Hall in Tirol - Kloster der Tertiarschwestern des hl. Franziskus

Schnellüberblick
Kloster:Kloster und Provinzhaus der Tertiarschwestern des hl. Franziskus in Hall in Tirol. Die 1851 aus dem Mutterhaus Kaltern hervorgegangene Niederlassung verbindet die Tradition franziskanischer Frauenfrömmigkeit mit einer für Hall prägenden Geschichte der Mädchenbildung, sozialen Fürsorge und späteren Altenseelsorge. Seit 1928 ist Hall Sitz der nord- und osttirolischen Ordensprovinz.
Orden:Tertiarschwestern des hl. Franziskus, Franziskanerinnen des Regulierten Dritten Ordens des hl. Franziskus. Die Kongregation geht auf Maria Hueber und Regina Pfurner zurück, die 1700 in Brixen ein gemeinschaftliches franziskanisches Leben mit unentgeltlichem Unterricht für Mädchen verbanden.
Gründung:Die Haller Niederlassung entstand in einem mehrstufigen Vorgang zwischen der Aufgabe des alten Heilig-Geist-Spitals in den 1840er Jahren und der Aufnahme des regulären Schulbetriebes um 1851/52. Theresia von Lemmen erwarb den ehemaligen Spitalskomplex mit der Heilig-Geist-Kirche für die Schwestern; der Haller Franziskaner P. Adam Lutz wirkte maßgeblich an der Ansiedlung mit. Seit 1851 sind Tertiarschwestern in Hall sicher belegt.
Status:Bestehendes Provinzhaus mit aktiver Ordensgemeinschaft. Die Heilig-Geist-Kirche dient weiterhin dem Gottesdienst und dem Gebet. Schwestern wirken im Provinzhaus, im benachbarten Klaraheim sowie in weiteren sozialen und seelsorglichen Aufgaben.
Anlage:Historischer Klosterkomplex am Unteren Stadtplatz mit der 1727/28 barock neu errichteten ehemaligen Spitalskirche zum Heiligen Geist, dem Klostergebäude und der ehemaligen städtischen Mädchenschule der Tertiarschwestern. Die Kirche bewahrt barocke Altäre, Werke von Philipp Haller, Gregor Fritz und Johann Georg Dominikus Grasmair sowie Zeugnisse der älteren Skapulier- und Arme-Seelen-Frömmigkeit.
Ort:Hall in Tirol, Bezirk Innsbruck-Land.
Region:Unterinntal, Tirol.
Land:Österreich.
Lage und Besuch
•Tertiarschwestern des hl. Franziskus, Provinzhaus Hall, Unterer Stadtplatz 14, 6060 Hall in Tirol, Tirol, Österreich.
Der Klosterkomplex liegt am Unteren Stadtplatz unmittelbar bei der Heilig-Geist-Kirche und der ehemaligen Mädchenschule. Das Haus ist ein bewohntes Ordens- und Provinzhaus; nicht alle Bereiche sind öffentlich zugänglich.
•Lage in der SAGEN.at-Karte Klöster und Stifte in Tirol
•Ansicht in Street View
•Öffnungszeiten: Die Heilig-Geist-Kirche wird für Gottesdienste, Gebetszeiten und Veranstaltungen der Gemeinschaft genutzt. Der Zugang kann außerhalb dieser Zeiten eingeschränkt sein; für einen Besuch des Klosters beziehungsweise nicht öffentlich zugänglicher Bereiche empfiehlt sich eine vorherige Anfrage beim Provinzhaus.
•Web: Tertiarschwestern des hl. Franziskus - Provinzhaus Hall
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Ausführliche Beschreibung

Ein Frauenkloster zwischen Bildung, Fürsorge und Stadtgeschichte

Das Kloster der Tertiarschwestern des hl. Franziskus am Unteren Stadtplatz in Hall in Tirol gehört zu jenen Ordensniederlassungen, deren historische Bedeutung weniger aus monumentaler Größe oder politischer Herrschaft als aus einer langdauernden Verbindung von religiösem Leben, weiblicher Bildung und sozialer Arbeit hervorgegangen ist. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts prägten die Schwestern Generationen von Haller Mädchen als Lehrerinnen, führten ein franziskanisches Gemeinschaftsleben inmitten der Stadt und entwickelten Hall nach dem Ersten Weltkrieg zu einem organisatorischen Zentrum ihrer Kongregation. Die Geschichte des Hauses reicht zugleich weit hinter die eigentliche Klostergründung zurück, weil die Schwestern einen Ort übernahmen, der schon seit dem Mittelalter mit Armen-, Kranken- und Fremdenfürsorge verbunden gewesen war.

Gerade diese Überlagerung macht den Komplex kulturhistorisch bemerkenswert. Das mittelalterliche Heilig-Geist-Spital, die barocke Spitalskirche mit ihrer Bruderschafts- und Arme-Seelen-Frömmigkeit, die franziskanische Reform- und Bildungsbewegung des 19. Jahrhunderts, eine von Frauen wesentlich getragene Stiftungsgeschichte, die Ausbildung eines modernen Mädchenschulwesens, die Zäsur der nationalsozialistischen Herrschaft und die spätere Hinwendung zu Pflege und Altenseelsorge bilden keine voneinander unabhängigen Episoden. Vielmehr lässt sich an diesem Ort beobachten, wie sich die Formen organisierter christlicher Fürsorge und religiöser Frauenarbeit über mehrere Jahrhunderte veränderten, ohne dass daraus eine einfache institutionelle Kontinuität konstruiert werden darf.

Das Haller Heilig-Geist-Spital seit dem 14. Jahrhundert

Der Standort des heutigen Klosters war lange vor der Ansiedlung der Tertiarschwestern ein zentraler Ort des Haller Fürsorgewesens. Das Bürgerspital wurde 1342 gegründet. Rat und Gemeinde von Hall bemühten sich um eine Einrichtung, in der Kranke, Arme, Waisen und andere Bedürftige versorgt sowie Reisende und Pilger aufgenommen werden konnten. Im Herbst 1347 wurde die Spitalskirche dem Heiligen Geist geweiht, einem Patrozinium, das im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Spitalwesen weit verbreitet war und die Verbindung von religiöser Stiftung, Armenpflege und Sorge für Kranke zum Ausdruck brachte.

