| Kloster: | Franziskanerkloster St. Marien in Lienz, hervorgegangen aus dem 1349 gestifteten Karmelitenkloster. Die Franziskaner übernahmen die Anlage nach der josephinischen Aufhebung des Karmels im April 1785. |
| Orden: | Seit 1785 Franziskaner, Ordo Fratrum Minorum (OFM); zuvor mehr als vier Jahrhunderte Karmeliten. |
| Gründung: | Karmelitenstiftung 1349 durch Gräfin Euphemia von Görz und ihre Söhne Albert IV. und Meinhard VII.; Aufhebung des Karmelitenkonvents im März 1785; Übernahme durch die aus Innsbruck versetzten Franziskaner Mitte April 1785. |
| Aufhebungen: | Der Karmelitenkonvent wurde 1785 staatlich aufgehoben. Der Franziskanerkonvent blieb bestehen, war jedoch unter wechselnden politischen Regimen wiederholt in seiner Tätigkeit eingeschränkt; im Nationalsozialismus mussten Teile des Klosters geräumt werden. |
| Status: | Aktives Franziskanerkloster sowie Kloster- und Pfarrkirche St. Marien im Seelsorgeraum Lienz Süd. |
| Anlage: | Mittelalterliche ehemalige Karmelitenkirche mit gotischem Kern und Wandmalereien, Klostertrakte mit Kreuzgang, ehemaligem Kapitelsaal und karmelitischen Erinnerungsbeständen; moderne liturgische Ausstattung des 20. Jahrhunderts. |
| Ort: | Lienz, Bezirk Lienz. |
| Region: | Osttirol, Tirol. |
| Land: | Österreich. |
| • | Franziskanerkloster und Pfarre St. Marien, Muchargasse 4, 9900 Lienz, Tirol, Österreich. Die Anlage liegt in der Lienzer Innenstadt. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte Klöster und Stifte in Tirol |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Öffnungszeiten: Die Kloster- und Pfarrkirche wird regelmäßig liturgisch genutzt. Für aktuelle Gottesdienst-, Andachts- und Zugangszeiten empfiehlt sich die Information bei der Pfarre St. Marien beziehungsweise beim Seelsorgeraum Lienz Süd; die klösterlichen Innenbereiche sind nicht allgemein als Museum zugänglich. |
| • | Web: Seelsorgeraum Lienz Süd - Pfarre St. Marien |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Gesucht werden insbesondere Aufnahmen der Gesamtanlage und der Muchargasse, der Klosterkirche innen und außen, der gotischen Wandmalereien, der Pietà um 1400, der mittelalterlichen und barocken Ausstattung, des Kreuzgangs und ehemaligen Kapitelsaals, der karmelitischen Bildbestände, der Lourdesgrotte, des Hauptaltars von Jos Pirkner, des Fassadenmosaiks sowie - soweit zugänglich und mit Zustimmung der Gemeinschaft - der historischen Bibliothek und weiterer klösterlicher Innenräume.
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Das Franziskanerkloster St. Marien in Lienz gehört zu jenen Tiroler Klosterorten, deren Geschichte sich nur aus der Überlagerung verschiedener Institutionen verstehen lässt. Die Anlage wurde 1349 für die Karmeliten gestiftet und blieb bis zur josephinischen Aufhebung 1785 mehr als vier Jahrhunderte von diesem Orden geprägt. Erst danach zogen Franziskaner ein, die ihr eigenes Innsbrucker Kloster an der Hofkirche aufgeben mussten. Der heutige Bestand verbindet daher mittelalterliche Karmelitenarchitektur und -kunst, Erinnerungsobjekte des aufgehobenen Konvents, franziskanische Seelsorge- und Bildungsgeschichte sowie moderne Pfarr- und Sakralkunst.
Für eine kulturwissenschaftliche Betrachtung ist besonders aufschlussreich, wie unterschiedlich materielle Zeugnisse auf den institutionellen Bruch von 1785 reagierten. Die gotische Pietà blieb am Ort und wurde weiter verehrt, die historische Bibliothek dagegen wurde als geschlossener Bestand aufgelöst und über viele neue Eigentümer zerstreut. Gerade diese beiden Objektgeschichten machen sichtbar, dass eine Klosteraufhebung nicht allein das Ende einer Gemeinschaft bedeutet, sondern tief in Bilder, Bücher, Räume, Besitzverhältnisse und lokale Erinnerung eingreift.
Das heutige Franziskanerkloster St. Marien in Lienz ist nur dann angemessen zu verstehen, wenn seine Geschichte nicht erst mit dem Einzug der Franziskaner im Jahr 1785 beginnt. Kirche und Kloster wurden 1349 als Niederlassung der Karmeliten gestiftet und blieben mehr als vier Jahrhunderte von diesem Orden geprägt. Erst die josephinische Klosterpolitik beendete 1785 den Lienzer Karmel und wies die eben aus Innsbruck vertriebenen Franziskaner in die frei gewordene Anlage ein. Der heutige Ort vereinigt deshalb nicht lediglich aufeinanderfolgende Nutzungsphasen, sondern die materiellen, liturgischen und erinnerungsgeschichtlichen Schichten zweier Bettelorden, deren institutionelle Geschichte durch einen staatlich erzwungenen Wechsel miteinander verbunden wurde.
Gerade diese Überlagerung unterscheidet Lienz von vielen anderen Tiroler Klöstern. Gotische Architektur und Wandmalerei, die mittelalterliche Pietà, Kapitelsaal, Kreuzgang und Teile der historischen Bibliothek gehören zur Karmelitenzeit; franziskanische Seelsorge, Schul- und Krankenhausdienst, die Pfarrentwicklung seit dem 20. Jahrhundert und die moderne Ausstattung bilden jüngere Schichten. Der wissenschaftliche Reiz liegt deshalb weniger in der Suche nach einer vermeintlich einheitlichen Klosteridentität als in der Frage, welche Gegenstände, Räume und Erinnerungen den Ordenswechsel überdauerten, welche zerstreut wurden und welche unter den Franziskanern neue Bedeutungen erhielten.
Die schriftlich fassbare Klostergeschichte beginnt 1349 mit der Stiftung durch Gräfin Euphemia von Görz und ihre Söhne Albert IV. und Meinhard VII. Die Görzer Grafen gehörten zu den bedeutendsten landesfürstlichen Mächten des südöstlichen Alpenraums; Lienz war ein wichtiger Herrschaftsmittelpunkt. Die Karmelitenstiftung ist deshalb nicht allein als fromme Privatinitiative zu verstehen, sondern als Teil fürstlicher Repräsentation, Memorialkultur und städtischer Religionspolitik. Das Kloster war zunächst für eine vergleichsweise kleine Gemeinschaft vorgesehen, entwickelte sich jedoch zu einem dauerhaften geistlichen Zentrum, dessen Wirkung über die eigentliche Konventgemeinschaft hinausreichte.
