| Wallfahrt: | Historische Heiligen- und Heilungswallfahrt, später durch Grenzerfahrung, Erinnerung, Versöhnung und Friedenswallfahrt erweitert. |
| Status: | Keine erloschene Wallfahrt; heute historischer Wallfahrtsort und moderner Grenzpilgerort. |
| Kultzentrum: | Verehrung des hl. Emmerich; im 20. Jahrhundert wurde das Zöllnerkreuz zeitweise zum Ersatzort des Gebetes für die unerreichbare Kirche. |
| Ort: | St.-Emmerichskirche bei Rönök, unmittelbar an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Inzenhof und Tschanigraben. |
| Bezirk: | Güssing (österreichischer Bezugsraum); Kirchenstandort im Komitat Vas, Ungarn. |
| Bundesland: | Burgenland / Grenzraum Ungarn. |
| • | Lage: St.-Emmerichskirche bei Rönök, Ungarn. unmittelbar an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Inzenhof und Tschanigraben |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Burgenland |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Rönök (Oberradling) über Webseite der Diözese Szombathely (Ungarn) und Pfarre Großmürbisch (Burgenland) Aufgrund ihrer einzigartigen Geschichte direkt auf dem Grenzstreifen wird das Gotteshaus jedoch grenzüberschreitend und ökumenisch von beiden Seiten betreut. |
| • | Öffnungszeiten: Unbedingt einen gültigen Reisepass oder Personalausweis mitführen! Keine festen, täglich standardisierten Öffnungszeiten für den Innenraum, für Besichtigung Gemeindeamt Inzenhof kontaktieren. Das Areal im Grenzraum und die Außenanlage sind jedoch jederzeit frei zugänglich. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Unmittelbar an der österreichisch-ungarischen Staatsgrenze, nur wenige Meter von burgenländischem Gebiet entfernt, steht im Wald die Wallfahrtskirche St. Emmerich. Obwohl das Gotteshaus heute auf dem Gebiet der ungarischen Gemeinde Rönök liegt, ist seine Geschichte eng mit den burgenländischen Orten Inzenhof und Tschanigraben verbunden. Über Jahrhunderte gehörten Bewohner beiderseits der heutigen Grenze zu demselben kirchlichen und kulturellen Raum und suchten gemeinsam St. Emmerich auf.
Die Kirche ist nicht erst durch ihre spektakuläre Lage am ehemaligen Eisernen Vorhang zu einem Pilgerort geworden. Bereits die ältere St.-Emmerichskirche wird als Wallfahrts- und Gnadenort überliefert, zu dem Menschen auch in der Hoffnung auf Heilung kamen. Im 20. Jahrhundert erhielt diese ältere Wallfahrt jedoch eine völlig neue Bedeutung. Die politische Grenze schnitt den jahrhundertealten Weg zur Kirche ab, die Gläubigen auf österreichischer Seite konnten ihr Heiligtum zeitweise nur noch aus der Ferne sehen, und ein Kreuz unmittelbar vor der Grenzsperre wurde zum Ersatzort des Gebetes. Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges wurde die verfallene Kirche von Menschen aus Österreich und Ungarn gemeinsam wiederhergestellt.
Damit gehört St. Emmerich zu den ungewöhnlichsten Wallfahrtsorten des burgenländisch-westungarischen Grenzraumes: Aus einer traditionellen Heiligen- und Heilungswallfahrt wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts zugleich eine Wallfahrt der Erinnerung, der Versöhnung und des Friedens.
Die St.-Emmerichskirche wird auf österreichischer Seite häufig als Kirche "bei Inzenhof" bezeichnet. Tatsächlich steht sie jedoch bereits auf ungarischem Staatsgebiet, in der Gemeinde Rönök, historisch Felsőrönök beziehungsweise Oberradling. Die österreichisch-ungarische Staatsgrenze verläuft nur wenige Meter nördlich der Kirche.