Das Haller Spital war dabei keine moderne Krankenanstalt im heutigen Sinn. Es verband Unterkunft, Versorgung, Pflege, religiöse Betreuung und die Aufnahme dauerhaft unterstützungsbedürftiger Personen. Seine Geschichte ist durch die Forschungen von Heinz Moser sowie durch die vergleichende Untersuchung von Martin Scheutz und Alfred Stefan Weiß für österreichische Verhältnisse außergewöhnlich gut dokumentiert. Ordnungen und Verwaltungsquellen lassen erkennen, dass das Haus über Besitz, Einkünfte und eine differenzierte Dienerschaft verfügte. Die Spitalordnung des 16. Jahrhunderts nennt unter anderem Knechte, Mägde, eine Köchin, Mesner, Torwart und Totengräber; die Einrichtung war damit ein eigener kleiner Wirtschafts- und Sozialverband innerhalb der Stadt.

Diese Vorgeschichte ist für das spätere Kloster wichtig, darf jedoch nicht mit einer direkten Rechtsnachfolge verwechselt werden. Die Tertiarschwestern setzten das mittelalterliche Bürgerspital nicht als Institution fort. Als sie den Komplex im 19. Jahrhundert übernahmen, war das städtische Spital bereits an einen anderen Standort verlegt worden. Dennoch blieb der Ort durch seine jahrhundertelange Nutzung für Fürsorge, Gebet und Aufnahme hilfsbedürftiger Menschen kulturell geprägt. Die spätere Mädchenbildung der Schwestern setzte somit an einem Platz ein, dessen soziale Bedeutung in Hall bereits lange etabliert war.

Die Heilig-Geist-Kirche: mittelalterlicher Ursprung und barocker Neubau

Die zum Spital gehörige Kirche wurde 1347 geweiht. Der mittelalterliche Bau litt im Laufe der Jahrhunderte unter Überschwemmungen und unter den Folgen des schweren Tiroler Erdbebens von 1670. 1727 wurde die baufällige Kirche abgetragen und nach Plänen beziehungsweise unter der Leitung des Haller Steinmetzen und Maurermeisters Franz Gremblach, später auch Gremblich geschrieben, neu errichtet. Am 28. Juli 1728 nahm der Brixner Weihbischof Ferdinand Joseph Graf Sarnthein die Konsekration des barocken Neubaus vor.

Der heutige Kirchenraum ist ein barocker Saalbau mit eingezogenem Chor. Seine Ausstattung gehört in die kunsthistorisch produktive Phase Halls im 18. Jahrhundert. Der Hochaltar wurde 1738 aufgestellt und ist ein Werk des Haller Bildhauers Gregor Fritz; von ihm stammen auch die Figuren der Heiligen Florian und Rochus. Das bereits 1727 entstandene Hochaltarbild von Philipp Haller stellt die Sendung des Heiligen Geistes dar und nimmt damit unmittelbar auf das Patrozinium Bezug. Die Seitenaltarbilder schuf Johann Georg Dominikus Grasmair 1731 und 1732. Zum weiteren Bestand gehören eine Mondsichelmadonna, Skulpturen des hl. Josef und des hl. Johannes Nepomuk, ein Kreuzweg des späten 18. Jahrhunderts und ein Schmiedeeisengitter von 1730. Die Kirche wurde in späteren Jahrhunderten mehrfach verändert und restauriert; 1898 erhielt sie Deckengemälde von August Mair, 1985 eine neue Orgel von Reinisch/Pirchner.

Skapulierbruderschaft und Arme-Seelen-Frömmigkeit

Für eine volkskundliche Betrachtung ist besonders der linke Seitenaltar von Bedeutung. Grasmairs 1731 geschaffenes Altarblatt zeigt die Heilige Familie; Maria überreicht einer weiblichen Heiligen beziehungsweise Ordensfrau das Skapulier, während darunter Arme Seelen auf Erlösung warten. Der Altar gehörte der in der Spitalskirche bestehenden Skapulierbruderschaft. Damit wird eine Frömmigkeitsform sichtbar, die lange vor dem Einzug der Tertiarschwestern am Ort verankert war und in der marianische Andacht, Ablassvorstellungen, Totengedächtnis und gemeinschaftlich organisierte Gebetspraxis miteinander verbunden waren.

Gerade die zeitliche Trennung ist wichtig. Die Skapulierbruderschaft war keine Gründung der späteren Schulschwestern, sondern Teil der älteren Spitals- und Kirchenwelt. Als die Tertiarschwestern die Kirche im 19. Jahrhundert als Kloster- und Schulkirche übernahmen, traten sie daher in einen sakralen Raum ein, dessen Ausstattung und religiöse Bedeutungen bereits über Generationen gewachsen waren. Die Heilig-Geist-Kirche wurde so zu einem Ort, an dem sich frühneuzeitliche Bruderschaftsfrömmigkeit und franziskanisches Frauenordensleben des 19. und 20. Jahrhunderts überlagerten.

Maria Hueber und der Ursprung der Tertiarschwestern

Die geistige Vorgeschichte der Haller Gemeinschaft führt nach Brixen und zu Maria Hueber. Sie wurde 1653 in einfachen Verhältnissen geboren und schloss sich als junge Frau dem Dritten Orden des hl. Franziskus an. Gemeinsam mit Regina Pfurner begann sie 1700 in Brixen mit einem gemeinschaftlichen franziskanischen Leben und mit unentgeltlichem Unterricht für Mädchen. Bereits 1702 bestätigte der Brixner Fürstbischof Kaspar Ignaz von Künigl die Schule. Das Entscheidende an dieser Gründung lag in der Verbindung von religiöser Lebensform und einer Bildungsaufgabe, die sich bewusst auch an Mädchen aus wirtschaftlich schwachen Familien richtete.

