Innsbruck - Jesuitenkolleg

Schnellüberblick
Kloster:Jesuitenkolleg Innsbruck. Historisch als Kolleg der Gesellschaft Jesu gegründet; seit dem 16. Jahrhundert eng mit Gymnasium, Universität, Jesuitenkirche und theologischer Ausbildung verbunden. Der erste Kollegstandort lag an der heutigen Universitätsstraße, das heutige Ordenshaus befindet sich in der Sillgasse.
Orden:Gesellschaft Jesu (Jesuiten, Societas Jesu, SJ), 1540 päpstlich bestätigt und durch Ignatius von Loyola geprägt.
Gründung:1561 Übergabe einer ersten Wohnstätte im Kaiserspital; 1562 Eröffnung des Jesuitengymnasiums mit 71 Schülern und Baubeginn des eigenen Kollegs. Petrus Canisius führte als Provinzial die entscheidenden Verhandlungen auf Wunsch Kaiser Ferdinands I.
Status:Bestehendes Jesuitenkolleg und aktive Ordensgemeinschaft. Die Jesuitenkirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit ist zugleich Universitätskirche. Seit 2013 befindet sich auch das internationale Collegium Canisianum wieder im Bereich des Jesuitenkollegs.
Anlage:Historisch mehrteiliger Komplex: ehemaliges Jesuitenkolleg an der Universitätsstraße, die 1627-1646 errichtete Jesuitenkirche am Karl-Rahner-Platz sowie das heutige Kolleg in der Sillgasse 6. Das alte Kolleg wird heute wesentlich von universitären Einrichtungen genutzt.
Ort:Innsbruck.
Region:Inntal, Tirol.
Land:Österreich.
Lage und Besuch
•Jesuitenkolleg Innsbruck, Sillgasse 6, 6020 Innsbruck, Tirol, Österreich.
Jesuitenkirche - Universitätskirche, Karl-Rahner-Platz 2, 6020 Innsbruck. Das historische erste Kolleg lag im Bereich der heutigen Universitätsstraße unmittelbar bei der Kirche.
•Lage in der SAGEN.at-Karte Klöster und Stifte in Tirol
•Ansicht in Street View
•Öffnungszeiten: Das Jesuitenkolleg ist ein bewohntes Ordenshaus und keine reguläre Besichtigungsstätte. Die Jesuitenkirche ist tagsüber zugänglich; aktuelle Gottesdienst-, Beicht- und Veranstaltungszeiten werden von der Jesuitenkirche veröffentlicht. Die Pforte des Kollegs ist werktags zu den angegebenen Vormittagszeiten besetzt.
•Web: Jesuitenkolleg Innsbruck  |  Jesuitenkirche - Universitätskirche Innsbruck
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Gesucht werden insbesondere Aufnahmen des heutigen Jesuitenkollegs in der Sillgasse, des Übergangs zwischen Kolleg und Karl-Rahner-Platz, der Jesuitenkirche mit Fassade, Türmen, Innenraum, Kanzel, Beichtstühlen, Fürstengruft, Pirminreliquien, Gnadenbild Unserer Lieben Frau von Foy und Herz-Jesu-Bild sowie - soweit zugänglich - historische Bauteile des ehemaligen Kollegs an der Universitätsstraße, der Theologischen Fakultät, des Nikolaihauses und Zeugnisse der Bibliotheks- und Universitätsgeschichte.

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Ausführliche Beschreibung

Begriff und historische Einordnung

Das Innsbrucker Jesuitenkolleg gehört zu jenen Ordensniederlassungen, deren Geschichte sich nicht mit dem Begriff eines abgeschlossenen Klosters erfassen lässt. Die Gesellschaft Jesu organisierte ihre Häuser in der Regel als Kollegien, in denen Gemeinschaftsleben, Seelsorge, Unterricht und wissenschaftliche Arbeit eng miteinander verbunden waren. In Innsbruck entstand daraus seit dem 16. Jahrhundert ein institutionelles Gefüge, das Gymnasium, Kirche, Armenkonvikt, später Universität und Theologische Fakultät, Volksmission und schließlich internationale Priesterausbildung miteinander verband. Der Ausdruck 'Jesuitenkloster' ist daher im allgemeinen Sprachgebrauch verständlich, historisch präziser ist jedoch 'Jesuitenkolleg'.

Für Innsbruck war das Kolleg weit mehr als eine innerkirchliche Einrichtung. Seine Geschichte berührt die städtische Bildungsentwicklung, die Ausbildung der Universität, die katholische Reform, das Theater- und Musikleben, die Entstehung und Verbreitung neuer Frömmigkeitsformen, die Geschichte der wissenschaftlichen Bibliotheken sowie die politischen Brüche von 1773, 1848 und 1938/39. Das heute bestehende Jesuitenkolleg in der Sillgasse und die Jesuitenkirche am Karl-Rahner-Platz stehen deshalb in einer mehr als vierhundertjährigen Tradition, deren bauliche und institutionelle Orte sich mehrfach verschoben haben.

Ferdinand I. und die Vorbereitung der Gründung

Die Errichtung des Innsbrucker Kollegs gehört in die große Phase der katholischen Reform des 16. Jahrhunderts. Kaiser Ferdinand I., der in seinen österreichischen Erblanden nach neuen Formen kirchlicher Bildung und Seelsorge suchte, setzte große Erwartungen in die noch junge Gesellschaft Jesu. Jesuitische Schulen sollten nicht nur Kleriker ausbilden, sondern eine neue Generation sprachlich, rhetorisch und religiös geschulter Laien hervorbringen. Innsbruck war als landesfürstliche Residenz und Verwaltungszentrum für eine solche Niederlassung von besonderer Bedeutung.

Als entscheidender Vertreter des Ordens trat Petrus Canisius auf. Er führte als Provinzial der Oberdeutschen Provinz die Verhandlungen, die 1561 zur Überlassung einer ersten Wohnstätte im sogenannten Kaiserspital in der heutigen Universitätsstraße führten. Dazu gehörte die Salvatorkapelle. Bereits im folgenden Jahr wurde mit dem Bau eines eigenen Kolleggebäudes begonnen. Die Gründung war damit von Beginn an nicht als kleine seelsorgliche Außenstation, sondern als dauerhafte Bildungs- und Ordensinstitution gedacht.

25. Juni 1562: Beginn des Jesuitengymnasiums

Am 25. Juni 1562 begann der Unterricht mit 71 Schülern. Dieses Datum ist für die Innsbrucker Bildungs- und Universitätsgeschichte grundlegend, denn das Jesuitengymnasium bildet eine der wichtigsten institutionellen Voraussetzungen der späteren Universität. Zunächst fand der Unterricht im sogenannten Neuen Stift statt, dem heutigen Bereich des Tiroler Volkskunstmuseums; ab 1575 konnte das Gymnasium im Kolleg selbst untergebracht werden. Die rasch wachsende Schülerzahl machte jedoch schon bald weitere Erweiterungen notwendig.

Das jesuitische Schulmodell beruhte auf einer konsequenten Verbindung von sprachlicher Schulung, Rhetorik, philosophischer Propädeutik, religiöser Unterweisung und öffentlicher Übung. Latein war nicht nur Unterrichtsfach, sondern zentrale Bildungssprache. Theateraufführungen, akademische Reden, Preisverteilungen und religiöse Feiern gehörten deshalb ebenso zum Schulbetrieb wie die tägliche Unterrichtsarbeit. Der Erfolg des Gymnasiums zeigt sich darin, dass es in Innsbruck innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer städtisch und landesweit wirksamen Bildungsinstitution anwuchs.

Petrus Canisius in Innsbruck

Petrus Canisius war für Innsbruck nicht nur Gründungsorganisator aus der Ferne. Zwischen 1571 und 1577 hielt er sich wiederholt beziehungsweise für längere Zeit in der Stadt auf und wirkte als Prediger, Seelsorger und Ordensoberer. Seine Tätigkeit gehört in die Phase, in der die katholische Reform in Tirol stärker über Predigt, Katechese, Beichte und Bildung organisiert wurde. Canisius' Katechismen waren in vielen Teilen Mitteleuropas verbreitet und prägten über Generationen die religiöse Unterweisung.

