| Kloster: | Kapuzinerkloster Innsbruck. 1593 begonnene und 1594 bezogene Niederlassung des Kapuzinerordens in unmittelbarer Nähe von Hofburg und Hofgarten; das Haus zählt zu den frühesten Kapuzinerklöstern nördlich der Alpen und wurde zu einem zentralen Studien-, Seelsorge- und Bibliotheksstandort der Tiroler Kapuziner. |
| Orden: | Kapuziner, Ordo Fratrum Minorum Capuccinorum (OFMCap), ein 1528 päpstlich bestätigter Reformzweig der franziskanischen Ordensfamilie. |
| Gründung: | Baubeginn 1593; Kirchweihe und Einzug der ersten Kapuziner am 18. Dezember 1594. 1605 wurde Innsbruck zum Mittelpunkt der selbständigen Tiroler Kapuzinerprovinz, 1615 zum Studienkloster. |
| Status: | Bestehendes Kapuzinerkloster und aktive Ordensgemeinschaft. Im Kloster befinden sich die Zentralbibliothek Innsbruck der Kapuziner sowie die historische Eremitage Erzherzog Maximilians III. des Deutschmeisters. |
| Anlage: | Kapuzinerkirche, mehrflügelige Klosteranlage, historische Eremitage Erzherzog Maximilians III., Klostergarten, Bibliothek und Archiv. Die Anlage wurde mehrfach erweitert und 1991-1994 umfassend saniert. |
| Ort: | Innsbruck. |
| Region: | Inntal, Tirol. |
| Land: | Österreich. |
| • | Kapuzinerkloster Innsbruck, Kaiserjägerstraße 6, 6020 Innsbruck, Tirol, Österreich. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte Klöster und Stifte in Tirol |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Öffnungszeiten: Die Kapuzinerkirche ist ein weiterhin genutzter Gottesdienst- und Gebetsraum; die Zugänglichkeit richtet sich nach dem laufenden Kloster- und Gottesdienstbetrieb. Die Eremitage Erzherzog Maximilians III. liegt innerhalb des Klosterkomplexes und ist nicht als frei zugänglicher Museumsraum eingerichtet. Die Zentralbibliothek kann nach vorheriger Vereinbarung wissenschaftlich benutzt werden. |
| • | Web: Kapuzinerkloster Innsbruck | Zentralbibliothek der Kapuziner Innsbruck |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Gesucht werden insbesondere Aufnahmen der Kapuzinerkirche mit Außenbau und Innenraum, der historischen Klosteranlage, des Klostergartens sowie - soweit zugänglich - der Eremitage Erzherzog Maximilians III. mit ihrer Grottenarchitektur und Ausstattung, der Maria Lactans von Lucas Cranach d. Ä., der Zentralbibliothek, historischer Buchbestände und weiterer Zeugnisse der Innsbrucker Kapuzinergeschichte.
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Die Geschichte des Innsbrucker Kapuzinerklosters beginnt in einer Epoche, in der sich die religiöse Landschaft Tirols grundlegend veränderte. Der noch junge Kapuzinerorden, aus der Observanzbewegung innerhalb des Franziskanerordens hervorgegangen und 1528 von Papst Clemens VII. bestätigt, verband eine betont einfache Lebensform mit intensiver Predigt, Beichte und Volksseelsorge. Bereits 1585 kamen Kapuziner als Fastenprediger an den Innsbrucker Hof. Die eigentliche Klostergründung wurde von Erzherzog Ferdinand II. und in besonderem Maße von seiner zweiten Gemahlin Anna Katharina von Gonzaga gefördert. Im September 1593 begann unter der Aufsicht des Kapuziners P. Raphael von Arco der Bau. Am 18. Dezember 1594 weihte der Brixner Weihbischof Georg Benigni die Kirche zu Ehren des heiligen Franziskus; zugleich bezogen die ersten Brüder das neue Kloster. Damit entstand eine Niederlassung, die sich rasch zum organisatorischen und geistigen Zentrum der Kapuziner im Tiroler Raum entwickelte.
