Neckenmarkt, Pfarrkirche Hl. Geist, Maria-Hilf-Altar und Vesperbild

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Marienwallfahrt zum Maria-Hilf-Gnadenbild; daneben Verehrung des Vesperbildes in der Haschendorfer Kapelle.
Status:Die historische Wallfahrt ist gegenüber früher stark zurückgetreten; Neckenmarkt wird weiterhin als Wallfahrtsort geführt.
Kultzentrum:Barocker Maria-Hilf-Altar mit dem als Gnadenbild bezeichneten Marienbild; zusätzlich Vesperbild der Schmerzhaften Muttergottes.
Ort:Neckenmarkt.
Bezirk:Oberpullendorf.
Bundesland:Burgenland.
Lage und Besuch
Lage: Pfarrkirche Hl. Geist, Kirchenplatz 9–13, 7311 Neckenmarkt.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Burgenland
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Neckenmarkt
Öffnungszeiten: tagsüber frei zugänglich.
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Ausführliche Beschreibung

Die Pfarrkirche zum Heiligen Geist in Neckenmarkt gehört zu den alten Sakralbauten des mittleren Burgenlandes und besitzt mit dem barocken Maria-Hilf-Altar und der Vesperbildgruppe in der sogenannten Haschendorfer Kapelle zwei bedeutende Zeugnisse marianischer Volksfrömmigkeit. Historisch ist Neckenmarkt auch als Wallfahrtsort nachweisbar, wobei insbesondere das als Gnadenbild verehrte Maria-Hilf-Bild den Mittelpunkt dieser Wallfahrt bildete. Die Verehrung der Schmerzhaften Muttergottes in der Haschendorfer Kapelle stellt eine weitere, eng damit verbundene marianische Kultschicht dar.

Die alte Pfarr- und Wehrkirche

Die Kirche steht am südlichen Ende des alten Angers von Neckenmarkt und geht in ihren älteren Bauteilen auf eine mittelalterliche Wehrkirche zurück. Der Kirchenbezirk war einst zusätzlich durch einen Wassergraben geschützt. Der massive Westturm, Strebepfeiler und Teile des Chores bewahren noch Spuren dieser älteren Baugeschichte.

Im 17. Jahrhundert wurde die Kirche barock umgestaltet und in der Folge mehrfach verändert. Besonders bemerkenswert ist die Verbindung von Wehrarchitektur und späterer barocker Frömmigkeitskultur. Über der südlich angebauten Haschendorfer Kapelle und der Sakristei befindet sich noch ein Wehrgeschoß mit Schießscharten. Verteidigungsbau und Andachtsraum liegen hier unmittelbar übereinander.

Der Maria-Hilf-Altar

Für die Wallfahrtsgeschichte Neckenmarkts ist vor allem der große barocke Maria-Hilf-Altar von Bedeutung. Er gehört zu den auffälligsten Ausstattungsstücken der Kirche und trägt ein Chronogramm mit der Jahreszahl 1751.

Der Altar ist als prachtvolle Akanthusrankenarchitektur gestaltet. Vergoldetes Blatt- und Bandelwerk umgibt das zentrale Marienbild; Engelsfiguren, Heiligendarstellungen und der reich bewegte Aufbau verleihen dem Altar jene bildhafte Fülle, die für die barocke Wallfahrts- und Andachtskunst charakteristisch ist.

Im Zentrum befindet sich unter einem Baldachin das ausdrücklich als Gnadenbild bezeichnete Bild "Maria Hilf". Damit besitzt Neckenmarkt einen sicheren kultischen Bezugspunkt für seine historische Einordnung als Wallfahrtsort.

Zum Figurenprogramm gehören auch die Heiligen Sebastian und Rochus. Beide wurden besonders als Schutzheilige gegen Pest und Seuchen angerufen und erscheinen häufig in Kirchen, Kapellen und Altären, die in Zeiten wiederkehrender Epidemien entstanden oder besondere Bedeutung erhielten. Ihre Verbindung mit dem Maria-Hilf-Gnadenbild erweitert die Vorstellung Mariens als allgemeine Helferin und Fürsprecherin um jene konkreten Nöte, die das Leben der frühneuzeitlichen Bevölkerung bestimmten.

Der Mariahilf-Kult

Das Neckenmarkter Gnadenbild gehört in den großen Zusammenhang der frühneuzeitlichen Mariahilf-Verehrung. Ausgangspunkt dieses Kultes war das berühmte Marienbild Lucas Cranachs des Älteren, das heute im Innsbrucker Dom verehrt wird. Das Bild zeigt Maria mit dem Jesuskind in einer innigen, zugleich schützenden Haltung.

