| Wallfahrt: | Historisch bedeutende Kreuz- und Wilgefortiswallfahrt zu einer romanischen, bekleideten Christusfigur, die spätestens seit dem frühen 17. Jahrhundert als hl. Wilgefortis beziehungsweise Kümmernis verehrt wurde. Ihre Blüte erreichte die Wallfahrt im 17. und 18. Jahrhundert; aus Hallertau, Dachauer Land und München kamen jährlich zahlreiche Pilgergruppen nach Neufahrn. |
| Status: | Die große historische Wallfahrt erlosch infolge der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Kirche wird jedoch weiterhin offiziell als alte Pfarr- und Wallfahrtskirche Hl. Kreuz - St. Wilgefortis bezeichnet, liturgisch genutzt und als historischer Kultort gepflegt; Wilgefortis und die Kreuzverehrung bleiben Bestandteil der örtlichen Erinnerung und des Kirchenjahres. |
| Kultzentrum: | Das romanische, wohl um 1100 beziehungsweise im 12. Jahrhundert entstandene bekleidete Christusbild im Hochaltar, dessen mittelalterlicher Bildtyp in Neufahrn später als weibliche Heiligengestalt Wilgefortis/Kümmernis gedeutet wurde. Hinzu kommen die sieben gotischen Bildtafeln von 1527 mit der lokalen Ankunfts- und Mirakelüberlieferung. |
| Ort: | Neufahrn bei Freising. |
| Bezirk/Region: | Landkreis Freising, Regierungsbezirk Oberbayern. |
| Bundesland: | Bayern. |
| • | Alte Pfarr- und Wallfahrtskirche Hl. Kreuz - St. Wilgefortis, Dietersheimer Straße 19, 85375 Neufahrn bei Freising, Deutschland. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Bayern |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Öffnungszeiten: Die Alte Kirche wird weiterhin regelmäßig für Gottesdienste genutzt. Die Zugänglichkeit außerhalb der Gottesdienstzeiten kann wechseln; aktuelle Hinweise sind bei der Pfarrei St. Franziskus von Assisi in Neufahrn zu erfragen. |
| • | Pfarrei St. Franziskus von Assisi - St. Wilgefortis |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Außenansicht der Alten Pfarr- und Wallfahrtskirche Hl. Kreuz - St. Wilgefortis in Neufahrn bei Freising. Hinter dem vergleichsweise zurückhaltenden Äußeren verbirgt sich eine außergewöhnlich reiche barocke Ausstattung, die wesentlich aus der Blütezeit der Wilgefortiswallfahrt im 17. und 18. Jahrhundert hervorgegangen ist.

Bildquelle: © Irmgard Neubauer
• Das historische Steinkreuz im alten Kirchenfriedhof. Die Ortslegende verbindet es mit dem Zug des wundertätigen Kreuzbildes nach Neufahrn und erzählt, die Ochsen seien an dieser Stelle stehen geblieben. Kunsthistorisch wird das Steinmonument dagegen als altes Sühnekreuz gedeutet; die Verknüpfung mit der Wallfahrtslegende ist daher als nachträgliche örtliche Deutung zu verstehen.

Bildquelle: © Irmgard Neubauer
• Informationstafel beim historischen Sühnekreuz. Sie trennt ausdrücklich die Ortslegende von der kunsthistorischen Deutung des Steinmonuments und ist damit selbst ein interessantes Beispiel dafür, wie lokale Überlieferung und historische Forschung heute nebeneinander vermittelt werden.

Bildquelle: © Irmgard Neubauer
Die Alte Pfarr- und Wallfahrtskirche in Neufahrn bei Freising gehört zu jenen Kultorten, an denen sich besonders gut beobachten lässt, wie sich die Bedeutung eines religiösen Bildes im Lauf der Jahrhunderte verändern kann. Im Zentrum steht eine bekleidete, gekrönte Christusfigur am Kreuz, ein mittelalterlicher Typ des triumphierenden beziehungsweise herrschenden Christus. Die Figur wurde in Neufahrn spätestens seit dem frühen 17. Jahrhundert nicht mehr ausschließlich als Christusbild verstanden, sondern als Darstellung der legendären hl. Wilgefortis, im deutschen Sprachraum meist Kümmernis genannt. Aus dieser Umdeutung entwickelte sich eine der bedeutendsten süddeutschen Wilgefortiswallfahrten.