Die Lage unmittelbar außerhalb beziehungsweise am damaligen Rand des höfisch geprägten Innsbruck entsprach den frühen kapuzinischen Vorstellungen von einem einfachen, stadtnahem, aber nicht in das dichte urbane Gefüge eingezwängten Konvent. Zugleich bestand von Anfang an eine auffallend enge Verbindung mit dem landesfürstlichen Hof. Diese Nähe war nicht bloß finanzieller Natur. Sie berührte Formen persönlicher Frömmigkeit, den Gottesdienst, die Ausstattung des Klosters und später sogar die bauliche Gestalt des Konvents. Anna Katharina ließ sich neben der Empore eine eigene Betkammer einrichten, die über einen gedeckten Verbindungsgang mit dem Hofgarten verbunden war. Das Kloster war damit zwar eindeutig ein Haus des Kapuzinerordens, zugleich aber ein Ort, an dem sich die asketische Spiritualität des Ordens und die religiösen Bedürfnisse des Tiroler Herrscherhauses unmittelbar berührten.
Schon 1605/06 musste der ursprüngliche Bau um mehrere Zellen erweitert werden, wobei ausdrücklich auch Raum für eine Bibliothek geschaffen wurde. Ebenfalls 1605 wurde das bisherige Generalkommissariat zur selbständigen Tiroler Kapuzinerprovinz vom Allerheiligsten Sakrament erhoben; 1606 fand in Innsbruck das erste Provinzkapitel statt. Damit war das Kloster nicht mehr nur eine lokale Niederlassung, sondern ein zentraler Ort der jungen Ordensprovinz. Seine Bedeutung nahm nochmals zu, als Innsbruck 1615 Studienkloster wurde und die philosophisch-theologische Ausbildung der Ordenskleriker hier eine feste institutionelle Grundlage erhielt. Der Konvent blieb damit über Jahrhunderte eng mit der Ausbildung jener Kapuziner verbunden, die als Prediger, Beichtväter und Seelsorger in Tirol und weit darüber hinaus wirkten.
Zu den außergewöhnlichsten Bestandteilen des Innsbrucker Kapuzinerklosters gehört die Eremitage Erzherzog Maximilians III. des Deutschmeisters. Maximilian, seit 1602 Tiroler Landesfürst und zugleich Hoch- und Deutschmeister des Deutschen Ordens, ließ um 1615 an der Nordseite der Kapuzinerkirche einen privaten religiösen Rückzugsbereich ausbauen. Ausgangspunkt war die bereits für Anna Katharina von Gonzaga geschaffene Betkammer. Nach ihrem Eintritt in das Innsbrucker Regelhaus konnte Maximilian diesen Bereich erweitern und nach eigenen Vorstellungen zu einer kleinen Einsiedelei formen. In der Forschung und in der heutigen Vermittlung des Klosters wird dieser Komplex mit Recht als eine der eigentümlichsten Raumfolgen der Tiroler Frühbarockzeit und als seltenes Zeugnis fürstlicher Askese im Umfeld der katholischen Reform bezeichnet.
Der Ausdruck „Eremitage“ ist dabei nicht lediglich eine romantische Bezeichnung für ein zurückgezogenes Zimmer. Maximilian ließ mehrere kleine Räume so ausstatten, dass sie bewusst die Atmosphäre einer natürlichen Einsiedlerhöhle hervorriefen. Wandflächen wurden mit Stein, Schiefer und teilweise tropfsteinartigen Formen verkleidet; die Architektur sollte nicht höfischen Glanz entfalten, sondern eine künstlich geschaffene Fels- und Waldwelt erzeugen. Diese Gestaltung gehört in den größeren Zusammenhang frühneuzeitlicher Grottenarchitektur, unterscheidet sich von höfischen Lustgrotten jedoch durch ihren ausdrücklich religiösen Zweck. Der Raum war nicht als Schauplatz repräsentativer Unterhaltung gedacht, sondern als Ort von Gebet, Buße, Meditation und zeitweiligem Rückzug aus den Verpflichtungen des Hofes.
Auch die Erschließung unterstrich diesen Sondercharakter. Die Eremitage konnte vom Hofgarten über einen gedeckten, auf Stützen geführten Gang erreicht werden. Historische Darstellungen des frühen 19. Jahrhunderts lassen diesen Verbindungsgang noch deutlich erkennen. Für Maximilian bestand damit die Möglichkeit, sich aus dem höfischen Bereich in einen bewusst anderen, symbolisch verarmten Raum zurückzuziehen, ohne sich in die eigentliche Klausur des Konvents einordnen zu müssen. Der architektonische Weg selbst wurde damit Teil des religiösen Konzepts: vom Hofgarten in einen inszenierten Eremitenraum, dessen Einfachheit einen Gegenpol zur landesfürstlichen Repräsentation bildete.
