Kloster Frauenchiemsee, Frauenwörth
Zur ca 12 ha großen Fraueninsel, die gerade mal 300 Meter breit und 600 m lang ist, kommt man nur mit einem Schiff, entweder von Prien oder von Gstadt aus. Das Kloster Frauenwörth auf der Fraueninsel nimmt dabei etwa ein Drittel der Gesamtfläche der Insel ein. Die Insel ist vermutlich bereits seit der Steinzeit besiedelt.
Schon seit dem 7. Jahrhundert lebten und arbeiteten hier Frauen zusammen, die ersten beiden Jahrhunderte offenbar in einer losen Gemeinschaft ohne kirchliche Regeln, Klausur oder Gelübde. Vermutlich war es eines der damals so zahlreichen adeligen Damenstifte, welches wohlhabenden Frauen ein religiöses Leben in einem standesgemäßen Rahmen ermöglichte, ohne sich klösterlichen Regeln wie eben der Klausur, einem Gelübde oder männlicher Vormundschaft zu unterwerfen.
Der Baiernherzog Tassilo III. (746-788) scheint sich von den ansässigen Frauen wohl etwas mehr Frömmigkeit gewünscht zu haben und so gründete er 782 hier das Kloster Frauenwörth. Nach dem Sturz der Agilolfinger wurde das Kloster 788 in ein karolingisches Reichskloster umgewandelt: Damit verfügten nunmehr die Karolinger über die Klostergüter und das Recht über die Einsetzung der Äbtissin. Das hieß, dass das Kloster Frauenwörth nun reichsunmittelbar war, was bedeutete, dass es nur direkt und unmittelbar dem Kaiser unterstand. Die ihm vorstehende Äbtissin war somit im Reichstag vertreten und konnte dadurch auch in Sachen der Reichspolitik mitbestimmen: Eine mächtige Position für eine Frau in der damaligen Zeit. König Ludwig der Deutsche, der seit 826 auch Bayern regierte, nutzte diese Chance und setzte um 850 seine Tochter Irmingard als erste Äbtissin auf Frauenwörth ein.
Irmingard sollte das Kloster Frauenwörth, das mittlerweile halb verfallen war, wieder aufbauen und auch weit größer ausbauen. Offenbar lebten die dortigen Frauen immer noch nicht (oder vielleicht auch mittlerweile nicht mehr) nach klösterlichen Regeln, wie auch immer: Irmingard führte die Benediktinerregel ein. Weil das Kloster nunmehr reichsunmittelbar war, folgten daraus zahlreiche Freiheiten und Privilegien: Es genoss kirchliche Immunität – ein rechtlicher Sonderstatus im Mittelalter, welche Abgaben- und Steuerfreiheit bedeutete; das Kloster war vor weltlichen Eingriffen geschützt, und konnte selbst große Gebiete innerhalb ihrer Landeshoheit erwerben.
Irmingard war eine tüchtige und tatkräftige Frau, sie brachte das mittlerweile baufällige und sanierungsbedürftige Kloster auf Vorderfrau. Durch ihr energisches Vorantreiben des Aus- und Weiterbaus des Klosters schuf sie viele Arbeitsplätze in der Gegend und es heißt, dass es während ihrer Zeit als Äbtissin im ganzen Chiemgau keinen Hunger, keine Not, keine Armut und kein Elend gegeben hatte. Mildtätige Gaben wie Almosen an Bedürftige waren nicht notwendig, denn dank Irmingards reger Bautätigkeit (und vermutlich auch anderer Arbeitsaufträge) gab es schlichtweg keine Bedürftigen – alle Menschen in dieser Gegend hatten genügend Arbeit und Brot.
Die Äbtissin Irmingard galt daher bereits zu ihren Lebzeiten als Beschützerin der Menschen im ganzen Chiemgau. Irmingard wurde leider nicht sehr alt, sie starb ca. 33-jährig am 16. Juli 866. Ihre Mitschwestern bestatteten sie in einer marmornen Gruft unter dem südwestlichen Pfeiler des Hauptschiffes im Kloster, den Sarg ließen sie fest ins Fundament des Gotteshauses einmauern. Nach ihrem frühen Tod im Jahr 866 wurde sie erst recht wie eine Heilige verehrt. Selig gesprochen wurde sie aber erst nach mehr als tausend Jahren: 1929 erkannte Papst Pius XI.die schon jahrhundertelang gelebte Irmingard-Verehrung endlich offiziell an und sie sprach sie selig.
