| Kloster: | Ehemaliges Frauenkloster St. Martin in Schwaz; aus der älteren Gemeinschaft der Waldschwestern von St. Magdalena im Halltal hervorgegangen und später als Augustiner-Eremitinnenkloster geführt. |
| Orden: | Waldschwestern nach der Regel des hl. Augustinus, später Augustiner-Eremitinnen; geistliche Betreuung in Schwaz durch die Franziskaner. |
| Gründung: | 1444 Weihe der ursprünglichen Martinskapelle für den Schwazer Bergbau; 1510 Grundstein zur neuen Kirche und Ermöglichung der Ansiedlung der Halltaler Frauen; 1516 Grundsteinlegung des Klosters; 1522 Einzug von zwölf Schwestern aus dem Halltal. |
| Status: | Ehemaliges Kloster; am 18. März 1782 unter Kaiser Joseph II. aufgehoben. Bis 16. September 1782 verließen die noch 31 Schwestern das Haus. Die Kirche blieb erhalten, der Klosterkomplex erfuhr zahlreiche spätere Nutzungen. |
| Anlage: | Spätgotische Kirche mit barocker beziehungsweise rokokozeitlicher Ausstattung, ehemaliger Klostertrakt und später mehrfach umgenutzte Gebäude; besondere Bedeutung durch die Verbindung zum Schwazer Bergbau. |
| Ort: | Schwaz. |
| Region: | Tirol. |
| Land: | Österreich. |
| • | Historischer Standort: St. Martin, 6130 Schwaz, Tirol, Österreich. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte Klöster und Stifte in Tirol |
| • | Ansicht in Street View (Luftbild) |
| • | Besuch: Die ehemalige Klosterkirche St. Martin ist erhalten. Die Zugänglichkeit richtet sich nach der heutigen Nutzung und den jeweils geltenden Öffnungszeiten der Einrichtungen im ehemaligen Klosterkomplex. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine vollständige Fotodokumentation des ehemaligen Klosters St. Martin.
Gesucht werden insbesondere Gesamtansichten von Kirche und ehemaligem Kloster, Aufnahmen der spätgotischen Architektur, der Veitskapelle und des Flügelaltars, der Rokokoausstattung und Fresken Christoph Anton Mayrs, des Bergwerkswappens, der Marienverehrung "Maria vom Guten Rat", historische Ansichten der Klostergebäude sowie Dokumentationen der späteren Nutzungsphasen.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Die Geschichte des ehemaligen Klosters St. Martin in Schwaz erschließt sich erst dann richtig, wenn man sie nicht mit dem Bau des Schwazer Konvents beginnen lässt, sondern mit der älteren Frauengemeinschaft von St. Magdalena im Halltal. Diese sogenannten Waldschwestern lebten nach der Regel des hl. Augustinus und erhielten im 15. Jahrhundert eigene Konstitutionen und Privilegien. In späteren Quellen wurden sie zunehmend als Augustiner-Eremitinnen bezeichnet, doch ihre Wurzeln lagen in einer älteren, eremitisch geprägten Frauenbewegung. Die archivalische Überlieferung nennt Statuten von 1454, Privilegien von 1466 sowie spätere Bestätigungen; damit reicht die institutionelle Vorgeschichte des Schwazer Hauses deutlich weiter zurück als die eigentliche Klosteranlage bei St. Martin. Zugleich muss zwischen mehreren ähnlich benannten Orten unterschieden werden: Um 1500 entstand bei Gnadenwald eine Tochtergemeinschaft St. Martin im Wald, die 1520 abbrannte; dieses Haus ist nicht mit dem späteren Kloster St. Martin in Schwaz identisch. Der Schwazer Konvent entwickelte sich vielmehr aus einer bereits bestehenden Martinskapelle für Bergleute und aus der Verlagerung einer Gruppe von Halltaler Waldschwestern an einen wirtschaftlich und klimatisch günstigeren Standort.
