von Stefan Dietrich Nur noch ganz wenige alte Telfer können mit dem Hausnamen „Brosl“ etwas anfangen; und auch sie kennen ihn nur aus Erzählungen. Die Erinnerung an einen ganz besonderen „Brosl“, nämlich den „Metzger-Klaus“, die wohl markanteste Telfer Gestalt aus dem Sturmjahr 1809 1), scheint aber noch vor wenigen Jahrzehnten im Ort lebendig gewesen zu sein. Nikolaus Dietrich, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, Metzger und Bierwirt in Telfs und Landesverteidiger, war tatsächlich eine schillernde Persönlichkeit, die die Phantasie nicht nur der Zeitgenossen beschäftigte. Aber auch eine widersprüchliche Persönlichkeit: Mit einem Bravourstück an der Innbrücke von Hötting trug er am 12. April 1809 wesentlich zur ersten Eroberung Innsbrucks durch die Tiroler bei und erhielt vom Kaiser für seine Verdienste als Landesverteidiger eine stattliche Pension. Dem gegenüber steht sein Ruf als Anführer einer Plündererbande, die in der zweiten Aprilhälfte 1809 im Süden Bayerns raubte und brandschatzte. So wie die Gestalt des „Metzger-Klaus“ selbst ist auch die Überlieferung über ihn widersprüchlich und nur schwer zu fassen. In der bisher erschienenen Literatur zum Jahr 1809 ist — falls er überhaupt erwähnt wird — seine Identifizierung unsicher. Das Bild wird allerdings klarer, wenn man auf unmittelbare zeitgenössische Quellen und Dokumente zurückgreift. Klaus' Erwähnungen bei Josef Hirn, dem Verfasser des Standardwerkes zum Thema 1809 2), sind dürftig und im ersten Anschein eher geeignet, die Konturen zu verwischen. Hirn erwähnt Klaus — offensichtlich ohne sich des Zusammenhanges bewusst zu sein — in seinem Werk an zwei Stellen: In einer Episode um die Höttinger Brücke schreibt er vom „Metzger-Klaus von Telfs“, ohne einen Familiennamen zu nennen 3), in der Passage über die Plünderungen in Bayern heißt es, dass die Tiroler „wie die einen sagen, unter Führung eines Telfser Metzgers, nach anderen unter Anleitung Nikolaus Dietrichs von Nassereith ihr unsauberes Handwerk trieben“. 4) Es bedarf keiner besonderen Kombinationsgabe, um zu erkennen, dass die drei hier Genannten ein und dieselbe Person sind. Schon Josef Schweinester 5) vermutete diesen Zusammenhang richtig. Zweifelsfrei wird die Identifizierung allerdings, wenn man auf zweizeitgenössische Quellen zurückgreift, nämlich die Berichte der Geistlichen Andrä Ennemoser 6) und Alois Heinrich Kuen 7), zweier Beteiligter des Höttinger Gefechtes, deren handschriftliche Aufzeichnungen in der Bibliothek des Landesmuseums Ferdinandeum liegen, bisher aber anscheinend noch nie zur Aufhellung der verwirrenden Überlieferung um den Telfer Anno-Neun-Kämpfer herangezogen wurden: Während Ennemoser (der zweifellos Josef Hirn als Quelle diente) nur vom „Metzger-Klaus aus Telfs“ schreibt 8), identifiziert ihn Kuen wiederholt als „Metzger-Klaus, Nikolaus Dietrich von Telfs, gebürtig von Nassereith“ 9). Die Tatsache, dass sowohl Hirn wie auch Kuen im Zusammenhang mit Nikolaus Nassereith erwähnen, mag im ersten Augenblick Kopfzerbrechen bereiten. Sie lässt sich aber leicht als verständlicher Irrtum der genannten Quellen erkennen, wenn man in den amtlichen Verfachbüchern nachliest, dass damals tatsächlich eine Verbindung der Telfer Familie Dietrich zu Nassereith existierte: Nikolaus' Vater, Ambros Dietrich, betrieb in den Jahren 1803 bis 1811 neben seinem Anwesen in Telfs auch ein Gasthaus in Nassereith. 