Von besonderem Interesse ist die in der Eremitage erhaltene Ausstattung. Ein schlichter Ofen, der dem Innsbrucker Hofhafner Hans Gantner zugeschrieben wird, wirkt im Vergleich mit den technisch und dekorativ aufwendigen Erzeugnissen dieser bedeutenden Hafnerfamilie geradezu demonstrativ zurückgenommen. Seine Bedeutung liegt daher nicht in kostbarer Zier, sondern in der bewussten Reduktion. Ein fürstlicher Auftraggeber, der ohne weiteres ein repräsentatives Kunstwerk hätte bestellen können, verlangte hier eine Form, die sich in die ästhetische Idee von Armut, Einfachheit und religiöser Sammlung einfügte. Gerade diese Spannung zwischen der sozialen Stellung des Besitzers und der gewollten Schmucklosigkeit macht den Ofen zu einem besonders aussagekräftigen Objekt der Eremitage.
Die Überlieferung verbindet Maximilians Aufenthalt in der Einsiedelei auch mit einfacher Handarbeit; er soll während seiner Rückzüge hölzerne Gegenstände gedrechselt haben. Unabhängig davon, wie einzelne solcher Nachrichten im Detail zu bewerten sind, ist die Grundidee der Anlage eindeutig: Hier wurde asketische Lebensweise nicht lediglich literarisch beschworen, sondern in Architektur, Materialwahl und alltäglicher Raumbenutzung übersetzt. Die Eremitage ist deshalb sowohl für die Frömmigkeitsgeschichte als auch für die Volkskunde bemerkenswert. Sie zeigt, wie Vorstellungen vom Einsiedlerleben, von Felsgrotte, Waldeinsamkeit und körperlich erfahrbarer Einfachheit in einem höfischen Milieu aufgenommen und in eine konkrete Rauminszenierung übertragen wurden.
Die Kapuzinerkirche folgt in ihrer Grundhaltung der auf Schlichtheit ausgerichteten Architektur des Ordens. Der ursprüngliche Kirchenraum und die Klosteranlage erfuhren im Laufe von mehr als vier Jahrhunderten wiederholt Umbauten, Restaurierungen und liturgische Veränderungen. Besonders einschneidend waren die josephinische Aufhebung, die Enteignung in der NS-Zeit, die Wiederherstellung nach 1945 sowie die Restaurierungen des 20. Jahrhunderts. Die heutige Ausstattung verbindet daher erhaltene historische Kunstwerke mit neueren liturgischen Gestaltungen. Bei der Generalsanierung von 1991 bis 1994 wurde die Klosteranlage auf einen der historischen Größe näheren Zustand zurückgeführt und zugleich den Erfordernissen eines modernen Konvents angepasst.
Der bedeutendste historische Kunstbesitz der Kirche ist die „Maria Lactans“ von Lucas Cranach dem Älteren. Das Gemälde entstand nach heutiger kunsthistorischer Einordnung etwa zwischen 1525 und 1535 und zeigt die stillende Gottesmutter mit dem Jesuskind. Die Provenienz des Bildes lässt sich für das 17. Jahrhundert vergleichsweise gut verfolgen. 1628 gelangte es als Schenkung der Freifrau Maria Euphemia von Maxlrain an das Kapuzinerkloster Straubing; bereits am 10. Dezember 1629 wurde es nach Innsbruck gebracht und in der Marienkapelle aufgestellt. 1630 erhielt das Bild einen eigenen Altar, dessen Stiftung mit Erzherzogin Claudia von Medici verbunden ist. Damit wurde ein Werk der deutschen Renaissance in einen neuen, dezidiert devotionalen Zusammenhang überführt.