Am Beginn des Schwazer Standortes stand eine Kapelle, die wohlhabende Falkensteiner Gewerken für die Knappen des aufstrebenden Silber- und Kupferbergbaus errichten ließen. Die Kapelle wurde 1444 durch den Brixner Weihbischof Andreas geweiht; der für Schwaz zuständige Pfarrer hatte dort regelmäßig Messe für die Bergleute zu lesen. Damit war St. Martin bereits vor jeder klösterlichen Nutzung ein geistlicher Ort des Bergwerksmilieus. Mit dem rasanten Wachstum des Schwazer Bergbaus wurde die kleine Kapelle bald zu eng. Kaiser Maximilian I. gestattete deshalb 1510 den Neubau einer größeren Kirche und zugleich die Ansiedlung der Frauen aus dem Halltal. Am 17. April 1510 wurde der Grundstein zur neuen Kirche gelegt; als Baumeister nennt die Schwazer Überlieferung Jenewein Angerer. 1516 legte Abt Lienhart von St. Georgenberg in Anwesenheit zahlreicher Bergleute den Grundstein zum eigentlichen Kloster, doch erst 1522 konnten zwölf Frauen aus dem Halltal den neuen Konvent beziehen. Die oft genannte Jahreszahl 1510 bezeichnet daher nicht den Beginn des regulären Klosterlebens, sondern den Start der baulichen und rechtlichen Verlagerung; das eigentliche Gemeinschaftsleben in Schwaz beginnt mit dem Einzug von 1522.
Die Frauen von St. Martin lebten nach der Augustinusregel und wurden in der frühneuzeitlichen und späteren Überlieferung als Augustiner-Eremitinnen bezeichnet. Ihre unmittelbare geistliche Betreuung lag in Schwaz jedoch nicht bei einem Männerkonvent der Augustiner-Eremiten, sondern bei den Schwazer Franziskanern. Diese übernahmen Beichte, Messfeier und seelsorgliche Betreuung und blieben auch nach der Aufhebung mit der Kirche St. Martin verbunden. Die Frauen waren somit ordensrechtlich augustinisch geprägt, während die konkrete Seelsorge aus einem anderen Ordensmilieu kam. Auch die überlieferte Habitfrage zeigt, dass die Gemeinschaft nicht in ein zu starres Schema gepresst werden sollte: Die Schwazer Chronik berichtet, die Frauen hätten je nach Umständen einen weißen oder schwarzen Habit getragen. Ohne genauere Regeltexte oder Kleidungsvorschriften sollte daraus keine spekulative Unterscheidung von Alltags-, Trauer- oder Chorkleidung abgeleitet werden; sicher ist nur, dass mehrere Habitformen in der Überlieferung greifbar sind.
Nur wenige Jahre nach dem Einzug geriet der junge Schwazer Konvent in eine schwere Krise. Schwaz war als internationales Bergbauzentrum ein besonders offener und beweglicher Ort, an dem Bergleute, Fachkräfte, Unternehmer und Händler aus unterschiedlichen Regionen zusammenkamen; reformatorische Ideen verbreiteten sich deshalb früh und rasch. Nach der älteren Klostergeschichte, insbesondere der von Franz Lindner 1885 zusammengetragenen Überlieferung, verließen 1525 nahezu alle Schwestern bis auf zwei das Kloster und bekannten sich zum Luthertum. Ein Teil der Ausgetretenen soll später wieder in die Gemeinschaft zurückgekehrt und erneut aufgenommen worden sein. Auch wenn die Einzelheiten dieses Vorganges weiterer Quellenprüfung bedürfen, ist die Grundlinie kulturgeschichtlich außerordentlich aufschlussreich: Ein erst drei Jahre zuvor bezogenes Frauenkloster stand beinahe vor dem Zusammenbruch, weil die religiösen Umbrüche der Reformationszeit unmittelbar in das soziale Milieu des Schwazer Bergbaus hineinwirkten. Gerade diese frühe Krise unterscheidet St. Martin von vielen anderen Tiroler Frauenklöstern, deren innere Geschichte im 16. Jahrhundert weit weniger dramatisch verlief.
