| Wallfahrt: | Marienwallfahrt zum Gnadenbild Unserer Lieben Frau in der Gnadenkapelle. Die Stiftstradition führt die Verehrung bis ins Mittelalter zurück; kirchenhistorisch sicher greifbar wird eine ausgeprägte Wallfahrt besonders im 17. Jahrhundert. 1694 wurde das Gnadenbild wegen der zunehmenden Verehrung in die eigens eingerichtete Gnadenkapelle übertragen. |
| Status: | Lebendiger katholischer Gnaden- und Wallfahrtsort innerhalb der Stiftsbasilika. Die Gnadenkapelle wird weiterhin ausdrücklich als Ziel von Wallfahrern und als Ort stiller Marienverehrung bezeichnet; dort finden regelmäßige Gebetszeiten statt. |
| Kultzentrum: | Das byzantinisierende Marienbild mit dem Jesuskind in der südlichen Gnadenkapelle. Nach der frommen Überlieferung soll es auf ein 1014 von Papst Benedikt VIII. an Kaiser Heinrich II. geschenktes Lukasbild zurückgehen; die heute erhaltene Tafel wird kunsthistorisch in das 13. Jahrhundert datiert. |
| Ort: | Regensburg, Alter Kornmarkt. |
| Bezirk/Region: | Kreisfreie Stadt Regensburg, Regierungsbezirk Oberpfalz. |
| Bundesland: | Bayern. |
| • | Stiftsbasilika Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle, Alter Kornmarkt 8, 93047 Regensburg, Deutschland. Die Kirche liegt wenige Schritte südöstlich des Regensburger Doms im historischen Zentrum der Altstadt. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Bayern |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Öffnungszeiten: täglich ab 6.30 Uhr bis zur Dämmerung; liturgische Feiern und besondere Veranstaltungen können den touristischen Besuch einschränken. |
| • | Kollegiatstift Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Nordportal der Stiftsbasilika Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle am Alten Kornmarkt in Regensburg. Hinter dem zurückhaltenden Äußeren verbirgt sich einer der prächtigsten Rokokoräume Bayerns.

Bildquelle: © Irmgard Neubauer
• Beschreibungstafel zur Alten Kapelle. Solche örtlichen Tafeln sind wertvolle Orientierungshilfen, müssen bei den legendären Frühgeschichten jedoch von der archivalisch und kunsthistorisch gesicherten Überlieferung unterschieden werden.

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• Blick in den Kirchenraum. Die mittelalterliche Basilika wurde im 18. Jahrhundert vollständig in ein weiß-goldenes Rokoko-Gesamtkunstwerk überführt, ohne dass der romanische Grundriss verloren ging.

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• Fresken über den südlichen Langhausarkaden. Das Bildprogramm entfaltet die Geschichte und Heiligenlegenden von Heinrich II. und Kunigunde und verbindet dynastische Erinnerung, Stiftsidentität und Frömmigkeit.

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• Deckengemälde der Rokokoausstattung. Die Fresken des 18. Jahrhunderts sind nicht als historische Bildberichte zu lesen, sondern als bewusst gestaltetes Erinnerungs- und Legitimationsprogramm des Stifts.

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• Rokoko-Hochaltar der Alten Kapelle. Heinrich II. und Kunigunde sind in das Ausstattungskonzept als heiliges Stifterpaar einbezogen; die Marienverehrung bildet den theologischen Mittelpunkt des Raumes.

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• Das Mariengnadenbild in der Gnadenkapelle. Nach der Überlieferung soll es auf ein Geschenk Papst Benedikts VIII. an Heinrich II. von 1014 zurückgehen; das heute erhaltene Bild wird kunsthistorisch in das 13. Jahrhundert datiert.

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• Statue der hl. Kunigunde beim Hochaltar. Die historische Kaiserin war politisch tatsächlich einflussreich; Motive wie die Pflugscharenprobe gehören dagegen zur späteren Heiligenlegende.