Irmingards Totenruhe wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrmals gestört: Die erste Öffnung ihres Grabes fand 1004 statt, dabei wurde ihr Kopf ins nahegelegene Kloster Seeon gebracht, man erhoffte sich damit wohl einen Anstieg der öffentlichen Verehrung (und damit viel Geld, das die PilgerInnen bringen sollten). Wider Erwarten kam es nicht dazu, und so wurde die ganze Angelegenheit über all die vielen Jahre sowohl in Seeon als auch in Frauenwörth vergessen. Die spätere Äbtissin von Frauenwörth, Maria Magdalena Haidenbucher, veranlasste 1631 die Überbringung der sterblichen Überreste Irmingards in die Apostelkapelle (nunmehr Irmingardkapelle), um das Andenken an Irmingard zu bewahren und um ihre Verehrung zu fördern.
Umso überraschter waren alle, als man damals (im Oktober 1631) ihre sterblichen Überreste aus ihrem ursprünglichen Grab erhob: Irmingards Kopf – vom ansonsten unversehrten Skelett – fehlte. Denn der lag schließlich noch in Seeon. Zehn Jahre später, 1641, erteilte die Äbtissin Maria Magdalena Haidenbucher den Auftrag für die Anfertigung eines Sarkophags aus rotem Marmor, welcher außen von einem bemalten Holzgehäuse umgeben ist: Das Hochgrab der seligen Irmingard steht seither vor dem Mittelpfeiler der Empore.
Im Rahmen ihres Seligsprechungsprozesses, der 1922 eingeleitet wurde, wurde ihr Grab nunmehr zum dritten Mal geöffnet und dabei ihr Schädel aus Seeon ins Kloster Frauenchiemsee zurückgebracht: Irmingards sterbliche Überreste (Skelett und Schädel) wurden in einen gläsernen Schrein im Unterbau des Altars in der mittlerweile nach ihr benannten Irmingard-Kapelle umgebettet. Allerdings wusste damals niemand, ob es denn nun auch tatsächlich Irmingards Kopf war. Erst 2003 konnte mittels einer DNA-Analyse, die im Kloster Seeon stattfand, der wissenschaftliche Beweis erbracht werden, dass dieser Schädel und dieses Skelett tatsächlich zu ein und derselben Person gehören. In einer feierlichen Zeremonie wurden Irmingards Skelett samt ihrem Schädel im April 2003 endgültig in der Klosterkirche Frauenwörth zusammengeführt, wo sie im oben erwähnten gläsernen Schrein in der nach ihr benannten Kapelle in der Klosterkirche Frauenchiemsee ruht. 1929 erkannte Papst Pius XI.die schon jahrhundertelang gelebte Irmingard-Verehrung endlich offiziell an und sprach sie selig.
Zurück zur Geschichte des Klosters: Bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts gehörte die Abtei noch dem Reich. Doch im Jahr 1062 schenkte König Heinrich IV. das Kloster mit all seinen Rechten und Privilegien dem Erzbischof von Salzburg. Somit verlor das Kloster seinen Status der Reichsunmittelbarkeit und damit alle Privilegien, die damit verbunden waren. Verständlicherweise waren die Ordensfrauen damit nicht einverstanden und nur wenige Jahre später (1077) nahm Heinrich IV. das Kloster wieder in königlichen Besitz. In einem feierlichen Privileg von 1141 bestätigte Papst Innocenz II. diesen Status. Grund war der sogenannte Investiturstreit, der letztendlich ein Machtkampf zwischen dem deutschen König und dem Papsttum war. Es ging letztlich um das Verhältnis von geistlicher Macht und weltlicher Macht – eine Angelegenheit, die heutzutage nicht mehr einfach zu verstehen ist.
Die reichsunmittelbare Stellung verlor das Frauenkloster erneut im 13.Jhdt, als König Philipp im Jahr 1201 das Kloster dem Erzbischof von Salzburg schenkte, der fortan das geistliche und weltliche Oberhaupt des Klosters war. Als letzten Rest der ehemaligen Reichsunmittelbarkeit durfte das Kloster Frauenchiemsee die Bezeichnung „Königliches Stift und adeliges Kloster“ tragen und war damit nur mehr ausschließlich den reichen Töchtern des Adels vorbehalten. Das blieb bis zur Säkularisierung im Jahr 1803 so.
