt, dass sie mehrheitlich mit kleinen Ösen versehen waren; einige waren außerdem vergoldet. Damit waren diese Stücke für das Aufhängen vorbereitet. Der historische Ausdruck "Anhänggeld" sollte deshalb beibehalten werden, weil er eine Praxis bezeichnet, die sich vom gewöhnlichen Einwerfen einer Münze in den Opferstock unterscheidet. Die Gabe war sichtbar am Heiligtum präsent und wurde durch Öse oder Vergoldung teilweise eigens für diese Funktion bearbeitet.

Warum nicht jede aufgehängte Münze einfach ein "Votivgeld" ist

Aus heutiger Sicht liegt es nahe, die geösten Münzen pauschal als Votivmünzen zu bezeichnen. Die historische Quelle selbst unterscheidet jedoch zwischen "Opfer" und "Anhäng", ohne für jedes einzelne Objekt Anlass oder Stifter zu nennen. Eine präzise Darstellung sollte daher den originalen Terminus "Anhänggeld" verwenden und die votive Funktion nur dort annehmen, wo sie aus Form und Kontext plausibel wird. So bleibt sichtbar, dass materielle Frömmigkeit eine größere Bandbreite besaß als unsere modernen Kategorien.

Gerade darin liegt der besondere Quellenwert des Inventars. Es zeigt, dass Geld am Wallfahrtsort mehrere Zustände annehmen konnte. Eine Münze konnte Zahlungsmittel, Opfer, Stiftungskapital oder sichtbar aufgehängte Gabe sein. Durch Lochung, Öse, Vergoldung und rituelle Darbringung veränderte sich ihre Bedeutung, obwohl das Ausgangsobjekt dasselbe blieb. Der Wallfahrtsort verwandelte damit alltägliche Wertgegenstände in Träger religiöser Erinnerung.

Votivgabe, Opfer und Kirchenvermögen

Die archivalischen Unterlagen erlauben zugleich, zwischen verschiedenen Ebenen materieller Gabe zu unterscheiden. Votivtafeln, Silbervotive, Perlmuttfüße und Anhänggeld waren sichtbar oder zumindest als konkrete Gegenstände dem Heiligtum zugeordnet. Opfergeld konnte dagegen in die laufende Kirchenrechnung eingehen und damit seine individuelle Herkunft verlieren. Aus angesammelten Mitteln entstanden wiederum Kapitalien, die gegen Zins ausgeliehen wurden. Die Wallfahrtsgabe konnte somit vom persönlichen religiösen Zeichen in einen Bestandteil institutioneller Vermögensverwaltung übergehen.

Dieser Vorgang ist für das Verständnis historischer Wallfahrtsökonomie wesentlich. Die Gabe des Pilgers verschwand nicht notwendigerweise einfach im Kirchenhaushalt. Manche Objekte blieben sichtbar und erinnerten an ihre Stifter, andere wurden eingeschmolzen, verkauft, umgewechselt oder als Geldvermögen weiterverwendet. Der heute erhaltene Votivbestand ist daher stets nur ein Ausschnitt dessen, was ein Wallfahrtsort im Laufe von Jahrhunderten empfangen hat. Verluste und Umwandlungen gehören ebenso zur Geschichte der materiellen Frömmigkeit wie die erhaltenen Objekte.

Mirakelbücher und die Grenze des derzeit Nachweisbaren

Johann Auer hebt Mariaort von den benachbarten Ablass- und Patroziniumsorten ausdrücklich dadurch ab, dass es von hier Mirakelbücher gebe. Mirakelbücher sammelten Berichte über Heilungen, Rettungen und andere als außerordentliche Hilfe verstandene Ereignisse und waren für viele frühneuzeitliche Wallfahrtsorte ein wichtiges Mittel zur Dokumentation und Weitergabe ihrer Kultgeschichte.

Für Mariaort ist jedoch Vorsicht geboten. In den bislang zugänglichen Nachweisen konnte kein eindeutig identifizierter erhaltener Mirakelband mit Signatur und vollständiger Inhaltsbeschreibung festgestellt werden. Auers Hinweis ist ernst zu nehmen, reicht aber nicht aus, um einzelne Mariaorter Mirakelgeschichten zu rekonstruieren. Solange der konkrete Quellenbestand nicht greifbar ist, sollten keine Wunderberichte aus allgemeinen Wallfahrtsmotiven ergänzt werden. Gerade an diesem Punkt ist die Grenze zwischen belegbarer Geschichte und wünschenswerter weiterer Forschung klar zu ziehen.