Diese heutige Grenzlage darf jedoch nicht auf die ältere Geschichte zurückprojiziert werden. Bis zur Neuordnung des Grenzraumes nach dem Ersten Weltkrieg gehörten Inzenhof, Tschanigraben und Rönök zu einem zusammenhängenden westungarischen Lebensraum. Kirchliche Zugehörigkeit, Verwandtschaft, Wirtschaftsbeziehungen und Wallfahrtswege orientierten sich nicht an einer Staatsgrenze, die damals noch gar nicht existierte.
Die Bewohner von Inzenhof und Tschanigraben besuchten daher selbstverständlich auch St. Emmerich. Erst die politischen Entscheidungen des 20. Jahrhunderts machten aus einem gewöhnlichen Weg zur Kirche einen internationalen Grenzübertritt.
Patron der Kirche ist der hl. Emmerich, ungarisch Szent Imre, Sohn des heiligen ungarischen Königs Stephan I. und der seligen Gisela.
Emmerich starb bereits als junger Mann im Jahr 1031 und wurde gemeinsam mit seinem Vater 1083 heiliggesprochen. In der ungarischen Heiligenverehrung entwickelte er sich zu einer bedeutenden dynastischen Gestalt und besonders zu einem Vorbild jugendlicher Reinheit und christlicher Lebensführung.
Mit dem Kirchenstandort verbindet sich die Überlieferung, der junge Prinz habe in den Wäldern dieser Gegend gerne gejagt. Zur Erinnerung daran sei an diesem Ort eine ihm geweihte Kirche entstanden.
Diese Erzählung ist als Gründungs- und Kultlegende zu verstehen und nicht als historisch gesicherter Bericht. Sie erklärt jedoch auf charakteristische Weise, weshalb gerade an diesem abgelegenen Platz im Wald ein Emmerichsheiligtum entstand: Der Heilige wird durch eine erzählte Episode aus seinem Leben unmittelbar mit der Landschaft verbunden.
Der Kirchenstandort besitzt ein beträchtliches Alter. Bereits im Mittelalter bestand hier ein Gotteshaus; für das 15. Jahrhundert ist auch ein eigener Pfarrer nachweisbar.
Eine kirchliche Visitation des späten 17. Jahrhunderts beschreibt eine bereits damals stattliche Kirche mit gewölbtem Chor, hölzerner Empore und mehreren Altären. Einer der Altäre war dem hl. Emmerich geweiht.
Die ältere Kirche bestand bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Nachdem ihr baulicher Zustand immer schlechter geworden war, entschloss man sich schließlich zu einem Neubau.
Damit steht die heutige Kirche zwar erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts an diesem Ort, der sakrale Platz und die Emmerichverehrung sind jedoch wesentlich älter.
Für die Aufnahme St. Emmerichs unter die Wallfahrtsorte ist entscheidend, dass bereits die ältere Kirche ausdrücklich als Wallfahrts- beziehungsweise Gnadenort überliefert wird.
Ungarische Quellen verwenden dafür die Begriffe "búcsújáróhely" und "kegyhely", also Bezeichnungen für einen Wallfahrts- beziehungsweise Gnadenort. Damit ist der Wallfahrtscharakter nicht erst eine moderne Deutung, die aus der späteren Grenzgeschichte entstanden wäre.
Zur älteren Wallfahrtsüberlieferung gehören auch Berichte von Heilungen. Besonders Menschen mit Beschwerden beziehungsweise Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates sollen St. Emmerich aufgesucht und dort Hilfe erfahren haben.
Solche Berichte sind als religiöse Heilungsüberlieferungen zu verstehen. Sie zeigen jedoch deutlich, dass der Ort von den Gläubigen nicht nur wegen des jährlichen Kirchenfestes besucht wurde. Die Erwartung besonderer Hilfe durch die Fürsprache des hl. Emmerich gehörte zum Ruf des Heiligtums.
Die besondere Lage St. Emmerichs machte die Kirche zu einem Treffpunkt unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen.
Der historische westungarische Grenzraum war von Ungarn, Deutschen, Kroaten und Slowenen bewohnt. Religiöse Einzugsgebiete hielten sich nicht streng an Sprachgrenzen, und Wallfahrtsorte wurden häufig von Angehörigen verschiedener Volksgruppen gemeinsam besucht.
