Von Dr. Karl M. Mayr Der gegenwärtige Mondscheinwirt in Bozen, Herr Luis Mayr, verwahrt von seinem Urgroßvater Sebastian Mayr (gest. 1847) ein ledergebundenes «Notarium oder Strazza-Buch» in Großformat 43x27,5 cm und mit Randalphabet, worin handschriftliche Eintragungen der Jahre 1799 bis 1834 enthalten sind. Von besonderem Belang ist, was unter Buchstabe «H» mit Hinweis auf Eintragung Nr. 5 über Andreas Hofer und einige seiner Kampfgenossen verzeichnet steht und hier in Wortlaut und Bild mitgeteilt sei:
Die Gesamtschuldigkeit Andreas Hofers gegenüber dem Mondscheinwirt Sebastian Mayr betrug demnach, auf 13 Posten verteilt, 4684 fl. 97 kr. Zur Ehre des Sandwirts wollen wir annehmen, dass dieser Betrag auch bezahlt worden ist, wenngleich es im Buche nicht ausdrücklich vermerkt steht. Ausgeschlossen ist es allerdings nicht, dass bei der mangelhaften Fundierung der Kriegskasse des Neunerjahres die Rechnung bis heute noch offen ist. Es handelt sich zunächst um zwei Lieferungen Wein und Branntwein am 19. Mai und 6. August 1809. Hernach folgen die Einquartierungen von Hofer selbst, Lang, Rabeiner, Torggler, Frischmann und die im Zusammenhang damit gemachten Fuhren nach Gardolo und Trient. Von diesen rein geschäftlichen Aufzeichnungen hebt sich ein bestimmtes geschichtliches Ereignis ab: die Belagerung Leiningens im Schloss von Trient durch die Franzosen, zu dessen Befreiung auch der Mondscheinwirt beitragen muss. Er entlohnt zu Nevis (Lavis) die Späher (Spione) aus dem Kastell. Die Belagerung des Schlosses von Trient dauerte vom 6. bis 9. Juni 1809. Den Entsatz führten Bozner Sturmkompanien von Nevis aus durch und ihrer Tapferkeit verdankte Leiningen seine Rettung. Sachlich beachtenswert ist der Ausdruck «Trendl-Gerste», worunter enthülste Gerste zu verstehen ist. Salz und Gerste dienten den Landesverteidigern nicht nur als Lebens-, sondern auch als Zahlungsmittel. In den Stürmen des Neuner Jahres muss der «Mondschein» in Bozen eine Art Hauptquartier der Landesverteidiger gewesen sein und der Wirt Sebastian Mayr als Weinlieferant und Finanzmann bei der Landesverteidigung eine gewichtige Rolle gespielt haben. Küche und Keller mögen wie immer vorzüglich gewesen sein. In der Küche waltete die Wirtin Anna Mayr (gest. 1831), Tochter des Handschuhmachers Johann Michael Dörfler in Bozen. Dieser stammte aus Kremsmünster in Oberösterreich und erlangte 1774 das Bozner Inwohnerrecht. Von den damaligen Festmählern im «Mondschein» zeugt das heute im Besitze der Familie Mayr befindliche vielstückige Rokoko-Tafelgeschirr, dessen Prunkstücke, vorab der Neptun-Aufsatz, durch viele Jahre im Bozner Museum ausgestellt waren. Und noch einer Begebenheit sei gedacht! Als am 4. September 1809 Andreas Hofer im «Mondschein» beim Weine saß porträtierte ihn der Maler Plazidus Altmutter (1780—1819), ein gebürtiger Innsbrucker, durch die geöffnete Tür des Nebenzimmers. Das kleine Bild kam später in das Eigentum des Bozner Bürgermeisters Dr. Josef Streiter (1804—1873), aus dessen Nachlass es die Tochter Angelika Jele geb. Streiter dem Bozner Museumverein schenkte, der es seitdem zu seinem kostbarsten Besitz zählt. Der Tiroler Dichter Adolf Pichler (1819—1900) hatte an dem Bilde seine helle Freude. Er bewunderte daran die frappante Ähnlichkeit mit Hofers Enkel und die lebenswahre, charakteristische und unidealisierte Auffassung des Künstlers. Der Sandwirt ist ohne Ehrenkette dargestellt*). Unter den historischen Gaststätten Südtirols fällt dem Mondscheinwirtshause in Bozen eine besonders schicksalhafte Rolle zu. Als Sitz geschichtlichen Geschehens ragt seine Bedeutung bis tief in die Gegenwart herein. Von hier aus zogen vor anderthalbhundert Jahren und später die Landesverteidiger in den Kampf, um die Grenzen des Landes und des Reiches zu schützen. *) Vgl. den handschriftl. Vermerk auf der Rückseite des Bildes und Granichstaedten-Czerva, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 443 f. Als in den Kriegsjahren 1943/44 das Museumsgut geborgen wurde, war das Bild nicht mehr auffindbar und blieb seither verschollen. |
|