Die Stiftung band einen international verbreiteten Bettelorden an eine Residenzstadt, in der landesfürstliche Interessen, städtische Entwicklung und kirchliche Institutionen eng ineinandergriffen. Der Karmel war weder ein abgeschiedenes Grundherrschaftskloster noch ein rein kontemplatives Haus. Predigt, Beichte, Studium und die religiöse Betreuung der Stadt gehörten zu den wesentlichen Funktionen. Im 15. Jahrhundert erhielt der Konvent mit dem Vikariat Tristach zusätzliche wirtschaftliche Grundlagen; zeitweise bestand in Lienz ein theologisches Studium des Ordens. Damit lässt sich das mittelalterliche Haus als Ort von Seelsorge und gelehrter Ausbildung zugleich fassen.
Der erste Kirchenbau war im 14. Jahrhundert weitgehend hergestellt; im 15. Jahrhundert erfolgten wesentliche Erweiterungen und die Ausbildung jenes spätgotischen Raumes, der die Kirche bis heute prägt. Langhaus, polygonaler Chor und Gewölbesysteme verbinden die Architektur mit der regionalen Bautradition des späten Mittelalters. Die Beteiligung der Görzer Bauhütte beziehungsweise ihres Umfeldes wird in der kunsthistorischen Literatur diskutiert. Entscheidend ist, dass die heutige Kirche trotz späterer Veränderungen in ihrer räumlichen Grundstruktur ein mittelalterlicher Sakralbau geblieben ist und damit einen materiellen Kern aus der Karmelitenzeit bewahrt.
Diese Kontinuität darf nicht mit Unverändertheit verwechselt werden. Liturgische Anforderungen, Brände, Restaurierungen, neue Altäre und moderne Eingriffe haben den Raum wiederholt verändert. Das heutige Erscheinungsbild ist daher Ergebnis einer langen Bau- und Ausstattungsgeschichte, in der mittelalterliche Substanz, barocke und neuzeitliche Ergänzungen sowie denkmalpflegerische Freilegungen des 20. Jahrhunderts zusammenwirken. Gerade bei der wissenschaftlichen Beschreibung muss zwischen ursprünglicher Bausubstanz, späterer Überformung und moderner Restaurierung unterschieden werden.
Zu den bedeutendsten kunsthistorischen Beständen gehören die gotischen Wandmalereien. Erhalten beziehungsweise dokumentiert sind Heiligenfiguren, Passionsdarstellungen, die Vierzehn Nothelfer, eine Dreifaltigkeitsdarstellung, die Marienkrönung und weitere Szenen. Ein Teil der Malereien war über lange Zeit überdeckt und wurde erst bei Restaurierungen des 20. Jahrhunderts wieder sichtbar. Damit ist der heutige Eindruck der Kirche auch das Ergebnis moderner Denkmalpflege: Mittelalterliche Bildschichten, die für Generationen von Gläubigen nicht mehr sichtbar gewesen waren, wurden erneut Bestandteil des Kirchenraumes und zugleich Gegenstand kunsthistorischer Forschung.
In der älteren Literatur werden einzelne Bilder mit Nikolaus Kenntner und Sebastian Gerumer verbunden. Diese Zuschreibungen besitzen jedoch nicht durchgehend denselben Grad an Sicherheit. Während sich einzelne Werke stilistisch überzeugend in bekannte Werkzusammenhänge einordnen lassen, sind andere Künstlernamen eher Ergebnisse älterer lokaler Zuschreibung als urkundlich gesicherte Autorschaften. Für eine wissenschaftliche Darstellung ist daher der Bestand selbst von hypothetischen Künstleridentifizierungen zu trennen. Datierung, Ikonographie und Ort können gesichert sein, ohne dass der ausführende Maler mit gleicher Sicherheit benannt werden kann.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts begegnet mit Prior Lucas Zach eine wichtige Gestalt der inneren Klostergeschichte. Die Überlieferung verbindet ihn mit einer Reform, die auf strengere Beachtung der Ordensregel und eine Erneuerung des Gemeinschaftslebens zielte. Solche Reformen sind in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bettelorden nicht als einmalige Ereignisse zu verstehen, sondern als wiederkehrende Versuche, die konkrete Lebenspraxis an die normativen Ideale des Ordens zurückzubinden. Sie betrafen Gebet, Gemeinschaft, Besitzgebrauch, Studium und Disziplin gleichermaßen.
Die Erinnerung an Lucas Zach blieb im Haus erhalten und gehört damit zur karmelitischen Gedächtnisschicht des späteren Franziskanerklosters. Bildnisse und schriftliche Überlieferung bewahrten die Person eines Reformpriors auch nach dem Ende des Karmelitenkonvents. Gerade darin zeigt sich, dass der Ordenswechsel von 1785 nicht sämtliche ältere Identität auslöschte: Bestimmte Personen und Ereignisse wurden weiterhin als Teil der Geschichte des Ortes verstanden, obwohl die Gemeinschaft, die sie hervorgebracht hatte, nicht mehr existierte.
Eine der wichtigsten Einzelplastiken der Kirche ist eine um 1400 entstandene gotische Pietà. Das Vesperbild zeigt Maria mit dem Leichnam Christi und gehört zu jenem Andachtsbildtypus, der seit dem späten Mittelalter die persönliche und gemeinschaftliche Passionsfrömmigkeit wesentlich prägte. Anders als erzählende Passionszyklen konzentriert die Pietà das Geschehen auf das Verhältnis zwischen der trauernden Mutter und dem toten Sohn und ermöglicht damit eine besonders unmittelbare Form meditativen Mitleidens. Der Lienzer Bestand ist deshalb nicht nur kunsthistorisch, sondern auch für die Geschichte spätmittelalterlicher Frömmigkeit von Bedeutung.
Der offizielle Lienzer Kulturführer bezeichnet die Skulptur ausdrücklich als ein Bild, das früher als Gnadenbild verehrt wurde. Diese Aussage ist für die Religionsgeschichte des Hauses wesentlich, darf aber nicht ohne zusätzliche Belege zu einer großen Wallfahrtserzählung erweitert werden. Ein Gnadenbild konnte Mittelpunkt intensiver lokaler Verehrung sein, ohne dass sich daraus ein überregionaler Pilgerstrom, eine eigene Mirakelsammlung oder ein umfangreicher Votivbestand entwickelte. Für Lienz sind bislang weder ein Mirakelbuch noch eine geschlossene Serie von Votivbildern oder belastbare Nachrichten über regelmäßig organisierte Fernwallfahrten nachgewiesen.