Dass der Konvent die Reformationskrise überstand und sich im 17. Jahrhundert dauerhaft stabilisierte, zeigen die umfangreichen Bestände des Diözesanarchivs Brixen. Dort sind Professexamina und Personalia spätestens seit 1631, Priorinnenwahlen, Visitationen, Schwesternkataloge, Verwaltungsakten und Korrespondenzen bis kurz vor die Aufhebung erhalten. Die Gemeinschaft besaß eine eigene weibliche Leitung und wählte ihre Priorin, stand zugleich aber unter bischöflicher Aufsicht. Die Verfassung wurde mehrfach reformiert: Neben den älteren Statuten von 1454 sind eine Reformatio von 1637, erneuerte Statuten von 1684 und zahlreiche Regelungen zu weltlicher Verwaltung und klösterlicher Disziplin überliefert. Auch Streitigkeiten über die Dauer der Priorinnenämter und über weltliche Einflussnahme auf Wahlen sind dokumentiert. Damit ergibt sich ein wesentlich differenzierteres Bild als die Vorstellung eines über zwei Jahrhunderte unverändert "beschaulich-asketischen" Frauenhauses: St. Martin wurde kontrolliert, reformiert und organisatorisch immer wieder neu justiert, wobei die Frauen selbst als korporative Gemeinschaft mit eigenen Wahl- und Besitzrechten handelten.
Die erhaltenen Professexamina zeigen, dass der Eintritt in St. Martin streng geregelt war. Kandidatinnen wurden vor Einkleidung und Profess auf Eignung, freien Willen und religiöse Voraussetzungen hin geprüft. Besonders aufschlussreich ist die wiederkehrende Erwähnung des "zeitlichen Einbringens", also des materiellen beziehungsweise vermögensrechtlichen Beitrags, den eine Frau beim Eintritt in die Gemeinschaft mitbrachte. Klosterleben war damit nicht nur eine geistliche Entscheidung, sondern immer auch Teil eines Familien- und Vermögenssystems. Die Schwestern kamen aus unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen, doch eine systematische Prosopographie der Bewohnerinnen steht noch aus. Gerade die Kombination aus Professexamina, Schwesternkatalogen, Priorinnenwahlen und späteren Zelleninventaren würde es langfristig erlauben, Herkunft, Bildung, Besitz und Lebenswege einzelner Frauen sehr viel genauer zu rekonstruieren als bei den meisten anderen Tiroler Frauenkonventen.
St. Martin war wirtschaftlich keineswegs ein kleines, ausschließlich von Almosen abhängiges Haus. Das Kloster besaß Grundherrschaft, Kapitalanlagen und verschiedene auswärtige Vermögenswerte. Verfachbücher dokumentieren Verträge über grundherrlichen Besitz, während die Brixner Verwaltungsakten Kapitalanlagen, Steuern, Kriegsabgaben, Reparaturen und Grundbesitz behandeln. Genannt wird unter anderem der Erwerb eines Weingutes bei Bozen; daneben investierte das Kloster Kapital in andere wirtschaftliche Einrichtungen. Besonders aufschlussreich sind bischöfliche Schreiben, die weltliche Verwalter ausdrücklich anhielten, Priorin und Konvent respektvoll zu behandeln. Die Frauen erscheinen damit nicht als passive Empfängerinnen einer von Männern verwalteten Stiftung, sondern als korporative Eigentümerinnen mit eigenen Ansprüchen und Rechten. Die wirtschaftliche Reichweite ging deutlich über Schwaz hinaus und verband das Frauenhaus mit Tiroler Grundherrschaft, Kapitalwirtschaft und Weinbau.