10) Es ist also durchaus denkbar, dass Nikolaus sich zeitweise dort aufhielt, vielleicht sogar das Gasthaus leitete und so die Annahme entstehen konnte, er stamme aus Nassereith. Geboren wurde der „Metzger-Klaus“ jedoch, darin besteht kein Zweifel, in Telfs; und zwar, so steht es im Taufbuch, am 20. Februar 1784 als ältester Sohn des Ambros Dietrich und seiner Frau Katharina, geb. Schilcher. 11) Ambros Dietrich, nach dessen Vornamen die Familie den Hausnamen „Brosl“ erhielt, stammte aus Mieming und hatte sich erst kurz vor der Geburt seines Ältesten in Telfs niedergelassen. Die Mieminger Dietrichs, von denen Ambros abstammte, waren schon seit Generationen Metzger und Bauern und in Barwies ansässig. Sie lassen sich bis zum Stammvater Daniel Dietrich, der um 1650 lebte, zurück verfolgen. 12) Als weichender Sohn hatte sich Ambros 1782 selbständig gemacht 13), die Telferin Katharina Schilcher geheiratet 14) und sich — nach einem kurzen Zwischenspiel in Seefeld — als Metzger und Bauer in Telfs niedergelassen, später betätigte er sich auch als Wirt. Nikolaus erlernte wie seine Brüder Josef und Sebastian vom Vater das Metzgerhandwerk. 1811, im Jahr, in dem er heiratete, scheint Nikolaus im Gewerbekataster des Landgerichtes Telfs als Metzger wie auch als Bierwirt auf. 15) Nach Schweinester gehörte den „Broslern“ damals die heutige „Hohe Munde“ mit angeschlossener Metzgerei und Warenhandlung. 16) Außer den schlaglichtartigen Informationen, die aus einigen wenigen amtlichen Dokumenten hervorgehen, wissen wir wenig über den Lebensweg, den Nikolaus Dietrich vor und nach dem Jahr 1809 nahm. Ebenso wenig wissen wir, wie er ausgesehen hat; kein Bild von ihm ist erhalten. Den einzigen Anhaltspunkt über sein Äußeres liefert sein Hausname, genauer gesagt die Tatsache, dass man ihn (so Josef Schweinester, siehe Anmerkung 5) nicht nur „Brosl“, sondern auch „Broslbuger“ nannte: „Buger“ ist ein altes Dialektwort, das schwarzhaarige, dunkle Leute bezeichnet. Es ist wohl anzunehmen, dass das Leben des Metzger-Klaus weiterhin ohne außergewöhnliche Höhepunkte und in den von Stand und Herkunft vorherbestimmten Bahnen der damaligen Zeit verlaufen wäre, wenn ihm nicht das Sturmjahr 1809 Gelegenheit geboten hätte, Spuren in der Geschichte zu hinterlassen. Alles begann Anfang April, als auch im Oberland Laufzettel umgingen, in denen die Tiroler im Namen des Erzherzogs Johann zur Erhebung gegen die bayerischen Besatzer aufgerufen wurden. Am 11. April erschien der streitbare Pitztaler Pfarrer Andrä Ennemoser, der gerade zufällig in seinem Geburtsort Flaurling zu Besuch gewesen war, in den Dörfern zwischen Zirl und Telfs und forderte die Männer auf, mit ihm gegen die Bayern zu ziehen. Kurz zuvor hatte Ennemoser zusammen mit seinem geistlichen Kollegen Alois Heinrich Kuen (beide beschrieben, wie bereits erwähnt, später ihre Erlebnisse) mit einem spontan gebildeten Schützenaufgebot eine bayerische Einheit bei Zirl zurückgeschlagen. Auch in Telfs sammelte sich daraufhin eine Anzahl kampflustiger junger Burschen, die, als sich der Ring der Tiroler um die Landeshauptstadt immer enger schloss, in Richtung Innsbruck zogen — unter ihnen der Metzger-Klaus. Der spontanen Zusammenrottung der Oberinntaler, die sich an dem Geplänkel beteiligten, das schließlich zur Eroberung der Landeshauptstadt führte, bot sich am Morgen des 12. April in Hötting folgende Situation: Die schwache bayerische Garnison hatte sich am Tag zuvor vergeblich bemüht, die immer enger werdende Umklammerung der Tiroler zu sprengen und versuchte nun, wenigstens die Stadt zu halten. 