Die quellenkritische Unterscheidung zwischen Gnadenbild und Wallfahrtsort ist für Lienz besonders wichtig. Der Begriff Gnadenbild bezeichnet eine religiöse Zuschreibung: Ein bestimmtes Bild wird als Ort besonderer Fürbitte, Hilfe oder Nähe des Heiligen beziehungsweise Mariens erfahren. Eine Wallfahrt setzt darüber hinaus eine soziale Praxis voraus, die räumliche Bewegung, wiederkehrende Pilger, festgelegte Termine, Gelübde, Bruderschaften oder andere institutionalisierte Formen annehmen kann. Solange solche Formen für die Lienzer Pietà nicht aus historischen Quellen belegt sind, wäre es methodisch falsch, aus der Gnadenbildverehrung automatisch eine Wallfahrt zu folgern.
Gerade diese begrenzte Aussage besitzt hohen volkskundlichen Wert. Sie verweist auf eine lokale religiöse Praxis, die zwischen privater Andacht und öffentlicher Kultform lag. Menschen konnten vor dem Bild beten, Kerzen opfern, um Fürbitte bitten oder Dank ausdrücken, ohne dass der Ort dadurch zu einem klassischen Wallfahrtszentrum wurde. Die Geschichte solcher weniger spektakulären Kultformen ist für das Verständnis katholischer Alltagsreligiosität ebenso wichtig wie die Geschichte großer Pilgerzentren.
Die Pietà erhielt im 19. Jahrhundert eine erhebliche Überarbeitung beziehungsweise Überschnitzung. Dieser Eingriff ist aus heutiger denkmalpflegerischer Sicht einschneidend, entsprach jedoch einem älteren Verständnis von Kultbildern. Ein verehrtes Objekt wurde nicht primär als unveränderliches historisches Original behandelt, sondern konnte repariert, neu gefasst, stilistisch angepasst oder in seiner Ausdrucksform verändert werden, wenn dies für die zeitgenössische Frömmigkeit oder den ästhetischen Geschmack sinnvoll erschien. Die religiöse Identität des Bildes konnte dabei fortbestehen, obwohl sich seine materielle Gestalt änderte.
Für die Kulturgeschichte ergibt sich eine vielschichtige Objektbiographie: Entstehung als spätmittelalterliches Andachtsbild, spätere Verehrung als Gnadenbild, materielle Umgestaltung im 19. Jahrhundert und heutige Wahrnehmung als historisches Kunstwerk innerhalb einer Franziskanerkirche. Dass die Skulptur alle institutionellen Brüche am Ort überdauerte, macht sie zu einem besonders starken materiellen Bindeglied zwischen Karmeliten- und Franziskanerzeit. Ob die Gnadenbildverehrung bereits vor 1785 bestand und in welcher Form sie unter den Franziskanern fortgesetzt wurde, ist derzeit nicht ausreichend dokumentiert und sollte deshalb ausdrücklich offenbleiben.
Die Pietà steht nicht allein für die marianische Frömmigkeit des Hauses. Im Laufe der Jahrhunderte traten weitere Formen hinzu, darunter neuzeitliche Marienbilder, die Lourdesfrömmigkeit und moderne künstlerische Darstellungen. Im Kreuzgang wurde 1972 eine Lourdesgrotte eingerichtet; 1978 schuf Jos Pirkner an der Fassade das Mosaik Maria als Spenderin aller Gnaden. Solche Ergänzungen ersetzen die ältere Pietà nicht, sondern zeigen, wie sich marianische Andachtsformen verändern und neue Bildtypen ältere Frömmigkeitsschichten überlagern können.
Eine ältere osttirolische volkskundliche Beobachtung deutet darauf hin, dass im 19. und frühen 20. Jahrhundert neuere Marienkulte ältere lokale Andachtsformen teilweise zurückdrängen konnten. Für die Lienzer Pietà ist dieser Zusammenhang noch nicht in allen Einzelheiten geklärt. Dennoch lässt sich sicher sagen, dass der Ort keine statische Marienverehrung bewahrte, sondern verschiedene historische Formen nebeneinander aufnahm. Gerade diese Schichtung schützt vor der falschen Vorstellung einer seit dem Mittelalter unverändert fortbestehenden Kultpraxis.
Neben der Kirche bewahren Kreuzgang und ehemalige Konventräume weitere Spuren der Karmelitenzeit. Dazu gehören der ehemalige Kapitelsaal, die Karmelitergruft, Stifter- und Ordensbildnisse sowie Bildfolgen des frühen 18. Jahrhunderts. Der Lienzer Kulturführer nennt 34 barocke Porträts von Ordensgründern beziehungsweise Ordenspersönlichkeiten aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Diese Bestände sind nicht nur dekorative Ausstattung, sondern Ausdruck institutioneller Erinnerung: Sie visualisierten Abstammung, Heiligkeit und historische Kontinuität des Ordens innerhalb des täglichen Lebensraumes der Gemeinschaft.
Dass ein beträchtlicher Teil dieser karmelitischen Erinnerung nach 1785 im Gebäude verblieb oder später wieder in franziskanischen Besitz gelangte, ist für die Geschichte des Hauses zentral. Die Franziskaner übernahmen nicht einen neutralen Baukörper, sondern einen Raum voller Zeichen einer anderen Ordensidentität. Das heutige Kloster ist deshalb zugleich Erinnerungsort eines ausgelöschten Konvents. Diese materielle Nachgeschichte verdient eine eigene Betrachtung, weil sie zeigt, wie religiöse Objekte ihren institutionellen Träger überleben können.
Besondere Bedeutung besitzt die ehemalige Karmelitenbibliothek. Der zeitgenössische Katalog des Karmeliten P. Christian Drescher weist für die Zeit der Aufhebung 4.835 Bände und 118 Handschriften aus. Ältere Sekundärliteratur nennt abweichende Zahlen von 4.640 Bänden und 168 Handschriften. Diese Differenz sollte nicht durch eine scheinbar harmonisierende Zahl verwischt werden. Für die wissenschaftliche Darstellung ist der Drescher-Katalog die wichtigste zeitnahe Grundlage, während die älteren abweichenden Angaben als unterschiedliche Zähl- oder Überlieferungstradition kenntlich zu machen sind.
Der Bestand war inhaltlich breiter als eine reine theologische Handbibliothek. Neben Predigt, Pastoraltheologie, Katechetik und Ordensliteratur finden sich klassische Autoren, humanistische Literatur, Pädagogik und Werke zur schulischen Bildung. Homer, Cicero, Ovid, Horaz, Terenz, Theokrit, Erasmus von Rotterdam und Nicolaus Avancini begegnen ebenso wie Schriften zur Didaktik. Diese thematische Breite entspricht der Geschichte des Konvents als Ort von Studium und Unterricht und widerspricht dem verbreiteten Bild vormoderner Klosterbibliotheken als nahezu ausschließlich theologischer Sammlungen.