Für den Innsbrucker Artikel ist es wichtig, Canisius weder zur alleinigen Ursache aller späteren Entwicklungen zu stilisieren noch ihn auf seine Rolle als Gegner der Reformation zu reduzieren. Sein Wirken zeigt vielmehr das jesuitische Grundmodell, religiöse Erneuerung durch Bildung, systematische Seelsorge und institutionelle Verdichtung zu erreichen. Diese Verbindung blieb für das Innsbrucker Kolleg charakteristisch, auch lange nachdem Canisius die Stadt verlassen hatte.

Das erste Kolleg an der heutigen Universitätsstraße

Das eigene Kolleggebäude wurde ab 1562 errichtet und 1573 im Wesentlichen fertiggestellt. Es lag im Bereich der heutigen Universitätsstraße und stand in unmittelbarer Beziehung zu Schule und Kirche. Die räumliche Nähe von Ordenshaus, Unterricht und Gottesdienst war programmatisch: Die Jesuiten sollten nicht als isolierte Gemeinschaft leben, sondern mit ihrer Schule und ihrer Kirche mitten im städtischen Alltag präsent sein.

Der historische Erststandort ist für heutige Besucher nicht ohne Erklärung verständlich, weil die Jesuiten dort heute nicht mehr wohnen. Teile des alten Kollegkomplexes gingen nach der Aufhebung des Ordens 1773 an Universität und staatliche Einrichtungen über. In diesem Bereich befindet sich heute unter anderem die Katholisch-Theologische Fakultät. Das aktuelle Jesuitenkolleg dagegen liegt in der Sillgasse. Die Geschichte der Innsbrucker Jesuiten besitzt daher zwei eng miteinander verbundene, aber baulich getrennte Hauptstandorte.

Die erste Dreifaltigkeitskirche 1568-1571

Die anfängliche Salvatorkapelle erwies sich rasch als zu klein. Zwischen 1568 und 1571 wurde sie erweitert; bereits diese erste größere Kirche wurde als Dreifaltigkeitskirche bezeichnet. Ihre Vergrößerung spiegelt den wachsenden Erfolg der jesuitischen Predigt- und Beichtseelsorge. Eine Kollegkirche war nicht ausschließlich Hauskirche der Ordensgemeinschaft, sondern sollte Schüler, Studenten, Bürger, Hofangehörige und andere Besucher aufnehmen.

Schon im frühen 17. Jahrhundert genügte aber auch dieser Bau nicht mehr. Die weitere Entwicklung führte zu einem viel ambitionierteren Kirchenprojekt, dessen Geschichte durch einen spektakulären Einsturz, einen vollständigen Neubeginn und schließlich eine der bedeutendsten frühbarocken Kirchenanlagen Innsbrucks geprägt wurde.

Das Nikolaihaus und die Bildung mittelloser Schüler

Die jesuitische Bildungsarbeit blieb nicht auf zahlungskräftige Familien beschränkt. Für mittellose Schüler entstand ein Armenkonvikt, dessen Entwicklung in den Quellen mit mehreren Jahreszahlen verbunden ist. Die Geschichte des heutigen Canisianums setzt einen frühen Beginn bereits 1569 an, während die Geschichte des Kollegs 1587 als entscheidendes Gründungsjahr des sogenannten Nikolaihauses nennt. Wahrscheinlich handelt es sich um verschiedene Stufen derselben Entwicklung: zunächst eine organisierte Armenversorgung beziehungsweise ein Konvikt, später dessen dauerhafte räumliche und institutionelle Festigung.

Das Nikolaihaus ist sozialgeschichtlich bedeutsam, weil es begabten jungen Männern ohne ausreichende finanzielle Mittel den Besuch des Gymnasiums und später der Universität ermöglichen sollte. Stiftungen verbanden sich dabei mit religiöser Memoria: Unterstützte Schüler beteten für ihre Wohltäter und deren Verstorbene. So griffen soziale Förderung, Bildung und Gebetsgedächtnis ineinander. Aus dem Armenkonvikt entwickelte sich langfristig ein Theologenkonvikt und schließlich jene internationale Ausbildungsinstitution, die im Collegium Canisianum fortlebt.

Schülerzahlen und soziale Reichweite

Das Gymnasium wuchs im 17. Jahrhundert zu einer großen Schule. Für das Jubiläumsjahr 1662 werden 604 Schüler genannt. Unter ihnen befanden sich Angehörige des Adels, darunter Grafen, Barone und Edelknaben, doch bestand die Schülerschaft keineswegs ausschließlich aus der gesellschaftlichen Oberschicht. Die Existenz des Nikolaihauses und weiterer Unterstützungsformen weist ausdrücklich auf eine sozial gemischte Bildungslandschaft hin.

Gerade diese Mischung ist für die Wirkung des Kollegs entscheidend. Die Schule bildete nicht nur künftige Geistliche aus, sondern Beamte, Juristen, Ärzte, Gelehrte und Angehörige städtischer Eliten. Damit verbreiteten sich jesuitisch geprägte Sprach-, Bildungs- und Frömmigkeitsformen weit über den Orden hinaus. Das Kolleg wurde zu einem Ort, an dem soziale Herkunft, akademischer Aufstieg und religiöse Formierung in vielfältige Beziehungen traten.

Jesuitisches Schultheater als Unterricht und Öffentlichkeit

Das Theater gehörte zu den charakteristischen pädagogischen Mitteln der Jesuitenschulen. Lateinische und deutschsprachige Aufführungen schulten Gedächtnis, Sprache, Rhetorik, Körperbeherrschung und öffentliches Auftreten. Gleichzeitig vermittelten sie biblische, hagiographische, historische oder moralische Stoffe an ein großes Publikum. Die Bühne verband damit schulische Übung und religiöse beziehungsweise politische Repräsentation.

In Innsbruck nahm dieses Schultheater außergewöhnliche Dimensionen an. Die erhaltenen Periochen, also gedruckten Inhaltsangaben der Stücke, sowie vollständige Spieltexte bilden heute einen wichtigen Quellenbestand für Theater-, Literatur- und Bildungsgeschichte. Für die Jahre 1669 bis 1773 sind allein in Innsbruck 266 Aufführungen nachweisbar. Das Kolleg war damit über viele Generationen einer der wichtigsten Theaterproduzenten der Stadt.

Das Katharinenspiel von 1576

Bereits 1576 wurde ein groß angelegtes Drama über die hl. Katharina aufgeführt. Die Überlieferung nennt eine Aufführungsdauer von ungefähr acht Stunden und mehr als zweihundert beteiligte Schüler. Damit war praktisch ein großer Teil der damaligen Schülerschaft auf oder hinter der Bühne eingebunden. Solche Produktionen waren keine beiläufigen Schulfeiern, sondern aufwendige öffentliche Ereignisse mit erheblicher organisatorischer und repräsentativer Wirkung.

Die Dimension des Katharinenspiels zeigt zugleich, wie früh die Jesuiten in Innsbruck das Theater als Medium religiöser und schulischer Öffentlichkeit einsetzten. Die Aufführung verband Heiligenlegende, rhetorische Ausbildung und gemeinschaftliche Inszenierung. Für eine Stadt des 16. Jahrhunderts bedeutete eine Produktion mit mehreren hundert Beteiligten ein außergewöhnliches Ereignis, das die Präsenz des jungen Kollegs sichtbar machte.

1646: Tyrolis pacifica und der Weg zur höfischen Oper

Einen Höhepunkt erreichte die jesuitische Theaterkultur 1646 mit der 'Tyrolis pacifica', die anlässlich der Hochzeit Erzherzog Ferdinand Karls mit Anna de' Medici aufgeführt wurde. Das Werk verband dramatische Handlung, Musik, höfische Repräsentation und politische Allegorie. Es näherte sich damit Formen des Musiktheaters an, die für die spätere Innsbrucker Opernkultur von großer Bedeutung wurden.

Die Beziehung zwischen Jesuitentheater und Hofkultur war eng. Angehörige des Herrscherhauses hatten selbst jesuitische Bildung erfahren, und öffentliche Schulspiele konnten dynastische Ereignisse religiös und politisch deuten. Der Innsbrucker Theaterbetrieb des Kollegs ist deshalb nicht nur Teil der Schulgeschichte, sondern auch der frühen Musik- und Operngeschichte der Stadt.