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Unweit des Doms St. Peter steht am Alten Kornmarkt die Stiftsbasilika Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle. Hinter dem scheinbar bescheidenen Namen verbirgt sich eines der historisch vielschichtigsten Gotteshäuser Regensburgs. Die Kirche verbindet die Erinnerung an die frühmittelalterliche Königspfalz, die Stiftungsgeschichte Heinrichs II. und Kunigundes, eine bedeutende Marienverehrung, ein mittelalterliches Gnadenbild und eine im 18. Jahrhundert mit außerordentlichem Aufwand geschaffene Rokokoausstattung. Für die Wallfahrtsgeschichte ist jedoch eine klare Trennung notwendig: Nicht jede alte Stiftungstradition ist bereits Wallfahrt, und nicht jede Legende über die Frühzeit darf als historische Nachricht gelesen werden.
Die Alte Kapelle gilt als eine der ältesten Kirchen Regensburgs und wird in älteren Darstellungen häufig sogar als "älteste Kirche Bayerns" oder als "Bayerische Mutterkirche" bezeichnet. Solche Ehrentitel gehören zur jahrhundertelang gepflegten Selbstdeutung des Stifts. Historisch sicher greifbar ist eine Marienkirche an dieser Stelle im 9. Jahrhundert. Eine Urkunde Ludwigs des Deutschen von 875 belegt die königliche Pfalzkapelle und ihr geistliches Umfeld. 967 erscheint bereits die Bezeichnung "antiqua capella", Alte Kapelle, weil der Bau damals offenbar verfallen war. Damit besitzt der Ort tatsächlich ein außerordentlich hohes Alter; die darüber hinausreichenden Erzählungen vom römischen Tempel und von der Taufe des Bayernherzogs gehören jedoch in eine andere Quellenebene.
Die berühmteste Frühgeschichte erzählt, am Alten Kornmarkt habe sich ursprünglich ein römischer Tempel der Göttin Juno befunden. Der heilige Rupert von Salzburg habe diesen Tempel in eine Marienkirche verwandelt und hier den agilolfingischen Herzog Theodo getauft. Von dieser Taufe aus sei die Christianisierung Bayerns entscheidend vorangetrieben worden. Die heutige Mariavermähl-Kapelle in der Nordwestecke der Kirche wurde in der späteren Überlieferung mit jener frühen Kapelle identifiziert.
Für diese Ereignisfolge existiert kein zeitgenössischer Beleg. Der Juno-Tempel ist archäologisch nicht nachgewiesen, und auch die Taufe Theodos an genau diesem Ort lässt sich historisch nicht sichern. Die Legende ist dennoch wichtig, weil sie über Jahrhunderte das Selbstverständnis der Alten Kapelle geprägt hat. In ihr wird ein römischer Kultort in ein Marienheiligtum verwandelt, ein heidnischer Herrscher empfängt die Taufe und die Kirche erscheint als Ausgangspunkt des christlichen Bayern. Gerade im 18. Jahrhundert wurde diese Erzählung bildlich und liturgisch stark betont.
Volkskundlich ist damit weniger die Frage entscheidend, ob sich die Szene tatsächlich so ereignet hat, sondern wie die Legende einen sakralen Ursprungsort konstruiert. Die Alte Kapelle wird nicht einfach als alte Kirche beschrieben, sondern als Ort des Übergangs: von Rom zum Christentum, vom Heidentum zur Marienverehrung und von der herzoglichen Herrschaft zum christlichen Bayern. Diese Deutung verlieh dem Stift einen Rang, der weit über seine tatsächliche institutionelle Bedeutung hinausweisen konnte.
Historisch greifbar wird die Alte Kapelle im karolingischen 9. Jahrhundert. König Ludwig der Deutsche ließ am Regensburger Kornmarkt eine der Gottesmutter geweihte Pfalzkapelle errichten beziehungsweise ausbauen. Sie diente dem Königshof als Gottesdienstraum und als geistliches Zentrum der Pfalz. Nachdem die königliche Residenz später in die Nähe von St. Emmeram verlegt worden war, verlor die Kapelle an Bedeutung und verfiel.