Für die Geschichte des Ortes ist gerade die zeitliche Abfolge entscheidend. Die lokale Legende von der wunderbaren Ankunft des Kreuzes und seinen ersten Mirakeln ist bereits 1527 auf sieben gotischen Bildtafeln dargestellt. Diese Tafeln nennen die Figur noch nicht Wilgefortis, sondern sprechen schlicht vom "pilt", also vom Bild. Erst im frühen 17. Jahrhundert lässt sich die Identifikation mit der Kümmernis- beziehungsweise Wilgefortislegende eindeutig nachweisen. Damit liegt in Neufahrn ein ungewöhnlich anschauliches Beispiel dafür vor, wie ein älterer Bildkult eine neue hagiographische Deutung aufnehmen und dadurch eine zweite, sehr erfolgreiche Kultphase entwickeln konnte.
Das Kultbild im Hochaltar ist ein bekleideter Herrscher-Christus am Kreuz. Seine Grundform wird in die Zeit um 1100 beziehungsweise in das 12. Jahrhundert datiert. Christus erscheint nicht als der seit der Gotik vertraute leidende Schmerzensmann mit entblößtem Oberkörper und Dornenkrone, sondern in einem langen Gewand und mit Krone. Dieser Bildtypus betont weniger das körperliche Leiden als die königliche Würde Christi. Gerade das lange Gewand wurde später zu einer wesentlichen Voraussetzung dafür, die Figur als weibliche Heiligengestalt zu deuten.
Die heute sichtbare Skulptur darf allerdings nicht ohne Einschränkung als vollständig erhaltenes romanisches Original angesprochen werden. Nach der kirchlichen und kunsthistorischen Dokumentation wurde das Kreuz bei einem schweren Kirchenbrand 1580 erheblich beschädigt. Als sicher mittelalterliche Originalschnitzarbeit gilt vor allem der weitgehend erhaltene Oberkörper; andere Partien wurden ergänzt oder bei späteren Restaurierungen verändert. Die heutige romanisch wirkende Fassung beruht wesentlich auf den Restaurierungen von 1933 und 1989. Diese Schichtung ist für das Verständnis des Kultbildes wichtig: Verehrt wurde über Jahrhunderte nicht ein unverändert konserviertes Museumsobjekt, sondern ein immer wieder repariertes, neu gefasstes und religiös neu interpretiertes Bild.
Sieben spätgotische Bildtafeln aus dem Jahr 1527, heute auf Chor und Florianskapelle verteilt, erzählen die lokale Herkunfts- und Mirakelgeschichte des Kreuzes. Nach dieser Überlieferung sei das Bild auf der Isar entgegen der Strömung getrieben. Zwei Holzfäller, die in der Au bei Mintraching arbeiteten, hätten es entdeckt. Beim Bergen habe einer der Männer die Figur mit seiner Axt verletzt, worauf aus dem Bild Blut geflossen sei. Ein Bischof habe das Kreuz daraufhin erhoben und auf einen Wagen legen lassen; zwei Ochsen hätten es nach Neufahrn gezogen.
Die Tafeln berichten weitere Wunder. Bei einer erneuten Verletzung des Corpus sei wiederum Blut ausgetreten. Einer blinden Frau und einem körperlich beeinträchtigten Mann sei Hilfe zuteilgeworden. Besonders aufschlussreich ist die Erzählung von einem Maler, der das Gewand der Figur als königliches Kleid rot gefasst habe. Nach der Legende sei er daraufhin erblindet und erst wieder sehend geworden, nachdem er gelobt hatte, die ursprüngliche grün-blaue Farbgebung wiederherzustellen. Solche Erzählungen sind keine historischen Protokolle medizinisch oder naturwissenschaftlich überprüfbarer Vorgänge. Als Mirakelerzählungen zeigen sie vielmehr, welche Eigenschaften dem Bild zugeschrieben wurden: Es galt als eigenmächtig handelndes Heiligtum, das seinen Standort, seine Behandlung und sogar seine angemessene farbliche Erscheinung durch wunderbare Zeichen zu behaupten vermochte.
Das später häufig genannte Jahr 1397 als Zeitpunkt der Ankunft ist nicht zeitgenössisch belegt. Es wurde nach heutigem Kenntnisstand erst 1797 vom Neufahrner Benefiziaten Franz Anton Reithmayr ausdrücklich genannt. Die Tafeln von 1527 sind wesentlich älter und bezeugen, dass die Ankunfts- und Wunderlegende zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig ausgebildet war; ein genaues historisches Ankunftsjahr lässt sich daraus jedoch nicht gewinnen.