Die enge Beziehung zum Bergbau blieb auch nach der eigentlichen Gründungsphase sichtbar. Schon die erste Martinskapelle war durch Falkensteiner Gewerken für die Knappen errichtet worden; später wurde diese Herkunft im Kirchenraum bewusst erinnert. Am Chorbogen befindet sich in der barocken beziehungsweise rokokozeitlichen Ausstattung neben Kaiseradler und den Wappen Österreichs, Brixens und Tirols auch das Bergwerkswappen mit den gekreuzten Hämmern. Ältere Überlieferungen berichten zudem von einem 1523 gesetzten Erinnerungsstein an die außergewöhnliche Silberausbeute des Falkensteiner Bergbaus. Damit blieb St. Martin ein religiöser Erinnerungsort der Schwazer Bergbaugesellschaft, selbst nachdem die eigentliche Hochblüte des Silberbergbaus längst vorüber war. Messstiftungen, Jahrtage und mögliche Beziehungen einzelner Gewerkenfamilien zum Konvent wären für eine künftige Spezialstudie ein besonders lohnendes Forschungsfeld.
Zu den erstaunlichsten Befunden gehört die Bibliotheksgeschichte. Bei der Aufhebung wurde die Klosterbibliothek inventarisiert; eine spätere bibliotheksgeschichtliche Auswertung nennt 172 Autoren in 260 Bänden für den Gemeinschaftsbestand. Diese Zahl erfasst offenbar keineswegs die gesamte Buchkultur des Hauses, denn zahlreiche asketische und geistliche Bücher befanden sich in den einzelnen Zellen und wurden von den Frauen persönlich benutzt. Die ältere Forschung berichtet, eine Schwester habe häufig 30 bis 50 Bücher, in einzelnen Fällen sogar bis zu 100 Bände in ihrer Zelle verwenden können. Besonders hervorgehoben werden 18 Psalter in gotischer Schrift. Auch wenn die genaue heutige Provenienz dieser Bände noch zu klären wäre, ist der Befund eindeutig: St. Martin war eine gebildete Frauengemeinschaft mit ausgeprägter geistlicher Lesekultur. Die offizielle Klosterbibliothek bildete nur den Gemeinschaftsbestand; daneben existierte eine individuelle, zellenbezogene Buchnutzung, die den religiösen Alltag der Frauen wesentlich mitprägte.
Die erhaltenen Hinweise auf Musikbestände und die reich ausgestattete Liturgie zeigen, dass die geistige Kultur des Hauses nicht auf Lektüre beschränkt war. Welche Instrumente im Einzelnen vorhanden waren, lässt sich derzeit ohne direkte Auswertung des Originalinventars noch nicht sicher angeben; doch die Überlieferung deutet auf eine gepflegte musikalische Praxis hin. Zusammen mit der Bibliothek, den Psaltern und dem späteren barocken Bildprogramm ergibt sich das Bild eines Frauenklosters, in dem Liturgie, Lesen, Musik und Bildfrömmigkeit eng miteinander verbunden waren. Gerade für die Kulturgeschichte weiblicher Ordensgemeinschaften ist dies von Bedeutung, weil Frauenklöster oft zu Unrecht als rein passive Orte des Gebets betrachtet werden, obwohl sie zugleich Zentren von Schriftlichkeit, Musikausübung und religiöser Bildung sein konnten.
Im 18. Jahrhundert tritt die öffentliche religiöse Ausstrahlung des Hauses stärker hervor. Für 1736 ist ein vollkommener Ablass im Zusammenhang mit einem Vierzigstündigen Gebet belegt. Solche Andachtsformen gehörten zur barocken Eucharistiefrömmigkeit und zogen regelmäßig auch Gläubige außerhalb der Klostergemeinschaft an. Damit wurde die Kirche St. Martin nicht nur zum internen Gottesdienstraum der Schwestern, sondern zu einem Ort öffentlicher Frömmigkeit. Diese Entwicklung kulminierte wenige Jahrzehnte später in einem ausgeprägten Marienkult, der durch Bruderschaft, Andachtsbild und Gnadenbild belegt ist.