Die ältere Ordensüberlieferung stellte Maria Huebers persönliche Frömmigkeit, ihre asketische Lebensweise und ihre religiösen Erfahrungen in den Mittelpunkt. Die neuere Forschung hat diesen Zugang wesentlich erweitert. Anna Elisabeth Rifeser untersucht in ihrer umfangreichen Studie zur Frömmigkeitskultur Maria Huebers die institutionellen Prozesse, sozialen Netzwerke und spirituellen Praktiken der frühen Tertiarinnen und zeigt, dass weibliche Frömmigkeit nicht nur als privates religiöses Erleben verstanden werden kann. Sie schuf Handlungsmöglichkeiten, gemeinschaftliche Bindungen und Formen weiblicher Bildungsarbeit, die sich dauerhaft institutionalisieren ließen.

1724 wurden die Gemeinschaften in Brixen, Bozen und Kaltern offiziell als klösterliche Tertiarinnen anerkannt. Kaltern entwickelte sich im 18. Jahrhundert zu einem der Mutterhäuser und gewann im 19. Jahrhundert für die Expansion nach Nordtirol besondere Bedeutung. Von dort gingen zwischen 1841 und 1851 mehrere Filialgründungen aus. Die Haller Niederlassung war daher Teil einer größeren Erneuerungs- und Ausbreitungsbewegung und nicht nur das Ergebnis einer isolierten lokalen Initiative.

P. Johannes Kapistran Sojer und die Ausbreitung der Schulschwestern

Eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung war der Franziskaner P. Johannes Kapistran Sojer, 1798 in Schwaz geboren und 1865 in Kaltern gestorben. Er wirkte als Moraltheologe, Guardian, Definitor und Provinzial und war zugleich eng mit den Tertiar-Schulschwestern verbunden. Das Österreichische Biographische Lexikon hebt ausdrücklich hervor, dass Sojer die Statuten der Schwestern in Brixen, Bozen und Kaltern überarbeitete beziehungsweise herausgab und an der Gründung von acht Filialen in Tirol und Kärnten beteiligt war. Seine 1853 erschienene "Regel und Statuten der dritten Ordens- und Schulschwestern in Tirol" gehört damit zu den wichtigsten zeitgenössischen Quellen für die Institutionalisierung der Gemeinschaft.

Für Hall bedeutet dies, dass die Gründung in einen gezielten Ausbau weiblicher Schulorden im Tirol des 19. Jahrhunderts eingeordnet werden muss. Sojer verband franziskanische Spiritualität mit einer stark organisierten Bildungsaufgabe. Die Schwestern sollten nicht lediglich in klösterlicher Abgeschiedenheit leben, sondern durch Unterricht unmittelbar in die Gesellschaft hineinwirken. Diese Verbindung von Ordensdisziplin und öffentlicher Bildungsarbeit bestimmte auch das Haller Haus für nahezu ein Jahrhundert.

P. Adam Lutz und das franziskanische Umfeld in Hall

Der lokale Motor der Haller Ansiedlung war der Franziskaner P. Adam Lutz, 1811 geboren und 1882 gestorben. Jakob Patsch nennt ihn ausdrücklich als einen derjenigen, deren Bemühungen die Niederlassung der Tertiarschwestern ermöglichten. Lutz wirkte damit an einer Schnittstelle zwischen dem bereits bestehenden Haller Franziskanerkloster und der neuen weiblichen franziskanischen Gemeinschaft. Seine Rolle zeigt zugleich, dass die Tertiarschwestern trotz ihrer eigenen Gemeinschaftsstruktur eng in das Netzwerk der Tiroler Franziskanerprovinz eingebunden waren.

Das religiöse Profil Lutz' lässt sich auch durch seine zeitgenössischen Druckwerke erkennen. 1851, also gerade im Jahr der sicheren Haller Niederlassung, erschien sein "Seraphischer Führer nach dem himmlischen Jerusalem", ein Erbauungsbuch besonders für Mitglieder des Dritten Ordens des hl. Franziskus. Im selben Umfeld stehen der "Seraphische Liebesbund" und die "Tagzeiten der allerseligsten Jungfrau und Mutter Gottes Maria". Diese Schriften sind keine Quellen für die Gründungsdaten des Haller Klosters, vermitteln aber einen unmittelbaren Eindruck jener franziskanischen Laien- und Tertiarfrömmigkeit, in der Lutz wirkte. Die Ansiedlung der Schulschwestern war somit auch Teil eines breiteren religiösen Milieus, in dem der Dritte Orden als Verbindung von geistlicher Vertiefung und tätigem christlichem Leben verstanden wurde.

Theresia von Lemmen als Stifterpersönlichkeit

Neben den Franziskanern war eine Frau für die materielle Grundlage der Niederlassung entscheidend: Theresia beziehungsweise Therese von Lemmen. Nach Jakob Patsch erwarb sie das ehemalige Spitalsgebäude samt Heilig-Geist-Kirche für die Tertiarschwestern. Hans Hochenegg nennt in seiner sozialgeschichtlichen Studie "Der Adel im Leben Tirols" für ihre Stiftung ein Vermögen von 80.000 Gulden und setzt den Erwerb des leerstehenden Spitalkomplexes in das Jahr 1846. Die hohe Summe ist als Angabe der späteren Literatur zu verstehen; ihre exakte archivalische Grundlage sollte bei Gelegenheit noch unmittelbar kontrolliert werden. An der herausragenden Rolle Theresias von Lemmen bei der materiellen Ermöglichung des Haller Hauses besteht jedoch kein Zweifel.

Ihre Beteiligung ist auch für eine frauenhistorische Interpretation wichtig. Die Geschichte weiblicher Ordensgemeinschaften wurde lange vor allem über geistliche Gründer, kirchliche Oberen und Ordensstatuten erzählt. Tatsächlich waren vermögende Frauen, Witwen und adelige beziehungsweise bürgerliche Wohltäterinnen vielfach entscheidend dafür, dass Frauenklöster und Bildungsanstalten überhaupt Räume, Kapital und dauerhafte wirtschaftliche Grundlagen erhielten. Die neuere Forschung zu Maria Hueber hat solche weiblichen Unterstützungsnetzwerke bereits für die frühere Geschichte der Tertiarinnen hervorgehoben. Theresia von Lemmen erscheint in Hall als Vertreterin derselben strukturellen Tradition: Eine Frau ermöglichte anderen Frauen einen institutionellen Raum für Bildung, religiöses Leben und soziale Arbeit.

