Von drei Unglücksfällen, die das Mariahilfbild bei St. Jakob in Innsbruck getroffen

Von P. Balthasar Gritsch, O. F. M. (1938).

Man pflegt im Goldenen Dachl das Wahrzeichen von Innsbruck zu sehen, obwohl es heute, an ein baulich ganz ausdruckloses Haus angeklebt, eher aussieht wie ein verlorener Edelstein im Straßenstaub. Es ließe sich sehr wohl die Ansicht verteidigen, das Wahrzeichen von Innsbruck sei in Wirklichkeit das Mariahilfbild, das deutsche Gnadenbild schlechthin, verbreitet in unglaublich vielen Nachbildungen, wie vielleicht kein zweites Bild der gesamten Malerei überhaupt 1). Und sozusagen von allen Häuserfronten der Altstadt grüßt es den Wanderer, ist immer noch das Schutzheiligtum von Innsbruck und des Landes Tirol, das Kleinod, um dessen Fassung willen der herrliche Dom von St. Jakob erbaut wurde.

Über das Mariahilfbild von Cranach ist so viel geschrieben worden, besonders anlässlich und seit der Jubelfeier von 1850, dass es schwerfallen dürfte, ganz Neues zu finden. Doch gibt es manches Vergessene und Unbeachtete um dieses Bild, was wieder ans Licht gestellt werden soll und bei der allgemeinen Verehrung, die Mariahilf genießt, Interesse beanspruchen mag. Es handelt sich diesmal um ein dreifaches Missgeschick, das der Cranach-Madonna im Verlaufe von drei Jahrhunderten zustieß.

Das Gnadenbild wurde sehr oft, hauptsächlich bei Prozessionen, vom Altare herab genommen und so konnte man bemerken, dass das Brett aus Hartholz 2), worauf das Bild gemalt ist, am Rande mehrere Brandflecken aufweist. Woher kommen nun diese? Um das zu erklären, bildete sich eine förmliche Legende, als ob ein lutherischer Bildersturm in Dresden Schuld daran trüge. In Wirklichkeit dürften die Brandwunden des Bildes vielmehr aus dem Jahre 1636 stammen, als am 14. April die landesfürstliche Residenz am Rennweg, die „Ruhelust“ genannt, in Asche fiel. Sie brannte samt der schönen Leopoldskapelle und allen darin befindlichen Kostbarkeiten so schnell nieder, dass die Erzherzogin-Witwe Claudia von Medici kaum Zeit fand, sich, ihre Kinder und das vermutlich in der Kapelle aufbewahrte Mariahilfbild zu retten. So ist es möglich, dass die Brandflecken an der Rückwand des Bildes eine Folge dieser Feuersbrunst gewesen und dasselbe nur durch die Sorgfalt, welche die fromme Erzherzogin dafür trug, aus dem Brande glücklich gerettet worden ist 3). Heute kann man diese Spuren des Feuers nicht mehr feststellen, weil das Kleinod bis zum Bildrande in eine kupfergetriebene Folie eingelassen wurde, um es bei den vielen Manipulationen vor Beschädigung zu schützen 4).

Dieses Unglück hat das Mariahilfbild überstanden, ein anderes aber bis heute nicht. Strompen ist wütend über die Übermalungen und Ausbesserungen, die sich das Bild im Laufe der Jahrhunderte gefallen lassen musste 5). Daran war das letzte Mal die weise Vorsicht einer geistlichen und weltlichen Kirchenvorstehung im Jahre 1830 schuld. Bevor nämlich das Bild in die Kupferhülle kam, wurde es „von dem vielen Staub und Schmutz, der sich hinter dem Glas in der Länge der Zeit angesetzt hatte, gereinigt und von einem in diesem Fach ausgezeichneten Kunstverständigen, Herrn Franz Vischer 6) dahier, insoweit es nötig war, ausgebessert, so dass die etwas matt gewordenen Farben wieder in voller Frische hervorgehoben wurden" 7). Da haben wir's! Ein wahres und wirkliches Unglück für das Mariahilfbild. Dem schreibt z. B. Dr. Karl Radinger 8) neben manchem anderen den starren Blick des Kindleins zu. Auf diese Rechnung geht wohl auch das Fehlen der Cranach'schen Signatur mit dem bekannten geflügelten Schlänglein. Und „trotzdem ist das Bild in den meisten Partien noch gut erhalten und von einem Duft und einem Zauber, den man nicht im mindesten ahnt, wenn man dasselbe nur vom Fußboden der Kirche aus betrachtet" 9), auch für uns (Moderne) die Krone der Cranach'schen Madonnen 10).

Ist da wirklich nicht mehr zu helfen? Bei der ausgebildeten Kunstfertigkeit, mit der man heute Gemälde wiederherstellt? Das wäre eine hervorragende Aufgabe für das Denkmalamt und für einen gewissenhaften Meister. Denn hier handelt es sich um unersetzliches religiöses Volksgut.

Mariahilfbild in der alten Innsbrucker Pfarrkirche - Kupferstich

Das Innsbrucker Maria-Hilf-Bild in seiner ehemaligen Aufstellung in der alten Innsbrucker Pfarrkirche nach einem Kupferstich des Jakob Jetzl um das Jahr 1710.

Die Folgen eines dritten Unfalles scheinen allerdings verewigt zu sein und kein Hoffnungsstern leuchtet auf, sie zu beheben. Dieses größte aller Unglücke für das Mariahilfbild ist sein heutiger Standort. Wallfahrtsbilder muss man sehen, ihnen Aug' in Aug' gegenüberstehen können, sonst wird der Beter nicht warm, es kommt kein rechtes Vertrauen auf und keine Glut des Flehens.