1759 wurde in der Klosterkirche eine Bruderschaft "Maria vom Guten Rat" errichtet. Damit ist der Marienkult institutionell eindeutig fassbar. Ein im Österreichischen Volkskundemuseum erhaltenes Andachtsbild des 18. Jahrhunderts bezeichnet das verehrte Bild ausdrücklich als "Maria zu gutem Rat" im Kloster St. Martin zu Schwaz. Der Kupferstich zeigt neben dem Marienbild auch den hl. Augustinus und den hl. Martin sowie weitere religiöse Motive und belegt, dass der Kult durch gedruckte beziehungsweise gestochene Andachtsgrafik über den unmittelbaren Kirchenraum hinaus verbreitet wurde. Die Schwazer Verehrung gehört in die im 18. Jahrhundert stark anwachsende augustinische Kultwelle um das Gnadenbild "Maria vom Guten Rat" von Genazzano bei Rom. Im Tiroler Raum entstanden in kurzem zeitlichen Abstand auch in Stams und Rattenberg entsprechende Bruderschaften, sodass St. Martin eindeutig in einen größeren regionalen Frömmigkeitszusammenhang gestellt werden kann.
Der Befund ist stark genug, um von einem ausgeprägten Gnadenbild- und Bruderschaftskult zu sprechen: Es gab ein als Gnadenbild bezeichnetes Marienbild, eine 1759 errichtete Bruderschaft, gedruckte beziehungsweise gestochene Andachtsbilder und eine damit verbundene öffentliche Frömmigkeit. Hinzu kommt eine 1764 genehmigte Reliquienverehrung des hl. Peregrinus. Für einen sicheren Wallfahrtsstatus nach den strengen Kriterien der SAGEN.at-Dokumentation reicht das derzeit dennoch nicht aus. Bislang fehlen belastbare Nachweise für regelmäßige auswärtige Pilgergruppen, organisierte Wallfahrten, ein Mirakelbuch, dokumentierte Gebetserhörungen oder eine ausgeprägte Votivpraxis. Deshalb sollte St. Martin derzeit nicht als Wallfahrtsort geführt werden, wohl aber als Kirche mit bemerkenswertem lokalen und regionalen Gnadenbildkult. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil die Bezeichnung "Gnadenbild" allein noch keine regelmäßige Wallfahrt beweist.
Neben "Maria vom Guten Rat" ist eine weitere Marienverehrung mit St. Martin verbunden. Eine spätere handschriftliche Beschreibung unter dem Titel "U. L. Frau Zuflucht" beruhte nach älterer Forschung auf drei Urkunden des Klosters und auf Aussagen damals noch lebender ehemaliger Nonnen. Das betreffende Marienbild befand sich nach der Aufhebung im Zimmer des Guardians des Schwazer Franziskanerklosters. Ob "Unsere Liebe Frau Zuflucht" mit "Maria vom Guten Rat" identisch war oder einen zweiten, älteren beziehungsweise parallelen Kult bezeichnete, ist derzeit nicht sicher zu klären. Beide Traditionen sollten deshalb nicht vorschnell gleichgesetzt werden. Gerade diese offene Frage ist volkskundlich reizvoll, weil sie zeigt, wie religiöse Erinnerungen und Kultgegenstände nach einer Klosteraufhebung in andere Institutionen weiterwandern konnten.
Die spätgotische Kirche erhielt 1764 eine umfassende barocke beziehungsweise rokokozeitliche Neugestaltung. Der Schwazer Maler Christoph Anton Mayr schuf Fresken mit Heiligen und Szenen aus dem augustinischen Umfeld und verband damit die mittelalterliche Architektur mit einer neuen, bildreichen Frömmigkeit des 18. Jahrhunderts. Am Chorbogen befindet sich eine große Stuckkartusche mit Kaiseradler sowie den Wappen Österreichs, Brixens, Tirols und des Bergwerks; die Jahreszahlen 1444 und 1764 stellen die mittelalterliche Stiftung und die barocke Erneuerung bewusst nebeneinander. Die Ausstattung ist damit nicht bloß dekorativ, sondern formuliert das Selbstverständnis des Hauses: Augustinische Tradition, Marienfrömmigkeit, landesfürstliche Bindung und Bergbaugeschichte werden im Kirchenraum zu einem gemeinsamen Erinnerungsbild verbunden.