1608: eine frühe Weihnachtskrippe in Innsbruck

Für die Tiroler Volkskunde besitzt das Kolleg eine weitere herausragende Bedeutung. Die Innsbrucker Stadtchronik vermerkt für 1608 die Aufstellung einer Krippe in der Jesuitenkirche; die volkskundliche Forschung nennt für Innsbruck und Hall 1608/09 die ersten jesuitischen Weihnachtskrippen in Tirol. Gemeint ist dabei nicht die Erfindung der Darstellung der Geburt Christi, sondern die Ausbildung einer selbständigen, szenisch gestalteten Krippe als Medium anschaulicher Frömmigkeit.

Gerade in Tirol, wo die Weihnachtskrippe später zu einem zentralen Bestandteil häuslicher und kirchlicher Festkultur wurde, ist dieser frühe jesuitische Impuls von großer Bedeutung. Die Krippe entsprach dem Bestreben der katholischen Reform, Glaubensinhalte nicht nur abstrakt zu lehren, sondern sichtbar, räumlich und emotional erfahrbar zu machen. Aus dem kirchlichen Lehrmittel entwickelte sich langfristig eine vielfach eigenständige religiöse Volkskunst.

Heilige Gräber, Bilder und sinnliche Religionsvermittlung

Die Weihnachtskrippe stand nicht allein. Jesuitische und andere katholische Reformorden förderten im 17. Jahrhundert eine Vielzahl anschaulicher Formen: Heilige Gräber, Passionsdarstellungen, Prozessionen, Reliquienkulte, szenische Spiele und bildlich ausgestaltete Andachten. Diese Formen sollten religiöse Inhalte über Sehen, Hören, Bewegung und gemeinschaftliches Handeln vermitteln.

Für eine volkskundliche Betrachtung ist dabei die Wechselwirkung entscheidend. Solche Praktiken wurden nicht einfach von oben verordnet und unverändert übernommen. Sie konnten in lokalen Gemeinden weiterentwickelt, mit vorhandenen Traditionen verbunden und langfristig zu selbstverständlichen Bestandteilen regionaler Festkultur werden. Das Innsbrucker Kolleg war damit ein Ausgangspunkt religiöser Innovation, deren spätere Formen häufig kaum noch als jesuitisch erkannt wurden.

1578: Marianische Kongregationen

Bereits 1578 entstand in Innsbruck eine Marianische Kongregation. Solche Kongregationen waren keine Ordensgemeinschaften und auch nicht identisch mit älteren Handwerker- oder Altarbruderschaften. Sie organisierten Laien und Schüler unter geistlicher Begleitung der Jesuiten zu regelmäßiger Andacht, Gewissenserforschung, marianischer Frömmigkeit, karitativem Engagement und einer religiös geordneten Lebensführung.

Im Laufe der Zeit bildeten sich unterschiedliche Kongregationen für verschiedene soziale Gruppen. Besonders groß wurden im 18. Jahrhundert die Akademiker- und Bürgerkongregationen. Die Hausgeschichte nennt mehr als 1.500 Mitglieder für die Akademikerkongregation und etwa 1.400 für die Bürgerkongregation. Für das damalige Innsbruck sind das bemerkenswerte Zahlen und ein deutlicher Hinweis darauf, wie tief jesuitisch begleitete Laienfrömmigkeit in die städtische Gesellschaft hineinreichte.

Kongregation, Meditation und Theater

Die Marianischen Kongregationen beschränkten sich nicht auf gemeinsame Gebete. 1680 ist ein von der Innsbrucker Kongregation aufgeführtes Meditationsdrama belegt, das auf Motive der Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola zurückgriff. Der Schritt von der inneren Betrachtung zur szenischen Darstellung zeigt, wie flexibel jesuitische Frömmigkeit mit unterschiedlichen Medien arbeitete.

Für die Mitglieder wurde Religion damit gleichzeitig individuell und gemeinschaftlich organisiert: persönliche Gewissensprüfung, geistliche Begleitung, Gottesdienst und sichtbare öffentliche Aktivität ergänzten einander. Die Kongregationen bildeten soziale Netzwerke, in denen Bildung, Stand, Frömmigkeit und gegenseitige Verpflichtung miteinander verbunden waren.

Unsere Liebe Frau von Foy

Ein heute wenig bekannter, in der frühen Neuzeit jedoch bedeutender Marienkult der Innsbrucker Jesuitenkirche ist mit der Statue 'Unserer Lieben Frau von Foy' verbunden. Ihre Vorgeschichte führt in die südlichen Niederlande. Nach der Überlieferung war dort eine Marienfigur im Hohlraum einer Eiche entdeckt worden; aus dem Holz entstanden Nachbildungen. Eine solche Figur gelangte nach Breda und wurde 1639 von Jesuiten vor den konfessionellen Auseinandersetzungen nach Innsbruck in Sicherheit gebracht.

In Innsbruck entwickelte sich die Figur selbst zu einem verehrten Gnadenbild. Die Geschichte der Jesuitenkirche bezeichnet sie ausdrücklich als eines der vielbesuchten Gnadenbilder des Landes. Damit besaß die Kirche neben ihrer Funktion als Predigt-, Beicht- und Universitätskirche auch einen ausgeprägten marianischen Andachtsort. Der Kult zeigt zugleich die internationale Mobilität religiöser Objekte innerhalb des Jesuitenordens.

Maria, breit den Mantel aus

Mit dem Kult von Foy verbindet die Innsbrucker Überlieferung bereits um 1640 das Marienlied 'Maria, breit den Mantel aus'. Das Lied gehört heute zum weit verbreiteten katholischen Repertoire. Für eine strenge Ursprungsaussage reicht die lokale Überlieferung allein jedoch nicht aus; Melodie- und Textgeschichte besitzen unterschiedliche Überlieferungswege und verlangen eine eigene musikhistorische Untersuchung.

Im Artikel ist deshalb eine vorsichtige Formulierung angemessen: Die Innsbrucker Jesuitentradition bringt das Lied bereits früh mit der Verehrung der Madonna von Foy in Verbindung. Unabhängig von der Frage eines alleinigen Ursprungs zeigt dies, wie Bildkult und Gesang als zusammengehörige Formen marianischer Frömmigkeit erlebt wurden.

Der hl. Pirmin und die Pestfrömmigkeit

Eine weitere wichtige Kultschicht der Jesuitenkirche betrifft den hl. Pirmin. Seine Reliquien gelangten in den konfessionellen Konflikten des 16. Jahrhunderts über Speyer nach Innsbruck. Seit der Pest von 1611 wurde Pirmin in Innsbruck als besonderer Fürsprecher in Seuchennot verehrt und als Stadtpatron angerufen. Die Reliquien befinden sich bis heute in der Jesuitenkirche.

Für die Religions- und Volkskunde ist diese Verehrung ein Beispiel städtischer Krisenfrömmigkeit. Epidemien wurden medizinisch nur begrenzt verstanden und waren mit massiver sozialer Unsicherheit verbunden. Reliquien, Gelübde, Prozessionen und Heiligenverehrung boten Deutungs- und Handlungsformen in Situationen, in denen weltliche Mittel als unzureichend erfahren wurden.

1619-1626: der erste große Kirchenneubau

Der Ausbau der Seelsorge machte schließlich eine völlig neue Kirche notwendig. Zwischen 1619 und 1622 entstand in der Straßenfront des heutigen Vorplatzes ein großer Neubau. An Planung und Ausführung waren mehrere Künstler, Baumeister und jesuitische Fachleute beteiligt. Der Bau näherte sich seiner Vollendung, bevor 1626 eine Katastrophe eintrat: Wegen unzureichender Fundamente stürzte der Rohbau ein.

Dieser Einsturz gehört zu den bemerkenswertesten Episoden der Innsbrucker Baugeschichte. Er zwang die Jesuiten und ihre landesfürstlichen Förderer, das gesamte Projekt neu zu denken. Statt einer bloßen Reparatur entschied man sich für einen größeren und weiter zurückgesetzten Neubau. Die Katastrophe wurde damit zum Ausgangspunkt der heutigen Jesuitenkirche.