Die „Maria Lactans“ ist kunsthistorisch und frömmigkeitsgeschichtlich gleichermaßen bemerkenswert. Der Bildtypus der stillenden Gottesmutter verbindet die Menschlichkeit Mariens und des Kindes mit theologischen Vorstellungen von Nahrung, Fürsorge und Heil. Im Innsbrucker Kapuzinerkloster entwickelte sich das Bild zu einem öffentlich verehrten Marienbild. Es wird als das älteste bis heute öffentlich verehrte Marienbild der Stadt bezeichnet. Während der josephinischen Klosteraufhebung kam es vorübergehend in das Kapuzinerkloster Meran und kehrte nach der Wiedererrichtung des Innsbrucker Konvents an seinen früheren Platz zurück. Auch in der Zeit der nationalsozialistischen Aufhebung wurde es ausgelagert; nach einem Aufenthalt im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und später im Stift Stams gelangte es nach Kriegsende wieder in die Kapuzinerkirche.
Die heutige liturgische Gestaltung des Altarraumes geht wesentlich auf das 20. Jahrhundert zurück. Der Hochaltar verbindet Darstellungen der Speisung der Fünftausend und der Hochzeit zu Kana mit einem von Weinranken umgebenen Kruzifix; große Figuren des heiligen Franziskus von Assisi und des Kapuzinerheiligen Fidelis von Sigmaringen flankieren die Komposition. Bei der Restaurierung von 1993/94 wurde der Altar unter Mitwirkung des Bildhauers Franz Pöhacker neu geordnet. Der Kirchenraum dokumentiert daher nicht einen einzigen abgeschlossenen kunsthistorischen Zustand, sondern mehrere Schichten der Ordensgeschichte: frühe kapuzinische Einfachheit, barocke Frömmigkeitskultur, Verluste durch die Aufhebungen und eine liturgische Neuinterpretation des 20. Jahrhunderts.
Mit der Erhebung zum Studienkloster 1615 erhielt Innsbruck innerhalb der Tiroler Kapuzinerprovinz eine Funktion, die weit über die lokale Seelsorge hinausging. Das philosophisch-theologische Hausstudium bildete Ordenspriester für Predigt, Beichte und Seelsorge aus. Die Ausbildung orientierte sich nicht an einer rein akademischen Wissensvermittlung, sondern am konkreten Einsatz des Kapuziners als Volksprediger und Beichtvater. Dogmatik, Kirchenrecht, Moraltheologie, Kirchengeschichte und Homiletik gehörten deshalb ebenso zum Bestand der Studien wie asketische und mystische Literatur. Der wissenschaftliche Anspruch des Studienhauses stand nicht im Gegensatz zum Armutsideal, sondern sollte die Brüder in die Lage versetzen, theologische Inhalte sprachlich verständlich, praktisch und seelsorglich wirksam zu vermitteln.
Die Kapuziner gehörten in Tirol zu jenen Orden, deren Wirkung besonders stark über Predigt und Beichte in den Alltag der Bevölkerung hineinreichte. Ihre Tätigkeit lässt sich daher nur teilweise an großen Kunstwerken oder repräsentativen Bauten ablesen. Von mindestens ebenso großer Bedeutung waren die regelmäßige Predigt, die geistliche Begleitung, die Betreuung von Kranken und Sterbenden, Volksmissionen und das Wirken einzelner Brüder als besonders gesuchte Beichtväter. Das Innsbrucker Kloster war hierbei sowohl Wohn- und Gebetsort als auch Ausbildungs- und Ausgangspunkt dieser mobilen Seelsorge.
Zu den mit Innsbruck verbundenen Kapuzinern gehört der selige Thomas von Olera, der aus dem Bergamasker Raum stammte und als Laienbruder im frühen 17. Jahrhundert am Innsbrucker Hof wirkte. Seine religiöse Ausstrahlung reichte weit über einfache klösterliche Dienstleistungen hinaus; er stand mit Mitgliedern des Hofes und anderen Persönlichkeiten seiner Zeit in Verbindung und hinterließ geistliche Schriften. Seine Erinnerung ist im Kapuzinerkloster bis heute präsent. Wie bei anderen frühen Kapuzinergestalten zeigt sich an seinem Beispiel die für den Orden charakteristische Verbindung von äußerer Einfachheit, intensiver persönlicher Frömmigkeit und erheblicher Wirkung auf Menschen außerhalb der Klausur.