Wallfahrtsandenken: Mariaort für die private Andacht

Nicht alle religiösen Gegenstände blieben am Wallfahrtsort. Ein im Bildarchiv des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde erhaltener Druck aus dem Nachlass des Volkskundlers Adolf Spamer zeigt die andere Bewegungsrichtung. Das etwa zwischen 1890 und 1920 entstandene chromolithographische Blatt trägt die Bezeichnung "Andenken an Maria Ort", zeigt das gekrönte Marienbild mit Jesuskind und flammendem Herzen und verbindet die Darstellung mit einem Text zur Geschichte des Gnadenbildes. Herausgegeben wurde es vom Altöttinger Verlag Adolf Steiner.

Ein solches Andachtsbild machte den Wallfahrtsort transportabel. Während das Votiv als Dank oder Bitte am Heiligtum zurückblieb, nahm der Pilger das kleine Andachtsbild mit nach Hause. Dort konnte es in einem Gebetbuch, an einem privaten Andachtsplatz oder zwischen anderen religiösen Erinnerungsstücken aufbewahrt werden. Der Gnadenort wirkte damit über die Reise hinaus in den Alltag hinein. In derselben Logik steht der als Andenken mitgenommene Wacholderzweig: Bild und Pflanze sind unterschiedliche Formen materieller Erinnerung an denselben Ort.

Kerzen als vergängliche Votive

Auf Auers Aufnahme der Votivgruppe sind neben den Bildern auch Kerzenspenden sichtbar. Kerzen gehören zu den verbreitetsten und zugleich vergänglichsten Gaben an Wallfahrtsorten. Anders als eine bemalte Tafel oder ein Metallvotiv sind sie zum Verbrauch bestimmt. Ihr Wachs wird im Brennen verzehrt, während das Licht selbst zum sichtbaren Vollzug der Gabe wird. Gerade deshalb sind historische Kerzenopfer in Sammlungen deutlich schlechter greifbar als dauerhafte Votivobjekte.

Die Verbindung von erhaltenen Tafeln und aktuellen Kerzen in Mariaort zeigt, dass materielle Frömmigkeit nicht nur als abgeschlossene historische Sammlung betrachtet werden darf. Alte und neue Formen der Gabe stehen im selben Raum nebeneinander. Die Votivwand ist damit zugleich Archiv vergangener Erfahrungen und Teil gegenwärtiger religiöser Praxis.

Wallfahrtswege und fortdauernde Gruppenwallfahrten

Mariaort blieb auch nach den großen historischen Blütezeiten Ziel organisierter Pilgergruppen. Zu den fortbestehenden Traditionen gehört die Fußwallfahrt aus Burglengenfeld, deren Weg rund 24 Kilometer umfasst und die durch eine Radwallfahrt ergänzt wird. Auch aus dem näheren Regensburger Raum führen Wallfahrten und religiöse Wanderungen nach Mariaort beziehungsweise von Mariaort zu anderen Marienorten. Damit lebt ein wesentliches Kennzeichen historischer Wallfahrt fort: Der Gnadenort ist nicht nur ein Ziel, das mit modernen Verkehrsmitteln besucht wird, sondern wird weiterhin durch gemeinschaftlich zurückgelegte Wege mit seiner Region verbunden.

Die Bedeutung solcher Wege liegt nicht allein in ihrer Länge. Gemeinsames Gehen, Gebet, Gesang, Fahnen, festgelegte Abmarschzeiten und die abschließende Messe erzeugen eine zeitlich begrenzte religiöse Gemeinschaft. Der Weg selbst wird zum Teil der Wallfahrt und unterscheidet sich dadurch vom bloßen Besuch einer kunsthistorisch interessanten Kirche.

Mariaort als sakrale Erinnerungslandschaft

In Mariaort verdichten sich mehrere Formen religiöser Erinnerung auf engem Raum. Das mittelalterliche Gnadenbild erinnert an die lange Dauer des Kultes; die Wacholderlegende erklärt seine wunderbare Ankunft; die Fresken des 18. Jahrhunderts übersetzen diese Erzählung in monumentale Bilder; die Allerseelenbruderschaft band Lebende und Verstorbene in eine dauerhafte Gebetsgemeinschaft ein; die Kalvarienbergkirche erweiterte die Marienverehrung durch Passionsfrömmigkeit. Votivtafeln, Silbervotive, Perlmuttfüße, Kerzen und Anhänggeld bewahren individuelle oder gemeinschaftliche Akte von Bitte und Dank.