1627-1646: die heutige Jesuitenkirche

Nach dem Einsturz wurden erfahrene Architekten konsultiert, darunter Santino Solari, der Erbauer des Salzburger Doms, und Elias Holl aus Augsburg. Die endgültige Planung und Bauleitung verband Salzburger, italienische und lokale Einflüsse. Der Neubau begann 1627; 1633 war der Rohbau weitgehend vollendet. Die Fassadentürme blieben zunächst unvollendet. 1640 konnte erstmals Gottesdienst gefeiert werden, am 21. Januar 1646 konsekrierte der Brixner Weihbischof Antonius Crusinus die Dreifaltigkeitskirche.

Der große Bau dokumentiert die inzwischen erreichte Stellung des Ordens in Innsbruck. Die Kirche war zur Zeit ihrer Fertigstellung der größte Sakralraum innerhalb des damaligen eigentlichen Stadtbereichs. Ihre Dimensionen waren auf öffentliche Predigt, Beichte, Festgottesdienste und die wachsende Schülerschaft ausgerichtet. Die Jesuitenkirche war daher von Anfang an keine bloße Hauskapelle des Kollegs.

Leopold V., Claudia de' Medici und die Fürstengruft

Ein wesentlicher Förderer des Neubaus war Erzherzog Leopold V., gemeinsam mit seiner Gemahlin Claudia de' Medici. Unter der Kirche wurde eine Fürstengruft eingerichtet, in der Leopold V., Claudia sowie weitere Angehörige des Tiroler Herrscherhauses bestattet wurden, darunter ihre Söhne Ferdinand Karl und Sigmund Franz. Damit erhielt die Kollegkirche zugleich die Funktion einer dynastischen Gedächtnisstätte.

Die Verbindung von Jesuiten und Landesfürsten war damit nicht nur finanziell oder politisch. Sie wurde im Kirchenraum dauerhaft materialisiert. Stiftergedächtnis, Gruft und universitäre beziehungsweise städtische Gottesdienste machten die Kirche zu einem Ort, an dem Ordensgeschichte, habsburgische Repräsentation und öffentliche Religionspraxis unmittelbar zusammentrafen.

Predigt, Beichte und städtische Seelsorge

Die große Kirche ermöglichte eine intensive öffentliche Seelsorge. Besonders Predigt und Beichte gehörten zu den klassischen Arbeitsfeldern der Gesellschaft Jesu. Die Kanzel war daher funktional ein zentrales Element des Kirchenraums, ebenso die zahlreichen Beichtstühle. Religiöse Unterweisung geschah nicht nur in der Schule, sondern in regelmäßig wiederkehrenden Predigten, Exerzitien, Sakramenten und persönlichen Gesprächen.

Diese Praxis trug dazu bei, dass die Jesuitenkirche zu einem religiösen Zentrum Innsbrucks wurde. Ihr Einzugsbereich reichte über Schüler und Studenten hinaus. Bürger, Hofangehörige, Reisende und Mitglieder der Kongregationen kamen zu Gottesdiensten und Andachten. Der Erfolg dieser Seelsorge erklärt zugleich, weshalb der ursprüngliche Kirchenbau so rasch zu klein geworden war.

1754/57: spätbarocke Erneuerung

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Kirche umfassend restauriert. 1757 erhielt sie einen großen spätbarocken Hochaltar, der den Raum bis zum Zweiten Weltkrieg prägte. Diese Umgestaltung zeigt, dass der Konvent seine Kirche nicht als unveränderliches Denkmal verstand, sondern an neue liturgische und ästhetische Vorstellungen anpasste.

Der Hochaltar ging beim Bombenangriff von 1943 verloren. Bei der großen Restaurierung 2003/04 wurde er nach historischen Vorlagen rekonstruiert. Der heutige Kirchenraum enthält damit sowohl frühbarocke Substanz als auch bewusst rekonstruierte Schichten des 18. Jahrhunderts.

1669-1677: aus dem Gymnasium wächst die Universität

Die größte institutionelle Fernwirkung des Kollegs liegt in der Entstehung der Universität Innsbruck. Kaiser Leopold I. schuf 1669 die finanzielle Grundlage durch einen Aufschlag auf das Haller Salz. Der akademische Lehrbetrieb entwickelte sich unmittelbar aus dem bereits bestehenden jesuitischen Philosophieunterricht. 1671 wurden Theologie und Rechtswissenschaft eingerichtet, 1674 die Medizin; 1677 lagen sowohl die kaiserliche als auch die päpstliche Bestätigung der Universität vor.

Diese Entwicklung erklärt die bis heute enge Verbindung von Jesuiten und Universität. Zahlreiche Philosophie- und Theologieprofessoren waren Jesuiten, und die Kollegkirche wurde zum Ort akademischer Festgottesdienste. Die Bezeichnung 'Universitätskirche' ist deshalb keine moderne Zusatzbezeichnung, sondern Ausdruck einer mehr als dreihundertjährigen institutionellen Beziehung.

Die Jesuitenkirche als Universitätskirche

Mit der Universitätsgründung erhielt die Dreifaltigkeitskirche eine neue öffentliche Rolle. Hier fanden Festgottesdienste der Universität statt, akademische Feiern wurden religiös gerahmt, und Professoren sowie Studenten gehörten zum regelmäßigen Publikum. 1677 wurden in der Kirche die kaiserliche und päpstliche Bestätigung der Universität öffentlich bekanntgemacht.

Die Verbindung von akademischem Leben und Gottesdienst blieb auch nach der Aufhebung des Jesuitenordens bestehen. Gerade darin zeigt sich, dass die Institutionen, die aus der Jesuitenzeit hervorgegangen waren, nach 1773 nicht einfach verschwanden. Die Kirche blieb Universitätskirche, auch als das Kolleg selbst staatlich geworden war.

Wissenschaft jenseits der Theologie

Die Lehrtätigkeit der Innsbrucker Jesuiten umfasste weit mehr als Katechismus und Theologie. Im Rahmen von Gymnasium und Universität wurden Logik, Physik, Metaphysik, Mathematik, Kirchenrecht, Moral- und Kontroverstheologie unterrichtet. Einzelne Professoren wie Ignatius Weinhart stehen für die mathematisch-naturwissenschaftliche Tradition des Kollegs im 18. Jahrhundert.

Diese Wissenschaft bewegte sich selbstverständlich in den erkenntnistheoretischen und konfessionellen Rahmenbedingungen ihrer Zeit. Dennoch wäre es falsch, das Kolleg als wissenschaftsferne Einrichtung zu beschreiben. Vielmehr verband sich hier ein traditionelles scholastisches Bildungsmodell mit mathematischen, astronomischen, naturphilosophischen und historischen Interessen. Gerade im 18. Jahrhundert lassen sich dabei auch innerjesuitische Diskussionen über Reform und neue Wissensformen beobachten.

Bibliothek und Wissensspeicher

Zum Kolleg gehörte von Anfang an eine Bibliothek, deren Bestände mit Schule, Predigt und wissenschaftlicher Tätigkeit wuchsen. Bücher waren Arbeitsinstrumente für Professoren und Studenten, aber zugleich materieller Ausdruck der europäischen Netzwerke des Ordens. Nach der Aufhebung 1773 wurden große Teile der alten Kollegbibliothek eingezogen und in staatliche beziehungsweise universitäre Sammlungen überführt. Bestände aus den Jesuitenkollegien Innsbruck und Hall wurden zu einem wichtigen Bestandteil der späteren Universitäts- und Landesbibliothek Tirol.

Nach der Rückkehr im 19. Jahrhundert bauten die Jesuiten erneut eine umfangreiche Bibliothek auf. Die heutige Jesuitenbibliothek zählt mehr als 150.000 laufende Nummern; wegen mehrbändiger Werke liegt die tatsächliche Bandzahl deutlich höher. 1995 wurde ein großer Teil der wissenschaftlichen theologischen und philosophischen Literatur als Depositum an die Fakultätsbibliothek Theologie übergeben, während weitere Bestände in der Sillgasse verblieben.