Die Geschichte der Innsbrucker Kapuzinerbibliothek ist außergewöhnlich gut geeignet, die geistige Arbeit des Ordens jenseits vereinfachender Vorstellungen von einem ausschließlich asketischen Bettelorden sichtbar zu machen. Bereits ein Kammerbefehl Erzherzog Maximilians III. vom 13. September 1604 belegt den Ankauf von Büchern für die Klosterbibliothek. 1605/06 wurde der noch junge Klosterbau erweitert, ausdrücklich um zusätzlichen Raum für die Bibliothek zu schaffen. Mit der Einrichtung des Innsbrucker Studienklosters 1615 wuchs der Bedarf erheblich. Die Bibliothek erhielt Fachliteratur zu Dogmatik, Kirchenrecht, Moraltheologie, Kirchengeschichte und Predigtlehre; hinzu kamen asketische und mystische Schriften, die der geistlichen Ausbildung der Ordenskleriker dienten.
Die Bibliothek war damit von Anfang an Arbeitsinstrument der Seelsorge. Predigten mussten vorbereitet, theologische Streitfragen verstanden, Beichtväter moraltheologisch geschult und Ordenskleriker mit den geistlichen Traditionen ihres Ordens vertraut gemacht werden. Das Provinzkapitel schrieb 1623 die Bestellung eines eigenen Bibliothekars in jedem Kloster vor. Spätere Bestimmungen bekräftigten, dass Bücher nicht ohne weiteres ausgeliehen oder verschenkt werden durften und dass der Bestand geordnet zu verwahren sei. Solche Vorschriften machen deutlich, welchen materiellen und geistigen Wert Bücher innerhalb eines Ordens hatten, dessen Mitglieder persönlich kein Eigentum besitzen sollten.
Der Bestand wuchs nicht allein durch planmäßige Ankäufe. Wohltäter, besonders aus dem Adel, übergaben einzelne kostbare Werke oder ganze Privatbibliotheken; auch Geistliche vermachten dem Kloster Bücher. Damit wurde die Kapuzinerbibliothek zugleich zu einem Speicher von Lektüreinteressen, Frömmigkeitsformen und Wissensbeständen verschiedener sozialer Gruppen. Besitzvermerke, Widmungen und Provenienzen können heute Hinweise darauf geben, wie Bücher zwischen Hof, Weltgeistlichkeit, Privatpersonen und Orden zirkulierten. Auch aus volkskundlicher Sicht ist dieser Bestand deshalb nicht nur als Sammlung theologischer Texte von Interesse, sondern als Quelle für die Wissens- und Frömmigkeitsgeschichte Tirols.
Ein schweres Erdbeben am 22. Dezember 1689 verursachte auch im Kloster und in der Bibliothek Schäden. Dennoch entwickelte sich der Bestand weiter und erreichte im 18. Jahrhundert einen beachtlichen Umfang. Der tiefste Einschnitt erfolgte im Josephinismus. Am 30. März 1783 wurde zunächst die philosophisch-theologische Hauslehranstalt aufgehoben. Die Ordenskleriker mussten fortan das staatlich organisierte Generalseminar besuchen. 1787 folgte die Aufhebung des Innsbrucker Kapuzinerklosters selbst. 37 Brüder hatten den Konvent innerhalb weniger Monate zu verlassen. Das Inventar wurde verwertet, Kirchengeräte wurden eingezogen, Kunstwerke verlagert und die Bibliothek dem Innsbrucker Lyzeum, dem Vorläufer der heutigen Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, zugewiesen.
Zum Zeitpunkt dieser Aufhebung umfasste die Kapuzinerbibliothek mehr als 10.000 Bände und galt als kostbarste Bibliothek der damaligen Provinz. Provinzial P. Primus Puel versuchte 1790, wenigstens einen Teil des Bestandes zurückzuerhalten. Die wertvollen theologischen Werke wurden jedoch vom Lyzeum als unentbehrlich betrachtet. Damit ging der über fast zwei Jahrhunderte aufgebaute historische Kernbestand dem Orden dauerhaft verloren. Für die Geschichte des Klosters ist dies von besonderer Bedeutung: Die heutige Bibliothek steht zwar institutionell in der Tradition der frühen Klosterbibliothek, ihr Bestand ist jedoch nicht einfach identisch mit jener Sammlung, die bis 1787 in den Räumen des Konvents gestanden hatte.