Auch St. Emmerich gehörte in dieses Netz.
Die Wallfahrt war damit zugleich ein Ort kultureller Begegnung. Menschen, die im Alltag unterschiedliche Sprachen verwendeten, konnten dasselbe Heiligtum aufsuchen, denselben Heiligen verehren und an denselben kirchlichen Festen teilnehmen.
Gerade diese gemeinsame religiöse Landschaft wurde durch die politischen Grenzziehungen des 20. Jahrhunderts tiefgreifend verändert.
Die mittelalterliche beziehungsweise frühneuzeitliche Kirche war gegen Ende des 19. Jahrhunderts so baufällig geworden, dass ein Neubau notwendig wurde.
Der Grundstein der heutigen Kirche wurde 1902 gelegt. Die Planung lag bei dem ungarischen Architekten Sándor Baumgarten, die Bauausführung erfolgte unter Beteiligung von Handwerkern aus der Region; auch italienische Steinmetze wirkten an dem Bau mit.
Die ausführlicheren ungarischen Quellen nennen Pfingsten 1904 als Zeitpunkt der feierlichen Weihe der neuen Kirche.
Der Neubau entstand damit nur wenige Jahre vor jenen politischen Veränderungen, die das über Jahrhunderte gewachsene Einzugsgebiet der Kirche grundlegend verändern sollten.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Angliederung des Burgenlandes an Österreich verlief die neue Staatsgrenze plötzlich unmittelbar an der Kirche.
Inzenhof und Tschanigraben wurden österreichisch, St. Emmerich blieb auf ungarischem Staatsgebiet.
Zunächst bedeutete dies für die Bevölkerung noch keinen vollständigen Bruch. Die österreichischen Gläubigen konnten ihre bisherige Kirche weiterhin besuchen und die Grenze überschreiten.
Gerade diese ersten Jahrzehnte zeigen, wie künstlich die neue politische Trennung im Verhältnis zur älteren Kulturlandschaft war. Ein Weg, der über Generationen Teil des alltäglichen religiösen Lebens gewesen war, wurde nun zu einem Grenzweg zwischen zwei Staaten.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verwandelte sich diese Grenze in eine nahezu unüberwindbare Barriere.
Mit der Errichtung des kommunistischen Grenzregimes in Ungarn wurde der Bereich um St. Emmerich ab dem späten Jahrzehnt der 1940er-Jahre zunehmend abgeriegelt.
Stacheldraht, Grenzsperren, bewachte Zonen und zeitweise verminte Bereiche machten den Zugang zur Kirche immer schwieriger und schließlich unmöglich. Der letzte dort lebende Pfarrer floh Anfang der 1950er-Jahre nach Österreich.
Die Kirche wurde aufgegeben, geplündert und dem Verfall überlassen. Ihr Turm konnte vom ungarischen Grenzschutz als Beobachtungspunkt genutzt werden.
Damit hatte sich die Funktion des Ortes auf geradezu paradoxe Weise umgekehrt.
Eine Kirche, die ursprünglich Menschen aus verschiedenen Orten und Sprachgruppen zusammengeführt hatte, stand nun innerhalb eines Grenzsystems, dessen Zweck gerade darin bestand, diese Menschen voneinander zu trennen.
Für die Bewohner auf österreichischer Seite war die Situation besonders eindringlich.
Die alte Kirche lag weiterhin unmittelbar vor ihnen. Sie war nicht an einen fernen Ort verschwunden, sondern befand sich nur wenige Meter jenseits einer Grenze, die nicht überschritten werden durfte.
Das Heiligtum war sichtbar oder zumindest räumlich unmittelbar gegenwärtig, aber unerreichbar.
Gerade diese räumliche Nähe dürfte die Erfahrung der Trennung besonders verstärkt haben. Der traditionelle Wallfahrtsweg endete nun nicht an der Kirchentür, sondern am Grenzzaun.
Damit entstand eine Form der verhinderten Wallfahrt: Das Ziel blieb bestehen, doch der Weg dorthin war politisch verboten.