Eine zweite entscheidende Phase begann mit Herzog Heinrich IV. von Bayern, dem späteren Kaiser Heinrich II. Nach seiner Königserhebung 1002 ließ er die Alte Kapelle wiederherstellen und vergrößern. Mit ihm verbindet sich auch die Erneuerung des Kollegiatstifts. 1009 schenkte Heinrich die Kirche dem von ihm gegründeten Bistum Bamberg. Dadurch entstand eine bemerkenswerte kirchenrechtliche Situation: Die Regensburger Alte Kapelle war über Jahrhunderte hinweg eng mit Bamberg verbunden und bildete bis zur Säkularisation eine Bamberger Exklave im Regensburger Raum.
Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde wurden später nicht nur als historische Stifterfiguren, sondern als Heilige verehrt. Heinrich wurde 1146 heiliggesprochen, Kunigunde 1200. Ihre historische Herrschaftstätigkeit und die spätere Hagiographie überlagerten sich zunehmend. Genau diese Doppelrolle erklärt, weshalb das Kaiserpaar im Rokokoprogramm der Alten Kapelle nahezu allgegenwärtig ist.
Im Mittelpunkt der Wallfahrt steht das Marienbild in der südlichen Gnadenkapelle. Es zeigt Maria mit dem Jesuskind in byzantinisierender Form. Maria trägt das Kind auf dem rechten Arm; kunsthistorisch gehört das Bild damit zum Typus der Dexiokratusa. Die religiöse Tradition schreibt dem Bild eine wesentlich ältere Herkunft zu: Der Evangelist Lukas selbst soll es gemalt haben, Papst Benedikt VIII. habe es Heinrich II. bei dessen Kaiserkrönung in Rom 1014 geschenkt, und Heinrich habe es anschließend seiner Regensburger Stiftung überlassen.
Diese Herkunftserzählung ist als fromme Bildtradition zu kennzeichnen. Das heute erhaltene Tafelbild stammt kunsthistorisch aus dem 13. Jahrhundert und kann daher nicht das 1014 übergebene Original gewesen sein. In der Forschung wird angenommen, dass die heutige Tafel möglicherweise eine frühe Kopie oder ein Ersatz für ein älteres Bild darstellt. Eine sichere Kette vom angeblichen päpstlichen Geschenk des Jahres 1014 zum heutigen Bild lässt sich nicht herstellen.
Gerade hier zeigt sich exemplarisch, wie ein Gnadenbild funktioniert. Seine kultische Identität hängt nicht ausschließlich am materiellen Alter des bemalten Holzes. Für die Gläubigen konnte die heutige Tafel die Tradition des Heinrichsbildes fortsetzen, auch wenn das konkrete Objekt jünger war. Die Vorstellung der apostolischen Herkunft durch Lukas und der päpstlich-kaiserlichen Weitergabe verlieh dem Bild eine außergewöhnliche genealogische Würde: Evangelist, Papst, Kaiser und Marienheiligtum wurden in einer einzigen Überlieferungslinie verbunden.
Beim Beginn der eigentlichen Wallfahrt ist besondere Vorsicht nötig. Die heutige Stiftsdarstellung spricht von einer Wallfahrt zum Gnadenbild seit dem 14. Jahrhundert. Tatsächlich gibt es mittelalterliche Hinweise auf Marienverehrung, Ablässe und den besonderen Rang des Bildes. Der Regensburger Kirchenhistoriker Josef Staber hat jedoch darauf hingewiesen, dass daraus noch nicht zwingend eine regelrechte Wallfahrt im späteren Sinn erschlossen werden kann und eine deutliche Wallfahrtsentwicklung erst nach dem Dreißigjährigen Krieg sicher greifbar wird.
Diese unterschiedlichen Bewertungen müssen nicht künstlich gegeneinander ausgespielt werden. Wahrscheinlich ist mit einer langen Entwicklung zu rechnen: mittelalterliche Bildverehrung, zunehmende besondere Anrufung der Gottesmutter und schließlich im 17. Jahrhundert jene intensive Gnadenbildfrömmigkeit, die auch organisatorisch als Wallfahrt sichtbar wird. Im 17. Jahrhundert wurden dem Bild Wunderzeichen und Gebetserhörungen zugeschrieben. Ein Bericht erzählt von einem blind geborenen Knaben, der hier sehend geworden sei. Auch dieser Vorgang ist als Mirakelüberlieferung und nicht als medizinisch überprüfbare Tatsache zu behandeln.
