Johann Hofer, Hofers Vetter

Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 275 - 278.

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

Das Haupt- und Stammschloss Tirol, seine Entstehung und seine Geschichte, sind in der Literatur wiederholt (von Otto Mayr, Otto Piper, Staffler usw.) behandelt worden, ja es wurde wegen dieser herrlichen Burg sogar manche Gelehrten-Fehde ausgetragen. Unbestritten ist, dass hier Meinhard I. bis zu seinem Tod residierte (1258), dass hier Margarete Maultasch am 10. Februar 1342 ihr zweites Beilager mit Ludwig von Brandenburg feierte usw. Mit dem Aussterben der Grafen von Tirol (1363) verlor auch Schloss Tirol als deren Residenz ganz an Bedeutung, es war nur eine Zeit lang noch Sitz der Landeshauptleute „an der Etsch", bis auch diese nach Bozen übersiedelten. Gut erhalten blieb vom Schloss nur der südöstliche Anbau, wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammend, in dem der Schlosshauptmann und Schlosskaplan wohnte.

Nach der Übernahme Tirols durch die bayerische Regierung (11. Februar 1806) wurde das alte Schloss, die „Königin der Tiroler Burgen" infolge kgl. Reskriptes vom 29. April 1808 an den Reichsfreiherrn Sebastian von Hausmann (gest. 14. August 1823 in Bozen) mit allem Zugehör um 2400 Gulden verkauft, der es um das Jahr 1810 an den Schlossbauern Kofler um 3600 Gulden weiterverkaufte. Von diesem erwarb das Schloss die Stadt Meran und übergab es mittels Schenkungsurkunde vom 29. Mai 1816 samt dem „Burgschlüssel" dem Kaiser Franz anlässlich der Erbhuldigung in Innsbruck am 30. Mai 1816.

Eine sehr begehrte Stellung hatte der Schlosshauptmann. Ihm lag die Verwaltung und Erhaltung dieses Tiroler Nationalheiligtums ob; bei wenig Arbeit und einem auskömmlichen Gehalt genoss er im Dorf Tirol und in der nahen Stadt Meran ein gewisses Ansehen und führte somit ein angenehmes Leben. Von den Tiroler Schlosshauptleuten sind nun aus der neueren Zeit zu nennen: Johann v. Leyß-Laimburg, geb. um 1730, gest. 1809, vermählt mit Regina Goldrainer zu Mühlrain und Johann Michael v. Kainz, „Capitanus in arce Tiroli" (gest. 1. März 1700 im Dorf Tirol). Um 1808 verwaltete das Schloss der Schlosskaplan Philipp Moser, den die Bayern aber am 5. Mai 1808 in das Kapuzinerkloster nach Bozen deportierten. Am 17. April 1809, nach dem Einrücken der Österreicher in Deutsch-Südtirol, ritten der Intendant Freiherr v. Hormayr und Andreas Hofer am Nachmittag auf Saumrossen auf das Schloss Tirol, wo Hormayr den versammelten Schützenkompagnien des Burggrafenamtes unter deren ungeheuren Jubel das Besitzergreifungspatent (vom 8. April 1809) feierlichst verkündete.