Auf österreichischer Seite befand sich nahe der Grenze das sogenannte Zöllnerkreuz.
Als der Weg zur St.-Emmerichskirche nicht mehr möglich war, gewann dieses Kreuz eine neue religiöse Bedeutung. Gläubige kamen bis hierher, beteten und gedachten der unmittelbar dahinterliegenden, aber unerreichbaren Kirche.
Volkskundlich ist dieser Vorgang besonders bemerkenswert.
Ein Kultort musste aufgrund äußerer Gewalt verlagert werden. Das ursprüngliche Heiligtum blieb bestehen, konnte aber nicht mehr betreten werden. Die religiöse Handlung wanderte deshalb an den äußersten Punkt, den die Gläubigen noch erreichen durften.
Das Zöllnerkreuz wurde dadurch gewissermaßen zum Stellvertreter der Wallfahrtskirche.
Die Wallfahrt endete nun buchstäblich am Eisernen Vorhang.
Dieser Vorgang berührt eine Grundstruktur jeder Wallfahrt: Wallfahrt bedeutet Bewegung auf ein bestimmtes religiös ausgezeichnetes Ziel hin.
In St. Emmerich wurde genau diese Bewegung unterbrochen.
Die Gläubigen konnten sich dem Heiligtum annähern, durften es jedoch nicht erreichen. Gerade dadurch erhielt die Grenze selbst eine religiöse Bedeutung, die ursprünglich nicht vorhanden gewesen war.
Das Gebet am Zöllnerkreuz war nicht bloß Ersatz für einen Kirchenbesuch. Es erinnerte zugleich daran, dass eine historisch gewachsene religiöse Gemeinschaft durch politische Gewalt auseinandergerissen worden war.
Aus einer traditionellen Heiligenwallfahrt wurde damit ungewollt auch eine Wallfahrt der Erinnerung an verlorene Gemeinschaft.
Während die Gläubigen auf österreichischer Seite am Grenzbereich beteten, verfiel die Kirche jenseits des Stacheldrahtes immer weiter.
Dach und Gebäudeteile wurden schwer beschädigt, die historische Ausstattung ging zum größten Teil verloren. In den letzten Jahrzehnten des kommunistischen Regimes war die ehemals bedeutende Kirche weitgehend zur Ruine geworden.
Gerade der sichtbare Verfall verstärkte ihre symbolische Wirkung. Die Ruine wurde zum Zeichen dafür, welche Folgen die Grenzabschottung nicht nur für Menschen, sondern auch für die gemeinsam getragenen kulturellen und religiösen Orte hatte.
Bereits vor dem endgültigen Zusammenbruch des Eisernen Vorhanges entstanden Initiativen zur Rettung des Gotteshauses.
Auf österreichischer wie auf ungarischer Seite fanden sich Menschen, die eine Wiederherstellung der Kirche anstrebten. Auch kirchliche Vertreter unterstützten das Projekt, insbesondere die Diözesen Eisenstadt und Szombathely.
Dabei ging es bald um mehr als die Restaurierung eines alten Gebäudes.
St. Emmerich sollte zu einem sichtbaren Zeichen dafür werden, dass die Trennung der Menschen nicht endgültig sein musste.
Mit der politischen Öffnung Ungarns und dem Zusammenbruch des Grenzregimes konnte dieser Wunsch schließlich verwirklicht werden.
Ab 1990 wurde die schwer beschädigte Kirche wieder aufgebaut.
Der Wiederaufbau war von Beginn an ein gemeinsames österreichisch-ungarisches Projekt. Damit kehrte sich die Bedeutung des Ortes erneut um: Dieselbe Grenze, die jahrzehntelang die Zerstörung und Isolation der Kirche verursacht hatte, wurde nun zum Ort gemeinsamer Arbeit.
Das neue Turmkreuz erhielt eine besondere symbolische Bedeutung. Papst Johannes Paul II. segnete es während seines Ungarnbesuches 1991.
Am 20. September 1992 wurde die wiederhergestellte Kirche von den Bischöfen von Szombathely und Eisenstadt gemeinsam feierlich konsekriert. Mehrere tausend Menschen nahmen an der Feier teil.