17) Auf der Höttinger Brücke hatten die Verteidiger eine Kanone aufgestellt, die gegen das linke Innufer zielte und den Landstürmern den Übergang verwehrte. Mit der Morgendämmerung begannen die Schussduelle über den Inn hinweg. Alois Heinrich Kuen, der das Zirler Aufgebot anführte, schreibt dazu: „Um 6 Uhr früh fing bei Hötting auf allen Seiten das Attackieren an. Die Bayern, welche die Innbrücken-Kaserne besetzten, schossen bei allen Fenstern heraus, auch bei der Brücke hatten sie eine Kanone ... aufgepflanzt, und zwei Kompanien Füsiliere und etwas Kavalleristen stunden an der Brücke bis gegen die Fleischbank hinaus.“ 18) Einige Heißsporne unter den Tirolern unternahmen Vorstöße auf die Brücke, wurden aber zurückgeschlagen und hatten die ersten Verluste. Einer der jungen Burschen, den eine bayerische Kugel niederstreckte, war Peter Stubenböck aus Telfs, der erste Tote der Gemeinde in diesem Krieg. 19) Auch die Bayern hatten schwere Verluste, vor allem das Geschützpersonal wurde von den Tiroler Scharfschützen immer wieder aufs Korn genommen. 20) In dieser Situation kam es zu jenem Husarenstück, das zur Erstürmung der Brücke und der Stadt führte und von beiden Chronisten — wenn sie sich auch in Details unterscheiden — hauptsächlich als Verdienst des tollkühnen Nikolaus Dietrich angesehen wird. Doch lassen wir einen Augenzeugen, Andrä Ennemoser, erzählen: „Obwohl der erste Versuch, über die Brücke in die Stadt zu kommen, gescheitert war, ließen die biederen Schützen den Mut zu ferneren Versuchen und Unternehmungen nicht im geringsten sinken. Während ich selbst und Kuen mit etwelchen anderen weiteren Schützen nachdachten, wie etwa zur Vermeidung eines großen Verlustes, und Ersparung des vaterländischen Blutes durch Übervorteilung in die Stadt zu kommen wäre, planisierten auch eben so witzige als heldenmütige Schützen für sich selbst, und kamen ihren Führern nicht nur mit Erfindung eines Vorteiles, sondern auch mit der entschlossensten Ausführung ihres weislich ersonnenen Planes wirklich zuvor. Diese mit ungewöhnlicher Tapferkeit beseelten Schützen, an deren Spitze sich ein in meiner Geburtsgegend unter dem Namen ‚Metzger-Klaus’ damals bekannter und wegen seiner Courage, Stärke und Munterkeit allgemein berühmter Bursch von Telfs befand, bemerkten, dass auf die Brunnröhren, welche neben der Fahrbrücke auf etwas tieferem Gerüste links gegen die Stadt fortlaufen, weder aus der Kaserne, noch von dem Wege her ein Feuer konnte angebracht werden. Sie schlichen sich also über die Straße auf diese Röhre hin, und kletterten auf selber hinüber, die übrigen Schützen blieben in der Höttinger Gasse in Bereitschaft, um auf den ersten Rufe über die ordentliche Brücke hin, den vorigen zu Hilfe zu eilen. Erstere kamen wirklich ohne von dem Militäre bemerkt zu werden bis neben die Kanone hin, welche am Ende der großen Brücke aufgepflanzt war. Hier richteten sie sich auf, übersprangen das Geländer der großen Brücke, jauchzten ihren Kameraden, und schlugen zugleich die Kanoniere von der Kanone weg. Die Kameraden stürzten sich augenblicklich mit Verachtung des auf sie aus der Kaserne gemachten Kleinfeuers, über die große Brücke und drangen in die Stadt. Die ganze zu Höttingen anwesende Mannschaft rückte ihnen nach, und die Kanone wurde über die Brücke zurück nach Höttingen geschleppt.