Entscheidend ist das Jahr 1694. Wegen der zunehmenden Verehrung ließ das Stiftskapitel die seit 1344 als Jakobskapelle belegte südliche Seitenkapelle zur Gnadenkapelle umgestalten und übertrug das Marienbild feierlich dorthin. Damit erhielt die Wallfahrt einen eigenen räumlichen Mittelpunkt. Die Trennung vom großen Kirchenraum ermöglichte persönliche Andacht, Gebet und den unmittelbaren Aufenthalt beim Gnadenbild. Noch heute bezeichnet das Kollegiatstift die Gnadenkapelle ausdrücklich als Ziel von Wallfahrern und als Stätte stiller Marienverehrung.
Die Gnadenkapelle bildet innerhalb der großen Basilika einen eigenen Frömmigkeitsraum. Ihre Ausstattung entstand wesentlich im Umfeld der Übertragung des Gnadenbildes. Stuck, Medaillons mit Mariensymbolen, Chorgitter und Gestühl schaffen einen intimeren Raum als das monumentale Hauptschiff. Der Besucher tritt von der Südseite unmittelbar in die Kapelle ein und steht damit zunächst nicht vor dem Hochaltar der Stiftskirche, sondern vor dem Mariengnadenbild.
Diese räumliche Organisation ist für die Wallfahrtsforschung wichtig. Große Kirchen besitzen häufig mehrere liturgische und devotionalen Zentren. In Regensburg ist die monumentale Basilika der Ort des Stiftsgottesdienstes und der repräsentativen Geschichte; die Gnadenkapelle dagegen bündelt die persönliche Marienverehrung. Gerade das schmiedeeiserne Gitter verstärkt den Charakter eines besonders ausgezeichneten, aber zugleich zugänglichen Kultbezirks.
Auch gegenwärtig bleibt dieser Raum liturgisch lebendig. Werktags wird dort die Laudes gebetet, im Oktober findet regelmäßig der Rosenkranz statt. Die Basilika selbst kennt weiterhin Maiandachten und das Patrozinium Mariä Geburt. Damit ist die Gnadenkapelle kein museales Relikt einer vergangenen Wallfahrt, sondern Teil einer fortdauernden Andachtspraxis.
Eine besonders aufschlussreiche Episode für die materielle Geschichte des Kultes begann in der Zeit der Säkularisation. 1810 wurde das Gnadenbild staatlich beschlagnahmt und aus der Alten Kapelle entfernt. Es gelangte zunächst in die Galerie von Schleißheim und später in das Bayerische Nationalmuseum in München. In Regensburg blieb eine Kopie zurück.
Der Vorgang zeigt exemplarisch den Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Wertordnungen. Für die staatliche Sammlungsverwaltung war das Bild ein historisch-künstlerisches Altertum, das museal bewahrt werden sollte. Für Stift und Gläubige war es dagegen ein Gnadenbild, dessen Bedeutung an seine Verehrung am angestammten Ort gebunden war. Die Entfernung bedeutete deshalb nicht bloß einen Eigentumswechsel, sondern einen Eingriff in eine lebendige religiöse Praxis.
Bischof Ignatius von Senestréy und dem Stiftskapitel gelang es schließlich, die Rückgabe zu erreichen. Am 27. April 1864 kehrte das Original feierlich in die Alte Kapelle zurück. Die Rückführung selbst wurde zu einem öffentlichen religiösen Ereignis und erneuerte die Bindung zwischen Bild, Ort und Verehrergemeinschaft. Eine 1864 in Regensburg gedruckte Predigt über das Gnadenbild dokumentiert, wie stark dieser Vorgang religiös wahrgenommen wurde.