Für die Rekonstruktion der zerstreuten Bibliothek ist der Besitzvermerk Carmeli Leontini von entscheidender Bedeutung. Er kennzeichnet Bücher des Lienzer Karmels und erscheint zusammen mit alten Signaturen auf zahlreichen erhaltenen Exemplaren. P. Oliver Ruggenthaler vermutete aufgrund der gleichartigen Handschrift, dass ein Teil dieser Einträge von Christian Drescher selbst vorgenommen worden sein könnte. Unabhängig von der genauen Handidentifizierung erlauben die Vermerke heute, Bücher des untergegangenen Konvents in verschiedenen Bibliotheken und im Antiquariatshandel wiederzuerkennen.
Damit wird Provenienzforschung zu einer Form institutioneller Geschichtsschreibung. Ein Buch ist nicht nur Träger seines gedruckten Textes, sondern bewahrt durch Besitzvermerk, Signatur, Einband, Marginalien und Gebrauchsspuren Informationen über frühere Besitzer und Funktionen. Die Bibliothek existiert nach ihrer Zerstreuung nicht mehr als physisch geschlossener Raum, kann aber als historische Provenienzgemeinschaft teilweise rekonstruiert werden. Gerade Lienz zeigt besonders deutlich, wie moderne Bibliotheksforschung verlorene Klosterzusammenhänge wenigstens virtuell wieder sichtbar machen kann.
Ruggenthalers Bestandsaufnahme von 2005 konnte in Lienz 68 Werke aus der ehemaligen Karmelitenbibliothek feststellen, darunter 32 Inkunabeln, zwölf Werke des 16., vierzehn des 17. und zehn des 18. Jahrhunderts. Der hohe Anteil früher Drucke zeigt, dass selbst der kleine erhaltene Restbestand qualitativ bedeutend ist. Unter den Tirolensien findet sich etwa Jason de Maynos Epithalamion zur Hochzeit Kaiser Maximilians I. mit Bianca Maria Sforza aus dem Jahr 1494. Andere Bände verbinden italienische Druckorte, humanistische Literatur und klassische Autoren.
Besonders interessante Sammelbände führten Ruggenthaler zu der vorsichtigen Überlegung, einzelne Stücke könnten aus älteren fürstlichen Schenkungszusammenhängen stammen. Eine solche Herkunft aus dem Besitz der Görzer Grafen ist jedoch nicht bewiesen und darf nicht als gesicherte Provenienz erscheinen. Der Befund zeigt vielmehr, wie weit Provenienzforschung reichen kann und wo ihre Grenze liegt: Ein außergewöhnlicher Einband oder eine Gruppe alter Drucke kann historische Hypothesen anregen, ersetzt aber keine belastbare Besitzdokumentation.
Die Bibliothek wuchs nicht allein durch planmäßige Käufe des Konvents. Besitzvermerke und Widmungen dokumentieren Schenkungen von Kanonikern des Stiftes Innichen und Angehörigen der Grafen von Wolkenstein. Damit wird die Büchersammlung zum Spiegel sozialer Beziehungen. Geistliche, Adelige und andere Förderer konnten ihre Verbindung zum Kloster durch Bücherschenkungen ausdrücken; zugleich erhielt der Konvent Zugang zu Literatur, die seine finanziellen Möglichkeiten überschritten hätte.
Solche Schenkungen schufen ein Wissensnetzwerk über die Stadt Lienz hinaus. Bücher kamen aus kirchlichen Institutionen, Adelsbibliotheken und gelehrten Kreisen in den Konvent und wurden dort in Predigt, Studium oder Unterricht verwendet. Die Bibliothek war deshalb nicht bloß ein Speicher, sondern ein Knotenpunkt des Wissenstransfers im südöstlichen Tirol.
Am 12. März 1785 wurde den Lienzer Karmeliten nach der von Ruggenthaler ausgewerteten Überlieferung die Aufhebung ihres Konvents verkündet. In späteren Darstellungen begegnet zusätzlich der 21. März als Termin einer konkreten Mitteilung über Räumung beziehungsweise Übergabe. Beide Daten müssen sich nicht widersprechen, weil josephinische Klosterauflösungen aus mehreren administrativen Schritten bestanden: Entscheidung, Bekanntgabe, Inventarisierung, Räumungsanweisung, Vermögensübernahme und tatsächliche Aufgabe des Hauses konnten zeitlich auseinanderfallen.
Mit der Aufhebung endete eine mehr als 430-jährige Karmelitentradition in Lienz. Kapitalien, Einrichtungsgegenstände, Kunstwerke und Bibliothek wurden vom staatlichen Religionsfonds erfasst und sollten verwertet oder anderen Zwecken zugeführt werden. Der Vorgang war daher weit mehr als eine personelle Auflösung der Gemeinschaft. Er bedeutete die rechtliche und materielle Zerlegung einer Institution, deren Besitz über Jahrhunderte durch Stiftungen, Käufe, Schenkungen und liturgische Nutzung gewachsen war.
Nahezu gleichzeitig wurde das Innsbrucker Franziskanerkloster bei der Hofkirche aufgehoben, weil sein Gebäude für das staatliche Generalseminar benötigt wurde. Die Regierung wies den vertriebenen Franziskanern das eben aufgehobene Lienzer Karmelitenkloster zu. Damit verband eine einzige Reformpolitik zwei Ordensgeschichten auf ungewöhnliche Weise: Der Lienzer Karmelitenkonvent verschwand, während der Innsbrucker Franziskanerkonvent als Gemeinschaft weiterbestand, jedoch seinen bisherigen Ort verlor und in das Haus eines anderen Ordens übersiedeln musste.
Auch bei den Einzugsdaten begegnen unterschiedliche Tagesangaben in der Literatur. Der 16. und der 19. April 1785 können verschiedene Phasen der tatsächlichen Ankunft, Übergabe und Konstituierung bezeichnen. Solange die einzelnen Verwaltungsakte nicht eindeutig jedem Datum zugeordnet sind, ist die Formulierung einer Übernahme Mitte April 1785 methodisch sauberer als die Behauptung eines einzigen zweifelsfreien Gründungstages. Für die Geschichte des Franziskanerklosters ist ohnehin entscheidender, dass der Konvent nicht neu gegründet wurde, sondern aus Innsbruck verlegt und in einen bereits seit Jahrhunderten bestehenden Sakral- und Klosterkomplex eingesetzt wurde.