1844 bis 1852: eine Gründung in mehreren Schritten

Die genaue Chronologie der Haller Gründung ist in den überlieferten Darstellungen nicht vollkommen einheitlich und sollte deshalb nicht durch ein einziges scheinbar exaktes Datum ersetzt werden. Jakob Patsch berichtet, dass das städtische Spital 1844 in das Gebäude des ehemaligen Haller Damenstiftes verlegt worden sei und der bisherige Spitalkomplex danach einige Jahre leer stand. Andere Denkmaldaten setzen die Aufgabe des alten Spitals in das Jahr 1845. Hochenegg nennt 1846 für den Erwerb durch beziehungsweise für Theresia von Lemmen. Sicher belegt ist, dass 1851 Tertiarschwestern aus dem Mutterhaus Kaltern in Hall ansässig waren.

Auch für den Beginn der Schule begegnen verschiedene Akzente. Die Denkmaldokumentation nennt 1851 als Baujahr der Mädchenschule der Tertiarschwestern, während eine andere Überlieferung die förmliche Eröffnung der ausgebauten Schule an den Beginn des Jahres 1852 setzt. Wahrscheinlich beziehen sich diese Angaben auf verschiedene Phasen desselben Vorganges: Aufgabe des Spitals, Erwerb des Areals, bauliche Adaptierung, Einzug der Schwestern und schließlich Aufnahme beziehungsweise offizielle Eröffnung des regulären Unterrichtes. Für die Klostergeschichte ist deshalb 1851 als Jahr der sicher belegten Niederlassung sinnvoll, ohne die vorangehenden Vorbereitungen und die möglicherweise erst 1852 vollständig organisierte Schulaufnahme zu verschweigen.

Die Mädchenschule als eigentliche Aufgabe des Haller Hauses

Die Schule war kein nachträglich angegliederter Arbeitsbereich des Klosters, sondern der eigentliche Grund für die Ansiedlung der Tertiarschwestern. Seit Maria Hueber gehörte die Bildung von Mädchen zum Gründungscharisma der Gemeinschaft. Im 19. Jahrhundert gewann diese Aufgabe unter den Bedingungen eines sich modernisierenden Schulwesens neue Bedeutung. Ordensfrauen verbanden religiöse Erziehung mit Lesen, Schreiben, Rechnen und praktischen Fertigkeiten; besonders Handarbeiten spielten traditionell eine Rolle, weil sie nicht nur als weibliche Tugend, sondern auch als mögliche Grundlage eigener Erwerbstätigkeit verstanden wurden.

Die Haller Schwestern wurden dadurch zu einem festen Bestandteil der lokalen Bildungslandschaft. Ihre Schule lag unmittelbar beim Kloster und der Heilig-Geist-Kirche, sodass Unterricht, Gottesdienst und Gemeinschaftsleben räumlich eng miteinander verbunden waren. Die Schwestern waren Lehrerinnen und Ordensfrauen zugleich; ihre berufliche Tätigkeit vollzog sich daher in einer Lebensform, in der pädagogische Arbeit, Gebet, gemeinsamer Tagesrhythmus und franziskanische Spiritualität aufeinander bezogen blieben. Für die Geschichte weiblicher Bildung in Hall ist dieses Haus deshalb von weit größerer Bedeutung, als die heute vergleichsweise unauffällige Lage am Unteren Stadtplatz vermuten lässt.

Das Schulgebäude von 1851, Jugendstil und Erweiterung

Das Gebäude der ehemaligen städtischen Mädchenschule ist selbst ein wichtiges Zeugnis dieser Entwicklung. Nach der Denkmaldokumentation wurde es 1851 als Mädchenschule der Tertiarschwestern errichtet. 1907 erfolgte eine Umgestaltung im Jugendstil, 1930 wurde das Haus nach Süden erweitert. Die Fassade erhielt reichen Jugendstildekor; im zweiten Obergeschoß befindet sich ein Mosaik der Madonna mit Engeln. Der Ausbau dokumentiert, dass die Schule längst über den Umfang einer kleinen klösterlichen Lehrstube hinausgewachsen war und einen dauerhaften Platz im städtischen Schulwesen beanspruchte.

Die bauliche Entwicklung lässt zugleich den Wandel weiblicher Bildungsarbeit erkennen. Was zu Beginn des 18. Jahrhunderts als kleine unentgeltliche Schule Maria Huebers begonnen hatte, war im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einer institutionell geordneten und baulich repräsentativen Bildungseinrichtung geworden. Bemerkenswert ist die Kontinuität des Schulstandortes: Das historische Gebäude wird weiterhin schulisch genutzt. Damit ist die Erinnerung an die Tertiarschwestern nicht nur in Ordensarchiv und Kirche erhalten, sondern im heutigen Stadtbild und in der fortdauernden Bildungsfunktion des Ortes ablesbar.

Ordensleben und weibliche Berufstätigkeit

Die Bezeichnung "Schulschwestern" verdeckt leicht, wie anspruchsvoll die Verbindung von Ordensleben und Beruf war. Die Schwestern lebten nach gemeinschaftlichen Regeln, legten Gelübde ab und waren in einen festen Tagesrhythmus aus Gebet, Arbeit und gemeinschaftlichen Verpflichtungen eingebunden. Zugleich mussten Lehrerinnen die jeweils vorgeschriebenen fachlichen Qualifikationen erwerben und sich an veränderte schulische Anforderungen anpassen. Damit entstand im 19. und 20. Jahrhundert eine Form weiblicher Berufstätigkeit, die sich von den Lebensmöglichkeiten vieler unverheirateter Frauen außerhalb von Ordensgemeinschaften deutlich unterschied.

Biographien einzelner Schwestern lassen diese Entwicklung anschaulich werden. Sr. Maria Benigna Sprenger, 1917 geboren, trat 1938 in Hall ein und wirkte nach dem Krieg als Lehrerin an der Haller Mädchenvolks- und Hauptschule; später wurde sie Direktorin. Andere Schwestern unterrichteten Religion, Handarbeit oder weitere Fächer. Solche Lebenswege machen sichtbar, dass die Ordensgemeinschaft nicht nur abstrakte "weibliche Bildung" förderte, sondern konkrete Berufsbiographien von Frauen ermöglichte, die über Jahrzehnte im öffentlichen Bildungswesen wirkten.