Neben der Rokokoausstattung blieb in St. Martin ein wichtiger Teil der älteren Kunstgeschichte sichtbar. Besonders hervorzuheben ist die Veitskapelle an der Nordseite der Kirche, in der sich nach der kunsthistorischen Literatur der einzige erhaltene Flügelaltar von Schwaz befindet. Damit besitzt die Kirche eine seltene Verbindung von spätgotischer und rokokozeitlicher Ausstattung. Eine vollständige kunsthistorische Untersuchung des Altars und seiner Ikonographie würde den Rahmen dieser Klosterdokumentation sprengen, doch für das Verständnis des Hauses ist wichtig, dass der Kirchenraum nicht erst im 18. Jahrhundert bedeutend wurde, sondern auch ältere Bild- und Ausstattungsphasen bewahrt.
Am 18. März 1782 verfügte Kaiser Joseph II. die Aufhebung des Klosters St. Martin. Die Frauen wurden im April offiziell verständigt; in den folgenden Monaten wurde die Gemeinschaft schrittweise aufgelöst. Entscheidender als das bloße Aufhebungsdatum ist der Personenstand: Noch 31 Schwestern lebten im Haus. St. Martin war also keineswegs ein beinahe ausgestorbener Restkonvent, sondern eine weiterhin personell erhebliche und wirtschaftlich gut ausgestattete Gemeinschaft. Die letzte Priorin war Maria Rosalia Vischer. Bis zum 16. September 1782 verließen die Frauen nach und nach das Haus; zuletzt zog auch die Priorin aus, danach wurden Kirche und Kloster verschlossen. Die Aufhebung traf somit eine Gemeinschaft, die mehr als zweieinhalb Jahrhunderte in Schwaz bestanden hatte und trotz aller Reformen, Krisen und wirtschaftlichen Veränderungen weiterhin funktionsfähig war.
Die josephinische Aufhebung wurde von einer detaillierten Inventarisierung begleitet. Für die volkskundliche Erforschung ist dieses Material von herausragender Bedeutung, weil nicht nur Gebäude, Kapitalien und liturgische Ausstattung erfasst wurden, sondern offenbar auch der bewegliche Besitz in einzelnen Räumen und Zellen. Gerade bei einem Frauenkloster erlaubt eine solche Quelle Einblicke in eine Lebenswelt, die in erzählenden Chroniken kaum sichtbar wird: Bücher, Möbel, Kleidung, Textilien, persönliche Andachtsgegenstände und alltägliche Gebrauchsobjekte können auf diese Weise zumindest teilweise personennah rekonstruiert werden. Einige in der älteren Literatur genannten Gesamtzahlen zum Vermögen sind in den derzeit zugänglichen Quellen nicht ausreichend sicher nachprüfbar und sollten daher nicht unkritisch übernommen werden. Sicher ist jedoch, dass St. Martin über beträchtlichen Besitz, Grundvermögen, Kapitalanlagen und eine umfangreiche materielle Ausstattung verfügte und dass die Aufhebungskommission diesen Besitz systematisch erfasste.
Besonders deutlich wird die Aussagekraft des Inventars bei den Büchern. Neben dem Gemeinschaftsbestand sind zahlreiche geistliche und asketische Werke aus den Zellen der Schwestern überliefert beziehungsweise durch spätere Kataloge erschließbar. Dass einzelne Frauen Dutzende Bücher persönlich verwenden konnten, zeigt, wie wichtig individuelle Lektüre für den Alltag war. Damit öffnet das Aufhebungsinventar einen seltenen Blick auf die Verbindung von klösterlicher Gemeinschaft und persönlicher Frömmigkeit. Die Zelle erscheint nicht nur als Schlaf- und Rückzugsraum, sondern als Ort des Lesens, Betens und der individuellen geistlichen Praxis.