Der Franziskaner P. Christian Lotter beschrieb den Zustand des übernommenen Hauses in einem Bericht an den Provinzial drastisch. Das Kloster sei weitgehend ausgeräumt gewesen; nach der überlieferten Formulierung des Guardians sei kein Nagel in der Wand geblieben. Die Aussage macht den materiellen Charakter josephinischer Aufhebungen unmittelbar sichtbar. Inventarisierung und Verwertung lösten Gegenstände aus ihrem bisherigen liturgischen, gemeinschaftlichen und erinnerungsgeschichtlichen Zusammenhang und verwandelten sie in bewertbares Vermögen des Religionsfonds.
Die Franziskaner mussten einzelne Kunst- und Einrichtungsgegenstände gegen Bezahlung wieder vom Religionsfonds erwerben. Dadurch erklärt sich, warum karmelitische Objekte am Ort überleben konnten, obwohl der Vorgängerorden aufgehoben worden war. Sie blieben nicht notwendig aus Achtung vor der historischen Kontinuität erhalten, sondern teilweise aufgrund konkreter Rückkäufe durch die Nachfolger. Diese Erwerbungen machten den Franziskanerkonvent unbeabsichtigt zu einem Bewahrer materieller Erinnerungen an die Karmeliten.
Über die unmittelbaren Tage der Bibliotheksauflösung sind die Quellen weniger vollständig als über andere Teile der Klosterauflösung. Ruggenthaler konnte jedoch zeigen, dass die Karmelitenbibliothek nach 1785 zunächst anscheinend im Gebäude verblieb, jedoch versperrt war. Erst 1788 wurde sie einer Versteigerung zugeführt. Damit ist die Vorstellung falsch, der gesamte Bücherbestand sei bereits beim Einzug der Franziskaner verschwunden oder unmittelbar an andere Bibliotheken verteilt worden.
Ungeklärt bleibt, ob die Versteigerung den Bestand geschlossen oder in einzelnen Gruppen erfasste und auf welchem Weg spätere Karmelitenbände wieder in das Kloster gelangten. Ein Gubernialdekret von 1785 bestimmte, dass sich die künftigen Franziskanerprofessoren aus ihrem staatlichen Gehalt selbst mit den benötigten Büchern ausstatten sollten. Eine systematische Überlassung der Karmelitenbibliothek an die Franziskaner ist daher unwahrscheinlich. Denkbar sind spätere Rückkäufe oder Schenkungen durch Wohltäter; ohne konkrete Belege bleibt dies jedoch eine Rekonstruktionsmöglichkeit und keine gesicherte Tatsache.
Ruggenthaler konnte 2005 im Franziskanerkloster Lienz 68 Werke mit gesicherter Karmelitenprovenienz nachweisen. Weitere 86 Werke befanden sich damals in Salzburg, wohin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Teile historischer Lienzer Buchbestände verbracht worden waren. Zusammen waren damit 154 Werke der ehemaligen Karmelitenbibliothek in franziskanischem Besitz identifizierbar. Die Salzburger Gruppe umfasste Drucke des 16. bis 18. Jahrhunderts; die Auswahl war offenbar nicht nach einem konsequenten wissenschaftlichen Prinzip erfolgt, sodass sogar mehrbändige Werke getrennt worden waren.
Eine spätere Übersicht des Franziskanerarchivs spricht vereinfacht von ungefähr 150 Karmelitenbänden, die sich heute in Lienz befinden. Ob diese Angabe auf Rückführungen, Neuordnung oder lediglich eine zusammenfassende Formulierung zurückgeht, lässt sich ohne aktuelle Bestandsliste nicht entscheiden. Für eine wissenschaftliche Darstellung ist deshalb die datierte Bestandsaufnahme von 2005 präziser als eine unkommentierte Übernahme der jüngeren Rundzahl.
Von den 118 Handschriften, die Christian Dreschers Katalog für die Aufhebungszeit verzeichnet, konnte Ruggenthaler 2005 keine mehr in den Franziskanerbeständen von Lienz oder Salzburg feststellen. Einzelne Handschriften lassen sich jedoch in öffentlichen Sammlungen identifizieren. Besonders bedeutend ist Codex 314 der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, ein Autograph des Humanisten, Mediziners und Astrologen Joseph Grünpeck von 1501. Besitzvermerk und alte Signaturen dokumentieren eindeutig die Herkunft aus dem Lienzer Karmel.
Ebenso stammt Codex 502 der ULB Tirol, eine sogenannte Bozner Chronik aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, aus der Karmelitenbibliothek. Solche Stücke zeigen, dass die Sammlung nicht nur theologische Handschriften bewahrte. Historiographische, medizinische, astrologische und humanistische Texte gehörten ebenso zum Wissensbestand. Zugleich wird an ihnen die langfristige Wirkung der Aufhebung sichtbar: Werke, die einst innerhalb eines lokalen Klosterzusammenhangs standen, wurden Bestandteile staatlicher wissenschaftlicher Bibliotheken und erhielten dort neue Katalogsignaturen und Nutzungskontexte.
Ein weiterer bemerkenswerter Quellenbestand ist ein nach der Aufhebung angelegtes Verzeichnis der verbotenen Bücher der Lienzer Karmelitenbibliothek, heute Codex 1002 in Innsbruck. Es wurde im Zusammenhang mit der staatlichen Sichtung der Sammlung erstellt. Die Existenz solcher Titel darf nicht vorschnell als Hinweis auf heimliche oppositionelle Lektüre verstanden werden. Kloster- und Studienbibliotheken konnten mit kirchlicher Genehmigung Werke verwahren, deren allgemeine Lektüre eingeschränkt war, etwa für Kontroverstheologie, Prüfung oder wissenschaftliche Auseinandersetzung.
Der Bestand unterstreicht vielmehr die intellektuelle Differenziertheit der Bibliothek. Theologische Bildung erforderte auch Kenntnis problematischer oder bekämpfter Texte. Eine erwähnte hebräische Bibelkonkordanz von Buxtorf verweist zusätzlich auf philologische und bibelwissenschaftliche Interessen. Die Bibliothek war damit Arbeitsinstrument einer gelehrten Institution und nicht bloß Sammlung frommer Erbauungsliteratur.
Die Zerstreuung der Bibliothek lässt sich bis in internationale Sammlungen verfolgen. Ein spätmittelalterlicher Predigtdruck mit dem Besitzvermerk Carmeli Leontini und einer alten Lienzer Signatur gelangte nach der Aufhebung in Privatbesitz, wurde im frühen 20. Jahrhundert auf dem Londoner Antiquariatsmarkt angeboten und schließlich von J. P. Morgan erworben. Heute befindet sich das Buch in der Morgan Library & Museum in New York. Damit lässt sich der Weg eines ehemaligen Klosterbuches über mehrere Eigentums- und Nutzungskontexte hinweg nahezu exemplarisch verfolgen.
