Ried im Oberinntal - Ehemaliges Kapuzinerkloster und Kapuzinerhospiz

Schnellüberblick
Kloster:Ehemaliges Kapuzinerhospiz und Kapuzinerkloster Ried im Oberinntal mit der Kirche zum Heiligen Kreuz und der unmittelbar angeschlossenen Loretokapelle. Die kleine Ordensniederlassung bestand von 1694 bis 2003 und war über drei Jahrhunderte ein regionales Zentrum von Predigt, Beichte, Volksseelsorge, Armen- und Krankenbetreuung.
Orden:Kapuziner, franziskanischer Reformorden mit besonderem Gewicht auf Armutsideal, schlichter Lebensweise, Predigt, Beichte, Volksmission, Kranken- und Armenfürsorge sowie seelsorglicher Beweglichkeit im ländlichen Raum.
Gründung:1694 wurde in Ried ein Kapuzinerhospiz genehmigt. Die Brüder übernahmen einen bereits bestehenden religiösen Ort: Die Loretokapelle war seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ein stark besuchter marianischer Wallfahrts- und Gnadenort. Die Grundsteinlegung der eigenen Kapuzinerkirche erfolgte 1705; 1713 wurde sie zum Heiligen Kreuz geweiht.
Ende:Mit 1. November 2003 wurde die Kapuzinerniederlassung aufgehoben. Der letzte in Ried lebende Kapuziner war P. Philipp Bock. Die spätere Eigentums- und Nutzungsgeschichte verlief in mehreren Schritten; das ehemalige Kloster blieb jedoch erhalten und wurde nicht profaniert oder einer rein weltlichen Nutzung überlassen.
Status:Ehemaliges Kapuzinerkloster; heute geistlich-soziales Zentrum der Pfarre mit Kapuzinerkirche, Loretokapelle, Pilgeroase, Seminar- und Gemeinschaftsräumen, Oasentagen und zeitweiser sozialer Unterkunft. Die Kirche wird weiterhin liturgisch genutzt.
Wallfahrt:Die unmittelbar angeschlossene Loreto-Gnadenkapelle ist als Wallfahrtskapelle belegt. Ausführliche Dokumentation: Ried im Oberinntal - Loreto-Gnadenkapelle im SAGEN.at-Kapitel Wallfahrt.
Anlage:Schlichter zweigeschossiger Kapuzinerbau mit T-förmigem Grundriss, ehemaligen Zellen, Refektorium, Hauskapelle, Bibliotheksraum, Wirtschaftsräumen und Garten; direkt verbunden mit der Loretokapelle und der Kirche zum Heiligen Kreuz. Besonders bemerkenswert sind der historische Bibliotheksraum, der frühere Chorraum mit Passionsdarstellungen und die weiterhin lebendige Loreto- und Brauchtradition.
Ort:Ried im Oberinntal, Bezirk Landeck.
Region:Oberes Gericht, Tiroler Oberland, Tirol.
Land:Österreich.
Lage und Besuch
•Ehemaliges Kapuzinerkloster / Pilgeroase Ried, Ried 79, 6531 Ried im Oberinntal, Tirol, Österreich.
Die Anlage liegt im Ortsteil Truyen nahe dem Lindenplatz und umfasst das ehemalige Hospiz, die Kapuzinerkirche zum Heiligen Kreuz, die Loretokapelle und den Klostergarten.
•Lage in der SAGEN.at-Karte Klöster und Stifte in Tirol
•Ansicht in Street View
•Öffnungszeiten: Die Kapuzinerkirche und die Loretokapelle sind im Zusammenhang mit Gottesdiensten, Gebetszeiten und Veranstaltungen zugänglich; die Pilgeroase, das ehemalige Refektorium und weitere Innenräume werden nach Anmeldung beziehungsweise im Rahmen von Seminaren und Oasentagen genutzt. Für Besichtigungen außerhalb regulärer kirchlicher Termine empfiehlt sich eine vorherige Anfrage.
•Web: Pilgeroase im ehemaligen Kapuzinerkloster Ried
Direkt zum Inhalt
•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Wir haben leider noch keine Fotos dieser Klosteranlage.

Gesucht werden insbesondere Aufnahmen der Gesamtanlage und ihrer Lage in Truyen, der Kapuzinerkirche innen und außen, der Loretokapelle, des Loreto-Gnadenbildes, der Blumenmuttergottes, der Altäre und Kanzel, des ehemaligen Chorraumes mit den Passionsdarstellungen, der Hauskapelle, des Refektoriums, der früheren Kapuzinerzellen, des historischen Bibliotheksraumes, der Pforte und Pfortenglocke, des Klostergartens sowie der heutigen Pilgeroase und ihrer behutsamen Nachnutzung.

Foto von Kloster oder Stift einsenden

Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.

Ausführliche Beschreibung

Ein kleines Kapuzinerhospiz mit großer regionaler Wirkung

Das ehemalige Kapuzinerkloster von Ried im Oberinntal gehört nicht zu den großen repräsentativen Klosteranlagen Tirols. Gerade darin liegt jedoch seine historische Aussagekraft. Mehr als drei Jahrhunderte lang lebten hier nur wenige Kapuziner, deren Aufgabe weniger in gelehrter Repräsentation oder umfangreicher Grundherrschaft als in unmittelbarer Volksseelsorge bestand. Predigt, Beichte, Aushilfe in den umliegenden Gemeinden, Armen- und Krankenbetreuung und die alltägliche religiöse Begleitung der Bevölkerung prägten die Niederlassung. Der kleine Konvent war damit ein religiöser Stützpunkt des Oberen Gerichts, dessen Bedeutung nicht aus der Zahl seiner Brüder, sondern aus der Intensität der Beziehungen zur Umgebung erwuchs.

Die Geschichte des Hauses reicht dabei weiter zurück als die Kapuzinergründung von 1694. An derselben Stelle bestand bereits zuvor die Loretokapelle als marianischer Gnaden- und Andachtsort. Ebenso war die religiöse Landschaft Rieds durch eine Corporis-Christi- beziehungsweise Fronleichnamsbruderschaft geprägt. Das Hospiz setzte sich daher nicht auf einen religiös unbesetzten Platz, sondern in einen bereits ausgebildeten lokalen Kult- und Frömmigkeitsraum. Diese Vorgeschichte ist für das Verständnis des Klosters ebenso wichtig wie seine spätere Kapuzinerzeit.

Zur Wallfahrt: Die Loreto-Gnadenkapelle wird auf SAGEN.at als eigener Wallfahrtsort dokumentiert: Ried im Oberinntal - Loreto-Gnadenkapelle.