“ 21) Auch beim darauf folgenden Handgemenge mit den Bayern in der Stadt tat sich der heißblütige Telfer in einer Art hervor, die dem Chronisten erwähnenswert schien. Ennemoser schreibt weiter: „Der wackere Metzger-Klaus erlegte gleich die erste Minute einen Kavalleristen, schwang sich auf dessen Pferd und ermunterte seine Kameraden zum tapferen Wehren.“ Das Pferd scheint er übrigens behalten zu haben: Alois Heinrich Kuen berichtet, dass Klaus, der mittlerweile zu so etwas wie einem Anführer avanciert war, zwei Tage später, am 14. April (die Oberinntaler hatten sich in der Zwischenzeit in der Gegend von Mutters einquartiert), hoch zu Ross zusammen mit österreichischen Dragonern und den anderen Landstürmern in einer Art improvisierter Siegesparade, begleitet von Trommeln und Pfeifen, durch die Triumphpforte in Innsbruck einzog. 22) Die Siegerpose wird dem Telfer Metzger sicher nicht schlecht angestanden sein, hatte er doch tatsächlich einen Handstreich vollbracht, der nach Jahrzehnten noch Gesprächsstoff liefern sollte und auch heute in der Historiographie gegenwärtig ist. Die tollkühne Tat an der Höttinger Brücke wird von manchen heutigen Historikern geradezu als Symbol für die unkonventionelle, spontane Kampftaktik der Tiroler angesehen, die sie immer wieder gegen die eher starren, auf dem Exerzierplatz geschulten bayerischen und französischen Truppen Erfolge erringen ließ. 23) Schon wenige Tage nach der Schlacht, als es in Innsbruck für die Masse der Landstürmer nichts mehr zu tun gab, finden wir den Metzger-Klaus allerdings in einer anderen Rolle: Er sammelte 25 andere Oberinntaler um sich und unternahm mit ihnen im Gefolge der österreichischen Truppen, die zu Requirierungen aufbrachen, einen Plünderungsstreifzug in Bayern. Während sich das Militär und andere Schützenaufgebote bemühten, die für die Verpflegung der Truppen notwendigen Beschlagnahmen im Feindesland im Rahmen des gängigen Kriegsrechtes durchzuführen, wurde die Bande des Metzger-Klaus offenbar zu einer wahren Landplage. Josef Hirn schreibt dazu: „Von Mittenwald an und ganz besonders, als sich Taxis (der österreichische Kommandeur, Anm. d. Verf.) von Benediktbeuren wieder zurückwandte, erlaubten sie sich schlimme Exzesse. Raub und Erpressung kennzeichneten ihren Weg. Besonders arg trieben sie es auf dem königlichen Gute Schweiganger, wo sie die Gebäude halb demolierten, den Keller gründlich leerten und dem Wirtschaftspersonal die ganze Habe abnahmen.“ 24) Diese Ausschreitungen trugen natürlich dazu bei, die bayerische Landbevölkerung, die anfangs dem Aufstand der Tiroler durchaus wohlwollend gegenüberstand, zu verärgern. Und so blieben die Folgen nicht aus: Der Metzger-Klaus und seine Spießgesellen wurden ebenso wie die anderen Plünderer Zielscheibe heftiger Proteste seitens der Anführer der Erhebung in Innsbruck. „Echte Tiroler“, heißt es in den Protokollen der Schutzdeputation (mitgeteilt bei Hirn), „dürfen keine Räuber in Schutz nehmen; denn nicht die Völker führen Krieg, sondern nur feindliche Armeen, und die Tiroler wollen mit ihren Nachbarn in Ruhe leben.“ Wie Josef Hirn vermerkt, wurde der Landrichter Breitenberg von Telfs beauftragt, eine Untersuchung über die Vorfälle einzuleiten, um die geraubten Gegenstände zurückzustellen. Auch Arreststrafen sollen verhängt worden sein. Jedenfalls wurde noch 1810 in Telfs Kirchensilber aus Schweiganger sichergestellt. 