Hall wird nach dem Ersten Weltkrieg Provinzzentrum

Der Erste Weltkrieg und die Teilung Tirols veränderten die innere Organisation der Gemeinschaft grundlegend. Die neuen Staatsgrenzen trennten die nord- und osttirolischen Niederlassungen von den bisherigen Zentren südlich des Brenners und erschwerten Leitung, Ausbildung und personellen Austausch. 1925 wurde deshalb in Hall ein eigenes Noviziat eingerichtet. Damit erhielt das Haus erstmals eine unmittelbare Funktion in der Ausbildung des Ordensnachwuchses und war nicht länger nur lokale Schulniederlassung.

1928 wurden die Niederlassungen in Nord- und Osttirol zu einer eigenen Provinz mit Sitz in Hall zusammengefasst. Ein Jahr später schlossen sich die bis dahin selbständig organisierten Schwesterngemeinschaften von Brixen, Bozen, Kaltern und Mühlbach zu einer gemeinsamen Kongregation zusammen; Brixen wurde deren Zentrum, und einheitliche Statuten wurden kirchlich bestätigt. Die Haller Provinzbildung ist deshalb ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie politische Grenzziehungen nach 1918 in die innere Geographie kirchlicher Orden eingriffen. Aus einer Filialniederlassung des 19. Jahrhunderts wurde ein überregionales Leitungs- und Ausbildungshaus.

Von Tirol nach Bolivien und Kamerun

In derselben Epoche weitete sich der Horizont der Gemeinschaft über Tirol hinaus. 1924 gingen die ersten beiden Schwestern von Kaltern nach Bolivien, 1935 wurden von Brixen aus Schwestern nach Kamerun entsandt. Aus dem regionalen Tiroler Schulschwesternverband entwickelte sich schrittweise eine internationale Kongregation. Die Haller Provinz war und ist Teil dieses Netzes, in dem sich europäische, südamerikanische und afrikanische Gemeinschaften miteinander verbinden.

Diese internationale Dimension veränderte auch die Selbstwahrnehmung des Ordens. Das ursprüngliche Bildungscharisma blieb wichtig, wurde aber mit Gesundheitsversorgung, Sozialarbeit, Seelsorge und weiteren Aufgaben verbunden. Später kamen Schwestern aus Afrika und anderen Provinzen auch nach Tirol. Damit kehrte sich die ältere Vorstellung einer einseitigen europäischen "Mission" zunehmend in einen gegenseitigen Austausch innerhalb einer internationalen Ordensgemeinschaft um.

1938: die Ausschaltung der katholischen Mädchenbildung

Die nationalsozialistische Herrschaft bedeutete für die Haller Tertiarschwestern eine der tiefsten Zäsuren ihrer Geschichte. Nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 wurde das katholische Schulwesen systematisch zurückgedrängt. Die Haller Schwestern verloren ihre bisherige Schule; Ordenslehrerinnen wurden aus dem Unterricht entfernt beziehungsweise dienstrechtlich entlassen und durch Lehrkräfte ersetzt, die dem nationalsozialistischen Erziehungsprogramm verpflichtet waren. Was für die Schwestern seit 1851 Mittelpunkt ihrer öffentlichen Aufgabe gewesen war, wurde innerhalb kurzer Zeit weitgehend zerstört.

Die Quellenlage ist für diesen Vorgang außergewöhnlich dicht. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes behandelte die Franziskaner-Tertiarschwestern in Hall in seiner Dokumentation "Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945" eigens. Hinzu kommen die Haller Pfarrchronik, die Chronik der Tertiarschwestern für die Jahre 1938 bis 1945, die Chronik der Schulschwestern und biographische Unterlagen einzelner Ordensfrauen. Dadurch lässt sich die Verdrängung nicht nur als allgemeine kirchenpolitische Maßnahme beschreiben, sondern bis in einzelne Berufs- und Lebenswege verfolgen.

Entlassungen, Ausweicharbeit und der Verlust eines Berufs

Die Ausschaltung der Schulschwestern vollzog sich nicht an einem einzigen Tag. Der politische Zugriff begann unmittelbar nach dem März 1938, doch einzelne dienstrechtliche Entscheidungen erfolgten in den folgenden Monaten. Für Sr. Alfonsa Brettauer ist etwa ein Amtsenthebungsdekret des Bezirksschulrates Innsbruck-Land vom 20. Juli 1938 überliefert. Andere Schwestern mussten sich neue Arbeitsmöglichkeiten suchen. Sr. Elisabeth Santer und Sr. Angelika Mayr erteilten unter anderem privaten Unterricht in Stenographie und Maschinschreiben; Schwestern fanden auch Beschäftigung in kirchlichen Verwaltungsstellen.

Eine spätere Auskunft aus der Gemeinschaft nennt für die Provinz 26 Schwestern, die ihre Anstellung verloren beziehungsweise aus dem Schuldienst entfernt wurden; außerdem wurden drei Kindergärten und zwei Nähschulen geschlossen. Solche Zahlen zeigen, dass Hall nur der sichtbare Mittelpunkt eines weit größeren Eingriffs war. Die nationalsozialistische Schulpolitik zerstörte ein über Jahrzehnte aufgebautes Netz weiblicher katholischer Bildungsarbeit. Für die betroffenen Schwestern bedeutete dies nicht nur den Verlust einer Institution, sondern den Abbruch einer oft lang vorbereiteten beruflichen Lebensaufgabe.

Sr. Alfonsa Brettauer: Verfolgung und Erinnerung

Besonders eindringlich ist die Geschichte von Sr. Alfonsa Brettauer. Nach ihrer Entfernung aus dem Schuldienst wurde sie 1941 nach Bremen geschickt und dort in einem Rüstungsbetrieb eingesetzt. Sie kehrte eigenmächtig nach Tirol zurück. In späteren Erinnerungen berichtete sie von wiederholten Verhören durch die Gestapo und von zwei Inhaftierungen. Auch eine Begegnung mit Gauleiter Franz Hofer ist in ihrer eigenen späteren Darstellung überliefert.