Das Obere Gericht als religiöser und politischer Raum

Ried liegt im Tiroler Oberland in jenem historischen Raum, der als Oberes Gericht bezeichnet wurde. Die Siedlungen des oberen Inntales standen in enger Verbindung mit den Verkehrswegen über Reschen und Engadin. Diese Lage bedeutete wirtschaftlichen Austausch und kulturelle Kontakte, schuf in der frühen Neuzeit aber zugleich eine konfessionell sensible Grenzsituation. Das benachbarte Engadin hatte sich der Reformation zugewandt; in der katholischen Tiroler Wahrnehmung bestand daher die Sorge, reformiertes Gedankengut könne über die Verkehrs- und Handelswege in die Gemeinden des Oberinntales eindringen.

Die Ansiedlung von Kapuzinern ist vor diesem Hintergrund zu verstehen, darf aber nicht auf ein bloßes Abwehrprogramm gegen die Reformation reduziert werden. Die Kapuziner waren im 17. Jahrhundert gerade dort erfolgreich, wo kleine, bewegliche Gemeinschaften durch Predigt, Beichte und Volksmission ein weites ländliches Gebiet betreuen konnten. In Ried verbanden sich konfessionelle Grenzsicherung und ein praktischer Bedarf nach zusätzlicher Seelsorge. Auf Dauer wurde letzterer für die Bevölkerung wahrscheinlich wichtiger als die ursprüngliche gegenreformatorische Begründung.

Die Loretokapelle: der sakrale Ort vor dem Kloster

Die wichtigste Vorgeschichte des Kapuzinerhospizes ist die Loretokapelle. Ihre Entstehung wird mit dem Priester Andreas Gaulrapp verbunden, der in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Ried wirkte und selbst das italienische Loreto besucht haben soll. Die örtliche Überlieferung setzt die erste Verehrungsstätte um 1654 beziehungsweise in die späten 1650er Jahre. Gaulrapp ließ eine Nachbildung beziehungsweise Darstellung der Madonna von Loreto zur Verehrung aufstellen. Der Zulauf der Bevölkerung war nach der lokalen Kirchenüberlieferung bald so groß, dass eine eigene beziehungsweise erweiterte Kapelle erforderlich wurde.

Die Kapelle wurde 1666 geweiht. Damit war sie bereits fast drei Jahrzehnte vor der Kapuzineransiedlung ein fest etablierter Sakralort. Der spätere Konvent übernahm daher nicht nur ein Gebäude, sondern auch eine bereits lebendige Marienfrömmigkeit. Bis in die Gegenwart ist die Loretokapelle eng mit der religiösen Identität des Ortes verbunden und bildet zusammen mit Kirche, ehemaligem Hospiz und Pfarrkirche ein System mehrerer aufeinander bezogener Sakralräume.

Andreas Gaulrapp, Loreto und die Übertragung eines Kultmodells

Der Loretokult gehört zu den international verbreiteten marianischen Frömmigkeitsformen der frühen Neuzeit. In zahlreichen katholischen Regionen entstanden Nachbildungen oder Erinnerungsorte des Heiligen Hauses von Loreto. Durch sie wurde ein weit entfernter italienischer Wallfahrtsort gleichsam in die regionale religiöse Landschaft übersetzt. Auch Ried ist in diese Bewegung einzuordnen. Die Kapelle ist damit kein isoliertes lokales Kuriosum, sondern Teil eines europäischen Netzes von Loretoverehrung.

Gleichzeitig erhielt die allgemeine Loretofrömmigkeit in Ried eine eigene lokale Form. Die Madonna wurde nicht nur als Abbild eines entfernten Kultortes wahrgenommen, sondern zum konkret angerufenen Gnadenbild der Gemeinde. Der religiöse Transfer wurde so lokalisiert: Menschen suchten nicht bloß eine Kopie auf, sondern verbanden mit dem Rieder Ort eigene Bitten, Prozessionen und Brauchformen. Diese lokale Aneignung ist für die volkskundliche Betrachtung entscheidend.

Altar, Fassade und frühe Ausstattung der Loretokapelle

Die Ausstattung der Kapelle bewahrt wichtige Zeugnisse aus ihrer frühen Geschichte. Der Altar wird mit Adam Payr und dem Jahr 1659 verbunden. An der Fassade erscheinen die Stifter, die Übertragung des Hauses von Loreto und eine historische Ansicht Rieds von 1669. Hinzu kommt eine kleine Kastenorgel aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Damit besitzt die Kapelle nicht nur eine kultische, sondern auch eine kunst- und ortsgeschichtliche Dimension.

Gerade die historische Ortsansicht ist bemerkenswert, weil sie die Frömmigkeit des Loretoheiligtums unmittelbar mit der konkreten Siedlung Ried verbindet. Der universale Marienkult wird in eine lokale Landschaft eingeschrieben. Die Kapelle ist dadurch zugleich Andachtsort und materielles Zeugnis des Selbstverständnisses einer Gemeinde, die ihren eigenen Ort innerhalb eines größeren katholischen Kultsystems verortete.

Die Loretokapelle als Wallfahrts- und Gnadenort

Die religiöse Bedeutung der Loretokapelle geht über einen lediglich lokalen Andachtsort hinaus. Inge Dollinger führt Ried im Oberinntal in ihrem Tiroler Wallfahrtsbuch ausdrücklich als Wallfahrtskapelle und beschreibt die Entstehung der Kapelle aus der Verehrung der von Andreas Gaulrapp vermittelten Loreto-Madonna. Damit liegt ein gedruckter wallfahrtsgeschichtlicher Nachweis vor, der die Einordnung als Wallfahrts- und Gnadenort trägt. Die lokale kirchliche und kommunale Überlieferung ergänzt diesen Befund durch Nachrichten über starken Zulauf, persönliche Bittanliegen und die bis heute lebendige Verehrung des Gnadenbildes.

Die genaue historische Ausformung der Wallfahrt lässt sich allerdings nicht in allen Einzelheiten rekonstruieren. Ein Mirakelbuch oder ein geschlossener alter Bestand an Votivgaben ist bislang nicht nachgewiesen, und auch Umfang und Herkunft organisierter Pilgergruppen sind nicht für alle Epochen dokumentiert. Der Wallfahrtsstatus selbst ist durch die einschlägige Literatur jedoch ausreichend belegt. Besonders aussagekräftig für die Kontinuität des Kultes sind die jährliche feierliche Übertragung der Loreto-Madonna, der Rieder und Truyener Festkalender sowie die Verbindung mit der Blumenmuttergottes.

Ried im Oberinntal, Loreto-Gnadenkapelle im SAGEN.at-Kapitel Wallfahrt

Die Corporis-Christi-Bruderschaft von 1674

Zwanzig Jahre vor der Kapuzinergründung wurde 1674 in Ried eine Corporis-Christi- beziehungsweise Fronleichnamsbruderschaft errichtet. Ihr Hauptfest lag am letzten Sonntag im August. Diese Bruderschaft ist für die religiöse Vorgeschichte des Klosters besonders aufschlussreich, weil sie zeigt, dass sich am Ort bereits vor 1694 eine organisierte Laienfrömmigkeit entwickelt hatte. Bruderschaften verbanden gemeinschaftliches Gebet, Festgestaltung, liturgische Teilnahme, soziale Bindung und Totengedächtnis und waren wichtige Träger frühneuzeitlicher katholischer Religionskultur.