Seit dem 17. Jahrhundert verbreiteten sich Kopien und Varianten dieses Bildes in großer Zahl über den gesamten katholischen Raum. Viele dieser Nachbildungen wurden selbst als Gnadenbilder verehrt und begründeten neue lokale oder regionale Wallfahrten.

Der besondere Erfolg des Bildtypus erklärt sich auch daraus, dass "Maria Hilf" keine eng begrenzte Fürbitte bezeichnet. Maria konnte bei Krankheit, Krieg, Seuchen, familiärer Not, Schwangerschaft, wirtschaftlichen Sorgen oder persönlicher Bedrängnis angerufen werden. Der Bildtypus bot damit einer großen Vielfalt alltäglicher Sorgen eine religiöse Zuflucht.

Auch Neckenmarkt wurde Teil dieses weit gespannten Kultnetzes.

Neckenmarkt in der westungarischen Wallfahrtslandschaft

Die historische Wallfahrt nach Neckenmarkt muss innerhalb der religiösen Landschaft des damaligen Königreichs Ungarn verstanden werden. Das heutige Mittelburgenland bildete keinen abgeschlossenen österreichischen Randbereich, sondern war Bestandteil einer westungarischen Kulturlandschaft, in der deutsch-, kroatisch- und ungarischsprachige Bevölkerungsgruppen eng miteinander verbunden waren.

Marienbilder, Andachtsdrucke, Wallfahrtsbräuche und Prozessionen bewegten sich über regionale und sprachliche Grenzen hinweg. Gerade die Mariahilf-Verehrung zeigt diese Verflechtungen besonders deutlich.

Die Volkskundler Gábor Tüskés und Éva Knapp führen Neckenmarkt, ungarisch Sopronnyék, in ihren Untersuchungen über das barockzeitliche österreichisch-ungarische Wallfahrtswesen ausdrücklich innerhalb dieses Kultzusammenhangs an. Damit besitzt die Einordnung Neckenmarkts als historischer Wallfahrtsort eine über lokale Überlieferungen hinausgehende volkskundliche Grundlage.

Die Haschendorfer Kapelle

Eine zweite bedeutende marianische Andachtsstätte befindet sich in der sogenannten Haschendorfer Kapelle an der Südseite der Kirche.

Der dortige barocke Altar wird als Maria-Schmerz-Altar bezeichnet. Wie der Maria-Hilf-Altar besitzt auch er eine außerordentlich reiche Akanthusarchitektur. Im Zentrum steht eine Vesperbildgruppe: Maria hält den vom Kreuz abgenommenen toten Christus auf ihrem Schoß.

Das Vesperbild, auch Pietà genannt, gehört zu den eindrucksvollsten Bildformen spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Marienfrömmigkeit. Anders als beim Maria-Hilf-Bild erscheint Maria nicht als schützende Mutter mit dem lebenden Kind, sondern als Schmerzensmutter, die den Leichnam ihres Sohnes hält.

Beide Darstellungen verkörpern damit unterschiedliche religiöse Erfahrungen derselben Gottesmutter.

"Maria Hilf" und "Maria Schmerz"

Gerade das Nebeneinander von Maria-Hilf-Altar und Maria-Schmerz-Altar macht die Neckenmarkter Kirche volkskundlich besonders interessant.

Am Maria-Hilf-Altar begegnet Maria als mächtige Fürsprecherin und Schutzfrau. Der Gläubige wendet sich mit seiner eigenen Not an sie und erwartet Hilfe, Trost oder Bewahrung.

Im Vesperbild der Haschendorfer Kapelle erscheint Maria dagegen selbst als Leidende. Sie kennt Verlust, Trauer und Schmerz aus eigener Erfahrung und kann gerade deshalb zur Identifikationsfigur für Menschen werden, die mit Tod, Krankheit und persönlichem Leid konfrontiert sind.

Die beiden Altäre stellen damit keine bloße Verdoppelung marianischer Frömmigkeit dar. Sie verkörpern zwei verschiedene emotionale Zugänge: Maria hilft dem leidenden Menschen, und Maria leidet selbst mit dem Menschen.

Diese Verbindung von Schutz und Mitleiden gehört zu den zentralen Ausdrucksformen barocker Volksfrömmigkeit.

War auch das Vesperbild ein Wallfahrtsziel?

Die Pfarrkirche von Neckenmarkt ist als historischer Wallfahrtsort belegt. Der sicherste Anknüpfungspunkt dafür ist das ausdrücklich als Gnadenbild bezeichnete Maria-Hilf-Bild.

Die Vesperbildgruppe in der Haschendorfer Kapelle wird in Beschreibungen des Wallfahrtsortes ebenfalls hervorgehoben und besaß zweifellos eine besondere lokale Verehrung. Ein eindeutiger Nachweis dafür, dass zu diesem Vesperbild eine eigenständige Wallfahrt mit eigenen Prozessionen oder Wallfahrtsterminen bestand, ist jedoch bislang nicht bekannt.