Bei solchen Aussagen ist zwischen zeitgenössischen Verwaltungsakten und später autobiographischer Erinnerung zu unterscheiden. Gerade diese quellenkritische Trennung macht die Überlieferung wertvoll. Die Verwaltungsakten dokumentieren die staatlichen Eingriffe in ihre berufliche Existenz; ihre eigenen Erinnerungen zeigen, wie sie Repression, Unsicherheit und persönlichen Widerstand rückblickend deutete. Damit wird Sr. Alfonsa nicht zu einer symbolisch überhöhten Figur, sondern zu einer konkret fassbaren Ordensfrau, deren Lebensweg exemplarisch für die Belastungen der Gemeinschaft steht.

Kriegseinsatz und die Schwestern im Reservelazarett

Die Kriegsjahre brachten neben politischer Repression auch neue Formen staatlicher beziehungsweise militärischer Dienstverpflichtung. 1942 wurden achtzehn Haller Tertiarschwestern für ein Reservelazarett in Feldkirch herangezogen. Bei einem Luftangriff auf Feldkirch am 1. Oktober 1943 kamen drei von ihnen ums Leben: Sr. Maria Creszentia Alger, Sr. Adelheid Hofmann-Norz und Sr. Thaddäa Zabernigg. Ihre Todesfälle sind als Kriegsopfer zu verstehen; sie dürfen nicht ohne weitere Belege als Ergebnis gezielter Ordensverfolgung bezeichnet werden.

Gerade die Unterscheidung zwischen politischer Repression und unmittelbaren Kriegsfolgen ist für die Geschichte des Klosters wichtig. Die Schwestern litten einerseits unter der systematischen Ausschaltung ihrer Bildungsarbeit, andererseits wurden sie wie viele andere Menschen in die Logistik des Krieges hineingezogen. Pflegekenntnisse, religiöse Berufung und staatliche Anforderungen konnten dabei ineinandergreifen, ohne dass die Motive der Beteiligten identisch gewesen wären.

Der Bombenangriff auf Hall am 16. Februar 1945

Am 16. Februar 1945 traf ein schwerer Luftangriff Hall in Tirol. Unter den zahlreichen Todesopfern befanden sich elf Tertiarschwestern, die im "Haus zum Guten Hirten" Schutz gesucht hatten und dort ums Leben kamen. Die Überlieferung nennt Sr. Kreszenz Staiger, Sr. Margaretha Alacoque Glatz, Sr. M. Rosa Mark, Sr. Katharina Maier, Sr. Elisabeth Zimmer, Sr. Alkantara Winkler, Sr. Johanna Hofmann, Sr. Felizitas Handler, Sr. Margarita Geistberger, Sr. Agnes Gmeiner und Sr. Cherubina Fuchs.

Auch diese Toten sind zunächst Opfer des Luftkrieges. Ihre Geschichte gehört dennoch unmittelbar in die Klosterchronik, weil der Angriff die Gemeinschaft wenige Monate vor Kriegsende schwer traf. Zusammen mit den drei 1943 in Feldkirch getöteten Schwestern bildet ihr Tod einen eigenen Erinnerungsbestand innerhalb des Ordens. Die Namen machen sichtbar, dass sich hinter statistischen Angaben zu Bombenopfern konkrete Lebensgeschichten von Frauen verbergen, die vielfach jahrzehntelang in Schule, Pflege oder Hausgemeinschaft gearbeitet hatten.

Neubeginn nach 1945

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft begann für die Tertiarschwestern ein Wiederaufbau, der jedoch keine einfache Rückkehr zur Welt vor 1938 bedeutete. Einzelne Schwestern konnten wieder in den Schuldienst eintreten, mussten dazu zum Teil Prüfungen nachholen oder ihre berufliche Qualifikation an neue Anforderungen anpassen. Die katholische Mädchenbildung blieb zunächst ein wesentlicher Teil der Arbeit, doch das gesellschaftliche Umfeld veränderte sich rasch. Das staatliche Schulwesen expandierte, neue pädagogische Berufe standen Frauen offen, und die Zahl der Ordenseintritte ging langfristig zurück.

Gleichzeitig verschoben sich die Tätigkeitsfelder der Gemeinschaft. Pflege, Behindertenarbeit, Altenseelsorge, Hauswirtschaft, Verwaltung und pastorale Aufgaben gewannen gegenüber der klassischen Schulschwesternarbeit an Bedeutung. Damit vollzog der Orden einen Wandel, ohne sein Grundmotiv aufzugeben: franziskanisches Gemeinschaftsleben sollte mit einer konkreten Antwort auf soziale Bedürfnisse der jeweiligen Zeit verbunden bleiben.

1956: Kongregation päpstlichen Rechts

Eine kirchenrechtlich wichtige Station war der 14. Juli 1956. Papst Pius XII. erhob die Kongregation der Tertiarschwestern des hl. Franziskus zum Institut päpstlichen Rechts. Damit wurde die über Jahrhunderte gewachsene Gemeinschaft rechtlich stärker auf die Gesamtkirche bezogen und erhielt einen Status, der ihrer inzwischen internationalen Ausdehnung entsprach. Hall blieb innerhalb dieser größeren Kongregation Sitz der Tiroler Provinz.

Die Entwicklung verdeutlicht, wie weit sich die Gemeinschaft seit den Anfängen Maria Huebers verändert hatte. Aus kleinen, regional geprägten Häusern, die in erster Linie Mädchenschulen führten, war ein internationaler Frauenorden geworden. Dennoch blieb die Erinnerung an die Bildung armer Mädchen und an die franziskanische Verbindung von Gebet und tätigem Dienst ein zentraler Bestandteil des Selbstverständnisses.

Das Klaraheim: Altenpflege seit 1961

1961 errichteten die Tertiarschwestern in Hall das Alten- und Pflegeheim St. Klara, das unmittelbar an den Klosterkomplex anschließt. Mit dieser Gründung erhielt die soziale Arbeit des Haller Hauses einen neuen Schwerpunkt. Altenpflege war nicht bloß eine Ersatzaufgabe für die zurückgehende schulische Tätigkeit, sondern entsprach einem gesellschaftlichen Wandel, in dem professionelle Pflegeeinrichtungen für alte und pflegebedürftige Menschen zunehmend an Bedeutung gewannen.