Am 24. Juli 1802 wurde die Wiederherstellung des Konvents genehmigt. Am 13. August desselben Jahres erwarb der emeritierte Gubernialbeamte Johann Nepomuk von Zimmermann Kirche, Kloster und Garten zurück und ermöglichte damit die Rückkehr der Kapuziner. Die Gebäude befanden sich in schlechtem Zustand und mussten schrittweise wiederhergestellt werden. 1804 weihte der Brixner Fürstbischof Franz Karl Graf von Lodron die Kirche mit ihren vier Altären neu. 1833 erhielt der Konvent wieder den Status eines Guardianats; im selben Jahr konnte auch das theologische Hausstudium neu beginnen.
Damit wurde auch eine neue Bibliothek notwendig. Sie musste im 19. Jahrhundert im Wesentlichen erneut aufgebaut werden. 1876 entstand an der Nordostseite der alten Klosterquadratur ein eigener Bibliotheksbau. Einen wesentlichen Anteil an der Neuerrichtung hatte P. Fulgentius Haidegger aus Sterzing, Bibelwissenschaftler und mehrfach Provinzial. Der Bestand wuchs wiederum rasch und erreichte um 1907 etwa 10.500 Bände. Unter den Ordensleuten, die sich besonders um wissenschaftliche Literatur bemühten, wird P. Hilarius Gatterer aus Sexten genannt, Moraltheologe, Schriftsteller und Provinzial. Die Bibliothek war damit erneut eng mit dem Studienbetrieb verbunden; Bibliothekare waren vielfach zugleich Lektoren der klösterlichen Lehranstalt.
Auch bedeutende Gelehrtenbibliotheken einzelner Kapuziner fanden Aufnahme. Besonders hervorzuheben ist P. Michael Hetzenauer aus Zell bei Kufstein, ein international tätiger Bibelwissenschaftler, Professor für Exegese und Konsultor der Päpstlichen Bibelkommission. Nach seinem Tod 1928 gelangte seine wertvolle exegetische Bibliothek nach Innsbruck. Gerade solche persönlichen Sammlungen zeigen, dass die Kapuzinerbibliothek keineswegs nur aus erbaulicher Literatur bestand. Ihre Bestände spiegelten die gesamte Spannweite der Ordensarbeit zwischen Predigt, theologischer Ausbildung, Bibelwissenschaft, Spiritualität und historischer Forschung.
Die zweite große Katastrophe der Bibliotheksgeschichte begann mit der nationalsozialistischen Aufhebung des Klosters. Am 30. September 1940 wurde der Konvent von der Gestapo aufgehoben. Die Brüder mussten das Haus verlassen; Kirche und Kloster wurden zweckentfremdet. Der Bibliotheksbestand erlitt schwere Verluste. Nach der späteren Aussage des Tiroler Kunsthistorikers Josef Ringler wurde ein großer Teil der Bibliothek nach Frastanz in Vorarlberg gebracht und dort in einer Papierfabrik eingestampft. Unter den vernichteten Beständen befand sich auch die bedeutende bibelwissenschaftliche Bibliothek Michael Hetzenauers.
Mit der Zerstörung gingen nicht nur Bücher als materielle Objekte verloren, sondern auch Provenienzspuren, Besitzvermerke, handschriftliche Notizen und gewachsene Zusammenhänge einer Ordensbibliothek. Ein besonders schmerzlicher Einzelverlust war eine hebräische Bibel, die mit dem heiligen Laurentius von Brindisi in Verbindung stand und im Kloster aufbewahrt worden war. Die NS-Zeit bedeutete daher nach der josephinischen Zerstreuung des 18. Jahrhunderts einen zweiten tiefen Bruch in der Überlieferungsgeschichte des Innsbrucker Buchbestandes.
Nach 1945 kehrten die Kapuziner zurück. Kirche und Kloster mussten erneut hergestellt werden; auch die Bibliothek begann praktisch von neuem. In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre wurden neue Bücherregale in der Provinztischlerei angefertigt. Gleichzeitig nahm die philosophisch-theologische Hauslehranstalt ihren Betrieb wieder auf. Erst 1968 wurde das eigene philosophisch-theologische Studium der Nordtiroler Kapuzinerprovinz eingestellt. Damit endete eine institutionelle Tradition, die mit Unterbrechungen seit 1615 bestanden hatte.