Die Bruderschaft selbst besteht nicht mehr, ihr Festtermin lebt jedoch in veränderter Form weiter. Der letzte Sonntag im August blieb als Rieder Kirchtag im lokalen Kalender verankert. Damit ist ein klassischer Prozess kultureller Persistenz zu beobachten: Eine Institution verschwindet, aber ein von ihr geprägter Termin und die mit ihm verbundenen Erwartungen bleiben bestehen und werden von neuen oder veränderten Bräuchen aufgenommen.

Kapuziner im Tiroler Oberland

Die Kapuziner gehören zum franziskanischen Reformzweig, der im 16. Jahrhundert aus dem Bestreben entstand, das Armutsideal des heiligen Franziskus besonders streng zu verwirklichen. Ihre Häuser waren häufig architektonisch schlicht, ihre Gemeinschaften vergleichsweise klein und ihre pastorale Ausrichtung stark nach außen gerichtet. Predigt, Beichte, Volksmission, Krankenpflege und unmittelbare Begegnung mit einfachen Bevölkerungsgruppen gehörten zu den bevorzugten Arbeitsfeldern.

Im Tiroler Oberland war seit 1682 mit Imst ein Kapuzinerkloster vorhanden. Von dort kamen Brüder wiederholt zur Aushilfe in das Obere Gericht. Die positive Aufnahme dieser Tätigkeit förderte den Wunsch nach einer dauernden Niederlassung in Ried. Der spätere kleine Konvent war daher Teil eines regionalen Netzes von Kapuzinerhäusern und seelsorglichen Einsatzorten, zugleich aber stark auf die besonderen Bedürfnisse des oberen Inntales ausgerichtet.

1694: Gründung des Kapuzinerhospizes

Ried und benachbarte Gemeinden bemühten sich um eine dauerhafte Kapuzinerpräsenz. Unterstützung kam unter anderem vom Pfleger von Laudegg Andreas von Sterzinger; auch der zuständige Brixner Fürstbischof stand dem Vorhaben positiv gegenüber. Am 24. Jänner 1694 wurde das Hospiz durch die zuständige kirchliche Instanz bestätigt. In der lateinischen Formulierung begegnet das Haus als Hospitium in loco Riedae.

Das Datum markiert den institutionellen Beginn der Kapuzinerniederlassung. Es ist zugleich bemerkenswert, dass die Brüder nicht erst einen Kultort schaffen mussten: Loretokapelle und lokale Bruderschaftsfrömmigkeit bestanden bereits. Das neue Hospiz fügte sich daher in vorhandene religiöse Strukturen ein und übernahm zugleich die Aufgabe, diesen Ort seelsorglich zu betreuen und regional auszustrahlen.

Was ein Kapuzinerhospiz bedeutete

Der Begriff Hospiz ist hier nicht im modernen Sinn eines Krankenhospizes oder Sterbehauses zu verstehen. Innerhalb der Ordensorganisation bezeichnete er eine kleinere Niederlassung, die nicht notwendigerweise die volle institutionelle Ausstattung eines großen Konvents besaß. Gerade für die praktische Seelsorge in ländlichen Gebieten war eine solche Form geeignet: Wenige Brüder konnten von einem kleinen Stützpunkt aus predigen, Beichte hören, in Pfarren aushelfen und Kranke besuchen.

Die geringe Größe Rieds ist deshalb kein Zeichen geringer Bedeutung. Im Gegenteil: Sie entspricht dem Zweck der Niederlassung. Der historische Wert des Hauses liegt nicht in einem umfangreichen Konvent, sondern in der langen Dauer einer kleinen Gemeinschaft, deren Mitglieder regelmäßig mit einer großen Zahl von Menschen außerhalb des Klosters in Kontakt standen.

Vom Frühmesserhaus zum eigenen Hospiz

Zu Beginn wohnten die Kapuziner im Frühmesserhaus. Bald entstand ein eigener Klosterbau, der unmittelbar mit der Loretokapelle verbunden wurde. Die örtliche Überlieferung spricht von einer erstaunlich kurzen Bauzeit von nur fünf Monaten. Ob alle Teile der später sichtbaren Anlage innerhalb dieser kurzen Frist fertiggestellt wurden, lässt sich nicht für jedes Bauteil sicher bestimmen; entscheidend ist jedoch, dass schon sehr bald ein eigener, funktional auf die kleine Gemeinschaft zugeschnittener Konvent bestand.

Die bauliche Verbindung mit der Loretokapelle ist symbolisch und praktisch bedeutsam. Der vorhandene marianische Kultort wurde nicht an den Rand gedrängt, sondern in die neue Ordensanlage integriert. Damit blieb sichtbar, dass die religiöse Geschichte des Platzes nicht erst mit den Kapuzinern begonnen hatte.

Die Klosterkirche zum Heiligen Kreuz

Die Loretokapelle erwies sich für die wachsende seelsorgliche Tätigkeit der Kapuziner bald als zu klein. Am 30. August 1705 wurde der Grundstein für eine eigene Klosterkirche gelegt. Nach der örtlichen Musiktradition war bei der Grundsteinlegung bereits eine kleine Rieder Musikgruppe beteiligt, womit die spätere Verbindung von kirchlichem Fest und musikalischer Ortsgemeinschaft früh fassbar wird.

Am 18. Juni 1713 konsekrierte der Brixner Fürstbischof Kaspar Ignaz Graf von Künigl die Kirche zu Ehren des Heiligen Kreuzes. Das Patrozinium passt zur franziskanisch-kapuzinischen Passionsfrömmigkeit. 1766 erfolgten weitere Um- beziehungsweise Zubauten. Die Kirche blieb jedoch in ihrer Grundhaltung dem kapuzinischen Ideal der baulichen Zurückhaltung verpflichtet.

Kapuzinische Schlichtheit als Architekturprogramm

Das ehemalige Hospiz ist ein schlichter zweigeschossiger Mauerbau mit T-förmigem Grundriss, regelmäßiger Fassadengliederung und Krüppelwalmdach. Anstelle eines repräsentativen Kirchturmes genügt der kleine Dachreiter. Diese Zurückhaltung war kein Ausdruck fehlender finanzieller Mittel allein, sondern entsprach dem Selbstverständnis des Ordens. Die Architektur sollte nicht durch monumentale Repräsentation vom Armutsideal ablenken.

Auch im Inneren war die funktionale Klarheit entscheidend. Ein gewölbter Gang erschloss Küche und Speisekammer, Refektorium und Sakristei; im Obergeschoss lagen die kleinen Zellen, eine Hauskapelle und der Bibliotheksbereich. Gerade diese erhaltene Funktionsgliederung macht Ried zu einem anschaulichen Beispiel kapuzinischer Alltagsarchitektur.