25) Wie der Metzger-Klaus bei dieser Untersuchungen abgeschnitten hat, und ob auch er zur Verantwortung gezogen wurde, ist allerdings unklar und wird wohl solange im Dunkeln bleiben, bis die entsprechenden Akten aufgefunden und ausgewertet sind. Nach den Ereignissen im April rückten Telfer Aufgebote noch viele Male ins Feld. Aus den offiziellen Standeslisten geht hervor, dass sie meist Wachdienste an den Grenzpässen versahen. Die Telfer beteiligten sich aber auch an der zweiten, dritten und vierten Bergiselschlacht am 29. Mai, 13. August und 1. November. 26) Merkwürdigerweise scheint bei all diesen Ausrückungen der Metzger-Klaus nicht in den Listen auf, obwohl wir von Alois Heinrich Kuen wissen, dass er sehr wohl in den stürmischen Geschehnissen aktiv war. Kuen schreibt nämlich in einer Fußnote seines Berichtes: „Dieser Metzger-Klaus hat sehr viele Zeugnisse und mehrere auch späterhin große Proben seiner Tapferkeit gegeben, welche ich aber nicht umständlich angeben kann, weil ich nicht allzeit gewesen, wo er war, denn in der Scharnitz, Leutasch, Reutte ect. war ich nie, aber Nikolaus Dietrich wohl.“ 27) Wurde der kampfeslustige Metzger wegen seiner Plündereruntaten nicht in die erst später aufgestellten Listen aufgenommen oder führte er vielleicht die ganze Zeit über mit seinen Spießgesellen „auf eigene Faust“ Krieg? Wir wissen es nicht. Klaus ist in den Standeslisten für Telfs nicht zu finden, wohl aber wird in ihnen (und bei Schmölzer, siehe Anm. 26) mehrmals an führender Stelle — viermal als Oberleutnant und zweimal als Hauptmann — ein Josef Dietrich erwähnt. Dieser dürfte aber nicht Klaus' gleichnamiger Bruder gewesen sein, da der im Jahr 1809 erst 19 Jahre alt war, sondern eher sein Cousin dritten Grades, der einem Zweig der Familie angehörte, der schon 1684 von Mieming nach Telfs übersiedelt war 28), aber im 19. Jahrhundert ausstarb. Klaus' Name wird im Zusammenhang mit den Kämpfen des Jahres 1809 allerdings noch einmal genannt, wenn auch nur beim mehr als 100 Jahre nach den Ereignissen schreibenden und gerade in Bezug auf den Metzger-Klaus sehr unzuverlässigen Telfer Heimatforscher Josef Schweinester. 29) Dieser Überlieferung zufolge tat sich Nikolaus Dietrich am 9. August bei Kämpfen in seiner engeren Heimat, nämlich an der Telfer Innbrücke, hervor.
Dem Gefecht bei Telfs gingen folgende Ereignisse voraus: Kurz vor der denkwürdigen dritten Schlacht am Bergisel hatten die bayerischen und französischen Befehlshaber von Innsbruck ein starkes Expeditionskorps ins Oberinntal entsandt, das bekanntlich an der Pontlatzer Brücke vernichtend geschlagen und zersprengt wurde. Noch vor Bekanntwerden der Katastrophe, aber offenbar in böser Vorahnung, hatten die Bayern dieser Streitmacht als Verstärkung ein weiteres Infanterieregiment nachgeschickt, das rechts des Inns ins Oberland marschierte. In Haiming erfuhr der Kommandant dieser Truppe, was der Hauptstreitmacht widerfahren war und dass sich deren Reste, ständig in Scharmützel mit den nachdrängenden Tiroler Landstürmern verwickelt, über Nassereith und das Mieminger Plateau in Richtung Innsbruck zurückzögen. Natürlich setzte das zur Verstärkung ausgeschickte Regiment nun alles daran, sich mit den bedrängten Kameraden auf der anderen Innseite zu vereinigen. Nachdem sie bereits in Mötz an der starken Gegenwehr örtlicher Aufgebote gescheitert waren, wollten die Bayern bei Telfs das linke Innufer gewinnen. Aber auch die Telfer, die kurz zuvor im Meaderloch auch der von der Pontlatzer Brücke zurückmarschierenden Marschkolonne schwer zugesetzt hatten, waren wachsam. 