Die heutige Wirkung der Alten Kapelle wird wesentlich durch die Umgestaltung des 18. Jahrhunderts bestimmt. Seit 1747 entstand ein außerordentlich reiches Rokokoprogramm. Der Bildhauer Simon Sorg entwarf wesentliche Teile des Ausstattungskonzeptes; Anton Landes schuf Stuckaturen, Christoph Thomas Scheffler und Gottfried Bernhard Göz die Fresken. Der große Hochaltar von Simon Sorg gehört zu den Höhepunkten des Regensburger Rokoko.
Diese Ausstattung war keineswegs nur dekorative Verschönerung. Das Stift beging die Erinnerung an seine Neugründung durch Heinrich II. und musste zugleich seine alte Rechtsstellung gegenüber konkurrierenden kirchlichen Ansprüchen behaupten. Deshalb erzählt der gesamte Kirchenraum Geschichte: Heinrich und Kunigunde erscheinen als Stifter und Heilige, die Übergabe des Gnadenbildes durch Papst und Kaiser wird ins Bild gesetzt, und die legendäre Frühgeschichte erhält monumentale Sichtbarkeit.
Der Rokokoraum ist damit selbst eine historische Quelle – allerdings nicht für die Ereignisse des 7. oder 11. Jahrhunderts, sondern für das Selbstverständnis des 18. Jahrhunderts. Er zeigt, wie das Stift seine Vergangenheit damals sehen und gesehen wissen wollte. Aus unsicherer Überlieferung, mittelalterlicher Heiligenvita und realer Stiftungsgeschichte wurde ein geschlossenes visuelles Programm.
Bei Kunigunde ist eine ähnliche Trennung notwendig wie beim Gnadenbild. Historisch war sie keineswegs bloß die Ehefrau Heinrichs II. Sie wurde am 10. August 1002 in Paderborn zur Königin gesalbt und gekrönt; diese Krönung ist die erste sicher bezeugte Königinnenkrönung im ostfränkisch-deutschen Reich. In Urkunden erscheint sie als "consors regni", als Teilhaberin an der Herrschaft. Sie intervenierte politisch, trat als Fürsprecherin auf und spielte insbesondere während Abwesenheiten Heinrichs sowie beim Herrschaftsübergang nach dessen Tod 1024 eine wichtige Rolle.
Nicht historisch belegt ist dagegen die berühmte Pflugscharenprobe. Nach der späteren Heiligenlegende sei Kunigunde der Untreue beschuldigt worden und zum Beweis ihrer Unschuld barfuß über glühende Pflugscharen gegangen, ohne verletzt zu werden. Zeitgenössische Quellen kennen diese Geschichte nicht; sie entwickelte sich erst im Zusammenhang mit der Heiligenverehrung und Kanonisation. In der Alten Kapelle gehört sie dennoch zum ikonographischen Programm und ist damit ein Zeugnis dafür, wie sich das Bild der historischen Kaiserin in das Bild einer wundertätigen Heiligen verwandelte.
Die frühere Textfassung schrieb Kunigunde außerdem pauschal eine Mitverfasserschaft an ungefähr einem Drittel von mehr als 500 Urkunden Heinrichs zu. Eine solche quantifizierende Aussage lässt sich so nicht halten. Richtig ist, dass ihre Interventionen in zahlreichen Herrscherurkunden nachweisbar sind und ihr politischer Einfluss in der modernen Mediävistik wesentlich höher eingeschätzt wird, als dies ältere, auf den Kaiser konzentrierte Darstellungen erkennen ließen. Aus dieser berechtigten Neubewertung sollte jedoch keine neue Überzeichnung entstehen.
1964 wurde die Alte Kapelle zur Basilica minor erhoben. Im selben Jahr erschienen mehrere Veröffentlichungen, die ausdrücklich den Rang des Ortes als alte Marien- und Wallfahrtsstätte betonten. 1998 fand eine Diözesanwallfahrt zu Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle statt. Im Jahr 2014 beging das Stift ein Jubiläumsjahr "1000 Jahre Gnadenbild", wobei diese Jahreszahl bewusst auf die Überlieferung von der päpstlichen Schenkung 1014 Bezug nimmt und nicht als kunsthistorische Datierung der heute vorhandenen Bildtafel missverstanden werden darf.