Damit war die Kirche nicht nur baulich wiederhergestellt. Der religiöse Raum, den die politische Grenze jahrzehntelang zerstört hatte, wurde symbolisch neu eröffnet.
Von der historischen Innenausstattung war nach Plünderung und jahrzehntelangem Verfall nur wenig erhalten geblieben.
Bei der Wiederherstellung entschied man sich deshalb für eine zeitgenössische liturgische Ausstattung, anstatt den verlorenen Zustand lediglich historisierend zu rekonstruieren.
Wesentliche Teile wurden vom burgenländischen Bildhauer Thomas Resetarits geschaffen.
In den Fenstern des Chores erscheint der hl. Emmerich gemeinsam mit seinen Eltern, dem hl. Stephan von Ungarn und der seligen Gisela. Dadurch wird der Kirchenpatron wieder in seine dynastische und ungarische Heiligentradition eingebettet.
Die erneuerte Kirche bewahrt damit nicht nur Erinnerung an ihre Zerstörung, sondern setzt zugleich die wesentlich ältere Emmerichverehrung fort.
Nach der Grenzöffnung erhielt St. Emmerich eine zusätzliche Bedeutung.
Der Ort wird heute nicht mehr ausschließlich wegen der traditionellen Verehrung des hl. Emmerich besucht. Die Kirche ist zugleich Erinnerungsort an den Eisernen Vorhang und Begegnungsort für Menschen aus Österreich und Ungarn.
Grenzüberschreitende Gottesdienste und Pilgerveranstaltungen greifen diese Geschichte bewusst auf.
Damit entstand eine neue Wallfahrtsschicht über dem älteren Heiligenkult.
Der historische Wallfahrer kam zum hl. Emmerich, nahm am Kirchweihfest teil oder erhoffte Hilfe bei Krankheit. Der heutige Pilger kann zusätzlich an einen Ort kommen, der für Trennung, Wiederannäherung und Versöhnung steht.
Die Kirche selbst ist dadurch gleichsam zum Erinnerungszeichen geworden.
Der Wandel St. Emmerichs lässt sich besonders anschaulich in mehreren Stufen verfolgen.
Zunächst bestand eine regionale Heiligenwallfahrt mit überlieferten Heilungen.
Nach der Grenzziehung blieb die alte Wallfahrtslandschaft zunächst bestehen, obwohl nun eine Staatsgrenze durch sie verlief.
Der Eiserne Vorhang unterbrach schließlich den Weg zum Heiligtum. Das Zöllnerkreuz wurde zum Ersatzort der Andacht.
Die verfallende Kirche jenseits der Grenze verwandelte sich zunehmend in ein Symbol der Trennung.
Nach 1989 wurde gerade ihre gemeinsame Wiederherstellung zu einem Symbol der Versöhnung.
Diese Entwicklung zeigt eindrucksvoll, dass ein Wallfahrtsort seine Bedeutung verändern kann, ohne seine religiöse Identität zu verlieren.
Der traditionelle Festtag des hl. Emmerich ist der 5. November.
Mit diesem Termin verbindet sich die ältere kirchliche Fest- und Wallfahrtstradition des Ortes. Im ungarischen Sprachgebrauch bezeichnet "búcsú" sowohl das Kirchweihfest als auch die mit einem solchen Fest verbundene Wallfahrt.
Damit bleibt der Emmerichskult auch in der heutigen Erinnerung an die Grenzgeschichte der ursprüngliche religiöse Kern des Heiligtums.
St. Emmerich ist keine erloschene Wallfahrt.
Die Kirche wird weiterhin als Pilgerstätte aufgesucht und ist in grenzüberschreitende Pilgerwege und kirchliche Veranstaltungen eingebunden. Gottesdienste mit Gläubigen aus Österreich und Ungarn gehören zum heutigen religiösen Leben des Ortes.
Die Form der Wallfahrt hat sich jedoch erheblich verändert.