30) Zusammen mit einem Teil der Landecker und Imster Stürmer, die zuvor hinter den auf der linken Innseite flüchtenden Bayern nachgedrängt waren, stellten sie sich dem Feind entgegen. Josef Schweinester, der schon über die Affäre an der Hötnnger Brücke einen sehr aufwendig ausgeschmückten (aber letztlich wohl nur auf die fragmentarischen Angaben bei Hirn zurückgehenden) Bericht hinterlassen hat 31), schildert auch dieses Gefecht mit allen Mitteln „dichterischer Freiheit“. Nach Schweinester sprengte der Metzger-Klaus als Anführer der Telfer die Brücke, während die wütende Schlacht tobte. 32) Abgesehen davon, dass dies unter den gegebenen Umständen schon technisch kaum vorstellbar ist, werden auch diese damaligen Ereignisse etwas zurechtgerückt, wenn man auf die Berichte zweier Zeitgenossen, nämlich des Seefelder Pfarrers Pater Florian Grün 33) und eines beteiligten anonymen Schützen aus der Landecker Gegend 34) zurückgreift. Aus ihren Schilderungen geht hervor, dass die Telfer Brücke — wie damals üblich — lediglich durch Abtragen der Bretter und Verbarrikadierung unpassierbar gemacht wurde. Vom Schießstand beim ehemaligen Gasthof Brücke aus lieferten sich die Schützen und die Bayern erst über den Inn hinweg Schussduelle, dann kam es zu einem Handgemenge mit den auf die Brücke drängenden Soldaten, bei dem „unsere Schützen von ihren Stutzenkolben Gebrauch machten“ und ihre Position behaupteten. Die Tiroler zählten an eigenen Verlusten drei Tote und mehrere Verwundete. In beiden zeitgenössischen Berichten wird der Metzger-Klaus nicht genannt; es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass Schweinesters Schilderung, auf mündliche Traditionen zurückgehend, zumindest im Kern richtig ist und der Metzger-Klaus tatsächlich an diesem Gefecht teilnahm, vielleicht sogar als Anführer des spontan gebildeten Telfer Aufgebotes. Allerdings erscheint auch die Gefahr sehr groß, dass der verdiente Heimatforscher in seinem Eifer der Versuchung nicht widerstehen konnte, dieses markante Ereignis ohne entsprechende Anhaltspunkte und Belege mit Klaus in Verbindung zu bringen. War doch der Metzger der einzige für ihn namentlich greifbare lokale „Held“ des Sturmjahres, dessen Geschichte in Bezug auf Telfs sonst nicht sehr ergiebig ist. Wenn der Kampf um die Innbrücke am 9. August auch um einiges weniger dramatisch verlief, als ihn Schweinester schildert, so konnte doch dank der entschlossenen Gegenwehr der Ort vor Plünderung und Zerstörung bewahrt werden. Weniger glimpflich kamen die Dörfer an der rechten Innseite davon, in denen sich die erbosten Bayern auf ihrem Marsch nach Innsbruck noch einige Exzesse leisteten. Pater Grün schreibt darüber u. a.: „In dem einen Schuss vor dem Dorfe Pfaffenhofen gelegenen Bäckerhaus fanden sie (die Bayern, Anm. d. Verf.) einen alten Bäckersknecht, an dem sie ihre Wut kühlten, indem sie ihn förmlich nach Art eines Kalbes das Messer in die Kehle stachen und verbluten ließen...