1719: Beginn der ständigen Tiroler Jesuitenmission

Ein besonders wichtiger volkskundlicher Wirkungskreis des Innsbrucker Kollegs war die ab 1719 institutionell organisierte ständige Tiroler Jesuitenmission. Missionare reisten von Pfarre zu Pfarre, predigten, katechisierten, hörten Beichten und führten Prozessionen und gemeinsame Andachten durch. Solche Missionen waren zeitlich konzentrierte religiöse Intensivprogramme, die ganze Gemeinden einbezogen.

Die Missionsarbeit war organisatorisch eng mit dem Jesuitenorden verbunden und wurde durch Stiftungen und landesfürstliche beziehungsweise kirchliche Unterstützung ermöglicht. Eine ältere Auswertung nennt für die Zeit von 1719 bis 1773 insgesamt 1.187 Missionen in Tirol. Diese Zahl ist als Ergebnis der historischen Missionsliteratur zu verstehen; unabhängig von ihrer exakten Zählweise zeigt sie die enorme räumliche Reichweite dieser Tätigkeit.

Missionsbüchlein und religiöse Druckkultur

Die Volksmission arbeitete nicht nur mit dem gesprochenen Wort. Gedruckte Missionsbüchlein verbreiteten Gebete, Lebensregeln, Beichtanweisungen und Lieder. Dadurch konnten Inhalte nach dem Abzug der Missionare in den Haushalten und Gemeinden weiterverwendet werden. Druckmedien verlängerten die Wirkung eines nur wenige Tage oder Wochen dauernden Ereignisses.

Für die Volkskunde sind solche kleinen Gebrauchsdrucke besonders wertvoll, weil sie zwischen offizieller kirchlicher Norm und alltäglicher Aneignung stehen. Ein Missionslied konnte in einer Kirche eingeübt und später zu Hause oder bei lokalen Andachten weitergesungen werden. Ein Gebetsheft wurde zum persönlichen Begleiter und konnte über Generationen erhalten bleiben.

Missionslieder und Tiroler Volksgesang

Die Jesuitenmission hinterließ nachweislich Spuren im religiösen Liedrepertoire Tirols. Missionslieder wurden während der Veranstaltungen gemeinsam eingeübt und anschließend weitergegeben. Für die Innsbrucker Mission von 1732 wird sogar berichtet, dass der Regierungspräsident Graf Spaur als Vorsänger auftrat und Lieder später im Umland weitervermittelte. Ähnliche Überlieferungen bestehen für Graf Taxis nach einer Mission von 1749.

Solche Nachrichten zeigen, dass die Trennung zwischen gelehrter Kirchenmusik, gedrucktem geistlichem Lied und späterem Volksgesang durchlässig war. Ein Lied konnte aus einem jesuitischen Missionsheft stammen, durch adelige oder bürgerliche Teilnehmer verbreitet werden und anschließend in ländlichen Gemeinden weiterleben. Die Mission wurde damit zu einem Vermittlungsraum musikalischer Tradition.

Mission als religiöse Sozialdisziplinierung

Eine wissenschaftliche Darstellung darf die Missionen nicht ausschließlich als erfolgreiche Seelsorge beschreiben. Die Jesuiten versuchten auch, Alltagsverhalten nach ihren religiösen und moralischen Vorstellungen zu ordnen. Öffentliche Tänze, bestimmte Formen von Wirtshaus- und Festkultur, als unsittlich bewertete Vergnügungen oder sogenannte abergläubische Praktiken konnten zum Gegenstand scharfer Kritik werden.

In einzelnen Regionen arbeiteten Missionare mit kirchlichen und staatlichen Behörden zusammen, um Tanzverbote oder andere Einschränkungen durchzusetzen. Aus dem Stubaital sind außerdem Vorgänge überliefert, bei denen als 'abergläubisch' bewertete Bücher eingesammelt und verbrannt wurden. Damit wird die Ambivalenz der jesuitischen Wirkung sichtbar: Bildung, Seelsorge und kulturelle Innovation standen neben einem ausgeprägten Anspruch, religiöse und gesellschaftliche Lebensführung zu normieren.

Das Herz-Jesu-Bild von 1767

Zu den wichtigsten späteren Andachtsobjekten der Jesuitenkirche gehört das 1767 geschaffene Herz-Jesu-Bild, das sich an einem Werk Pompeo Batonís orientiert. Seine spätere Bedeutung überschritt den ursprünglichen Kontext der Jesuitenkirche bei weitem. Vor diesem Bild wurde das Tiroler Herz-Jesu-Gelöbnis von 1796 religiös aktualisiert; auch 1809 spielte die Herz-Jesu-Verehrung im Tiroler Widerstand eine zentrale symbolische Rolle.

Die Verbindung des Bildes mit Andreas Hofer und dem Landesgelöbnis machte es zu einem Objekt kollektiver Erinnerung. Für den Artikel ist jedoch zwischen der Entstehung des Gemäldes im 18. Jahrhundert und seiner späteren national- beziehungsweise landesgeschichtlichen Aufladung zu unterscheiden. Seine Objektbiographie zeigt exemplarisch, wie ein kirchliches Andachtsbild in einen weit größeren politischen und kulturellen Erinnerungszusammenhang hineinwachsen konnte.

1773: Aufhebung der Gesellschaft Jesu

Papst Clemens XIV. hob die Gesellschaft Jesu 1773 auf. In Innsbruck gingen Kolleg, Gymnasium und Kirche in staatlichen Besitz über. Damit endete die erste, mehr als zweihundertjährige Phase der Ordensniederlassung. Die Aufhebung war jedoch kein vollständiger institutioneller Bruch: Schule, Universität und Kirche bestanden weiter und waren personell zunächst weiterhin stark von ehemaligen Jesuiten geprägt.

Gerade am Gymnasium unterrichteten ehemalige Ordensmitglieder noch über viele Jahre. Nach neueren schulhistorischen Untersuchungen gehörte erst im Schuljahr 1800/01 kein ehemaliger Jesuit mehr zum Lehrkörper. Das zeigt, dass Ordensaufhebung und Ende jesuitischer Bildungsprägung zeitlich weit auseinanderliegen konnten.

Das Kollegarchiv nach 1773

Mit der Aufhebung wurde auch das Archiv des Hauses staatlich eingezogen. Das Tiroler Landesarchiv verwahrt heute einen eigenen Bestand 'Archiv Jesuitenkloster Innsbruck' mit Akten aus der Zeit ungefähr von 1500 bis 1770. Zusätzlich wurden elf Kopial- und Rechnungsbücher in die Handschriftensammlung eingereiht. Diese Quellen dokumentieren unter anderem Besitz, Stiftungen, Verwaltung, Bautätigkeit und inneren Betrieb.

Von besonderer Bedeutung ist außerdem die jesuitische Hausgeschichte 'De initio et progressu collegii Oenipontani Societatis Iesu', die Gründung und Entwicklung des Kollegs beschreibt. Solche Hauschroniken sind wertvolle Primärquellen, müssen aber als Texte der eigenen Institution gelesen werden: Sie berichten ausführlich über Erfolge, Wohltäter, Seelsorge und besondere Ereignisse, folgen dabei jedoch den Deutungsmustern des Ordens.

Theresianum und Universität im ehemaligen Kolleg

Nach der Aufhebung erhielt der historische Kollegkomplex neue Funktionen. Maria Theresia richtete 1775 in Teilen des ehemaligen Jesuitenkollegs das Theresianum als staatliches Adeligenkonvikt ein. Andere Bereiche wurden von der Universität genutzt. 1781 stufte Joseph II. die Universität zum Lyzeum herab; 1784 wurde auch das Theresianum zunächst geschlossen, bevor es 1826 wiedererrichtet wurde.

Diese Veränderungen erklären, warum das alte Kolleg an der Universitätsstraße bei der Rückkehr der Jesuiten im 19. Jahrhundert nicht einfach wieder zum Ordenshaus werden konnte. Seine Räume waren inzwischen Bestandteil staatlicher Bildungsinstitutionen. Die zweite Jesuitenzeit musste daher räumlich auf anderen Grundlagen beginnen.

1838/39: Rückkehr der Jesuiten

Nach der allgemeinen Wiederzulassung der Gesellschaft Jesu 1814 dauerte es bis 1838/39, bevor der Orden nach Innsbruck zurückkehrte. Die Jesuiten übernahmen erneut Aufgaben am Gymnasium, im Theresianum und an der Dreifaltigkeitskirche. Damit knüpfte man bewusst an die vor 1773 unterbrochene Tradition an, allerdings unter veränderten politischen und institutionellen Bedingungen.

