Von Oswald Trapp Am Rand der alten Straße, die durch Erpfendorf gegen Süden verläuft, stand ein einfaches, hölzernes Marterl, das so stark verwittert und angefault war, dass man seine Bedeutung kaum mehr erkennen konnte.
Marterl Erpfendorf Tirol Auf der rechteckigen Tafel sah man gerade noch, dass beiderseits eines Grabhügels, der mit fünf kleinen Holzkreuzen besteckt war, fünf Figuren knieten. Links waren es drei Männer in Tracht, rechts eine Frau und ein Mann. Darüber zeigten sich noch die Umrisse eines Gnadenbildes, wohl einer Mariahilf-Darstellung. Das in seiner Schlichtheit geradezu rührende Marterl trug einst, wie geringe Spuren noch erkennen ließen, unten eine Inschrift, die, abgesehen von ein paar Buchstaben, nicht mehr lesbar war. Die Gemeinde Kirchdorf machte das Landesdenkmalamt auf dieses Marterl aufmerksam, das die Erinnerung an jenen 12. Mai 1809 festhält, der für das Gebiet von Waidring, Erpfendorf und Kirchdorf eine furchtbare Katastrophe brachte. General Wrede hatte mit 10.000 Mann den Pass Strub erobert und fiel, durch den tapferen Widerstand der Tiroler gereizt, mordend und brennend in Tirol ein. Der Kirchdorfer Viertelschreiber Leonhard Millinger vermerkt darüber: „Der 12. May, als Freitag, ist der beklagenswürdigste schreckliche Tag der hiesigen Gemeinden bis Einschluß Kirchdorf in der ganzen 18jährigen Kriegszeit und seit Mannsgedenken ist nie ein solcher fürchterlich schreckbarer, trauriger und schädlicher Tag gewesen. Solcher Tag ist nicht umsonst in der Kreuzwoche, dieser Freitag machte obbesagter Gemeinde sehr viele Kreuz an." Selbst General Wrede, der in Tirol wahrlich keinen guten Ruf hinterlassen hat, rügte in einem am 12. Mai in Ellmau erlassenen Tagesbefehl die Grausamkeiten, Mordtaten, Plünderungen, „Mordbrennereien" seiner Division und sah sich veranlasst, seine Truppen mit den allerschärfsten Mitteln zur Disziplin zu mahnen. Um die Namen der damals in Erpfendorf ermordeten Tiroler festzustellen, die auf das erneuerte Marterl zu schreiben wären, besuchte ich den alten Pfarrer Kofler in Kirchdorf. Bereitwillig legte er mir das alte Totenbuch vor, in das der damalige Pfarrherr Benedikt Poiger sorgfältig die Namen aller jener eingetragen hatte, die an jenem 12. Mai 1809 gefallen oder sonst umgekommen sind. Dieses Verzeichnis ist so ergreifend, dass es wenigstens auszugsweise im heurigen Gedenkjahr eine Veröffentlichung verdient:
Während ich diese Liste aus dem Totenbuch von Kirchdorf abschrieb, bemerkte Pfarrer Kofler, die Menschen seien damals und heute die gleichen geblieben und die geschilderten Gräueltaten hätten sich ja im letzten Krieg tausendfach wiederholt. Die Namen des Simon Stöckl, Wolfgang Oberhauser, Christian Felfer, Stefan Koler und der Gertraud Koglerin wurden auf das erneuerte Marterl geschrieben. Es sind jene aus der traurigen Reihe, bei denen im Totenbuch vermerkt ist, dass sie in Erpfendorf beerdigt worden sind. Das neue Marterl für Erpfendorf wurde mit aller Sorgfalt der in Verfall begriffenen, alten Tafel nachgebildet und an der alten Stelle aufgestellt. Die in ihrer naiven Gestaltung so unmittelbar wirkende Tafel soll auch späteren Generationen künden, welch furchtbare Blutopfer Tirol zur Verteidigung seiner Heimat gebracht hat, und zu Friede und Eintracht mahnen. |
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