Der Band zeigt, wie aus einem Gebrauchsgegenstand klösterlicher Predigt- und Studienkultur ein international gehandeltes Sammlungsobjekt wurde. Der historische Verlust des ursprünglichen Zusammenhangs wird durch moderne Provenienzforschung teilweise wieder rückgängig gemacht: Der physische Band kehrt nicht nach Lienz zurück, seine Zugehörigkeit zum ehemaligen Karmel kann jedoch erneut in die Geschichte der Institution eingeschrieben werden.
Ähnlich aufschlussreich ist eine Pergamenthandschrift mit Predigten des Antonius de Azario aus dem 14. Jahrhundert. Auch sie trägt den Lienzer Karmelitenvermerk und tauchte im 20. Jahrhundert mehrfach im internationalen Antiquariats- und Auktionshandel auf. Die erhaltenen Marginalien und Gliederungszeichen zeigen, dass das Manuskript intensiv benutzt wurde. Themen wie Glaube, Gebet und moralische Laster wurden für den praktischen Zugriff markiert; das Buch war damit ein Arbeitsinstrument für Predigt und Studium.
Solche Gebrauchsspuren sind für die Kulturgeschichte besonders wertvoll, weil sie über die bloße Existenz eines Textes hinausführen. Sie zeigen, wie Bücher innerhalb eines Konvents tatsächlich verwendet wurden. Der internationale Verbleib der Handschrift macht zugleich sichtbar, wie tiefgreifend die Aufhebung den historischen Zusammenhang zerriss: Ein vormals alltägliches Werkzeug des Lienzer Karmels wurde zu einem hochpreisigen Objekt des Handschriftenmarktes.
Zum ehemaligen Lienzer Bestand gehörte auch Giovanni Battista Ramusios berühmte Sammlung Navigationi et viaggi, eines der bedeutendsten frühneuzeitlichen Werke über Reisen, Geographie und außereuropäische Weltregionen. Ein Exemplar mit der Provenienz Carmeli Leontini ist im Antiquariatshandel nachweisbar. Dieser Befund erweitert das Bild der Bibliothek erheblich: Ein osttirolischer Karmelitenkonvent besaß Literatur über Afrika, Asien, maritime Expansion und die Neue Welt und war damit intellektuell keineswegs auf die lokale oder rein theologische Sphäre beschränkt.
Auch humanistische Drucke, darunter Aldinen, bestätigen diese Breite. Die Bibliothek bot ihren Benutzern einen Zugang zu antiker Literatur, zeitgenössischer Geographie, Pädagogik und wissenschaftlichen Debatten. Gerade diese Vielfalt erklärt, warum die Rekonstruktion der Sammlung für die Bildungs- und Wissensgeschichte Tirols von Bedeutung ist.
Pietà und Bibliothek zeigen die josephinische Aufhebung aus zwei entgegengesetzten Perspektiven. Die Pietà blieb am Ort, überdauerte den Wechsel der Ordensgemeinschaft und wurde später materiell verändert, ohne ihre Identität als historisches Kultbild vollständig zu verlieren. Die Bibliothek dagegen wurde als geschlossener Bestand zerstört, versteigert und auf zahlreiche neue Besitzer verteilt. Einzelne Bücher überlebten, aber ihr ursprünglicher räumlicher und funktionaler Zusammenhang ging verloren.
Damit lässt sich an einem einzigen Kloster beobachten, wie unterschiedlich materielle Kultur auf institutionellen Bruch reagiert. Manche Objekte können durch Weitergebrauch Kontinuität erzeugen, andere werden durch Verkauf und Transfer aus ihrer bisherigen Bedeutung herausgelöst. Die moderne Denkmal- und Provenienzforschung versucht beide Prozesse rückblickend zu verstehen: Sie untersucht, was am Ort blieb, und rekonstruiert, was zerstreut wurde.
Der nach Lienz versetzte Franziskanerkonvent bestand zunächst aus ungefähr zwei Dutzend Mitgliedern. Mehrere Patres erhielten konkrete staatliche Bildungsaufträge: Sechs sollten am Gymnasium, weitere an der Normalschule unterrichten. Die Übersiedlung war daher keine bloße räumliche Rettung des Innsbrucker Konvents. Der Staat verband die Fortexistenz der Gemeinschaft mit einem praktischen Nutzen für das Bildungswesen. Damit begann eine neue Phase, in der franziskanische Ordensidentität, staatlicher Schulauftrag und städtische Seelsorge eng verbunden waren.
Seit den späten 1780er-Jahren wirkten Franziskaner außerdem als Beichtväter bei den Lienzer Dominikanerinnen und in der Kranken- beziehungsweise Spitalsseelsorge. An der eigenen Klosterkirche entstand eine Hilfsseelsorge, aus der langfristig die spätere Pfarre St. Marien hervorging. Das Wirkungsspektrum reichte damit von Unterricht und Beichte bis zur Betreuung Kranker und Sterbender.
Am 11. April 1798 traf ein großer Brand die Stadt Lienz und beschädigte auch Kirche und Kloster. Dachbereiche wurden zerstört, und der noch junge Franziskanerkonvent musste wenige Jahre nach der Übersiedlung erneut erhebliche materielle Verluste und Reparaturen bewältigen. Stadtbrände gehörten zu den einschneidendsten Katastrophen vormoderner Städte, weil sie Wohnraum, Vorräte, Werkstätten, Archive und Sakralräume gleichzeitig bedrohten.
Bemerkenswert ist ein Bericht, wonach die Franziskanerbibliothek gerettet werden konnte, weil sie in einem gewölbten Raum im Erdgeschoss untergebracht war. Diese Bibliothek war bereits ein neuer Mischbestand: mitgebrachte Bücher aus Innsbruck, neue franziskanische Erwerbungen und möglicherweise einzelne wieder zurückgelangte Karmelitenbände standen nebeneinander. Schon wenige Jahre nach 1785 war damit eine neue Sammlung entstanden, die selbst aus den Resten verschiedener aufgelöster oder verlegter Bibliothekswelten zusammengesetzt war.
Unter bayerischer Herrschaft wurde 1807 das Lienzer Gymnasium aufgehoben. Für die Franziskaner bedeutete dies nicht nur das Ende eines wichtigen Tätigkeitsfeldes, sondern auch den Verlust einer staatlich gestützten Funktion, die ihre Übersiedlung nach Lienz wesentlich mitbegründet hatte. 1809 musste ein größerer Teil des Hauses militärischen Einquartierungen zur Verfügung gestellt werden. Bis 1815 war die Zahl der Konventsmitglieder deutlich zurückgegangen.