Das Kloster Frauenchiemsee wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrmals zerstört: Im frühen 10. Jahrhundert wurde es durch einen Brand vernichtet, erst im 11. Jahrhundert wurde die Kirche und die restlichen Klostergebäude neu errichtet. Um den damaligen Neubau bzw. die Renovierung zu finanzieren, wurde die Wallfahrt zum Grab von Irmingard forciert. Um 1300 kam es erneut zu einem schweren Brand, der umfangreiche Renovierungen erforderte. Auch für die Jahre 1491 und 1572 sind in schriftlichen Quellen Brände dokumentiert. Ein Feuer von 1491 zerstörte die neue Kirche und die Klostergebäude, auch große Teile der Bibliothek gingen dabei verloren. Irmingards sterbliche Überreste überstanden all diese Katastrophen unbeschadet.
Im 30-jährigen Krieg (1618-1648) zeigte die damalige Äbtissin von Frauenwörth, Maria Magdalena Haidenbucher, großen Mut: Kurz entschlossen nahm sie sämtliche Bewohnerinnen der Frauenkonvente von anderen bairischen Frauenkonventen auf, so wurde das Kloster Frauenchiemsee zur Zufluchtsstätte vieler Klosterfrauen, die sich vor den anrückenden Heerestruppen in Sicherheit bringen wollten. 1648 wurde es dann auch für das Kloster Frauenchiemsee richtig brenzlig: Die schwedischen Soldaten, die plündernd, vergewaltigend und mordend vorrückten und auch vor Frauenklöstern nicht Halt machen, waren schon am Inn bei Wasserburg und Rosenheim, also nur mehr wenige Kilometer vom Chiemsee entfernt. Während die Mönche der Männerklöster Herrenchiemsee, Seeon und Baumburg die Flucht ergriffen, hielt die mittlerweile siebzigjährige Äbtissin von Frauenwörth beherzt die Stellung. Ihre Mitschwestern wollte sie allerdings nicht den marodierenden Soldaten ausliefern, sondern schickte diese samt den Kirchenschätzen, Heiligtümern und Dokumenten kurzerhand nach Salzburg und Tirol, wo sie sie in Sicherheit wägte.
Zum Glück regnete es tagelang sehr stark und durch das daraus entstehende Hochwasser des Inns konnten die schwedischen Soldaten nicht weiter marschieren und so blieb das Kloster Frauenchiemsee von ihnen verschont. Über all diese Begebenheiten dieser schrecklichen Zeit wissen wir so viel, weil die damalige Äbtissin Maria Magdalena Haidenbucher akribisch ein Tagebuch führte: das „Geschicht Büch de Anno 1609 biß 1650“.
1648 kehrte endlich Frieden ein, der mühsam errungene Westfälische Friede beendete den 30 Jahre lang andauernden Krieg, der als Glaubenskrieg zwischen Katholiken und Protestanten begonnen hatte, mit den Jahren aber zu einem Krieg um die territorialen Machtverhältnisse in Europa mutierte. Das kostete immens viele Opfer: 33% Prozent der Stadtbevölkerung und ca. 40% der Landbevölkerung waren allein im damaligen Deutschen Reich durch Krieg, Hunger und Pest ums Leben gekommen.
Zwei Jahre, nachdem endlich wieder Frieden ins Land einkehrte, starb die Äbtissin Maria Magdalena Haidenbucher, mittlerweile 74 jährig – ein durchaus stolzes Alter für die damalige Zeit. Mit großem Geschick, einer gehörigen Portion Mut und Kühnheit und weiblicher Umsicht führte sie ihr Kloster durch schwierige und turbulente Zeiten – und das mit großem Erfolg.
1803 macht die Säkularisierung auch vor dem Kloster Frauenwörth nicht Halt. Damals lebten noch sechzehn Chorfrauen und dreizehn Laienschwestern im Kloster. Der Staat löste das Kloster auf und deklarierte es zum Aussterbekloster. Die nunmehr in staatlichen Besitz übergegangenen Grundstücke auf dem Festland wurden verkauft, auch das Brauhaus und andere Wirtschaftsgebäude, die sich auf dem Festland befanden. Das gesamte Klosterinventar wurde versteigert und ein Teil davon gelangte in staatliche Bibliotheken wie z.B. in die Hof- und Staatsbibliothek München oder in Archive wie das Hauptstaatsarchiv München oder verschiedene Gemäldesammlungen. Viele Archivalien gingen dabei jedoch leider auch verloren. Leider konnten leider nur sehr wenige Bücher der Klosterbibliothek gerettet werden. Als besonders traurig wurde von den Klosterfrauen (und auch den Insel-BewohnerInnen) erlebt, dass im Rahmen der Säkularisierung auch die berühmte Renaissance-Glocke aus dem Jahr 1573 zerstört wurde.