“ Auch wenn Schweinesters Erzählung vom Kampf des Metzger-Klaus an der Telfer Brücke voll lokalpatriotischer Gefühle ist und dem Stil des Autors und ihrer Entstehungszeit entspricht, so scheint doch damals, als noch Reste mündlicher Überlieferung zu 1809 in Telfs lebendig waren, die Bewertung dieser abenteuerlichen Gestalt umstritten und uneinheitlich gewesen zu sein. 35) Wie sollte das heute, nachdem noch einige Jahrzehnte mehr verstrichen sind, anders sein? Mag man im Metzger-Klaus heute — je nach Blickwinkel — einen Freiheitskämpfer, einen Abenteurer oder gar einen Straßenräuber sehen und sich die Frage stellen, ob er der Tiroler Sache nun mehr genutzt oder mehr geschadet hat; der Spielraum, den uns die Überlieferung lässt, ist jedenfalls weit genug dafür. Ein prominenter Zeitgenosse des Metzgers, sein Landesherr Kaiser Franz, hat für sich die Entscheidung allerdings eindeutig gefällt: Wie aus Aufzeichnungen in der Bibliothek des Landesmuseums Ferdinandeum hervorgeht, erhielt Klaus von 1830 an für seine Verdienste als Tiroler Landesverteidiger eine jährliche Pension von stattlichen 100 Gulden. 36) Trotz seiner Plünderer-Untaten ist der Telfer Metzger somit einer von nur rund 120 Tirolern — darunter fast alle Anführer und auch Andreas Hofers Familie —, die mit einer „Gnadengabe“ von 100 Gulden oder mehr bedacht wurden. Zweifellos ein Aspekt, der die Bedeutung und Verdienste des Metzger-Klaus in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.
Nach dem stürmischen Jahr 1809 kehrte Nikolaus Dietrich, offenbar nicht weiter behelligt, zu seinem Metzgerhandwerk zurück. 1811 heiratete er Maria Schilcher. 37) Mit ihr hatte er acht Kinder, von denen aber vier kurz nach der Geburt oder im Kindesalter starben. 38) Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er 1846 im Alter von 63 Jahren noch einmal, diesmal eine Mieminger Metzgerstochter. 39) Am 18. September 1852 starb der Metzger-Klaus schließlich, versehen mit dem Segen der Kirche, in Telfs. Als Todesursache wird im Sterbebuch „Gedärmverschlingung“ angegeben. 40) Obwohl zwei seiner Söhne das Erwachsenenalter erreichten, ist die Linie des Metzger-Klaus in Telfs heute erloschen — alle heute in Telfs lebenden Dietrichs stammen von Nikolaus' Bruder Josef ab. Engelbert, der jüngere von Klaus' Söhnen, scheint einiges von der Unrast und Abenteuerlust des Vaters geerbt zu haben: Er trat in die 19. Kompanie der Tiroler Kaiserjäger ein und kämpfte 1848 in der Armee Feldmarschall Radetzkys in Oberitalien. Es ist ein Hinweis erhalten, dass er 1850 in Mailand stationiert war. 41) Klaus' älterer Sohn Johann, der letzte „Brosl“ in Telfs, übernahm den väterlichen Besitz, doch scheint er dabei keine glückliche Hand gehabt zu haben; in den Verfachbüchern lässt sich verfolgen, wie er im Lauf der Jahre Stück für Stück seines Erbes verkaufte, später wurde er sogar gepfändet. 42) Er übersiedelte schließlich nach Innsbruck und starb dort im Jahr 1886 als „k.k. Amtsdiener der Landeshauptkassa“. 43) Ergänzung 2009: Ansuchen um eine kaiserliche Pension im Jahr 1829, in dem Klaus seine „Heldentaten“ aufzählt. (Die im Telfs mehrfach erwähnten Zeugnisse und Bestätigungen sind im Archiv leider noch nicht aufgetaucht.)
Anhang: 1) Weitere Telfer, die (abgesehen von den verschiedenen Hauptleuten) im Zusammenhang mit 1809 in der Geschichtsschreibung aufscheinen, sind der Samenhändler Simon Judas Gutmorgen, der dem Intendanten Hormayr als Bote an den Kaiser diente (ihn erwähnen u. a. Rudolf Granichstaedten-Cerva in „Andreas Hofers alte Garde“, Innsbruck 1932, S. 339 und Andrä Ennemoser [siehe Anm. 6, S. 25]) und der „Jendl-Jörg“, über den Franz Kolb in einem Artikel im „Land Tirol“ (1952, Nr. 91) schreibt. |
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