Gerade diese Vielzahl materieller und immaterieller Zeugnisse macht Mariaort für die Volkskunde ergiebig. Ein Wallfahrtsort besteht hier nicht nur aus einem verehrten Bild. Er entsteht im Zusammenwirken von Erzählung, Landschaft, Weg, Kirche, Festkalender, Bruderschaft, Gabe, Geld, Bild, Pflanze und gemeinschaftlichem Ritual. Jeder dieser Bereiche besitzt seine eigene zeitliche Tiefe, zugleich sind sie aufeinander bezogen.

Volkskundliche Bedeutung der Votivgaben

Der Mariaorter Votivbestand ist besonders deshalb bedeutend, weil verschiedene Ausdrucksformen nebeneinander nachweisbar sind. Das gemalte Bild erzählt, das anatomische Votiv bezeichnet, die Münze stiftet Wert, die Kerze verbrennt, der Wacholderzweig wird mitgenommen und das gedruckte Andachtsbild überträgt das Gnadenbild in den privaten Raum. Diese unterschiedlichen Dinge sind nicht austauschbar. Jedes Material und jede Objektform strukturiert die religiöse Handlung anders.

Votivforschung fragt deshalb nicht nur danach, was dargestellt ist, sondern auch danach, wer ein Objekt stiftete, in welcher Situation es entstand, wo es im Kirchenraum aufgehängt wurde, wie lange es dort blieb und was später mit ihm geschah. Das Inventar von 1775 ist in diesem Zusammenhang außergewöhnlich, weil es für Mariaort eine sonst kaum sichtbare Objektgruppe dokumentiert: geöste und teilweise vergoldete Münzen, die als "Anhänggeld" eigens für sichtbare Präsentation vorbereitet waren. Zusammen mit den noch erhaltenen Votivtafeln und Körperteilvotiven entsteht ein besonders vielschichtiges Bild der materiellen Frömmigkeit.

Was die erhaltenen Dinge nicht erzählen

Ebenso wichtig wie der erhaltene Bestand sind seine Lücken. Von vielen historischen Gaben kennen wir weder Stifter noch Anlass; Silberobjekte konnten eingeschmolzen, Geldstücke umgewechselt, Kerzen verbraucht und Bilder bei Renovierungen entfernt werden. Auch die heute vorhandenen Votivtafeln repräsentieren daher nicht automatisch die ursprüngliche soziale Zusammensetzung der Wallfahrer. Wohlhabendere Stifter konnten andere Materialien verwenden als arme Pilger, und besonders haltbare Gaben hatten größere Chancen, die Jahrhunderte zu überstehen.

Eine wissenschaftliche Interpretation muss diesen Auswahlprozess berücksichtigen. Der erhaltene Bestand ist kein vollständiges Abbild der früheren Frömmigkeit, sondern das Ergebnis von Stiftung, Gebrauch, Verbrauch, Verwaltung, Verlust, Restaurierung und bewusster Bewahrung. Gerade deshalb gewinnen Inventare, Kirchenrechnungen und historische Fotografien einen so hohen Wert: Sie erschließen Objektgruppen, die im heutigen Kirchenraum nicht mehr oder nur teilweise sichtbar sind.

Lebendige Wallfahrt und historisches Erbe

Mariaort ist kein ausschließlich musealer Erinnerungsort. Mariä Himmelfahrt, der zweite Frauentag, Maiandachten, regelmäßige Gottesdienste und ankommende Pilgergruppen halten die religiöse Funktion der Kirche lebendig. Die Fortdauer der Wallfahrt bedeutet dabei nicht, dass heutige Praxis unverändert jene des 18. Jahrhunderts wiederholt. Verkehrsformen, soziale Zusammensetzung, Seelsorge und individuelle Frömmigkeit haben sich verändert. Kontinuität besteht vielmehr darin, dass Mariaort weiterhin als besonderer Ort aufgesucht wird, an dem Gebet, gemeinschaftlicher Weg und materielle Zeichen religiöser Erinnerung miteinander verbunden werden.

Gerade diese Verbindung von Gegenwart und historischer Tiefe begründet den Rang Mariaorts innerhalb der oberpfälzischen Wallfahrtslandschaft. Die Kirche bewahrt zwei mittelalterliche Gnadenbilder und Teile ihres gotischen Vorgängerbaues, einen Kirchenraum des späten 18. Jahrhunderts, Bruderschafts- und Rechnungsquellen, Votivbilder, Silber- und Perlmuttvotive sowie ein selten detailliert dokumentiertes "Opfer- und Anhänggeld". Zugleich führen weiterhin Menschen zu Fuß nach Mariaort, lassen Kerzen brennen und feiern die Marienfeste. Damit lässt sich an diesem kleinen Ort in bemerkenswerter Dichte verfolgen, wie aus mittelalterlichem Bildkult, frühneuzeitlicher Gemeinschaftsfrömmigkeit und barocker Wallfahrtskultur ein bis heute genutzter religiöser Erinnerungsraum entstanden ist.