Wenngleich auch die dort verbliebenen Nonnen zwar bis zu ihrem Lebensende weiterhin noch dort wohnen (jedoch keine neuen Nonnen bzw. Novizinnen mehr aufnehmen) durften, bedrohte die Tatsache, das Kloster aussterben lassen zu müssen, auch die soziale Absicherung der einheimischen InsulanerInnen. Schließlich war das Kloster eine wichtiger Wirtschaftsfaktor und sorgte in der Vergangenheit durch seine zahlreichen Aufträge für Arbeitsplätze auf der Insel, denn nicht alles konnte selbst gebaut oder renoviert, erzeugt und verarbeitet werden. Damit war es nun vorbei.
Nachdem für die weitere Nutzung des Klosters nach der erfolgten Säkularisierung leider keine Verwendung und auch keine andere befriedigende Lösung gefunden werden konnte, stellten 1836 auswärtige Klosterfrauen an König Ludwig I. ein Gesuch zur Überlassung der Räumlichkeiten. Dieser unterstützte die Wiedererrichtung von Benediktinerklöstern in Bayern.
1838 lebten hier nur mehr fünf Klosterfrauen, die die Zeiten der Säkularisierung überstanden hatten. Mit der Auflage, in Zukunft etwas für das Gemeinwohl zu tun (die Klosterfrauen sollten sich nunmehr der Mädchenerziehung widmen), wurde das Kloster formell wiederhergestellt. Mit einem staatlichen (und stattlichen) Zuschuss von 36.000 Gulden wurde das Kloster 1838 wiedereröffnet. Die Benediktinerinnen betrieben in der Zeit von 1838 bis 1995 – mit Unterbrechungen während der nationalsozialistischen Zeit – eine Hauswirtschaftsschule mit angeschlossenem Internat, ab 1930 eine Mädchenrealschule, seit 1963 ein Gymnasium (ab 1971 auch für Buben zugelassen). Wegen sinkender SchülerInnenzahlen sowie fehlender Erzieherinnen und Lehrerinnen und den daraus resultierenden finanziellen Schwierigkeiten mussten diese aufgelassen werden.
Heute hat sich das Kloster als Seminarort für Erwachsenenbildung eine Namen gemacht: Hunderte von Seminaren pro Jahr werden hier gegeben, zu Themen wie z.B. Ayurvedisch kochen, griechischem Tanz, Qigong, Yoga, Feldenkrais, Coaching, Resilienz, Spiritualität und noch viele mehr. Die rund 20 Klosterschwestern und ihre 50 Angestellten bieten Führungen durch die Klosterkirche an, betreiben ein Gästehaus, weiters einen Klosterladen, in dem es neben Büchern und christlichen Devotionalien auch von den Klosterfrauen selbst Hergestelltes gibt, wie z.B. außerordentlich köstliches Marzipan und eine duftende Rosencreme. Auch der von ihnen bewirtschaftete Klostergarten ist wunderschön.
1901 wurde das Frauenkloster am Chiemsee erneut zur Abtei erhoben und ist damit neben dem Nonnberg in Salzburg das älteste bestehende deutschsprachige Frauenkloster nördlich der Alpen – und somit das älteste bayerische Frauenkloster.
Heute findet jedes Jahr am Sonntag vor oder nach dem 16. Juli (Irmingards Todestag) eine große Prozession und Wallfahrt auf der Fraueninsel statt.
Die unzähligen Votivbilder aus vergangener und heutiger Zeit, von denen nach wie vor Hunderte in der Klosterkirche Frauenwörth anzutreffen sind, bezeugen die auch heute noch große Bekanntheit und Beliebtheit Irmingards. Immer noch kommen weiterhin zahlreiche neue Votivbilder mit der Aufschrift „Die Heilige Irmgard hat geholfen“, "Dank Dir Selige Irmengard" u.ä. dazu, sodass zahlreiche Votivbilder immer wieder entfernt werden müssen, weil schlichtweg nicht Platz genug für alle da ist.
Text: Irmgard Neubauer
| | Lage: Kloster Frauenwörth, Frauenchiemsee 50, 83256 Frauenchiemsee. |
| | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Bayern |
| | Ansicht in Street View |
| | Web: Abtei Frauenwörth |
| | Geöffnet: |
| | Außenansicht: |
Bildquelle: © Irmgard Neubauer |
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| | Hochgrab der seligen Äbtissin Irmengard: |
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| | Hochgrab der seligen Äbtissin Irmengard: |
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| | Hochgrab der seligen Äbtissin Irmengard: |
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| | Hochaltar: |
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| | Votivbilder: |
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| | Votivbilder: |
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| | Votivbilder: |
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher © www.SAGEN.at |