Der Hochaltar: barocke Wirkung ohne überbordende Pracht

Der Hochaltar nimmt die Chorwand der Kirche beherrschend ein und stammt in seiner heutigen Form aus dem späten 18. Jahrhundert. Bemerkenswert ist, dass die Konstruktion weitgehend ungefasst blieb. Damit unterscheidet sie sich deutlich von den vielfach marmorierten und vergoldeten Altären barocker Pfarr- und Klosterkirchen. Die materialbetonte Schlichtheit steht dem kapuzinischen Selbstverständnis näher.

Im Zentrum befindet sich eine Kreuzigungsgruppe vor gemaltem Landschaftshintergrund und den beiden Schächern. Der Tabernakel besitzt seitliche Nischen mit einer Drehmechanik, durch die unterschiedliche Darstellungen beziehungsweise Reliefs sichtbar gemacht werden konnten. Liturgische Funktion und anschauliche Bildvermittlung greifen damit ineinander.

Seitenaltäre und kapuzinische Heiligenwelt

Auch die Seitenaltäre spiegeln unterschiedliche Frömmigkeitsschichten. Ein Vorsatzbild nimmt das weit verbreitete Mariahilf-Gnadenbild nach Lucas Cranach auf und bindet damit einen zweiten bedeutenden marianischen Bildtypus in die Kirche ein. Ein weiterer Altar ist mit Johannes Nepomuk verbunden und zeigt im Auszug den Kapuzinerheiligen Josef von Leonessa. Spätere Herz-Jesu-Frömmigkeit und ein neobarockes Altärchen für den Kapuzinerheiligen Konrad von Parzham ergänzen die Ausstattung.

Der Kirchenraum ist daher trotz seiner architektonischen Schlichtheit keineswegs religiös homogen. In ihm überlagern sich Kreuzverehrung, Marienfrömmigkeit, kapuzinische Heiligenverehrung und spätere katholische Andachtsformen. Diese zeitliche Schichtung ist für die kulturhistorische Interpretation wichtiger als die Suche nach einem vermeintlich unveränderten barocken Ursprungszustand.

Der ehemalige Chorraum und die Passion Christi

Ein besonders aufschlussreicher Bereich ist der frühere Raum für das Chorgebet der Brüder. Dort finden sich Passionsdarstellungen in Temperamalerei, darunter Ecce Homo, Geißelung, Christus vor Pilatus, Dornenkrönung und die Handwaschung des Pilatus. Diese Bildfolge gehörte nicht in erster Linie zu einer öffentlichen Schauarchitektur, sondern zum inneren Gebets- und Betrachtungsraum des Konvents.

Damit lässt sich die franziskanische Passionsfrömmigkeit unmittelbar am Bau ablesen. Die Brüder begegneten den Leidensszenen im Rhythmus des gemeinschaftlichen Gebetes. Bild, Raum und Ordenspraxis standen daher in einem engen Zusammenhang, der durch eine reine kunsthistorische Beschreibung der Einzelbilder nur unzureichend erfasst würde.

Die Hauskapelle

Im Obergeschoss befand sich eine eigene Hauskapelle für die Gemeinschaft. Ihre Ausstattung mit gemaltem Altarbaldachin, flankierenden Blumenvasen und einem Leinwandbild mit dem Tod des heiligen Josef aus der Mitte des 18. Jahrhunderts erschließt einen Bereich des Klosterlebens, der der öffentlichen Kirche gegenüber deutlich privater war.

Die Hauskapelle erinnert daran, dass das Kloster nicht nur Ausgangspunkt öffentlicher Seelsorge war, sondern zugleich Wohn- und Gebetsgemeinschaft. Der liturgische Alltag der Patres spielte sich daher in verschiedenen Räumen ab: in der großen Kirche, im Chor, in der Hauskapelle und bei pastoralen Einsätzen außerhalb des Klosters.

Refektorium, Küche und Zellen: die materielle Alltagswelt

Die erhaltene Raumstruktur des Hospizes erlaubt einen seltenen Blick auf die alltägliche Organisation einer kleinen Ordensgemeinschaft. Das Refektorium war Speisesaal und gemeinschaftlicher Aufenthaltsraum; Küche und Speisekammer dienten einer einfachen Haushaltsführung; die Zellen waren klein und funktional. Einzelne Räume bewahren noch einfache Vertäfelungen und ältere Ausstattungsdetails.

Gerade diese unspektakulären Räume sind für die Klostergeschichte besonders wichtig. Sie machen sichtbar, dass Ordensleben aus wiederkehrenden Handlungen bestand: Essen, Schlafen, Lesen, Beten, Vorbereiten von Predigten und Empfangen von Besuchern. Die spätere Revitalisierung hat diese Grundstruktur nicht beseitigt, sondern teilweise bewusst für neue gemeinschaftliche und geistliche Funktionen genutzt.

Die Bibliothek als Arbeitsraum eines Predigtordens

Kapuzinerbibliotheken waren im Vergleich zu großen Stiftsbibliotheken meist klein und zweckorientiert. Sie enthielten vor allem Literatur für Predigt, Beichte, Liturgie, Spiritualität und seelsorgliche Praxis. In Ried war die Bibliothek kein repräsentativer Schausaal, sondern ein Arbeitsraum. Gerade dies entspricht dem Charakter des Ordens.

Besonders bemerkenswert ist die bauliche Verbindung zwischen Bibliothek und Kanzel. Ein Durchgang ermöglichte den direkten Weg vom Ort des Lesens und Vorbereitens zum Ort der Predigt. Architektonisch wird damit fast programmatisch sichtbar, wozu die Bücher dienten: Wissen sollte in Verkündigung und konkrete Seelsorge übersetzt werden.

Originaler Bibliotheksraum, aber kein unveränderter Rieder Buchbestand

Die heutige Bibliothek muss quellenkritisch genau beschrieben werden. Bereits vor dem Ende des Konvents wurden Teile des ursprünglichen Rieder Bestandes in die Provinzbibliothek beziehungsweise an theologische Einrichtungen nach Innsbruck überführt. Damit blieb der historische Raum bestehen, während sein ursprünglicher Buchbestand teilweise zerstreut wurde.

Nach der Aufhebung des Kapuzinerklosters Imst 2016 erhielt Ried einen wesentlichen Teil des historischen Imster Bibliotheksbestandes als Dauerleihgabe. Die Bücher konnten wegen der ähnlichen kapuzinischen Ordnungssysteme weitgehend in die vorhandenen Regale eingefügt werden. Der heutige Bibliotheksraum vermittelt daher authentische Kapuzinerkultur, darf aber nicht als seit dem 17. Jahrhundert unverändert erhaltene Rieder Bibliothek missverstanden werden.