Die früher überlieferte Heilungswallfahrt zum hl. Emmerich steht heute weniger stark im Vordergrund. Hinzugekommen sind Friedens-, Erinnerungs- und Begegnungspilgerschaften, die unmittelbar aus der besonderen Geschichte des 20. Jahrhunderts hervorgegangen sind.
St. Emmerich ist damit zugleich historischer Wallfahrtsort und moderner Grenzpilgerort.
St. Emmerich gehört zu den außergewöhnlichsten Beispielen dafür, wie politische Geschichte unmittelbar in eine Wallfahrt eingreifen kann.
Die ältere Wallfahrt entstand in einem westungarischen Kulturraum, in dem heutige Staats- und Sprachgrenzen für die religiöse Praxis nur begrenzte Bedeutung besaßen. Menschen verschiedener Herkunft suchten denselben Heiligen auf und bewegten sich innerhalb einer gemeinsamen Kultlandschaft.
Die politische Grenze von 1921 veränderte diesen Raum zunächst nur administrativ. Erst der Eiserne Vorhang machte aus der Grenze eine körperlich erfahrbare Sperre.
Damit wurde ein Grundelement der Wallfahrt zerstört: das Erreichen des Zieles.
Die Menschen reagierten darauf, indem sie ihre religiöse Praxis an den äußersten erreichbaren Punkt verlagerten. Das Zöllnerkreuz übernahm stellvertretend Funktionen des unerreichbaren Heiligtums.
Gerade dieser Vorgang ist religionsethnologisch von besonderem Interesse. Ein Kultplatz besteht offensichtlich nicht allein aus seinem Gebäude oder seinem Altar. Entscheidend ist auch die Beziehung der Gläubigen zu diesem Ort. Wird der Zugang unmöglich, kann diese Beziehung auf einen Ersatzort übertragen werden, ohne dass das ursprüngliche Heiligtum seine Bedeutung verliert.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges erfolgte der umgekehrte Vorgang: Der Weg konnte wieder bis zur Kirche fortgesetzt werden.
Nun wurde das gemeinsame Überschreiten der ehemaligen Grenze selbst zu einem Bestandteil des religiösen Erlebnisses.
Aus einer Grenze, die Wallfahrt verhindert hatte, wurde ein Ort, an dem Wallfahrt Versöhnung sichtbar machen kann.
St. Emmerich verbindet damit auf ungewöhnliche Weise mittelalterliche Heiligenverehrung, Heilungsüberlieferung, mehrsprachige regionale Wallfahrt, politische Grenzziehung, Ersatzkult, Zerstörung, Wiederaufbau und moderne Friedenswallfahrt.
Nur wenige Wallfahrtsorte spiegeln die Geschichte des europäischen 20. Jahrhunderts derart unmittelbar in ihrer eigenen religiösen Biographie.
- Felsőrönök és a rönöki Szent Imre templom története. Ausführliche ungarische Dokumentation zur Geschichte Rönöks und der St.-Emmerichskirche mit Visitationsangaben, Baugeschichte, Grenzzeit, Verfall und Wiederaufbau.
- Csaba László: "A határőrizet története Rönök település vonatkozásában". Untersuchung zur Geschichte des ungarischen Grenzschutzes im Raum Rönök mit ausführlicher Berücksichtigung der St.-Emmerichskirche.
- border(hi)stories. Dokumentation zur österreichisch-ungarischen Grenzgeschichte und zu Erinnerungsorten am ehemaligen Eisernen Vorhang; darin St. Emmerich als traditioneller Wallfahrts- und Grenzort.
- Verzeichnis der Werte des Komitats Vas: Rönöki Szent Imre-templom. Dokumentation zur Geschichte, Wallfahrtstradition und örtlichen Heilungsüberlieferung.
- Diözese Eisenstadt: Dokumentationen zur St.-Emmerichskirche, zu den grenzüberschreitenden Gottesdiensten und zur heutigen Pilgertradition.
- Diözese Szombathely: Kirchliche Dokumentationen zur St.-Emmerichskirche in Rönök.
- ORF Burgenland: Zeitgeschichtliche Dokumentation zur St.-Emmerichskirche bei Inzenhof und ihrer Geschichte am Eisernen Vorhang.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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