Einer der bedeutendsten Schlosshauptleute auf Tirol war Johann Hofer. Dieser stammte aus der Linie „Moos“ der Passeirer Familie Hofer, die von Matthias Hofer um 1630 begründet wurde. Er war in Moos in Passeier als Sohn des Johann Hofer sen. und der Marie Hofer, geb. Gufler, am 3. Juni 1767 geboren und war vermählt mit Maria Haller (Tochter des Josef Haller und der Anna Haller geb. Lanthaler). Sein Großvater hieß Michael Hofer zu Thurnfeld und war Wirt in Moos (gest. 1765). Er nahm 1796 und 1797 an den Kämpfen in Tirol wacker teil, wird schon 1797 vorübergehend als Schlosshauptmann bezeichnet und war ein weitschichtiger Vetter des aus der Linie „Sand" stammenden Andreas Hofer. Man nannte ihn wegen des Ansitzes Thurnfeld (ob der Kirche von St. Leonhard) auch „Hofer zu Thurnfeld". Er war einer der Kommandanten der Passeirer Kompagnien, von denen die beiden anderen von Andreas Illmer und dem „Salztrager Jörgl" (Georg Laner) kommandiert wurden. Die Passeirer waren, etwa wie die „Langen Kerle" Friedrich Wilhelms I., die Leibschar Andreas Hofers. Schon am 10. April 1809 wurde Johann von Andreas Hofer zum Schützen-Hauptmann ernannt und im Laufe des Krieges 1809 noch sieben Male als Kommandant der Passeirer bestätigt. Am 29. Mai um 2 Uhr nachts führte er seine Passeirer nach Zirl und dann von dort in die Berg-Isel-Schlacht, am 5. August marschierte er mit 507 kernigen Bergsöhnen aus Passeier über den Jaufen nach Mareit und Sterzing, wo sie, wie Johann Hofer in seiner Erzählung „Meine Tagegeschichten des Jahres 1809" schreibt, den Feind in Verwirrung brachten. Wiederholt verwendete man Johann als Parlamentär für kurze Waffenstillstände, so am 9. und 10. August; am 13. August kämpfte Johann ruhmvoll am Berg Isel, am 29. Oktober finden wir ihn daheim in St. Leonhard. Beim „letzten Aufgebot" am 16. November 1809 raffte sich Johann mit seinen Passeirern zum letzten Schlag auf. Es galt Schloss Tirol zu verteidigen. Unbemerkt hatte der französische Oberst Boy die Stufen der Zenoburg erklommen und sich des Stammschlosses bemächtigt. Da entflammte ein heißer Kampf um die Stammfeste des Landes. Zum äußersten entschlossen, warfen sich die tollkühnen Passeirer mit Todesverachtung auf den verhassten Feind, warfen ihn mit geschwungenen Stutzen über den Küchlberg hinunter ins Tal — die Stammburg war befreit. Das Hauptverdienst an diesem Sieg hatten die beiden Schlosshauptleute Hofer und Illmer, während neben diesen Strategen der tolle „Salztrager Jörgl" durch beispiellosen Mut die Stürmer mit sich riss.

Nach Kriegsende erhielt Johann Hofer eine Pension von 150 Gulden und übernahm 1810 die Verteilung der englischen Gelder in der Höhe von 3683 Gulden im Passeier. Am 11. Dezember 1813 beteiligte sich Johann an den Aufstandsaktionen im Passeirertal und bewirkte die Entfernung des unbeliebten bayerischen Landrichters Dr. Hack. Am 8. Februar 1821 stellte Johann dem Josef Peteffi (geb. 1. März 1781 in Meran, gest. 12. Mai 1861 in Meran), der sich bei den Kämpfen um das Schloss besonders ausgezeichnet hatte, ein Tapferkeitszeugnis aus. Peteffi hatte sich am 31. Mai 1855 vergeblich um die Erlangung der damals durch den Tod Illmers freigewordenen Schlosshauptmannstelle beworben.

Am 20. August 1838 sah die uralte Burg ein Fest von seltener Pracht. Kaiser Ferdinand I. ritt am Nachmittag dieses Tages, von Meran kommend, mit dem Erzherzog Johann, dem Liebling, der Tiroler, und großem Gefolge in das Stammschloss seiner Ahnen. Wieder waren es die Passeirer, die das von ihnen verteidigte Heiligtum kraft alter ihnen von der Herzogin Margarete Maultasch (am 6. Mai 1363) verliehener Vorrechte besetzten, aber nicht gegen den Feind, sondern als Wache für den Landesherrn. An dem einen Tore standen die elf Schildhofbesitzer mit ihren malerischen Trachten mit Schild und Hellebarde, bei dem anderen die Burggräfler Schützenkompagnien mit ihren alten Kriegsfahnen. Graf Friedrich Wilczek hielt eine Ansprache an den Kaiser, der sodann den Enkel Andreas Hofers, Andreas von Hofer (geb. 1833, gest. 1881), infolge Krankheit vertreten durch seinen Onkel den Schwiegersohn Hofers, Andreas Erb (geb. 1792, gest. 1860) mit dem Sandhof feierlich belehnte. Erb trug damals dieselben Kleider und Waffen, die sein berühmter Schwiegervater Andreas Hofer anno Neun trug. Bei dieser Gelegenheit ließ sich der Kaiser auch den damaligen Schlosshauptmann Johann Hofer vorstellen.

Johann Hofer, Bauer und Gerichtsschreiber, der gewöhnlich als „Kassier" (Gerichtskassier) bezeichnet wird, erhielt später die kleine goldene Zivil-Ehrenmedaille mit Öhr und Band und starb im Dorf Tirol am 2. Dezember 1838 mit Hinterlassung von 9 Kindern.

Das „Hauptschloss" Tirol geriet später immer mehr in Verfall, bis sich schließlich der Innsbrucker Museums-Vorstand Dr. Franz Ritter von Wieser-Wiesenhort (geb. 1848, gest. 1923) des historisch wie burgenkundlich bedeutungsvollen Schlosses annahm und mit Unterstützung hervorragender Fachleute die altehrwürdige Burg mit dem berühmten Portal in den Jahren 1898 bis 1904 restaurieren ließ.