Die Pforte und ihre Glocke

Zur materiellen Alltagskultur des Klosters gehört auch die kleine Pfortenglocke. Sie diente als Signal für Besucher, die an der Klosterpforte Einlass oder Hilfe suchten. Das kleine Instrument, mit Kreuzigungsdarstellung und dem Namen eines Innsbrucker Glockengießers versehen, dokumentiert eine unscheinbare, aber zentrale Schnittstelle zwischen Klausur und Außenwelt.

Die Pforte war der Ort, an dem Bettelorden und Bevölkerung einander alltäglich begegneten. Hier wurden Anliegen vorgebracht, Boten empfangen, Almosen ausgetauscht und Kontakte hergestellt. Eine solche Glocke erzählt deshalb mehr über praktisches Klosterleben als manch repräsentatives Kunstwerk.

Predigt im Oberen Gericht

Die Predigt war eine Hauptaufgabe der Kapuziner. Ihre Sprache sollte verständlich sein, theologische Inhalte sollten unmittelbar auf das Leben der Menschen bezogen werden. In einer Region mit verstreuten Ortschaften und weiten Wegen waren kleine bewegliche Gemeinschaften für diese Form pastoraler Arbeit besonders geeignet. Die Rieder Patres wirkten daher nicht nur in ihrer eigenen Kirche, sondern halfen auch in Pfarren der Umgebung aus.

Die bereits erwähnte Verbindung von Bibliothek und Kanzel unterstreicht diese Funktion. Predigt war keine spontane Rede ohne Vorbereitung, sondern gründete auf Lektüre, geistlicher Übung und theologischer Ausbildung. Zugleich musste sie die konkrete Lebenswelt der Bevölkerung erreichen. Gerade dieser Wechsel zwischen Studierstube und Dorföffentlichkeit kennzeichnete die Kapuzinerseelsorge.

Beichte als regionale religiöse Routine

In der lokalen Erinnerung galt Ried über lange Zeit als wichtiger Beichtort des Oberinntales. Bischof Hermann Glettler erinnerte bei der Wiedereröffnung des Hauses daran, dass viele Menschen wenigstens einmal jährlich zu den Patres gingen. Eine solche späte Erinnerung ersetzt keine serielle historische Statistik, sie entspricht jedoch der typischen Kapuzinerseelsorge und der überlieferten regionalen Bedeutung des Hauses.

Volkskundlich ist der Ausdruck "zu den Patres gehen" besonders aussagekräftig. Er bezeichnet nicht nur den sakramentalen Vorgang der Beichte, sondern einen wiederkehrenden Weg, einen vertrauten Ort und eine besondere Erwartung an die Ordenspriester. Der Konvent war damit Teil einer religiösen Jahresroutine, die über die eigene Pfarre hinausreichen konnte.

Armen- und Krankenbetreuung

Denkmalpflegerische und lokale Quellen nennen neben Predigt und Beichte ausdrücklich Armen- und Krankenpflege beziehungsweise Krankenbetreuung als Tätigkeitsfeld der Rieder Kapuziner. Diese Arbeit entsprach der franziskanischen Ausrichtung des Ordens. Kranke wurden nicht nur medizinisch oder materiell wahrgenommen, sondern als Menschen in einer existenziellen Situation, die Sakramente, Gespräch, Trost und praktische Hilfe benötigten.

Für Ried sind bislang keine vollständigen Serien von Krankenbesuchen oder Almosenausgaben ausgewertet. Deshalb wäre es unzulässig, aus allgemeiner Kapuzinerpraxis konkrete Einzelfälle zu erfinden. Sicher ist jedoch, dass soziale und pastorale Hilfe zur Funktion des Hauses gehörte und dass diese Tätigkeit für die Wahrnehmung der Patres in der Bevölkerung wesentlich war.

Almosenökonomie und die Grenzen der Quellen

Als franziskanischer Bettelorden war der Kapuzinerkonvent grundsätzlich auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen. Naturalien, Geldspenden und andere Formen der Hilfe bildeten einen Teil der wirtschaftlichen Grundlage. Gerade in ländlichen Gebieten entwickelten sich daraus vielfach feste Sammelrouten und regelmäßige Kontakte zu Bauernhöfen.

Für Ried ließ sich bislang jedoch kein ausreichend detailliertes Sammelbuch oder eine sichere Liste solcher Routen nachweisen. Der Artikel muss deshalb zwischen der allgemeinen kapuzinischen Wirtschaftsform und konkret belegten Rieder Praktiken unterscheiden. Dass das Hospiz von der Unterstützung seines Umfeldes abhing, ist plausibel und ordensgeschichtlich gesichert; genaue regionale Sammelbräuche bleiben eine offene Forschungsfrage.

Die Kapuziner und die Pfarrseelsorge

Im 20. Jahrhundert wurde die Verbindung zwischen Kloster und regulärer Pfarrseelsorge noch enger. Seit den 1950er Jahren übernahmen Kapuziner zunehmend Aufgaben in der Pfarre Ried. Damit veränderte sich das Verhältnis zwischen einem ursprünglich zusätzlichen seelsorglichen Stützpunkt und den institutionellen Strukturen der Ortskirche.

Diese Entwicklung ist für das spätere Fortleben der Anlage wichtig. Als der Konvent 2003 endete, bestand zwischen Kloster und Pfarre bereits eine lange praktische Verbindung. Dadurch war es naheliegend, die Gebäude nicht als fremdes aufgegebenes Ordensareal zu behandeln, sondern nach Formen kirchlicher und gemeinschaftlicher Weiterverwendung zu suchen.

Die Loreto-Madonna als bewegliches Kultbild

Eine der bemerkenswertesten lebendigen Traditionen Rieds ist die jährliche Übertragung der Loreto-Madonna. Am letzten Sonntag im August wird das Bild aus der Loretokapelle genommen und in feierlicher Prozession zur Pfarrkirche St. Leonhard getragen. Dort bleibt es für eine begrenzte Zeit, ehe es um das Fest Mariä Geburt beziehungsweise zum Truyener Kirchtag wieder in die Kapelle zurückkehrt.

Das Kultbild verbindet damit unterschiedliche Sakralräume des Ortes. Die Prozession ist nicht nur Bewegung durch den öffentlichen Raum, sondern stellt symbolisch die Beziehung zwischen Gnadenkapelle, ehemaligem Kapuzinerzentrum, Pfarrkirche und Dorfgemeinschaft her. Der Ort der Madonna verändert sich im Jahreslauf, und gerade diese zeitweise Verlagerung macht ihre Bedeutung für die gesamte Gemeinde sichtbar.

Der Rieder Kirchtag und die Fortdauer eines Bruderschaftstermins

Der heutige Rieder Kirchtag am letzten Augustsonntag ist historisch mit dem Hauptfest der 1674 gegründeten Corporis-Christi-Bruderschaft verbunden. Die Bruderschaft verschwand, doch der Termin blieb. Spätere Generationen verbanden ihn mit anderen religiösen und gemeinschaftlichen Handlungen, unter anderem mit der Loreto-Madonna und der Blumenmuttergottes.