Literatur und Quellen

Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern V: Regensburg und die Oberpfalz. München/Berlin 2008, S. 313-314.

Motyka, Gustav: Wallfahrtskirche Mariaort. Pfarrei Eilsbrunn, Oberpfalz. Kunstführer Nr. 754. München 1962.

Motyka, Gustl: Wallfahrtskirche Mariaort. Kirchen der Filialgemeinde Mariaort, Pfarrei Eilsbrunn. Mainburg 1993.

Motyka, Gustl: Die Wallfahrt Mariaort. In: Regensburger Almanach 27, 1994 (1993), S. 227-232.

Festschrift zum Abschluß der Renovierungen in Mariaort und Riegling am 9. Mai 1993. Mariaort 1993.

Auer, Johann: Das Kastenvogtgericht Kelheim im 18. Jahrhundert. Leben der Landbevölkerung in einem landesherrlichen Sondergericht. Regensburg 2022. Besonders die Abschnitte zu Bruderschaften, Wallfahrten und Bittgängen sowie die archivalischen Nachweise zu Mariaort.

Staatliche Bibliothek Regensburg, Bav.1569 [IM/Bav.1569]: Sammelhandschrift zur Pfarrei Eilsbrunn und Filiale Orth; darin unter anderem Stiftungsbriefe der Kirche Mariaort 1416-1470, Abschrift einer Bestätigung der Bruderschaft 1517 und Abschrift der Bestätigung der Bruderschaftsstatuten 1644.

Bayerisches Hauptstaatsarchiv, KU St. Emmeram 4097: Bestätigung der Statuten der Mariaorter Allerseelenbruderschaft durch Bischof Albert IV. von Törring, 12. August 1644.

Staatsarchiv Landshut, Kirchenadministration A 93: Akten zum Um- und Neubau der Wallfahrtskirche Mariaort, 1769-1775; Baufinanzierung, Rechnungen und Inventar des "Opfer- und Anhänggeldes" vom 8. September 1775.

Staatsarchiv Landshut, KB Geistlicher Rat, Kirchen- und Stiftungsrechnungen RMA Straubing 377 und 379: Nachweise zum Pilgerandrang und zur Verpflichtung auswärtiger Geistlicher in Mariaort im 18. Jahrhundert.

Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: Denkmalliste Gemeinde Sinzing, Baudenkmal D-3-75-199-31, Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Mariaort.

Betz, Karl-Heinz: Simon Sorg (1719-1792). Hofbildhauer des Fürsten Thurn und Taxis. Ein Regensburger Meister des Bayerischen Rokoko. Thurn und Taxis-Studien 12. Kallmünz 1980.

Gemeinde Sinzing: 1100 Jahre Sinzing. Sinzing 2021. Abschnitt zur Wallfahrtskirche Mariaort.

Bistum Regensburg: Dokumentation "Wallfahrtsorte der Diözese Regensburg", Abschnitt Wallfahrtskirche Mariaort; Chronologie, Gnadenbilder, Baugeschichte und gegenwärtige Wallfahrtspraxis.

Bistum Regensburg: Dokumentation zu Mariä Himmelfahrt und Mariaort; Überlieferung des Wacholderstrauches sowie Nachweise zu Votivtafeln, Silbervotiven und kleinen Füßen aus Perlmutt.

Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Bildarchiv, Nachlass Adolf Spamer, BSNR 186238: Andachtsbild und Gebet: Gnadenbild der Wallfahrtskirche Mariaort bei Regensburg. Chromolithographie, etwa 1890-1920, Verlag Adolf Steiner, Altötting.

Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg / Katholische Erwachsenenbildung Regensburg-Land: Dokumentation und Kirchenführung zu Mariaort; Hinweise zu den Seitenaltären Simon Sorgs und zum von der Stadt Kelheim gestifteten Votivbild von 1750.

Wallfahrtskirche Mariaort / Katholisches Pfarramt Eilsbrunn: kirchliche Informationen zu Gottesdiensten, Marienfesten, Wallfahrt, Zugang und Geschichte des Gnadenortes.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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