Beim Abschluss dieses Jubiläums 2014 sprach der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer davon, sich in die jahrhundertealte Pilgerschar einzureihen. Diese Formulierung entspricht dem heutigen Charakter des Ortes gut: Die Alte Kapelle ist keine Wallfahrt mit den Massenbewegungen eines Altötting, aber die Gnadenkapelle besitzt weiterhin eine reale Pilger- und Andachtsfunktion. Marienfeste, Rosenkranz, Maiandacht, persönliche Gebete und einzelne Wallfahrten halten die religiöse Dimension lebendig.
Eine weitere moderne Erinnerungsschicht kam 2006 hinzu. Papst Benedikt XVI. besuchte die Alte Kapelle während seiner Bayernreise und weihte die neue Orgel, die seither seinen Namen trägt. Der päpstliche Besuch begründete keine neue Wallfahrt, stärkte aber die gegenwärtige Wahrnehmung der Kirche als einen herausragenden katholischen Erinnerungs- und Gottesdienstort Regensburgs.
Volkskundlich ist die Alte Kapelle besonders interessant, weil sich an ihr die Herstellung religiöser Kontinuität über mehr als ein Jahrtausend beobachten lässt. Der Ort besitzt eine historisch alte Kirche, doch seine Bedeutung wird zusätzlich durch Legenden weit in die Vergangenheit zurückverlängert. Ein römischer Tempel, die Taufe des Bayernherzogs, ein vom Evangelisten Lukas gemaltes Bild und die Übergabe durch Papst und Kaiser verbinden Antike, Apostelzeit, Frühmittelalter und Kaisertum zu einer großen Ursprungserzählung.
Daneben steht die konkrete materielle Geschichte: eine Bildtafel des 13. Jahrhunderts, deren Kult sich allmählich verdichtete; die Einrichtung einer eigenen Gnadenkapelle 1694; ein staatlicher Entzug 1810; die feierliche Rückkehr 1864; liturgische Feiern, Jubiläen und heutige Gebetspraxis. Gerade diese materielle Ebene macht deutlich, dass religiöse Tradition nicht nur aus Erzählungen besteht. Sie braucht Orte, Gegenstände, Wege, Wiederholungen, Feste und öffentliche Akte.
Die Alte Kapelle ist deshalb nicht nur wegen ihres Alters und ihres Rokokos bemerkenswert. Sie zeigt exemplarisch, wie Geschichte, Legende, Herrschaft, Kunst und Wallfahrt ineinandergreifen können, ohne dass man sie deshalb miteinander verwechseln darf. Historisch sicher, fromm überliefert und später bildlich inszeniert sind hier unterschiedliche Kategorien. Erst ihre saubere Trennung macht sichtbar, wie reich der Ort tatsächlich ist.
- Betz, Karl-Heinz: Das ikonologische Programm der Alten Kapelle in Regensburg. In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 118 (1977), S. 5-72.
- Betz, Karl-Heinz; Gieß, Harald: Regensburg - Die Stiftskirche Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle. Kleine Kunstführer Nr. 415. 14. Auflage. Regensburg 2013.
- Eberhard, Anton: Das Gnadenbild in der alten Kapelle zu Regensburg. Predigt über die Verehrung der Heiligen, gehalten in der Domkirche zu Regensburg am 23. April 1864. Regensburg: Coppenrath, 1864.
- Kurz, Johann Baptist: Die Alte Kapelle - älteste Wallfahrtskirche Bayerns. In: Der Zwiebelturm 19 (1964), S. 193-216.
- Kurz, Johann Baptist: Das Gnadenbild der Basilika Alte Kapelle. In: Der Zwiebelturm 19 (1964), S. 216-218.
- Schiedermair, Werner (Hg.): Die Alte Kapelle in Regensburg. Regensburg: Schnell & Steiner, 2002.
- Staber, Josef: Kirchengeschichte des Bistums Regensburg. Regensburg: Habbel, 1966.
- Stiftskapitel Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle (Hg.): 1000 Jahre Gnadenbild 1014-2014. Regensburg 2014.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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