Mit dem Auszug der letzten Schwestern endete 1782 die eigentliche Klostergeschichte. Die weitere Nutzung der Gebäude gehört deshalb klar in eine Nachgeschichte und darf nicht mit dem Ordenskonvent vermischt werden. Zunächst wurde St. Martin Sitz des Berggerichts Freundsberg, später zeitweise Kaserne. 1786 richtete man für das Gebiet rechts des Lahnbaches eine eigene Pfarre ein und verwendete die ehemalige Klosterkirche als Pfarrkirche; 1806 wurde diese Pfarre zur Expositur zurückgestuft und 1811 aufgehoben. Während der Kämpfe von 1809 lag St. Martin unmittelbar im militärischen Aufmarschgebiet, als bayerisch-napoleonische Truppen sich vor dem Angriff auf Schwaz in diesem Bereich sammelten. Damit war der einstige Frauenkonvent innerhalb weniger Jahrzehnte in völlig neue administrative, militärische und pfarrliche Zusammenhänge eingebunden.
1825 ging der Komplex an das Land Tirol und wurde zu einer Zwangsarbeitsanstalt für Männer und Frauen. Daraus entwickelte sich später ein Frauengefängnis; im weiteren Verlauf wurden auch sogenannte Korrigendinnen und Mädchen untergebracht. 1928 erfolgte nach Umbauten die Umwandlung in ein Erziehungsheim für Mädchen, später Landeserziehungsheim beziehungsweise Landesjugendheim. Diese Geschichte ist heute wissenschaftlich umfangreich aufgearbeitet und umfasst auch belastende Aspekte geschlossener Unterbringung, Isolation und disziplinierender Erziehung. Besonders wichtig ist die klare Trennung: Diese Einrichtungen waren keine Fortsetzung des alten Augustinerinnenklosters, sondern staatliche und später sozialpädagogische Nachnutzungen derselben Gebäude. Die Geschichte des Frauenkonvents endet 1782.
Eine bemerkenswerte historische Wendung trat 1855 ein, als Barmherzige Schwestern von Zams Aufgaben in der inzwischen als Zwangsarbeits- beziehungsweise Frauenanstalt genutzten Anlage übernahmen. Damit kehrten mehr als siebzig Jahre nach der Aufhebung erneut Ordensfrauen nach St. Martin zurück, jedoch unter völlig anderen institutionellen Bedingungen. Sie bildeten keinen Konvent in der Tradition der alten Augustiner-Eremitinnen, sondern arbeiteten innerhalb einer staatlichen Fürsorge- und Disziplinareinrichtung. Gerade dieser Unterschied sollte in der historischen Darstellung deutlich bleiben, weil sonst leicht der falsche Eindruck einer ununterbrochenen Frauenklostertradition entsteht.
Im 20. und frühen 21. Jahrhundert blieb St. Martin ein sozial und kulturell genutzter Ort. Teile des ehemaligen Klosterkomplexes wurden sozialpädagogisch verwendet; seit den 1990er Jahren war beziehungsweise ist auch das Museum der Völker mit dem Standort verbunden. Anfang des 21. Jahrhunderts erfolgten umfangreiche Sanierungen und bauliche Anpassungen. Diese Nutzungen haben das Areal erneut verändert, zugleich aber dazu beigetragen, dass wesentliche Teile der historischen Anlage erhalten blieben. Die Kirche selbst bewahrt mit ihrer spätgotischen Grundstruktur und der Rokokoausstattung einen wesentlichen Teil der eigentlichen Klostergeschichte.