Die Entwicklung zeigt die Abhängigkeit eines Bettelordenskonvents von politischen Rahmenbedingungen. Die Franziskaner waren 1785 im Zuge staatlicher Reformpolitik gerade deshalb nach Lienz versetzt worden, weil man ihre Lehrtätigkeit benötigte; eine neue Herrschaft beseitigte diese Aufgabe wenige Jahrzehnte später wieder. Kontinuität des Ordenslebens bedeutete daher keineswegs institutionelle Stabilität.
Eine langfristige Folge der Aufhebung bestand in komplizierten Eigentumsverhältnissen. Kirche, Kloster und Garten waren durch die Einziehung des Karmelitenvermögens Eigentum des Religionsfonds geworden. Die Franziskaner nutzten die Anlage, waren aber nicht automatisch Eigentümer. Im 19. Jahrhundert führte dies zu Auseinandersetzungen darüber, wer für Reparaturen und Erhaltung aufzukommen hatte. Ein Gubernialdekret von 1846 argumentierte, der Staat habe seit Jahrzehnten nichts zu den Reparaturen beigetragen und wolle auch künftig keine entsprechende Verpflichtung anerkennen.
Dieser scheinbar verwaltungsrechtliche Sachverhalt ist kulturgeschichtlich aufschlussreich. Die josephinische Aufhebung wirkte Jahrzehnte weiter, weil der neue Konvent in Gebäuden lebte, deren rechtliche Zuordnung aus einem staatlichen Eingriff hervorgegangen war. Klosterleben, Bauunterhalt und Vermögensrecht blieben dadurch dauerhaft miteinander verknüpft.
Eine herausragende Gestalt der jüngeren Klostergeschichte ist P. Innozenz Ploner OFM, der 1911 nach Lienz kam. Der ausgebildete Naturwissenschaftler und frühere Gymnasiallehrer war ursprünglich zur seelsorglichen Unterstützung des Konvents bestimmt, entwickelte jedoch rasch ein intensives Interesse an den römischen Fundstätten von Aguntum. 1912 und 1913 führte er systematische Grabungen durch, dokumentierte Mauern, Tore und Gebäudereste und bemühte sich um deren wissenschaftliche Sicherung.
Seine Tätigkeit gehört in die Frühgeschichte der modernen Aguntum-Forschung. Ploner übergab Funde dem Lienzer Museumsverein und trug damit zum Aufbau der römischen Sammlung bei. Neuere Forschung hat seine Arbeit anhand archivalischer Quellen erneut untersucht und aus dem Bereich ordensinterner Erinnerung in die österreichische Archäologiegeschichte eingeordnet. Der Fall zeigt zugleich, dass franziskanische Seelsorge und wissenschaftliches Interesse im frühen 20. Jahrhundert in einer Person zusammenfallen konnten.
Nach 1938 griff die nationalsozialistische Herrschaft auch in das wirtschaftliche und räumliche Leben des Franziskanerkonvents ein. Das traditionelle Sammeln von Lebensmitteln für den Unterhalt des Bettelordens wurde untersagt; 1940 mussten größere Bereiche des Klosters geräumt werden. Zeitweise war eine museale Nutzung vorgesehen, die schließlich nicht in dieser Form verwirklicht wurde. Die Maßnahmen beschränkten den Konvent erheblich, ohne dass das Haus dauerhaft als Kloster aufgehoben wurde.
Für Lienz liegt bislang keine Spezialstudie vor, die die staatlichen Akten in derselben Tiefe auswertet wie neuere Arbeiten zu einzelnen anderen Tiroler Ordenshäusern. Daher sollte die Darstellung bei den nachweisbaren Maßnahmen bleiben und keine Motive oder Verfolgungsmechanismen aus anderen Klöstern übertragen. Wissenschaftliche Genauigkeit besteht hier gerade darin, die vorhandene Quellenlage nicht durch Analogien zu ersetzen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Klosterkirche eine neue institutionelle Bedeutung. 1948 wurde an ihr ein Pfarrvikariat beziehungsweise eine neue pfarrliche Struktur unter dem Namen St. Marien errichtet. Damit wurde die jahrhundertelang als Ordenskirche genutzte Kirche zugleich Zentrum einer territorialen Gemeinde. Die Franziskaner übernahmen damit eine dauerhafte pfarrliche Verantwortung, die ihre ältere Aushilfs- und Beichtseelsorge institutionell erweiterte.
Die Entwicklung veränderte auch die Beziehung zwischen Kloster und Stadt. Die Kirche war nun nicht nur Gottesdienstraum einer Ordensgemeinschaft und Ziel individueller Andacht, sondern Pfarrkirche mit Taufe, Ehe, Begräbnis, Erstkommunion, Firmvorbereitung und kontinuierlicher Gemeindearbeit. Diese Funktion besteht bis heute fort und bindet die historische Klosteranlage unmittelbar an den Alltag eines modernen Seelsorgeraums.
Zwischen 1974 und 1978 wurde die Kirche umfassend restauriert und zugleich mit moderner Kunst ausgestattet. Der Osttiroler Künstler Jos Pirkner schuf 1976 den neuen Hauptaltar in getriebenem Kupfer. Das Werk nimmt die Form eines Flügelaltars auf, ohne einen historischen gotischen Altar zu kopieren. Dadurch entstand eine bewusste Verbindung zwischen mittelalterlichem Kirchenraum und zeitgenössischer Sakralkunst. Das Bildprogramm integriert marianische und christologische Themen sowie Bezüge zum Ordensleben.
1978 folgte an der Außenfassade das Mosaik Maria als Spenderin aller Gnaden. Die moderne Marienikonographie tritt damit neben die mittelalterliche Pietà und die Lourdesgrotte. Der Ort bewahrt keine einzige unveränderte Frömmigkeitsform, sondern unterschiedliche historische Bildsprachen. Gerade die moderne Ausstattung sollte deshalb nicht als Fremdkörper im gotischen Raum beschrieben werden, sondern als jüngste größere Schicht einer über Jahrhunderte fortgesetzten sakralen Nutzung.
Nach der Übersiedlung entstand im Lienzer Franziskanerkloster eine eigene Bibliothek, in die Bücher aus verschiedenen Herkunftszusammenhängen gelangten. Neben mitgebrachten Beständen des Innsbrucker Franziskanerklosters und später zurückgekehrten Karmelitenbänden finden sich Provenienzen anderer aufgehobener oder veränderter kirchlicher Institutionen, darunter Jesuitenkollegien und weitere Ordenshäuser. Die Bibliothek ist deshalb selbst ein Produkt der großen kirchenpolitischen Umbrüche des späten 18. Jahrhunderts.