Als Wohnsitz diente nun zunehmend der Bereich des Nikolaihauses und der späteren Sillgasse. Das alte Kolleg an der Universitätsstraße blieb mit Universität und staatlichen Einrichtungen verbunden. Aus dieser räumlichen Trennung entwickelte sich die heutige Situation mit einem historischen Altstandort und einem aktiven Jesuitenkolleg in der Sillgasse.

1848-1852: erneutes Jesuitenverbot

Die Revolution von 1848 brachte dem Orden in Österreich ein erneutes Verbot. Die Innsbrucker Jesuitengemeinschaft musste ihre institutionelle Tätigkeit erheblich einschränken. Einzelne Patres konnten dennoch in der Stadt bleiben und in begrenztem Umfang in Predigt und Seelsorge weiterwirken. 1852 wurde der Orden wieder zugelassen.

Dieser kurze Einschnitt zeigt, wie eng die Geschichte des Hauses mit den politischen Auseinandersetzungen um Kirche, Staat und Bildungswesen verbunden blieb. Die Jesuiten waren im 19. Jahrhundert zugleich anerkannte Lehrer und Theologen und ein politisch umstrittener Orden, dessen Einfluss je nach Regierung und Zeitlage sehr unterschiedlich beurteilt wurde.

1857: die Theologische Fakultät unter Leitung der Jesuiten

1857 stellte Kaiser Franz Joseph I. die Katholisch-Theologische Fakultät in Innsbruck wieder her und übergab sie der Gesellschaft Jesu. Damit begann eine neue Phase von internationaler Bedeutung. Die Fakultät erhielt 1866 das staatliche Promotionsrecht und entwickelte sich zeitweise zur größten Fakultät der Universität. Jesuitische Professoren prägten zahlreiche theologische Fachgebiete und machten Innsbruck zu einem wichtigen Studienort für Kleriker aus Mitteleuropa und darüber hinaus.

Die enge Verbindung zwischen Fakultät und Kolleg unterschied sich von einer rein ordensinternen Hochschule. Die akademischen Grade waren staatlich anerkannt, und Studierende kamen aus vielen Diözesen und Ländern. Das Kolleg stellte Lehrkräfte und geistliches Umfeld, während die Fakultät Bestandteil der Universität blieb. Diese Konstruktion machte Innsbruck zu einem besonderen Modell katholischer Hochschulbildung.

Vom Nikolaihaus zum internationalen Theologenkonvikt

1858 wurde das Theologenkonvikt im Nikolaihaus wieder eröffnet. Aus dem ursprünglich für arme Gymnasiasten geschaffenen Haus war damit endgültig eine internationale Ausbildungsstätte für Priester geworden. Zwischen 1858 und 1909 sollen rund 3.000 Priester dort gelebt und studiert haben, davon ungefähr 2.000 aus dem Ausland. Die Zahlen stammen aus der eigenen historischen Dokumentation des Canisianums und zeigen die außergewöhnliche Reichweite des Hauses.

Innsbruck wurde dadurch ein Begegnungsort verschiedener kirchlicher Traditionen und Nationalitäten. Die Studierenden brachten ihre Erfahrungen aus unterschiedlichen Diözesen mit und kehrten später als Priester, Professoren oder kirchliche Amtsträger in ihre Herkunftsländer zurück. Die Wirkung des Kollegs lässt sich deshalb nicht auf Tirol begrenzen.

Aus Bürgerhäusern entsteht das heutige Jesuitenkolleg

Da das alte Jesuitenkolleg an der Universitätsstraße nicht mehr zur Verfügung stand, erwarb der Orden im 19. Jahrhundert schrittweise Häuser im Bereich von Nikolaihaus und Sillgasse. Durch Umbauten und Zusammenfassungen entstand der heutige Kollegkomplex. Seine Architektur ist deshalb weniger das Ergebnis eines einzigen großen Klosterneubaus als einer historisch gewachsenen Verbindung verschiedener Gebäude.

Der heutige Haupteingang des Jesuitenkollegs liegt in der Sillgasse 6. Von dort aus werden Gemeinschaft, Bibliothek und verschiedene seelsorgliche beziehungsweise akademische Aufgaben organisiert. Die unmittelbare Nachbarschaft zur Jesuitenkirche und zur Theologischen Fakultät bewahrt trotz der veränderten Besitzverhältnisse die räumliche Konzentration jesuitischen Lebens im östlichen Innsbrucker Stadtzentrum.

1910/11: Bau des Collegium Canisianum

Die wachsende internationale Studentenzahl sprengte schließlich die Möglichkeiten des Nikolaihauses. 1910/11 entstand im Saggen ein großer Neubau für das Theologenkonvikt, das nun den Namen Collegium Canisianum erhielt. Es öffnete am 1. Oktober 1911 und erinnerte mit seinem Namen bewusst an Petrus Canisius, den maßgeblichen Organisator der Innsbrucker Jesuitengründung des 16. Jahrhunderts.

Das Canisianum war kein zweites Jesuitenkloster im engeren Sinn, sondern ein internationales Priesterkolleg unter jesuitischer Leitung. Seine Geschichte gehört dennoch unmittelbar zum Jesuitenkolleg, weil es die ältere Funktion des Nikolaihauses fortsetzte. Während des Ersten Weltkrieges beherbergte es zeitweise auch Studenten des Germanicums aus Rom, was seine internationale Stellung zusätzlich unterstreicht.

1900/01: Vollendung der Fassadentürme

Die Jesuitenkirche hatte seit dem 17. Jahrhundert unvollendete Fassadentürme besessen. Erst 1900/01 wurden sie auf private Initiative und nach historischen beziehungsweise historischen Vorbildern ausgebaut. Damit erhielt die Westfassade annähernd jene Silhouette, die heute das Erscheinungsbild des Karl-Rahner-Platzes prägt.

Die damals beschafften Glocken mussten 1916 im Ersten Weltkrieg weitgehend für Rüstungszwecke abgegeben werden. Auch darin zeigt sich, wie politische Großereignisse in die materielle Geschichte eines sakralen Baues eingreifen. Die heutige Glockenausstattung stammt aus späteren Phasen.

20. Juli 1938: Schließung der Theologischen Fakultät

Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde die katholisch-theologische Fakultät am 20. Juli 1938 geschlossen. Damit traf das Regime eine Institution, die über Jahrzehnte eng mit dem Jesuitenkolleg verbunden gewesen war und eine große Zahl internationaler Studenten und Professoren anzog. Als kirchliche Reaktion wurde im Canisianum eine päpstliche theologische Fakultät eingerichtet.

Diese Ersatzlösung bestand nur kurz. Bereits am 21. November 1938 wurde das Canisianum beschlagnahmt; bis 1. März 1939 musste das Haus vollständig geräumt werden. Teile der internationalen Ausbildung konnten nach Sitten im Wallis verlegt werden. Der Vorgang gehört in die nationalsozialistische Politik, kirchliche Bildungs- und Ordensinstitutionen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen und ihre übernationalen Netzwerke zu zerschlagen.

12. Oktober 1939: Beschlagnahme des Jesuitenkollegs

Am 12. Oktober 1939 besetzten Gestapo und SS auch das Jesuitenkolleg in der Sillgasse. Die Jesuiten wurden vertrieben, das Haus beschlagnahmt und enteignet. In der Folge dienten Räume unter anderem Polizei und Gestapo; Teile des Komplexes wurden zeitweise als Haft- beziehungsweise Gefängnisräume genutzt. Für die Gemeinschaft bedeutete dies das zweite gewaltsame Ende eines Innsbrucker Kollegs innerhalb von weniger als zwei Jahrhunderten.

Die NS-Zeit darf dabei nicht lediglich als Episode in einer langen Ordenschronik behandelt werden. Mit der Enteignung gingen Wohnraum, wissenschaftliche Infrastruktur, seelsorgliche Präsenz und internationale Ausbildungsmöglichkeiten verloren. Zugleich wurde die Theologische Fakultät aus der Universität entfernt. Der Angriff richtete sich damit gegen Orden, Kirche und autonome akademische Strukturen gleichermaßen.