Am 28. April 2021 wurde das Klaraheim an die Stiftung Liebenau übergeben. Die Übergabe bedeutete jedoch keinen Abbruch der Beziehung zwischen Heim und Ordensgemeinschaft. Bis heute wirken Tertiarschwestern dort in Pflege, Altenseelsorge, Besuchsdiensten, Cafeteria und ehrenamtlichen Aufgaben; auch die Kapelle und die religiöse Gestaltung des Hauses werden von Schwestern mitgetragen. Von außen und teilweise auch im inneren Alltag gehen Kloster und Heim weiterhin eng ineinander über. Damit setzt sich am Unteren Stadtplatz eine soziale Nutzung fort, die zwar institutionell mehrfach verändert wurde, den Ort aber seit dem Mittelalter in unterschiedlicher Form prägt.

Das Provinzhaus in der Gegenwart

Das Provinzhaus Hall ist weiterhin Mittelpunkt der Tiroler Provinz der Tertiarschwestern des hl. Franziskus. Die Schwestern arbeiten je nach Alter und Möglichkeiten in Haus, Küche, Garten, Näherei, Sakristei, Pforte und Verwaltung; weitere Schwestern wirken in Altenheimen und in seelsorglichen Aufgaben. Das Haus ist damit keine historische Kulisse, sondern ein bewohnter religiöser Lebensraum, in dem Gebet, Gemeinschaft und praktische Arbeit bis heute miteinander verbunden sind.

Seit 2025 steht Sr. Notburga Maringele als Provinzoberin an der Spitze der Provinz Hall. Ihre Biographie verweist zugleich auf den Wandel franziskanischer Frauenarbeit im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert: Sie war jahrzehntelang Religionslehrerin am Elisabethinum in Axams und engagiert sich darüber hinaus in Fragen von Menschenrechten, Demokratie und Schöpfungsverantwortung. Solche Tätigkeiten zeigen, dass sich die gesellschaftlichen Felder des Ordens verändert haben, während der Anspruch, franziskanische Spiritualität in konkrete Verantwortung zu übersetzen, fortbesteht.

Kirche und Kloster als lebendiger religiöser Ort

Die Heilig-Geist-Kirche dient weiterhin dem Gebet und der Liturgie. Gottesdienste, Friedensgebete, Maiandachten, Professfeiern und andere Veranstaltungen verbinden den historischen Kirchenraum mit dem gegenwärtigen Ordensleben. Diese Nutzung ist für das Verständnis der Anlage wesentlich. Barocke Altäre, Skapulierdarstellung und historische Ausstattung befinden sich nicht in einem museal stillgelegten Bau, sondern in einem Raum, der weiterhin religiös gebraucht wird.

Gleichzeitig ist das Provinzhaus ein privater Lebensraum der Schwestern. Der Zugang zu Klosterbereichen kann daher nicht mit dem Besuch einer allgemein zugänglichen Sehenswürdigkeit gleichgesetzt werden. Für die Denkmalpflege und kulturhistorische Dokumentation entsteht daraus eine besondere Spannung: Die Anlage ist von öffentlichem Interesse, bleibt aber zugleich Ort von Klausur, Gemeinschaft und Alltag. Diese doppelte Funktion gehört zu ihrem gegenwärtigen Charakter.

Die ehemalige Mädchenschule als Erinnerungsort

Besonders anschaulich bleibt die Geschichte der Schwestern im ehemaligen Schulgebäude am Unteren Stadtplatz erhalten. Die Jugendstilfassade und das Madonnenmosaik erinnern an eine Zeit, in der konfessionelle Schulorden einen wesentlichen Teil des österreichischen Bildungswesens trugen. Zugleich wird das Haus bis heute als Schule genutzt. Dadurch ist die historische Funktion nicht nur denkmalpflegerisch konserviert, sondern in veränderter institutioneller Form lebendig geblieben.

Für die Geschichte Halls besitzt dieser Ort deshalb mehrere Ebenen. Er erinnert an die begrenzten Bildungsmöglichkeiten von Mädchen in früheren Jahrhunderten, an die Pionierfunktion weiblicher Ordensgemeinschaften, an die Professionalisierung von Lehrerinnen und an die gewaltsame politische Unterbrechung dieser Tradition 1938. Zugleich verweist die fortdauernde schulische Nutzung darauf, dass Bildung als Funktion des Ortes selbst die Auflösung des ursprünglichen konfessionellen Schulmodells überdauerte.

Volkskundliche Perspektiven: Profess, Arbeit, Gebet und Erinnerung

Volkskundlich erschließt sich das Haller Kloster weniger durch ein einzelnes spektakuläres Kultobjekt als durch die Vielzahl alltäglicher religiöser und sozialer Praktiken. Dazu gehören Einkleidung und Profess, gemeinsame Gebetszeiten, die Verbindung von Ordenskleid und beruflicher Rolle, das Unterrichten von Schulkindern, Handarbeit und Näherei, die Pflege alter Menschen, Haus- und Gartenarbeit, Friedensgebete und die Erinnerung an verstorbene Mitschwestern. Gerade in solchen wiederkehrenden Handlungen wird sichtbar, wie Ordensleben über Generationen kulturell weitergegeben wurde.

Eine weitere Ebene bildet die Erinnerungskultur der Gemeinschaft. Sterbebilder, Chroniken, Professjubiläen, Namenlisten der Bombenopfer, Fotografien von Schulklassen und Schwestern sowie die biographische Überlieferung einzelner Lehrerinnen schaffen ein internes Gedächtnis, das weit über amtliche Ordensakten hinausgeht. Für eine kulturwissenschaftliche Forschung sind solche Materialien besonders wertvoll, weil sie nicht nur institutionelle Entscheidungen, sondern Selbstbilder, Beziehungen und alltägliche Erfahrungen sichtbar machen.

Ein Ort weiblicher Geschichte in Hall

Die Bedeutung des Haller Tertiarschwesternklosters liegt schließlich auch darin, dass sich an ihm weibliche Geschichte über mehrere soziale Rollen hinweg verfolgen lässt. Maria Hueber und Regina Pfurner stehen für die Entstehung einer religiös begründeten Bildungsinitiative; Theresia von Lemmen für weibliche Stiftungstätigkeit; die Schulschwestern des 19. und 20. Jahrhunderts für professionelle Bildungsarbeit; die Schwestern der Kriegsjahre für Verfolgung, Dienstverpflichtung und Kriegserfahrung; die späteren Generationen für Pflege, Seelsorge und soziale Arbeit.