Solche Kontinuitäten sind für die Volkskunde besonders aufschlussreich. Brauchtraditionen bestehen nicht notwendig deshalb fort, weil alle Beteiligten ihre ursprüngliche institutionelle Begründung kennen. Ein Termin kann länger leben als die Gemeinschaft, die ihn einst geschaffen hat. Ried zeigt damit sehr anschaulich, wie sich religiöse Zeitordnungen verändern und dennoch historische Tiefenschichten bewahren.

Die Blumenmuttergottes von 1860

Zu den außergewöhnlichsten religiösen Bildbräuchen des Tiroler Oberlandes gehört die sogenannte Blumenmuttergottes. Der aus Ried stammende Ferdinand Maaß schuf 1860 eine Holztafel, auf der nur die Gesichter Mariens und des Jesuskindes dauerhaft gemalt sind. Gewandpartien und Hintergrund werden dagegen mit frischen Blumen ausgefüllt. Das Bild erhält dadurch Jahr für Jahr eine neue vergängliche Gestalt.

Maaß soll die florale Gestaltung zunächst selbst über Jahrzehnte vorgenommen haben. Danach wurde die Aufgabe in der lokalen Gemeinschaft weitergegeben. Die Blumenmuttergottes steht damit zwischen dauerhaftem Kultbild und saisonaler Festdekoration: Der Träger bleibt, die konkrete Erscheinung vergeht. Gerade dieses Zusammenspiel von Dauer und Vergänglichkeit verleiht dem Brauch seine besondere Ausdruckskraft.

Frauen und Familien als Trägerinnen der Blumenmuttergottes

Die Tradition der Blumenmuttergottes wurde nach der Erinnerung des Ortes vor allem von Familien aus Truyen und besonders von Frauen weitergetragen. Damit tritt neben den institutionellen Trägern Kirche und Orden eine zweite Ebene religiöser Kontinuität: Wissen über Blumenwahl, Anordnung, Vorbereitung und rechtzeitige Erneuerung wird im sozialen Nahraum weitergegeben.

Der Brauch ist deshalb nicht nur Marienverehrung, sondern auch eine Form lokalen Handwerks und gemeinschaftlicher Verantwortung. Die jährlich erneuerte Gestaltung ist nicht einfach Dekoration eines vorhandenen Bildes, sondern eine Handlung, durch die Zugehörigkeit zur Festgemeinschaft sichtbar wird.

Musikkapelle, Schützen und religiöse Festgemeinschaft

Die Loreto- und Blumenmuttergottes-Tradition ist nicht auf den innerkirchlichen Raum beschränkt. Die Musikkapelle spielt im Zusammenhang mit dem Fest traditionell "Das Gebet einer Mutter". Die Schützen geben eine Ehrensalve ab, und der Schützenhauptmann erweist der Muttergottes eine Ehrenbezeugung. Damit wirken mehrere Ortsgruppen an einem gemeinsamen religiösen Ritual mit.

Die Blumenmuttergottes erscheint sogar auf einer Seite der Fahne der Musikkapelle. Ein ursprünglich religiöses Bildmotiv ist damit in die visuelle Repräsentation eines weltlichen Vereins eingegangen. Solche Überschneidungen zeigen, wie eng religiöse und kommunale Identität im lokalen Festwesen miteinander verbunden sein können.

Bittgänge, Bach- und Feldersegen

Auch nach dem Ende des Kapuzinerkonvents ist die Kirche weiterhin in den religiösen Jahreslauf eingebunden. Pfarrprogramme dokumentieren Bittgänge mit Bach- und Feldersegen, an die sich eine Messe in der Kapuzinerkirche anschließt. Damit bleibt der Ort Teil jener agrarreligiösen Praxis, in der Landschaft, Wasser, Felder und menschliche Arbeit in den kirchlichen Segenshorizont einbezogen werden.

Der Fortbestand solcher Handlungen ist für die heutige Bedeutung der Anlage wichtiger als eine rein museale Nutzung. Die ehemalige Klosterkirche ist weiterhin ein Raum, in dem lokal tradierte religiöse Handlungen tatsächlich vollzogen werden.

Die Kapuzinerniederlassung im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert blieb Ried ein kleiner, aber regional verankerter Ordensstandort. Die Zahl der Brüder war nie groß. Gerade dadurch wurde der zunehmende Nachwuchs- und Personalmangel innerhalb des Ordens besonders spürbar. Wie bei vielen kleineren Klöstern wurde die Fortführung einer eigenständigen Gemeinschaft immer schwieriger.

Gleichzeitig verstärkte sich die pfarrliche Funktion der Patres. Das Kloster war daher bis zuletzt nicht lediglich Wohnort einer alternden Ordensgemeinschaft, sondern in das kirchliche Leben Rieds eingebunden. Sein Ende war entsprechend nicht nur eine interne Ordensentscheidung, sondern ein Einschnitt in eine über drei Jahrhunderte gewachsene lokale Beziehung.

2003: Ende des Kapuzinerkonvents

Mit 1. November 2003 wurde das Kapuzinerhospiz beziehungsweise der Konvent aufgehoben. Als letzter Kapuziner in Ried wird P. Philipp Bock genannt. Damit endete eine seit 1694 bestehende personelle Kontinuität. Das Ende der Gemeinschaft bedeutete jedoch nicht das Ende des sakralen Ortes.

Gerade bei Ried ist diese Unterscheidung wichtig. Das Kloster ist "ehemalig", weil dort keine Kapuzinergemeinschaft mehr besteht. Kirche, Loretokapelle und wesentliche Teile der Anlage blieben jedoch religiös genutzt, und die spätere Entwicklung zielte ausdrücklich auf eine Fortsetzung geistlicher und sozialer Funktionen.

2003, 2006 und 2017: warum mehrere Daten genannt werden

In der Sekundärliteratur und in neueren kirchlichen Darstellungen begegnen unterschiedliche Jahreszahlen für das Ende beziehungsweise den Übergang der Anlage. Diese Angaben müssen nicht zwingend miteinander im Widerspruch stehen. 2003 bezeichnet die Aufhebung der Ordensgemeinschaft. Für 2006 wird ein Erwerb beziehungsweise Übergang an die Pfarre genannt, während kirchliche Berichte für 2017 nochmals von einem Rückkauf beziehungsweise einer entscheidenden Sicherung der Anlage sprechen.

Ohne vollständige Einsicht in die Grundbuch- und Vertragsunterlagen sollte die Eigentumsgeschichte nicht künstlich auf ein einziges Datum reduziert werden. Historisch entscheidend ist die Abfolge: Ende des Konvents, Zwischen- und Sozialnutzungen, kirchliche Sicherung des Gebäudes und anschließende umfassende Revitalisierung.