Eine neue Phase begann mit der Generalsanierung des Klosterkomplexes in den Jahren 1991 bis 1994. Für Bibliothek und Provinzarchiv wurden neue Räume geschaffen; 1994 erhielt die Bibliothek ausdrücklich den Auftrag, historische Buchbestände aufgehobener oder geschlossener Kapuzinerklöster zu übernehmen, zu bewahren und wissenschaftlich zu erschließen. Damit wandelte sich die Innsbrucker Bibliothek von einer primär auf den eigenen Konvent bezogenen Hausbibliothek zu einem zentralen Gedächtnisort des Ordens.
Zum Innsbrucker Bestand gelangten unter anderem Bücher aus den Kapuzinerklöstern Bludenz, Bezau, Dornbirn, Schruns-Gauenstein, Tarasp, Ried im Oberinntal, Landeck-Perjen, Kitzbühel, Braunau und Ried im Innkreis. Nach der Vereinigung der Nordtiroler mit der Wiener Kapuzinerprovinz im Jahr 2007 kamen weitere historische Bestände hinzu. Die Bibliothek ist damit heute nicht nur die Fortsetzung einer 1604 bereits nachweisbaren Innsbrucker Einrichtung, sondern zugleich ein Sammelpunkt für die schriftliche Überlieferung zahlreicher aufgegebener Kapuzinerhäuser.
Die heutigen Sammel- und Erwerbungsschwerpunkte liegen vor allem bei franziskanischer und kapuzinischer Literatur sowie der Theologie; daneben sind Tirolensien, Geschichte, Philosophie und weitere Wissensgebiete vertreten. Gerade die Zusammenführung der Bestände ehemals selbständiger Klosterbibliotheken macht die Sammlung für die historische Forschung besonders wertvoll. Ein Buch kann hier nicht nur wegen seines Textes von Bedeutung sein, sondern ebenso wegen seines früheren Standortes, seiner Besitzer, seiner Gebrauchsspuren oder seiner Einbindung in die Lektürekultur eines bestimmten Konvents.
Die beiden Aufhebungen von 1787 und 1940 prägten die materielle Überlieferung des Klosters nachhaltig. Nach der josephinischen Aufhebung blieb der Konvent bis 1802 unterbrochen. Die Rückkehr wurde durch privaten Rückerwerb möglich und führte schrittweise zu einer neuerlichen Etablierung des Ordens. Im 20. Jahrhundert folgten bauliche Erweiterungen, unter anderem 1929 und 1937. Die nationalsozialistische Enteignung unterbrach diese Entwicklung erneut. Nach 1945 wurden Kirche und Kloster wieder für ihre ursprüngliche Bestimmung hergestellt; 1947 konsekrierte der Apostolische Administrator Paulus Rusch die Altäre. 1960/61 wurde die Kirche restauriert.
Die große Sanierung von 1991 bis 1994 versuchte, die durch mehrere Erweiterungsphasen veränderte Anlage wieder stärker an ihre historische Grundgestalt heranzuführen. Gleichzeitig mussten neue Funktionen für Bibliothek, Archiv und die heutige Ordensgemeinschaft integriert werden. Dadurch ist der Klosterkomplex ein anschauliches Beispiel dafür, wie ein lebendiges Ordenshaus mit einem denkmalgeschützten Bestand umgehen muss: Historische Räume sind zu bewahren, zugleich aber an die Erfordernisse gegenwärtigen klösterlichen Lebens, wissenschaftlicher Erschließung und seelsorglicher Nutzung anzupassen.
Das Innsbrucker Kapuzinerkloster besitzt eine kulturhistorische Bedeutung, die weit über die Geschichte eines einzelnen Konvents hinausreicht. In ihm treffen mehrere für Tirol zentrale Themenfelder zusammen: die katholische Reform, die landesfürstliche Frömmigkeit der Habsburger, die Geschichte des Bettelordenswesens, die Ausbildung von Volkspredigern, die Entwicklung klösterlicher Bibliotheken, die Marienverehrung und die politischen Eingriffe in kirchliche Institutionen vom Josephinismus bis zum Nationalsozialismus. Diese verschiedenen Ebenen sind nicht nur archivalisch überliefert, sondern teilweise noch unmittelbar im Gebäude ablesbar.