15. Dezember 1943: Zerstörung der Jesuitenkirche

Beim ersten großen Luftangriff auf Innsbruck am 15. Dezember 1943 wurde die Jesuitenkirche schwer getroffen. Eine Sprengbombe zerstörte wesentliche Teile von Kuppel und Presbyterium; Gewölbe stürzten ein und der barocke Hochaltar von 1757 ging verloren. Die Krypta mit den Fürstengräbern blieb dagegen weitgehend erhalten.

Nach der Zerstörung wurde zeitweise sogar über eine Beseitigung beziehungsweise Sprengung der verbliebenen Ruine gesprochen. Dass es dazu nicht kam, war für das heutige Stadtbild von erheblicher Bedeutung. Der Wiederaufbau nach 1945 bewahrte einen der wichtigsten frühbarocken Sakralbauten Innsbrucks, musste dabei aber mit großen Verlusten an historischer Ausstattung umgehen.

Das Herz-Jesu-Bild im Krieg

Das Herz-Jesu-Bild von 1767 überstand den Bombenangriff. Nach der Überlieferung wurde es aus dem gefährdeten beziehungsweise zerstörten Kirchenraum geborgen und von einem Freund der Jesuiten in Telfes verborgen, bis es nach Kriegsende wieder nach Innsbruck zurückgebracht werden konnte. Diese Episode gehört zur materiellen Biographie eines Bildes, das bereits vor dem Krieg mit dem Tiroler Landesgelöbnis verbunden war.

Aus volkskundlicher Sicht ist nicht nur die physische Rettung wichtig, sondern auch die Erinnerung daran. Ein Kultbild, das als Symbol des Landes galt, wurde in einer Zeit staatlicher Verfolgung und kriegsbedingter Zerstörung verborgen und später wieder öffentlich eingesetzt. Seine Geschichte verband sich dadurch erneut mit Vorstellungen von Schutz, Bedrohung und kollektiver Identität.

1945-1953: Wiederaufbau und Rückkehr

Nach Kriegsende kehrten die Jesuiten nach Innsbruck zurück, und auch die Theologische Fakultät wurde wiederhergestellt. An der Kirche begannen umfangreiche Sicherungs- und Wiederaufbauarbeiten. Am 26. April 1953 wurde die wiederhergestellte Jesuitenkirche durch Bischof Paulus Rusch neu eingeweiht und für den Gottesdienst geöffnet.

Der Wiederaufbau war keine vollständige Rekonstruktion des Vorkriegszustandes. Verlorene Kunstwerke und Ausstattungsteile mussten ersetzt oder neu interpretiert werden. Gleichzeitig stellte man die traditionelle Nutzung als Predigt-, Beicht- und Universitätskirche wieder her. Die Nachkriegsgeschichte des Hauses ist damit sowohl Denkmalpflege als auch institutioneller Neubeginn.

Karl Rahner und die Innsbrucker Theologie

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlangte die Innsbrucker Theologie erneut internationale Bedeutung. Der bekannteste mit ihr verbundene Jesuit ist Karl Rahner, der in Innsbruck studierte, lehrte und wesentliche Teile seines theologischen Denkens entwickelte. Seine Wirkung reicht weit über die Stadt und den Orden hinaus; er gehört zu den einflussreichsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts.

Für die Geschichte des Kollegs ist Rahner jedoch Teil eines größeren akademischen Milieus. Zahlreiche Jesuiten und andere Theologen arbeiteten an der Fakultät, betreuten Studenten und verbanden universitäre Forschung mit dem geistlichen Leben des Kollegs. Der heutige Karl-Rahner-Platz vor der Jesuitenkirche erinnert an diese wissenschaftliche Tradition.

1959: Schützenglocke und öffentliche Erinnerung

1959, zum 150-Jahr-Gedenken an den Tiroler Freiheitskampf von 1809, stifteten die Tiroler Schützen eine große Glocke für die Jesuitenkirche. Die sogenannte Schützenglocke wiegt rund 9.200 Kilogramm und zählt zu den größten frei schwingenden Glocken Österreichs. Ihr tiefer Klang ist im Stadtgebiet weithin hörbar.

Auch dieses Objekt verbindet Kirche und Tiroler Erinnerungskultur. Die Glocke ist nicht einfach liturgisches Gerät, sondern eine Stiftung, die religiöses Gedenken mit dem historischen Selbstbild der Schützen verbindet. Zusammen mit dem Herz-Jesu-Bild bildet sie eine moderne Schicht jener Beziehung zwischen Jesuitenkirche und Tiroler Landesgedächtnis, die sich seit dem 18. Jahrhundert entwickelt hatte.

2003/04: Restaurierung der Jesuitenkirche

Nach Jahrzehnten intensiver Nutzung wurde die Kirche 2003/04 umfassend restauriert. Während der Arbeiten blieb sie geschlossen; Gottesdienste wurden vorübergehend in die nahe Kapuzinerkirche verlegt. Die Restaurierung betraf Baukörper, Oberflächen und Ausstattung. Der im Krieg verlorene barocke Hochaltar wurde nach historischen Vorlagen rekonstruiert.

Am 1. Oktober 2004 wurde die Kirche feierlich wiedereröffnet. Die Maßnahme verdeutlicht zugleich die besondere Eigentumssituation: Die Kirche befindet sich im Eigentum der Republik Österreich, wird aber von den Jesuiten betreut und als Universitätskirche genutzt. Denkmalpflege, staatliches Eigentum und kirchliche Nutzung greifen daher bis heute ineinander.

Die heutige Bibliothek

Die heutige Bibliothek des Jesuitenkollegs ist ein eigenständiges Zeugnis der zweiten Jesuitenzeit. Sie umfasst mehr als 150.000 laufende Nummern; wegen mehrbändiger Werke wird die tatsächliche Bandzahl deutlich höher eingeschätzt. Sie bildete einen wichtigen Grundstock der 1857 wiedererrichteten Theologischen Fakultät und überstand auch die Enteignung des Kollegs zwischen 1939 und 1945.

Seit 1995 befindet sich ein großer Teil der wissenschaftlichen theologischen und philosophischen Literatur als Depositum in der Fakultätsbibliothek Theologie. In der Hausbibliothek an der Sillgasse verblieben unter anderem Werke zur Geschichte der Jesuiten, Tirolensien, Kunst und Belletristik. Damit ist die historische Bibliothek heute institutionell auf mehrere Standorte verteilt, ohne ihren Zusammenhang vollständig verloren zu haben.

2013: Rückkehr des Canisianums in die Sillgasse

2013 verließ das Collegium Canisianum seinen großen historischen Bau im Saggen und übersiedelte wieder in das Jesuitenkolleg an der Sillgasse. Damit kehrte eine Institution, die aus dem Nikolaihaus hervorgegangen war, räumlich in die Nähe ihres älteren Ursprungs zurück. Das Canisianum besteht seither als Internationales Theologisches Kolleg weiter.

Es bietet Priestern aus verschiedenen Ländern Wohn- und geistlichen Lebensraum während weiterführender Studien, besonders an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Die Geschichte des Armenkonvikts des 16. Jahrhunderts, des Theologenkonvikts des 19. Jahrhunderts und des heutigen internationalen Kollegs bildet damit eine bemerkenswerte institutionelle Langzeitlinie.

Das heutige Jesuitenkolleg

Das Jesuitenkolleg Innsbruck besteht weiterhin als aktive Ordensgemeinschaft in der Sillgasse 6. Die Gemeinschaft ist international zusammengesetzt und verbindet Studium, Wissenschaft, Seelsorge und gemeinschaftliches Ordensleben. Jesuiten wirken an der Universität, in der Jesuitenkirche, in geistlicher Begleitung, Jugend- und Hochschulseelsorge sowie in weiteren pastoralen Aufgaben.

Die Jesuitenkirche am Karl-Rahner-Platz ist weiterhin öffentlich zugänglich und weist einen dichten Gottesdienst- und Beichtbetrieb auf. Fakultätsgottesdienste, Universitätsfeiern und internationale Gottesdienste führen die historische Verbindung zwischen Kolleg, Kirche und Universität fort. Aktuelle Zeiten ändern sich und werden deshalb am zuverlässigsten über die Website der Jesuitenkirche veröffentlicht.