Flüchtlingsunterkunft nach dem Ende des Konvents

Nach dem Abzug der Kapuziner diente die Anlage zeitweise der Unterbringung von Flüchtlingen. Auch in der neueren Geschichte wurden Räume wieder für Menschen verwendet, die Schutz und Unterkunft benötigten. Diese Nutzung ist nicht einfach mit der frühneuzeitlichen Armenfürsorge der Kapuziner gleichzusetzen; historische Situationen, rechtliche Rahmenbedingungen und Akteure sind grundverschieden.

Dennoch entsteht eine bemerkenswerte funktionale Linie: Ein Haus, das lange religiöse und soziale Aufgaben verband, blieb auch nach dem Ende der Ordensgemeinschaft ein Ort konkreter Hilfe. Gerade diese neue Schicht gehört zur Geschichte des Gebäudes und sollte nicht als bloße Zwischenphase verschwiegen werden.

Das neue Konzept: kein Museum, sondern ein benutztes ehemaliges Kloster

Die spätere Revitalisierung zielte bewusst nicht darauf, die Anlage in ein statisches Kapuzinermuseum zu verwandeln. Stattdessen sollten historische Räume weiterhin benutzt werden. Das Erdgeschoss erhielt Pfarr-, Seminar- und Gemeinschaftsfunktionen; das ehemalige Refektorium dient wieder gemeinschaftlichem Zusammensein, nun in Form von Seminaren, Besprechungen und Bildungsangeboten.

Diese Entscheidung ist denkmalpflegerisch und kulturhistorisch interessant. Historische Raumfolgen bleiben verständlich, ohne dass eine künstliche Klosterwelt rekonstruiert wird. Die neue Nutzung akzeptiert, dass der Kapuzinerkonvent beendet ist, versucht aber, Schlichtheit, Gastfreundschaft und geistliche Offenheit als Qualitäten des Ortes weiterzuführen.

Die Pilgeroase in den ehemaligen Zellen

Im Obergeschoss entstand in den früheren Kapuzinerzellen die Pilgeroase. Die Zimmer wurden bewusst einfach gehalten. Schlafmöglichkeiten, Gemeinschaftsbereich, Teeküche und kleine Räume für Meditation und Gebet greifen die frühere Schlichtheit der Zellen auf, ohne sie museal nachzustellen. Die Oase richtet sich nicht ausschließlich an traditionelle Wallfahrer, sondern an Menschen, die Ruhe, Einkehr oder gemeinschaftliche Tage suchen.

Der Begriff "Pilger" wird dabei weiter verstanden als bloßes Reisen zu einem bestimmten Gnadenort. Das Leben selbst wird als Weg begriffen; entsprechend kann die ehemalige Klosteranlage auch Menschen aufnehmen, die nicht einer bestimmten Konfession angehören. Diese Offenheit markiert einen deutlichen Unterschied zum historischen Ordenshaus und zugleich eine moderne Fortsetzung seiner Gastlichkeit.

Oasentage als neue geistliche Praxis

Im ehemaligen Kloster finden regelmäßig sogenannte Oasentage statt. Biblische Betrachtung, geistliche Impulse, Eucharistiefeier, gemeinsames Essen und Gespräch strukturieren den Tag. Die historischen Klosterräume werden damit erneut zu Orten, in denen Gebet, Gemeinschaft und Reflexion verbunden sind.

Solche Angebote sind nicht als Fortsetzung des alten Kapuzinerkonvents im institutionellen Sinn zu verstehen. Es gibt keine neue Ordensgemeinschaft. Wohl aber wird eine zentrale Funktion des Ortes aktualisiert: Menschen kommen für eine begrenzte Zeit zusammen, um aus dem Alltag herauszutreten, geistliche Orientierung zu suchen und Gemeinschaft zu erleben.

Die Kapuzinerkirche bleibt Sakralraum

Bei der umfassenden Erneuerung der Anlage wurde die Kirche nicht profaniert. Sie blieb kirchlich genutzt und erhielt zugleich eine flexiblere Ausstattung. Bewegliche Bestuhlung und ein beweglicher Altar erlauben neben Gottesdiensten auch Vorträge, Lesungen, Konzerte und andere Veranstaltungen, ohne den sakralen Charakter grundsätzlich aufzugeben.

2023 wurde der erneuerte Kirchenraum von Bischof Hermann Glettler gesegnet. Damit erhielt die Nachnutzung eine ausdrücklich kirchliche Bestätigung. Das ehemalige Kloster ist folglich kein Kulturzentrum in einer aufgegebenen Kirche, sondern ein weiterhin sakral geprägtes Ensemble mit erweiterten gesellschaftlichen Funktionen.

Die Rückkehr von Kunst- und Erinnerungsstücken

Nach der Aufhebung waren einzelne Kunst- und Ausstattungsgegenstände aus Ried in Bestände der Kapuzinerprovinz gelangt. Im Zuge der Revitalisierung bemühte sich die Pfarre darum, Objekte wieder an den historischen Ort zurückzuführen beziehungsweise als Dauerleihgaben zugänglich zu machen. Die Kapuzinerprovinz signalisierte nach Inventarisierung Unterstützung für dieses Vorhaben.

Damit wird die Erinnerung an den Orden nicht nur durch Architektur getragen. Auch mobile Objekte können ihre historische Bedeutung besser entfalten, wenn ihr ursprünglicher Zusammenhang nachvollziehbar bleibt. Zugleich muss jede Rückführung transparent dokumentiert werden, damit Provenienz und Eigentum nicht mit einem vermeintlich unveränderten historischen Zustand verwechselt werden.

Der Klostergarten

Zum Kapuzinerhospiz gehört auch der Garten. In franziskanischen und kapuzinischen Häusern hatten Gärten praktische und kontemplative Funktionen: Sie lieferten Nutzpflanzen und boten zugleich einen geschützten Bereich für Bewegung und Stille. Der Rieder Garten ist deshalb als Teil der historischen Gesamtanlage zu lesen.

In der heutigen Nutzung bleibt er ein wichtiger Gegenpol zu Seminar- und Gemeinschaftsräumen. Die Verbindung von Gebäude, Kapelle, Kirche und Garten schafft ein Ensemble, das weiterhin auf Ruhe und Sammlung ausgerichtet ist.

Denkmalschutz und Authentizität

Kapuzinerkloster und Kirche stehen unter Denkmalschutz. Geschützt ist damit nicht nur eine malerische historische Kulisse, sondern ein Funktionszusammenhang aus Kirche, Wohn- und Arbeitsräumen, Bibliothek, Hauskapelle und Garten. Gerade bei einem schlichten Bettelordensbau ist diese Gesamtheit wesentlich, weil sich seine historische Bedeutung nicht auf einzelne herausragende Kunstwerke reduzieren lässt.