Die sieben Tafeln von 1527 sind zugleich deshalb wichtig, weil auf ihnen noch keine bärtige Königstochter Wilgefortis erscheint. Die Figur wird als wunderwirkendes Kreuzbild verstanden. Die bekannte Wilgefortislegende erzählt dagegen von einer christlichen Königstochter, die gegen ihren Willen mit einem heidnischen Herrscher verheiratet werden sollte. Sie habe Christus um Rettung gebeten, worauf ihr ein Bart gewachsen sei; der erzürnte Vater habe sie schließlich kreuzigen lassen. Historisch ist Wilgefortis keine belegbare Märtyrerin der Antike oder des Mittelalters, sondern eine legendäre Heiligengestalt, deren Kult in verschiedenen Regionen Europas unterschiedliche Namen und Erzählformen annahm.
In Neufahrn ist der Übergang ungewöhnlich gut fassbar. Im Jahr 1607 schrieb der Benefiziat Gregorius Hörll die Wilgefortislegende in ein Messbuch ein. Zu diesem Zeitpunkt war die ältere Kreuzverehrung offenbar bereits mit der Erzählung von der gekreuzigten Jungfrau verbunden worden. Die äußerliche Voraussetzung lag unmittelbar vor Augen: Der Neufahrner Christus trägt ein langes Gewand und eine Krone. Eine solche Figur konnte einem Betrachter, dem der ältere Typ des bekleideten Herrscher-Christus nicht mehr vertraut war, wie eine gekreuzigte Frau erscheinen.
Ältere volkskundliche Forschung, besonders das grundlegende Werk von Gustav Schnürer und Joseph M. Ritz aus dem Jahr 1934, erklärte den Kümmerniskult weitgehend aus der Umdeutung bekleideter Christusbilder vom Typ des Volto Santo von Lucca. Diese Forschung bleibt für das Material und die Verbreitungsgeschichte wichtig, während die europäische Entwicklung des Wilgefortiskultes heute differenzierter beurteilt wird. Für Neufahrn selbst ist jedoch die sekundäre Umdeutung des konkret vorhandenen romanischen Christusbildes durch die örtlichen Quellen sehr überzeugend dokumentiert.
Spätestens im 17. Jahrhundert war Neufahrn als Wilgefortis- oder Kümmerniswallfahrt fest etabliert. Gregorius Hörll erklärte, innerhalb von fünfzehn Jahren 45 Mirakel erlebt beziehungsweise registriert zu haben. Solche Angaben müssen als zeitgenössische Mirakelüberlieferung gelesen werden; sie belegen in erster Linie die Intensität der Erwartungshaltung und die institutionelle Sammlung von Gebetserhörungen. Die Wallfahrt zog Menschen aus einem erstaunlich weiten regionalen Umfeld an. Nach der örtlichen kirchlichen Überlieferung kamen in der Blütezeit jährlich bis zu etwa fünfzig Pilgergruppen aus der Hallertau, dem Dachauer Land und aus München.
Volkskundlich besonders bemerkenswert ist die soziale Breite der Verehrung. Bauern, Mägde und Knechte, Handwerker, aber auch Angehörige höherer Schichten suchten in Neufahrn Hilfe. Kümmernis wurde dabei besonders als Patronin weiblicher Sorgen und in der örtlichen Tradition auch der Mägde verstanden. Der Name "Kümmernis" selbst bot eine nahezu programmatische Möglichkeit, persönlichen "Kummer" an die Heilige heranzutragen. Solche sprachlichen und funktionalen Zuordnungen sind für die Volksfrömmigkeit wichtiger als die Frage, ob die legendäre Biographie einer historischen Person entspricht.
Auch hochrangige Pilger und Stifter erscheinen in der Überlieferung. Der Freisinger Fürstbischof Veit Adam von Gepeckh pilgerte während des Dreißigjährigen Krieges dreimal nach Neufahrn. Die bayerische Kurfürstin Maria Anna erkundigte sich wiederholt nach dem Kultbild und stiftete für den neuen Hochaltar 100 Dukaten. Der 1660/61 errichtete Hochaltar nahm das Wilgefortis-Kreuz in sein Zentrum auf. Damit wurde die verehrte Figur nicht nur liturgisch, sondern auch architektonisch und bildkünstlerisch zum Mittelpunkt des Kirchenraumes.