Noviziat und gegenwärtiges Ordensleben

Die heutige Terminstruktur der Jesuitenkirche zeigt, dass auch interne Ausbildungs- und Gemeinschaftsformen weiterhin mit dem öffentlichen Kirchenleben verbunden sind. Gottesdienste des Noviziats, Exerzitien, Beichtzeiten, Anbetung und Veranstaltungen des Kollegs machen deutlich, dass das Haus nicht in erster Linie ein historisches Denkmal ist, sondern ein lebendiger Ordensstandort.

Gerade im Vergleich mit aufgehobenen Tiroler Klöstern ist diese Kontinuität bemerkenswert. Die Gesellschaft Jesu wurde 1773 aufgehoben, 1848 erneut verboten und 1939 gewaltsam aus ihrem Haus vertrieben. Dennoch besteht in Innsbruck bis heute eine aktive Gemeinschaft, wenn auch an einem anderen Wohnstandort als im 16. Jahrhundert.

Kontinuität und Brüche über vier Jahrhunderte

Die Geschichte des Jesuitenkollegs ist durch ungewöhnlich starke institutionelle Brüche geprägt. Das erste Kolleg wurde 1773 staatlich aufgehoben; nach der Rückkehr 1838/39 musste sich die Gemeinschaft räumlich neu organisieren. 1848 folgte ein weiteres Verbot, 1939 die nationalsozialistische Enteignung und Vertreibung. Dennoch blieben zentrale Wirkungsfelder erhalten oder wurden nach den Unterbrechungen neu aufgenommen: Bildung, Predigt, Beichte, Universität, Bibliothek und internationale Priesterausbildung.

Diese Mischung aus Kontinuität und Neubeginn erklärt, weshalb das Jesuitenkolleg nicht über ein einziges Gebäude definiert werden kann. Der historische Ort an der Universitätsstraße, die heutige Kirche am Karl-Rahner-Platz, das Kolleg in der Sillgasse und das zeitweise im Saggen gelegene Canisianum gehören zu einer gemeinsamen, aber räumlich gegliederten Institutionengeschichte.

Bildung, Frömmigkeit und kulturelle Transformation

Der besondere Rang des Innsbrucker Jesuitenkollegs liegt in der Verbindung von Bildung und religiöser Praxis. Gymnasium und Universität wirkten auf die intellektuelle Geschichte Tirols; Theater und Krippe auf seine Fest- und Bildkultur; Marianische Kongregationen und Volksmissionen auf Laienfrömmigkeit und Alltagsmoral; Gnadenbilder, Reliquien und Herz-Jesu-Kult auf materielle Religionsformen.

Dabei war diese Wirkung niemals einseitig. Jesuitische Impulse wurden von Schülern, Bürgern, Adeligen und ländlichen Gemeinden aufgenommen, verändert, weitergetragen oder auch zurückgewiesen. Genau diese Wechselwirkung macht das Kolleg für die Volkskunde so ergiebig. Religiöse Kultur erscheint hier nicht als bloße Verordnung einer Institution, sondern als Prozess zwischen Ordensprogramm, lokalen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Konflikten.

Das Jesuitenkolleg als Innsbrucker Erinnerungsort

Kaum eine andere Ordensniederlassung Innsbrucks hat so viele bis heute sichtbare Institutionen mitgeprägt. Das Akademische Gymnasium, die Universität, die Theologische Fakultät, die Jesuitenkirche, das Canisianum und die umfangreichen Bibliotheksbestände stehen in direkter oder mittelbarer Beziehung zum Kolleg. Selbst Bereiche, die heute als typisch Tiroler Volkskultur erscheinen, etwa die kirchliche Weihnachtskrippe oder bestimmte Formen geistlichen Liedguts, besitzen Verbindungen zur jesuitischen Reformkultur.

Der Erinnerungsort ist deshalb nicht auf die Sillgasse beschränkt. Er umfasst eine ganze historische Bildungs- und Sakrallandschaft im Innsbrucker Zentrum. Wer das Jesuitenkolleg beschreibt, beschreibt zugleich einen wesentlichen Teil der Geschichte, wie Innsbruck seit dem 16. Jahrhundert lernte, lehrte, predigte, Theater spielte, Universitätsfeste feierte, Bücher sammelte und religiöse Öffentlichkeit organisierte.

Quellen und Literatur

Emerich Coreth SJ: Das Jesuitenkolleg Innsbruck. Grundzüge einer Geschichte. In: Zeitschrift für Katholische Theologie 113, 1991, S. 140-213.

Emerich Coreth SJ: Die Theologische Fakultät Innsbruck. Ihre Geschichte und wissenschaftliche Arbeit von den Anfängen bis zur Gegenwart. Innsbruck 1995.

Bernhard Duhr SJ: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge. 4 Bände in 6 Teilbänden. Freiburg/München 1907-1928.

Hugo Rahner SJ: Die Geschichte eines Jahrhunderts. Hundert Jahre Theologische Fakultät Innsbruck 1857-1957. In: Zeitschrift für Katholische Theologie 80, 1958, S. 1-65.

Verena Kaiser: Ora et disce! Das Schulwesen der Jesuiten am Beispiel des Akademischen Gymnasiums Innsbruck. In: historia.scribere 15, 2023.

Martin Korenjak / Florian Schaffenrath / Lav Šubarić u. a.: Tyrolis Latina. Geschichte der lateinischen Literatur in Tirol. 2 Bände. Wien 2012; insbesondere die Abschnitte zum Innsbrucker Jesuitentheater, zur Universität und zur neulateinischen Literatur.

Franz Hattler SJ: Missionsbilder aus Tirol. Geschichte der ständigen tirolischen Jesuitenmission von 1719-1784. Innsbruck 1899.

Tirol - heiliges Land? Die Jesuitenmission in Tirol 1719-1784. Beiträge zur Geschichte von Mission, Frömmigkeit und Sozialdisziplinierung. Innsbruck 2002.

Universität Innsbruck: Geschichte der Universität Innsbruck 1669-2019; universitätsgeschichtliche Publikationen und Archivbestände zur Gründung, Theologischen Fakultät und NS-Zeit.

Tiroler Landesarchiv: Archiv Jesuitenkloster Innsbruck, Akten ca. 1500-1770, sechs Kartons; zusätzlich elf Kopial- und Rechnungsbücher in der Handschriftensammlung.

Jesuitenarchiv Innsbruck: De initio et progressu collegii Oenipontani Societatis Iesu. Hauschronik des Innsbrucker Jesuitenkollegs.

Jesuitenkolleg Innsbruck: Geschichte des Kollegs; Bibliotheksgeschichte und aktuelle institutionelle Angaben.

Jesuitenkirche Innsbruck - Universitätskirche: Geschichte, Zeittafel und Kirchenführer nach P. Emerich Coreth SJ; aktuelle liturgische Angaben.

Collegium Canisianum Innsbruck: Bau- und Hausgeschichte des Nikolaihauses und Canisianums; Dokumentation zur internationalen Priesterausbildung.

Universitäts- und Landesbibliothek Tirol: historische Bestände aus den Jesuitenkollegien Innsbruck und Hall sowie Bestände der Jesuitenbibliothek.

Tiroler Volkskunstmuseum / Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Universität Innsbruck: Forschungen zur Weihnachtskrippe und zur religiösen Festkultur Tirols.

Diözese Innsbruck, Diözesanarchiv: Beiträge in der Reihe notae zur Jesuitenmission, katholischen Reform und Tiroler Frömmigkeitsgeschichte.

Musikland Tirol: Forschungen und Dokumentationen zu jesuitischen Missionsliedern, geistlichem Volksgesang, Tanzverboten und Musikpraxis in Tirol.

Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck: Stadtchronik und Bildquellen zu Jesuitenkolleg, Jesuitenkirche, Krippe, Universität und städtischer Entwicklung.

Bundesdenkmalamt und Dehio-Handbuch Tirol: kunst- und bauhistorische Dokumentation der Jesuitenkirche, des ehemaligen Kollegs und der erhaltenen Ausstattung.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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