Authentizität bedeutet in Ried allerdings nicht unveränderte Erhaltung seit 1694. Die Anlage wurde erweitert, umgestaltet, restauriert und nach dem Ende des Konvents neuen Nutzungen angepasst. Wissenschaftlich sinnvoll ist daher, historische Schichten und moderne Eingriffe gleichermaßen sichtbar zu machen.

Kontinuität und Bruch

Die heutige Nutzung legt nahe, von Kontinuität zu sprechen: Gebet, Gemeinschaft, Gastfreundschaft und soziale Hilfe bestehen in neuen Formen fort. Gleichzeitig darf der Bruch von 2003 nicht verwischt werden. Der Kapuzinerorden lebt nicht mehr in Ried; klösterliche Gelübdegemeinschaft, interne Ordensleitung und der historische Tagesrhythmus der Patres sind beendet.

Gerade die Spannung zwischen Kontinuität und Bruch macht den Ort besonders interessant. Ein ehemaliges Kloster kann seine religiöse Identität bewahren, ohne weiterhin Kloster im kirchenrechtlichen Sinn zu sein. Ried ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel.

Ried als volkskundlicher Erinnerungsort

Für die Volkskunde ist Ried in mehrfacher Hinsicht ergiebig. Die Loreto-Madonna verbindet internationale Kultübertragung und lokale Gnadenfrömmigkeit; die Corporis-Christi-Bruderschaft lebt indirekt im Festtermin weiter; die Blumenmuttergottes verbindet Bild, Pflanzen, Frauenarbeit und Festgemeinschaft; Musikkapelle und Schützen tragen zur öffentlichen Form des Kultes bei. Bittgänge und Feldersegen binden die ehemalige Klosterkirche weiterhin an Landschaft und Landwirtschaft.

Daneben erschließen Pfortenglocke, Bibliotheksweg zur Kanzel, Zellen, Refektorium und Chorraum die Alltagswelt der Kapuziner. Die heutige Pilgeroase fügt eine weitere Schicht hinzu. Der Ort ist daher weniger durch ein einzelnes spektakuläres Kunstwerk bestimmt als durch die Dichte von Praktiken, Räumen und Erinnerungen.

Ein ehemaliges Kloster, das weiterhin gebraucht wird

Viele aufgehobene Klöster verlieren ihre ursprüngliche Funktion vollständig und werden zu Wohnbauten, Verwaltungsgebäuden oder Museen. Ried verlief anders. Die Kapuziner gingen, doch Kirche, Kapelle, Refektorium, Zellen, Bibliothek und Garten blieben in einem kirchlich-sozialen Zusammenhang. Die historische Anlage wird weiterhin betreten, benutzt, bewohnt, bespielt und als Ort geistlicher Einkehr verstanden.

Diese Nachgeschichte gehört deshalb nicht als kurzer Nachsatz an das Ende der Klostergeschichte, sondern ist ein eigenes Kapitel. Sie zeigt, wie ein kleiner Bettelordenskonvent nach dem Ende seiner Gemeinschaft eine neue Form religiöser und sozialer Bedeutung gewinnen kann, ohne seine Vergangenheit zu verleugnen.

Quellen und Literatur

Inge Dollinger: Tiroler Wallfahrtsbuch. Innsbruck 1982, S. 60. Grundlegender gedruckter Nachweis für die Einordnung der Loreto-Gnadenkapelle in Ried im Oberinntal als Wallfahrtskapelle.

Hermann Salner: Ried im Oberinntal. Pfarrkirche zum hl. Leonhard. Salzburg 1991. Wichtige lokale Darstellung zur Kirchen- und Frömmigkeitsgeschichte; herangezogen insbesondere für die Corporis-Christi-Bruderschaft, den Rieder Kirchtag und die Überlieferung zur Blumenmuttergottes.

Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Tirol. Wien 1980. Einträge zu Ried im Oberinntal und seinen kirchlichen Denkmälern.

Bundesdenkmalamt / Land Tirol: Denkmalbericht 2007. Ausführliche Bestandsaufnahme des Kapuzinerklosters und der Kirche zum Heiligen Kreuz mit Beschreibung von Bau, Innenräumen, Altären, Hauskapelle, ehemaligem Chorraum und Bibliothek.

Freundeskreis Kapuzinergeschichte: Dokumentation der 6. Tagung 2019; Beiträge zur Geschichte und Nachnutzung ehemaliger Kapuzinerklöster, darunter Ried im Oberinntal.

Marienlexikon: Beiträge zur Loretoverehrung und zu den Tiroler Loretokapellen; Ried im Oberinntal im Zusammenhang der frühneuzeitlichen Loretofrömmigkeit.

Gemeinde Ried im Oberinntal: Chronik und Denkmaldokumentation zum ehemaligen Kapuzinerkloster, zur Kapuzinerkirche und zur Loretokapelle; lokale Angaben zur Gründung 1694, zur gegenreformatorischen Grenzsituation und zur weiteren Nutzung.

Dekanat Prutz / Pfarre Ried im Oberinntal: Dokumentationen zur Loretokapelle, Loreto-Madonna, Blumenmuttergottes, Corporis-Christi-Bruderschaft, Rieder und Truyener Kirchtag, Prozessionen, Bittgängen und gegenwärtigem religiösem Brauchtum.

Provinzbibliothek / Zentralbibliothek der Kapuziner: Unterlagen zur Geschichte der Kapuzinerbibliotheken, zur Rieder Bibliothek, zur Verlagerung von Beständen und zur Übernahme historischer Bücher aus dem aufgehobenen Kapuzinerkloster Imst.

Studien zur Bibliotheksgeschichte der Kapuziner in Österreich: Untersuchungen zur Funktion kapuzinischer Bibliotheken; Ried als Beispiel für die bauliche Verbindung von Bibliothek und Kanzel.

Kulturraum Tirol: Dokumentation der Pforten-, Sakristei-, Kommunion- und Turmglocken von Ried im Oberinntal, darunter die kleine Pfortenglocke des Kapuzinerklosters.

Diözese Innsbruck: Dokumentationen zur Revitalisierung des ehemaligen Kapuzinerklosters, zur neuen Nutzung der Kapuzinerkirche, zur Segnung des erneuerten Ensembles und zur Pilgeroase.

Pilgeroase Ried im Oberinntal: Dokumentation der heutigen Nutzung der ehemaligen Kapuzinerzellen, des Refektoriums, der Seminarbereiche und der Oasentage.

Musikkapelle Ried im Oberinntal: Chronik und lokale Überlieferung zur musikalischen Begleitung kirchlicher Feste sowie zur Blumenmuttergottes als Motiv der Vereinsfahne.

Kapuzinerprovinz Österreich: Provinznachrichten und Archivhinweise zur Aufhebung des Rieder Hauses, zur Sicherung von Kulturgut und zur späteren Rückgabe beziehungsweise Dauerleihgabe von Ausstattungsstücken.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

© www.SAGEN.at