Für die SAGEN.at-Dokumentation ist eine präzise Einordnung notwendig. St. Martin besitzt mit "Maria vom Guten Rat" einen klar belegten Gnadenbildkult, eine eigene Bruderschaft und Andachtsgrafik. Dennoch ist eine regelmäßige historische Wallfahrt bislang nicht ausreichend nachgewiesen. Ein Mirakelbuch, eine umfangreiche Votivsammlung oder kontinuierlich dokumentierte Pilgerzüge konnten bisher nicht belegt werden. Das Haus sollte daher nicht ohne weitere Quellen als Wallfahrtsort bezeichnet werden. Gerade diese Zurückhaltung schärft jedoch den kultgeschichtlichen Befund: Die Kirche war ein bedeutender Ort barocker Marienfrömmigkeit, ohne dass daraus automatisch eine organisierte Wallfahrt folgt.
Volkskundlich ist St. Martin in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Die Verbindung zwischen Waldschwestern und Bergbauort, die beinahe vollständige Auflösung des Konvents in der Reformationskrise von 1525, die spätere Konsolidierung, die reiche Lesekultur, der Gnadenbildkult "Maria vom Guten Rat" und die detailreiche Inventarisierung von 1782 erlauben einen tiefen Einblick in weibliches Ordensleben zwischen Spätmittelalter und Aufklärung. Hinzu kommt die enge Verbindung mit der Schwazer Bergbaugesellschaft, deren Zeichen bis heute im Kirchenraum sichtbar sind. Gerade die Kombination von religiöser Frauenkultur, Wirtschaft, Bildung, Lesepraxis, Marienfrömmigkeit und materieller Alltagsgeschichte macht St. Martin zu einem der kulturgeschichtlich ergiebigsten Frauenklöster Tirols.
Tiroler Landesarchiv: Bestände zum Kloster St. Martin in Schwaz, zu Grundherrschaft, Verfachbüchern, Verwaltung und josephinischer Aufhebung.
Diözesanarchiv Brixen: Statuten, Reformatio von 1637, erneuerte Statuten von 1684, Professexamina, Priorinnenwahlen, Visitationen, Schwesternkataloge, Verwaltungsakten sowie Unterlagen zur Bruderschaft "Maria vom Guten Rat" und zur Reliquienverehrung.
Franz Lindner: Die Augustinerinnen zu St. Martin bei Schwaz. Historische Studie zur Geschichte des Konvents, 1885.
Stadt Schwaz: Historische Darstellungen zu Kirche und Kloster St. Martin, zur Verbindung mit dem Bergbau sowie zur Nutzungsgeschichte nach 1782.
Ältere Tiroler landes- und klostergeschichtliche Literatur zur Geschichte der Waldschwestern von St. Magdalena im Halltal und zur Entwicklung des Augustiner-Eremitinnenklosters St. Martin.
Bibliotheksgeschichtliche Quellen und Kataloge zur Klosterbibliothek von St. Martin sowie zu den nach der Aufhebung verteilten Büchern.
Österreichisches Volkskundemuseum: Andachtsbild "Maria vom Guten Rat" aus dem Kloster St. Martin in Schwaz, 18. Jahrhundert.
Kunsthistorische Literatur zur spätgotischen Kirche, zur Veitskapelle, zum Flügelaltar und zur Rokokoausstattung durch Christoph Anton Mayr.
Forschungen des Landes Tirol zur späteren Nutzung des ehemaligen Klosterkomplexes als Zwangsarbeitsanstalt, Frauengefängnis und Erziehungsheim.
Weiterführender Forschungsbedarf besteht insbesondere bei der vollständigen Auswertung des Aufhebungsinventars von 1782, der personengeschichtlichen Erfassung der Schwestern, der Rekonstruktion der persönlichen Zellenbibliotheken, der musikalischen Ausstattung sowie der Frage nach möglichen Mirakel-, Votiv- oder Wallfahrtszeugnissen rund um "Maria vom Guten Rat" und "Unsere Liebe Frau Zuflucht".
|
Ergänzungen: Wolfgang Morscher © www.SAGEN.at |