Die heutige außerordentliche Ausstattung der Kirche ist ohne die Wallfahrt kaum zu erklären. Neufahrn war lange ein landwirtschaftlich geprägter und wirtschaftlich nicht besonders wohlhabender Ort, doch die Wallfahrt brachte Opfergaben, Stiftungen und Aufmerksamkeit. 1715 ließ der Weihenstephaner Abt Ildephons Huber den damals noch stark gotisch geprägten Kirchenraum barockisieren. Die gotischen Gewölberippen wurden entfernt, die Fenster verändert und die Raumschale mit reichem Rankenstuck ausgestattet.
Der Hochaltar von 1660/61, später farblich der barocken Raumfassung angepasst, gehört zu den bedeutenden Ausstattungsstücken. Die mächtigen Figuren stehen bereits dem Barock nahe, während der architektonische Aufbau noch Züge der Spätrenaissance besitzt. Drei weitere Seitenaltäre sind der Heiligen Familie, den Jungfrauen Barbara, Ursula und Katharina sowie dem hl. Florian gewidmet. Die heutige Erscheinung des Innenraumes wurde bei der umfassenden Restaurierung von 1984 bis 1991 auf die Fassung des Jahres 1715 zurückgeführt und macht damit bewusst jene Epoche sichtbar, in der die Wallfahrt ihren Höhepunkt erreicht hatte.
Zum historischen Wallfahrtsensemble gehörte auch eine Leonhardskapelle beim Kirchenfriedhof. Die örtliche Überlieferung stellt dabei eine interessante funktionale Nachbarschaft her: Wilgefortis beziehungsweise Kümmernis wurde besonders von Mägden und bei persönlichen Nöten angerufen, Leonhard war als Viehpatron für die bäuerliche Lebenswelt von zentraler Bedeutung. In einer ländlichen Wallfahrt konnten sich damit menschliche Sorgen, Dienstverhältnisse, Krankheit, familiäre Not und die Sorge um das Vieh in unmittelbarer räumlicher Nähe begegnen.
Nach der Säkularisation wurde die Leonhardskapelle umgebaut und später als Schul- und Mesnerhaus genutzt. Die materielle Struktur des alten Wallfahrtsplatzes veränderte damit ihre Funktion, blieb aber im Ortsbild erhalten. Solche Funktionswechsel gehören zur Nachgeschichte vieler ehemals stark besuchter Wallfahrtsstätten und sind selbst Teil ihrer Kulturgeschichte.
Vor beziehungsweise beim alten Kirchenfriedhof steht heute ein historisches Steinkreuz, das in der lokalen Überlieferung mit der Ankunft des Wilgefortis-Kreuzes verbunden wird. Nach der Ortslegende bezeichnete es jene Stelle, an der die Ochsen, die das wundertätige Bild nach Neufahrn zogen, nicht mehr weitergehen wollten. Dieses Motiv des stehenbleibenden Zugtieres ist in europäischen Gründungs- und Gnadenbildlegenden weit verbreitet: Das Tier zeigt durch sein Verhalten den vom Heiligtum selbst gewählten Standort an. Für die Wallfahrtsforschung ist gerade diese Erzählstruktur interessant, weil sie den späteren Kirchenplatz als nicht beliebig, sondern sakral bestimmt erklärt.
Das Neufahrner Steinkreuz selbst lässt sich jedoch nicht als Beweis für die Legende verwenden. Kunsthistorisch wird es als altes Sühnekreuz gedeutet, das ursprünglich zur Buße beziehungsweise Erinnerung an eine schwere Missetat errichtet worden sein dürfte. Es stand früher am alten Freisinger Weg, wurde später wegen der Bebauung versetzt und 2013 in den Bereich des alten Kirchenfriedhofes gebracht. Die heutige Informationstafel trennt deshalb ausdrücklich zwischen Ortslegende und kunsthistorischer Einordnung. Gerade diese Doppelüberlieferung macht das Objekt volkskundlich reizvoll: Ein älteres, ursprünglich anders funktionierendes Steinmal wurde in der lokalen Erinnerung nachträglich in die Wallfahrtslegende integriert.