Man gehe einmal nach Absam, um zu beobachten, mit welcher Inbrunst Pilger die Stufen des Altares emporsteigen, um das Gnadenbild aus nächster Nähe sehen zu können, um der Mutter Gottes gleichsam unter vier Augen ihre Anliegen zu empfehlen.

Es ist eine lange Geschichte, wie Mariahilf in St. Jakob aus unmittelbarer Volksnähe und Sehweite in diese unnahbare Ferne, in solche Höhe geriet. Zuerst von 1650 bis 1713 war das Mariahilfbild in einer südlichen Seitenkapelle der alten Pfarrkirche, allen sichtbar und zugänglich, auch nachdem Kaiser Leopold den prachtvollen, in Kupfer getriebenen und „dick" vergoldeten Altar gespendet hatte. Die Tragik begann 1713. Das Bild wandert auf den Hochaltar und ist dort über dem Tabernakel aufgestellt. Doch dürften die Chorschranken in der alten Kirche das Volk nicht so fern gehalten haben wie heute. Bald darauf begann der Abbruch des baufälligen Gotteshauses, im Mai 1717 wurden die Altäre verräumt und das Gnadenbild in die Spitalkirche übersetzt, wo es bis zum 10. Dezember 1724 verblieb, um an diesem Tage in die neuerbaute Kirche feierlich über dem Tabernakel eingesetzt zu werden, gerade noch in Reichweite der Beter.

Als aber unter der Regierung Josefs II. das Verbot erschien, Bilder auf das Tabernakel zu stellen, bekamen die Innsbrucker Angst, es möchte ihnen die Pfarrmutter ganz weggenommen werden. In einer Nacht des Jahres 1787, in der die Bürgerschaft diesen „Raubüberfall“ am meisten fürchtete, hielt sie getreulich vor dem hl. Bilde Wacht. Die Madonna blieb; aber man verfiel auf den unglücklichen Gedanken, das Cranach-Gemälde in den Altaraufbau zu versetzen, um so den kirchen-polizeilichen Vorschriften der Staatsbehörde Genüge zu leisten. Das bisherige Hochaltarbild von Balestra, den hl. Jakobus darstellend, wurde herabgenommen und beim Maler Josef Schöpf ein neues, nach dem Willen des Guberniums „nicht zu kostbares" bestellt, als Rahmengemälde für das Mariahilfbild. Das Werk von Balestra kam später ins neugegründete Ferdinandeum. Als am 7. Juli 1850 die großartige Jubiläumsprozession mit dem Gnadenbild am Museum vorüberzog, war dieses ehemalige Hochaltarblatt als Hausschmuck hervorgestellt mit der lakonisch-treffenden Inschrift: Cedo maiori, als ob St. Jacobus maior spräche: Ich weiche der noch Größeren 12).

So ist es also geschehen, dass das hochverehrte Gnadenbild in eine solche Entfernung von den Betern geriet, wie wir sie heute schmerzlich empfinden. Überdies ist das Bild, ursprünglich für die Kemenate der Herzogin Barbara, Gemahlin Georgs des Bärtigen in Dresden 13) bestimmt, verhältnismäßig klein und dazu von einer dicken, zu gewissen Tageszeiten blendenden Glastafel geschützt. Das ist das letzte und größte Unglück von Mariahilf in Innsbruck. Wer wird es wenden?

1) C. Strompen, Madonnenbilder Lukas Cranachs in Innsbruck; Zeitschrift des Ferdinandeums 1895, 317.
2) Fast alle Cranach-Bilder, die er in Sachsen hergestellt, sind auf Rotbuchen- oder Lindenbrettern gemalt. Strompen, 331.
3) Gstrein, Erbaulicher Bericht über das berühmte Originalbild Maria Hilf. Innsbruck, Rauch, 1850, S. 25; F. Schumacher, Ein großer Brand in Innsbruck vor 200 Jahren, im „Tiroler Anzeiger" 1928, Nr. 62.
4) Erbaulicher Bericht, S. 8.
5) Strompen, S. 319.
6) Vgl. über ihn und seine Arbeiten K. Fischnaler, „Innsbrucker Chronik" V, 75.
7) Erbaulicher Bericht, 8.
8) Deutsche Alpenzeitung, 14. Jahrg, 1. Halbband, S. 134. (Ein volkstümliches Kunstwerk.)
9) Strompen, 319.
10) Radinger, a. a. O.
12) Denkbuch der zweiten Säkularfeier der Übertragung des Gnadenbildes Mariahilf in die St. Jakobskirche zu Innsbruck im Jahre 1850. Innsbruck, Rauch. S. 46. Dieses Buch sowie die zwei Schriften von Joh. Bapt. Gstrein: Erbaulicher Bericht und: Fortsetzung des erbaulichen Berichtes (ebenfalls bei Rauch in Innsbruck, 1850) geben die besten und verlässlichsten Aufschlüsse über das Original-Mariahilfbild.
13) Strompen, 324.

Quelle: P. Balthasar Gritsch, O. F. M., Von drei Unglücksfällen, die das Mariahilfbild bei St. Jakob in Innsbruck getroffen, in: Tiroler Heimatblätter, 16. Jahrgang 1938, Heft 5/6, S. 163 - 166.


   
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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