Aus bibliotheksgeschichtlicher Sicht ist dies besonders interessant: Eine Sammlung kann nicht nur durch planmäßiges Wachstum entstehen, sondern auch durch institutionelle Brüche, Transfer und Wiederverwendung. Das Lienzer Beispiel macht sichtbar, wie Bücher nach Aufhebungen neue Orte fanden, dort erneut katalogisiert und in andere Wissenszusammenhänge eingebunden wurden.
St. Marien ist weiterhin Kloster- und Pfarrkirche der Franziskaner. Seit 2024 gehört die Pfarre zum Seelsorgeraum Lienz Süd. Die aktuelle kirchliche Struktur verbindet die historische Ordenspräsenz mit einer größeren regionalen Seelsorgeorganisation. Mehrere Franziskaner wirken weiterhin in der Pfarre beziehungsweise im Seelsorgeraum, sodass die Anlage kein ehemaliges Klosterdenkmal, sondern ein lebender religiöser Ort geblieben ist.
Für Besucher ist die Kirche regelmäßig im Zusammenhang mit Gottesdiensten und Andachten zugänglich; die klösterlichen Innenbereiche sind nicht mit einem musealen Besichtigungsbetrieb gleichzusetzen. Diese gegenwärtige Nutzung entspricht der langen Geschichte des Hauses als Seelsorgeort. Die wissenschaftliche Beschreibung endet daher nicht mit einer Denkmalklassifikation, sondern mit einer Institution, die ihre historische Architektur weiterhin liturgisch und pastoral gebraucht.
Die Geschichte des Lienzer Klosters lässt sich als Geschichte unterschiedlicher materieller Schicksale lesen. Die gotische Pietà blieb trotz Ordenswechsel und späterer Überarbeitung am Ort. Wandmalereien wurden verdeckt und wiederentdeckt. Karmelitische Gemälde und Räume überstanden die Aufhebung teilweise durch Weiterverwendung oder Rückkauf. Die Bibliothek dagegen verlor ihre räumliche Einheit und wurde über öffentliche Bibliotheken, Privatbesitz und internationalen Handel verteilt.
Diese unterschiedlichen Wege sind für die Kulturwissenschaft besonders aufschlussreich. Ein Kloster besteht nicht allein aus einer Gemeinschaft von Personen oder aus einem Gebäude, sondern aus einem komplexen Geflecht von Dingen, Texten, Bildern, Räumen und Ritualen. Wenn eine Institution aufgehoben wird, reagieren diese Bestandteile verschieden: Sie können am Ort bleiben, neue Besitzer erhalten, ihre Funktion verändern, vergessen oder musealisiert werden. Lienz bietet dafür einen ungewöhnlich gut dokumentierten Fall.
Das Franziskanerkloster Lienz ist heute zugleich Erinnerungsort des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Karmels und der seit 1785 bestehenden Franziskanerpräsenz. Diese doppelte Identität sollte nicht durch eine rückwirkende Vereinheitlichung verdeckt werden. Die Karmeliten schufen die bauliche und einen großen Teil der kunsthistorischen Grundlage; die Franziskaner übernahmen einen durch staatlichen Eingriff entleerten Ort, füllten ihn mit neuen Aufgaben und bewahrten zugleich Teile des älteren Bestandes.
Gerade deshalb gehört Lienz zu den kulturgeschichtlich bemerkenswerten Klosterorten Tirols. Die Anlage dokumentiert nicht nur Ordensgeschichte, sondern die Folgen staatlicher Reformpolitik, den Wandel religiöser Bildverehrung, die Zerstreuung historischer Bibliotheken, die Überlagerung verschiedener Frömmigkeitsformen und die Fähigkeit religiöser Institutionen, nach tiefen Brüchen neue Funktionen zu entwickeln.
Florentin Nothegger: Das ehemalige Karmeliten- und jetzige Franziskanerkloster zu Lienz. Festschrift zu seinem 600jährigen Bestande. Sondernummer der Osttiroler Heimatblätter, Lienz 1949.
Florentin Nothegger: Zur Geschichte des Karmelitenklosters Lienz. In: Osttiroler Heimatblätter 30, 1962, Heft 9.
Florentin Nothegger: 200 Jahre Franziskanerkloster Lienz. Sondernummer der Osttiroler Heimatblätter, Lienz 1985.
Pirmin Lindner: Die Aufhebung der Klöster in Deutschtirol 1782-1787. Ein Beitrag zur Geschichte Kaiser Josephs II. In: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg, 3. Folge, Bde. 28-30, 1884-1886; zum Karmelitenkloster Lienz besonders Bd. 30, S. 52-60.
Oliver Ruggenthaler OFM: Spuren der ehemaligen Karmeliter-Bibliothek in Lienz. Schwaz 2005.
Meinrad Pizzinini: Franziskanerkloster St. Marien Lienz Osttirol. Christliche Kunststätten Österreichs 102, 3. Auflage, Salzburg 2001.
Meinrad Pizzinini: Unser neuer Klosterplatz. Das historische Umfeld der oberen Muchargasse in Lienz. In: Osttiroler Heimatblätter 2022, Heft 1-2.
Bundesdenkmalamt: Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Tirol. Wien 1980, Lienz, ehemalige Karmeliten- und heutige Franziskanerkirche sowie Kloster, S. 491-493.
Walter Neuhauser u. a.: Katalog der Handschriften der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol in Innsbruck, insbesondere die Beschreibungen von Cod. 314 und Cod. 502 sowie weitere Provenienznachweise zum Carmeli Leontini.
Florian Martin Müller: P. Innozenz Ploner OFM (1865-1914) - Archäologe, Lehrer, Ordensmann. Studien zur Biographie und zu den frühen Ausgrabungen von Aguntum.
Stadt Lienz: Kulturführer Lienz, Abschnitt Franziskanerkloster und Klosterkirche; insbesondere zur gotischen Pietà, den mittelalterlichen Wandmalereien und den Beständen des Kreuzgangs.
Franziskanerprovinz Austria / Provinzarchiv der Tiroler Franziskaner: Bestands- und Provenienzangaben zur ehemaligen Karmelitenbibliothek und zur Geschichte des Lienzer Konvents.
Universitäts- und Landesbibliothek Tirol: Handschriftenkataloge und Provenienzangaben zu aus dem Lienzer Karmel stammenden Handschriften und Drucken.
Archiv- und Bibliotheksnachweise internationaler Sammlungen, insbesondere Morgan Library & Museum sowie moderne Handschriften- und Auktionskataloge, zur Provenienz Carmeli Leontini und zur Zerstreuung der ehemaligen Karmelitenbibliothek.
Diözese Innsbruck und Franziskanerprovinz Austria: aktuelle Angaben zu Pfarre St. Marien, Seelsorgeraum Lienz Süd und liturgischer Nutzung der Klosterkirche.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher © www.SAGEN.at |