Damit entzieht sich das Haus einer einfachen Einordnung als bloßes "Frauenkloster". Es war zugleich religiöse Gemeinschaft, Schule, Provinzzentrum, Arbeitgeber, Bildungsinstitution, sozialer Dienst und Träger eines eigenen kulturellen Gedächtnisses. Gerade diese Mehrfachfunktion erklärt, weshalb seine Geschichte für Hall weit über die Grenzen des Ordens hinausreicht.

Historische Bedeutung des Haller Hauses

Das Kloster der Tertiarschwestern des hl. Franziskus gehört nicht zu den großen landesfürstlichen oder grundherrschaftlichen Klöstern Tirols. Seine Bedeutung liegt in einer anderen Form historischer Wirksamkeit. Am Unteren Stadtplatz lässt sich verfolgen, wie ein mittelalterlicher Fürsorgeort in der Neuzeit eine neue soziale Funktion erhielt, wie Frauen mit Hilfe geistlicher und materieller Netzwerke ein dauerhaftes Bildungsinstitut aufbauten und wie eine Ordensgemeinschaft auf politische Brüche und gesellschaftlichen Wandel reagierte.

Von der Heilig-Geist-Spitalskirche über die Mädchenschule bis zum Provinzhaus und Klaraheim reicht eine Geschichte, in der Religion immer wieder in konkrete soziale Praxis übersetzt wurde. Gerade deshalb ist das Haller Haus für Stadtgeschichte, Bildungs- und Frauengeschichte, Volkskunde und Ordensforschung gleichermaßen bedeutend. Seine Quellenlage ist dabei außergewöhnlich günstig: Gedruckte Spezialliteratur, Denkmalinventare, Pfarr- und Ordenschroniken, biographische Unterlagen sowie die Dokumentation der NS-Zeit erlauben eine differenzierte Rekonstruktion, die weit über eine konventionelle Klosterchronik hinausgeht.

Quellen und Literatur

Marianne Vettori: Die Tertiar-Schulschwestern in Süd- und Nordtirol. Ihr Werden und Wirken 1700-1955. Ein Beitrag zur Geschichte der Mädchenschulen in Tirol. Schlern-Schriften 141, Innsbruck 1955.

Anna Elisabeth Rifeser: Die Frömmigkeitskultur der Maria Hueber (1653-1705) und der Tiroler Tertiarinnen. Institutionelle Prozesse, kommunikative Verflechtungen und spirituelle Praktiken. Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 172, Münster 2019.

Josef Gelmi: Maria Hueber 1653-1705. Eine der bedeutendsten Frauen Tirols. Bozen 1993.

Johannes Kapistran Sojer OFM (Hg.): Regel und Statuten der dritten Ordens- und Schulschwestern in Tirol. 1853.

Österreichisches Biographisches Lexikon: Sojer (Soyer, Söyer), P. Johannes Kapistran (Sebastian) OFM. Mit Literaturhinweisen zur Geschichte der Tertiar-Schulschwestern.

Hans Hochenegg: Der Adel im Leben Tirols. Eine soziologische Studie. Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte 8; Veröffentlichungen der Universität Innsbruck 70, Innsbruck 1971.

Heinz Moser: Vom Heilig Geist Spital zum Bezirkskrankenhaus Hall in Tirol. Hall in Tirol 1997.

Martin Scheutz / Alfred Stefan Weiß: Spital als Lebensform. Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit. Wien, Köln, Weimar 2015.

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945. Eine Dokumentation, Band 2. Wien/München 1984, besonders S. 324-325 und S. 617.

Johann Reiter: Anmerkungen zu den Maßnahmen gegen Klöster und Orden: Franziskaner-Tertiarschwestern in Hall in Tirol. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945, Band 2, Wien/München 1984.

P. Adam Lutz OFM: Seraphischer Führer nach dem himmlischen Jerusalem. Innsbruck 1851; Seraphischer Liebesbund, 2. verbesserte Auflage, Innsbruck 1851; Tagzeiten der allerseligsten Jungfrau und Mutter Gottes Maria, Innsbruck 1851.

Provinzarchiv der Franziskaner für Österreich und Südtirol: Schriftsteller der Tiroler Franziskanerprovinz. Bibliographische Zusammenstellung, insbesondere zu P. Adam Lutz OFM.

Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Tirol. Wien.

Bundesdenkmalamt: Denkmalinventar Hall in Tirol. Kloster der Tertiarschwestern, Spitalkirche zum hl. Geist und ehemalige städtische Mädchenschule am Unteren Stadtplatz.

Jakob Patsch: Heilig-Geist-Kirche in Hall in Tirol. Darstellung zur Bau-, Spital- und Klostergeschichte, veröffentlicht im Rahmen der Haller Kulturgut-Dokumentation.

Archiv des Provinzhauses der Tertiarschwestern des hl. Franziskus in Hall in Tirol: Chronik der Tertiarschwestern 1938-1945; Chronik der Schulschwestern; biographische Unterlagen und Sterbebilder einzelner Schwestern.

Pfarrarchiv Hall in Tirol: Pfarrchronik 1893-1945; Unterlagen zum Werdegang der Mädchenschule und zur Geschichte der Tertiarschwestern.

Stadtarchiv Hall in Tirol: Quellen zur Geschichte des Heilig-Geist-Spitals, des Unteren Stadtplatzes und der Mädchenschule; historische Bildbestände.

Tertiarschwestern des hl. Franziskus: Geschichte der Kongregation und der Provinz Hall; Angaben zum Provinzhaus, zum Klaraheim und zu den gegenwärtigen Arbeitsfeldern der Gemeinschaft.

Digitales Biografisches Archiv des NS-Widerstandes in Tirol: Dokumentation zur Verfolgung der Haller Tertiarschwestern, unter Verwendung von Quellen des DÖW, des Pfarrarchivs Hall und des Archivs des Provinzhauses.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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