Mit der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts brach die überregionale Wallfahrt ab. Die kirchliche Darstellung spricht davon, dass die Wallfahrt 1803 verboten wurde und in der Folge erlosch. Damit endete die Epoche, in der Jahr für Jahr große Gruppen nach Neufahrn zogen, nicht jedoch die Erinnerung an den Kult. Das Kreuz blieb im Hochaltar, die Bildtafeln blieben erhalten, die Kirche behielt ihre Ausstattung, und der Name Wilgefortis blieb mit Ort und Gotteshaus verbunden.
Auch die Patrozinien spiegeln diese wechselvolle Geschichte. Die Kirche war zunächst dem Apostel Bartholomäus, später dem Heiligen Geist und dann Wilgefortis zugeordnet. 1921 wurde sie wieder als Heilig-Geist-Kirche bezeichnet; seit 1991 trägt sie das Doppelpatrozinium Hl. Kreuz und St. Wilgefortis. Die heutige Pfarrei führt sie weiterhin ausdrücklich als alte Pfarr- und Wallfahrtskirche. Damit ist Neufahrn heute weniger eine große lebendige Gruppenwallfahrt als ein historischer Wallfahrtsort mit fortdauernder liturgischer Nutzung und bewusster Kultpflege.
Neufahrn ist für die religiöse Volkskunde gerade deshalb außergewöhnlich, weil sich mehrere Prozesse in einem einzigen Ensemble beobachten lassen. Zunächst steht ein mittelalterliches Christusbild, dessen ursprüngliche Ikonographie für spätere Generationen zunehmend fremd wurde. Um dieses Bild bildete sich eine lokale Ankunfts- und Mirakellegende, die 1527 in einem umfangreichen Tafelzyklus fixiert wurde. Im frühen 17. Jahrhundert wurde dieselbe Figur mit einer ganz anderen, international verbreiteten Heiligenlegende verbunden und fortan als Wilgefortis beziehungsweise Kümmernis verehrt. Diese neue Deutung erwies sich als außerordentlich wirksam und trug wesentlich zur barocken Blüte des Ortes bei.
Dabei wäre es zu einfach, die Verehrung lediglich als "Irrtum" ungebildeter Menschen abzutun. Historisch lag zwar tatsächlich eine ikonographische Umdeutung vor; volkskundlich entstand daraus jedoch eine reale religiöse Praxis mit eigenen Pilgerwegen, sozialen Gruppen, Gebeten, Mirakelberichten, Stiftungen und Erinnerungsformen. Für die Wallfahrer war entscheidend, dass das Bild als wirksamer Ansprechpartner in konkreter Not erfahren wurde. Die kulturelle Bedeutung des Ortes liegt daher gerade in der Spannung zwischen kunsthistorischer Identifikation des Bildes und religiöser Aneignung durch Generationen von Pilgern.
Auch das Sühnekreuz zeigt denselben Mechanismus auf einer kleineren Ebene. Ein Steinmal mit vermutlich anderer ursprünglicher Funktion wurde von der Ortsüberlieferung in die Geschichte des Gnadenbildes aufgenommen. Bild, Legende, Landschaft und materielle Zeugnisse wurden so zu einem zusammenhängenden Erinnerungsraum. Neufahrn dokumentiert damit in ungewöhnlicher Dichte, wie Wallfahrt nicht allein aus einem kirchlich definierten Kult entsteht, sondern aus dem fortgesetzten Zusammenspiel von Bildern, Erzählungen, Orten, sozialen Bedürfnissen und religiösen Handlungen.
- Schnürer, Gustav; Ritz, Joseph M.: Sankt Kümmernis und Volto Santo. Studien und Bilder. Forschungen zur Volkskunde, Heft 13-15. Düsseldorf: L. Schwann, 1934, XV, 341 S.
- Friesen, Ilse E.: The Female Crucifix: Images of St. Wilgefortis Since the Middle Ages. Waterloo, Ontario: Wilfrid Laurier University Press, 2001. Besonders zum bayerischen Kult und zu Neufahrn.
- Erzbischöfliches Ordinariat München und Freising / Pfarrei St. Franziskus von Assisi, Neufahrn: historische Dokumentation zur Alten Pfarr- und Wallfahrtskirche Hl. Kreuz - St. Wilgefortis, zum romanischen Kreuz, zu den Bildtafeln, zur Wallfahrt und zur Baugeschichte.
- Heimat- und Geschichtsverein Neufahrn e. V.: Dokumentationen zur Geschichte der Wilgefortiswallfahrt, zum historischen Sühnekreuz und zum alten Kirchenfriedhof.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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