Besonders die Eremitage erlaubt eine seltene Annäherung an die materielle Kultur religiöser Selbstdisziplin im frühen 17. Jahrhundert. Die künstliche Grottenarchitektur, die reduzierte Ausstattung und der bewusst schlichte Ofen bilden einen Gegenentwurf zur repräsentativen Hofkultur. Dass ein Tiroler Landesfürst einen solchen Raum innerhalb eines Kapuzinerklosters schaffen ließ, verweist auf die hohe Attraktivität eremitischer Leitbilder in der Frühen Neuzeit. Einsiedelei, Wald, Fels, Armut und handwerkliche Tätigkeit wurden als konkrete Zeichen eines Lebens verstanden, das sich wenigstens zeitweise von Stand, Amt und Repräsentation distanzieren sollte.
Ebenso aufschlussreich ist die Bibliothek. In ihr lassen sich über Jahrhunderte nicht nur theologische Lehrmeinungen, sondern Praktiken des Sammelns, Schenkens, Vererbens, Lesens und Zensierens verfolgen. Die Verluste von 1787 und 1940 machen zugleich sichtbar, wie eng Bibliotheksgeschichte mit politischer Machtgeschichte verbunden ist. Dass die heutige Zentralbibliothek wiederum Bestände geschlossener Kapuzinerklöster sammelt, verleiht dem Innsbrucker Haus eine neue Funktion: Es bewahrt nicht nur seine eigene Geschichte, sondern zunehmend auch die schriftliche Erinnerung an zahlreiche andere Niederlassungen des Ordens.
Das Kapuzinerkloster Innsbruck ist daher weder allein als Ordenshaus noch ausschließlich als Kunstdenkmal zu verstehen. Es ist ein historisch gewachsener Erinnerungsort, an dem sich Hof- und Ordensgeschichte, individuelle Frömmigkeit, Volksseelsorge, Kunst, Wissenschaft und politische Brüche gegenseitig überlagern. Die fortdauernde Nutzung durch den Orden unterscheidet das Haus von vielen ehemaligen Klöstern: Die historischen Räume, die Kirche, die Eremitage und die Bibliothek sind nicht nur museale Relikte, sondern Bestandteile einer bis in die Gegenwart weitergeführten franziskanisch-kapuzinischen Tradition.
Hohenegger, Agapit / Zierler, Peter B.: Geschichte der Tirolischen Kapuziner-Ordensprovinz (1593–1893). Innsbruck 1913/1915, 2 Bände.
Hetzenauer, Michael OFMCap: Das Kapuziner-Kloster zu Innsbruck. Das erste dieses Ordens in Deutschland. Innsbruck 1893.
Niklasch, Chrysostomus OFMCap: Die Ordensstudien in der Tiroler Kapuzinerprovinz bis zur staatlichen Aufhebung 1783. Sonderdruck aus dem Provinzboten der Tiroler Kapuziner, 1939.
Neuner, Cassian OFMCap: Literarische Tätigkeit in der Nordtiroler Kapuzinerprovinz. Bio-bibliographische Notizen. Innsbruck 1929.
Laus Deo – Gott sei gelobt. 400 Jahre Kapuziner in Tirol. Festschrift. Thaur 1994.
Felmayer, Johanna: Die sakralen Kunstdenkmäler der Stadt Innsbruck. Innsbruck 1994.
Massani, Manfred OFMCap: Das Schicksal der Kapuziner-Bibliothek in Innsbruck seit 400 Jahren. Innsbruck, Provinzbibliothek der Kapuziner.
Kapuzinerorden: Geschichte des Kapuzinerklosters Innsbruck; Zentralbibliothek Innsbruck; Kapuzinerkirche Innsbruck; Führungen rund um das Kloster. Ordensinformationen, abgerufen für die redaktionelle Bearbeitung.
Cranach Digital Archive: Die Madonna, das Kind stillend, Kapuzinerkloster Innsbruck, CDA ID AT_KI_NONE-KI001; Werk- und Provenienzdokumentation.
Universität Innsbruck, Forschungszentrum Regionalgeschichte / Europaregion Tirol: Beiträge zur Eremitage Erzherzog Maximilians III. im Kapuzinerkloster Innsbruck.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher © www.SAGEN.at |