Daher ist es sinnvoll, beide Marienverehrungen gemeinsam zu dokumentieren, ohne daraus zwei voneinander unabhängige Wallfahrten zu konstruieren. Der Maria-Hilf-Altar bildet den historisch gesicherten Mittelpunkt der Wallfahrt; das Vesperbild ergänzt diesen um eine bedeutende Andachtsform der Schmerzhaften Muttergottes.

Weitere Ausstattung der Kirche

Die barocken Marienaltäre gehören zu den kunsthistorisch wertvollsten Ausstattungsstücken der Kirche. Ihre reichen Akanthusranken wurden im Zuge von Restaurierungsarbeiten von späteren Überfassungen befreit und wieder in ihrer ursprünglicheren Wirkung sichtbar gemacht.

Der heutige Hochaltar stammt dagegen aus einer späteren Epoche. Er wurde 1913 von Ferdinand Stufesser aus St. Ulrich in Gröden geschaffen und ist neugotisch gestaltet.

Weitere bemerkenswerte Ausstattungsstücke sind die barocke Kanzel mit Darstellungen der Evangelisten, eine Immaculata auf dem Schalldeckel sowie der ältere Taufstein aus rotem Marmor.

Die unterschiedlichen Ausstattungsphasen machen die Kirche zugleich zu einem Zeugnis mehrerer Jahrhunderte religiöser und künstlerischer Entwicklung.

Wallfahrt und heutige Bedeutung

Die historische Wallfahrt nach Neckenmarkt ist heute gegenüber ihrer früheren Bedeutung stark zurückgetreten. Größere regelmäßig wiederkehrende Wallfahrten zum Maria-Hilf-Gnadenbild lassen sich gegenwärtig nicht in derselben Form nachweisen, wie sie an den großen Wallfahrtsorten des Burgenlandes fortbestehen.

Dennoch wird Neckenmarkt weiterhin in regionalen Pilgerdarstellungen als Wallfahrtsort geführt. Das Maria-Hilf-Gnadenbild und das Vesperbild sind erhalten und bleiben sichtbare Zeugnisse der früheren marianischen Verehrung.

Bemerkenswert ist außerdem, dass die heutige Pfarre selbst eine lebendige Fußwallfahrtstradition pflegt. Von Neckenmarkt aus führen Wallfahrten unter anderem nach Loretto, Frauenkirchen, Maria Bründl und zu anderen burgenländischen und österreichischen Wallfahrtsorten. Die alte Wallfahrtskultur ist somit nicht verschwunden, sondern hat sich teilweise von einer Wallfahrt nach Neckenmarkt zu einer Pilgerbewegung von Neckenmarkt hinaus verlagert.

Volkskundliche Bedeutung

Neckenmarkt ist weniger durch eine spektakuläre Gründungslegende oder ein einzelnes Wunderereignis geprägt als durch die Einbindung in einen weit verbreiteten barocken Bildkult.

Das Maria-Hilf-Gnadenbild zeigt beispielhaft, wie erfolgreiche religiöse Bildtypen über große geographische Räume weitergegeben wurden. Eine ursprünglich in Tirol verehrte Darstellung konnte über Kopien und Nachbildungen auch im historischen Westungarn zum Mittelpunkt lokaler Frömmigkeit und Wallfahrt werden.

Mit dem Vesperbild tritt eine zweite, emotional völlig anders geprägte Form der Marienverehrung hinzu. Maria erscheint innerhalb derselben Kirche sowohl als Helferin als auch als leidende Mutter.

Diese beiden Rollen spiegeln zentrale Bedürfnisse historischer Volksfrömmigkeit. Der Mensch sucht bei Maria Schutz vor äußerer Not, erkennt in ihr aber zugleich eine Gestalt, die eigenes Leiden und Trauer aus eigener Erfahrung kennt.

Die barocken Altäre von Neckenmarkt sind damit nicht nur wertvolle Kunstwerke. Sie machen unterschiedliche religiöse Vorstellungen sichtbar, die über Generationen hinweg das Verhältnis der Menschen zu Krankheit, Gefahr, Tod, Hoffnung und Fürbitte bestimmten.

Literatur zur Wallfahrt:

- Gábor Tüskés, Éva Knapp: Österreichisch-ungarische interethnische Verbindungen im Spiegel des barockzeitlichen Wallfahrtswesens. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde, 1990, S. 1–42.

- Judith Schöbel, Petra Schröck, Ulrike Steiner: Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Oberpullendorf. Österreichische Kunsttopographie, Band LVI. Horn 2005.

- Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Burgenland. Neckenmarkt, Katholische Pfarrkirche Hl. Geist.

- Pfarre Neckenmarkt: Geschichte, Ausstattung und Restaurierung der Pfarrkirche.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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